Das Raumbildentfernungsmeßgerät OEM-2 
GBFR
Bei dem OEM-2 (Bezeichnung gem. Dienstvorschrift  A 256/1/327: "Optisches Entfernungsmeßgerät 2 - Beschreibung und Nutzung") handelt es sich um ein Raumbildentfernungsmeßgerät unempfindlicher Bauart mit beweglicher Meßmarke.
Intern, bei Carl Zeiss Jena, wurde dieses Instrument zeitweise auch als EM-70 bezeichnet. Das OEM-2 wurde im Zeitraum von etwa 1966 bis 1976 in Jena entwickelt. Es ist das Nachfolgeinstrument des EM-61.

Die Entwicklungsgruppe für militärische Produkte war zunächst im Stammhaus in Jena untergebracht, wurde dann aber nach Jena-Göschwitz verlegt.
Die Mitgliederzahl dieser Entwicklungsgruppe schwankte zwischen 10 und 20 Personen - je nachdem, woran gerade gearbeitet wurde.
Maßgeblicher Bearbeiter des OEM-2 war Herr Blietz, der leider an Krebs verstorben ist.
Über die genaue Fertigungszahl dieses Instrumentes ist nichts bekannt.
Selbst ehemalige Mitarbeiter der Konstruktionsgruppe haben keine Informationen darüber. Aufgrund verschiedener Schätzungen würde ich die je produzierte Stückzahl auf etwa 1000 bis 3000 Stück beziffern.
Das OEM-2 wurde in Bulgarien vorgestellt und getestet, dort jedoch - wohl wegen der hohen Kosten - nicht beschafft.
Nach neueren Informationen war das OEM-2 neben der NVA definitiv bei den Artilleriebeobachtern der Tschechoslovakischen Armee eingesetzt.
Das OEM-2 diente den Artilleriebeobachtern zur
- Aufklärung und Beobachtung des Gefechtsfeldes
- Ermittlung der Ziel- und Sprengpunktkoordinaten
- Ermittlung der Trefferlage
- Typisches Einsatzfahrzeug: Die Artilleriebeobachtungsstelle SPW 60 PB.

Zunächst eine Abbildung:

 
OEM-2 im Transportbehälter.

In der oberen Schale sind die Fächer für den EWZ-Satz geöffnet.
Links ist das Lade- und Fremdeinspeisegerät LF/OEM-2 zu erkennen.
rechts darüber die unterschiedlichen Kabel zur Stromversorgung: Ein Netzkabel, ein Kabel für Kfz-Steckdosen, ein Kabel LF/OEM-2->OEM-2, und das kleine Kabel für das Batteriefach.
Dieses ist hier oben links zu erkennen. Darunter sollte der rot-weiße Leuchtstab vorhanden sein, der dazu verwendet wurde, mehrere Meßgeräte in der Dunkelheit kenntlich zu machen, um so im Geräteverbund beobachten zu können.
Dazu sind verschiedene Farbfilter (weiß, rot, grün) vorhanden.

In der rechten Seite befinden sich Reinigungs- und Entgiftungsutensilien.
Die graue Tasche an der Schalendecke beinhaltet ein Gerätebegleitheft, in dem jede Ausgabe des Instrumentes an die Truppe und insbesondere der Wartungsstand der Trockenpatronen dokumentiert wurde. Man kann so sehen, ob man ein "gebrauchtes" Gerät hat.
Hier lassen sich auch interessante Informationen zur Gehäusedichtigkeit entnehmen, die individuell an jedem Gerät geprüft wurde.

In der unteren Schale rechts des Gerätes ist die Abdeckplane untergebracht. Sie ist in "Wendebauweise" ausgeführt, so daß die weiße "Innenseite" als Wintertarnung dient.
Gleichzeitig ist die Abdeckplane etwas isoliert um themische Einflüsse (einseitige Sonnenbestrahlung) auf das Meßgerät zu reduzieren.

 


  • Einige Daten:
  • Gewicht des Entfernungsmeßgerätes: 27,5 kg; des Statives: 9,6 kg; des GFK-Koffers mit Zubehör: 32,5 kg.
  • Damaliger Anschaffungspreis für die NVA: 138.000,-- M (das habe ich allerdings erst gehört - noch nicht gesehen)
  • Legt man die mehrjährige Entwicklungszeit und die aufwendige Herstellung (sehr viel Handarbeit!) auf die geringe Stückzahl (geschätzte Größenordnung: wenige tausend) um, verwundert das jedoch nicht.
  • Die Betriebsspannung beträgt 6 V Gleichspannung (Polung unbedingt beachten!). Sie wird mittels Akkumulator, handelsüblicher Batterien oder dem LG/OEM-2bereitgestellt.

