Hans Georg Noack: „Rolltreppe abwärts“

Das Buch „Rolltreppe abwärts“ von Hans-Georg Noack hat 217 Seiten und ist bei Ravensburger erschien. Es spielt 1971 und es geht darin um einen 13-jährigen Jungen, der sich nicht in die Gesellschaft einzufinden weiß. Außerdem handelt es von der Intoleranz der Menschen und ihrer Ausgrenzung ihm gegenüber, wobei viele Vorurteile aufgegriffen werden, durch die sie nicht seine Hilfsbedürftigkeit erkennen.

Jürgen-Joachim Jäger lebt mit seiner Mutter allein, da seine Eltern geschieden sind und sein Vater weggezogen ist. Er war darüber nicht sehr traurig, vielleicht sogar froh, dass der ewige Streit endlich aufhört. Doch seine Mutter, die nach der Scheidung glücklich zu sein schien und sich auch mehr für ihren Sohn interessiert hat, wird von ihrer Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft zunehmend müde, gestresst und leicht reizbar. Sie distanziert sich immer mehr von ihrem Sohn, was zu einem schlechten Verhältnis der beiden führt. Seit sie einen neuen Freund hat, ihren Chef Albert Möller, ist es auch nicht besser. Dazu kommt, dass ihr Sohn ihn nicht ausstehen kann. Jochen, wie seine Freunde sagen und wie er sich selbst auch zu nennen pflegt, ist sehr verschlossen und zurückhaltend. Als er eines Tages seinen Schlüssel verloren hat und nicht in die Wohnung kann, weil die Mutter bis Abends arbeitet, geht er in ein Kaufhaus. Er bekommt von seiner Mutter kein Taschengeld, was ihn kurzerhand dazu verleitet, Bonbons zu klauen. Ein Junge, der 15-jährige Axel Gernau, sieht ihn dabei und so kommen sie ins Gespräch. Schon bald freunden sie sich an und treffen sich von da an jeden Nachmittag am Fuß der Rolltreppe. Sie können sich gut leiden und erzählen sich alles, doch Axels Freundschaft ist nicht unbedingt gut für Jochen, denn er fängt an zu rauchen und klaut Zigaretten. Er tut dies, weil er vor dem zwei Jahre älteren Axel nicht als Feigling dastehen will. Eines Tages, Jochen ist mit Axel im Kaufhaus, fällt ihnen ein hübsches Mädchen auf, das sie auch bald ansprechen. Sie heißt Elvira und verspürt große Zuneigung gegenüber Jochen, der dies erwidert. Jochen ist zum ersten Mal richtig glücklich und fühlt sich nicht mehr so allein wie vorher. Für sie klaut er schon bald eine Halskette und später versucht er sich an einem Transistorgerät, wobei er jedoch erwischt wird. Da er jedoch erst 13 Jahre ist, ist er noch nicht straffähig. Doch als Elvira davon erfährt, will sie nichts mehr mit ihm zu tun haben und erzählt es überall herum. Von da an wird Jochen in der Schule ausgestoßen und verspottet. Irgendwann rastet er aus und schlägt einem Jungen mit einer Milchflasche auf den Kopf. Der Junge ist schwer verletzt und Jochen musst mit seiner Mutter zum Jugendamt. Seiner Mutter wird geraten, ihn für unbestimmte Zeit in ein Fürsorgeheim zu geben. Das tut sie. Seitdem hasst Jochen sie und zeigt das auch deutlich. In dem Heim fühlt er sich total fehl am Platz. Der Erzieher dort, Herr Hamel alias Hammel, ist sehr streng und Jochen fühlt sich unterdrückt. Herr Hamel hängt an jeden Schrank eines jeden Neuen ein Blatt aus einem Hundekalender und so nennt er sie dann. Jochen heißt Boxer. In seiner Gruppe gibt es noch Dackel, Pudel, Cocker, Terrier, Pinscher, Dogge und Windhund. Hammels Vorstellung, wann man einen Jungen entlassen könne, ist, wenn man ihn klein gekriegt hat. Er verlangt Einordnung, Unterordnung und Gehorsam. Aus Jochens Sicht ist das sehr erniedrigend, was der Grund ist, weshalb er Hammel mit Sturheit und Trotz begegnet. Jedoch darf man nicht alle Schuld dem Erzieher in die Schuhe schieben. Jochen ist sehr verschwiegen und zeigt keinerlei Reue. Stattdessen schiebt er alle Schuld auf seine Mutter und meint, er sei hier, weil sie ihn loswerden wollte.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weitererzählen, doch Jochen erlebt noch viele Dinge in dem Heim. Die meisten sind negative, doch manche sind auch schön für Jochen. Ich kann mich zwar mit Jochen in keiner Weise identifizieren, da ich zum Glück nicht in seiner Lage bin und auch nicht seine Probleme habe, doch kann ich seine Handlungen manchmal auch verstehen. Doch auch ebenso viele Male kann ich überhaupt nicht verstehen, wie er reagiert oder was er tut. Das macht das Buch auch meiner Ansicht nach so tragisch. Es steckt voller Überraschungen, man weiß nie, was als nächstes kommt. Doch es ist auch so, dass Jochen im Grunde von Natur aus zwar schüchtern, aber auch freundlich ist und dass er nur durch das Fehlverhalten anderer so aggressiv geworden ist und die Hemmschwelle zur Kriminalität übertreten hat. Man muss bei Jochen mit dem Wort kriminell vorsichtig sein, denn wenn er etwas tut, dann sind das eher verzweifelte Taten und er beabsichtigt nicht, kriminell zu sein. Trotz der Tragik ist es ein sehr gutes Buch, das es auf jeden Fall zu lesen lohnt. Der Schreibstil ist auch sehr gut, was das Buch auch interessant macht.

Hans-Georg Noack ist meiner Meinung nach ein sehr guter Schriftsteller und ich werde bestimmt noch andere Bücher von ihm lesen, von denen viele Auszeichnungen erhielten. Sein erstes Buch erschien 1955. Er trat auch als Übersetzer hervor. Die psychische Situation junger Menschen in unserer Gesellschaft beschäftigt ihn viel. Doch die Behauptung, dass er alles mit Humor verbindet, muss ich dementieren, denn in „Rolltreppe abwärts“ kommt kein Humor vor. Außerdem trifft die Aussage, dass seine Bücher auch dann, wenn sie ernsthafte Konflikte aufgreifen, ein positives Ende haben, das Hoffnung macht, nicht auf „Rolltreppe abwärts“ zu. Die Botschaft von diesem Buch ist ein Appell an z.B. solche Menschen wie Herrn Hamel oder wie Jochens Mutter. Sie besagt, dass man Menschen wie Jochen, die Hilfe brauchen, diese Hilfe nicht verweigern soll und nicht versuchen soll, sie klein zu kriegen. Man muss sich um sie kümmern. Hans-Georg Noack ist dies gut gelungen und die Botschaft ist eindeutig zu verstehen. Die Figuren sind zwar ausgedacht, doch in der Wirklichkeit gibt es solche Fälle, bei denen die Gesellschaft versagt, immer wieder und überall.

Franziska Diesing (8d)                                                                                           zurück zur Übersicht