
Drei
Fragestellungen:
Ich möchte meinen
Vortrag anhand von drei Fragestellungen vertiefen:
- Wer sind diese
Menschen und wie werden sie wahrgenommen? - die Perspektive des Außenbeobachters.
- Über welche
Wahrnehmungen verfügen Menschen im Koma und Wachkoma? Was und wie
nehmen Menschen in Koma wahr? - die Perspektive des Innenbeobachters
und der Betroffenen selbst.
- Was können
wir Außenstehende tun, um Menschen im Koma und Wachkoma so
wahrzunehmen, daß ihnen und uns ein humanes Zusammenleben ermöglicht
werden kann? - die gemeinsame humane und soziale Perspektive.
Zur ersten
Frage: ...
1. Wer sind
diese Menschen und wie werden sie wahrgenommen? - die Perspektive des Außenbeobachters.
In der Antike
bedeutet Koma soviel wie tiefer Schlaf.
Dass
Menschen in ein Koma fallen können, ist eine geschichtlich
schon seit etwa 2000 Jahren bekannte menschliche Fähigkeit. Schon bei
Hippokrates ist zu lesen, daß Menschen im Koma starke Reize benötigen.
Im Mittelalter
wird Koma als Symptom unterschiedlicher Krankheiten und
Lebensereignisse verstanden wie Trunksucht, verdorbene Körpersäfte,
fieberhafte Zustände, unterschiedlichste Gewalteinwirkungen durch
kriegerische Handlungen, Raubüberfälle, Schläge auf den Kopf und
vielerlei anderer Affektionen.
Unter dem Eindruck
der experimentellen Medizin vollzieht sich um die letzte
Jahrhundertwende ein entscheidender Bedeutungswandel: Koma wird zu
einer eigenen Krankheitseinheit, die dadurch gekennzeichnet ist, daß
sich im Gehirn physiologische Prozesse nicht mehr in psychologische
umsetzen (so zum Beispiel bei Kraepelin).
Mit der
Aufspaltung des Menschen in physiologische und psychologische
Funktionsebenen und mit der Zuordnung des Komas zur bewußtseinsunfähigen
physiologischen Ebene verschwindet das empfindsame und zum Erleben fähige
seelische Subjekt aus dem Koma.
Die Entwicklung
von Komaskalen hat in diesem Jahrhundert das Vorhandensein eines Komas
an äußerlich beobachtbare Verhaltensreaktionen auf bestimmte
Reize hin festgemacht. In der weltweit verbreiteten Glasgow Coma Scale
dienen ganze drei Verhaltensparameter zur Bestimmung der Komatiefe:
das Augenöffnen, die motorische Reaktion und die verbale Reaktion. 8
von 15 Prüfmerkmalen sind mit Schmerzen wie z.B. Kneifen in die Brust
verbunden. Jede Reaktion bekommt einen Punktwert. Je weniger Punkte,
desto tiefer das Koma. Die Wahrnehmung eines Menschen im Komas wird
auf wenige Verhaltensmerkmale reduziert und quantifiziert. Koma wird
zum objektiven Tatbestand.
Abgesehen von
dieser eingeengten Wahrnehmung in der Beurteilung eines Menschen
besteht das Problem darin, daß der Verlust Reaktionsfähigkeit im
tiefen Koma gleichgesetzt wird mit dem Verlust von Empfindungsfähigkeit:
Menschen, die nicht reagieren und die Augen geschlossen halten, sind per
definitionem bewußtlos und empfindungslos. Wo nicht reagiert
wird, kann nichts wahrgenommen und nichts erlebt werden. Auf eine
kurze defektpathologische Formel gebracht bedeutet Koma zu nichts
Psychischem mehr fähig zu sein.
Dies hat einen
ganz entscheidenen Einfluß auf das Verhältnis des modernen
Mediziners zu Koma-Patienten. Koma hat für die moderne Medizin keinen
Wert, Komapatienten bedeuten ihr nichts. Nach einer neusten Umfrage
wollen 75% aller Mediziner im Koma nicht mehr intensivmedizinisch
behandelt werden. Von da aus bedarf es nur noch eines kleinen
Schrittes zur Überwindung moralischer Hemmungen, dieses Leben ohne
Wert liegen zu lassen oder doch lieber gleich Sterbehilfe zu leisten.
