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Plattes Land
- von Harun Raffael -

Es war einer dieser grauen, nassen Nebelmorgen, an denen sich dieser Barbarenplanet von seiner schlechtesten Seite zeigte. Um mich herum waren nur weiße Schwaden und kaum sichtbares nasses Gras. Mein Zellaktivator arbeitete auf Hochtouren, um mir Erkältung und Rheuma von Hals zu halten. Lustlos trabte mein Pferd den schlammigen Weg entlang. An solchen Tagen traft mich das Bewußtsein um meine Situation stets mit voller Wucht. Würde ich Arkon jemals wiedersehen? Oder würde ich bis in alle Ewigkeit in diesem Alptraum von Unwissenheit und Barbarei herumirren müssen? Mit einem kalten Klumpen im Bauch dachte ich daran, was mir mein Extrasinn vor einigen trüben Tagen eiskalt unter die Nase gerieben hatte: auch auf Arkon waren inzwischen neun Jahrtausende vergangen. Ich war längst ein vergessenes Relikt aus einer anderen Zeit. Wie mochte meine Heimat heute, nach Äonen, aussehen?

Nun jagte ich wieder einmal hinter einem Besucher von den Sternen her, den es auf diese Niemandswelt verschlagen hatte. Die Suche nach einer neuen Chance, dieser Welt zu entrinnen, hatte mich in die weiten Küstenebenen geführt, die an das nordöstliche Nebenmeer des Atlantischen Ozeans grenzte, im Norden des Halbkontinentes „Europa", der so viele meiner Hoffnungen kommen und gehen gesehen hatte. Von Ansiedlung zu Ansiedlung versuchte ich, die Spur des Fremden zu verfolgen, der auch für meine Spionsonden einfach nicht zu greifen war.

Allmählich kam schwacher Wind auf und zerstreute den Nebel. Die schwache Sonne drang durch den Dunst und gab den Blick auf eine Landschaft von deprimierender Plattheit und Leere frei. Weit hinten kam zwischen den Weiden und Sumpfflächen eine Ansammlung von Häusern in Sicht. Hier bot sich mir eine Chance, herauszufinden, ob ich dem Fremden wenigstens noch auf der Spur war. Das Dorf bestand aus zwei losen Reihen geduckter, grasgedeckter Bauernkaten; Wohnhäuser und Schafställe waren kaum voneinander zu unterscheiden. Als ich die Dorfstraße entlangritt, sah ich kaum ein Lebenszeichen. Ein kurzer, verstohlener Blick aus einem der Fenster, ein kurzes, undefinierbares Klappern in irgendeinem Winkel, ansonsten nur das zaghafte Pfeifendes aufgekommenen Windes. Vor der letzten Kate des Dorfes, wo die „Straße" nach rechts abknickte, gewahrte ich drei alte Männer, die vor der Tür in der schwachen Sonne saßen.

„Seid gegrüßt, gute Leute! Ich suche einen Freund, einen Fahrensmann wie mich, den ich aus den  Augen verloren habe. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, ob er vor mir durch Euer Dorf geritten ist?"
Die drei alten Männer schauten mich nur an, mit einer Miene völligen Gleichmuts, und ohne ein Wort zusagen. Ich war perplex. Hatten sie mich nicht verstanden? Wußten sie keine Antwort? Mißtrauten sie mir, fürchteten sie sich? Aber warum machten sie dann nicht einmal den Versuch einer Erwiderung? Ihre Mienen waren undurchdringlich. Ich versuchte mein Glück mit einer Improvisation des hiesigen Dialekts, von dem ich in den letzten Dörfern einen Eindruck gewonnen hatte. Aber auch das brachte mich nicht weiter. Die drei Alten schauten mich weiterhin so an, als wäre ich ein Schaf, das sie anblöckte. Allmählich wurde mir unheimlich. Ich versuchte in flämisch und altem englisch, ihnen ein Wort zu entlocken, und verfiel in steigender Verzweiflung sogar auf Latein - es half alles nichts. Die Situation machte sogar meinen Extrasinn sprachlos. Nachdem wir uns einen Moment lang stumm gegenseitig angestarrten, war ich mit meinem Rat am Ende. Vor lauter Frustration riß ich mein Pferd herum, und stob die Straße entlang davon. Erst als ich fast außer Sichtweite des Dorfes war, ließ ich mein Pferd zur Ruhe kommen, und warf einen Blick auf die Bauernkaten zurück. Ich streckte die Fäuste gen Himmel, und stieß einen furchtbaren Schrei aus. Die nächsten Stunden fluchte ich zu mir selbst über diesen elenden Planeten, der entschlossen schien, alles, was ich je versuchte, zunichte zu machen.


***

Zaghaft piff der Wind über das platte Land. Die kraftlose Sonne sank allmählich tiefer. Nach langer Zeit brach einer der drei alten Männer das Schweigen.
„Mensch, der hatte vielleicht teure Kleider an."
„Und ne Menge Sprachen konnte er auch sprechen."
„Aber genützt hat es ihm nechts."


- ENDE -


Quelle: WORLD OF COSMOS Nr. 6


 

 

 

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