Titel : Desideratum I : Verloren (6/11)
Autoren: Rachel Anton und Laura Blaurosen
e-mail: RaValliano@aol.com und Mezzo4@aol.com
Übersetzung: ClaudiaQueequeg und Sylvia
Dementi: Uns gehören Mulder, Scully, Skinner, Bill und Maggie Scully und der Begriff von Charles Scully nicht. Alle anderen Charaktere sind unsere eigenen.
Zusammenfassung: Wie weit kann man im Namen der Liebe gehen?
Alles weitere im ersten Teil.
Desideratum I: Verloren
von Rachel Anton und Laura Blaurosen
Kapitel 6/11
Er hielt sie. Gott sei dank. Er hielt sie wieder. Er hüllte sie ein und kuschelte sich von hinten dicht an sie. Haut an Haut, so nah, daß sie sich wie ein Teil von ihm anfühlte. Sie waren in einem großen Bett mit weißen Laken und weichen Kissen. Da waren überall Pflanzen.
"Scully," seufzte er in ihren Nacken und zog sie noch näher. "Scully, das ist so gut. Ich habe das schon so lange gewollt." Sie war still, doch er wusste, wusste einfach, daß sie das Gleiche empfand.
"So gut. Das ist so gut." Flüsterte er wieder und wieder in ihren Nacken. Mulder konnte an nichts anderes mehr denken. Er ließ seine Hand, um sie zu umfassen und zu drücken, zu ihrer Brust gleiten und presste sich noch fester an sie. Die warme, weiche Haut ihres Hinterteiles war eine perfekte Wiege für seine brennende Erektion. So perfekt. Alles war so perfekt.
Mulder hörte das Plätschern von Wasser und blickte über ihre Schulter. Vor ihr war ein Springbrunnen in der Form eines Löwen. Wasser floß aus seinem Maul und lief über den Holzboden zu Pfützen zusammen. Er beobachtete einen Moment lang wie verzückt das Wasser.
Sie erbebte in seinen Armen und machte ein seltsames, ersticktes Geräusch. Mulder konnte nicht sagen, ob es aus Vergnügen oder Schmerz war. Panik ergriff ihn und er erkannte, dass er es wieder tat, er wollte das nicht tun. Er lag völlig falsch. Warum machte er immer wieder den gleichen dummen Fehler?
Dann sah er, wie sich das Wasser von einem klaren, sprudelnden in einen purpurroten Teich verwandelte. Von der Seite des Bettes lief Blut in das Wasser.
"Scully? Was ist das? Was passiert hier?"
Sie drehte sich in seinen Armen um. Ihr Gesicht war vollkommen verunstaltet, fast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Bis auf ihre Augen. Er erkannte ihre Augen. Und diese waren voller Angst.
"Mulder, bring mich nach Hause. Ich will nach Hause gehen."
Mulder wachte ruckartig auf. Einen Moment lang war er erschrocken, doch als er erkannte, dass es nur ein Traum und nicht die Wirklichkeit gewesen war, beruhigte er sich. Und dann war er entsetzt, da er erkannte, was die Wirklichkeit war.
Alles, was er in diesem Moment bewußt wahrnahm, war der Schmerz. Ein pochender, unerträglicher Schmerz in seinem ganzen Arm und in seiner Schulter. Er fühlte sich ekelhaft und verwirrt, versuchte sich aufzusetzen und erkannte, dass er inmitten von Glasscherben lag, die seinen Rücken und die Beine zerschnitten. Er stand auf und schwankte.
Mulder sah sich im Zimmer um und die vagen Erinnerungen an die Nacht zuvor überkamen ihn. Er sah an seinem Arm herab, der von getrocknetem, verkrustetem Blut bedeckt war. Die Wunden infizierten sich bereits und er erkannte, dass er Glück gehabt hatte, diese Nacht zu überleben. Allerdings war Glück hier reine Ansichtssache. An diesem Punkt könnte er genauso gut tot sein.
Sie hatte ihn verlassen. Das war kein Alptraum. Das war seine Wirklichkeit.
Doch aus irgendeinem Grund, egal wie sehr er auch versuchte, sich von dieser Tatsache zu überzeugen, sich an die Wahrheit seiner Situation zu erinnern, es wollte einfach nicht zusammenpassen. Irgend etwas schien im Tageslicht nicht richtig zu sein. Irgend etwas in diesem Traum... er war so lebhaft gewesen. Es hatte sich so intensiv angefühlt. Er berührte sein Gesicht, um nach Narben zu suchen. Da war nichts.
Der Schmerz schoß nun noch intensiver durch seinen Arm und er glaubte, dass er in Ohnmacht fallen würde. Mulder musste ihn versorgen. Er mußte ihn reinigen und verbinden und dann damit beginnen, nachzudenken. Wirklich nachzudenken und nicht einfach aus viszeraler Angst heraus zu reagieren.
Als er ins Bad ging, um genau das zu tun, hörte er sein Telefon klingeln. Bedauerlicherweise hatte er keine Ahnung, wo es war. In dem Chaos begann er danach zu suchen und entdeckte es schließlich halb unter seiner Bratpfanne vergraben. Der unordentliche Zustand, in dem sich seine Wohnung befand, war beinahe lächerlich.
"Ja?" antwortete er, ein wenig über die Unterbrechung verärgert. Gott wusste, dass es keine lebendige Seele gab, mit der er im Moment sprechen wollte. Keine, die ihn nun anrufen würde.
"Mister Mulder?"
"Ja."
"Hallo. Hier spricht Charles Scully, Danas Bruder." Oh Gott. Oh nein. Er hatte noch nicht mal an ihre Familie gedacht. Hatte sich noch nicht überlegt, wieviel er ihnen über den Brief erzählen sollte.
Der Brief. Gott, der Brief. Mulder setzte sich an den Schreibtisch und zog den hassenswerten Gegenstand aus der Schublade, in die er ihn gelegt hatte. Er wurde von dem seltsamen Bedürfnis, ihn nochmals zu lesen, erfüllt. Der Brief lag neben dem einzigen Foto, das er von ihr hatte. Es war eine Aufname, die er, als sie bei einer Überwachung schlief, gemacht hatte. Noch eine weitere Verletzung, doch er war nicht dazu fähig gewesen, zu widerstehen. Seine Finger glitten über die Konturen ihres Gesichtes auf dem Foto. Gott sei dank hatte er es bei seinem gestrigen Anfall nicht zerfetzt.
"Äh, hallo."
"Ich fragte mich, ob Sie schon irgendwelche Hinweise über Dana gefunden haben."
"Ugh..." Mulder wollte das nicht am Telefon tun. Er wollte das überhaupt nicht tun. Als er zögerte, blickte er auf den Brief. Ein Wort sprang ihn an. Manipuliert.
Du hast mich immer manipuliert. Manipuliert.
"Ich fragte mich das, weil...nun, eigentlich habe ich mich gefragt, ob wir uns vielleicht treffen könnten, um darüber zu reden. Ich habe den nächsten Monat Landurlaub und ich werde hier in DC bleiben. Und da habe ich mich gefragt, ob ich irgend etwas tun kann, um zu helfen?"
Manipulation. Manipulation. Irgend etwas daran war einfach...falsch. Er sah sich das Bild ihres süßen engelsgleichen Gesichtes an und versuchte sich vorzustellen, dass diese Worte aus ihrem Mund, aus ihren Verstand kommen.
"Mister Mulder?"
"Häh?"
"Ich habe Sie gefragt, ob wir uns treffen können, ob wir darüber reden können..."
"Oh, oh ja." Scullys Bruder wollte sich mit ihm treffen. Plötzlich huschte ihm eine Vision von, wie der andere Mann ihm eine Kugel durch den Kopf jagt, durch seinen Verstand. Mit dem anderen Scullybruder hatte er nicht gerade besonders viel Glück gehabt und diese Situation war geradezu prädestiniert dazu, Feindseligkeiten zu fördern.
Und doch musste ihre Familie so bald als möglich erfahren, was er nun wusste. Oder das, was er zu wissen glaubte. Die Dinge erschienen ihm immer weniger klar zu sein.
"Ja sicher. Wollen Sie mich heute noch treffen?"
"Heute wäre großartig. Sagen wir in einer Stunde?" Mulder sah nochmals an seinem Arm hinunter. Da mußte er noch einiges tun.
"Geben Sie mir zwei."
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In dem Zimmer war es sehr, sehr leise. Scully glaubte, dass sie nach Janes kleinem Anfall eingeschlafen war, doch sie konnte sich nicht völlig sicher sein. Sie konnte sich über nichts mehr sicher sein. Zum millionsten Mal blickte sie sich nach einer Uhr um und konnte wieder keine entdecken.
Draußen war es dunkel und sie hatte keine Ahnung, wie spät oder welcher Tag es war. Seitdem sie in ihrem eigenen Haus gewesen war, könnten zwei Tage oder ein ganzer Monat vergangen sein, sie hatte keine Möglichkeit, es herauszufinden. In der Hoffnung, daß es ihr einen Hinweis auf den Zeitraum geben würde, versuchte sie sich die Ereignisse seit ihrer Entführung ins Gedächtnis zu rufen. Hatte sie den Brief letzte Nacht geschrieben? Aber wann wurde sie dann in den Kleiderschrank gestoßen? Und wann hatte sie ihr diese alten Reiskekse gebracht? War das vor oder nach dem Brief gewesen? Wann hatte Jane ihr zuletzt Wasser gebracht? Wie viele Tage waren vergangen, seitdem sie Mulders Stimme in der Wohnung gehört hatte?
Oder war das auch nur Einbildung gewesen?
Die Konzentration, die diese Meisterleistung erforderte, bereitete ihr Übelkeit und sie mußte die Augen schließen. "Ahh...!" Sie schrie plötzlich auf und fühlte wieder diesen stechenden Schmerz in ihrem Arm. Dann wurde ihr klar, dass ihr Körper immer noch nicht aufgehört hatte zu zittern. Sie schwitzte und fror und hatte Angst.
Die Tür flog auf und Scully zuckte mit weit aufgerissenen Augen zusammen, als sie Jane sah. Das Messer, das Jane in der Hand hielt. Oh Gott, was wollte sie ihr antun?
Scully sah den Wahnsinn in Janes Augen und schüttelte ihren Kopf. "Nein," sagte sie zu ihr.
Aber Jane nickte langsam und lächelte sie drohend an. "Ja," antwortete sie und drückte Scully mit einem Knie flach zurück auf das Bett. Dann führte sie das Messer schnell zu Scullys Gesicht hinunter.
Scully würgte und hielt ihren Atem an. Jane verhielt kurz vor ihrem Gesicht. Sie öffnete die Augen. Jane war immer noch über sie gebeugt und lachte sie leise durch die Nase aus. "Ich erschreck dich, nicht wahr?"
Scully ließ den Atem, den sie angehalten hatte, heraus. Da fühlte sie es. Das Messer stieß in die Haut an ihrer Schläfe. Janes Stimme schien kräftiger als je zuvor zu sein. "Wir werden hier nur ein paar Änderungen vornehmen."
"Ahh!" Als Scully fühlen konnte, wie die Klinge ihre Wange entlang glitt, schrie sie auf.
"Oooh, das ist hübsch. Hübsche kleine Narbe entlang deines hübschen..." Sie ließ das Messer zu ihrer anderen Wange gleiten, "kleinen Gesichtes."
"Aufhören," versuchte Scully zu schreien, doch es kam nicht mehr als ein Flüstern heraus.
"Äh-äh, wir sind hier noch nicht fertig." Scully fühlte noch ein Kratzen entlang ihres Gesichtes und dann noch eines. Als Tränen in ihre Wunden liefen, brannte ihr Gesicht. Wieder hielt sie ihren Atem an und zuckte bei jedem weiteren Schnitt zusammen. Sie hielt ihre Augen geschlossen und versuchte verzweifelt, sich Jane einfach weg zu wünschen.
"Ach du meine Güte, wir sind nun nicht mehr so hübsch, nicht wahr? Was habe ich nur getan? Überall sind kleine Narben. Ich denke nicht, daß man diesen gottverdammt perfekten Teint nun noch makellos nennen kann, hmm? Ich denke auch nicht, dass das Wunden sind , die heilen werden, aber..." Jane brach ab und sah Scully an. Sie schien sich etwas zu überlegen.
Jane erhob sich vom Bett und Scully ließ einen großen Atemzug heraus. Langsam, aber nicht ganz, entspannte sich ihr Körper wieder. Sie lag einfach da und wartete darauf, daß Jane zurückkommen würde. Das war unvermeidlich und alles, was Scully tun konnte, war sich darauf vorzubereiten.
Scully konnte fühlen, wie das Blut ihr Gesicht hinunterlief. Es fühlte sich wie eine brennende Flüssigkeit an und brannte die Narben, mit denen Jane ihr Aussehen für immer verändert hatte, aus.
'Scully, du bist so wunderschön.'
Sie begann zu wimmern.
'Dein Gesicht ist so perfekt, Scully. Makellos. Ich liebe es.'
Nicht mehr, Mulder. Nicht mehr. Sie hat es mir genommen. Sie hat es mir weggenommen. Dir weggenommen. Es tut mir leid, Mulder. Es tut mir so, so leid...
Aus dem Nirgendwo tauchte Jane wieder vor ihr auf. "Gehen wir sicher, daß das auch so bleibt," sagte sie, bevor sie ihr irgendeine Flüssigkeit in das Gesicht spritzte. Es fühlte sich zuerst kalt an. Wasser? Sie betete, das es das war. Dann begann es zu brennen. Sie hatte Angst davor, ihre Augen zu öffnen. Versuchte, den Geruch zu erkennen, aber alles was sie roch, waren ihr Schweiß und ihr Blut. Was ist es gewesen?
"Für den Fall, dass du dich das jetzt fragst, das ist Hydrofluorid-Säure. Schmerzt höllisch, hmm?"
Es schmerzte. Überall. Scully hatte Angst davor, ihren Mund zu öffnen, fürchtete, daß es ihr in den Mund laufen und ihre Kehle verbrennen könnte. Sie wollte ihr Gesicht berühren, um sich irgendeine Art der Erleichterung zu verschaffen. Sie rieb ihr Gesicht an dem Kissen, auf dem sie lag. Oh Gott, was wenn sie sich jetzt ihre Haut abrieb?
"Doch es schmerzt nicht so sehr, wie zurückgestoßen zu werden." Jane packte Scully an den Haaren und schrie ihr ins Ohr. "Aber du hast davon ja keine Ahnung, nicht wahr? Die kleine Miss Perfekt hat es immer leicht gehabt. Alle liebten die hübsche, kleine Dana, oder etwa nicht? Nun, die werden es herausfinden, wenn sie dich jetzt ansehen; du wirst herausfinden, zu was für einem Monster du geworden bist."
