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Lust
- von Thomas Kohlschmidt -


Teil 2

Zurück zum Teil 1


"Das ist meine letzte Chance", dachte Xelvver angestrengt, "Ich muß etwas finden, daß die Schlüsselreiz-Sequenz auslösen kann."
Er hatte allerdings nicht viel Hoffnung und erregte sich erneut schmerzhaft. Die Hexe wollte sich wieder in seine Gedanken drängen. Der Halseder bäumte sich unter Qualen auf und wand sich in seinem Sessel. Er spürte, wie sich einmal mehr Wut in seine Gier mischte.
"Ich werde wahnsinnig! Ahhhhhh. Verdammt...Los, Du mieser Scout, finde endlich was da draußen! All diese nutzlosen Sterne!"
Warum konnten ihm diese Welten nicht helfen? Was waren das da draußen nur für sinnlose Rassen, für abartige Wesenheiten? Ihre nichtsnutzigen Sonnen schienen ihn hämisch anzufunkeln, während sie vorbeiglitten. Tausende von Sternen verhöhnten ihn und seine gestaute Kraft.
"Ihr Schweine!" gröhlte er in einem Anfall von Hass, "Lacht Ihr mich aus? Ja, das ist lächerlich, was?"
Er hörte ihr Gewieher, ihr hysterisches Gegacker, oder war das seine eigene Stimme? Immer öfter dachte er an die Bordkanonen. Er würde ihnen allen das Maul stopfen! Die Hexe lachte ihn schelmisch an. Warum nicht? Ihm wurde noch heißer, seine Haut glühte. Es wäre nur ein kleiner Befehl. Unterlichtflug, Zielerfassung, Bumm! Bumm!
Xelvver kicherte jetzt.
"Bumm! Bumm!" keuchte er. Das erotische Phantom spreizte langsam die Beine...
Warum nicht? Ja, warum eigentlich nicht?
Da riß die Stimme des Bordcomputers ein Loch in seinen Wahn, durch das er die Zentrale des Scouts sehen konnte.
"Zielerfassung positiv! Planet mit Identmuster vorraus. Anflug-Folge ausgelöst. Einschwenken in getarnten Orbitalflug: Vier Stunden!"
Xelvver wimmerte in seinem Sessel, und die Hexe verschwand in rot-wirbelnden Nebeln. Sie hauchte ihm einen Kuß zu.

