Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Brian Lavery - The Ship of the Line. Vol. I: The development of the battlefleet 1650 - 1850.


 Die Seekriege, Seeschlachten und Zweikämpfe auf See zwischen 1775 und 1815
Die Seekriege, Seeschlachten und Zweikämpfe auf See zwischen 1775 und 1815

 Robert Surcouf et ses frères

Robert Surcouf

* 12. Dezember 1773 in Benic nahe St. Malo, Frankreich - † 8. Juli 1827 in St. Malo, Frankreich

Was bleibt von der Legende ?

Die Seekriege in der Ägide Napoleons haben viele Heldenlegenden hervorgebracht. Alle überragend kennt man natürlich den Sieger von Trafalgar, Großbritanniens Lord Nelson. Doch jede Nation hatte ihr See-Idol. Spanien hatte seinen Churucca, Dänemark seinen Peter Willemoes, die USA ihren John Paul Jones oder Stephen Decatur. Frankreich erinnert sich z.B. gern an Suffren, aber ganz besonders an den buchstäblich legendären Robert Surcouf. Keine andere Gestalt ist derartig von Legenden, Anekdoten und Heldengeschichten umrankt wie der französische Korsar, der Anfang des 19. Jahrhunderts der Legende nach die Briten erzittern ließ. Tollkühn und listig soll er gewesen sein, ein Patriot ohne Makel, der sich nicht vom napoleonischen System vereinnahmen ließ und auch sonst eher einem Robin Hood der Meere glich, der den perfiden Briten nahm und den hungernden Franzosen gab. Diese Legende ist auch in neueren Publikationen ungebrochen. Allein - für einige seiner großen Taten fehlt jeglicher historischer Nachweis, andere wiederum sind grandios übertrieben dargestellt worden, bei wieder anderen war lediglich eines seiner Schiffe verwickelt, er selbst aber gar nicht an Bord. Und für den Seekrieg seiner Zeit hatte er verschwindende Bedeutung. Aber: Nicht alles, was man aufgrund schlechter Erfahrungen mit einigen der o.g. Helden auf den ersten Blick für eine Übertreibung hält, war tatsächlich übertrieben !

Das letzte Gefecht der GLORIOSO

Robert Surcouf wurde am 12. Dezember 1773 in St. Malo geboren und stammt der Legende nach aus einer Familie berühmter Korsaren. In der Tat war die gut befestigte Hafenstadt St. Malo schon seit dem 16. Jahrhundert traditionell ein Hafen für Freibeuter. Ganze Familien lebten im Verlaufe der Jahrhunderte vom "privateering". Tatsächlich dürften zu Surcoufs Zeiten dort nur wenige Menschen gelebt haben, in deren Stammbaum nicht mindesten ein Ahne auftauchte, der seine Brötchen mit der Jagd nach Handelsschiffen fremder Nationen verdient hatte. Das mühsame, riskante und nur selten hochprofitable Geschäft war freilich für nicht wenige Einwohner von Hafenstädten oft der letzte Rettungsanker in Krisen, um ihre Familien durchzubringen. Und diese Männer führten keine stolzen Windjammer, sondern meisten kleine Einmaster, oft sogar nur segelnde Ruderboote. Ihre Beute waren keine millionenschweren Dreimaster aus Indien, sondern Tartanen, Lugger oder bestenfalls Briggs kleiner Händler, selten mit mehr als einem Dutzend Mann Besatzung. Nur wenige dieser Korsaren waren Kapitäne, kaum einer machte sein Glück damit. Und vielleicht ist das eines der Geheimnisse um die Entstehung der Legende Surcoufs, denn er sollte ein Held... des freien Unternehmertums werden.
Zunächst aber war der kleine Robert ein wildes Kind, kaum zu bändigen in der Jesuitenschule, die der 13jährige schließlich verlassen mußte, weil er sich zu oft prügelte oder weil er zu aufsässig war. Ein "Priesterseminar" hat der spätere Reeder freilich nie besucht, seine Ausbildung blieb auf das Notwendigste beschränkt. Es gibt übrigens keinen historischen Nachweis dafür, dass der junge Surcouf von daheim weglief und ein Boot stahl, um seiner Bestimmung als Korsar entgegenzusegeln. Auch wird die offenbar erzieherische Notmaßnahme seiner Eltern, den "wilden Jungen" schließlich zur See zu schicken, oft zum Drang des pubertierenden Jugendlichen zur Seefahrt gemacht. Angeblich machte er mit 13 Jahren seine erste Seereise auf der HERON. Ein historischer Nachweis dafür wird aber nirgendwo genannt. Tatsächlich suchten die Eltern offenbar noch viele Monate lang nach anderen Lösungen, bevor sie zum letzten Mittel griffen. Ob er nun als 13jähriger oder 15jähriger zur See ging: Robert Surcouf hatte wohl keine Wahl, als er im März 1789 als ungelernter Matrose an Bord des Handelsschiffes AURORE ging, um seine erste Fahrt in den bzw. im Indischen Ozean zu machen. Mitnichten lernte Surcouf also sein späteres Handwerk bei der Kriegsmarine.
Begabt, wenn nicht sogar hochbegabt, war Surcouf jedenfalls, denn er erreichte unter der Patronage des Masters (hier: Kapitän) der AURORE schnell die Meriten, die nötig waren, um ein Schiff zu steuern und zu navigieren. Weniger betont wird in den Biographien Surcoufs, dass er, wie viele Seeleute seiner Zeit, natürlich auch mit dem noch nicht besonders profitablen Sklavenhandel zu tun hatte. Gerade Frankreichs Kolonie auf Hispaniola, Saint Domingue, hatte einen großen Bedarf an Sklaven aus Afrika, weil die ansässigen Pflanzer ihre Arbeiter mit unglaublicher Brutalität verschlissen. Auch auf den Inseln Mauritius und Reunion wurden Massen von Sklaven auf den Plantagen eingesetzt. Es war damals sogar billiger, einen neuen Sklaven zu kaufen als einen weniger arbeitstüchtigen Mann durchzufüttern. Um nicht falsch verstanden zu werden: Sklaven waren für das Schiff, auf dem Surcouf fuhr, lediglich eine Gelegenheitsfracht. Die meisten Fahrten machte der spätere Korsar im Indischen Ozean, zwischen Mauritius, Indien, Indonesien und Madagaskar.
Bei einer Heimreise nach Frankreich kam Surcouf zum ersten Mal überhaupt mit der o.g. Kriegsmarine in Berührung, damals noch in königlichem Dienst. 1791 nützte er die Reise der französischen Korvette BIENVENUE als Ticket nach Frankreich, indem er sich als Maat anheuern ließ - ein damals üblicher Weg für Seeleute, um ansonsten kaum erschwingliche Passagen zu "bezahlen". Das Schiff wurde bei seiner Ankunft 1792 in Frankreich außer Dienst gestellt und blieb das einzige Kriegsschiff, auf dem Surcouf jemals fahren sollte.