Mit einem Lachen brach sie ab. Ein volles bauchiges, böses Lachen, das durch die ganze Wohnung zu hallen schien.
Oh, Mulder. Ich möchte nach Hause gehen. Bitte komm und bring mich nach Hause.
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Scully fühlte sich warm und behaglich. Da war ein zärtlicher, sanfter Druck an ihrem Ohr. Als ein prickelndes Gefühl ihren Körper überflutete, lächelte sie. Sie hörte eine Stimme, die leise in ihr Ohr sprach. "Mmmm...weißt du wie lange ich das schon tun will?"
Es war Mulder. Er umfaßte mit seinen Armen ihre Taille und drückte sie auf das Bett. Scully fühlte sich so erleichtert. Sie fühlte keine Schmerzen mehr. Ich auch, ich auch Mulder, sagte sie, vielmehr in ihren Kopf als laut. Wieder versuchte sie, es zu sagen. Und wieder. Sie öffnete ihren Mund, doch sie konnte keinen einzigen Ton herausbringen.
Scully erinnerte sich daran, dass sie ihm etwas über sie erzählen musste, etwas, das er für sie tun sollte. Was war es? Sie sollte von diesem Ort verschwinden, musste verschwinden, doch sie wollte das Gefühl, das sie in diesem Moment hatte, nicht aufgeben. Mulder, halt mich, halt mich, sie versuchte wieder zu sprechen, aber es kamen immer noch keine Worte heraus.
Er sprach wieder, "So lang, so lang." Dann glitten seine Lippen an ihrem Hals entlang. "So gut," flüsterte er wieder und wieder. "Einfach wundervoll."
"Mulder," schließlich sprach sie mit ihm. "Ich will das auch, aber..." Sie hatte Angst davor, noch mehr zu sagen, sie wollte ihn nicht erschrecken und auch nicht vertreiben. "Aber du mußt mich zuerst von hier wegbringen. Hilf mir, Mulder. Rette mich, Mulder."
Als ob er nicht mal bemerkt hätte, dass sie mit ihm gesprochen hatte, antwortete er nicht auf ihre Bitten. Er ließ seine Hände zu ihren Brüsten gleiten, die, wie sie jetzt erkannte, genauso nackt wie der Rest ihres Körpers waren. Mulder, der vollständig bekleidet war, fuhr mit dem Angriff auf ihren Körper fort. Scully fühlte, wie sie brannte, wie in ihr eine vertraute Sehnsucht, von unten beginnend, aufstieg. Die Sehnsucht, die sie so viele Nächte lang dazu gebracht hatte, sich selbst, mit dem Verlangen nach Erlösung, in den Schlaf zu weinen. Das Verlangen nach ihm. Das Verlangen nach Vervollständigung. Nach Bestätigung.
Mit einem plötzlichen Funken Mut sagte sie. "Mulder, ich liebe dich, liebe dich so sehr."
"Ich liebe dich auch, Jane."
Scully wurde schlagartig wach und suchte nach Mulder. Sie erinnerte sich daran, wo sie war, erinnerte sich an den Traum und weinte. Sie fühlte sich so, als ob sie tagelang geschlafen hätte, was gut möglich war.
Wo zum Teufel war er? Hatte er diesem dummen, dummen Brief wirklich Glauben geschenkt? Machte er einfach, nachdem er vor Monaten aufgegeben hatte, nach ihr zu suchen, mit seinem Leben weiter? Hatte Jane das erreicht, was sie sich vorgenommen hatte?
Scully betastete die Narben auf ihrem Gesicht, die mit Schorf und getrocknetem Blut bedeckt waren. Ihr Gesicht war empfindungslos und juckte höllisch, doch sie hatte sogar Angst davor, es am Kissen zu reiben. Anhand dessen, wie sich ihr Gesicht anfühlte, versuchte sie, sich vorzustellen, wie es aussah. Sie hatte schon zuvor Opfer von Brandwunden gesehen, sie autopsiert, an ihnen notfallchirurgische Eingriffe durchgeführt. Rot und voller Blasen, vielleicht schälte sich die Haut ab, oder was auch immer sie tat, wenn sie Säure oder Hitze ausgesetzt gewesen ist. Sie hörte die Worte des Rekonstruktionschirurgen: "Ich werde tun, was ich kann, doch es gibt nichts, was ich tun kann, um deren Gesicht auch nur annähernd so wie zuvor aussehen zu lassen."
Es war immer traurig und unglückselig gewesen, das zu hören, aber irgendwie war sie dazu fähig gewesen, sich davon zu distanzieren. Sie sagte sich, für den, der sich wirklich um diesen Menschen sorgte, war es egal, wie er aussah. Er würde es schaffen, bei ihm zu bleiben und aus dieser Prüfung gestärkt hervorgehen. Doch diese Leute, die sie gesehen hatte, waren nicht sie gewesen. Wie konnte sie dazu fähig sein, Mulder so gegenüber zu treten? Für ihn wäre es gut, wenn sie hier sterben würde. Wenn er sie lebend finden würde, wäre sie nichts. Scully wollte nicht, daß Mulder sie so sah. Sie wollte nicht, daß irgendjemand sie so sieht.
Scully drehte sich um und beobachtete durch das Fenster zum Garten den Springbrunnen. Er erschien jetzt so viel größer. Das Wasser lief ununterbrochen und gab dem leblosen Objekt den Anschein, zu leben. Sie beobachtete ihn und versuchte sich von ihrem Schmerz, ihren Sorgen abzulenken. Scully konnte kaum glauben, daß ein so schöner Ausblick voller Leben am gleichen Ort existierte, an dem sie ihres allmählich verwirkte.
Durch dich bin ich zu einer reiferen Person geworden. Oh Gott, Mulder, ich kann nicht mehr. Ich kann nicht. Es tut mir so leid.
Scully wollte es ihm in dieser Nacht sagen. Ihm sagen, daß auch er für sie die Welt bedeutete. Es ihm endlich sagen. Ihm endlich sagen, daß sie ihn liebte. Zu spät. Sie hatte zu lange gewartet.
Als sie dem Wasser zusah, wurde ihr klar, daß ihr Mund trocken war. Sie hustete und jeder Muskel, jeder Knochen in ihrem Körper schrie auf. Sie brauchte etwas zum Essen, brauchte Wasser. Und sie betete trotz des Schreckens, den sie ihr gerade zugefügt hatte, dass Jane bald zurückkommen würde. Jane war beides, ihr schrecklicher Eroberer und ihre letzte Überlebenschance. Ihre einzige Hoffnung, Mulder wiederzusehen und ihm sagen zu können, wie furchtbar leid es ihr tat.
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Mittwoch, 13:30
Charlie sah sich besorgt in der verrauchten Bar um. Er wusste, wie Mulder aussah, doch in dieser Dunkelheit sahen alle Männer in ihren Anzügen gleich für ihn aus. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß er noch nicht hier war, setzte er sich in eine Nische in der Nähe der Tür und bestellte sich ein Bier.
Obwohl er es war, der es vorgeschlagen hatte, war er wegen dieses Treffens ein wenig nervös. Was er wirklich von Mulder wollte war, dass er ihn helfen ließ. Er wollte das auf der ganzen Linie. Die Art und Weise, wie seine ganze Familie diesem Mann die ganze Kontrolle überließ, erschien ihm irrsinnig. Sie ließen ihm praktisch die ganze Situation übernehmen, boten ihm nicht einmal an, ihm zu helfen, um dann unendlich darüber zu schwafeln, wie schrecklich er für Dana war, wie sehr er sie in Gefahr gebracht und im Stich gelassen hatte. Charlie konnte ihre Bereitwilligkeit, sich einfach zurückzulehnen und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen, einfach nicht verstehen.
Charlie erinnerte sich an die Briefe, die Dana ihm geschrieben hatte, als sie krank war. Sie hatte ihm davon geschrieben, daß Bill und Mom Mulder sagten, dass man nicht versuchen sollte, diesen Chip, oder was immer es auch war, in ihren Nacken zu setzen, aber auch keine anderen Lösungsvorschläge hatten. Dana verdammt noch mal einfach sterben zu lassen, ohne etwas auch nur zu versuchen, das womöglich funktionieren könnte. Das hatte ihn unglaublich geärgert und er hatte sogar angefangen, ernsthaft darüber nachzudenken, abzuheuern, nur um näher bei seiner Schwester sein zu können. Gott wusste, dass sie die Unterstützung, die sie vom Rest der Familie brauchte, nicht hatte.
Jetzt wurde sie vermisst und wieder schien es, als ob sie alle auf ihren Ärschen sitzen und darauf warten würden, dass die Kacke am Dampfen war und über Mulder jammerten.
Die Tür fiel knarrend hinter ihm zu und er drehte sich um. Es war Mulder. Junge, war das unheimlich. Er trug immer noch dieselbe Kleidung, in der Charlie ihn zwei Nächte zuvor in Danas Wohnung gesehen hatte. Sein graues T-Shirt war mit etwas befleckt, das verdammt nach Blut aussah und sein Arm war vom Handgelenk bis zum Ellbogen verbunden. Seine Haare waren fettig und unordentlich und er sah aus, als ob er sich seit Tagen nicht rasiert hätte.
Mulder entdeckte ihn und ging auf den Tisch zu. Charlie stand auf und streckte ihm seine Hand entgegen. Mulder sah bei dieser Geste beinahe geschockt aus, doch er erwiderte sie. Sie setzten sich einander gegenüber hin und Charlie war von dem wilden Ausdruck in den Augen des anderen Mannes betroffen. Er sah wie ein Entflohener einer Irrenanstalt aus.
"Mister Mulder, ich wollte mich mit Ihnen treffen, weil..."
"Nur Mulder ist okay. Mister Mulder war mein Vater." Charlie nickte verstehend. Er war niemals Mister Scully.
"Mulder, ich wollte wissen, was ich tun kann, um Ihnen zu helfen, meine Schwester zu finden. Ich...ich muß irgendwas tun."
"Ähm...ja. Sie haben das bereits am Telefon erwähnt..." Mulder blickte von Charlie weg und in seinen Schoß hinab. Er schien äußerst nervös und am Rande des Zusammenbruchs zu stehen. "Sehen Sie, die Sache ist die, dass ich nicht weiß, ob das so eine gute Idee ist..."
"Verzeihung?" Charlie konnte das nicht glauben. War denn jedermann in dieser Welt verrückt geworden? Zuerst seine verdammte Familie und jetzt Mulder. Alles was er wollte war, seine Schwester zu finden.
"Ich bin...ich weiß, dass Sie besorgt sind und so..."
"Verdammt richtig, ich mach mir Sorgen. Und ich bin nicht bereit, herumzusitzen und darauf zu warten, dass man sie tot auffindet. Ich werde sie so oder so suchen, egal ob Sie nun meine Hilfe wollen oder nicht." Nach der ganzen Scheiße, die dieser Kerl mit seiner Schwester durchgemacht hatte, wie konnte er es da nicht kapieren?
"Ich...ich weiß, wie Sie sich fühlen. Glauben Sie mir. Ich weiß nur nicht...Ich meine, ich bin mir nicht vollkommen sicher, ob sie gefunden werden will." Er vermied es, Charlie direkt anzusehen und es wurde allmählich offensichtlich, daß er ihm etwas verheimlichte.
"Was soll das heißen? Warum sagen Sie so was?" Mulder biss sich auf die Unterlippe und es sah, für alle Welt sichtbar, danach aus, als ob er im Begriff war, zu weinen. Ungeachtet seines Misstrauens fühlte er mit Mulder mit. Gott wusste, dass er sich schrecklich fühlen würde, wenn Rena gerade ohne jede Spur verschwunden wäre. Er wüsste nicht was, zum Teufel er tun würde
"Mulder, was meinen Sie?"
Mulder fasste in seine Jeanstasche und zog ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Stirnrunzelnd schob er es über den Tisch.
"Den hab ich gestern bekommen."
Charlie faltete das Papier in der Erwartung auseinander, eine Lösegeldforderung oder sonst irgendeinen Beweis vorzufinden. Seine Augen weiteten sich, als er die Handschrift seiner Schwester sah. Während er die Worte las, wand sich Mulder ihm gegenüber unbehaglich. Als Charlie fertig war, sah er den Mann ungläubig an.
"Mulder..."
"Es tut mir leid...ich wollte nicht..."
"Mulder stopp, meine Schwester hat das nicht geschrieben."
Ende Kapitel 6
Desideratum I: Verloren
Kapitel 7/11
Bei jedem Geräusch, das Scully vernahm, zuckte sie zusammen. Sie versuchte, nur wach zu bleiben, so dass Jane nicht hereinkommen und sie überraschen konnte. Diese permanente Gratwanderung vergrößerte nur ihre ernsthafte Erschöpfung und diese Anspannung führte nur dazu, dass sich ihre Muskeln noch mehr verkrampften.
Scully hörte, wie die Eingangstür geöffnet und dann zugeschlagen wurde. Ihr Herz schlug schneller und ihr Körper verspannte sich. Einen Moment lang gab sich ihr Verstand der falschen Hoffnung hin, dass es endlich Mulder war, der sie von hier wegbringen würde. Sie in Sicherheit bringen würde. Jetzt war sie dazu bereit, sich ihm zu überlassen, das zu tun, was er schon immer für sie tun wollte und was die einzige Sache war, gegen die sie sich immer gewehrt hatte. Sie brauchte das jetzt und ihre einzige Hoffnung zu leben, war eine Wahnsinnige. Sie hatte überhaupt keine Kontrolle und auch keine Kraft mehr dazu, sich selbst zu retten.
Einige Minuten vergingen jedoch und er kam nicht herein. Sie schloss die Augen und schluckte noch mehr Tränen herunter. Ihre Kehle schmerzte und ihr Mund war immer noch sehr trocken. Als sie einatmete roch sie etwas vertrautes. Irgend etwas zum Essen. Sie schwor, dass es Chor-Mein-Nudeln waren. Wie die aus dem Restaurant unten an der Strasse, wo Mulder und sie sich immer bestellten. Hühnchen mit Knoblauch und Pfeffersauce, wo Mulder immer zuerst das ganze Hühnchenfleisch herauspickte, bevor sie den Karton bekam.
Scullys Herz wurde leicht, als sie an diese Momente dachte und sich an Mulders scheinbar unschuldigen Blick erinnerte, der besagte, er hätte nur ein paar Stückchen genommen.
Das Wasser lief ihr im Munde zusammen. Der Knoblauchduft schien köstlicher, als sie ihn jemals gerochen hatte. Gott, sie hatte Hunger.
Die Tür wurde aufgestoßen. Scully zuckte zusammen und riss ihre Augen so weit wie möglich auf, um Jane auf der Schwelle zu sehen, die eine Gabel voller Nudeln nahm und sich in den Mund schob. Scully schluckte wieder schwer. Wenigstens hatte sie kein Messer.