  • Sämtliche Anzeigen sind elektrisch beleuchtbar.
     
    Vorderansicht mit Rückentragegestell.
    Die kleinen Klappen für die Tageslichtbeleuchtung der Meßmarken und optischen Anzeigen sind geschlossen.

    Hier ein Blick von oben in die Basis (aus einer Werkszeichnung).
    OEM-2 okularseitig mit Schaltkonsole.

    Oberhalb des rechten Okulares ist das runde UV-Filter für die IR-Aufklärungshilfe sowie der kleine Einschwenkhebel zu erkennen.

    An der rechten Basisunterseite schimmert zwischen dem Meßhandrad und der Amplitudenverstellung die kleine Höhenkorrekturvorrichtung für den Meßmarkenhöhenfehler hervor.
    Die beiden grauen, runden Strukturen direkt oberhalb des Schaltpanelrahmens sind  (hier durch die Okularschutzkappen verdeckte) Aufbewahrungsbehälter für etwas Reinigungswatte und eine Ersatzglühlampe, die man am Rändel nach oben aus ihrer Halterung herausziehen kann.
    Am rechten Tragarm erkennt man die beiden Fenster und Stellrädchen des Koordinatenrechners. Die schwarze runde Abdeckkappe verschließt die Koordinatenrechnerbeleuchtung.

    Die besonderen Prismensysteme der Einblickstutzen sind von Herrn Bechstein entwickelt worden, der ein sehr sensibler Mensch und begnadeter Rechner für optische Systeme gewesen sein soll. Herr Bechstein ist leider verstorben.

    OEM-2 auf UMG-Pi-Säulenmontierung.

    Mit diesem sehr nützlichen Teil ist es möglich, das OEM-2 auch auf Mauern oder mit einer von einer Schlosserei zu besorgenden Säule auf dem Boden fest und erschütterungsfrei zu montieren.
    So kann man dieses Gerät etwa zu Hause im Dauerbetrieb nutzen, ohne daß das Dreibeinstativ zu viel Platz wegnimmt.

    Bei meinem Säulenkopf hätte der untere Rand der Horizontalwinkelverstellung die beiden festen Haltebacken berührt.
    Behelfsweise habe ich eine etwa 2 mm starke Kunstsoffscheibe auf die Auflage gelegt, damit die Ringschwalbe des OEM etwas höher liegt.
    Eine Berührung wird so vermieden.

    Bei dieser Ansicht ist die Bussole hochgeklappt.
    Es war übrigens verboten, das Meßgerät am Bussolenarm zu drehen.

    Wegen der mit dem Gelenk verbundenen Probleme der Justierhaltigkeit bei den zusammenklappbaren E-Messern beschritt man bei diesem Instrument einen anderen Weg:
    Der gesamte optische Teil einschließlich dem Kollimator liegt jetzt in einem T-förmigen starren Aluminiumgehäuse, das mittels Achse in einer Gabel gelagert ist.
    Das Gehäuse ist hermetisch abgedichtet (druckdicht!) und mit mehreren Trockenpatronen sowie Öffnungen für ein Trockengerät versehen. Diese Bauform wird im König/Köhler S. 412 ff. beschrieben.

    Die konstruktive Besonderheit des Streckenmeßteiles liegt darin, daß der Meßkeil - und damit die Entfernungsmeßmarke - durch einen eingebauten Elektromotor in eine scheinbare "Pendelbewegung" versetzt werden kann, so daß dem Beobachter der Eindruck entsteht, die Meßmarke pendele im Raum. Dieser Mechanismus ist von seinem Entwickler, Herrn Siegfried Hesse, seinerzeit patentiert worden.
    Die Meßlinseneinheit wurde nach einem Entwurf von Herrn Blietz ausgeführt.

    Der Sinn dieser Konstruktion liegt darin, den um den Faktor 1,7 im Vergleich zum größerbasigen EM-61 größeren Meßfehler zu kompensieren. - Eine sehr interessante und aufwendige konstruktive Lösung, wie sie auch sonst das ganze Gerät verkörpert:
    Erstmals ist der Koordinatenrechner kein Zusatzgerät mehr, sondern fester Bestandteil der Gerätestruktur.
     