  A Dictionary of Military History (and the Art of War)

A Dictionary of Military History (and the Art of War)


von Andre Corvisier, John Childs, Chris Turner
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 944 Seiten - Berlin Verlag
Erscheinungsdatum:1994

Ende 1792 erreichte Surcouf als Offizier bzw. stellvertretender Kommandant auf der Handelsbrigg CREOLE Mauritius und hatte kaum seinen ersten Turn zwischen der Insel und den Seychellen gemacht, als ihn 1793 der Krieg gegen England auf der Insel überraschte. Der Gouverneur der Insel, Joseph Malartic, stellte nun eine Art maritime Bürgerwehr auf und verlieh Surcouf den Rang eines Fähnrichs. Dieser Rang war natürlich lokal begrenzt auf die Gewässer der Insel. Die Legende machte daraus prompt eine Beförderung zum Leutnant in der Kriegsmarine. Tatsächlich konnte die Befehlsgewalt eines ensign de vaisseau in der republikanischen Kriegsmarine ungefähr der Befehlsgewalt eines jungen (bzgl. des Dienstalters) Leutnants in der englischen Royal Navy entsprechen. Ein lieutenant de vaisseau dagegen konnte sogar eine Fregatte kommandieren. Vielleicht entstand aus Überschätzung der Maßnahme Malartics und der Verwirrung der militärische Ränge die Vorstellung, Surcouf habe damals einen höheren militärischen Rang erhalten. Und vielleicht resultiert aus dieser Kaskade von möglichen Mißverständnissen auch die Legende von der ersten Schlacht des späteren Korsaren:
Am 19. Oktober 1794 versuchte ein auf der Insel Mauritius stationiertes französisches Fregattengeschwader unter Kommodore Renaud, die britische Blockade der Insel zu eliminieren und lieferte sich ein Gefecht mit zwei schweren britischen Fregatten. Details dieser Seeschlacht kann der geneigte Leser hier nachlesen. Die Legende erzählt nun, man habe Surcouf als zweiten Offizier auf der französischen Fregatte CYBELE (40 - Treouart) eingesetzt. Man habe die Briten zurückgeschlagen und es gibt Autoren, die die Phantasie noch weiter spinnen: Surcouf wäre der Held des Tages gewesen. Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass sich Surcouf zu diesem Zeitpunkt überhaupt auf Mauritius aufgehalten hat. Außer einer unbelegten Andeutung eines der Schöpfer der Legende, Charles Marie Cunad ( Histoire de Robert Surcouf, Capitaine de Corsaire, publiée d'apres des documents authentiques ), Surcouf habe diese Schlacht mitgekämpft, gibt es kein Indiz, dass der mauritianische Fähnrich überhaupt irgendetwas mit dem Gefecht zu tun gehabt hätte. Noch unwahrscheinlicher ist sein Einsatz als zweiter Offizier auf einer großen Fregatte der französischen Kriegsmarine. Wer den Seekrieg dieser Zeit etwas studiert, wird sehr schnell zu dem Schluß kommen, dass Surcouf, sollte er tatsächlich vor Round Island gefochten haben, dies bestenfalls als Freiwilliger getan hat - was ihm nun gar nicht ähnlich gesehen hätte. Sein ganzes Leben hatte er Probleme, sich Autoritäten oder einer Obrigkeit unterzuordnen. Und weil es während des gesamten unentschiedenen Gefechts keine Tat von herausragender Bedeutung gegeben hat, gab es auch keinen Helden des Tages.

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Es ist viel wahrscheinlicher, dass Robert Surcouf zu diesem Zeitpunkt bereits wieder geschäftlich tätig war. Der Transport von Sklaven von Afrika nach Mauritius und Reunion wurde gerade wieder lukrativ, denn die französische Republik hatte zu diesem Zeitpunkt den Sklavenhandel verboten. Nachweislich geriet Surcouf, inzwischen der Master einer Brigg, wegen zumindest einer Fahrt vorübergehend ins Visier der Behörden, die dem Sklavenschmuggler auf der Spur waren. Das genannte Delikt war damals nicht ungewöhnlich und wurde nicht konsequent verfolgt. Zu groß war der Druck der einflussreichen Pflanzer von Mauritius, als das die Behörden es gewagt hätten, die Quelle für die wichtigen, billigen Arbeitskräfte nachhaltig zu verstopfen.
Eher wegen nachlassender finanzieller Anreize als der Mißbilligung der Behörden wechselte Surcouf das Metier. Investoren auf Mauritus boten ihm das Kommando über ein Schiffchen von 180 Tonnen an. Die EMILIE (4), ehemalige MODESTE, hatte eine Besatzung von 30 Mann und verfügte über vier Sechspfünder-Kanonen. Offiziell war sie ein Reistransporter und Schildkrötenjäger, inoffiziell aber ein Kaperschiff. Die französische Republik verteilte zu diesem Zeitpunkt nur wenige Kaperbriefe. Surcoufs Schiff bekam keinen - sei es, weil dies gerade die Politik der Republik war, sei es, weil Surcoufs EMILIE nicht den Anforderungen für ein Kaperschiff genügte.
Der Privatier (Kaperfahrer) ließ sich davon nicht beirren und stach ohne letter of maquee (Kaperbrief) in See, Kurs Seychellen, um Schildkröten zu "jagen". Über das Datum des Beginns seiner Kaperfahrten gibt es Verwirrung: John Knox Laughton u.a. datieren seine Abreise auf den 3. September 1795, für andere Quellen ist dies der Tag seiner Ankunft vor Mahe (Seychellen). Wie auch immer, auf Reunion nahm er noch eine Handvoll Männer an Bord und auch vor Mahe (7. Oktober 1795 ?) sammelte er keine Schildkröten, sondern bekam weiteren Zuwachs für seine Crew. Die Zahl der Männer dürfte sicher nicht groß gewesen sein, ihre und Surcoufs Absichten waren aber spätestens jetzt, sich als Kaperfahrer zu betätigen, denn er setzte Kurs nach Osten. Vor den Andamanen machte Surcouf seinen ersten Fang, einen Holztransporter mit dem Namen PENGUIN. Vor den sogenannten Sand Heads, sehr flachen Gewässern tief in der Bucht von Bengalen, nahm er am 19. Januar 1796 die Reisschiffe RUSSEL und SAM BORLASE. Als sein vermutlich wichtigster Fang aber sollte sich an gleicher Stelle die Lotsen-Brigg CARTIER entpuppen, denn vermutlich war sie der Schlüssel zu einem seiner größten Coups. Surcouf schickte die EMILIE mit den Prisen nach Mauritius und wechselte auf die Brigg, ob bereits mit Überlegung oder weil sie das bessere Schiff war, ist unbekannt.
Am 28. Januar 1796 konnte er den DIANA Reistransporter mühelos kapern und machte vielleicht die Erfahrung, dass er sich mit der schnellen Lotsen-Brigg, womöglich sogar unter Lotsen-Flagge, sehr nahe an die Schiffe heranpirschen konnte.

