Moderne Zeiten oder: Die Segen des Internets

Was wären wir ohne die segensreichen praktischen Erfindungen wie Mail, Internet, Handy? Unvorstellbar, wie wir damals ohne das alles leben konnten. Wusste ich doch vorher nichts von der schönen neuen Welt im Internet, von den vielen verheißungsvollen Angeboten, die mich in 30 Tagen zur Millionärin machen, von den vielen Verehrern, die mir loveletters-for-you.txt schicken u.v.m., von diesen Mutter Theresas und Ghandis des W3, die mich dank Website, Suchmaschineneinträgen, Newsgroupsbeiträgen oder Adressangaben auf irgendwelchen Webseiten endlich aus der virtuellen Einsamkeit erlösen können.

Die vielen tollen Job-Angebote, die bei näherem Hinsehen auf die – wenn überhaupt vorhandenen - Daten zu Tage bringen, dass 1 Milliarde Umsatz pro Jahr bei 1 Million Vertreter erwirtschaftet wird. Da hat jeder 1.000 DM verdient – na prima, das reicht doch, um ein Jahr in Saus und Braus zu leben... Hinzu kommen die Spielcasinos, die mich noch reicher machen, und die geilen 18jährigen, mit denen ich das Geld gleich wieder verpulvern kann, denn was soll ich dann noch arbeiten... Ja, ich bin schon ganz scharf drauf, als Hetero-Frau...

Diese immergeilen Mädels (vermutlich die Oma aus Polen, die Geld dazuverdienen möchte) schreiben eifrig Replys“ oder dass jemand Kontakt zu mir sucht, nachdem sie mich im Supermarkt gesehen oder mit mir gechattet hat (kann gar nicht sein, so viel Zeit habe ich nicht mehr, muss doch den ganzen Tag den Werbe-Müll von den wichtigen Mails sortieren), sie suchen eine zärtlich-leidenschaftliche Nacht nur mit mir, ihrem erotischen Traum (und das sagen sie mir gleich auf mehreren E-Mail-Adressen) und fordern mich auf, 01 03 30 19 00 anzurufen. (01033 ist die Telekom, 0190-0 ist je nach Anbieter schweineteuer oder verdammt teuer). Hinzu kommen die sich ausweinenden Männer, die jetzt einen saufen gehen, weil sie Kummer über ihre fremdgehende Ehefrau haben, was man sich bei einer bestimmten Website auch ansehen kann; die Mails an Hans-Jürgen, der angeblich ein Passwort für die Sexseite oder den Job-Tip eines Freundes bekommt (danke, suche keinen, äh, Job); die gewichtsreduzierenden Produkte (hey, ich bin nicht dick!) sowie Penisverlängerungen (also irgendwie habe ich da in Bio was verpasst, oder sollte ich einem kleinen unbedarften 5jährigen Mädel glauben, das auf die Frage eines gleichaltrigen Jungen, wieso sie keinen Schniedel habe, antwortet: „Wenn ich älter bin“). Die hilfesuchende 3.-Welt-Kinder, die angeblich jeweils einen Cent von einer versandten SMS über einen bestimmten Mobilfunkbetreiber bekommen, Kettenbriefe, Suchmaschinen-Eintrags- und Websitepflege-Angebote, Umleitungen von harmlosen Seiten auf Sex-Anbieter-Seiten, Fragen nach USA-Erfahrungen in einem Selbständigen-Forum mit Link auf eine US-Homepage, die sich als deutsches Werbesammelsurium entpuppt, nicht zu vergessen. Kaffeemaschinen und Afterwork-Parties runden das Angebot ab, muss ja schließlich auch wach bleiben und mitfeiern, um das viele Geld, das ich im Netz verdiene und das ich sonst nirgends loswerde, verprassen zu können.

Kurz, hier gibt es alles, was das Herz begehrt. Ob es einen interessiert oder nicht. Am besten noch in klicki-bunti mit Dateianhang, damit die Mails schön groß werden.

Also fängt man irgendwann an, zu filtern, Anbieter wie GMX filtern zu lassen oder sich diesbezügliche Programme zu besorgen. Da kommt man aber kaum nach mit dem Nachstellen der Filter, so dass man bald mehr Zeit damit verbringt als für die eigentliche Arbeit, schon alleine aus sportlichem Ehrgeiz für den Austausch mit anderen Geschädigten, was wiederum auch wieder die Anzahl der Bekannten im „Real Life“ mit gleichen Interessen steigen lässt.

Da höre ich die ersten Geschichten von Ehefrauen, die Amok laufen, weil sie nicht glauben, dass der arme Ehemann tatsächlich nichts für solch ein Mail kann. Manche Männer sind vielleicht auch froh, ihr morgendliches nervendes „Du liebst mich nicht mehr!? Du beachtest die Zeitung mehr als mich!“ loszuwerden.