"Mmmm..." machte Jane, während sie kaute. "Das ist phantastisch." Sie kam herüber zum Bett und setzte sich in den Sessel daneben.
"Ist ne Weile her, seit du was gegessen hast, nicht wahr, Scully?" Jane nahm einen weiteren Bissen. "Und es ist wahrscheinlich noch länger her, seit du so etwas Gutes wie das hier geschmeckt hast. Ich nehme an, die Prinzessin würde gern etwas zum Mittag haben, oder?"
Scully schüttelte den Kopf, gerade als ihr Magen knurrte. Sie war hungrig, aber sie würde nicht um Essen betteln.
"Keinen Hunger, hä?" Jane lachte, als sie das Grummeln in Scullys Bauch hörte. Sie stand auf und hielt Scully den Karton unter die Nase. "Bist du sicher?"
Scully erkannte, dass sie keuchte. Sie glaubte nicht, dass sie jemals in ihrem Leben so verrückt nach Essen gewesen war.
"Nun," sagte Jane. "Ich denke, ich kann etwas davon für dich erübrigen."
Erleichterung überkam Scully und ihr Körper erwartete begierig den Stoff. Nur dass Jane aus dem Zimmer ging. "Wohin gehen Sie?" fragte Scully fassungslos, aber Jane antwortete nicht.
Sie sah Jane im Garten über einem der Pflanzbeete. Scully ließ die Luft heraus, die sie angehalten hatte und spürte Tränen, die über ihr zerschrammtes Gesicht liefen. Jane hatte sie wieder einmal bösartig ausgetrickst.
Aber dann kam Jane zur Tür herein. Setzte sich auf die Bettkante und steckte die Gabel in den Karton. "Willst du was, Scully?"
Scully sah Jane nur an und versuchte, im Gesicht der Frau zu lesen.
"Ich hab dich was gefragt, Miststück! Möchtest du was von dem Essen oder nicht? Weil ich nämlich gehen werde, wenn du mir nicht antwortest, und dann wirst du nie wieder essen!"
Also nickte Scully.
"Was? Ich hab dich nicht gehört. Was wünschen Eure Hoheit?"
Aus Angst, dass Jane gehen würde, wenn sie nichts sagte, flehte sie, "Bitte. Ich möchte etwas essen."
"Siehst du, das war doch nicht so schwer, oder?"
Trotz Janes Zugeständnis, sie zu füttern, empfand es Scully als fürchterlich demütigend, sich Jane in dieser Weise unterordnen zu müssen. Sie kam sich vor, wie ein Krüppel, der nicht mehr in der Lage war, allein zu essen. Aber sie wollte leben, wenigstens lange genug, um Mulder sagen zu können, wie leid es ihr tat, sogar wenn sie sich zum Überleben auf Jane verlassen musste.
"Mach auf," sagte Jane mit einem bösartigen Glucksen und schob einen Happen in Scullys Mund.
Für einen Augenblick empfand Scully wieder Erleichterung darüber, endlich etwas zu essen im Mund zu haben. Sie schluckte es praktisch wie ein Tier herunter. Sogar ein Stück Hühnchen hatte sie mit all dem bekommen.
Oder vielleicht war es Gemüse. Sie biss zu und es knirschte zwischen ihren Backenzähnen. Die Beschaffenheit war seltsam, seltsamer als alles Gemüse, das sie jemals gegessen hatte. Es war so ein seltsames Gefühl an ihrem Gaumen und ihrer Zunge, als sie das Stück Essen in ihrem Mund herumrollte. Dann wurde sie sich Janes heimtückischen unkontrollierten Gelächters bewusst.
Aus Angst, Jane würde sie wieder schlagen, schluckte sie das Gemüse herunter. Jane hielt sich vor Lachen den Bauch. "Schmeckt es?" fragte sie und brach wieder in Gelächter aus. Sie schüttelte sich dabei so sehr, dass Scully es schwer hatte, den nächsten Bissen zu bekommen.
Viel Gemüse diesmal, mit ein paar Nudelstücken. Sie schmeckten nicht so, wie sie es in Erinnerung hatte. Ihre Geschmacksnerven funktionierten vielleicht nicht mehr so richtig, weil sie so unglaublich hungrig war. Das Essen fühlte sich in ihrem Mund einfach seltsam.
Jane beobachtete sie noch immer, ihren Kopf nach vorn gebeugt, als wartete sie darauf, dass Scully ihr eine Einschätzung des Essens gab. Sie grinste und fuhr fort, durch die Nase zu lachen.
"Was? Was?"
Jane sagte nichts, sondern gab ihr einen weiteren Bissen. Scully nahm ihn dankbar und als sie aß, zeigte ihr Jane den Inhalt des Kartons. Zwischen den Nudeln und dem Grünzeug war etwas dunkles. Sich bewegendes. Krabbelndes. Käfer. Große wie Kakerlaken aussehende Käfer zusammen mit einigen kleinen glitschigen wurmähnlichen Maden, die zwischen den weißen Nudeln herumkrochen. Es war, als würde sie sie in ihrem Mund fühlen können. Scully spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog und wünschte, sich von allem zu befreien, was sie gerade so verzweifelt verspeist hatte. Sofort beugte sie sich aus dem Bett heraus und spuckte alles aus, was sie im Mund hatte. Als sie sich vergewissert hatte, dass sie alle diese ekelhaften Kreaturen ausgespuckt hatte, empfand sie einen Anflug von Reue, da sie wusste, dass es wahrscheinlich ihre einzige Hoffnung auf irgend etwas zum Essen gewesen war.
"Sie leben da draußen auf einer meiner exotischen Pflanzen. Ja, die kleinen sind die Babys und dann wachsen sie und bekommen eine Schale wie die großen. Siehst du?" Jane schob den Karton näher zu Scully heran und einer der Käfer krabbelte heraus und verschwand im Bett. Jane lachte wieder. "Immer noch hungrig?"
Scully hätte schwören können, dass sie sie in diesem Augenblick in ihrem Magen herumkrabbeln fühlte, während sie versuchten, den Enzymen zu entgehen, die drohten, sie zur Verdauung zu zersetzen. Wenn sie Enzyme hatte, die dies mit diesen Käfern tun konnten. Und wenn die Käfer nicht irgendeine Art exotischen Gifts enthielten.
All diese Gedanken machten sie schrecklich krank und ihr Körper drohte, alles auszuspucken, was wahrscheinlich ihre einzige Nahrung auf lange Zeit war. Wer wusste schon, wann Jane entschied, ihr wieder etwas zu essen zu geben.
Dennoch überkam sie jetzt eine andere Art von Panik. Wenn Jane ihr schon all diese schrecklichen Dinge antat, was tat sie dann erst Mulder an?
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Charlie verstand überhaupt nicht, wie irgend jemand glauben konnte, dass seine Schwester diesen Brief geschrieben hatte. Besonders Mulder, jemand, der sie so gut kennen sollte. Natürlich hatte Dana es erwähnt, dass Mulder trotz seiner Arroganz und seiner irgendwie selbstgefälligen Haltung ein zutiefst unsicherer Mensch war. Irgend jemand nutzte dies offensichtlich zu seinem Vorteil. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es wahrscheinlich weniger beunruhigend war zu glauben, dass sie ihn verlassen hatte, als dass sie verletzt oder in Gefahr war. Aber er musste den Kopf aus dem Sand ziehen, sofort. Bevor es zu spät war.
"Mulder, das ist nicht Dana."
"Was meinen Sie damit, es ist nicht Dana? Es klingt verdammt noch mal sehr nach ihr."
"Die Worte ja, aber nicht das Gefühl dahinter."
Mulders Kiefer verspannte sich und Charlie sah einen Anflug von Ärger in seinen Augen. "Sehen Sie, ich denke, ich weiß ein wenig mehr darüber als Sie." Er zögerte kurz und fügte dann hinzu. "Sie haben... Sie haben den Streit, den wir hatten, nicht mitbekommen."
"Nein, das habe ich nicht, aber Sie haben die Briefe nicht gelesen, die sie mir über Sie geschrieben hat. Und Sie sind auch nicht mit ihr aufgewachsen. Sie haben nicht erlebt, wie sie gekämpft hat, um die Familie zusammenzuhalten, sogar wenn es ganz schlimm war und sogar, als es ihr total miserabel ging. Ich mag in den letzten Jahren nicht oft dagewesen sein, aber ich kenne meine Schwester und ich weiß, dass sie nicht einfach so von den Menschen weggeht, die ihr etwas bedeuten, egal wie die Dinge liegen." Mulder schwieg einen Moment und Charlie glaubte, dass er irgendwie zu ihm durchgedrungen war.
"Sie hat Ihnen Briefe über mich geschrieben?" Guter Gott. Dieser Typ hatte wirklich keine Ahnung. Er hörte sich tatsächlich verblüfft an.
"Ja nun. Natürlich hat sie das getan."
"Was... was hat sie gesagt?" Er klang so verzweifelt. Charlie geriet in Versuchung, ihm absolut jede wundervolle Sache zu erzählen, die seine Schwester jemals über ihn gesagt hatte.
"Sie hat eine Menge Dinge gesagt. Ich meine, es sind immerhin fünf Jahre, richtig? Aber die grundlegende Sache ist die, dass sie verrückt nach Ihnen ist. Ich meine, das beschreibt es nicht einmal ansatzweise. Sie hat mir eine Menge von dem erzählt, was Sie beide zusammen durchgemacht haben, aber die ganze Zeit ist die eine Sache, die immer bei mir ankommt, die, dass Sie ihr Universum sind. Sie liebt Sie. Sehr. Vollkommen und bedingungslos. Und auch wenn die Dinge für Sie beide wirklich schwierig geworden zu sein scheinen, das wird sich niemals ändern."
Charlie beobachtete aus den Augenwinkeln heraus, wie Mulders Mund zuckte. Er sehnte sich danach, zu lächeln, es zu glauben. Aber dann verschwand diese Hoffnung so schnell, wie sie gekommen war. Und wurde durch Angst ersetzt. Und dann durch Ärger. Und schließlich durch Resignation.
"Sogar wenn das wahr ist, ich habe ihr genug Gründe gegeben, zu gehen." Er hat es nicht begriffen. Mein Gott, er hat es immer noch nicht begriffen.
"Mulder, wissen Sie überhaupt, warum ich nicht da war? Wissen Sie, warum Sie mich nie kennengelernt haben?" Mulder schüttelte den Kopf.
"Weil ich mit meiner Familie nicht umgehen kann. Ich liebe sie, aber ich kann nicht bei ihnen sein. Ausgenommen Dana. Meine Mutter ist eine Nörglerin, mein großer Bruder ist genauso gierig nach Kontrolle wie mein Vater es war und ich kann es nicht aushalten, um sie zu sein. Das bin ich. So ein Mensch bin ich." Mulder sah ein wenig schockiert aus angesichts dieser persönlichen Offenbarung. Endlich war etwas zu verzeichnen.
"Das bin ich. Das ist nicht Dana. Sie machen sie auch verrückt, wissen Sie. Das haben sie immer getan. Aber sie würde niemals einfach so diese Familienbande zerschneiden. Ich meine, Sie haben keine Ahnung, wie oft ich versucht habe, von zu Hause fortzulaufen, als ich jünger war. Sie hat mich jedes Mal davon abgehalten. Sie hat mir gesagt, es ist die Familie und du darfst sie nicht aufgeben, egal was passiert."
Mulder schüttelte den Kopf, augenscheinlich immer frustrierter werdend durch seine Erinnerungen. "Das ist wirklich süß. Aber das ist etwas anderes. Das ist die Familie. Es ist nicht die gleiche Situation."
"Mulder, Sie SIND jetzt ihre Familie. Begreifen Sie das nicht?" Mulder starrte ihn einige Minuten ausdruckslos an und Charlie spürte ein überwältigendes Verlangen, diesen Mann dumm und dämlich zu schlagen. Wie konnte jemand nur so dickköpfig sein?
Mulder schluckte und blickte Charlie das erste Mal in die Augen. So viel Schmerz schwamm in seinen Augen. Charlie hatte niemals so einen Schmerz gesehen.
"Also glauben Sie wirklich nicht, dass sie diesen Brief geschrieben hat?"
"Nein. Nein, das tue ich nicht." Mulder seufzte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ein paar Minuten saß er schweigend da. Charlie fragte sich, ob er ihm mehr erzählen musste. Ob er noch stärker versuchen musste, ihn zu überzeugen. Nach einer Weile wurde ihm das Schweigen so unangenehm, dass er bereit war, Mulder die ganze Lebensgeschichte seiner Schwester zu erzählen.
"Mulder..."
"Ich auch nicht."
Charlie ließ die Luft heraus, von der er nicht wusste, dass er sie angehalten hatte. Gott sei Dank. Gott sei Dank.
"Ich habe es beinahe getan. Letzte Nacht habe ich es getan. Aber... Sie haben recht. Das ist nicht sie. Das ist nur... nichts." Er sah schrecklich traurig darüber aus, das entschieden zu haben. Und so ängstlich. "Es ist ihre Handschrift. Ich meine, ich werde es ins Büro bringen und untersuchen lassen, nur um sicherzugehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es ist."
"Also glauben Sie, dass sie jemand gezwungen hat, das zu schreiben."
"Ich glaube..." Er kniff die Augen zusammen und nickte langsam. "Ich glaube, dass das an diesem Punkt die naheliegendste Erklärung ist."
"Also, das ist gut. Das bedeutet, dass sie noch am Leben ist."
Mulders Augen flogen auf und er sah Charlie ärgerlich an. "Natürlich lebt sie noch!" schrie er in überraschend lautem Tonfall auf. Bis zu diesem Moment hatte er kaum mehr als geflüstert.
"Okay. Ich weiß..."
"Ich würde es wissen, wenn sie... ich wüsste es..." stotterte er und Charlie nickte mitfühlend.
"Sicher würden Sie das. Natürlich. Also müssen wir nach ihr suchen." Er versuchte, so geduldig und verständnisvoll wie möglich zu sein. Mulder schien auf einem dünnen Grat zwischen klarem Verstand und, nun ja, dem anderen Extrem zu wandern.
"Das werde ich. Das tue ich. Ich... ich werde sie nicht aufgeben. Ich werde sie nicht aufgeben!"
"Nun, ich bin froh darüber, aber weswegen ich eigentlich hierher gekommen bin, war Ihnen meine Hilfe anzubieten. Ich weiß nicht viel über FBI-Arbeit, aber ich vermute, Sie werden es vermutlich als eine gute Sache bezeichnen. Was ich habe, ist das starke Verlangen, meine Schwester zu finden und der Wille, einfach alles dafür zu tun."
