Das Schießen im indirekten Richten - klassisches Schießverfahren der Artillerie

Während man mit Handfeuerwaffen, Panzerabwehr- oder Flugabwehrkanonen das Ziel direkt anvisiert (direktes Richten), bedient man sich bei der Artillerie eines anderen Verfahrens: Dem des indirekten Richtens., bei dem die Bedienmannschaft des Geschützes das Ziel nicht selber sieht.
Das Schießen im direkten Richten en war ungefähr bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das gängige Schießverfahren, bis die Vorderladegeschütze durch die wesentlich leistungsfähigeren Hinterlader und das Treibmittel "Schwarzpulver" durch Nitropulver ersetzt wurde.
Ab diesem Zeitpunkt waren plötzlich Schußweiten üblich geworden, die die Einsatzprämisse für diese Waffen grundsätzlich veränderten.
Quasi über Nacht waren unbewegliche Festungen obsolet geworden, die von nun an von jedem Punkt aus beschossen werden konnten.
Eine sehr schön erhaltene Festung der alten Art, als ein in Rotklinkerbauweise ausgeführtes Pentagon, kann man in Dömitz an der Elbe in Süd- Mecklenburg bestaunen - wer lieber in die andere Richtung möchte, sollte einmal in Grauerort bei Stade vorbeischauen - auch dieses Fort war quasi über Nacht obsolet geworden.

Diese Festungen sind übrigens einen Ausflug wert: In Dömitz an der Elbe hat der norddeutsche Mundartdichter Fritz Reuter in Festungshaft ("Ut mine Festungstid") eingesessen. In der Festung ist ein kleines heimatkundliches Museum untergebracht, in dem auch über die Sprengstoffabrik Dömitz informiert wird. - Wer sich für Zünd- und Sprengmittel und deren Geschichte interessiert, findet hier also auch ein kleines Bausteinchen.
Die Festung befindet sich in einem ausgezeichneten Zustand. Auch die alten Außenanlagen (Glacis) sind teilweise noch zu erkennen, was wohl für Europa einzigartig sein dürfte. Die Bastionen sind betretbar - wenn nicht seltene Fledermäuse darin überwintern.

Das Elbfort Grauerort ist eine Möglichkeit für die Hamburger, sich einmal mit Preußischer Festungsarchitektur vertraut zu machen. Das Fort wird von einem privaten Förderverein renoviert. Bereits jetzt finden dort regelmäßig auch kulturelle Veranstaltungen statt.

Wer sich also für Militär- und Festungsgeschichte interessiert muß dort hin.

Neben dieser Veraltungswelle haben die schießtechnischen Neuerungen aber auch zu anderen Neuerungen geführt.
So ist die erste preußische Landaufnahme in unmittelbarem Zusammenhang mit der Schaffung schießtechnischer Unterlagen zu sehen. (Zuständig für die Landaufnahme sind heute die Landesvermssungsämter)
Sie war der historische Beginn des heutigen Vermessungswesens, das gerade in diesen Tagen wegen des satellitennavigationsbedingten neuen Bezugspunktes "Erdmittelpunkt" (und nicht Potsdam bzw. Greenwich) wieder stärkere Beachtung findet.

Das Schießen im indirekten Richten ist heute das klassische Schießverfahren der Artillerie.
Es bedeutet, daß die Bedienmannschaft der Geschütze das Ziel nicht selber sieht. Bei Schußentfernungen über etliche Kilometer (eine russische 203 mm 2S7 schießt etwa 37 km weit) ist das auch gar nicht mehr möglich.
Den erforderlichen Sichtkontakt stellen vielmehr die Artilleriebeobachter her, die möglichst versteckt im Gelände positioniert werden.
(Man achte einmal auf die Nachrichten, wenn kurz vor einer militärischen Zuspitzung "Beobachter entsandt" werden....)

