Allgemeines zur Munition von Rohrwaffen

Diese Darstellung ist erforderlich, um die Funktion optischer Ziel- und Richtmittel besser zu verstehen und um gegebenenfalls darauf verweisen zu können.
Eine sehr gute Darstellung zu diesem Thema bietet die Homepage von Chrisl, die sich der russischen Munition bis 57 mm  widmet.
Zum Thema Panzermunition gibt es sehr gute Detailinformationen auf den Seiten von Stefan Kotsch : Kampfpanzer.
Ich möchte hier nur einen Überblick und einige Informationen zu gelegentlich in und an Optiken auftauchenden Abkürzungen geben.

Zunächst einige Unterscheidungsmerkmale:

Zusammensetztung...

Zunächst kann man Munition für Rohrwaffen in Munition unterteilen, bei denen das Projektil und die Treibladung getrennt (getrennte Ladung) oder zusammengesetzt (patronierte Munition) ist.
Getrennte Ladungen sind bei der Artillerie üblich. Einmal ist die Handhabbarkeit einfacher; schwerer wiegt aber der Vorteil, daß die Ladung, die aus sogenannten Teilladungen aufgebaut ist, entsprechend der gewünschten Flugbahn individuell zusammengestellt werden kann.
Patronierte Munition ist hingegen genau auf die Waffe abgestimmt. Sie ist sehr gut zu handhaben und witterungsbeständig. Zudem erlaubt sie die Konstruktion von automatischen Waffen, die den Ladevorgang selber vornehmen.
Im 2. Weltkrieg hat man Flugabwehrkanonen bis zum Kaliber 175 mm mit Ladeautomatik entwickelt. Eine 155 mm FlaK war bei Rheinmetall serienreif, ist jedoch nicht zur Einführung gelangt.

Art der Rohrwaffe....

Die Projektile für Handfeuerwaffen werden als "Geschosse" ; die für Kanonen (Rohrlänge > das 30-fache des Kalibers; Richtmöglichkeit nur für die untere Winkelgruppe "flach" und für das direkte Richten) bzw. Haubitzen (Rohrlänge < das 30-fache des Kalibers; Richtmöglichkeit für die obere Winkelgruppe "hoch" und für das Schießen im indirekten Richten geeignet direktes Richten ist jedoch auch in der unteren Winkelgruppe möglich) und Mörser (Richten nur in der oberen Winkelgruppe möglich)als "Granaten" bezeichnet.
Nach deutscher Nomenklatur sind Rohrwaffen mit einem Kaliber > 20 mm "Kanonen".

Größe der Munition.....

"Kaliber" bedeutet Durchmesser des Geschosses.
Diese Klassifizierung ist jedoch im Grunde nichtssagend, da es nur mit einem gewissen Erfahrungsschatz möglich ist, die Waffe einzuschätzen.
Eine bessere Klassifizierung war viele Jahre in Großbritannien gebräuchlich, wo die Waffen nach dem Geschoßgewicht bezeichnet wurden.
So gab es beispielsweise die verbreiteten "24-pdr" - 24-Pfünder - man kann sich leicht vorstellen, was los ist, wenn einem ein 12 kg schwerer, sprengstoffgefüllter Stahlkörper mit mehreren hundert Metern pro Sekunde um die Ohren fliegt.....

Diese sinnvolle Bezeichnung hat sich jedoch nicht durchgesetzt. Man erwähnt vielmehr den Projektildurchmesser in Millimetern (oder Zoll, bei angloamerikanischen Rohrwaffen). So hat man dann auch immer wieder ein Aha-Erlebnis, wenn man sich vor Augen führt, daß eine 155 mm Granate etwa 45 kg wiegt, während eine 175 mm Granate schon satte 75 kg; eine 200 mm Granate etwa 100 kg auf die Waage bringt.
Eine 16 inch (405 mm) Granate der USS Iowa wiegt etwa 1200 kg. Die größte je gebaute Rohrwaffe ist die Eisenbahnkanone "Dora" mit einem Kaliber von 800 mm. Die Granate wiegt in der Größenordnung um 7 to. Ein Exemplar dieser Granaten ist im wehrtechnischen Museum der Bundeswehr in Dresden ausgestellt - es ist auch das Kartuschbodenstück vorhanden. Die ballistische Haube fehlt jedoch.

Wirkweise der Munition....