"Hm..." Mulder blickte wieder nach unten und begann mit der Serviette auf dem Tisch zu spielen. "Ich schätze Ihr Angebot, aber ich arbeite wirklich besser allein. Ich bin wirklich nicht das, was man einen Teamspieler nennt. Der einzige Mensch, der jemals in der Lage war, mir zu helfen, ist Ihre Schwester. Ich bin irgendwie schwierig."
"Sehen Sie, ich werde nach ihr suchen. Und Sie werden nach ihr suchen. Wir können es jeder für sich tun und Zeit verschwenden oder wir können zusammenarbeiten und schon etwas erreichen."
Mulder zuckte mit den Schultern und stand auf.
"He... wohin gehen Sie?"
"Wir holen die Schlüssel zu meinem Büro, damit wir anfangen können, nach ihr zu suchen."
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4:30 p.m.
Mulders Wohnhaus
Mulders Büroschlüssel waren in seiner Wohnung. Charlie war ihm mit ständig überhöhter Geschwindigkeit in seinem Wagen zu seinem Haus gefolgt.
Vor seiner Tür hielten sie inne und Mulder sah so aus, als würde er sich plötzlich an etwas Wichtiges erinnern. Bevor er die Tür aufschloss, drehte er sich zu Charlie um und lächelte ihn leicht an.
"Äh, vergeben Sie mir die Unordnung."
"Unordnung? Ich bitte Sie. Sie sollten mal mein... mein..." Charlie verstummte, als Mulder die Tür aufstieß und das schockierendste, scheußlichste Desaster offenbarte, das Charlie je gesehen hatte. Es sah aus, als wäre ein Tornado durch das ganze Apartment gefegt. Der Boden war mit zerbrochenem Glas, Papieren, Kleidungsstücken und Küchengeräten bedeckt, einfach mit allem, was man in einer Wohnung finden konnte. Es schien, als wäre einfach alles an diesem Platz zerbrochen oder auseinandergerissen.
Mulder sah irgendwie verlegen aus und zuckte mit den Schultern. Charlie hatte einen Moment geglaubt, dass jemand eingebrochen war, aber dem Gesichtsausdruck Mulders nach zu urteilen, war es offensichtlich, dass er die Zerstörungen selbst angerichtet hatte. Er beschloss, ihn nicht danach zu fragen. Es ging ihn wirklich nichts an und man brauchte kein berühmter Wissenschaftler zu sein, um zu erkennen, was ihn zu solcher Verzweiflung getrieben hatte.
Charlie bemerkte die zerbrochene Bildröhre des Fernsehgerätes, das Blut an dem Glas und brachte das mit dem Verband an Mulders Arm in Verbindung. Er hoffte, dass das Mitleid nicht in seinem Gesicht zu lesen war.
"Äh... lassen Sie mich nur diese Schlüssel finden." Charlie versuchte, nicht über den albernen Anblick Mulders zu lächeln, der sich durch die Trümmer wühlte. Es war, wie nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen.
"Mulder, du bist zurück. Ich hatte Angst..." Charlie drehte sich um und sah eine Frau, die auf der Schwelle zu Mulders Schlafzimmer stand. Sie sah einigermaßen attraktiv aus und schien in Mulders Alter zu sein, vielleicht ein bisschen jünger. Und sie war in seinem Apartment und wartete auf ihn. Charlie spürte eine Woge von Ärger und Misstrauen. Vielleicht hatte er sich in Mulder geirrt.
Mulder sah mit einem überraschend alarmierten Gesichtsausdruck auf. "Jane... ich... äh... was..."
"Ich... ich dachte, ich komme vorbei und beseitige das Chaos. Ich wollte sichergehen, dass du nicht verletzt bist. Ich hoffe, das ist okay."
Mulder zuckte mit den Schultern und reckte den Kopf. Er sah so unbehaglich drein, es tat beinahe weh, das zu sehen. Charlie sah zwischen den beiden hin und her und versuchte herauszubekommen, was zwischen ihnen vorging.
"Ja... es ist... das ist gut. Mir geht es gut. Äh... hast du meine Büroschlüssel gesehen?"
Jane ging zum Bücherschrank hinüber und holte die Schlüssel von oben herunter.
"Ich habe sie hier mit einigen anderen Sachen raufgelegt, von denen ich dachte, dass du sie haben willst." Sie schielte mit einem seltsamen Ausdruck zu Charlie hinüber. Beinahe mit einem angstvollen Ausdruck.
"Ähm, danke." Mulder sah auf seine Füße und nahm die Schlüssel irgendwie widerwillig aus ihrer Hand. "Oh, entschuldige. Das ist Charles Scully. Er ist Scullys Bruder. Charlie, das ist Jane, meine Putzfrau." Seine Putzfrau? Warum wand er sich dermaßen wegen seiner Putzfrau? Er streckte seine Hand aus, um die ihre zu schütteln. Sie blickte sie einen Moment eigenartig an, bevor sie die Geste erwiderte.
"Scullys Bruder, ja?" Sie blickte zum Fenster hinüber und Charlie hätte schwören können, dass sie plötzlich sehr nervös zu sein schien.
"Ja, er äh..." Mulder sah Charlie an und lächelte. "Er hilft mir, sie zu finden." Charlie lächelte zurück. Er war überzeugt, dass Mulder mit dieser Frau auf keine romantische Art verbunden war, aber er konnte immer noch nicht herausfinden, welcher Art ihre Beziehung war. Sie war gelinde gesagt eigenartig.
"Dir helfen... sie zu finden?" Sie war definitiv nervös. "Ich dachte... ich meine... ist das eine gute Idee? Ich dachte, dass du glaubst..."
"Ich bin mir nicht mehr sicher, was ich glaube. Aber ich muss sie um jeden Preis finden."
"Ich... verstehe. Äh, sind Sie... auch ein FBI-Agent?" fragte sie Charlie.
"Nein, ich bin einfach nur jemand, der seine Schwester finden will." Er grinste höflich und Jane wurde um einen Spur blasser.
"Oh... ich verstehe."
"Äh, wir müssen jetzt gehen. Ich, äh... mach dir keine Sorgen um das Chaos, Jane. Ich werde mich darum kümmern." Mulder wich ihr aus und ging zur Tür.
Charlie folgte ihm und warf einen letzten Blick auf Jane, bevor sie das Apartment verließen. Sie sah sehr besorgt aus, sehr... seltsam. Charlie konnte es nicht genau einordnen, aber irgend etwas stimmte nicht.
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Scully betrachtete durch das Fenster hindurch den Springbrunnen. Es schien so, dass viel Zeit vergangen war, seit Jane zuletzt im Zimmer gewesen war, seit sie sie mit diesen ekelerregenden, sich windenden Insekten gefüttert hatte. Sie versuchte nicht daran zu denken, dass sie ein paar davon heruntergeschluckt hatte. Das war wirklich das geringste ihrer Probleme.
Sie fühlte sich eklig. Immer noch trug sie denselben Pyjama, wie in der Nacht, als Jane sie entführte. Dieselbe Nacht, in der Mulder und sie sich schließlich beide von dem Druck hatten hinreißen lassen, den sie aufeinander ausübten. Sie wimmerte bei dem Gedanken an den abscheulichen Zustand, in dem sie sich nun befinden musste. Von allen Arten zu sterben hatte sie diese niemals in Erwägung gezogen.
Einen Moment lang nahm sie an, dass sie es verdiente. Sie war diejenige, die das beste, was ihr jemals im Leben passiert war, als selbstverständlich vorausgesetzt hatte. Eine Nähe unterdrückt hatte, nach der sie sich gesehnt hatte und von der sie wusste, dass Mulder sie genauso wollte, bis es ihn forttrieb. Sie hatte so hart daran gearbeitet, sich selbst und Mulder zu beweisen, dass er zwar wichtig für sie war, sie aber letzten Endes niemanden als sich selbst brauchte. Dass sie zwar immer Mulders Besorgnis über ihr Wohlergehen schätzte, aber letzten Endes immer aus eigener Kraft überleben würde.
Während sie fortfuhr, dem Springbrunnen zuzusehen, bekam sie wieder einen ihrer Hustenanfälle. Sie konnte nicht aufhören und alles tat ihr weh. Ihre Kehle war rau, ihre Luftröhre wie zugeschnürt. Sie schmeckte Blut im Mund und war sich nicht sicher, ob es von ihrem Gesicht oder aus ihrer Lunge kam. Vor ihren Augen tanzten dunkle Flecke und sie fragte sich, ob das der Anfang vom Ende für sie war.
Nicht bereit, jetzt schon aufzugeben, öffnete und schloss ihre Augen mehrere Male und atmete so gleichmäßig, wie sie konnte. Die schwarzen Flecken waren immer noch da. Bewegten sich über das Bett und die Wand. Nein, sie bewegten sich nicht. Sie krabbelten.
Sie keuchte heftig, als sie erkannte, dass es die gleichen Käfer wie in den Nudeln waren. Die gleichen, die sie in ihren Körper aufgenommen hatte. Sie kamen in Scharen durch das Fenster ins Zimmer, kamen auf sie zu, über sie, in sie. Sie krochen in ihre Haut, gruben sich in ihre Poren. Scully sah an ihren Armen herunter und konnte sie sehen, wie sie sich unter der Haut bewegten.
Irgendwo im Hintergrund hörte sie Jane singen. "Sie schluckte die Spinne herunter, um die Fliege zu erwischen... ich weiß nicht, warum sie die Fliege herunterschluckte..."
"Nein!" schrie sie und fühlte einen in ihren Mund krabbeln. Sie versuchte, ihn auszuspucken, aber es gelang nicht. Sie bewegte sich, so sehr sie konnte, hin und her, aber sie kamen dennoch auf sie zu, krochen durch ihre Nase und ihren Bauchnabel und sogar durch ihre Vagina.
"Da war eine alte Lady, die eine Spinne verschluckte..." sang Jane.
Sie krabbelten weiter durch das Fenster, mehr und mehr von ihnen, bis das Bett vollkommen schwarz war, bedeckt von ihnen. Scully fühlte sich plötzlich hundert Pfund schwerer und begann zu spüren, wie diese Kreaturen buchstäblich das Leben aus ihr heraussaugten.
"Ich weiß nicht, warum sie die Fliege verschluckte..."
"Jane, helfen Sie mir, bitte," rief Scully schließlich nach ihr. "Machen Sie, dass es aufhört, machen Sie, dass es aufhört."
"Vielleicht stirbt sie..." Scully hörte sie den Vers wieder und wieder wiederholen und lachen, während sie sang.
"Nein, nein, nein," rief sie.
Scully hörte die Tür schlagen und Jane schreien, "WAS ZUR HÖLLE GEHT HIER VOR?"
Scully zuckte im Schlaf zusammen. Wenigstens war es das, was es sein sollte, aber sie empfand es nicht so, als würde sie ihre Augen aus dem Schlaf öffnen. Sie war nicht eingeschlafen. Sie konnte nicht eingeschlafen sein.
"Da waren Käfer," begann Scully und dann erkannte sie, dass da keine waren. Nicht im Bett, nicht auf dem Boden und nicht zum Fenster hereinkrabbelnd.
Wieder hörte sie Jane kichern und dann sah sie, wie sie etwas vom Bett aufhob. Es war einer von den Käfern. Jane hielt ihn zwischen zwei Fingern. Er war tot.
"Gott, was für ein kleiner Angsthase du doch bist. Er ist verdammt noch mal tot und du fürchtest dich vor ihm?" Sie schüttelte den Kopf über Scully und schleuderte ihr den Kadaver entgegen, traf Scully damit am Kopf und es fühlte sich so an, als wäre er in ihren Haaren hängengeblieben. "Jetzt halt endlich die Klappe oder ich muss dich umbringen!"
Ende Kapitel 7
Desideratum 1 : Verloren
Von Rachel Anton und Laura Blaurosen
Kapitel 8/11
Freitag, 16:56
"Verdammt beweg dich, du Arschloch!" Mulder drückte gereizt auf seine Hupe und der Fahrer, der ihn gerade geschnitten hatte, zeigte ihm das internationale Zeichen der Straßenwüterei.
Es war jedenfalls nicht wichtig. Dieser Verkehr führte auf keinen Fall irgendwohin. Charlie und er saßen um fünf Uhr nachmittag am Beltway fest und es gab nichts, was man dagegen tun könnte.
Mulder blickte zu Charlie hinüber, der geduldig dasaß und mit in seinem Schoß gefalteten Händen aus dem Fenster sah. Er schien über diesen Verkehr überhaupt nicht verärgert zu sein. Zum Teufel, der Kerl schien sich über nichts jemals zu ärgern. Nicht einmal über Mulder.
Mulder hatte geglaubt, dass Charlie nach achtundvierzig Stunden, die sie nun zusammengearbeitet hatten, bereit gewesen wäre, ihn zu töten, doch bisher hatte er sogar gegen Mulders außergewöhnliche Untersuchungsmethoden keinen Einwand erhoben. Er ging mit, half, wenn er gebraucht wurde und hielt seinen Mund die meiste Zeit über geschlossen. Charlie entwickelte sich zum zweitbesten Partner, den Mulder je gehabt hatte. Vermutlich deswegen, weil er, wie Charlie selbst angedeutet hatte, kein FBI-Agent war.
Charlie war jedoch ein Navy-Offizier. Er wirkte aber trotzdem nicht wie der typische Militärtyp. Mulder war normalerweise gegenüber allem und jedem, das mit dem Militär zu tun hatte, misstrauisch, aber Charlie erschien ihm aus irgendeinem Grund anders.
Es sah nicht danach aus, als ob sie irgendwohin kommen würden, also beschloss Mulder, dass es sich lohnen würde, ein wenig in der Geschichte von Scullys Bruder zu graben. Er begann bereits mißtrauisch gegen Charlies mangelndes Misstrauen zu werden. Krycek hatte zuerst ja auch wie ein anständiger Kerl gewirkt.
"So Charlie, wie lange sind Sie jetzt schon bei der Navy?"
"Zu lange." Charlie grinste und schüttelte seinen Kopf. "Viel zu lange."
"Gefällt es Ihnen nicht?"
Es sah danach aus, als ob er die Frage sehr ernsthaft erwägen würde. Nach ein oder zwei Minuten seufzte er. "Ich würde es nicht genau so ausdrücken. Ich habe bestimmte Aspekte davon genossen. Und ich bin auf das, was ich dort erreicht habe durchaus stolz, doch es war, soweit es meine Karriere betrifft, lassen Sie mich das mal so ausdrücken, nicht meine erste Wahl."
Mulder war im Begriff, ihn zu fragen, was seine erste Wahl gewesen wäre, doch bevor er die Chance dazu hatte, begann Charlie wieder zu sprechen. "Ich liebe das Meer. Auf See zu sein ist ein wirkliches Erlebnis. Ich habe dort einige wirklich seltsame Dinge gesehen."
"Ach ja?"