Aus
beziehungsmedizinischer Sicht ist ein Koma nicht lediglich das
Ergebnis einer äußeren Gewalteinwirkung und kein passiver Zustand,
sondern eine aktive, bis auf tiefste Bewußtseinsebenen und Kernzonen
des autonomen Körperselbst zurückgenommene, extreme Lebensform am
Rande zum Tode. Ein Koma hat Schutzfunktion und ermöglicht es einem
Menschen, ganz bei sich selbst zu sein. Ein Koma kann ein Stadium im
Sterbeprozess sein, aber auch Ausgangspunkt eines neuen, anderen
Lebens, der Wiedergewinnung von Autonomie und neuer Identität.
Und wie verhält
es sich mit dem Wachkoma?
Der Begriff Wachkoma
oder "apallisches Syndrom" entspricht in etwa dem französischen
coma vigile. Mit dem Begriff des Wachkomas, der weniger negativ
besetzt ist, wird die charakteristische Zwischenstellung zwischen Koma
und Wachsein bezeichnet. Sein Erstbeschreiber, der Psychiater
Kretschmer, formulierte 1940:
"Die
Kranken liegen mit geöffneten Augen da... Trotz Wachsein ist der
Patient unfähig zu sprechen, zu erkennen, sinnvolle Handlungsformen
erlernter Art durchzuführen. Dagegen sind bestimmte vegetative
Elementarfunktionen, wie etwa das Schlucken erhalten. Daneben treten
die bekannten, frühen Tiefenreflexe, wie Saugreflex, Greifreflex
hervor."
Ungezählt ist die
Summe derer, die im Krieg durch Hirnverletzungen und Kopfschüsse in
solch einen Zustand gerieten. Es gibt auch keine Untersuchungen darüber,
wieviele Wachkoma-Patienten im Dritten Reich als
"lebensunwert" vernichtet wurden. Es ist aber davon
auszugehen, daß die allgemeine Versorgungslage der
Pflegeeinrichtungen und Psychiatrischen Anstalten pflegerisch so
schlecht war, daß diese Menschen innerhalb kurzer Zeit an Wundliegen,
Auszehrung und Lungenentzündung verstarben.
Die Chance auf ein
Überleben von Menschen im "apallischen Syndrom" hat sich
erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Entwicklung der modernen
Intensivmedizin entwickelt. In der Monographie von Gerstenbrand, einem
Innsbrucker Neurologen, aus dem Jahre 1967 zum traumatisch apallischen
Syndrom wurden erstmals die Grundlagen für eine moderne Behandlung
und Rehabilitation und erstmals die Stadien der Remission bis zur
vollen beruflichen und sozialen Reintegration beschrieben. Das bis
dahin vorherrschende traditionelle Verständnis vom "Apalliker"
als Defektmensch wurde damit erstmals in Frage gestellt.
1969 tauchte dann
in den USA und England die Bezeichnung "vegetative state"
oder vegetativer Zustand auf. Die Großhirnrinde, das Pallium, sei
abgeschaltet, die Kranken führten nur noch ein Leben auf der
Grundlage ihre vegetativen Nervensystems, welches durch Zentren im
Hirnstamm und Zwischenhirn reguliert wird und über keinerlei "Bewußtsein"
verfügt.
Die "human
vegetables" wie man von jetzt ab die Lebensweise dieses
"menschlichen Gemüses" mitleidsvoll belächelnd
bezeichnete, sind zugleich Prototyp eines befremdlichen, wenn nicht
schon beängstigenden Verharrens zwischen Leben und Tod, in
einem unveränderlichen Dauerstadium, wie ein Coccon oder
Larvenstadium, jedoch ohne Aussicht auf Wandel (ob nun als wunderschöner
Schmetterling zum Himmel aufsteigend oder als gefräßiger Wurm in die
unterirdische Welt der Schädlinge eintauchend), resistent gegen jede
Therapie, aber auch nicht sterbend - letzteres würde uns Außenbeobachter
endlich erlösen vom Anblick dieser "unerträglichen
Monster".
Ich habe viele körperliche
entstellte Menschen im Wachkoma gesehen. Viele waren in der Stellung
erstarrt, in der sie abgelegt und jahrelang verwahrt wurden: in
Schmerz und Spastik erstarrte Körper. Der Anblick des unerträglichen
Seins dieser verkörperten Vernachlässigungen hat mir zu Beginn
meiner Arbeit mit Koma-Patienten manche schlaflose Nacht bereitet. Es
hat eine gewisse Zeit gebraucht, bevor ich das Abstoßende dieses
Anblicks in liebevolle Zuwendung wandeln konnte. Foucault beschrieb in
seiner Geburt der Klinik , wie aus dem Rationalismus ein
Normbegriff entstand, der die bürgerlichen Ängste in die
Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung integrierte. Aus dem
Bemühen um eine Norm für menschliches Verhalten wurde Verkrüppelung
zur Behinderung umdefiniert und als Bestandteil der sozialen
Gemeinschaft dingfest gemacht. Der Anblick entsetzlicher Verkrüppelung
wurde in unserem Jahrhundert zur Behinderung umästhetisiert und die
eigentliche, dahinterstehende soziale Vernachlässigung unsichtbar
gemacht. Das Abartige und Böse einer Verunstaltung wurde gebannt und
ist einer Mischung aus Unbehagen und unverhohlener Neugier gewichen.
