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Jump
- von Alexander Kaiser -

„Hiermit stelle ich Ihnen das Konzept für Jump vor! Jump ist die Antwort auf alles: Satellitenabstürze, Alieninvasionen, aus der Bahn geratene Kometen ... Jump wird unsere Zukunft verändern und bestimmen. Aber Vorsicht: Jump ist gefährlich! Zu oft angewendet kann es die ganze Welt in ihr Verderben stürzen! Das Konzept ist interessant! Ja, ich denke, es ist wahrscheinlich die Antwort auf alles. Womöglich sogar der Schlüssel zum Weltfrieden, weil die ganze Welt am Projekt Jump teilhaben muß! Doch auch hier liegt eine Gefahr, denn der Mißbrauch ist größer als man denkt. Die einzige sinnvolle Regulationsmöglichkeit liegt für mich in einem Rechnerverbund, der exakte und auf den Meter berechnet, wer wann und wo Jump einsetzt.
Und noch eine weitere Gefahr gibt es. Wurde Jump erst einmal eingesetzt, muß es zu einem bestimmten Zeitpunkt erneut, also konträr eingesetzt werden, sonst kann die ganze Welt aus der Bahn geworfen werden." Es war im Spätherbst 2002 in Norddeutschland. Der Euro war mittlerweile da, es gab mal wieder Bundestagswahlen, es hatte sogar schon geschneit, aber die weißen Flocken waren nicht lange liegengeblieben.
Ach ja, und die Augen der Welt waren auf Amerika gerichtet. Dort wurde Al Gore, ehemaliger Vizepräsident und jetziger selbsternannter Führer der freien Welt gefeiert wie ein Held. Die Amis hatten letztes Frühjahr Jump eingesetzt und damit verhindert, daß ein Komet auf die Erde einschlug. Der drei Kilometer große Brocken war nur lächerliche zweihundert Kilometer an der Erde vorbeigeschlittert. Die Gravitation der Erde hatte den Koloß dennoch beeinflußt. Der Komet war zu einem Achtel der Erdanziehung gefolgt, bevor sein eigener Schwung ihn wieder ins All gerissen hatte. Für drei lange Tage und vier Nächte hatte die Erde einen neuen Trabanten gehabt. Drei Kilometer war nicht soo viel. Das Riesending, das damals, vor fünfundsechzig Millionen Jahren die Yucatan-Halbinsel eingestapft hatte, war knappe fünfzig groß gewesen. Mußte aber auch langsam reingekommen sein, vielleicht ein viertel Lichtgeschwindigkeit, also gute achtzigtausend Kilometer pro Sekunde.

„Na, da haben wir aber noch mal Glück gehabt!" hatte der Bundeskanzler an Tag darauf im Fernsehen gesagt. Nun, er hatte es auf einen Punkt gebracht. Trotzdem war es eine selten dämliche Bemerkung gewesen.

Diese und ähnliche Gedanken gingen Axel Frankenfeld durch den Kopf, während er mit dem Auto nach Hause fuhr. Jump war einfach super. Ob es wohl auch dazu taugte, die sich langsam regenerierende Ozonschicht zu flicken? Oder die Wale zu retten? Oder wenigstens die FDP?
Ach, man sollte eben kein Wunderdinge von Jump erwarten. Das letzte, was Jump gebrauchen konnte, war eine gottgleiche Verehrung. Menschen hatten Jump entwickelt, und Menschen setzten Jump auch ein. Nein, das war so nicht richtig. Es gab auch Idioten, die Jump benutzten, als Partygag zum Bespiel. Sollten sie doch, wenn es ihnen Spaß machte. Als ob ein paar Duzend Menschen die Erde verrücken könnten!

Axel fuhrt in Bonn ein, ab auf die B9, Richtung Köln. Dann die zweite Querstraße links und noch einmal zweihundert Meter geradeaus. Dann die Nebenstraße und er war zu Hause. Mit einem wehmütigen Gefühl verließ er den Wagen. Irgendwann würde ihn jemand stehlen, daß wußte er genau. Irgend jemand, solange der arme immer draußen vor dem Haus stehen mußte. Es wurde vielleicht Zeit, in einen der Vororte zu ziehen. Die hatten Garagen, sogar doppelte. Hm, dafür konnte er einen längeren Anfahrtsweg in kauf nehmen.

Als Axel das Treppenhaus betrat, checkte er kurz den Briefkasten ab. Rechnungen, Rechnungen, eine Einladung zu einer Hochzeit, zwei Taufen und eine Blind-Date-Party. Ach ja, und ein Schreiben der Behörde für Jump. Jump??? Konnte es sein? Stand Deutschland ein Einsatz bevor? Und sie brauchten ihn dafür? Cool.
Aber - Moment, es konnte auch eine Anfrage sein, ob er nicht Fördermitglied des Projektes werden wollte.
In neuer Rekordzeit erklommt Axel die Treppe zu seiner Wohnung, riß beim Aufschließen fast die Tür aus den Angeln und warf die Rechnungen in eine Ecke. Dann war er allein. Er ... und der Brief von Jump.

