essay
"rendezvousprobleme"
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von wolfgang türk
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Ein Haus entwerfen, planen und konstruieren, es topographisch zu verorten, sein kontinuierliches Entstehen zu beobachten, um es letztlich in Besitz zu nehmen, entspricht jenem uralten Bedürfnis nach Bestand, Sesshaftigkeit und Solidität, nach Schutz und Geborgenheit in der Unstetigkeit einer als unberechenbar empfundenen Welt: Wer die Mauern aufstreben sieht, die dereinst das schirmende Dach tragen sollen, dem wächst das Bewusstsein, der entstehende Hort, die gebaute Zuflucht, könne vor dem Unbill des Lebens – zumindestens dem physisch erfahrbaren – dauerhaft Sicherheit geben.
Tassilos Sturms Architekturen sind eine Absage an die traditionelle Aufgabe des Bauens, das Haus als bloße Obhut für Wohnen, Unterkunft und Beschäftigung zu definieren. In seinen eigenwilligen Konstruktionen, die sich – als handle es sich um temporäre Modellbauten, die einer späteren Verwirklichung harren – unterschiedlicher Schutz- und Dämmstoffe, Verpackungs- und Isoliermaterialien bedienen, ist den potentiellen Bewohnern keine dauerhafte Stätte beschieden. Sie umreißen vielmehr Räume für Träume, Wünsche und Phantasien, aber auch Verunsicherungen, Zwänge und Urängste. Von beklemmender, klaustrophobischer Düsternis und Enge einerseits, von filigran verspielter Leichtigkeit andererseits, stets aber in insularer, ortloser Vereinzelung konzipiert, werden Tassilo Sturms Konstrukte zu Abbildern eines Unausgesprochenen, der subjektiven seelischen Befindlichkeiten, die des eigenen Behaust-Seins bedürfen.
In den von spärlichem Kunstlicht erleuchteten, verwinkelten Gängen des „Baus“, die das Auge der Kamera in angstvollen, unruhig flackernden Bewegungen durcheilt, wird die Traulichkeit des Wohnens in ein gespenstisches, fast kafkaeskes Szenario der Lichtarmut, Unübersichtlichkeit und der undefinierten Geräusche aufgelöst. Architektur gerät zu einem eigenen, Unheil suggerierenden Organismus, der sich der Enträtselung seines Geheimnisses durch Verunsicherung und Irritation des Eintretenden zu verweigern sucht.
Der Bodenhaftung entzogen, dem freien Schwebezustand anheimgegeben, scheint Tassilo Sturms kühnes Flugobjekt demgegenüber losgelöst von aller irdenen Gebundenheit die vorgegebenen Begrenzungen des Raums zu negieren, um ihm schwerelos entschweben zu wollen. Verfangen im schützenden Netz der Aufhängung, das gleichermaßen Sicherheit wie auch Gefangenschaft bedeutet, scheitert die Annäherung des außerirdischen Objekts an die angesteuerte Raumstation: der Vorgang des Andockens misslingt, das „rendezvousproblem“ ist sprichwörtlich Ausdruck einer tragisch gescheiterten Kommunikation. Ein wundersames Flugvehikel, das in seinen ungezählten, in Windungen umschlossenen Kammern die Kopfgeburten der Kreativität beheimatet, ein fliegendes Schiff der Träume, das sich wie ein altes Kinderkarussell oder eine Jahrmarktsbude illuminiert, wie ein ausklingendes Gartenfest schimmert, dessen letzte Lampen den längst gegangenen Gästen wehmütig nachleuchten, eine Raumfähre, die in ein Reich der Illusionen mit unbekanntem Ziel entführen will, sich aber in den Fangstricken der Realität verhakt – ein solches Gefährt muss letztlich als eine große melancholische Metapher auf das Ringen des künstlerischen Ingeniums um die Freiheit der Phantasie verstanden werden.
Tassilo Sturms Konstruktionen sind Gegenentwürfe zum Realen, gebaute Utopien als Ausdruck einer individuellen Sichtweise von Welt, der sich das künstlerische Ego nur durch Fluchtburgen entziehen kann. In der Nicht-Betretbarkeit der Räume – sei es bedingt durch ihre Fragilität, ihre Ortlosigkeit oder ihre Virtualität – werden sie zu exterritorialen Refugien, zu Enklaven, die in paradoxer Verkehrung ihrer Unerreichbarkeit den Betrachter einladen, sie in Besitz zu nehmen, um den eigenen Ängsten und Sehnsüchten eine bergend-schützende Zuflucht zu bieten.