So paradox es erscheinen mag: mit der ästhetischen Wahrnehmung der Körperlichkeit
wurden aber überhaupt erst die Grundlagen dafür geschaffen, die
kleinen Zeichen und tonischen Regungen der Selbstaktualisierung ihrer
Körperlichkeit überhaupt wahrzunehmen und in die Interaktion mit
anderen Menschen einzubeziehen.
Das "apallische
Syndrom" oder "Wachkoma" ist heute noch
defektmedizinisch definiert als Trennung des Hirnmantels (Pallium,
Neokortex) vom Hirnstamm. Da die Großhirnrinde kein Bewußtsein mehr
produzieren könne, bliebe der Patient dem "vegetativen
Zustand" verhaftet, der vom Hirnstamm gesteuert wird. Dieses
dualistische Denkmodell von höheren, an die Intaktheit der Großhirnrinde
gebundenen bewußtseinsfähigen Funktionsebenen, die eine menschliche
Persönlichkeit ausmachen, und von den niederen, primitiven
Funktionsebenen, die einen Menschen zum empfindungslosen vegetativen
Hirnstammwesen herabsinken lassen, ist für die defektmedizinische
Wahrnehmung vorherrschend.
Aus der
Hirnforschung selber mehren sich die Belege dafür, daß Menschsein
nicht auf die neurozentristische Formel ein intaktes Gehirn haben reduziert
werden kann. Was wäre die Großhirnrinde denn ohne einen intakten
Hirnstamm? Und was wäre das intakte Gehirn ohne einen wahrnehmenden
und handelnden Körper? Die historische Debatte über die Trennung von
Leib und Seele hat sich - wie man an der Debatte über den Hirntod
sehen konnte - verlagert auf die Trennung von Gehirn und Körper. Der
"Hirntote" hat einen lebendigen Körper. In der Vision der
modernen Biomedizin sollen Menschen mit intakten Gehirnen und kranken
Körperorganen nicht mehr einzelne neue Organe, sondern neue ganze Körper
transplantiert werden. Die Identität solcherart neu zusammengesetzter
Menschen wäre ganz auf das intakte Gehirn konzentiert. Der Körper
wird nur noch gebraucht, um das Gehirn als "Krone der Schöpfung"
so lange wie möglich zu erhalten. Der nächste logische Schritt wäre
der Verlust des Körpers und der Mensch als isoliertes Gehirn. Das
Dilemma ist offensichtlich.
Beim Koma und
Wachkoma stellt sich das Problem anders: hier ist es durch
Unterbrechungen der Kontakte des neuralen Selbst zum "Ausfall des
Bewußtseins" gekommen, zwar noch nicht zum Hirntod (als dem Tod
des Menschen), aber zu einem Teilhirntod. Man könnte logischerweiese
sogleich eine neue Todesdefinition anschließen: der Teilhirntod
als der Tod des Menschen. Diese Tendenzen gibt es bekanntlich in den
USA.
Glücklicherweise
hat sich dieser logische Rationalismus in Deutschland bisher nicht
durchsetzen können. Es sprechen auch wissenschaftliche Tatsachen
gegen ihn. Im Falle des "apallischen Syndroms" haben
computerberechnete Aktivitätsstudien (Positronen-Emissionstomographie;
PET) ergeben, daß die Aktivitätsverteilung im Gehirn nicht
schichtweise "ausgefallen", sondern eher mosaikartig
zerfallen ist.
Im
Verständnis einer beziehungsmedizinischen Netzwerktheorie ist Wachkoma
als ein hochgradiger Dissoziationszustand der leib-seelisch-geistigen
Integrität eines menschlichen Individuums zu verstehen. Diejenigen
funktionellen Körper-Hirnsysteme, deren Zusammenwirken vormals das
Gesamt der Identität einer menschlichen Persönlichkeit ausmachten,
sind durch das schädigende Ereignis in ihrer Integrität zerfallen,
gleichsam entrückt und auf elementare Stufen des autonomen Körperselbst
zurückgenommen.
