|
Die blauen Pflanzen von Studhor
- von Sandra Schaefer -
Teil 3
Zurück zum Teil 2
Lar-prk war der erste, der das Raumschiff sah. „Ein Schiff der Kurzrüssler!"
rief er aus und robbe aufgeregt zu Ten-kpr, so schnell es zu diesem Zeitpunkt
der Ernte möglich war. In der Höhle richtete er sich auf seinen
Schwanzstummel, welcher in zwei Beinstummeln endete, um den Ältesten
zu ehren.
„Sie bringen uns neuen Surgk! Wir müssen sofort eine Gruppe zusammenstellen,
um die Plantage zu überfallen!"
„Nicht so ungeduldig, kleiner Heißsporn. Wir können nicht
unsere Siedlung entblößen, denn die Feinde könnten sonst
unsere Höhlen angreifen. Außerdem müssen wir sie daran
hindern, zuerst an die Fremden zu liefern."
„Laß mich gehen, ich bitte dich."
„Wenn sie dich töten, kannst du Pru-krt auch nicht mehr bekommen."
„Aber wenn ich nicht bald etwas vollbringe, nimmt sie Xyf-ptr."
„Ich glaube nicht, daß du die Weisheit des Alters je erlangen
wirst, aber sei’s drum. Nimm dir die vier Cresdecks vom ersten Angriff
mit, sowie zwei andere, und dann wünsche ich dir viel Ruhm."
„Ich danke dir, Ten-kpr." Lar-prk beugte den oberen Teil seines walzenförmigen
Körpers voll Ehrerbietung und ging dann, um seinen Trupp zusammenzustellen.
Im Gebiet der feindlichen Cresdecks angekommen, wies er seine Begleiter
an, zurückzubleiben, und schlich dann erst allein voran. Er entdeckte
zehn Feinde auf der Plantage. Sie hatten Wachen aufgestellt, denn sie rechneten
ständig mit einem Angriff. Ei ungünstiges Verhältnis für
Lar-prk und die anderen, aber es ging nicht darum, zu siegen, sondern nur
darum, einen Teil des Ceresch zu stehlen. Ceresch, um es gegen Surgk eintauschen
zu können und den Fremden zu beweisen, daß es sich immer noch
lohnte, diese Welt anzufliegen.
Der Besitz von Surgk konnte auch entscheidend für den Krieg sein,
denn so konnten die Cresdecks unter Ten-kpr diejenigen unter Gid-rtp zwingen,
mit ihnen zu kooperieren. Denn auch für diese war Surgk wichtig, aber
nur Ten-kpr würde es haben.
Lar-prk schwamm zu seinen Mitkämpfern zurück. Sein Plan sah
vor, daß alle versuchen würden, die Wachen zu überwältigen,
während er die Aufgabe haben würde, das Ceresch zu erlangen.
*
Stepian Fe blickte dem Wesen entgegen und versuchte, es in der Dunkelheit
besser zu erkennen. Aufgerichtet würde es ihm etwa bis zur Schulter
reichen, hatte jedoch eine komplett andere Körperform. Es gab kein
sichtbare Leibesmitte, alles war irgendwie formlos. Ein unterarmlanger
Rüssel ragte aus dem Gesicht der fremden Kreatur.
Stepian konnte nun sehen, wie der Cresdeck sich mühsam voran schob.
Er bewegte sich sehr unbeholfen, und es war deutlich zu sehen, daß
der Körper nicht für die Fortbewegung an Land geschaffen war.
Kurz bevor der Fremde ihn erreicht hatte, richtete dieser sich auf seine
Schwanzflosse und tapste mit unbeholfenen wirkenden Schritten heran.
„Willkommen, Kurznase", hörte der Kommandant der Tinka eine Stimme,
die klang, als hätte der Sprecher den Mund voller Wasser.
„Mein Name ist Stepian Fe."
„Mich Ten-kpr."
„Wir brauchen Ceresch."
„Hast du Zucker?"
