| Die Raumwahrnehmung des Menschen |
Immer, wenn wir ein Bild betrachten, interpretieren wir es gleichzeitig.
Interpretationshilfen sind dabei Perspektiven. Sie vermögen
uns allerdings nur sehr lückenhaft, eine dreidimensionale Vorstellung
zu entwickeln. Die einzige wirklichkeitsgetreue Abbildung wird durch
stereoskopische Verfahren ermöglicht, nach denen es darauf ankommt,
jedem Auge sein individuelles Bild zu präsentieren,
das heißt, ein Bild aus der Perspektive des einen Auges; das andere
Bild aus der Perspektive des anderen Auges.
Denkt man sich ein spitzes Dreieck, dessen Spitze das Ziel und dessen
Grundlinie der Augenabstand ist, so bezeichnet man den spitzen Winkel als
"parallaktischen" Winkel.
Es wird davon ausgegangen, daß ein gesundes, gut entwickeltes
"Sehsystem" des Menschen in der Lage ist, einen Parallaxwinkel von etwa
11
Winkelsekunden wahrzunehmen; diese Wahrnehmungsfähigkeit
ist jedoch in hohem Maße von individuellen Fähigkeiten abhängig.
Durchschnittlich ergibt sich für uns Menschen eine Raumtiefenwahrnehmbarkeit
von etwa einem Kilometer, was erklärt, warum wir beispielsweise Gebirge
immer nur kulissenhaft wahrnehmen können.
Mit einem Stereotelemeter oder mit aus entsprechendem seitlichem Abstand
aufgenommenen Bildpaaren, kann der räumlich wahrnehmbare Bereich leicht
auf viele Kilometer erweitert werden.
(Dazu gleich ein Tip: Kommen Sie
jemals im Leben zum Grand Canyon, nehmen Sie unbedingt ein Stereotelemeter
mit oder machen Sie Stereoaufnahmen!)
Wenn Sie das sehen, ist Ihnen eine faszinationsbedingte
Gänsehaut sicher!
Es gilt: Die Tiefe der Raumwahrnehmung des Menschen hängt von seinem Augenabstand ab.
Fragen zur Stereografie,
dem Verfahren zur Herstellung von Stereobildpaaren beantwortet man
Ihnen gerne bei der Deutschen
Stereoskopischen Gesellschaft.
Auf dem Titelbild ihrer Homepage sehen Sie das Logo doppelt.
Versuchen Sie einmal, durch verändern der Augenstellung "drei" dieser
Bilder zu sehen, wobei sich das dritte Bild aus dem Zusammenwachsen der
beiden anderen ergibt. Sie sehen dann die Tiefenstaffelung der Buchstaben.
Die Vergrößerung des Augenabstandes hat jedoch noch einen weiteren Effekt, der als "Liliputismus" bezeichnet wird:
Je größer der Abstand der Objektive, desto subjektiv verkleinerter empfindet man nämlich das Objekt.
Platt ausgedrückt: Je größer die Basis (eines Stereotelemeters),
desto mehr kommt einem die beobachtete Landschaft wie eine Miniatureisenbahnlandschaft
vor. Das gleiche gilt in umgekehrter Weise. Daraus ergibt einen eigenartiger
Effekt: Obwohl das Objekt objektiv stärker vergrößert wird,
kommt es einem subjektiv nicht so vor.
Ein Blick durch ein 10-faches Glas entspricht subjektiv etwa dem durch
das 14-fache OEM-2. Hat man die Möglichkeit, abwechselnd durch
EM-61 und OEM 2 zu schauen, hat man den Eindruck, das OEM 2 würde
von den beiden stärker vergrößern.
Hätte man beispielsweise ein Prismenfernrohr mit Leman Prismen
(Theatis oder Telita), bei dem die Objektive dichter zusammenstehen als
die Augen, so hat man den Eindruck, wenn man damit auf eine Modelleisenbahn
schaut, man stünde in der Realität.
Ich behaupte einmal ganz frech, daß darin auch der derzeitige
Erfolg der Dachkantprismenferngläser gegenüber den Porro-Gläsern
liegt. Durch das subjektive Empfinden hat der Mensch den Eindruck, das
Dachkantglas würde stärker vergrößern, als ein Porro
Glas.
Daß das realitär nicht der Fall ist, merkt er allerdings
erst, wenn das Geld schon lange ausgegeben ist....
Der Liliputismus-Effekt macht sich beim menschlichen Sehsystem bereits
bei wenigen Millimetern Basisunterschied bemerkbar. Geht man davon
aus, daß Frauen durchschnittlich
über eine erheblich kleinere optische Basis als Männer
verfügen (oft etwa 1cm weniger!!!), wird deutlich, daß Frauen
die Welt als größer empfinden müssen, als Männer es
tun - oder sich selber als kleiner.
In den USA laufen, wie ich einmal hörte, psychologische Breitenstudien,
die sich mit den Wesensunterschieden zwischen
Mann und Frau
(Selbstvertrauen!) in Abhängigkeit von ihrer
räumlichen Wahrnehmungsfähigkeit befassen.
Zu belegende These: Je kleiner der Augenabstand, desto "ängstlicher" der Mensch.
Wie heißt es so schön: "Ihr müßtet
die Welt einmal mit meinen Augen sehen..."
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