Verblüffende Siege: Die größten Überraschungscoups der Kriegsgeschichte von Hans Dieter Otto

Vor Balasore, noch immer in der Bucht von Bengalen, lag ein Schiff der ostindischen Kompanie (HEIC), die TRITON, vor Anker. In manchen Quellen wird aus dem 570-Tonnen-Schiff ein ausgewachsener Ostindienfahrer. Um die Verhältnisse deutlich zu machen: Ein richtiger Ostindienfahrer hatte ungefähr Linienschiffgröße, die TRITON hatte ungefähr die Maße einer kleinen Fregatte. Doch auch, wenn die TRITON, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, "lediglich" ein sogenanntes countryship war, so war sie doch ein fetter Fang und eigentlich gänzlich ungeeignet als Beute für die zierliche Brigg und ihre kleine Besatzung. Immerhin hatte das britische Schiff um die zwanzig Kanonen an Bord, wenngleich sicher keine sechsundzwanzig 18-Pfünder, wie die Legende behauptet, sondern bestenfalls 12-Pfünder. 150 Mann waren an Bord und dürften Surcoufs Crew an Zahl um ein Mehrfaches übertroffen haben. Doch als der französische Freibeuter-Frischling am 29. Januar 1796 die TRITON genau ins Auge fasste, erkannte er eine Chance. Es war ein heißer Nachmittag und seine Brigg wurde zuerst vermutlich für das Lotsenboot gehalten. Ein Großteil der Passagiere und Besatzung dürften sich in der lähmenden Hitze unter Deck zur Ruhe gelegt haben. Es war natürlich ein großes Wagnis, sich mit der kleinen Brigg unter die Breitseite des weit größeren Schiffes zu begeben, doch Surcouf hatte richtig spekuliert. Unbehelligt konnte er sich nähern und zuschlagen. Wer das obere Deck eines Schiffes kontrolliert, kontrolliert meistens auch das Schiff. Surcoufs Männer stürmten das Schiff, der Kampf mit den an Deck Verbliebenen war vermutlich recht kurz und blutig. Die Freibeuter fegten das obere Deck von Gegnern und mußten nur noch die Niedergänge schließen, um zu triumphieren. Surcoufs Crew hatte nur einen Toten und einen Verwundeten, die Briten verloren Kapitän Burnyeat und vier Männer, sechs weitere wurden verwundet. Es war ein außerordentlicher Coup, der den Namen Surcoufs im Indischen Ozean bekannt machen sollte.
Im März 1796 kam der erfolgreiche Jungunternehmer auf der TRITON zurück nach Mauritius und wurde natürlich mit großem Hallo empfangen. Überaus willkommen waren auch die eroberten Schiffe bzw. deren Ladungen auf der zeitweise von den Briten blockierten Insel Mauritius. Doch die Freude der Einwohner der Insel war trügerisch. Die Prisen Surcoufs wurden vom Staat beschlagnahmt, weil der Korsar sie ohne einen Kaperbrief eingebracht hatte. Die Beweislage war eindeutig, die Angriffe auf die Schiffe waren nach dem Recht aller Länder Piraterie. Surcoufs Beschwerden beim Gouverneur, man habe ihm den Kaperbrief zu Unrecht verweigert, fruchteten nichts, aber er gab nicht auf. In Paris, so hoffte er, würde man ihm am Ende doch Recht geben.

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Surcoufs Reise nach Paris war erfolgreich. 1798 beauftragte der Rat der Fünfhundert eine Kommission, vor der der Fall verhandelt wurde. Die drei Bürger Villaret-Joyeuse, Boissy-Anglas und Mersau billigten die Auszahlung der Prisengelder. Die Entscheidung zugunsten des erfolgreichen Freibeuters war offenbar so absehbar, dass dieser schon zuvor ein Schiff kaufen konnte. In dieser Zeit fand Surcouf in Paris offenbar auch einflussreiche Förderer, die freilich im Hintergrund blieben, jedoch an seinen späteren Erfolgen zumindest finanziell partizipierten und ihm später in seinen rechtlichen Angelegenheiten beistanden.
Der Freibeuter aus dem Indischen Ozean hatte also in seinem neuen Geschäft eine steile Karriere gemacht. Sein neues Schiff, die CLARISSE, führte vier 12-Pfünder-Kanonen, zehn 8-Pfünder, und hatte eine Besatzung von 140 Mann, die der erfolgreiche Kaperfahrer handverlesen konnte. An Bord kam auch Nicolas Surcouf, ein Bruder des Kapitäns.
Auf der Rückreise nach Mauritius machte die CLARISSE ihre ersten Prisen. Besonders eine vor Rio de Janiero gefangene portugiesische Brigg sollte im Verkauf viel Geld bringen. Ein erfolgreiches Artillerieduell mit einer schließlich vertriebenen englischen Fregatte (!) aber ist schlicht erfunden. Wer die Aktionen der britischen Fregatten auf Seeschlacht.tk studiert, wird angesichts einer solchen Geschichte einfach schmunzeln. Möglicherweise geriet die CLARISSE mit einem englischen Privatier oder einem bewaffneten Handelsschiff aneinander und man spuckte gegenseitig auf größere Distanz einige Kugeln von respekteinflößendem Kaliber nach dem Opponenten, wonach jeder seiner Wege segelte. U.a. solche Geschichten, man habe eine britische Fregatte in die Flucht geschlagen, mehrten den Ruf Robert Surcoufs als "König der Freibeuter".
Dabei gab es genügend Material mit realem Hintergrund, um das Können Surcoufs zu beweisen:
Nachdem die CLARISSE im Dezember 1798 Mauritius angelaufen hatte, machte sich Surcouf auf den Weg in "seine" Jagdgründe. Hier gelang ihm vor der Küste Sumatras die Eroberung zweier wertvoller Gewürzschiffe, die jedoch in einer recht sicheren Position zwischen Untiefen lagen. Surcoufs Bruder Nicolas eroberte das eine Schiff mit den Booten der CLARISSE, während Surcouf sich mit dem Kaperschiff selbst und unter Beschuss an das andere Schiff herantastete und es am Ende nahm. Die genaueren Umstände dieses Fangs sind wie immer von der Mär heftiger Artillerieduelle und heldenhafter Enterattacken gegen erdrückende Übermacht verdunkelt, man kann aber davon ausgehen, dass die Inbesitznahme dieser bewaffneten Schiffe eine große militärische Leistung darstellte. Surcouf wußte seine Artillerie und seine Männer sicher hervorragend einzusetzen und er traute sich, offensichtlich zu Recht, mehr zu als viele andere Kaperfahrer. Das die CLARISSE einigen Schaden nahm und nach Mauritius zurückkehren mußte, zeigt allerdings nicht, dass die eroberten Schiffe besonders gut bewaffnet waren, sondern das die Rigg der CLARISSE offenbar stundenlang unter dem Feuer der Kanonen des schwer erreichbaren Schiffes lag.