"Ja, nun, Dana warnte mich, mit Ihnen jemals über solche Dinge zu sprechen, falls wir uns je begegnen sollten, aber ja. Seltsame Lichter und so ein Zeugs. Dinge, die sich niemand erklären konnte, so dass einige Leute deswegen wirklich nervös erschienen." Mulder wußte, dass er unter normalen Umständen wahnsinnig neugierig darauf gewesen wäre, doch das waren keine normalen Umstände. Außerdem ging das in die gleiche Richtung, was Krycek ihm serviert hatte und er begann, noch angespannter zu werden, als er sich daran erinnerte.
Mulder nickte nur und murmelte, "Ich bin nicht überrascht."
"Nun jedenfalls war es, wie ich bereits sagte, nicht immer das, was ich machen wollte. Tatsächlich war ich ganz gegensätzlich dazu eingestellt. Es wurde immer angenommen, dass es das ist, was ich machen werde, wissen Sie? Und als Bill eintrat war, es so, als ob es feststehen würde. Doch ich war bis zum Schluss dagegen."
"Und was brachte Sie dazu, Ihre Meinung darüber zu ändern?"
"Nun... offiziell habe ich das nie gemacht. Ich hatte mich sozusagen in eine Situation gebracht, in der das das kleinere Übel war."
"Was war das andere Übel?"
"Nun, Gefängnis." Mulder wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er war schockiert, doch aus irgendeinem Grund linderte das Geständnis ein wenig seine Sorgen. Letztendlich war Charlie doch nicht so perfekt. Da Mulder schwieg, fuhr Charlie fort.
"Ja, ich wurde beim Autoklauen erwischt. Ich war siebzehn und gerade aus der High School geflogen. Ich war ein wenig ähm...verwirrt. Nun, als der Captain das jedenfalls herausfand, sagte er, entweder ich boxe dich raus und besorge dir einen Anwalt und dann ab mit dir ins Ausbildungslager, oder du verrottest in dieser Zelle." Charlie lachte in sich hinein. Er schien zu denken, dass die Geschichte im Rückblick ganz lustig war. "War wirklich keine große Auswahl, wissen Sie."
"Wer...wer ist der Captain?"
"Mein Vater," brummte er mit kaum verstellter Verachtung. "So haben wir ihn genannt. Nun, Bill und ich jedenfalls. Melissa begann, ihn Dad zu nennen und natürlich war er Ahab für Dana. Doch eigentlich mochte er es..." Charlie trieb ab und ließ seine Hände durch sein volles, schwarzes Haar laufen. "Tut mir leid, ich sollte Sie nicht mit dem armseligen Melodrama der Scullyfamilie langweilen."
Mulder war eigentlich weit davon entfernt, gelangweilt zu sein. Tatsächlich war er fasziniert. Aus irgendeinem Grund hatte er immer angenommen, dass die Scullyfamilie so perfekt war, wie eine Familie nur sein konnte. Wenigstens solange, bis er ins Blickfeld gekommen war. Doch dann wiederum erschien jede Familie perfekt, wenn man aus so einer ordinären, bizarren Grube kam, aus der Mulder ausgespien wurde.
Vielleicht war nicht alles Sonnenschein und Rosen in der Welt der Scullys. Und von dort kam Scully her. Das war eine Chance, mehr über sie herauszufinden. Eine Chance, sie auf eine neue Weise zu verstehen. Und um es gelinde auszudrücken, war er daran sehr interessiert.
Und er begann sich für Charlie zu erwärmen. Er schien eine gewisse Feindseligkeit gegenüber seinem verstorbenen Vater zu hegen und das war sicherlich etwas, das ihm mit Mulder verband.
"Das ist okay. Es ist nicht so, daß wir irgend etwas anderes zu tun haben," brummte er, in Richtung des höllischen Staues gestikulierend. "Also, so weit ich das verstanden habe, sind Sie und Ihr Vater nicht gut miteinander ausgekommen."
"Ich nehme an, dass man das so ausdrücken könnte. Er führte zu Hause das gleiche Regiment, wie er es bei seinen Flotten tat und ich nehme an, dass das mit meinen Urinstinkten kollidierte. Es funktionierte großartig bei Bill. Und Missy, nun tatsächlich verschonte er Missy. Sie war was Besonderes. Sie wurde irgendwie vor allem verschont. Sie war so zerbrechlich. Doch Dana und ich bekamen es immer irgendwie ab.
Mulder nickte und versuchte, diesen Informationsbrocken aufzunehmen. Ihn in die Datenbank des Wissens, das er bereits über Scully hatte, zu integrieren.
"Es ist komisch, weil es gegensätzliche Effekte auf uns zu haben schien. All diese Unterdrückung und die Härte brachten Dana dazu, sich zu verschließen, davor Angst zu haben, wirklich über ihre Gefühle zu reden oder auch nur zuzugeben, dass sie sie die meiste Zeit über hatte. Und ich, nun ich kann scheinbar nicht aufhören, über Gefühle zu sprechen."
Das machte für Mulder perfekten Sinn. Und es erklärte eine Menge. In der Tat erklärte diese einfache Sache fast alles. Es brachte ihn dazu, weinen zu wollen. Er war ihr gegenüber so aufdringlich gewesen, so fordernd und angreifend.
"Jedenfalls glaube ich, dass alle wussten, dass ich in diese Richtung steuerte. Dana hat mich schon bevor ich überhaupt verhaftet wurde, Knastbruder genannt. Sie glaubte, dass es lustig war. Sie hatte es einmal beim Abendessen gesagt und Mom hat ihr gehörig den Kopf gewaschen, 'Das ist nicht lustig, Dana!' sagte Mom. 'Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Bruder wirklich im Gefängnis enden würde?' blah blah blah. Sie war deswegen so böse, weil jeder wußte, dass es wahr war. Dana war die einzige die den Mumm hatte, das zuzugeben." Mulder lächelte bei der Vorstellung einer jungen Scully, die mit dem, was auch immer in ihrem Kopf war, herausplatzte und fühlte sich gleichzeitig bei dem Gedanken, dass ihre Überschwänglichkeit zum Schweigen gebracht und erstickt wurde, den Tränen nahe.
"Sie war auch die einzige, die damit umgehen konnte, die mich als der, der ich war, akzeptieren konnte. Ich glaube, dass das etwas ist, was wir uns gegenseitig gaben..." Charlie biß sich auf seine Unterlippe und sah von Mulder weg und aus dem Fenster. Er vermisste sie. Er sorgte sich um sie. Er liebte seine Schwester sehr.
Mulder konnte das auf jeder Ebene nachempfinden. Als ein Mann, der seine einzige Schwester verloren hatte. Als Scullys Freund, noch ein Mensch, den sie gegen den Rest der Welt verteidigt hatte, noch ein Verlierer, den sie, als es kein anderer tat, verstand. Als Mensch, der sie brauchte, sie anbetete, sie vermisste. Gott, er vermisste sie so sehr.
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"Wach auf, du Miststück! *Wach* *auf*!" Jane schüttelte Scully wieder und wieder.
Sie beobachtete Scullys Augen, die mehrmals blinzelten, bevor sie sich schließlich öffneten, um sie anzusehen. Sie sagte nichts, wankte nur ein wenig und starrte. Jane war erleichtert. Scully hatte beinahe achtzehn Stunden geschlafen. Als sie gekommen war, um sie zu untersuchen, hatte es so ausgesehen, als ob sie aufgehört hätte zu atmen. Jane war froh gewesen, die warme Luft von Scullys Atem, so flach er auch war, auf ihrer Haut zu spüren.
Ihr Gesicht war goldrichtig und verletzt, überall waren Spuren aus getrocknetem Blut. Gut. Sie war ihr ganzes Leben ein hübsches Mädchen gewesen. Gute Dinge können nicht ewig währen. Bedaure Schätzchen. Es musste einfach so sein. Du kannst nicht alles haben.
"Guten Morgen, Prinzessin," sagte sie in einem spöttischen Ton. "Sieht für mich nicht so aus, als ob du deinen Schönheitsschlaf bekommen hättest."
Scully sagte immer noch nichts. Ihre Augen waren geweitet und Jane bemerkte, dass sie fast durch sie hindurch zu sehen schien. Dann warf Scully ihren Kopf über den Rand des Bettes und fing an zu würgen. Sie erbrach nichts, nicht einmal Galle, konnte aber scheinbar ihre Beherrschung nicht wiedergewinnen.
Sie lächelte, als sie sie so sah, es war ein boshaftes Lächeln. Es gab ihr so eine Genugtuung, dass sie Mulders perfekten Engel, seinen einzigen gesegneten Erlöser, zu einem würgenden, beinahe beunruhigend irrsinnigen Durcheinander reduzieren konnte. Sie zitterte und schwitzte und Jane hörte sie stetig husten, in diesem Moment wusste sie, dass Scully es nicht länger kontrollieren konnte. Doch, anstatt sie lediglich zu verärgern, war es unglaublich erfüllend, das Geräusch ihrer Qual zu hören.
Wenn du sie jetzt nur sehen könntest, Fox Mulder. Du würdest sie nicht mehr so sehr begehren.
Was genau das war, was sie hoffte. Die Dinge hatten eine neue Richtung eingeschlagen. Wenn das bedeutete, Mulder ein wenig leiden zu lassen, dann war es das mehr als wert. Für all das gottverdammte Leiden, das sie durchgemacht hatte, konnte er diese kleine Schwierigkeit für einen Moment lang überleben. Außerdem, sie würde da sein. Da sein, um ihn zu trösten, ihm bei der Heilung helfen. Und dann würde er sie lieben.
"Sieh dich an! Sicherlich weit entfernt von dieser starken, schönen Frau, über die Mulder niemals aufhören konnte zu sprechen. Weit davon entfernt."
Scully richtete sich auf und fühlte sich schwächer als je zuvor. Sie war so verwirrt, sie konnte kaum etwas erkennen, ihr Blickfeld war so verschwommen. Ein rasender Schmerz in ihrem Bauch, drohte sie wieder zum würgen zu bringen.
"Da war 'ne alte Dame, die eine Fliege verschluckte..." sang Jane über ihr. "Vielleicht wird sie sterben."
"Ja-," flüsterte sie durch Janes entartetes Kichern. "Jane, bitte ...Wasser." bettelte sie.
"Was ist denn, Liebes? Ach, du willst Wasser? Ich denke, wir können das arrangieren, eure Hoheit."
Sie wusste, dass es gefährlich war, doch Scully erlaubte sich den Luxus der geringen Erleichterung, Janes Zustimmung zu hören. Ihr war beinahe bewusst, dass Jane den Raum verließ und als sie laufendes Wasser hörte, war sie so dankbar.
Jane lachte noch, als sie zurückkam. In ihrer Hand hielt sie ein durchsichtiges Glas, überfüllt mit kaltem Wasser. Es schwappte über den Rand und lief, als sie ging, die Seiten hinunter. Agent hübsches Mädchen sah, so wie sie am Rande des Bewusstseins dalag, so erbärmlich verzweifelt aus.
Sie kniete sich direkt neben sie und Scully bewegte sich so nahe sie konnte zu dem Glas hin. "Uh-uh-uh, Eure Hoheit, benimm dich wegen dem nicht wie ein Ferkel, denk dran, du bist immer noch eine Dame. Nun, zumindest hast du noch eine leichte Ähnlichkeit mit einer." Sie lachte wieder.
Scully konzentrierte sich so auf dieses Glas, als ob sie glauben würde, dass das Jane dazu bringen würde, es näher zu ihrem Mund zu bringen. Aber stattdessen führte Jane es zu ihrem eigenen Mund und als sie immer mehr und mehr von dem Wasser trank, bis schließlich nur noch ein Drittel davon übrig war, schrie Scully frustriert auf.
Scully sah wie Jane, noch lachend, etwas in das Glas eintauchte. Einen Lappen. Einen schmutzigen, fettigen Lappen. Er roch nach Benzin. Er saugte das restliche Wasser auf und Scully schluckte ihren nichtexistenten Speichel in einer reinen Reflexhandlung, hinunter. Sie lag nun wieder flach auf dem Bett, verfluchte sich selbst für ihr Glauben, für ihre Hoffnung.
Dann war Jane wieder über ihr. "Daaa-nahhh," rief sie ihr zu und kicherte wieder. Scully öffnete ihre Augen vor dem Lumpen. "Nun, mach auf, wenn du einen Drink willst, Verehrteste," sagte Jane, als sie einige Tropfen in Scullys Mund drückte und die ganze Zeit mit diesem nun erschreckenden, wahnsinnigen Ton lachte. Es schmeckte wie Seife und Bleichmittel und Fett, hinterließ einen widerlichen Nachgeschmack auf ihrer Zunge.
"Och, zu schade, das ist alles was du bekommst."
Jane war, als sie Scully weinen sah, absolut mit sich selbst zufrieden. "Hier, saug doch daran, wenn du so mitleiderregend tust." Sie hielt den Lumpen hin und Scully drehte ihren Kopf.
"Nimm ihn, verdammt noch mal!" schrie sie wieder und stieß ihn in Scullys Mund.
Als sie den schmutzigen Waschlappen weiter in ihren Mund stopfte, war der irre Blick in Janes Augen mehr als beängstigend. Scully kämpfte die ganze Zeit gegen sie an und bald schon schien Jane zu ermüden und hörte auf Scully anzugreifen.
Scully spuckte das dreckige Ding aus ihrem Mund und sie könnte schwören, dass sie diese Maden von zuvor auf ihm kriechen sah. Als Jane das Zimmer verließ, rief Scully so gut sie konnte nach ihr. "Jane," sagte sie schwach, ihre Augen waren geschlossen.
"Was?"
"Was Sie mit mir machen, kümmert mich nicht. Bitte," brach sie ab und nahm einen keuchenden Atemzug. "Tun Sie Mulder nur nicht weh."
Jane rannte zurück zum Bett. "Was? Wovon redest du, verdammt noch mal? Warum zum Teufel, sollte ich ihn verletzen wollen? Verflucht seist du, Dana Scully. Ich weiß genau, was Mulder braucht, du musst mir nicht erzählen, wie ich ihn zu behandeln habe. Ich weiß, was er will und es ist so sicher wie die Hölle, dass das nicht du bist!"
Sie floh aus dem Zimmer und kam prompt mit etwas in ihrer Hand zurück. Scully stärkte sich selbst gegen weitere Schmerzen.
"ÖFFNE DEINE AUGEN, VERDAMMT NOCH MAL! ÖFFNE SIE!"
Scullys geschwollene Augen flogen schmerzhaft auf und sie sah Jane wieder einmal über ihr stehen, die sie schüttelte. Jane tobte weiter. "Also, versuch erst gar nicht, mir zu sagen, dass ich es nicht tue. Es ist so sicher wie die Hölle, dass er DICH nicht liebt! Wer würde schon jemanden wie DICH wollen? Sieh dich doch an."
