Das Spiegelstereoskop

Als Standard-Negativformat für Reihenmeßkammern (sehr aufwendige, fest im Flugzeug installierte Kameras, mit für geodätische Zwecke besonders korrigierten Optiken) hat sich das Format 23 x 23 cm etabliert. Reihenmeßkammern nehmen gleich ganze Reihen von Luftbildern auf, so daß in den Überlappungsbereichen automatisch Stereogramme entstehen - oder es werden nach einem besonderen Verfahren direkt Stereogramme aufgenommen. Von diesen Negativen werden dann Kontaktabzüge gefertigt, die man, soweit von dem gewünschten Gebiet erhältlich,  bei den Luftbildstellen der Landesvermessungsämter käuflich erwerben kann.
Solch ein Bildpaar kostet etwa DM 60,--.

Um diese großen Bildpaare stereoskopisch betrachten zu können, bedarf es eines optischen Hilfsmittels, das die Bilder einmal auf "Augenbasislänge" darstellt und das eine Korrektur ermöglicht, da die menschlichen Augen in "Nahbereichswinkelstellung" automatisch auch auf diesen Nahbereich fokussieren.
Will man Stereogramme ohne diese technischen Hilfsmittel betrachten, muß man entsprechend trainieren. - Das geht übrigens.

Als ich mein Stereoskop bekam, habe ich mir zum Auftakt gleich ein Bildpaar gegönnt:
Ich habe das Landesluftbildarchiv des Freistaates Bayern (Alexandrastraße 4 - 80535 München - Postfach 220004 - Tel. (089) 2129-1635) mit der Bitte kontaktiert, man möge mich doch auf dem angedachten Wege einmal "derart in die Zauberwelt der Berge entführen, daß der plastische Eindruck besonders intensiv ist".
Etwa 3 Wochen später kam ein großer Briefumschlag mit den beiden Bildern. Darauf war auf den ersten Blick allerlei Gewurschtel zu sehen, dem ich auf den ersten Blick nun wirklich gar nichts abgewinnen konnte.
Es hat etwas gedauert, bis ich begriffen hatte (damals hatte ich überhaupt noch keine Ahnung von Stereoskopie), wie die Bilder unter das Stereoskop zu legen waren. Plötzlich schmolzen die Aufnahmen jedoch zu einer zusammen - und ich habe regelrecht eine Gänsehaut bekommen.
Das Paar stellt die gesamte Zugspitze mit Herzblatt im Maßstab 1:15.000 dar. Da ich diesen Berg noch nie gesehen hatte, wußte ich natürlich nicht, was mich erwartete. Das Deutsche Haus ist wie auf die Schneide eines Messers gebaut. Ein Wahnsinn!
Ich habe das Bildpaar schon stundenlang betrachtet - und immer wieder etwas neues entdeckt. Alleine die Seilbahnfahrt dort hinauf muß, soweit ich das "von hier" sehen kann, eine sehr interessante Erlebnismischung aus Raum und Tiefe sein.....
 
Spiegelstereoskop mit Zeichenstereometer

Die Stativbeine werden in die Spiegelträger eingesteckt, Das rechte vordere Stativbein ist mit einer Höhenkorrektur (die sichtbare Verdickung) ausgestattet, damit auf unebenen Untergründen ein Wackeln vermieden wird.

In die Okularbrücke sind die beiden Fernrohre eingesteckt, die dazu dienen, kleine Details besonders genau zu betrachten.
Es handelt sich dabei jeweils um vollständige monokulare Ferngläser (Porro-II-Umkehrsystem) mit 3,5-facher Vergrößerung.
Mit Hilfe der verstellbaren Okulare kann genau fokussiert werden.

Es lassen sich die beiden planparallelen Glasplatten des Stereometers erkennen, die die Meßmarken tragen.

Stereoskop mit aufgesetzten Ferngläsern

Darunter liegt das Zeichenstereometer.
Das Zeichenstereometer dient einmal der zeichnerischen Auswertung von Luftbildern (durch eine einsetzbare Bleistiftmine lassen sich Zeichnungen der espähten Strukturen aus dem Stereogramm heraus fertigen) und einmal der Messung von Geländehöhendifferenzen im Stereogramm.

Bei der Auswertung von Luftbildern gilt dabei:
Höhendifferenz in m = k · dp (mm). (dp ist die Differenz der Parallaxmessung, die mit Hilfe des am Zeichenstereometer angebrachten Mikrometers aermittelt wird).
Dabei ist k eine Bildkonstante, die sich aus Flughöhe über Grund durch Aufnahmebasis mal Bildmaßstabszahl durch 1000 ergibt.
Die für die Errechnung von k erforderlichen Werte werden regelmäßig am Rande der von Reihenmeßkammern aufgenommenen Luftbildern eingeblendet.

Diese visuellen Luftbildauswerteverfahren sind so genau, daß selbst kleinste Geländestrukturen, wie die Einschlaglöcher blindgegangener Bomben, vermessen werden können.
Auf diesem Verfahren beruht beispielsweise heute, dort wo es möglich ist, zu großem Teil die Kriegsaltlastenaufklärung, wenn größere Bauvorhaben anstehen.
Zu diesem Zwecke sind den zuständigen Behörden von den Alliierten nach dem Kriege umfangreiche Bildmaterialien zur Verfügung gestellt worden, die damals durch Luftaufklärer systematisch nach Bombenangriffen aufgenommen wurden (allerdings um zu sehen, ob die geplanten Ziele auch getroffen worden waren).

In Zweifelsfällen hilft es oft, die Bilder zu vertauschen. Man nutzt so den Pseudoskopieeffekt, nach dem Vertiefungen nun als Erhöhungen erscheinen - Löcher wirken dann wie Fahnenmasten.
So ist meist eine eindeutige Erkennung möglich.

Die beiden unteren Aufnahmen zeigen die in der NVA vorhanden gewesenen Stereoskop-Sätze.
Links der große Satz mit Zeichenstereometer; rechts der kleine Satz ohne Zeichenstereometer.
 
Achtung:
Bei den großen Spiegeln eines Spiegelstereoskops handelt es sich um optische Spiegel, die an der Oberfläche - und nicht wie beim Schminkspiegel auf der Rückseite des Glases verspiegelt sind.
Diese Verspiegelung ist sehr empfindlich. Es ist UNBEDINGT zu vermeiden, diese Flächen zu berühren.
Selbst ein "Reinigen" mit allerfeinsten Reinigungstüchern hat unweigerlich zur Folge, daß diese Flächen unwiederbringlich zerkratzen.
Angesichts der hohen Kosten eines solchen Instruments ist hier ein gesteigertes Maß an Sorgfalt angebracht.
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