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Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin kein Experte und weiß auch nicht die genauen Daten. Ich las nur neulich in einer Computerzeitschrift, dass das D-Netz zehn Jahre alt wird, und während des Lesens kamen mir so meine eigenen Gedanken und Erinnerungen an gute und schlechte Zeiten mit und ohne Handy in meinem Leben. Aber der Reihe nach: Als die ersten Handys, groß wie Ziegelsteine (hieß das nicht damals noch C-Netz?) auftauchten, hielten wir sie alle für Statussymbole für Männer, die angeben wollten und die sich vielleicht keinen Porsche oder andere Schwanzverlängerungen leisten konnten. Ich erinnerte mich an Wolfgang, der bei Doris anrief und fragte, ob sie für einen Spontanbesuch zu Hause sei. Als sie bejahte, klingelte es kurz darauf an der Tür. Wir wurden dann aufgeklärt, dass er vom Auto aus angerufen hatte, als er schon vor dem Haus stand, aber zu faul war, auszusteigen. Na klar, zu faul, wollte nur seinen Yuppie-Lolly vorführen... Auch ein Besuch in einer Sauna fiel mir ein, bei dem wir einen Mann beobachten konnten, der zwar nichts am Körper hatte, aber sein Handy mitgenommen hatte, das natürlich “zufällig” (?) auch klingelte, sonst wären wir ja nicht darauf aufmerksam geworden, so interessant war der Typ ja schließlich nicht. Mit der Zeit wurden die Teile kleiner und billiger und bald hatte jeder in meinem Bekanntenkreis eines, fast alle für den Fall einer Autopanne fernab jeglicher Zivilisation. (Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis ich einen solchen Fall selbst erlebte, auf der Autobahn, in der Nähe eines Notrufpostens auf einer Fahrt nach Frankfurt.) Oder man besaß zumindest eine Attrappe, Taschenrechner, die wie Handys aussehen oder ähnlichen Schnickschnack. Ich weigerte mich zum damaligen Zeitpunkt immer noch, mir so ein Teil anzuschaffen. So nach und nach entdeckte mein Umfeld die praktischen Seiten. Thorsten meldete das Festnetz ab, weil seine Frau sonst zuviel telefoniert, und war fortan nur per Handy erreichbar. Dies ist aber nur für Ehepaare zu empfehlen, denn Singles, die nur ein Handy haben, haben einen schweren Stand bei Flirts, sprach sich doch irgendwann herum, dass Männer gerne ihren Frauen zu Hause “vergessen” beim Weitergeben ihrer Telefonnummer (“ich habe nur ein Handy, kein Festnetz, bin ja eh nie zu Hause, ruf’ mich doch mal an, Süße”). Einen weiteren Bekannten hätte eine neue Bekanntschaft fast ruiniert, weil er sich nicht bewusst war, dass 0177 eine Handy-Nummer war und ein Anruf dahin zur damaligen Zeit noch mehr als 1,- DM pro Minute kostete. (“Scheiße, ich hab’ bestimmt `ne halbe Stunde telefoniert”, war sein Statement, als wir ihn aufklärten.) Ich bestand immer noch darauf, so einen Schnickschnack nicht zu brauchen. 1999 dann schaffte ich mir auch eines an, eigentlich nur beruflich, aber es erwies sich dann doch als praktisch, z.B. bei Verabredungen, damit man sich nicht verpasst, sofern kein Funkloch vorhanden ist, der Akku voll ist und der andere das Handy eingeschaltet hat. Für einen Cebit-Besuch war es nicht ganz unnützlich, um Andrea und Holger, die sich schon jenseits der Absperrung befanden, zu finden. Auch vergessene Lebensmittel können per SMS oder Anruf in den Supermarkt nachgereicht werden, was bei einer chaotischeren bzw. nicht vorhandenen Haushaltsplanung zu mehreren SMS pro Minute Aldi-Einkaufswagen-Schiebens führen kann. Schon bald griff auch in meinem Bekanntenkreis die bekannte SMS-Sucht um sich, mich erreichten wichtige Mitteilungen per SMS wie Witz-Rundschreiben, Grüße von Balkonien oder Dummquatsch-SMS von Leuten, denen gerade langweilig war etc. Am Anfang machte ich noch relativ begeistert mit und brach damit alle Rekorde der Halbwertzeit meiner 50-DM-Aufladekarten, die sonst - und inzwischen wieder - fast sechs Monate reichen. So nach und nach werden die Dinger immer billiger und handlicher, so dass das kleine neue Gebrauchte (nach der Fallsucht des alten) fast in der Innentasche meiner Jacke verschwand. Mist, das große „Ich mach nicht jeden neuen technischen hippen Scheiß mit“-Handy war doch besser, das konnte ich wenigstens mit einem Griff an der Antenne rausholen und reinstecken... |
