Die Wohnung von Josella Stolz ist wirklich gemütlich: abgeschliffene Dielen, frisch verputzte Wände, in Schwammtechnik gelb und rosé getüncht, was ganz zart aussieht - einfach wunderbar. In der Küche liegt Laminat, Buchenholzimitat, und durch die großen Fenster scheint die Sonne auf zwei leuchtend gelbe Vorhänge. Es gehört schon einiges handwerkliches Geschick dazu, eine Wohnung so herzurichten. Nun hat die 51-Jährige zwar viele Talente, aber die Renovierung von Wohnungen gehört nun ausgerechnet nicht dazu. Doch das ist nicht ihr Problem, denn Josella Stolz ist die Gründerin des Tauschringes Charlottenburg und irgendein anderes Mitglied dieser Nachbarschaftsbörse hat garantiert handwerkliches Geschick. Und deshalb wohnt Frau Stolz so schön.
Wie so etwas funktioniert? Die Idee sei doch so alt wie die Gesellschaft selbst. Jeder stelle sein Potenzial der Gemeinschaft zur Verfügung und erhalte deshalb etwas von der Gemeinschaft zurück, erklärt sie. Irgendwann sei anstelle der direkten Leistung dann das Geld getreten. Der Tauschring sei also gar keine Neuerfindung, sondern gehe zurück auf das Ursprüngliche und sei eigentlich ein Anachronismus. Menschen bringen sich in die Gemeinschaft ohne Druck des Arbeitsmarktes ein, und erhalten dafür die tauschringeigene Währung «Taler».
Dieses Guthaben können sie dann bei anderen Mitgliedern eintauschen. Die auf den Konten verbuchten Soll- und Habenstände stellen moralische Verpflichtungen dar. «Das Gute ist: Man tauscht nicht direkt. Jedem Partner steht der gesamte Pool des Tauschringes zur Verfügung», und sie fügt hinzu: «Der Tauschring lebt von einer Balance zwischen Geben und Nehmen.» Deshalb gebe es auch ein Limit für Soll und Haben. «Tauschringe sind doch nur deshalb auf der Bildfläche erschienen, weil viel Wissen und Können brachliegen», sagt sie.
Die Liste der angebotenen Waren und Dienstleistungen mit den jeweiligen Adressen und Telefonnummern steht in der Tauschzeitung, die monatlich jedem Mitglied zugestellt wird. Heidi etwa bietet Übersetzungen vom Italienischen und Englischen ins Deutsche an, während Helga Kranke und Kinder betreut. Jens kann klempnern und Sylvia ist im Ändern von Kleidern ein Ass. Christoph berät in homöopathischen Fragen, wo hingegen Klaus eine Laienschuldnerberatung anbietet, Motto: «Wie lebe ich gut und unbekümmert mit Schulden.»
Mara erläutert einen anderen Aspekt des Systems: «Ich habe über den Tauschring viele Freunde gefunden und außerdem gibt mir die Gemeinschaft das Gefühl, gebraucht zu werden.» Ihr Angebot reicht von Unterricht im Mandolaspielen über Kurse im kreativen Schreiben bis zum «Verkauf» von selbstgemachten Seidentüchern. Für die Taler, die sie erhält, führt ein anderes Mitglied, Markus, sie in die Geheimnisse des Internets ein.
«Der Kontakt zwischen den Menschen spielt eine große Rolle beim Tauschring», sagt Mara. Und dies spiegele sich auch in der Zeitung wieder. Unter der Rubrik «Aktivitäten», sucht Mona etwa Menschen für Fahrradtouren ins Berliner Umland. Bernd möchte über das Leben plaudern und Erfahrungen seiner Kindheit preisgeben. «Gerade für allein stehende Frauen ist es eine tolle Sache. Wenn ich etwa sperrige und schwere Sachen in meine Wohnung transportieren muss», so Mara. Allerdings gebe es ein Problem, sagt sie augenzwinkernd: «Wir haben einfach zu wenig Männer.» Die seien oft nur mit ihrer Karriere beschäftigt und hätten für Nachbarschaftshilfe relativ wenig Verständnis und vor allem wenig Zeit.