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Das Bild des Magiers
- von Alfred Bekker -

Wir machten uns alle zeitweilig große Sorgen um Sigrid. Man hört heute so viel von obskuren Sektenführern, Magiern aller Art und Wunderheilern, die natürlich nichts anderes heilen können, als die klaffende Wunde in ihrem leeren Portemonnaie. Und wenn jemand in die Hände eines solchen Seelenfängers gerät, ist das ja wohl Grund genug, sich Sorgen zu machen. Wir kannten Sigrid immer als eine vernünftige, intelligente junge Frau, von der niemand einen Hang zum Okkultismus erwartet hätte. Gemeinsam machten wir uns über die Wichtigtuer lustig, die seit neuestem die Talk-Shows übervölkern und dann von sich behaupten, eine sogenannte neue Hexe oder ein weißer oder schwarzer Magier zu sein oder mit gequirltem Wasser Krebs heilen zu können und so weiter und so fort.

Wenn ich jemanden für immun gegenüber solchem Quatsch gehalten hätte, dann Sigrid. Aber das war wohl ein Irrtum, wie sich herausstellte. Wie sie diesem Scharlatan mit dem indisch klingenden Künstlernamen genau auf den Leim ging, weiß ich nicht, aber irgendwann muss sie damit angefangen haben, ihm monatlich 400 DM zu überweisen. "Bist du denn verrückt?" fragte ich sie völlig fassungslos. Sie sah mich an wie einen dummen Schuljungen, obwohl nach meinem Gefühl ihr dieser Blick gebührt hätte. Schließlich war sie doch die Dumme!