Sie schob den Gegenstand, den sie in das Zimmer gebracht hatte, vor Scullys Gesicht. Es war ein Handspiegel. "SIEH DOCH, VERDAMMT NOCH MAL!!!" schrie Jane. "Sieh dich doch an, wie häßlich du jetzt bist, du DUMMES Miststück!! Du schmutzige, schmutzige Hure!! Du warst jedenfalls nur ein Fehler! Wer würde denn überhaupt IRGENDETWAS MIT DIR ZU TUN HABEN WOLLEN!!"
Scully folgte Janes Aufforderung und sah in den Spiegel. Bei dem, was sie sah, schreckte sie zusammen. So wie sie es sich zuerst vorgestellt hatte, war es blutig und purpurrot und total verbrannt. Nicht wiederzuerkennen. 'Wir können nichts tun, um ihr Gesicht völlig wiederherzustellen' hallte es in ihrem Kopf wieder. 'Makellos, Scully. Ich liebe es. Schön.'
Scully winselte und es wurde ihr wieder bewusst, wie sehr ihr Gesicht schmerzte. Sie schloss ihre Augen und atmete tief ein, versuchte Jane und den Spiegel und die Erinnerung an ihr abstoßendes Gesicht, aus ihrer Realität zu verdrängen. Sie hatte sich nie in ihrem Leben gewünscht, zu sterben. Jetzt tat sie es.
"Er wird sich in mich verlieben, wart's nur ab," Janes Stimme drang wieder zu ihr durch. "Ich werde ihm nicht weh tun."
"Was denken Sie, wird er tun, wenn er herausfindet, was Sie mir angetan haben?" Scully war überrascht, dass sie es schaffte, diese vielen Worte herauszubringen.
Jane dachte eine Minute nach und dann wurde ihr Gesichtsausdruck böse. "Hey, wart mal ne Minute. Versuch mir nicht einzureden, dass ich verrückt bin. Nun, ich bin es nicht, ich bin es NICHT. Da ist nichts verkehrt bei mir. Nichts. Also probier hier keine Psychologiescheiße an mir aus, weil das nicht funktionieren wird."
"Es tut mir leid, Jane, Sie haben recht. Ich wollte nicht andeuten-"
"Behandle mich VERDAMMT NOCH MAL nicht so gönnerhaft."
"Das hab ich nicht. Wirklich, Jane, das hab ich nicht." Sie hustete.
"Du denkst wirklich, ich bin blöd, nicht wahr?"
Scully stärkte sich selbst gegen einen weiteren Ausbruch physischer Gewalt von ihr und für einen Moment lang sah es so aus, als ob Jane wieder daran dachte, ihr wehzutun. Verdammt, ich hab zu viel gesagt. Verdammt. Gott, wie sehr sie Mulder bei dem hier brauchen würde. Er hätte gewusst, welche Fragen man stellen darf und was man nicht sagen sollte.
Zu Scullys Überraschung sah sie in Janes Augen Tränen und sie sog ihre Lippen ein. Sie winselte einmal und lief aus dem Zimmer und Scully atmete auf.
*Mulder, ich bin hier, kannst du mich nicht hören? Sie ist es, sie ist es. Oh, Mulder, sei vorsichtig.*
xxxxxx
Montag, 1:04 morgens
Mulders Wohnung
Mulder kickte seine Schuhe weg und brach erschöpft auf der Couch zusammen. Es waren drei lange und verrückte Tage gewesen. Oder waren es vier? Alles war so verschwommen. Charlie und er hatten Scullys Nachbarschaft durchstreift, jede Person, die in der Nacht ihres Verschwindens innerhalb eines 50-Meilen-Radius gewesen sein könnte, befragt. Und dann war dieses Treffen mit Skinner gewesen. Mulder erschauerte schon bei dem Gedanken daran. Ganz zu schweigen von den Backgroundüberprüfungen von jedem in Scullys Wohnhaus und das stundenlange Ansehen dieser Überwachungsvideos von ihrem Foyer. Und sie hatten immer noch nichts. Keinen einzigen Hinweis. Mulder konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal geschlafen hatte. Oder gegessen. Und es war nur Charlies Beharrlichkeit zu verdanken, dass er zugestimmt hatte, für eine Nacht zu unterbrechen. Er hatte es geschafft, Mulder davon zu überzeugen, dass sie nutzlos waren, wenn sie zu müde zum Denken waren, und dass es da sowieso nicht viel gab, das sie mitten in der Nacht tun könnten.
Als er in den Polstern versank, erkannte Mulder, dass er Recht hatte. Sie brauchten ein wenig Zeit, um sich zu sammeln, um ihre weitere Strategie zu überdenken, da sie so nicht weiterkommen würden.
"Ich hasse es einen ehrgeizigen Betrunkenen zu ermutigen, aber was halten Sie davon, wenn wir diese hier aufmachen?" Mulder drehte sich um und sah Charlie in seiner Küche stehen und eine Flasche Whiskey hochhalten.
"Ja sicher, das hilft mir beim Denken."
Charlie schnaubte und brachte die Flasche mit zwei Gläsern in das Wohnzimmer. "Es hilft mir dabei das nicht zu tun. Und das ist es, was ich gerade jetzt brauche."
Charlie setzte sich Mulder gegenüber auf den Boden. Jeder von ihnen nahm einen Schluck und Mulder war bei dem Gedanken, dass er dazu fähig war mit einem irischen Seemann mitzuhalten, stolz. Er wurde wirklich gut beim Trinken.
"Also, ähm, es sieht so aus, als ob Jane es ziemlich gut geschafft hat, diese Wohnung aufzuräumen." Mulder zuckte bei der Erwähnung ihres Namens zusammen. Noch ein Durcheinander, das er zurückgelassen hatte. Sie hatte in den vergangenen Tagen unaufhörlich angerufen und er hatte sie wie die Pest gemieden. Er fühlte sich wegen dem, was zwischen ihnen vorgefallen war, ziemlich merkwürdig. Oder nicht vorgefallen war. Was immer es, verdammt noch mal, war. Und, um ehrlich zu sein, hatte er neuerdings auch nicht viel Zeit für ihre Probleme gehabt. Tatsächlich konnte er sich nicht einmal erinnern, dass er ihr diese Woche ihren Gehaltsscheck gegeben hätte.
"Ja, ich schätze, das hat sie. Ich bin seither überhaupt nicht mehr hier gewesen." Ist es tatsächlich schon eine Woche her, seitdem er diesen fürchterlichen Brief bekommen hatte?
Als er ihnen einen weiteren Schluck einschenkte, lächelte Charlie. "Ich weiß. Ich war bei Ihnen."
"Richtig." Charlie hatte ihn noch nicht gefragt, wie seine Wohnung in so einen Zustand geraten war und Mulder war froh darüber. Er hatte wirklich keine Lust dazu, Scullys Bruder an seiner geistigen Verwirrung teilhaben zu lassen. Der Typ schien ihn aus irgendeinem unbekannten Grund zu mögen und Mulder wollte das nicht gefährden. Es war so ungewöhnlich, von einem Angehörigen von Scullys Familie akzeptiert zu werden und es war für ihn eine wertvolle Sache.
Und Mulder war überrascht zu bemerken, dass er Charlie auch mochte. Tatsächlich arbeiteten sie ziemlich gut zusammen. Charlie war so problemlos und fröhlich und es war schwierig, mit dem Typen nicht zurechtzukommen. Und er war ihm auch dankbar. Wenn Charlie nicht gewesen wäre, würde er immer noch in irgendeiner Bar rumhängen und den verdammten Brief wieder und wieder lesen, anstatt das zu tun, was er von Anfang an hätte tun sollen. Nach Scully zu suchen. Und sein Arm wäre, wenn Charlie ihn nicht davon überzeugt hätte, in die Notaufnahme zu gehen und ihn nähen zu lassen, inzwischen wahrscheinlich entzündet.
Es stimmte, dass sie nicht gerade viel Erfolg gehabt hatten. Aber es war ein Anfang. Es war etwas. Und er war jetzt entschlossen dazu. Sie werden sie finden. Und sogar das war keine Frage. Sie mussten das. Die Frage war nur noch, wann und wie. Und in welcher Verfassung sie sein wird, wenn sie sie finden. Mulder fühlte plötzlich Panik in sich aufsteigen. Was wenn es für sie, je länger sie dazu brauchten, immer schlimmer wurde? Was, wenn eine Pause, sei sie auch nur für ein paar Stunden, den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutete?
Der Adrenalinstoss ging vorüber und ihm wurde wieder klar, dass Charlie Recht hatte. In diesem Stadium war er für sie nutzlos. Es war besser, sich in den Schlaf zu trinken und am Morgen frisch zu beginnen.
Charlie goß einen weiteren Schluck ein. Wie viele waren es dann? Mulder war froh darüber, festzustellen, dass er sich nicht daran erinnern konnte. Es musste wohl wirken.
"Hey, habe ich Ihnen jemals meine Familie gezeigt?" fragte Charlie, mit schon leicht undeutlicher Stimme.
"Nope."
Charlie fasste in seine Tasche und zog seine Brieftasche hinaus. Nach einiger Verwirrung war er dazu fähig, das Bild, nachdem er gesucht hatte, zu finden und reichte es Mulder über den Tisch. Er erkannte Charlie, der breit grinsend neben einer großen und dunklen, schönen asiatischen Frau stand, die wie Mulder annahm, seine Frau war. Sie hatten zwei bezaubernde Kinder, einen sehr kleinen Jungen und ein Mädchen, dass wie zwölf Jahre aussah. Sie standen vor dem Grand Canyon.
"Das wurde letztes Jahr während meines Landurlaubes aufgenommen." Mulder nickte und versuchte zu lächeln. Er wollte sich für ihn freuen. Er tat es wirklich. Doch er gab ihm das Bild mit schwerem Herzen zurück.
"Sie sind ein glücklicher Kerl."
"Danke. Nicht gerade die perfekte traditionelle irische katholische Familie, hä?" Mulder lächelte darüber. Er hatte das Gefühl, dass Charlie selten perfekt traditionelle Dinge machte. "Mom und Dad waren nicht gerade erfreut."
"Wirklich?"
"Ja, nun Rena ist ein wenig vom anderen Schlag. Sie ist Künstlerin. Und sie hat einige wirklich feste Meinungen, die sie nie zu verheimlichen versuchte. Mom hatte nie daran geglaubt, dass sie für meine Kinder eine 'geeignete Mutter' sein würde." Mulder nickte teilnahmsvoll.
"Die Ironie dabei ist, dass sie echt erfolgreich gewesen ist. Ich meine, sie ist eine großartige Mutter, aber sie ist auch mit ihrer Kunst wirklich erfolgreich. Sie ist in vielerlei Hinsicht auch stabiler als ich es bin." Er klang so stolz auf sie, schien sie auf eine Weise zu lieben, die Mulder verstand, aber bezweifelte, dass das viele andere Leute taten.
"Wie heißen dein...Ihre Kinder?"
"Der Junge ist Charlie Junior, recht originell, ich weiß. Der Name meiner Tochter ist Pele, nach der Feuergöttin, wissen Sie. Das war Renas Idee." Mulder grinste. Charlies Begeisterung über seine Familie war ansteckend.
"Das ist süß."
"Ja, sie ist eine Süße. Trotzdem treibt sie einen in den Wahnsinn. Erinnert mich an die rote Bedrohung selbst."
"Meinst du Scully "?
"Gott, ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass jemand Scully sagt und dabei nicht über mich spricht. Jedenfalls, ja. Sie erinnert mich an Dana, als sie ein Kind war. Ich hoffe nur, dass wir mit ihr keinen Jeff-Bloomfield-Zwischenfall haben, da ich nicht denke, dass mein Herz das verkraften könnte." Mulder hatte fast Angst davor zu fragen, wer Jeff Bloomfield war, aber seine Neugier war der überwältigende Antrieb.
"Was ist ein Jeff-Bloomfield-Zwischenfall?"
"Oh Mann, dass kannst du...können Sie nicht ernst meinen. Hat Dana Ihnen diese Geschichte denn nie erzählt?" Er schüttelte seinen Kopf. Es gab so viel, was sie ihm nicht erzählt hatte. So viel, das sie noch miteinander zu teilen hatten.
*Verdammt Scully, wo bist du?*
"Wow, ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte. Es ist wirklich peinlich."
An diesem Punkt war Mulder fast verrückt vor Neugierde. Er hatte immer angenommen, dass Scully keine peinlichen Geschichten zu erzählen hatte. Sie war immer so perfekt gewesen. Jeff Bloomfield. Vielleicht ist das irgendein Junge gewesen, der einmal in sie verliebt gewesen ist. Oder jemand, den sie verprügelt hatte.
Charlie sah aus, als ob er versuchen würde, nicht zu lachen. Es musste gut sein.
"Ich bin mir sicher, dass sie nichts dagegen hätte, wenn du es mir erzählst."
Charlie rollte mit seinen Augen. "Ich bin mir sicher, dass das nicht wahr ist, doch was soll’s, es ist spät, ich bin betrunken. Warum nicht?" Er goß ihnen, bevor er anfing, noch eine weitere Runde ein und kippte sie runter.
"Okay, Jeff Bloomfield war dieser Typ, der auf der Basis in Kalifornien
wohnte, als wir dort in der Marineunterbringung waren. Er war Kadett, oder so. Jedenfalls stand Dana ungefähr eine Million Jahre wahnsinnig auf ihn. Also, an besagtem Wochenende waren Dad und Bill nicht zu Hause, auf See, weißt du und Mom wollte Oma besuchen. Das war, bevor ich die High School geschmissen habe, ich schätze, ich war so um die fünfzehn. Dana war sechzehn." Charlie goss sich noch einen Schluck ein. Mulder war bereits über die Geschichte schockiert. Scully schwärmte für jemanden? Er hatte sich nie vorgestellt, dass sie, aus welchen Grund auch immer, für jemanden schwärmen würde. Und Charlie hatte die High School geschmissen? Scullys Familie wurde von Minute zu Minute interessanter.
"Nun, Dana sagte Mom, dass sie krank sei und uns deshalb nicht begleiten könne. Kopfschmerzen oder irgendeinen Quatsch. Und Mom machte sich Sorgen darüber, sie das ganze Wochenende alleine zu lassen, was Dana völlig sauer machte, da sie ja 'praktisch eine Erwachsene' war." Mulder konnte sie diese Worte in seinem Kopf sagen hören. "Also gab Mom nach und schleifte mich und Missy zu Oma. Als wir schon die halbe Zeit des Besuches hinter uns hatten, entschloss Mom sich, Dana anzurufen, um sicherzustellen dass sie okay war, doch sie ging nicht ans Telefon. Deshalb entschied Mom, dass wir zurück nach Hause müssten, da sie sich natürlich Sorgen machte. Also packte sie uns ins Auto und fuhr zurück nach Hause. Und dann, als wir zu Hause ankamen, stand ein Auto, das wir nicht kannten, in der Auffahrt und Mom begann dann wirklich auszuflippen und dann..." Charlie brach in einen hysterischen Lachanfall aus und Mulder hätte ihn am liebsten durchgeschüttelt. Was zum Teufel war dann passiert? Er begann sich schon selbst um Scully Sorgen zu machen.