Ich möchte
jetzt Menschen im Wachkoma noch genauer wahrnehmen:
Ich nehme die
klinischen Definitionsmerkmale auf: sie atmen spontan, sie liegen mit
offenen Augen da und blicken ins Leere, d.h. sie fixieren nicht, sie
verfügen über einen normalen Schlaf-Wachrhythmus. Die entscheidenden
Definitionsmerkmale aber lauten:
Es findet sich keine
sinnvollen Reaktion auf Ansprache oder Berührung
Es findet sich keine
eigene Kontaktaufnahme zur Umwelt.
Hier offenbart sich
ein grundlegendes Wahrnehmungsproblem . Die Beurteilung der
Sinnhaftigkeit einer Reaktion ist kein objektives Kriterium, sondern
immer eine subjektive Zuschreibung auf Grund der Interpretation eines
Verhaltens durch einen Außenbeobachter. Ebenso ist es prinzipiell nicht
möglich, allein von der Außenbeobachtung her über eine eigene, also
innerlich intendierte Kontaktaufnahme zu urteilen. Beide Kriterien
sind in Abhängigkeit von der persönlichen Nähe des Außenbeobachters
zum Kranken subjektiv und mit erheblichen Fehlurteilen belastet.
Subjektive Urteile sind Bestandteil unseres Alltagslebens und nicht
Schlimmes. Schlimm ist nur, wenn sie als Objektives ausgegeben werden.
Aaron Bodenheimer,
Arzt und Psychotherapeut aus Zürich, hat einmal gesagt:
"Wir messen
Bewußtsein daran, wie es uns gelingt, Beziehungen zu einem anderen
Menschen herzustellen. Ein Angehöriger, der einen Koma-Patienten gut
kennt, wird eher "Bewußtsein" feststellen, als ein
distanzierter Mediziner. "Bewußtsein" kann
medizinisch-naturwissenschaftlich allein nicht bestimmt werden, sondern
benötigt einer umfassenden geisteswissenschaftlichen Fundierung.
Die Bestimmung des
menschlichen Bewußtseins bedarf einer umfassenden Sichtweise über das
medizinische Verständnis hinaus durch Hinzuziehen der Wahrnehmungen der
Angehörigen über etwaige Reaktionen wie kleine vegetative Zeichen,
Tonusänderungen und körpersprachliche Äußerungen als elementares
Interaktions- und Beziehungsverhalten.
Im Rahmen des
Oldenburger Komaforschungsprojekts konnte gezeigt werden, daß Menschen
im Koma und Wachkoma über die Fähigkeit verfügen, spontan und auf
unter Intervention auf äußere Reizangebote ihr inneres Verhalten (covert
behavior) auszurichten und zu synchronisieren. Bevor es zu offenen, d.h.
extern beobachtbaren Verhaltenszuständen kommt (overt behavior), kann
man innere, verdeckte Verhaltensänderungen feststellen, und zwar durch
Messung vegetativer und zentralnervöser Aktivitäten, etwa im pEEG.
Derartige innere Verhaltensänderungen lassen sich am besten bei
Reizangeboten von seiten vertrauter Angehöriger, aber auch im Rahmen
einer gezielten Koma-Stimulation nachweisen, beim sog.
Komastimulations-Monitoring.
Derartige Meßergebnisse
unterstützen eine beziehungsmedizinische Sichtweise, die sich um eine
vollständige Wahrnehmung aller Lebensäußerungen bemüht, unter
Einbezug von Beobachtungen und Erfahrungen derjenigen Angehörige,
Pflegende und Ärzte, die sich tagtäglich um Menschen im Wachkoma kümmern:
Hierzu ein
Beispiel:
Joachim erlitt mit
21 Jahren bei einem Verkehrsunfall ein schweres gedecktes Schädelhirntrauma.
Das Computertomogramm zeigte traumatische Blutansammlungen in den
Hirnstammzisternen. Joachim hatte schon im tiefen Koma reproduzierbare
Herzfrequenzanstiege immer dann, wenn seine Freundin das Krankenzimmer
betrat, ohne ihn berührt oder angesprochen zu haben. Dieses verhalten
trat reproduzierbar auf und wurde als eine emergente Leistung
interpretiert. Später ließ er sich von ihr zuerst füttern. Sie sagte
mir später einmal hinter vorgehaltener Hand, daß sie ihn schon geküßt
habe, als er noch an der Beatmung lag. Sage mir einer, diese Begebenheit
würde nicht an Dornröschen erinnern.