The Corsairs of France von C. B. Norman

Am 16. August 1799 verließ Surcouf auf der CLARISSE wieder Mauritius und steuerte erneut die Küsten von Java und Sumatra an. Dort fiel ihm u.a. am 2. Oktober 1799 ohne Kampf ein portugiesisches Schiff in die Hände, das neben Gewürzen eine große Summe Bargeld (116000 $) an Bord hatte. Wie es die Kaperfahrer damals nach dem Fang von Prisen und einem gewissen Zeitraum machten, wechselte Surcouf dann die Jagdgründe, denn war ein französischer Korsar gar zu erfolgreich, tauchten alsbald britische Kriegsschiffe auf, um ihm das Handwerk zu legen. Vor Madras schlug er am 8. November 1799 erneut zu, nahm ein schwer beladenes Reisschiff, segelte dann nordwestlich tiefer in die Bucht von Bengalen und nahm am 10. November 1799 vor Orissa die britische AUSPICIOUS, ein Handelsschiff, dass mit zwanzig Kanonen bewaffnet gewesen sein soll. Das hört sich gegen die 14 Kanonen der CLARISSE imponierend viel an, doch 20 Kanonen sind eben nicht gleich 20 Kanonen. Vermutlich handelte es sich in diesem Fall nur um 4- und 6-Pfünder, weswegen wir auch nichts von einem Gefecht hören. Die Reisladungen der Schiffe aber erklären, warum Surcouf später den Ruf genoss, er habe die Hungrigen auf den isolierten Inseln im Indischen Ozean gespeist. Vergessen wird dabei, zu erwähnen, dass er sich diese Ladungen natürlich immer sehr gut hat bezahlen lassen.
Surcouf war also außerordentlich erfolgreich und wurde geradezu übermütig. Anstatt nun das Terrain zu wechseln, kreuzte er vor Sands Head, sammelte kleinere Prisen ein und zog unweigerlich die Aufmerksamkeit britischer Kriegsschiffe auf sich. Am 30. Dezember 1799 war es die britische 18-Pfünder-Fregatte SYBILLE (38 - Ch. Adam), der Surcouf nach stundenlanger Jagd, während der der Franzose sieben seiner schweren Kanonen über Bord werfen ließ, nur durch den Einbruch der Nacht entkam, in diesem Fall schlichtes Glück.
Das die Fregatte noch außer Sicht irgendwo hinter Surcouf suchte, hinderte die CLARISSE jedoch nicht daran, auf ihrem neuen Kurs heraus aus den Gewässern vor Sands Head auch noch den Reistransporter JANE und das amerikanische Schiff LOUISIANNA (Zum Krieg mit Amerika hier) zu ihren Prisen zu machen. Weil inzwischen die Mannschaft des Kaperschiffs durch die Abgabe von Prisencrews stark reduziert worden war, kehrte Surcouf zu seiner bewährten Basis mitten im Indischen Ozean zurück.
Bei seiner Ankunft auf Mauritius im Februar 1800 war Robert Surcouf ein reicher Mann. Seine ersten Eroberungen hatte er mit seinen Investoren noch teilen müssen, nun aber war seine Börse zum Bersten gefüllt. Die CLARISSE hatte starken Muschelbewuchs am Rumpf und mußte überholt werden. Wiederum wechselte Surcouf also das Schiff und wurde Besitzer der CONFIANCE, eines ehemaligen 490-Tonnen-Handelsschiffes, das er mit 18 Acht-Pfünder-Kanonen und zwei 36-Pfünder-Karronaden ausstattete. Sein Bruder Nicolas wurde Kapitän eines kleinen Kaperschiffs, das das aufblühende Familienunternehmen erstand. Die ADELE (12 - Nicolas Surcouf) brachte freilich nichts ein, denn sie wurde schon am 12. November 1800 von der britischen Sloop ALBATROSS vor Aden (Jemen) aus dem Verkehr gezogen.
Robert Surcouf stellte im April 1800 die Ausrüstung der CONFIANCE fertig und nahm rund 200 Mann an Bord. Sein erstes Ziel war Java bzw. die Sunda-Straße, doch auf dem Weg hörte er, dass dort die amerikanische Fregatte ESSEX gesehen wurde. Surcouf änderte den Kurs und legte sich an der Südspitze Ceylons auf die Lauer. Hier aber mußte die CONFIANCE mehr als einmal ihre Schnelligkeit beweisen, um den Kreuzern der Royal Navy zu entkommen. Unter diesen Umständen wurde es selbst Surcouf zu gefährlich und er beschloß, bewährte Jagdgründe aufzusuchen. Die CONFIANCE, z.T. in Begleitung des Kapers MALARTIC, war in der Bucht von Bengalen wie ein Wolf unter Schafen. Schlechtes Wetter und entsprechende Sichtverhältnisse begünstigten sogar die Fahrt des Korsaren, denn für die wenigen in der Bucht operierenden britischen Kriegsschiffe blieb er praktisch unsichtbar. Die CONFIANCE allein soll 9 Schiffe gekapert haben, zusammen mit der MALARTIC brachten die Franzosen 14 Schiffe ein. Den größten Coup seiner Karriere landete Robert Surcouf dann am 7. Oktober 1800.