"Dann öffnete Mom die Tür und da war Jeff Bloomfield, der auf dem verdammten Boden, die Hölle aus meiner Schwester bumste." Charlie brach in eine weiteren Lachanfall aus, der noch an Intensität zu gewinnen schien, als Mulder einen Mundvoll Whiskey ausspuckte.
Ende Teil 8
Desideratum I: Verloren
Kapitel 9/11
"Sie waren... er war... sie..." Mulder stotterte eine Weile herum, unfähig einen zusammenhängenden Gedanken zu formen. Alles, wozu sein Gehirn in der Lage zu sein schien, war im Geiste ein Dutzend Bilder zu produzieren, die zu Charlies Geschichte passten.
"Du hättest das Gesicht meiner Mutter sehen sollen. Jesus, es war unbezahlbar. Ich wünschte, ich hätte meine Kamera gehabt. Und Danas erst. Sie war so erschrocken. Und da waren Missy und ich, wir haben uns halbtot gelacht."
"Also was... was war passiert? Ich meine..." Mulder verfluchte sich selbst für seine verdammte Neugier. Aber da gab es ein paar Dinge, die er einfach wissen musste. Sie war erst sechszehn gewesen, um Gottes Willen. "Ich meine, was genau haben sie getan? Ich meine... war sie nackt?"
Mulder fürchtete, Charlie würde deswegen platzen. "Natürlich war sie nackt. Sie hatten Sex miteinander! Die Geschichte wäre nur halb so lustig, wenn sie ihre Sachen noch angehabt hätte, oder?"
"Na ja, nein, ich dachte nur..." Mulder war sich nicht sicher, was genau er gedacht hatte. Dass Scully eine 35 Jahre alte Jungfer war? So etwas wie eine Heilige? Nein, begriff er, das hatte er niemals wirklich geglaubt. Er wusste, dass sie Beziehungen gehabt hatte. Es war nur so, dass dieses "Jack und ich waren ein Jahr lang zusammen" weniger beschreibend war als dieses "die Hölle aus meiner Schwester bumste". Er hatte es sich einfach niemals wirklich... vorher vorgestellt. Nicht so, wie er es jetzt tat, vollkommen gegen seinen Willen. Eine sechszehn Jahre alte Dana Scully, jung und knackig, heiratsfähiger jugendlicher Körper, die sich mit irgendeinem Typen auf dem Boden herumwälzte. Nein, so konnte es nicht gewesen sein. Vielleicht hatte er sie ausgenutzt. Vielleicht war es ein traumatisches Erlebnis für sie gewesen.
"War sie in Ordnung?"
"In Ordnung? Was meinst du?"
"Nun, ich meine... hat er ihr wehgetan oder so?"
"Ihr wehgetan?" Charlie lachte wieder. "Nicht dass ich wüsste. Für mich sah es so aus, dass sie einen Mordsspaß hatte. Um das mal so auszudrücken." Aus irgendeinem Grunde amüsierte das Mulder überhaupt nicht. "Na ja, bis meine Mutter begann, die beiden anzuschreien. Da waren sie nun, stolperten umher, um ihre Sachen wieder anzuziehen und Mom zeterte und zeterte. Es war so verdammt lustig. Dann ging sie auf Jeff los. ‚Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie alt das Mädchen ist?’ und er antwortete ‚Einundzwanzig, richtig?’. Und Mom wieder ‚Nein, Sie Idiot, sie ist erst sechszehn und jetzt raus aus meinem Haus!’"
*Das sollte mich nicht anmachen. Das sollte mich nicht anmachen.* Mulder wiederholte diesen Satz in seinem Kopf wie ein Mantra. Aber es funktionierte nicht. Dieses Bild ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er fragte sich, wie oft sie es gemacht hatten. Ob sie es überall in ihrem Elternhaus getrieben hatten, bevor sie unterbrochen wurden. In welcher Stellung waren sie erwischt worden?
"Gott, arme Dana. Es war ihr so peinlich."
"Darauf wette ich." Die kleine Dana, die ihr Shirt über ihre rosigen kleinen Brüste zerrte, im Gesicht rot wie eine Rose. Was für ein unartiges Mädchen. Mulder schlug in einem lahmen Versuch, dass was ihm passierte zu verbergen, die Beine übereinander.
"Und hat es dein Vater herausbekommen?" Mulder hatte das Gefühl, wenn er es getan hatte, hatte Jeff ein sehr unglückliches Schicksal erlitten. Womöglich war er wegen Unzucht mit Minderjährigen im Gefängnis gelandet.
"Nein, Gott sei Dank nicht. Dana schaffte es, meine Mutter davon zu überzeugen, ihm nichts zu erzählen und Missy und ich hätten es bestimmt nicht getan. Sie heulte Rotz und Wasser. Ich vermute, Mom fühlte sich schlecht wegen ihr. Aber wir haben Jeff nie wieder in der Nähe unseres Hauses gesehen."
"Und was hast du getan? Ich meine, wolltest du ihm nicht in die Eier treten?"
"Wofür?"
Gute Frage. Mulder hatte wirklich keine Antwort darauf, aber aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, er müsste den Typen umbringen.
"Er war kein schlechter Junge. Dana war diejenige, die ihm weisgemacht hatte, sie wäre einundzwanzig. Er hat nicht wirklich etwas falsch gemacht. Bestimmt war es gut, dass Bill nicht da war. Der wäre an die Decke gegangen. Er hat die Typen von Dana immer gehasst. Ich meine, ich bin sicher, dass er dich deswegen hasst. Nebenbei, ich würde das nicht persönlich nehmen. Er hat jeden Freund von Dana gehasst, den sie hatte. Irgend so ein deplazierter Vaterkomplex oder so ein Mist." Mulder war plötzlich unglaublich durcheinander. Und ihm war schwindelig. Worüber zur Hölle redete er? Danas Typen? War er Danas Typ?
"Äh... was?"
"Tatsächlich wusste ich, sobald ich gehört habe, dass er dich nicht mag, dass du in Ordnung sein musstest. Er schätzt Charaktere fürchterlich ein. Den einzigen Typen, mit dem sie sich traf, den er mochte, war dieser totale Blödmann..."
"Warte... was? Glaubt er, dass ich... dass wir... glaubt er, dass Scully und ich etwas miteinander haben?" Nur das Aussprechen dieser Worte schickte einen Schauer durch seinen ganzen Körper.
Charlie sah ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. "Nun, ich nehme an, dass er das tut. Ich meine, habt ihr nicht?"
Mulder war plötzlich sprachlos. Habt ihr nicht? Was zur Hölle war die Antwort darauf? Nun, wir haben nichts miteinander, aber ich habe einmal versucht, sie zu vergewaltigen. Er schüttelte den Kopf.
"Habt ihr nicht? Wirklich?"
"Nein. Wirklich."
"Oh. Oh wirklich? Wow. Es tut mir leid. Ich habe es einfach angenommen. Ich meine, Dana hat nie viel gesagt, aber du weißt, wie sie ist. Ich habe es einfach aus der Art, wie sie über dich geredet hat, geschlossen..."
Mulder fragte sich, ob jeder in ihrer Familie das glaubte. Glaubte ihre Mutter das? Glaubte jedermann in der Welt das? Wie genau hatte sie denn über ihn gesprochen? Mulder schauderte unwillkürlich. Plötzlich veränderte sich das Bild in seinem Kopf von der jungen Dana und dem gesichtslosen Jeff in die Scully von heute. Und er. Auf dem Boden. Jesus.
Mulder zog mit einer, wie er hoffte, lässigen Bewegung, ein Kissen von der Couch auf seinen Schoß. Er stützte seinen Ellbogen darauf, um zu beweisen, dass es der Bequemlichkeit wegen da war und nicht, um irgend etwas zu verbergen. Er verfluchte sich selbst dafür, dass er wieder in dieser Weise an sie dachte. Dieser Mist hatte das ganze Chaos schließlich erst verursacht.
"Ich habe tatsächlich ein Bild von uns allen aus diesem Jahr." Charlie begann, Bilder aus seiner Brieftasche zu ziehen und sie durchzusehen. Jesus, nein. Mulder betete dafür, dass er es nicht fand. Er wollte es nicht sehen. Gott, er wollte es wirklich nicht.
Charlie hob mit einem Grinsen eines der Bilder von dem Stapel. "Willst du die kleine Dana sehen?"
Mulder überlegte, dass er Charlie nach all dem vielleicht doch nicht so mochte.
Er erkannte alle Scullygeschwister auf dem Schnappschuss. Bill und Charlie im Vordergrund, die einen Fußball herumschossen und Melissa, die in Shorts und T-Shirt im Gras lag. Im Hintergrund war ein Haus, von dem er annahm, dass es das Zuhause der Scullys war. Und auf der Veranda dieses Hauses saß die kleine Scully.
Zwei lange rote Zöpfe hingen an den Seiten ihres Gesichts herab. Ein paar lose Locken umrahmten ihr Gesicht. Ihre Haut war von der Sonne ein wenig gerötet. Ihre Brust und ihre Arme waren mit Sommersprossen bedeckt. Sie trug abgeschnittene Jeans und ein Bikinioberteil, das ihre runden, wohlgeformten Brüste bedeckte und am Nacken zugebunden war. Mit einem Buch und einem Stift in der Hand saß sie auf den Eingangsstufen zum Haus. Sie sah zu dem auf, wer immer auch das Foto gemacht hatte. Ihre Augenbraue war hochgezogen und sie grinste verächtlich.
Scully war alles, was er sich vorgestellt hatte und nichts, was er sich in seinen wildesten Phantasien ausmalen konnte. Sie war Wildfang und Lolita in einem. Sie war das stille, schlaue, in sich gekehrte, oft übersehene mittlere Kind, dessen Herz und Seele mehr Geheimnisse bargen, als sich irgendjemand vorstellen konnte. Sie war Daddys kleines Mädchen. Sie war das Mädchen, das dann und wann spürte, dass sich etwas in ihr regte. Ein Drang. Ein brennendes Verlangen, etwas rebellisches zu tun, etwas, das niemand von ihr erwartete. Etwas, wie mit dem Nachbarn von nebenan in Mamis Wohnzimmer zu schlafen.
Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, um nicht laut aufzustöhnen.
"Mulder?"
Beim Klang von Charlies Stimme, die seine Überlegungen unterbrach, zuckte er zusammen. Er bemerkte, dass er das Foto mit einer verschwitzten Hand umklammerte. Er hatte es eine ganze Weile festgehalten und es einfach angestarrt, möglicherweise in Verzückung geraten.
Mulder gab Charlie das Foto zurück, damit es aus seinem Blickfeld verschwand.
"Niedlich, nicht wahr?"
Mulder starrte ihn einen Moment an, unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Er schluckte, schaffte es, zu nicken und hervorzustoßen, "Niedlich."
Charlie hielt die Flasche verkehrt herum. Sie war leer. "Mann, die haben wir ziemlich schnell geschafft. Hey, irgendwie bin ich müde. Hast du was dagegen, wenn ich es mir auf dem Sessel oder so bequem mache? In diesem Zustand will ich nicht mehr versuchen, zu fahren."
Mulder nickte abwesend, nahm die Bitte kaum wahr und Charlie zog seine Schuhe aus und warf sich in den Sessel neben dem Tisch. Mulder saß einige Minuten schweigend da und wartete vergeblich darauf, dass sich sein Körper und sein Geist ein wenig beruhigten. Bald hörte er Charlie schnarchen und er befand sich immer noch in demselben Zustand.
Was zur Hölle stimmte nicht mit ihm? Scully wurde vermisst, war möglicherweise in Gefahr. Er musste klar denken, sich darauf konzentrieren, sie zu finden. Und nicht über kleine Mädchen phantasieren. Sogar, wenn das betreffende kleine Mädchen Scully war. Verdammt, besonders wenn es Scully war. Nach allem, was passiert war, nach dem, wie diese Art, an sie zu denken, ihn ihr gegenüber handeln ließ, sollte er sie in seinem Kopf in einen Schleier hüllen. Er sollte sein bestes tun, um sie wieder so zu sehen, wie früher. Scully, die Unberührbare. Scully, die Heilige. Scully, die im Herzen und im Kopf zu sauber war, um an Sex zu denken. Um es zu brauchen.
Aber er konnte es versuchen, soviel er wollte, er bekam diese Bilder nicht aus seinem Kopf. Und er konnte nicht beenden, was sie ihm antaten. Er verfluchte Charlie in erster Linie dafür, dass er ihm diese dumme Geschichte erzählt hatte. Was hatte er sich dabei gedacht? Wirklich niedliche Geschichte, Charlie. Was für ein Spaß. Natürlich hatte er geglaubt, Mulder würde diese Seite von Scully bereits kennen. Persönlich.
Aber dann zeigte er ihm dieses verdammte Foto. Um diese ganze gottverdammte Sache noch zu illustrieren. Was zur Hölle versuchte er, mit ihm anzustellen?
Mulder veränderte seine Haltung, um es, wie er hoffte, ein wenig bequemer zu haben und lehnte sich in die Couch zurück. Es machte keinen Unterschied. Wie zur Hölle sollte er jetzt schlafen? Er drehte sich auf die Seite und umklammerte das Kissen unter ihm. Hoffnungslos, er war ein absolut hoffnungsloser Fall.
Mulder sah auf den Tisch vor sich. Das Foto war immer noch da. Charlie hatte es zuoberst auf dem Stapel Schnappschüsse liegen lassen. Schnell sah er weg und wollte der Versuchung widerstehen. Er konnte nicht. Er würde nicht. Er hatte es nicht mal mit dem Bild von ihr gemacht, dass er von ihr aus der Gegenwart hatte.
Mulder linste zu Charlie hinüber. Er schlief geräuschvoll im Vollrausch. Mulder war mehr oder weniger allein. Er stieß einen frustrierten Seufzer aus. Es war lange her. Seit sie verschwunden war, wirklich. Er war nicht einmal fähig gewesen, auch nur daran zu denken. Zum ersten Mal in seinem Leben war es das letzte gewesen, woran er gedacht hatte. Bis jetzt. Bis zu dieser verdammten Geschichte.
