Die Koordinatenrechner für EM-61 und OEM-2

Während man mit stationären Entfernungsmeßgeräten, die Winkelskalen aufweisen, nur Polarkoordinaten (Strecke und Winkel) ermitteln kann, verfügen OEM-2 und EM-61 zusätzlich über automatische Koordinatenrechner (KR) mit deren Hilfe auch rechtwinklige (XY) Koordinaten beobachteter Geländepunkte in kleinen Fenstern angezeigt werden.

War der KR des EM-61 noch ein ansteckbares Zubehörgerät, das über Klauenkupplungen mit der Geberwelle des Stativkopfes und der Entfernungsmeßwelle des Entfernungsmeßgerätes verbunden war, verfügte das OEM-2 über einen integrierten Koordinatenrechner.
 
KR des EM-61 an kleinem Stativ.

Der von Herrn Rudi Heinze entwickelte Koordinatenrechner ist durch zwei Zapfen mit dem Stativkopf verbunden.
Unter dem oberen Zapfen ist auf dieser Abbildung die silberne Kupplung zu erkennen, mit der die mechanischen Werte für Geländewinkel (Neigung) und Horizontalwinkel zum KR übertragen werden.
Auf der Oberseite des KR ist mittig die Kupplung für das Meßgerät angeordnet.
Daraus ergibt sich logisch die Zusammenbaureihenfolge: Erst den Rechner, dann das Meßgerät.

Bei der Version EM-61-P wurden an Stativkopf und Meßgerät die Wellen entfernt, so daß ein KR nicht mehr damit betrieben werden kann.

Im Vordergrund die Ableselupe, mit der der Meßkreis abgelesen werden kann, was der Ermittlung von Polarkoordinaten dient.

links davon das schwarze Handrad des Seitenrichttriebes.

Wegen der mechanischen Trennung kritischer Baugruppen war Nummerngleichheit der Teile zu beachten.


 
Eine Detailaufnahme des Koordinatenrechneranschlusses am Stativkopf des EM-61

Der Koordinatenrechner wird durch Zapfen und Paßstift am Stativkopf befestigt. Dabei schnappt ein federnd gelagerter Bolzen in die Nut des Zapfens ein und verhindert so ein Abrutschen des Rechners.
Bei den Stativköpfen der P-Modelle sind diese Vorrichtungen entfernt, so daß ein Rechneranschluß nicht mehr erfolgen kann.
Die Kupplung ist als Klauenkupplung ausgeführt. Mit dieser Welle werden die Informationen des Sativkopfgetriebes (Horizontal- und Vertikalwinkel) zum Koordinatenrechner übertragen, dem zugleich über eine weitere Kupplung die Informationen über die Stellung der Meßmarken zugeführt werden.
Da der Stativkopf Bestandteil des Rechnersystems ist, ist aus Gründen der Meßgenauigkeit darauf zu achten, daß das System immer nummerngleich bleibt.
Auf  die grundsätzliche Funktion hat Nummernungleichheit jedoch keinen Einfluß.

Zur baulichen Ausführung: Sämtliche Schrauben sind mit grünem Dichtungsharz verspachtelt.

Die Vorteile der konstruktiven Zusammenfassung von Entfernungsmeßgerät und KR liegen auf der Hand:
Die Gefechtsbereitschaft war wesentlich schneller herzustellen, da der Feingefühl erfordernde Zusammenbau wegfiel und es weniger offen liegende feinmechanische Bauteile gibt, die leicht beschädigt oder verschmutzt werden könnten.

Konstruktiv handelt es sich in beiden Fällen um sogenannte "Kurvengetriebe", in denen Kurvenkörper die Kurven der dem Zweck zugrundeliegenden mathematischen Funktionen abbilden.
Horizontalwinkel, Vertikalwinkel und Entfernung werden laufend mit diesem Getriebe erfasst und mechanisch umgerechnet. Ein kleines Zählwerk zeigt beim OEM-2 die rechtwinkligen Koordinaten in Hundertmeter (hm) an.
Beim EM-61 können in den kleinen runden Fenstern die Streckenwalzen abgelesen werden.

Derartige Rechengetriebe waren im 2. Weltkrieg bei der Flakartillerie zur Vollendung entwickelt.
Das Kommandogerät 40 war ein solcher Koordinatenrechner für XYZ-Koordinaten, der es in Verbindung mit dem angekoppelten Em4mR40, einem Stereotelemeter mit 4 m Basislänge,  sogar ermöglichte, Koordinaten der Ziele auf gekrümmten Flugbahnen vorherzuberechnen und so die Vorhaltewerte zu bestimmen. Diese Werte wurden elektrisch an die Geschütze übermittelt, die manuell mit Hilfe der "Nullsichtgeräte" gerichtet wurden. Dabei waren die Zeiger der durch das Kommandogerät vorgegebenen Sollwerte mit den Zeigern der Istwerte der Waffe abzugleichen. Man erkennt diese Nullsichtgeräte an Flugabwehrkanonen als charakteristische "Kästen mit zwei Uhren".
Gleichzeitig wurde automatisch die Zünderstellmaschine eingestellt, damit die Granaten, die bei der Flakartillerie regelmäßig mit sehr aufwendigen Zeitzündern versehen waren, im rechten Zeitpunkt zerlegten.
Für eine hinreichende Wirkung war es erforderlich, die Granate in einer gewissen Nähe zum Flugzeug zerlegen zu lassen. Druckwelle und Splitter wären dann ausreichend gewesen um die Zerstörung des Flugzieles zu bewirken.
Die deutsche Flakartillerie des 2 Weltkrieges war das höchstentwickelte mechanische Rohrartilleriesystem, das es je gegeben hat. Insbesondere die 128 mm Zwillingsgeschützbatterien, die es auf Flakbunkern in mehreren Großstädten gab, sind in diesem Zusammenhang zu nennen, wenngleich sie eher Exoten waren.
Wie schwierig die Aufgabe ist, ein auf einer gekrümmten Bahn bewegtes Ziel im Raum mit einem ballistischen Körper zu treffen, zeigt sich daran, daß die Trefferrate eher bescheiden war und die berühmtesten Geschütze, die der 88 mm-Klasse,  sich auch eher als hervorragende Panzerabwehrkanonen hervortaten, denn als "Flugabwehrkanonen" - eine solche Anforderung war für derartige Höchstleistungspräzisionsgeschütze, die zudem hervorragend für das Schießen im direkten Richten ausgestattet waren, eine "Kleinigkeit" - die Angehörigen der Opfer trauern noch heute...
Mechanische Feuerleitsysteme wurden nach dem Krieg sehr bald durch radargestützte Feuerleitsysteme ersetzt.
Auch die Idee, Rohrartillerie für die Flugabwehr einzusetzen hatte sich bald überholt - diese Aufgabe wird heute auf großen Distanzen durch Lenkflugkörper wahrgenommen.
Nur noch zur Tieffliegerabwehr spielen die sehr reaktionsschnellen Rohrwaffen in Kalibern zwischen 20- und 40 mm eine Rolle, wobei sich Schwerpunkte in den Bereichen 20 mm und 35 mm herauskristallisieren. 

EM-61 Schema Koordinatenrechner Aus der DV 41/51 
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