 Robert Surcouf von Albéric de Palmaert

Die Eroberung der KENT

Ostindienfahrer, also große Schiffe der Ostindischen Handelsgesellschaften von 800 Tonnen aufwärts, waren die begehrteste Beute für jeden Freibeuter oder jedes Kriegsschiff. Die britischen Ostindienfahrer verkehrten zwischen China, Indien und Europa. Neben wertvoller Fracht wie Seide, Gewürze oder Silber transportierten sie als frühe Luxusliner auch viele meistens wohlhabende Passagiere. Komfortabler als an Bord dieser schnellen Schiffe konnte man damals nicht reisen. Weil allein ein Ostindienfahrer Millionenwerte repräsentierte, waren diese Schiffe auch außergewöhlich gut bewaffnet - was die Artillerie angeht. Ihre Schnelligkeit und die Bewaffnung mit 18- und 12-Pfünder-Kanonen hielt die meisten Korsaren fern. Doch Surcouf hatte bereits bei anderen Schiffen der HEIC eine auf den ersten Blick unbedeutende Schwäche entdeckt:
Weil diese großen Schiffe so gut wie nie geentert wurden, hatte die Company nur ein kleines Arsenal von Nahkampfwaffen an Bord zur Verfügung. Piken, Entermesser und Enteräxte waren lediglich in sehr überschaubarer Anzahl vorhanden. Auch Pistolen und Musketen gab es wohl nur wenige an Bord. Die Besatzungen waren im Gebrauch dieser Waffen in der Regel auch ungeübt, was vielleicht die größte Schwäche darstellte.
Und Surcouf kannte die Sands Head -Gewässer inzwischen besonders gut. Offenbar wußte er auch, wo die dort passierenden Schiffe in der Regel ihre Lotsen an Bord nahmen. Denn wie schon bei der Eroberung der TRITON profitierte er bei seinem größten Coup offensichtlich von der Annahme seines späteren Opfers, die CONFIANCE bringe einen Lotsen. Das Opfer war der Ostindienfahrer KENT (26 - Robert Rivington), mit 820 Tonnen ein etwas kleineres Schiff der Interkontinentalflotte der East India Company. Ihr Kommandant Robert Rivington war bereits ein älterer Herr, seit 40 Jahren in Diensten der HEIC und natürlich wenig kampferfahren. 20 Zwölfpfünder-Kanonen standen auf dem Hauptdeck der KENT, 6 lange Sechspfünder auf dem Achterdeck und dem Vorschiff. Über Karronaden, die zu diesem Zeitpunkt bereits bewährte Nahkampfartillerie, verfügte die KENT nicht.
Der Ostindienfahrer kam via Südamerika aus England und stand kurz vor dem Abschluß seiner Reise. Rivington wartete auf einen Lotsen, der ihn in den Hafen von Kalkutta führen sollte. An Bord des Schiffes war es recht eng, denn vor Bahia hatte die KENT Passagiere eines anderen Ostindienfahrers, der QUEEN, aufgenommen, weil diese durch ein Unglück in Brand geraten war. Neben rund 150 bis 180 Mann Besatzung befanden sich an Bord der KENT rund 220 Passagiere, darunter viele Frauen und Kinder, aber auch Beamte, Offiziere und Soldaten, die ihren Dienst in Indien antreten sollten.
Surcouf hatte viele Männer an die bereits gemachten Prisen verloren, nur noch rund 120 bis 140 Mann waren auf der CONFIANCE, als der "König der Freibeuter" die KENT ausmachte und das Schiff als das erkannte, was es auch war: ein besonders wertvoller Fang, aber auch ein großes Risiko. Hätte die KENT z.B. Achtzehnpfünder getragen und / oder Karronaden wie die größeren Ostindienfahrer gehabt, dann hätte die CONFIANCE in eine höchst prekäre Lage kommen können. Es ist möglich, dass Surcouf den Ostindienfahrer nur widerstrebend anging, auf Druck seiner Crew, die sich von der Plünderung der Passagiere eines Ostindienfahrers zu Recht viel erhoffte.

1800 : Die Eroberung des Ostindienfahrers KENT durch die CONFIANCE unter Robert Surcouf
Die Eroberung der KENT. Repro nach einem Gemälde von Ambroise-Louis Garneray 1850. Der Maler war an Bord der CONFIANCE, als sie die KENT angriff.

Es war nicht so, dass die KENT die CONFIANCE nicht kommen sah. Rivington setzte zunächst die Flaggensignale für einen Lotsen. Als diese ignoriet wurden, ließ er einen Schuß als Warnung abgeben, ohne dass Surcouf reagierte. Danach wurde klar, dass sich ein Freibeuter dem Ostindienfahrer näherte. Von einem Überraschungsangriff konnte hier gar keine Rede sein. Im Gegenteil ist die Legende hier oft unnötig verfälschend, denn Surcouf lieferte nun tatsächlich ein Meisterstück der Freibeuterei ab. Zunächst passierte die CONFIANCE die KENT auf Gegenkurs in ziemlich großer Distanz, wenngleich in Schußweite. Die 12-Pfünder der KENT feuerten dennoch und gaben dem Korsaren möglicherweise bereits jetzt wertvolle Informationen über die Bewaffnung seiner Beute in spe.
Surcouf ließ wenden und schob sich auf Musketenschussweite auf die Steuerbordseite der KENT. Hier wurde klar, dass der Freibeuter das schnellere Schiff hatte. Es entwickelte sich in dieser Position beider Schiffe ein Duell der Breitseiten, ohne das jedoch auf beiden Seiten bemerkenswerte Treffer gelandet wurden. Für die französischen Achtpfünder der CONFIANCE war das nicht ungewöhnlich, denn man muß schon eine Menge Kugeln dieses Gewichtes in ein großes Schiff wie die KENT pumpen, um wesentliche Wirkung zu erzielen.
Die Briten schossen offensichtlich auch nicht besonders scharf, doch die ein oder andere Zwölfpfünder-Kugel dürfte sich auf die CONFIANCE verirrt haben. Surcouf hatte jetzt Gewißheit, dass er keine Achtzehnpfünder oder Karronaden fürchten mußte.
Schließlich reizte er die Geschwindigkeit seines Schiffes aus, überholte die KENT und passierte vor ihrem Bug. Auf der Backbordseite der KENT ließ er sich wieder zurückfallen und setzte das Duell der Kanonen fort. Nach einigen Minuten überholte er den Ostindienfahrer wieder und schien dann davon zu segeln. Ich deute diese erste Episode als ein Abtasten und Abschätzen der Bewaffnung und Mannschaftsstärke der KENT.
10 bis 15 Minuten schien es so, als habe die KENT den Angriff abgewehrt. Dann aber wendete Surcouf, kam zurück und passierte nach einem Austausch der Breitseiten Rivingtons Schiff hinter dem Heck. Diesmal schob sich die CONFIANCE auf Wurfweite neben die KENT und, gedeckt durch den Qualm der Breitseite, ließ Surcouf aus den Topps Granaten auf das Deck des Gegners werfen. Konzentrierte Musketensalven begleiteten diese Aktion. Zu diesem Zeitpunkt fiel auch Kapitän Rivington, getötet von einer Granate oder einem Musketenschuß, die Quellen sind uneins. Die CONFIANCE legte sich nun an die Seite der KENT und Surcoufs Männer enterten.
Man muß sich wundern, wie dieses Manöver offensichtlich ohne Probleme gelingen konnte. Zwei größere Schiffe auf See schnell und leidlich stabil miteinander zu verbinden, ist wegen der waltenden Kräfte - 490 und 820 Tonnen ! - eine höchst schwierige Angelegenheit. Auch nur kleinere Kurswechsel eines der beiden Schiffe zerreißen sofort die ersten geknüpften Bande. Wer immer am Steuer der CONFIANCE stand, er muß mit viel Gefühl das Freibeuterschiff an der Seite der KENT gehalten haben. Hätte aber jemand an Bord des Ostindienfahrers einen scharfen Kurswechsel eingeleitet, hätte alle Steuermannskunst der Franzosen versagt. Überhaupt ist der strikte Voraus-Kurs der KENT ein ungelöstes Rätsel, die offenbar mäßige Schießleistung der HEIC-Kanoniere dagegen nicht. Hier fehlte offensichtlich die Übung.
Erst einmal an Bord des Schiffes setzte sich die Entschlossenheit und bessere Bewaffnung der Korsaren gegen die offensichtlich führungslosen und desorientierten Verteidiger, bestehend aus der Crew, den erwähnten Soldaten und Passagieren, schnell durch. Die meisten der zuletzt genannten mußten sich mit improvisierten Waffen oder mit den bloßen Händen wehren. Nach rund 20 Minuten hatten die Franzosen das Schiff unter ihrer Kontrolle.
Über das Verhalten von Surcoufs Männern gab es später in England wilde Beschwerden, doch wirft man einen Blick auf die Verlustenliste der KENT, so ist unter den aufgeführten Toten und Verwundeten keine einzige Frau. Unter den 13 britischen Toten sind 3 Zivilisten und ein Soldat. Von den 42 schwer und leicht Verwundeten sind sogar nur zwei Zivilisten, die meisten sind Militärs, die zu ihrem Dienst nach Indien reisten. Plündern war üblich, doch besonders schlecht behandelt haben Surcouf und seine Männer die Briten wohl nicht.