***

Er hatte den kleinen blauen Planeten unter der gelben Sonne mehrmals genauestens gescannt. Die Unmengen an gewonnenen Daten waren zig-fach durch den Bordcomputer ausgewertet worden. Dort unten lebte eine Spezies, deren Technik weit weniger entwickelt war, als die der Halseder. Sie bewegte sich dabei aber immerhin noch im akzeptablen Rahmen. Auf jeden Fall waren die Wesen agressive und lustbetonte Gestalten, die neugierig und experimentierfreudig waren. Vielleicht konnten sie Xelvver retten!
Der Bordcomputer hatte ihm Koordinaten auf den Schirm gezaubert, die einen ausgesuchten Punkt auf dem Globus markierten, und er hatte die Sprache der dort ansässigen Lebensformen per linguistischer Fernanalyse und Injektiv-Memorium gelernt. Als er in einem Transporttunnel aus Energie hinabglitt, war es an seinem Ziel gerade früher Abend. Er sah bereits beim Einschweben die vielen glitzernden Lichter. Der Halseder hatte sich in einen Schirm gehüllt, sodaß ihn niemand sehen konnte. Er schritt, geschwächt aber von neuer Zuversicht getragen, dem sonderbaren Bauwerk entgegen, das ihm der Bordcomputer empfohlen hatte. Auf dem Dach des Hauses, das irgendeine Art von Tempel darzustellen schien, glühten große Schriftzeichen.
Xelvver buchstabierte mühsam: "Eros-Center".
Mehrere Bewohner des Planeten strebten mit mühsam unterdrückter Eile, wie es schien, an einem Glitzervorhang vorbei und verschwanden. Seine Lust erlaubte ihm keine ausgiebigen Beobachtungen, Xelvver blieb kaum noch Zeit. Als er unsichtbar durch die verspiegelten Gänge nach innen gelangte, bemerkte er überall die rot-blinkenden Strahler. Gestöhne war zu hören, das offenbar aus versteckten Lautsprechern kam. Diese Aliens mußten sonderbare Wesen sein, befand er und beobachtete, wie eine der fremdartigen Gestalten eine Tastenkombination an einer der vielen Türen drückte, diese aufglitt und sich sofort wieder schloß, nachdem der Planetenbewohner eingetreten war. Das Leuchtschild über dem Eingang sprang von 'Frei' auf 'Belegt'. Xelvver versuchte es an der Tür daneben. Sekunden später stand er in einer engen Kabine und sah die Tür hinter sich zugleiten. Augenblicklich erstrahlte ein rotes Licht. Eine glühende Gestalt erschien vor ihm, offenbar ein Hologramm.
"Willkommen im Eros-Center! Hier werden geheimste Wünsche erfüllt. Die Bedienung des Cybersex-Projektors ist ganz einfach. Ich werde Dir dabei helfen, ordendlich auf Touren zu kommen..."
Das Wesen aus Licht war so hässlich, daß Xelvver sich fast erbrechen mußte. Es hatte lediglich zwei Beine und zwei Arme, einen Kopf mit nur zwei Augen und eine Fülle sonderbarer Fäden drumherum, die wie gesponnenes Umpfrim aussah. Das Wesen war bleich und besaß keinerlei Tentakel oder reizvolle Schuppungen. Und es verzog sein ekliges Gesicht zu einer Fratze.
"Als erstes mußt Du Dich entkleiden und die 45 Stimulator-Einheiten an Deinem Körper befestigen. Das Schema auf dem Bildschirm dort wird Dir helfen. Danach wählst Du Deinen erotischen Traumpartner und die Akt-Art. Das ist schon alles! Für 30 Minuten zahlst Du nur 23 Euro. Bei Fragen drücke einfach F1! Viel Vergnügen..."
Das graulige Wesen verschwand, und Xelvver war erleichtert. Er begutachtete den Projektor, dessen primitive Funktionen er auch in geistig blockiertem Zustand gut erfassen konnte, und zog seine Uniform aus. Er hatte die 45 Stimulatoren in Windeseile angebracht, wobei er sich nicht nach dem Schema richtete. Eigentlich hätte er gut 65 Anschlüsse gebraucht, aber in einer Notsituation mußte man eben flexibel sein. Die Partnerwahl war das Hauptproblem: Alle 456 Standard-Partner waren völlig unakzeptabel, und so stellte er auf 'Freie Programmierung' und in den sogenannten 'Pervers-Modus', wasimmer das auch zu heißen hatte. Er versuchte sich an die Hexe zu erinnern. Seine Erregung stieg wieder ins Qualvolle, aber das half ihm, ein klareres Bild vor Augen zu haben, während seine sieben Hände über die Konsolen flogen. Er programmierte das mindestens nötige Maß an Schuppung, die üblichen sechs Beine und sieben Arme, 16 Augen und den glitschigen Rückenkamm. Entzückend! Wie wär's noch mit so einem aufreizenden Tentakelkranz dort hinten? Ja, perfekt!
Xelvver war jetzt ganz zitterig und verfehlte den 'Aktiv'-Knopf mehrmals. Die Akt-Art war ihm egal, da wählte er 'Grundform 12b', dann hauchte eine Stimme: "Es geht los, mein Süßer!" und dann wurde das Licht gedämpft.
"Hoffentlich nimmt das Ding meine Programmierung an, sonst ist dies das Ende!" dachte er verzweifelt.
"Eintritt in den Lust-Modus, entspann Dich..!" flüsterte es ihm in das Mittlere seiner drei Ohren.

***

"Das Eros-Center in Dortmund ist durch eine Explosion in den frühen Abendstunden vollständig verwüstet worden. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Es entstand ein Schaden in Millionenhöhe. Die Ursache des Unglücks ist zur Stunde noch unklar. Augenzeugen berichten von einem starken Blitz, der aus einer der Kabinen gedrungen war. Die Polizei schließt ein Attentat der 'Liga gegen Unmoral und Techno-Lust, LUTL, nicht aus. Möglicherweise handelt es sich aber auch um einen Anschlag des Kommandos 'Zurück zur Natur'. Wir werden Sie weiter informieren, sowie neue Einzelheiten bekannt werden!"

Xelvver trennte die Audio-Verbindung und streckte sich wohlig in seinem Sessel. Das erste Mal seit Wochen war er ohne Schmerzen, ja mehr noch: Er fühlte sich behaglich und frei.
In diesem gelösten Zustand war sein Geist zur Höchstform aufgelaufen und die Installation des Ersatz-Ero-Trons nur eine Sache von 15 Minuten gewesen.
"Jetzt geht es nach Hause", flötete er und warf einen letzten Blick auf den sonderbaren blauen Planeten.
Dann sprang der Scout zwischen die Sterne, beschleunigte auf 'Überlicht' und verließ diesen Teil der Galaxis für immer.

- ENDE -


Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 16


 

 

 

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