Munition wird weiterhin nach der Wirkweise der Projektile klassifiziert:
1. Exerziermunition
ist keine Munition. Diese Munitionsattrappen werden verwendet, um die Ladetätigkeit bei Rohrwaffen zu trainieren.
2. Manövermunition
ist eine Art "Darstellungsmunition". Sie knallt, blitzt und ballert was das Zeug hält, um eine Gefechtssituation zu "spielen", dabei aber ein überschaubares Gefahrenpotential zu gewährleisten und auf Standortübungsplätzen verwendet werden zu können.
3. Übungsmunition,
die nach ihrer Größe und ballistischen Leistung der Gefechtsmunition entspricht, jedoch "nur" für das Schul- und Übungsschießen bestimmt ist. Die Projektile erreichen die gleiche Geschwindigkeit wie die Gefechtsprojektile. Sie enthalten jedoch beispielsweise keine Sprengladungen. Leuchtspureinsätze sind aber üblich!
4. Gefechtsmunition.
Das ist sie nun, "die richtige", "scharfe" Munition. Hier sollen die Projektile im Ziel wirklich etwas anrichten.
Der Ausdruck "scharf" ist hier allerdings irreführend. Munition ist "scharf", wenn sie zündfähige Bestandteile enthält. So ist etwa unbenutzte Übungs- oder Manövermunition auch "scharf".
Man kann Gefechtsmunition wie folgt unterscheiden:

a) Chemische Munition,
also Munition, deren Wirkmasse aus Chemikalien besteht, die umgesetzt oder verbreitet werden sollen
- Nebel- und Leuchtmunition, pyrotechnische Munition (etwa zur Gefechtsfeldbeleuchtung).
- Brandmunition
- Kampfstoffmunition zur Verbreitung von Giftstoffen

b) Wuchtmunition
Die Wirkmasse besteht aus Materialien mit extrem hoher Dichte. Die Wirkung basiert auf der hohen kinetischen Energie dieser Projektile. Jüngst gab es die Diskussionen über DU-Munition. Das ist nach NATO-Sprachgebrauch die "Depleted Uranium" Munition, bei der der Granatkern aus schwachstrahlendem Uran besteht, das eine extrem hohe Dichte besitzt.
Es war drollig, mit anzusehen, wie der Kampfschwimmer der Nation (Scharping) die Ungefährlichkeit des Strahlungspotentials dieses Materials in den Vordergrund schob. Das Vorhandensein der hochgiftigen Transurane Plutonium und Americium wurde dabei geflissentlich nicht erwähnt....
Weitere Verbreitung haben hingegen Hartkerne aus extrem hartem Wolframcarbid gefunden.

c) Sprengmunition.
Die Wirkung von Sprengmunition basiert auf der Zersetzung von hochbrisanten Sprengstoffen. Durch Entfaltung von Splittern und Druckwellen sollen die Ziele beschädigt bzw. vernichtet werden.
Die Granaten dieser Munition enthalten sogenannte "hochbrisante Sprengstoffe".
In diese Kategorie würde ich auch die mittlerweile veralteten Quetschkopfgeschosse (HESH) einordnen.
Diese Begrifflichkeit der "hochbrisanten Sprengstoffe" beruht auf der Einteilung der Sprengstoffe in nicht-brisante und brisante Sprengstoffe.
Die Unterscheidung entspricht dem Abbrandverhalten: brisante Sprengstoffe detonieren; nicht-brisante Sprengstoffe deflagrieren.
Gemeint ist damit, daß bei der Detonation die chemische Umsetzung des Sprengstoffes mit einer physikalischen Druckwelle einhergeht, die auch normalen Gesetzmäßigkeiten über die Ausbreitungen von Wellen in bestimmten Medien unterliegen. So werden die Wellen beispielsweise gebrochen, abgelenkt oder reflektiert. Es gibt Interferenzerscheinungen und alles, was damit verbunden ist.
Am besten, man stellt sich das wie dieses Spiel mit den in Reihe aufgehängten Stahlugeln vor: läßt man hinten eine Kugel aufprallen, wird augenblicklich die vordere Kugel weggestoßen.
So ähnlich verhält es sich auch bei der Detonation. Für die Einleitung "Initiierung" dieser Stoßwelle, man nennt sie die "Detonationsschwade", bedarf es spezieller Zündmittel: der Initialladungen.
Dabei handelt es sich um äußerst gefährliche Brisanzsprengstoffe, die auf Reibung, Druck, Schlag, Erwärmung reagieren. Die Initialladung ist sozusagen das Zentrum der Gefährlichkeit solcher Munition.
Die Initialladung wird durch den Zünder, eine mechanische oder elektrische Vorrichtung, gestartet.
Die "Leistungsfähigkeit" der Sprengmunition hängt von dem verwendeten Srengstoff ab.
Weit verbreitet ist das bekannte TNT mit einer Schwadengeschwindigkeit von etwa 6800 m/s. Hochleistungssprengstoffe wie Hexogen oder Oktogen erzeugen Schwadengeschwindigkeiten bis knapp 10.000 m/s.
Die Schwadengeschwindigkeit selber ist aber kein alleiniges Klassifizierungsmerkmal: Gastemperatur, Gasvolumen und Verbrennungstemperatur bestimmen die Wirksamkeit ebenfalls ganz entscheidend.
Es gibt eine ganze Palette unterschiedlicher chemischer Kompositionen.
Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind saugefährlich. Nicht nur wegen ihrer Sprengfähigkeit, sondern auch wegen ihrer Giftigkeit:
Nitrierte Aromaten zählen zu den besonders krebserregenden Substanzen.
Diese Problematik wird besonders im Zusammenhang mit Begriffen wie "Konversion" und "Altlastensanierung" plastisch.
Auch Kampfmittelbeseitiger können ein Lied davon singen, wenn es darum geht, Krebserkrankungen als Berufskrankheiten anerkennen zu lassen.