Sea Fights and Corsairs of the Indian Ocean Being the Naval History of Mauritius


Die Eroberung der KENT war noch eine Steigerung gegenüber der Wegnahme der TRITON. Die Tat stellt sicher eine außergewöhnliche Leistung dar und - betrachtet man das Gefecht - war es auch keine draufgängerische Attacke, sondern eine umsichtig vorbereitete und eingeleitete Aktion, in der Phase des Enterns vielleicht sogar ein Meisterstück der Steuerkunst.
Auf der anderen Seite gehören Implikationen wie "so groß wie ein Linienschiff" oder "bewaffnet wie eine Fregatte" nicht zur zivilen KENT. Die französische Fregatte PIEMONTAISE (40 - Epron) eroberte 1808 mit dem 1356-Tonnen-Ostindienfahrer WARREN HASTINGS (44 - Larkins) einen 18-Pfünder führenden Ostindienfahrer, wie man ihn sich in der Surcouf ´schen Legende vorstellt und bekam das im Gefecht auch schmerzhaft zu spüren.
Davon zu sprechen, Surcoufs Männer wären 1:3 in der Unterzahl gewesen, ist eine der Legende dienende Übertreibung. Sicher waren an Bord der KENT dreimal so viel Menschen wie auf der CONFIANCE, mit unzureichenden Waffen wehren aber konnte sich bestenfalls ein Drittel, wenn nicht sogar weniger und dies auch noch weniger geübt als die Berufsenterer Surcoufs. Auffallenderweise ist bei diesem Gefecht kaum die Rede von französischen Verlusten. Wäre der Preis für die Franzosen blutig gewesen, so denke ich, könnte man das überall nachlesen.
Um die Verhältnisse gerade zu rücken: Die CONFIANCE ging zu Recht jedem und wirklich jedem Kriegsschiff aus dem Weg. Ihre Größe, Bewaffnung und Besatzung hätten vermutlich nicht ausgereicht, um eine Royal Navy-Brigg zu bezwingen. Die KENT war ein bewaffnetes großes Handelsschiff, aber eben nur ein Handelsschiff mit einer unterbewaffneten Handelsschiffbesatzung. Sie zu entern und in Besitz zu nehmen war kein besonders wagemutiger Akt, sondern schlichtes Handwerk.

 British Napoleonic Ship-Of-The-Line

Der Imagegewinn Surcoufs durch diesen Coup war gewaltig, auch wenn der finanzielle Gewinn nicht, wie die Legende es will, in Millionendollarhöhe veranschlagt werden kann. Es ist schwierig und auch nicht unbedingt nützlich, den Wert des Schiffes für heutige Verhältnisse vergleichbar zu machen, weswegen ich es vorziehe, die Schiffe untereinander zu vergleichen. Deswegen hatte ich oben bei der portugiesischen Brigg eine konkrete Zahl (116000 $) angegeben. Die gerade erwähnte WARREN HASTINGS brachte 600000 $, wie Matthew Flinders in seinen Tagebüchern verzeichnet. Die KENT dürfte deutlich weniger eingebracht haben, aber doch soviel, dass Surcouf sich nun zur Ruhe setzen konnte.
Mitte November 1800 erreichten die CONFIANCE und die KENT Mauritius. Anfang 1801 verließ Robert Surcouf mit der CONFIANCE die Insel im Indischen Ozean und segelte, einiges an Fracht mit sich führend, nach Frankreich. Selbst aus der Heimreise machte der Korsar also noch ein gutes Geschäft, zumal er unterwegs noch eine portugiesische Prise mit einem Wert von 10000 $ "einsammelte". Nebenbei erwähnt hat in der Relation der portugiesische Handel mehr Einbussen durch Surcouf erleiden müssen als der britische Seehandel. Trotzdem findet Surcouf in den mir zugänglichen portugiesischen Schriften dieser Zeit überhaupt keine Erwähnung. Warum sollten also die weniger geschädigten Briten den Korsaren sogar offiziell zum Staatsfeind erklärt haben, dessen Ergreifung mit astronomischen Summen belohnt würde. Diese Erfindung hat in der Legende die Funktion, die Bedeutung Surcoufs für den Krieg zu erhöhen. Ich konnte in den einschlägigen britischen Presseorganen dieser Zeit natürlich nicht einen Hinweis für die Aussetzung einer Belohnung auf Surcoufs Kopf finden. Surcouf "ärgerte" jedoch vor allem die in Kalkutta ansässigen Handelskontore und anhängenden Versicherungen. Diese hätten 1808 , als Surcouf die Sand Heads sozusagen "belagerte", sicherlich eine gute Summe für die Eliminierung seines Schiffes (!) gezahlt.
Am 13. April 1801 gelangte Surcouf mit der CONFIANCE nach La Rochelle. Bald darauf kam es zum Frieden von Amiens zwischen Frankreich und England und auch Surcouf schien einem friedlichem und wohlhabenden Leben entgegen zu sehen, denn er heiratete eine Dame aus St. Malo, Marie Blaize, und investierte sein Geld in Schiffe und Grundstücke.