Die Artilleriebeobachter klären das Gelände auf - bzw. ihnen werden Ziele gemeldet, die von den kämpfenden Verbänden aufgeklärt worden sind.
Dann ermittelt der Artilleriebeobachter (in der NVA mit seinem OEM-2) die Zielkoordinaten und meldet diese an den Feuerleitoffizier bei der schießenden Batterie.
Der Feuerleitoffizier veranlaßt, daß die Schießwerte (und das ist Ballistik pur! - Eingerechnet werden: Luftdruck, -temperatur, -feuchtigkeit, Pulvertemperatur, Geschoßgewichtsklasse, Rohrabnutzung, Windverhältnisse etc.) ermittelt, und die Geschütze entsprechend eingerichtet werden, d. h. daß das Rohr in eine Stellung gebracht wird, die es ermöglicht, ein Geschoß unter Berücksichtigung seiner voraussichtlichen Flugbahn genau ins Ziel zu bringen.
Diese "Einstellwerte" werden an die Geschützführer weitergegeben, die das entsprechende Richten und das Feuer veranlassen.
Die Artillerie ist also eine Art "Transportunternehmen", das auf Anforderung an jedem Punkt des Gefechtsfeldes in sekundenschnelle ein totales Chaos anrichten kann. Sie ist die stärkste Waffe des Heeres.

Die bei der Rohrartillerie verwendeten Waffen sind Haubitzen (Rohrlänge bis zum 30-fachen des Kalibers und Richtmöglichkeit in die "obere Winkelgruppe" - das ist alles, was steiler ist, als 45°.) und Kanonen (Rohrlänge größer als 30 Kaliber und gute Eignung für direktes Richten) in Kalibern von etwa 100 bis 200 mm.
(Die US-Navy leistete sich auf ihren Schlachtschiffen der Iowa-Klasse 40,5 cm Kanonen: Granatgewicht 1200 kg, Treibladung etwa ein Zentner)
Die Schußweiten liegen bei rein ballistischer Munition im Bereich bis zu etwa 35 km, reichweitengesteigerte Munition moderner Artilleriesysteme liegen bei etwas über 40 km.
Der Artillerist bezeichnet die Granate als Waffe. Das Geschütz ist nur das letzte "Transportmittel".

Je nach Lafettierung unterscheidet man noch Selbsfahrlafetten (wenig bis ungepanzerte Geschützträger ohne Turm), Panzerhaubitzen (bewegliche, leicht gepanzerte Kettenfahrzeuge, bei denen die Waffe in einem Turm montiert ist; in der NVA die 122 mm 2S1 und die 152 mm 2S3) und Spreizlafettengeschütze (das sind die Waffen, die man etwa hinter einem Lastwagen herzieht).
Die Geschoßgewichte bewegen sich bei etwa 150 mm im Bereich von 40 bis 50 kg und bei 200 mm im Bereich von 100 kg.
Überhaupt sei hier einmal angemerkt, daß die Nennung des Kalibers nur sehr wenig Vorstellung von dem zu vermitteln vermag, was sich dahinter verbirgt. Wesentlich aussagekräftiger wäre bei Artilleriewaffen das Geschoßgewicht, wie es bei den Engländern "25-Pounder" angegeben wird.
1cm mehr Kaliber ist jeweils schon eine ganz andere Waffe!
Zur Beurteilung der spezifischen Leistungsfähigkeiten von Kanonen (das ist die höchste Leistungsklasse der Geschütze) wird hinter der Kaliberbezeichnung oft das Rohrlängenverhältnis angegeben:
Bei dem deutschen Tigerpanzer I aus dem 2. Weltkrig handelte es sich beispielsweise um eine "Kampfwagenkanone 8,8 cm / L 56" - also mit 56 Kaliber langem Rohr.
Der Königstiger verfügte dagegen über eine "Kampfwagenkanone 8,8cm / L 71" Das ist schon eine ganz andere Waffe: Die dafür benötigte Treibladung hat bereits das 2 bis dreifache Volumen der L 56!  Sieht man die beiden Patronen nebeneinander stehen, bekommt man als Waffeninteressierter fast eine Gänsehaut.....).