Ein
beziehungsmedizinischer Umgang bemüht sich um die Wahrnehmung
"kleiner vegetativer Zeichen" und "primitiver"
Reaktionen, die, eingebunden in körpernahe Interaktionen, nicht allein
als "Pathologie" , sondern als unbewußte
Selbstaktualisierungen, als basale neuropsychologische Kompetenzen und körpersprachliche
Dialogangebote entschlüsselt werden können, als eine Art von
"Biosemiotik" des Komas.
Ich komme
wieder auf die klinische Symptomatik zurück:
Die Kranken zeigen
ferner: Kauen und Schmatzen, der Kopf ist gestreckt oder angebeugt, der
Körper spastisch erstarrt. Die Arme sind über die Brust angewinkelt,
die Hände zu Fäusten geballt, abgesehen von einzelnen Fingern, die wie
kleine Antennen in die Umwelt hineinragen; die Beine gestreckt oder in
der Hüfte gebeugt (sog. Embyronalhaltung).
Nicht selten finden
sich auch heute noch tiefe Male des Wundliegen an Steiß, Hüften und
Hinterkopf - heute ein regelrechter Pflegefehler - , Gelenkversteifungen
und Kontrakturen - eine Folge unzureichender Aktivierung und
Mobilisation - , Unterernährung und Auszehrung als Folge von
Muskelschwund und unzureichender Kalorienzufuhr, sowie unangenehme
Speichel-, Schleim- und Geruchsabsonderungen - als Folge unzureichender
Schutzreflexe, mangelhafter Körperpflege und Hygiene bei gleichzeitig
erhöhter Infektanfälligkeit und Keimbesiedelung.
Diese häufig zu
beobachtenden extremen körperlichen Entstellungen und Verkrüppelungen
sind kein natürlicher Bestandteil des Krankheitsbildes, sondern eine
Ausdruck sekundärer Schädigungen in Folge pflegerischer,
therapeutischer und sozialer Vernachlässigung:
Die erstarrte und
deformierte Körperlichkeit von Wachkoma-Patienten ist für mich eine
sichtbare Antwort auf erlittene Verletzungen, Trennungen und Vernachlässigungen.
Sie ist ein Zeichen der Verletztheit, die einen anderen Menschen plötzlich
überkommen und wie "Eingefroren" hinterlassen hat. Er ist
regungslos gefangen wie in einer Taucherglocke: der Blick durch das
Fenster nach draußen ist möglich, der Körper selbst ist von bleierner
Schwere umgeben und nur mit größter Kraftanstrengung in Bewegung zu
bringen.
Wie häufig
sind Koma und Wachkoma?
Allein durch
Verkehrsunfälle und Schädel-Hirntraumen fallen in Deutschland pro Jahr
etwa 40.000 Menschen in ein Koma, welches länger als eine Woche anhält.
Bei 50% dauert das Koma drei bis vier Wochen. 3000 davon bleiben im
sogenannten apallischen Syndrom oder Wachkoma stecken und verharren
sechs Monate oder mehr dieser Lebensform. In diesem Zustand können
Menschen im Wachkoma bis an ihr Lebensende verharren.
Wenn man noch die
anderen Ursachen wie Reanimations- und Schockzustände,
Ertrinkungstraumen, Sauerstoffmangel, schwere Durchblutungsstörungen,
Entzündungen des operationsbedingte Komplikationen des Gehirns hinzuzählt,
dürften etwa 200 bis 300 Menschen pro Tag ein Koma erleiden. Genaue
Zahlen darüber gibt es nicht. Wenn man die Angaben einer Befragung in
norddeutschen Pflegeheimen, die 1994 von zwei Diplomandinnen des
Studiengangs Behindertenpädagogik der Bremer Universität durchgeführt
wurden, hochrechnet, kommt man zu dem Ergebnis, daß bundesweit zwischen
10 und 12.000 Menschen im Wachkoma leben, in Pflegeheimen oder in häuslich-familiärer
Umgebung.
Ein apallisches
Syndrom oder Wachkoma kann Monate und Jahre andauern. Von etwa 100
Menschen im Wachkoma, die ich persönlich kennengelernt habe, betrug der
längste Verlauf bis zum Wiedererwachen 13 Jahre, und zwar bei einer
jungen Frau, die sich heute mit einer technischen Kommunikationshilfe
verständigen kann. Wenn auch die Chance, aus dem Koma zu erwachen,
einJahr nach dem schädigenden Ereignis statistisch deutlich geringer
wird und nach 5 Jahren gegen Null geht, wurde in der Literatur immer
wieder über Langzeitverläufe im Einzelfall mit spätem Erwachen noch
nach 18 und 36 Jahren berichtet. Diese Einzelfälle sind es, die die
Entscheidung so schwer machen, die Hoffnung aufzugeben.
|