Aber dann, als ich glaube, endlich meinen Laden im Griff zu haben, schlägt bei mir ein Wurm ein. Und das auf einer Adresse, die eigentlich nur Bekannte haben dürften... Na gut, mit harmlosen Hoax-Viren, die z.B. so viele Fenster öffnen, bis das Programm abstürzt, habe ich schon mehr als einmal die Bekanntschaft gemacht. Die Hacker hatten wohl mal wieder Langeweile am Wochenende, vielleicht war ja Stromausfall und die Freundin gerade nicht da, oder der TV-Kabel-Anbieter hat das Angebot gekappt...

Aber diese Datei bringt mir unwürdigem nichterkennenden User neue Erkenntnisse, kommt doch ein Maildemon von meinem Postmaster und hat zwei Dateianhänge über eine unzustellbare Mail von mir an einen unbekannten Mitmenschen. Wahnsinn, bin ich inzwischen mit mehreren Persönlichkeiten ausgestattet, die nicht mehr wissen, wem sie mailen? Dann auf zu neuen Ufern und Bekanntschaften...

Ratsuchend in einem Spezialisten-Forum erfahre ich, dass nicht nur alle Header gefälscht sind (warum sollten Werbetreiber ihre richtigen Adressen angeben, anonymer Sex ist doch viel schöner), sondern dass der eigentliche Absender sicher gar nichts davon weiß. Ich lasse mich überreden, diesem eine Warnung zu schicken und das mache ich dummerweise von einem bisher werbefreien Mail-Account aus. Und – da waren’s nur noch zwei (der sauberen Adressen). Denn prompt folgt eine Mitteilung eines wohlmeinenden Spielcasinos im Web, das Geld zu verschenken hat.

Sollen die in Zukunft ihre scheiß Viren selbst behalten, ich kapituliere... Ich werde mich jetzt nicht mehr aufregen, schreien, in den Tisch beißen, aus dem (Keller-)fenster springen, mich hinter’n Zug schmeißen, von der Brücke über dem Bach springen, mit meinem Fahrrad Amok laufen, laut die Texte von Slipknot oder – noch schlimmer - Michelle mitsingen, um die Nachbarn auch leiden zu lassen, sondern nur löschen, was unaufgefordert kommt, keine  Dateianhänge von Fremden öffnen, meinem Virenscanner vertrauen und sonstige Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Außerdem ist ein Gesetz geplant, dass Versender pro Spam-Mail 10 EUR zahlen müssen. Na, das wäre doch ein nettes Zusatzeinkommen, besser als jedes Schnellballsystem-Angebot, bei den wöchentlichen ca. 50 Mails, Faxen und Anrufen von netten Mitmenschen, die meinen, mich interessieren Zeitungsabos oder Finanzierungsangebote (denen sage ich wahlweise, dass ich kein Geld habe, kann ja nichts verdienen, weil ich den ganzen Tag solche Typen wie ihn abwimmeln muss oder dass ich gerade mit meinen Lotto-Millionen auf dem Weg in die DomRep bin), sowie  SMS (von D2 und Mc Doof, auch erfahre ich, dass ein einsamer Smart einen Gewinner sucht). Für solche verbotenen Anrufe empfehlen Profis übrigens verbinden und dann in der Warteschleife hängen lassen oder höfliches Nachfragen nach dem zuständigen Ansprechpartner für die Abmahnung... Und auch mein bisher armer unbedarfter Anrufbeantworter-Sklave schließt neue Freundschaften, bekommt er doch Nachrichten hinterlegt wie „wenn Ihr Auto aus dem Inserat noch da ist, rufen Sie mich doch bitte unter Null Neunzehn Null Achtzig (01908) zurück...“

Das hindert auch eifrige Spammer nicht daran, mir für 4,99 $ 1 Mio. Mail-Adressen anzubieten (brauche ich nicht, die habe ich bald selbst alleine verbraten, sind also sicher zu 99% von mir oder Bekannten) oder mir lang und breit zu erklären, dass das keine unerlaubte Spam ist, da sie nur Infos schicken, wenn ich zurückschreibe.

Wie schon gesagt, wie schön, dass heute alles so schnell geht. Mails kommen nach einer Minute bei mir an, Kunden können Dinge erledigt bekommen, die sie selbst schon wochenlang vor sich herschieben, gleichzeitig klingelt das Handy, und auf dem Festnetz mit ISDN und zwei Leitungen kommt ein „wichtiger“ Anruf einer Bekannten, die ganz dringend den Tratsch aus dem Bekanntenkreis loswerden will, dass Sabines One-Night-Stand nicht angerufen hat und dass sie um 16 Uhr auf dem Klo war... Auch Sachen, die vergessen wurden, auf Einkaufslisten zu setzen, kann man schnell nachreichen, was bei einem Camp mit 30 Leuten zu zwei bis drei SMS pro Einkaufsfahrt in den nächsten Ort führen kann. Ja, Stausee-Mitcamper, fühlt Euch angesprochen. :-)

Ich werde wohl bald eine einsame Hütte in den Bergen suchen und abgeschottet von der Umwelt leben, aber wahrscheinlich kommt dann auch bald ein Vertreter, der mir den Himalaja für Mobilfunk und Internet erschließen will...