Überall hörte man es nun klingeln – auch bei Leuten mit dem berühmten Notgeilen-Teil sprich Vibrations-Akku (den ich selbst inzwischen auch nicht mehr entbehren möchte, ist diskreter und in lauten Umgebungen merkt man wenigstens, dass ein Anruf kommt, den man sonst verpasst) -, in Kneipen hörte man die besseren Hälften der Menschen (evtl. auch beim Kellner, weil ein Witzbold von Gast so bestellte), im Bus, in Supermärkten, sogar in Wartezimmern bei Ärzten obwohl es wegen der medizinischen technischen Geräte und evtl. Störungen verboten war... Neulich im Bus klingelte ein Handy so oft, dass ich nachschaute, ob es nicht meines war und ob ich aus Versehen vielleicht den Klingelton umprogrammiert hatte. Ich bin ja anscheinend die einzige, die noch einen der normalen eingebauten Klingeltöne benutzt, so was ist inzwischen richtig individuell, denn es hat ja jeder einen Songtitel als Klingelton. Ist ja ganz witzig, aber Rammsteins „Sonne“ mit dem piepsigen Handy-Ton, ich weiß ja nicht, das klingt ja fast schon so schrecklich wie ein Blümchen-Remake von „Smoke on the water“ (na ja, man soll es nicht heraufbeschwören, Schwamm drüber)... Auch an der Kasse des Supermarktes klingelt es, als ich in der Schlange stehe, und verwundert sehe ich, dass ein ca. 10jähriger Knirps ein Handy aus der Tasche holt und offensichtlich mit Mutti telefoniert. Eine lustige Erinnerung ist auch eine ungewollte anonyme Frohe-Weihnachts-SMS, wobei der Schreibende davon ausging, dass ich seine Nummer hätte und ich somit wüsste, wer er sei. Als er das merkte, ging ein Suchspiel los, mit dem wir uns gegenseitig veräppelten. Ich versuchte beispielsweise mit “viel Spaß bei der Party”, zu der an dem Tag fast alle Saarländer aus meinem Bekanntenkreis gingen, herauszufinden, ob es ein Bekannter aus dem Saarland war oder nicht. So ging das in unregelmäßigen Abständen ein paar Monate lang. Sogar ein weiterer Freund Thomas rief von einer anderen Nummer aus dort an, damit man nicht erkennen konnte, dass er in meinen Umkreis gehört, und versuchte, herauszufinden, wer das Gegenüber war. Ein Jahr später kam noch eine SMS, und da ich als ehemalige Sekretärin mit Ordnung- und Ablage-Fetischismus-Berufskrankheit die Nummer unter “anonym” gespeichert hatte, konnte ich denjenigen nun aufklären, dass ich jetzt wüsste, von wem die anonymen SMSe damals kamen, was ihm anscheinend die Sprache verschlug. (Unter uns Pseudos: Der anonyme SMSer war Mupft, der zweite Anrufer Thomas ist bekannt als Ih-Dschieh.) Wieder andere Leute, die davon ausgehen, dass sie sowieso bei jedem im Telefonbuch stehen, schreiben auch SMS ohne Absender und werden nicht erkannt, aber das ist wieder ein anderes Thema. Ebenso wie SMS mit Sonderzeichen, die nicht jeder öffnen bzw. lesen kann und die damit doppelt für die Katz sind. Blöderweise hat das sonst so praktische Handy ausgerechnet, als ich es mal brauchen konnte, nicht funktioniert, nämlich als ich mich in Luxemburg verfahren hatte und die Gefahr drohte, zu spät zu einem Termin zu kommen. Inzwischen würde auch das funktionieren. Aber das war dann auch gar nicht nötig, denn beim Nachfragen an einer Tankstelle fand ich heraus, dass ich mich bereits in der gesuchten km-langen Strasse befand... (Und kommt jetzt nicht mit: “Frauen und Wege finden”, ich kenne auch genügend Männer, die fünfmal um einen Ortsteil von Höchst im Odenwald herumfahren, über die über 60 km lange Strecke meckern, um dann auf dem Rückweg zu merken, dass der Weg eigentlich keine 20 km weit ist.) Leider gibt es auch genug Menschen, die glauben, sie seien die einzigen, die zu jeder Tages- und Abendzeit anrufen und frau sei ja nur für sie da und müsse sofort antworten. Seit einiger Zeit gibt es auch die 600-und-mehr-Zeichen-langen SMSe, die bei mir als mehrere verteilt ankommen. Glücklicherweise ist inzwischen bekannt, dass ich kein SMSer bin und eigentlich nie darauf antworte. Nur die Werbetreibenden, die mir u.a. mitteilen, dass ein Smart auf seinen Gewinner wartet, wissen das noch nicht. Seit ein paar Monaten mache ich mein Handy auch nur tagsüber an, und auch dann nicht immer. Also bin ich wieder am Anfang – frei von ständiger Erreichbarkeit und trotzdem glücklich dabei. Back to the roots. :-) Trotzdem hebe ich jetzt ein Glas
– ach nein, habe keinen Stoff da – also einen Riegel Schokolade auf das
Handy: Happy Birthday – bist ja doch eine gute Erfindung, dass die
Menschen
es mal wieder übertreiben, war ja abzusehen, ist ja in anderen
Lebensbereichen
genauso. Immerhin kann man es sich heute kaum noch vorstellen, wie das
Leben ohne war, oder? |