Stepian wurde ungeduldig. „Wir haben Zucker, aber es ist eure eigene
Schuld, daß keiner mehr hier ist. Durch eure Kämpfe wollte kein
Schiff mehr landen."
„Es ist notwendig", kam die unbefriedigende Antwort und der Minorier
wartete vergeblich auf eine nähere Erklärung.
„Wo ist das Ceresch?"
„Wird kommen. Warte!"
Mit diesen Worten drehte sich das dickhäutige Wesen sich um, ließ
sich auf den Bauch fallen und robbte davon.
*
Lar-prk schoß pfeilschnell zwischen den Wachen hindurch. Einige
wollten ihm folgen, doch seine Freunde hinderten sie daran. Die drei Ernter
waren sehr junge Cresdecks, eigentlich zu jung für diese Aufgabe,
aber die Älteren mußten kämpfen. Ängstlich wichen
die Jungen vor ihm zurück, als er drohend seine Flossen auseinanderfaltete
und die stäbchenartigen, messerscharfen Finger zeigte.
Er zögerte nicht lange und begann mit der Ernte.
*
„Warte!" rief Stepian Fe dem Cresdeck hinterher. Der Kopf des schwerfälligen
Wasserwesens dreht sich zu ihm. „Wir brauchen das Ceresch wirklich dringend!"
„Du warte. Wird kommen. Lar-prk erntet"
„Wie lange?"
„Bald kommt."
Wütend sprang der Kommandant hinterher und baute sich dann drohend
vor der Kreatur auf.
„Du sagst mir jetzt augenblicklich warum du mich hinhältst! Wegen
eures lächerlichen Kleinkrieges muß vielleicht einer meiner
Männer sterben!"
Die beiden kurzen Arme des Cresdecks fächerten auseinander und
Stepian erblickte scharfe Krallen.
Ein kratzendes Fauchen ertönte aus dem Rüssel des Wesens.
Unwillkürlich wich der Minorier zurück.
„Kein Krieg - kein Ceresch."
Stepian wollte etwas dazu sagen, aber Ten-kpr unterbrach ihn: „Lar-prk!"
Ein Arm schob sich vor und deutete zum Wasser.
Stepian Fe erblickte einen Cresdeck, den er für jünger hielt,
denn er war kleiner und die Haut wirkte weniger abgenutzt. Ein Beutel hing
auf dem Rücken des Wesens, gefertigt aus dem grasartigen Bewuchs der
Ufers. Darin befanden sich die blauen Pflanzen.
Dann ging alles sehr schnell. Überall tauchten plötzlich
Cresdecks auf, und ehe Stepian richtig verstanden hatte, begann ein gewaltiger
Kampf. Der Junge stellte sich vor Ten-kpr, aber er hatte kaum eine Chance.
Der Minorier faßte einen Entschluß. Schnell, für die
Cresdecks zu schnell, griff er nach dem Beutel und riß ihn dem Jungen
fort.
Dann rannte er zurück zum Schiff.
*
Lar-prk blickte in der Dämmerung umher.
Hinter ihm lag der tote Ten-kpr. Es war ihm nicht gelungen den Alten
zu retten. Es waren zu viele gewesen.
Viele andere waren ebenfalls tot. Es war auf den ersten Blick nicht
mehr zu erkennen, welcher Cresdeck zu welcher Siedlung gehört hatte.
Von den lebenden Cresdecks konnte sich kaum einer aus eigener Kraft fortbewegen.
Lar-prk blutete selbst aus zahlreichen Wunden.
Plötzlich entdeckte er eine Bewegung in einer der Höhlen.
Pru-krt, und sie schien unverletzt.
Die Sonne ging auf.
*
Als Halit Te die Augen öffnete, erblickte er Stuals wunderschönes
Gesicht.
„Es ist vorbei", sagte sie lächelnd. „Ich habe nur eine schlechte
Nachricht."
Besorgt blickte er sie an. „Was?"
„Wir werden eine Zeitlang unseren Kaffee ohne Zucker trinken müssen."
- ENDE -
Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 06
|