Sinn der Übung ist es bei den Kanonen, den Geschossen eine möglichst gestreckte Flugbahn zu verleihen und panzerbrechende Granaten, die durch ihre kinetische Energie wirken, auf eine hinreichende Geschwindigkeit zu bringen.
Das sind regelmäßig nicht - oder nur mit vergleichsweise geringer Sprengladung versehene Hartkerngranaten (heute meist in Unterkaliberbauform "HVAPDS = High Velocity Armor Piercing Discarding Sabbot" - ein etwa 3 cm dicker und über 30 cm langer Wolframcarbidpfeil - oder ein Wirkkörper aus abgereichertem Uran (DUDS)), die einen Panzer durchdringen, wie ein Stück Seife....
Die Mündungsgeschwindigkeiten kommen bei modernen Hochleistungskanonen mit derartigen Unterkalibergranaten in Bereiche um 1700 Meter pro Sekunde, was bei der "Nadel" im Falle günstigster Rohrerhöhung (etwa 55°) zu Schußweiten bis 100 km führen kann.
Ein Problem für das Übungsschießen mit Gefechtsmunition: Es gibt nur wenige Schießplätze, die einen ausreichend großen Sicherheitsbereich aufweisen.

Bei der Artillerie wird es nur in dem Fall richtig doll, wenn es um große Schußweiten geht. Ansonsten wird das Rohr geschont.
Das läßt sich dadurch erreichen, daß man bei diesen Waffen "getrennte Ladungen" verwendet.
Während Kanonen für das direkte Richten mit patronierter Munition "immer Volldampf" geladen werden, kann der Artillerist die Flugbahn durch entsprechende Zusammensetzung der Treibladung aus bestimmten "Teilladungen" genau dem Anforderungsprofil anpassen.
Was wann wie zusammengestellt wird, ergibt sich aus sogenannten Schußtafeln, die im wesentlichen experimentell ermittelt wurden.
Solche Ermittlungen laufen inErprobungsstellen, wie sie etwa von Rheinmetall in Unterlüß (Heide) oder von der Bundeswehr (WTD 61) in Meppen betrieben werden.
Historische Anlagen dieser Art waren die Heeres-Erprobungsstelle Kummersdorf, südlich von Berlin - oder die Erprobungsstellen in Rügenwalde (heute Polen) und Hillersleben bei Magdeburg.
Die gestreckte Flugbahn spielt beim indirekten Richten nicht dieselbe Rolle, wie beim direkten Richten. Hier geht es mehr darum, eine möglichst effektive Wirkmasse ins Zielgebiet zubringen.
Eine normale Sprenggranate in der 150 mm Klasse wiegt etwa 40 bis 50 kg und kann im Extremfall mit der entsprechenden Ladung auf annähernd 1000 m/s beschleunigt werden.
Die dadurch freiwerdenden Rückstoßkräfte haben Größenordnungen von etlichen Tonnen, so daß es besonderer Vorrichtungen (groß dimensionierte Mündungsbremsen und Erdsporne) bedarf, um das Geschütz überhaupt am Platz zu halten.

Daß bei diesen Gewalten immer "etwas Unordnung" in die Feuerstellung gebracht wird, liegt auf der Hand.
Um die Grundeinstellung des Rohres wieder reproduzieren zu können, ist es daher erforderlich, daß man die Ausgangslage des Rohres überhaupt wieder einstellen kann.
Dies erreicht man dadurch, daß man in der Nähe (neben oder hinter dem Geschütz) ein Hilfsziel anvisiert. Als Hilfsziel für ihre rüchstoßintensiven Waffen setzen Artilleristen sogenannte Kollimatoren ein, die in der Nähe der Waffe aufgestellt werden.
Diese Kollimatoren sind eine Art Projektor, die ein bestimmtes Zielbild in unendlicher Entfernung entwerfen, das mit der besonderen Strichplatte des Rundblickfernrohres , das am Geschütz montiert ist, in Übereinstimmung gebracht wird.
Mit diesem System werden selbst kleinste Richtungsänderungen deutlich wahrgenommen.

Nachdem das System durch den Schuß also aus der Richtung gebracht wurde, müssen die Strichplatten von Rbf und K1 einfach wieder an den Geschützrichttrieben (nicht an den Zielmitteltrieben!) in Übereinstimmung gebracht werden.

Dieses klassische Verfahren ist allerdings zur Zeit im Begriff in die zweite Reihe gedrängt zu werden. Mit der neuenPzH 2000 der Bundeswehr, die gegenwärtig eingeführt wird, wird erstmals ein GPS - Rechnergesteuertes System eingeführt, das mit seinem hochautomatisierten Verfahren in wenigen Minuten aus voller Marschfahrt eine Waffenwirkung im Ziel gewährleistet.
Bei diesem Grad an Beweglichkeit ist keine Zeit mehr für das Aufstellen eines Kollimators.
 
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