Komisch, eben konnte er es noch nicht erwarten, den Brief zu öffnen, aber jetzt ... Gott, er kam sich vor, als enthielte der Brief die Höhe seiner Einkommenssteuerrückzahlung. Mit einem Ruck riß er ihn auf. Beinahe bedächtig entnahm er das Schreiben dem Umschlag. Er entfaltete den Brief und begann langsam zu lesen.

„Sehr geehrter Herr Frankenfeld, wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, daß der Jump-Rechnerverbund Sie dazu ausgewählt hat, mit Hundert Millionen weiteren Europäern den ersten Einsatz von Jump in Europa mitzumachen. Wir bitten Sie daher, am ersten Dezember 2002 um Punkt Drei Uhr daheim zu sein. Alle wichtigen Informationen für Jump werden über beide öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten laufend bekanntgegeben.
Bitte lesen Sie das beigelegte Merkblatt: Wie verhalte ich mich als Teilnehmer bei Jump? Hochachtungsvoll ... Jaaa, ich bin dabei! Ich mache mit! Hu, hu, hu. Yeah!"
Oh, das Leben konnte so schön sein ...


***

„Danke, daß Sie die Öffentlich-Rechtlichen eingeschaltet haben. Wir unterrichten Sie von jetzt an laufend über alle wichtigen Daten zum ersten europäischen Einsatz von Jump. Achtung, wenn Sie ein ausgeschriebener Teilnehmer von Jump sind, halten Sie sich bitte bereit. Der Countdown liegt bei dreißig Minuten. Wenn Sie kein ausgewiesener Teilnehmer sind, tun Sie bitte nichts, was Jump stören könnte. Wir berichten nun live aus Houston, wo die Beobachtungsdaten des Space Shuttles über den ausrangierten russischen Atomsatelliten eingehen. Sie erinnern sich, der Satellit, der von einem Atom-Reaktor betrieben wird, droht, sollte er seine Bahn beibehalten, direkt auf Mitteleuropa stürzen ..."

Nun war es also soweit. Im Hintergrund der Sendung lief eine Uhr mit. Sie zeigte noch achtundzwanzig Minuten an. Axel tobte noch einmal durch die Wohnung. War alles bereit? Wog er auch nicht mehr als achtzig Kilo? Oh, Mist, er mußte noch mal auf die Toilette. Als er wiederkam, war er ein gutes Kilo leichter. Scheiße! Und die Uhr zeigte mittlerweile nur noch fünf Minuten an. Hastig trank Axel einen Liter Wasser. Er hätte auch ein paar Bier trinken können, um das fehlende Gewicht wieder zu bekommen, aber er wollte Jump nicht unter dem Einfluß von Drogen zelebrieren - auch wenn es genehmigte Drogen waren. Dan ging alles ganz schnell. Er war noch ein paar Gramm zu leicht, aber so genau wollt er es nicht nehmen. Auf die paar Gramm würde es doch nicht ankommen, oder?
Ein letztes Mal maß er den Tisch nach. Ein Meter. Stand er auch sicher auf den Büchern? Gut! „... schalten wir nun nach Mainz, wo Professor Haberstein Jump auslösen wird!"

„Hier spricht Professor Haberstein. Wenn Sie zu Projekt Jump gehören, vergewissern Sie sich noch einmal, daß sie sich exakt in einem Meter Höhe befinden. Bitte vergewissern Sie sich auch, daß in Ihrer Nähe nur ausgewiesene Teilnehmer des Projektes teilnehmen. Achtung, sind Sie bereit? Noch zehn Sekunden! Fünf ... vier ... drei ... zwei ... eins ... Jump!" Und Axel sprang. Aus einem Meter Höhe gerade auf die Erde. Er wußte, daß dies zu exakt gleicher Zeit hundert Millionen Europäer ebenfalls taten. Sie sprangen an vorberechneten Orten zu Boden, und die kinetische Energie des Sprungimpulses so vieler Menscher sollte jetzt laut Computeranalysen ausreichen, die Erde um einen halben Meter vom herabstürzenden Satelliten abzurücken. Die erhöhte Flugbahn wiederum sollte den Satelliten soweit stabilisieren, daß seine Reserven noch einmal reichten, den Atlantik zu erreichen. Wieder meldete sich der Professor.
„Wir bekommen die ersten Meldungen herein. Demnach hat es funktioniert: Die Flugbahn wir den Satelliten wie vorgesehen bis über den Atlantik tragen. Dort kann er gefahrlos verglühen.
Ansonsten kann ich alle Skeptiker beruhigen. Der kinetische Impuls des Jump hat die Erdkruste nicht deformiert, dank der genauen Rasterberechnung unserer Computer. Die Energie des Jump hat sich bereits totgelaufen. Auch am Rheingraben ist alles ruhig. Es kam zu keinerlei Kontraktionen. Damit kann ich den ersten europäischen Jump als erfolgreich beendet melden!"

Axel lachte leise. Es war schön, dabeigewesen zu sein, als er und hundert Millionen andere die Erde verrückt hatten ...

- ENDE -

Warnung für Besserwisser: Natürlich weiß Tiff, daß Jump nicht funktionieren würde, da der Schwerpunkt des Systems Erde-Jumpteilnehmer sich nicht dadurch ändert, daß 100 Millionen Menschen auf den auf den Tisch steigen, und auch nicht, wen sie herunterspringen ... hoffe ich doch. M.M.

Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 18


 

 

 

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