 Master & Commander

Master & Commander (Special Edition, 2 DVDs)
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1803 brach der Krieg erneut aus und Surcouf hatte eine legendäre Begegnung mit dem Ersten Konsul der Republik, Napoleon Bonaparte. Es existieren seitens des späteren Kaisers keine Aufzeichnungen über den Inhalt des Gesprächs. Angeblich bot der Korse Surcouf den Rang eines Kommodore und ein Fregattengeschwader im Indischen Ozean an. Das dieses Angebot so kaum stimmig sein kann, zeigt die Tatsache, dass exakt zu diesem Zeitpunkt der Held von Algeciras, Konteradmiral Linois, mit einem Fregattengeschwader unter Führung des Linienschiffs MARENGO genau dort operierte. Wollte Bonaparte einen Helden durch einen anderen ersetzen ? Die Frage ist rethorisch. Das Gespräch mit Napoleon mutet eher an wie ein PR-Gag, ganz in der Tradition von Herrschern, die sich zu Beginn eines Krieges gern mit Kriegshelden zeigen.
Surcouf blieb in St. Malo, doch als Reeder und Geschäftsmann, der er war, begann er sogleich, seine kleine Flotte von Handelsschiffen mit Kaperfahrern zu erweitern. 14 Kaper- und Handelsschiffe fuhren zu seiner besten Zeit auf den Weltmeeren. Doch die Zeiten hatten sich geändert, viele Kaper wurden von den Briten gestellt und auch die Handelsreisen blieben defizitär. Surcouf stand vermutlich vor dem Ruin, als er 1807 persönlich mit einem seiner Schiffe, der gerade fertiggestellten REVENANT (20), in den Indischen Ozean aufbrach.
Im September 1807 tauchte er mit seinem schnellen Schiff in seinen alten Jagdgründen in der Bucht von Bengalen auf. Zwar konnte Surcouf an die alten Erfolge nicht anknüpfen, doch fügte er dem aus Kalkutta kommenden Handel spürbaren Schaden zu. Inzwischen war der Wind für Kaperfahrer im Indischen Ozean freilich rauer geworden. Zum einen fuhren die Handelsschiffe inzwischen in für Korsaren kaum anzugreifenden Konvois, zum anderen fasste die Royal Navy unter ihrem neuen Oberkommandierenden im Indischen Ozean, Konteradmiral Pellew, einen Meereswolf nach dem anderen. Nur die Schnelligkeit seines Schiffes rettete den vorsichtigen Surcouf davor, von einer britischen Sloop bzw. einer Fregatte und einmal sogar einem Linienschiff gefasst zu werden. Dazu kam die Konkurrenz französischer Kriegsschiffe, z.B. der PIEMONTAISE (40 - Epron). Der Gouverneur von Mauritius, Decaen, hatte sich den Kreuzerkrieg gegen die Briten auf die Fahnen geschrieben und dachte nicht daran, mit den Privatiers zusammenzuarbeiten.
Im Januar 1808 kehrte Robert Surcouf von seiner letzten Kaperfahrt nach Mauritius zurück, nachdem er mehr als 4 Monate in von englischen Kreuzern verseuchten Gewässern gekreuzt war. Allein die Tatsache, dass er keine Männer mehr für Prisenbesatzungen hatte, scheint ihn schließlich zur Heimkehr bewegt zu haben. Eine beeindruckende Leistung !
Trotzdem bleibt festzuhalten: Alle spektakulären Erfolge der Schiffe Surcoufs nach dem Januar 1808 wurden durch andere Kommandanten erkämpft, aber in einigen Fällen einfach der lebenden Legende zugeschrieben. Dies gilt auch für den folgenden Fall. Ausgerechnet das größte und vermeintlich wehrhafteste Schiff, das die Schiffe Surcoufs jemals eroberten, nahm jedoch ein Anderer:

Napoleon. Eine Biographie

Nachdem er aus der Bucht von Bengalen zurückgekehrt war, schickte Surcouf die REVENANT unter dem Kommando von Kapitän Joseph Poitiers, einem Cousin, auf Kaperfahrt. Dieser konnte einen spektakulären Erfolg verbuchen, als er am 24. Mai 1808 vor der Küste Natals (Südafrika) den großen portugiesischen Ostindienfahrer CONCECAO stellte. Das Schiff wird als ehemaliger Zweidecker zwischen 1200 und 1500 Tonnen beschrieben, 34 Kanonen soll der Portugiese an Bord gehabt haben. Die Berichte lassen kein gutes Haar an der Verteidigung des Portugiesen, auf dem die Verteidiger wie aufgescheuchte Hühner umherliefen und ihre Kugeln ins Blaue schossen, bis sie durch den Beschuss der Achtpfünder (!) der REVENANT annähernd wehrlos gemacht worden wären.
Surcouf sollte nach der Rückkehr der REVENANT einen ganz anderen Kampf kämpfen. Der Gouverneur von Mauritius, General Decaen, griff schon seit einiger Zeit zu radikalen Mitteln, um den Kreuzerkrieg der Kriegsmarine im Indischen Ozean in Gang zu halten. Als einer seiner bewährtesten Fregatten, die SEMILLANTE (36), von einer Kreuz mit erheblichen Schäden zurückkehrte, zwang Decaen Surcouf kurzerhand, die schnelle REVENANT an die Kriegsmarine zu verkaufen. Als Ausgleich dafür "durfte" Surcouf im Verband mit einigen Kaufleuten von Mauritius die SEMILLANTE erstehen. Mehr noch zwang Decaen den "König der Korsaren", auf der SEMILLANTE die Gefangenen des portugiesischen Zweideckers nach Europa zu bringen. Surcoufs absolut berechtigte Sorgen, der hohe Anteil von Portugiesen an seiner Besatzung - selbst einmal Kriegsgefangene, die sich zum Dienst auf der REVENANT entschieden hatten - könne zu einer Meuterei auf der SEMILLANTE führen, waren Decaen egal.
So stach die in CHARLES umbenannte ehemalige SEMILLANTE am 21. November 1808 mit den Gefangenen in See. Kurz danach aber setzte Surcouf die Männer in das Lotsenboot und schickte sie nach Mauritius zurück. Der wütende Decaen reagierte darauf mit der Beschlagnahmung des gesamten Surcouf´schen Besitzes auf Mauritius, eine Entscheidung, die 1810 in Paris wieder korrigiert wurde. Da war Mauritius aber schon in englische Hände gefallen.
Am 4. Februar 1809 erreichte die CHARLES Frankreich, nachdem sie die englische Blockade vor der Küste einmal mehr durchbrochen hatte. Angeblich brachte Surcouf eine Millionen-Ladung (in Franc ! ;-)) mit in seine Heimat.
Der Korsar, nun endgültig außer Dienst, blieb bis zum Ende des Krieges 1814 Reeder einer kleinen Flotte von Kaper- und Handelsschiffen. Auch politisch blieb er sich treu und schloss sich - ebenfalls entgegen der Legende - nie wirklich Napoleon an, obwohl das Kaiserreich ihm einige Ehren wie z.B. die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion angedeihen ließ. Nach dem Krieg blieb Surcouf ein reicher und einflussreicher Mann sowie einer der bekanntesten Bürger St. Malos. Seine Legende wurde auch nach seinem Tode 1827 weitergestrickt, viele Anekdoten ranken sich um den zweifelsohne glänzenden Korsaren, der angeblich die Weltmeere für die Briten unsicher gemacht hatte.