    OEM-2 Basis objektivseitig

    Alle Beleuchtungsfenster für Meßmarken und Weitwinkelsucher geöffnet. Davor Polster und Riemen der Tragevorrichtung.
    Linkes Objektiv mit vorgeklapptem Graufilter; rechts ohne.

    Aber auch der "rein optische Teil" hat es in sich:
    Die Gehäuse der Umkehrprismen sind zur Anpassung des Augenabstandes etwas länglich und um die Befestigungsachse drehbar ausgeführt. Eine Drehung in einem optischen System hat jedoch normalerweise zur Folge, daß sich das Bild dreht...
    Bei Rundblickfernrohren für Geschütze wird deshalb die Drehgeschwindigkeit des Wendeprismas durch ein Differentialgetriebe halbiert. - Daher immer diese auffällige Wulst!
    Beim OEM-2 wurde dieses Problem jedoch durch eine besonders aufwendige Berechnung der Prismen gelöst.

    Technische Wartung

    Die technische Wartung des OEM-2 erfolgte gem. DV in verschiedenen Stufen.
    Zunächst gab es die laufende Durchsicht vor, während und nach der Benutzung.
    In einem Intervall von..... folgte die Technische Wartung 1 (TW 1), bei der neben der Vornahme intensiver Reinigungsarbeiten Verlierteile und Zubehör ergänzt wurden.

    Wesentlich anspruchsvoller war die TW 2, bei der "unter Garnisonsbedingungen" in optischen Werkstätten der NVA bereits optische Baugruppen getauscht werden konnten.
    Das allerdings setzt voraus, daß das OEM-2 mit dem JGOEM-2 (Justiergerät OEM-2) justiert werden kann. Darüberhinausgehende Arbeiten waren Sache der Industrieinstandsetzung beim Hersteller VEB Carl Zeiss Jena.

    Für die Truppeninstandsetzungen gab es entsprechend den Stufen genau abgestimmte Ersatzteilsätze (EW-1 und EW-2).
    Dazu gehörte eine technische Wartungsvorschrift, die sich aus einem umfangreichen Konvolut technischer Zeichnungen zusammensetzt.
     

    Zum Vergleich mit anderen Entfernungsmeßgeräten  eine kleine Tabelle:
     
    Instrument Basislänge Vergrößerung Mindestfehler MiF
    in m bei E = 1000 m
    Meßbereich

    EM-61

    90 cm 14-fach - 400 bis 18.000 m

    OEM-2

    52 cm 14-fach ± 3,8 m mit Pendel
    ± 6,8 m ohne Pendel
    400 bis 15.000 m

    EMK-04

    40 cm 6-fach 22,2 m 50 bis 3000 m

    UMG-Pi

    52 cm 17-fach 20 m (Meßfehler) 15 bis 3000 m

    SDN

    100 cm 10-fach - 500 bis 6000 m

    EM 1m R 36 (2.Weltkrieg)

    100 cm 6-fach - xxx bis xxx m

     
    OEM-2 Stativ mit eingezogenen Teleskopbeinen.
    Die Verwendung dieser Anordnung wird als "großes Stativ" bezeichnet.
    Um das "kleine Sativ" herzurichten, wird der graue, hier gespannte Gurt, der die drei Beine zusammenhält, ausgeklinkt.
    Die großen Stativbeine werden dann fast waagerecht abgeklappt und die kleinen Beine (das kleine schwarze Rohr links am vorderen Bein) durch lösen der Knebelschraube gelöst und senkrecht gestellt.
    So kann mit dem OEM-2 fast liegend beobachtet werden - oder wenn die Lage es erfordert, etwa von Grabenrändern aus.

    Die beiden schwarzen Gummimuffen am vorderen und linken hinteren Sativbein beinhalten Schneckentriebe mit deren Hilfe die Feinhorizontierung vorgenommen wird.
    Zu diesem Zweck ist auch im Stativkopf eine Hilfs-Dosenlibelle enthalten.
    Die "richtige" Feinhorizontierung wird mit der (genaueren) Dosenlibelle vorgenommen, die sich in der Alhidade des Meßgerätes befindet.

    Diese großzügige Anpassungsfähigkeit des Stativs ist eine deutliche Verbesserung zu dem Stativ des EM-61.


    OEM-2 Pruefung
     
    Ein Techniker der NVA prüft die Okulare.
     
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