d) Sprengstoffbeschleunigte Munition.
Sie könnte eigentlich der Wucht- oder Sprengmunition zugeordnet werden.
Wegen ihrer herausragenden, eigenständigen Bedeutung stellt sie aber eine eigene Ordnung dar.
In diese Gruppe gehört die bekannte Hohlladungsmunition, bei der der Wirkkörper erst durch die Detonationsschwaden geformt und angetrieben wird. Bei der Hohlladung geschieht das, indem der Sprengstpff trichterförmig angeordnet ist. Die Trichterinnenseite ist mit einem dichten Werkstoff ausgekleidet. Beim Auftreffen der von hinten initiierten Schwaden kollabiert der Trichter und verformt sich zu einem Stachel.
Der sich durch die Detonation formende "Stachel" wird gleichzeitig auf Schwadengeschwindigkeit beschleunigt.
Bei den erwähnten rund 10.000 m/s bedetet das annähernd Meteoritengeschwindigkeit.
In diesen Bereichen spielt spezifische Festigkeit von Werkstoffen keine Rolle mehr. Es zählt nur noch Masse bzw. Beschleunigbarkeit von Werksoffen.
Entsprechend entwickeln sich die Panzerungen moderner Gefechtsfahrzeuge zu immer komplizierteren High-Tech-Werkstoffen.
Als Faustregel kann man für moderne Hochleistungshohlladungsmunition eine Durchschlagleistung des 10-fachen des Kalibers in Panzerstahl annehmen.
Heißt: eine 120 mm Hohlladungsgranate ist etwa in der Lage ein Loch in 1,2 m Panzerstahl zu fabrizieren.
Anschaulich ist ein geschnittener Stahlblock, der von einer Hohlladung penetriert wurde und im Panzermuseum in Munster liegt.
Hohlladungsgranaten sind hochempfindliche High-Tech-Granaten, deren Wirksamkeit entscheidend vom Zeitpunkt der Initiierung der Detonationsschwade abhängt.
 

Für die optischen Instrumente spielen diese unterschiedlichen Granaten eine entscheidende Rolle, sollen doch mit ihrer Hilfe die Rohre entsprechend der erforderlichen Flugbahnen gerichtet werden.
Die jeweiligen Projektile unterscheiden sich auch innerhalb ihrer jeweiligen Gruppe nach Form, Gewicht und Anfangsgeschwindigkeit.
Dem wird oft Rechnung getragen, indem jeweils "passende" Skalen in die Srichplatten eingraviert sind.
Diese Skalen sind entsprechend gekennzeichnet.

Es bedeuten folgende russische Bezeichnungen (ich habe die kyrillischen Buchstaben einfach frei "übersetzt") etwa:

bojewaja = Initialladung
Granata-
- fugaßnaja = Sprenggranate
- distanzionnaja = Zeitzünder
- dmowaja = Nebelgranate
- sashigatelnaja = Brandgranate (engl. Incendiary)
- senitnaja = Flakgranate
- imitazionnaja = Imitationsgranate
- inertnaja = Inerte Granate (ohne zündfähige Substanzen)
- kumuljatiwnaja = Hohlladungsgranate
- oßkoltschnaja = Splittergranate (Oßkolotschno-Fugaßnaja =Splitter-Spreng-G)
- praktitscheßkaja = Übungsgranate
- trassierujuschtschij = Leuchtspur (engl. tracer)
- utschjebno-trenirowotschnij = Ausbildungs-  Exerzier-
- makjetnaja = Modellgranate (Attrappe)

Diese Bezeichnungen sind nicht dazu gedacht, Munition zu bestimmen, wenn sie auch Anhaltspunkte dazu liefern können!
 
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