"Wieso?" meinte sie. "Weißt du, dieser Mann ist ein Magier. Ein weißer Magier. Er hat ein Foto von mir und übertragt über dieses Foto seine mentale Energie auf mich."
"Ach, nee!"
"Du glaubst gar nicht, wie kreativ und frisch ich mich seitdem fühle!"
"Früher hast du so etwas für Humbug gehalten!"
"Früher war ich eine Närrin!"
Sie war einfach nicht davon zu überzeugen, dass dieser Magier, der sich Swami Soundso nannte, nur an ihrem Geld und nicht an ihrem Wohlbefinden interessiert war. Auch als ich Sigrids Foto in der Anzeige eines dubiosen Heiratsinstituts wiederfand, schien ihr das nicht verdächtig. "Der hat dein Foto einfach verkauft!" sagte ich ihr, aber sie hatte eine naheliegendere Erklärung. "Das war bestimmt jemand in der Bundesdruckerei, die die Personalausweise herstellt!"
Ihr war einfach nicht zu helfen.
Eines Tages verlangte der Swami dann Nacktfotos von Sigrid, was die junge Frau nicht im mindesten zu verwundern schien.
Schließlich solle der mentale Energietransfer seinen positiven Einfluss auch auf den ganzen Körper ausüben und dazu war das unerlässlich. Sigrid schlug alle Bedenken in den Wind und zeigte mir ein Buch, dass sie sich besorgt hatte. "Hier, es ist wirklich etwas dran an dieser Heilmethode! In diesem Buch wird die Methode der Fernbeeinflussung per Foto detailliert beschrieben!"
"Hat es zufällig dein Swami geschrieben!"
"Es ist eine Wissenschaft, kein Hokuspokus! Das solltest du akzeptieren!"
"Glaube ich nicht!"
"Ach, nein?" Sie deutete auf das Buch und meinte, dass sie sich bereits eingehend mit der Methode der Fernbeeinflussung befasst habe. "Es funktioniert wirklich! Ich habe es ausprobiert!" war sie überzeugt.
"Da kann ich ja nur hoffen, dass du kein Foto von mir besitzt!" Meine Erwiderung darauf war damals witzig gemeint. Wenn ich heute daran denke, bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Sie lächelte milde und erklärte mir, dass sie bislang lediglich mit ihrem Meerschweinchen und der Katze der Nachbarin experimentiert habe. Allerdings erfolgreich, wie sie behauptete. In diesem Moment erwog ich ernsthaft, ob sie nicht bereits ein Fall für die Psychiatrie war.
Ein paar Wochen später erhöhte der Swami seinen Preis für den Energietransfer um hundert Mark im Monat. Kein Wunder, schließlich bekam Sigrid nun ja auch eine Ganzkörperglücksbehandlung.
"Alles wird teurer. Der Strom, das Gas, das Öl - warum nicht auch die mentale Energie?" meinte sie dazu. Ihr freier Fall in den finanziellen Ruin war wohl nicht mehr aufzuhalten. Es war nur eine Frage der Zeit.
Der geheimnisvolle Magier wurde immer dreister.
Nach ein paar Monaten erzählte Sigrid mir, sie habe ihm ihre Eigentumswohnung überschrieben.
"Ist das nicht einleuchtend? Der positive Einfluss des Mentalenergietransfers soll schließlich..."
"die ganze Wohnung erfassen. Und das geht nur, wenn sie dem Swami gehört!" vollendete ich ihren Satz. Inzwischen konnte mich nichts mehr wundern. Und dann sagte sie noch etwas, was mir damals als nicht so wichtig erschien, über dessen Bedeutung ich aber heute noch im Zweifel bin. "Er hat mir
übrigens ein Foto von sich geschickt. Willst du es mal sehen? Er hat so gütige Augen..."
"Wie nett!" erwiderte ich und sah mir aus reiner Höflichkeit das Bild an.
Wir lebten inzwischen offenbar in verschiedenen Welten. Eine ironische Bemerkung konnte ich mir dann aber doch nicht verkneifen: "Wenn du noch einen Funken Verstand hättest, würdest du diese magische Fernbeeinflussungs-Methode mal am Bild deines Swamis testen. Wenn du mit deinem Meerschweinchen so viel Erfolg hattest, dann könntest du ihn doch vielleicht dahingehend beeinflussen, dir wenigstens einen Teil deines sauer verdienten Geldes zurückzuzahlen!"
Ihre Erwiderung bestand lediglich aus einem milden Lächeln. Einem Lächeln, das schon beinahe so milde wie das ihres Swamis war. Wir verloren uns in der Folgezeit etwas aus den Augen und ich hörte nur über Dritte von ihr. Ein halbes Jahr später starb der Swami eines plötzlichen, allzu frühen Herztodes. Die Boulevardpresse gab exzessiven Gruppensex-Orgien die Schuld an seinem Ableben. Außerdem hatte er es mit der von ihm selbst entwickelten mentalenergetischen Diät, bei der auf Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß verzichtet werden sollte, wohl nicht so genau genommen, wie seine beträchtliche Leibesfülle belegte, zu der er in seinen letzten Lebensjahren angeschwollen war. Seine Jünger hingegen erklärten den Tod ihres Gurus damit, dass der Swami sich mentalenergetisch verausgabt und damit für die Menschheit gewissermaßen geopfert habe. Wie dem auch sei, jedenfalls hatte er zu Lebzeiten ordentlich Geld gescheffelt und hinterließ daher ein recht ansehnliches Vermögen. Das Erstaunliche war, dass er ausgerechnet Sigrid zu seiner Alleinerbin bestimmt hatte, aber ich persönlich weigere mich bis heute einfach anzunehmen, dass dies in irgend einem Zusammenhang mit einem gewissen Buch über Fernbeeinflussung und einem Foto stand, das den Swami mit sehr gütigen Augen zeigte. Zur Zeit residiert Sigrid in der südamerikanischen Hazienda des Swami, aber wenn sie mal wieder nach Deutschland kommt, werde ich sie mal nach ihrer Meinung dazu fragen.

Nachtrag: Sicherheitshalber verschenke ich übrigens keinerlei Fotos mehr, und bei Bekannten, die bereits Bilder mit meinem Antlitz besitzen, fordere ich diese nach und nach unter dem Vorwand zurück, ich besäße keine Negative mehr und hätte das Bild gerne für mein Familienalbum. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.

- ENDE -


Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 18


 

 

 

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