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Dabei hat Surcouf gar nicht so viele Fahrten gemacht, der geneigte Leser kann ja einmal mitzählen. Die Legende aber vermittelt den Eindruck, Surcouf habe in dutzenden von Fahrten hunderte von Prisen erbeutet. Der Mann aus St. Malo hat persönlich jedoch nur rund 50 Prisen eingebracht, die größeren Schiffe wurden im Text genannt. Damit war er vermutlich auch der erfolgreichste Freibeuter dieses Krieges. Im Verhältnis jedoch zu dem, was britische Kriegsschiffe an Prisen in den Hafen schickten, nimmt sich diese Zahl bescheiden gering aus. Diese 50 Schiffe, mit welcher Gesamttonnage auch immer, haben keinerlei messbaren Einfluß auf den Seekrieg dieser Zeit gehabt. Und gegenüber den nachgewiesenen 315 Prisen, für die ein bis heute unbekannter Jack Perkins im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776 - 1783 verantwortlich zeichnete, wirkt diese Ausbeute sogar eher bescheiden. Es war freilich ein anderer Krieg. Die Weltmeere hat Surcouf ebenfalls nicht gesehen. Rund 80 % seiner Beute hat er im Golf von Bengalen gefangen.

Es ist am Ende an der Zeit, mit der Idealisierung der Person Robert Surcoufs aufzuräumen. Der untersetzte und etwas dickliche Surcouf war kein wilder Draufgänger, sondern ein bestimmt überdurchschnittlich intelligenter Geschäftsmann mit der Begabung, Chancen zu erkennen und zu nützen. Er war kein leidenschaftlicher Patriot, weder Anhänger der Revolution noch Gefolgsmann Napoleons, sondern auf seinen Vorteil bedacht. Er war kein edler Kavalier mit einem Herz für die Armen und Geknechteten der Erde, aber auch kein blutgieriger, unmenschlicher Halsabschneider, sondern ein Prachtstück der aufblühenden Spezies "Freier Unternehmer", der sich zivilisiert seinem Beruf widmete. Er war kein Seeheld, sondern ein sehr guter Seemann.
Das seine Person Heldenstatus erhielt, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Ruf, den französische Marineoffiziere in den Kriegen dieser Zeit genossen, um nicht zu sagen: zu Unrecht erlitten. Es fehlte der französischen Nation auf See einfach an Siegern.
Folglich schon zu Lebzeiten eine Legende diente Surcouf dem französischen Seefahrervolk in den nächsten Dekaden als Stütze des Nationalstolzes für eine Ära, in der Frankreich ansonsten an Land brilliert hatte. Sein abenteuerliches Leben eignete sich vorzüglich, um von Romanciers verarbeitet zu werden. Dies um so mehr, als nur wenige offizielle Berichte um die Taten Surcoufs die Phantasie der Schriftsteller einschränkten U.a. Karl May erfand in einer seiner Geschichten eine Heldentat des jungen Surcouf in bzw. vor Toulon 1793. Im zwanzigsten Jahrhundert nutzten Filmregisseure im Genre des Piratenfilms die legendäre Gestalt, wobei der Mann aus St. Malo auch schon mal im 17. Jahrhundert auftaucht. Mehrere französische Kriegsschiffe, u.a. ein berühmtes U-Boot, wurden nach Surcouf benannt. In St. Malo kann man noch heute ein Bronze-Standbild des Heroen bewundern.


 Terror Before Trafalgar: Nelson, Napoleon, and the Secret War

Terror Before Trafalgar: Nelson, Napoleon, and the Secret War
von Tom Pocock
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 255 Seiten - W. W. Norton & Company
Erscheinungsdatum: 1. April 2003

1801 : An der Kanalküste zieht Napoleon Bonaparte Truppen zusammen und läßt Transportschiffe bauen. In Frankreich und England werden neue geheime Waffen entwickelt: Raketen, U-Boote, Treibminen oder Torpedos. In Vorbereitung der Invasion Englands tobt im Schatten der europäischen Politik und des Experimentalfriedens von Amiens ein gnadenloser Krieg der Spionage und Subversion, geführt von kaum bekannten Männern. Anhand von Tagebüchern, Briefen und Zeitungen aus dieser Zeit zeichnet Tom Pocock ein Bild dieses geheimen Krieges.

Thomas Sturges Jackson - Logs of the great seafights



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Der ganze andere Plunder
Links

QUELLEN

C. B. Norman - The Corsairs of France

John Knox Laughton - Studies in Naval History. Biographies

Ernest Scott - The Life of Captain Matthew Flinders

Alberic de Palmaert - - Robert Surcouf

H.C.M. Austen - Sea Fights and Corsairs of the Indian Ocean Being the Naval History of Mauritius from 1715-1810. Mauritius 1934

Northcote Parkinson - Edward Pellew

William James, Andrew Lambert - The Naval History of Great Britain: During the French Revolutionary and Napoleonic Wars

THE NAVAL CHRONICLE

Geschichte der Seekriege, erschienen 2010

Copyright © 2010 by T. Coladores

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