Nach ein paar Minuten mehr, nach ein paar unbequemen Haltungen mehr erkannte er, dass er zwei Möglichkeiten hatte. Die ganze Nacht hellwach und wahnsinnig geil zu verbringen, um sich am Morgen unausgeschlafen und noch abgespannter wieder auf die Suche zu machen, oder er konnte etwas dagegen unternehmen. Etwas, das ihm erlauben würde, sich auszuruhen, wenn es getan war. Etwas, das ihn möglicherweise davor bewahren würde, in seinen Hosen gleich hier auf der Couch zu kommen.
Mulder warf einen letzten Blick auf Charlie, stellte absolut sicher, dass er schlief und stand mit zitternden Beinen auf. Er begann, sich auf den Weg ins Bad zu machen, aber auf halbem Weg machte er kehrt. Wieder sah er auf den Tisch. Es war immer noch da. Es waren keine Feen hereingekommen und hatten es von ihm fortgenommen. Warum konnte Charlie es nicht zurückgelegt haben? Es in seine Brieftasche, in seine Hosentasche gesteckt haben? Warum musste es so daliegen?
Er versuchte, an diese Nacht zu denken. Versuchte, sich zu erinnern, wie ärgerlich seine Avancen sie gemacht hatten. Versuchte, sich vorzustellen, wie sie ihn angeschrien hatte, ihm gesagt hatte, dass er aufhören sollte. Einfach aufhören. Im Namen Gottes, hör auf.
Aber die ärgerliche erwachsene Scully verwandelte sich in seiner Vorstellung in die junge geile Scully. Und dann in die erwachsene geile Scully, deren Lippen sich unter seinen öffneten in diesem einen einzigen großartigen Moment in seinem Lebens.
Er schielte zu Charlie hinüber. Verdammt sei er. Verdammt sei er, dass er das tat.
Mulder schnappte sich das Foto vom Tisch und stolperte nervös ins Badezimmer. Er schloss die Tür hinter sich und lehnte sich, mit dem Bedürfnis nach einem Halt, gegen den Rahmen . Er war so betrunken und so erregt, dass er glaubte, hinzufallen.
Mulder legte die Finger über die anderen Mitglieder der Scullyfamilie, so dass er sich nur auf sie konzentrieren konnte. Er musste nicht an den Bildern arbeiten. Sie waren lebhaft, aber unterbrochen. Keine fortlaufende Szene, sondern Teile und Stücke, Fragmente, die in seiner Vorstellung zusammengeworfen waren in einer verdrehten Mischung. Es war einfach mit dem Foto. So einfach, sie vom Papier zum Leben zu erwecken in den Szenarios seiner Phantasien.
Die kleine Dana in einem knappen Top und abgeschnittenen Jeans, wie sie auf dem Rasen stand und das Objekt ihrer Begierde mit einer Mischung aus Lust und Angst ansah, ihre Lippen leicht geöffnet, ihre Augen geweitet vor Hunger, ihre Zöpfe um ihre Finger gewickelt.
Das Geräusch seines Reißverschlusses war unerträglich laut in der Stille des Badezimmers.
Scully, die an ihrem Laptop sitzt und ihn quer durch den Raum ansieht, während sie schreibt, eine Augenbraue hochgezogen, eine Mischung aus Ärger und Erregung, während er über alles und nichts redet.
Seine gefühllose Hand klammerte sich beinahe schmerzhaft an sein nun hypersensibles Geschlecht.
Die kleine Dana, liegt in ihrem kleinen Bikinioberteil auf ihrem kleinen Bett, öffnet ihre Jeans, schiebt, während sie ihre Augen zusammenkneift und ihren Mund in einem stummen Schrei öffnet, ihre Hände zwischen ihre Beine. Das Fenster ist offen und Mami und Daddy veranstalten draußen auf dem Rasen ein Barbecue.
Die ersten Lusttropfen liefen über seine Finger und Schweißtropfen liefen über sein Gesicht, während er das Foto fester packte.
Scully, wie ihren Bademantel auszieht und ihm jede süße Kurve, jeden Zentimeter ihres zarten Fleisches zeigt, sich genau an der Stelle, wo die Kurve ihrer Hüfte den Beginn ihres runden kleinen Hinterteils trifft, berührt.
Das Pochen ging von seinem Penis aus zu seinem Kopf und zu seinem Herzen und dann wieder zurück, bis sich sein ganzer Körper anfühlte, als stünde er kurz vor der Explosion.
Die kleine Dana, die ihren gesichtslosen Liebhaber in Mamis Küche küsst, auf dem Spülschrank sitzt und sich mit um ihn gelegten Beinen an ihm reibt, in seinen Mund stöhnt, während ihre Zunge zwischen seine Lippen gleitet.
Er ließ das Foto zwischen seinen Fingern hindurch auf den Boden gleiten.
Scully, wie sie neben ihm, in einem zerwühlten Bett, in einem dunklen Hotelzimmer, in einer namenlosen Stadt, liegt, sich ihre Hände unter den Laken über ihren Körper bewegen, ihr stöhnen im Kissen erstickt, während er vorgibt zu schlafen.
Er langte mit seiner nun freien Hand nach dem Handtuch im Regal gleich neben ihm und umklammerte es, als ob es um sein Leben ginge, während er auf das Foto am Boden starrte.
Die kleine Dana, die sich seinen Körper hinaufschiebt, seinen nun, nicht Jeffs, auf seinem Gesicht sitzt, der Geschmack ihres erdbeerfarbenen Lustzentrums seinen Mund füllend, während sie sich an ihm reibt und darauf hofft, dass Mami nicht heimkehrt, bevor sie kommt.
Das Handtuch glitt vom Regal, als er in die Knie ging und damit auf den Fliesen des Bodens aufschlug. Er konnte keinen Schmerz fühlen. Zu nahe, er war bereits zu nahe. Widerwillig zog er seine Hand von seiner pochenden, harten Erektion fort. Er wollte mehr. Noch mehr Phantasien, mehr Scully, mehr Zeit. Er atmete tief ein und versuchte, seine Gedanken umzulenken. Mach es langsamer...
Scully schläft, während er fährt, im Auto neben ihm, ihre Zunge leckt unbedacht über ihre Lippen, ein kleiner Seufzer, der ihren feuchten Mund verlässt, ihre Beine reiben sich aneinander.
Mulder biss sich, in dem Versuch zu verhindern, dass er laut aufschrie, auf die Unterlippe und Blut lief über sein Kinn.
Die unanständige kleine Dana, die in seinem Schoß sitzt, in Daddys Sessel, in ihrer Mädchenuniform der Katholischen Schule, Wollrock und Kniestrümpfe und kein Höschen, ihre perfekte Kehrseite gegen seinen Penis pressend, ihn mit offenem Mund und forschender Zunge küssend.
Seine Finger zitterten an seinem Geschlecht und er wusste, es hatte keinen Zweck, zu versuchen, das Unausweichliche hinauszuzögern.
Scully... und er... er und Scully, auf seiner Couch, im Büro, in einem Hotelbett, auf dem Fußboden im Haus ihrer Mutter, Schweiß und Sperma und Blut und Tränen und ihr Mund und ihre Zunge und sie auf ihm und er auf ihr und ihr Orgasmus um ihn, zerrte an ihm, holte ihn so tief in sich hinein, so dass er niemals wieder den Weg herausfinden konnte, und ihre Augen offen, weit und wild, verbrannten ihn, als sie vor Lust schrie.
Er stopfte sich das Handtuch in den Mund, um sein Stöhnen zu ersticken, während seine Finger wild an seinem Penis arbeiteten. Sein Kopf schlug auf den Boden, als er in der Intensität seines Orgasmus nach vorn kippte.
*Mulder, ich fühle dich. Wo bist du?*
"Scully?" flüsterte er außer sich. Ihre Stimme war so klar gewesen, es hörte sich so an, als wäre sie mit ihm im Raum. Er warf den Kopf hoch und sah sich in dem winzigen Raum um. Er war allein. Allein mit einem Berg Sperma auf seinem frisch gewischten Badezimmerfußboden. Ein Tropfen war auf das Bild gespritzt.
‚Gott... oh Gott.’ Zitternd atmete er tief ein und stellte sich auf Beine, die die Konsistenz von Gelee angenommen hatten. "Mist. Mist, Scully." Er benutzte das Handtuch, um seine Finger und seinen Penis und das Foto sauberzumachen, Gott, das Foto, und zog seinen Reißverschluss hoch. Dann sah er an sich herunter. Sperma hatte bereits begonnen, auf der Baumwolle seiner Jeans zu trocknen und einen dicken, krustigen Film zu bilden. Wunderbar, wahrhaft bezaubernd. Er musste sich umziehen, bevor Charlie wach wurde.
Gott, Charlie. Wie konnte er ihm nachdem hier wieder ins Gesicht sehen? Was für ein kranker Scheißkerl er doch war. Was für ein ekelhafter Chaot. Aber wenigstens hatte er nun eine Chance, zu schlafen. Vielleicht.
Mulder öffnete die Badezimmertür und spähte langsam um die Ecke. Er sah Charlies Profil, der immer noch geräuschvoll im Sessel schlief. Gott sei Dank. Er war gerade dabei, zum Schrank hinüberzugehen und etwas zum Umziehen zu finden, als ihm etwas ins Auge fiel. Es war dunkel im Wohnzimmer, aber er konnte die Umrisse von etwas sehen... von jemandem. Irgend jemand anderes war im Wohnzimmer.
xxxxxx
Erst als Scully etwas warmes und salziges in ihren Mund laufen fühlte, bemerkte sie, dass sie weinte. Und etwas herunterleierte... in ihrem Kopf. Was?
*Mulder, ich bin genau hier. So nahe. Genau hier. Mulder.*
Scully hatte begonnen, es in ihrem Kopf wieder und wieder zu sagen, bis sie sich dessen nicht länger bewusst war. Sie wünschte, sie könnte mir ihm reden. Sie wollte ihn so sehr sehen, mit ihm sprechen, ihn berühren. Wissen, dass sie real war. Sie begann zu bezweifeln, dass er es noch war.
Scully befand sich in einem erschöpfteren Zustand, als sie jemals geahnt hätte. Und sie fürchtete sich genauso sehr davor, ihre Augen zu schließen, wie sie offenzuhalten. Was Realität war, begann sich in verwirrten Visionen zu verlieren.
Sie schloss die Augen.
Draußen war es warm und stickig. Ihre Brüder spielten vor ihr im Garten und diskutierten die ganze Zeit, während sie einen Fußball hin und her schossen. Melissa lag auf der Erde, starrte in die Wolken und erzählte ihr irgendetwas darüber, wie die alten Inka sie gelesen oder zu ihnen gebetet hatten oder irgendetwas darüber, wie sie bei Unfruchtbarkeit geholfen hatten. Sie kannte diese Szene, sie hatte sie schon früher erlebt. Und sie konnte sich daran erinnern, dass sie an diesem Tag ihre eigenen Ängste in Bezug auf Fruchtbarkeit gehabt hatte. Zwei Tage und sie würde mit Sicherheit wissen, ob sie sich über irgendetwas Sorgen machen musste. Was hatte sie gedacht...
Etwas ließ sie aufblicken. Mulder war da und starrte sie mit diesem heißhungrigen Ausdruck auf seinem Gesicht an. Ihr Herz hämmerte bei seinem Anblick. Sie erwiderte den Blick und legte ihr Notizbuch auf die Stufen nieder.
‚Komm mit in mein Zimmer, Mulder. Ich möchte dir etwas zeigen.’
Ihre Brüder und ihre Schwester sahen ihn nicht und sie war froh darüber. Sie schienen vollkommen uninteressiert daran, dass sie einen 37 Jahre alten Mann in ihr Schlafzimmer bat. Scully drehte ihnen allen den Rücken zu und verschwand ins Haus, die Treppen hoch in ihrem Zimmer.
‚Diesen Sommer ist es so heiß, nicht wahr, Mulder? Ich wünschte, wir hätten eine Klimaanlage, wie die Bartalas auf der anderen Straßenseite.’
Scully legte sich auf ihr Doppelbett nieder und Mulder ließ sich in den Sessel am Fußende von Missys Bett fallen. Unter halbgeschlossenen Liedern hervor warf sie ihm einen Blick zu und öffnete den Reißverschluss ihrer Shorts. Sie hörte Mulder stöhnen und schlucken. Ihre Hand glitt in ihre Hosen, zwischen ihre Beine.
‚Oh, Mulder... es fühlt sich so gut an...’
Draußen lachten Mom und Da und sie konnte italienische Würstchen und Cheeseburger auf dem Grill riechen. Mulder sah besorgt aus, aber sein Gesicht war geröteter, als sie es jemals gesehen hatte, seine Augen waren dunkel und Schweißtropfen fielen von seinen Schläfen. Er hielt sich durch seine Jeans fest und blickte extrem unbehaglich drein. Er wollte wieder weglaufen.
Scully bedeutete ihm mit ihrer freien Hand, näher zu kommen, dann stöhnte sie durch die Vibrationen, die sie durch ihren Körper schickte. Er schüttelte den Kopf, gehorchte jedoch und legte sich zu ihr aufs Bett. Sie ersetzte ihre Hand durch seine.
‚Oh ja, Mulder, bitte...’
Seine Berührung war leicht, vorsichtig, praktisch ängstlich.
‚Mehr, Mulder. Ich brauche es.’ nötigte sie ihn und er intensivierte seine Zärtlichkeiten, während er die ganze Zeit an ihrem Hals leckte und saugte und knabberte. Für den Bruchteil einer Sekunde sorgte sie sich darum, was Mom wohl zu den Knutschflecken sagen würde. Besonders seit... Jeff? Aber das war so lange her. Sie und Jeff in der Küche...
Mulder stand nun zwischen ihren Beinen, sie saß auf dem Spülschrank. Sie war sich dessen bewusst, dass sie nun ihre Schuluniform trug, weiße Kniestrümpfe, aber keine Unterwäsche. Sie war 35 Jahre alt und sechszehn zur selben Zeit. Und sie zog Mulder näher zu sich heran, in ihre Glut. Ihre Beine um seine Taille und ihre Arme um seinen Hals, rieb sie sich an ihm. Als er seinen Mund in einem Stöhnen öffnete, verschloss sie ihn mit ihrem und stieß ihre Zunge hinein. Er begann, sich zurückzuziehen und sie geriet in Panik.
‚Nein, Mulder, warte. Sieh.’
Sie schob ihren Rock hoch, um ihm zu zeigen, wie nackt sie darunter war. Er fiel auf die Knie und sie schlang ihre Beine um seinen Hals.
Dann waren sie plötzlich auf dem Boden des Wohnzimmers. Mulder, vollkommen nackt und sie mit gespreizten Beinen über seinem Bauch. Bald schob sie sich an seinem Körper nach oben, nur um von ihm bei den Hüften gepackt zu werden und ihr feuchtes Geschlecht über seinem Mund zu platzieren.
‚Oh ja, Mulder. Oh Gott, ja!’
Ihre Stimme ermutigte sein Handeln und er saugte und leckte und küsste sie so kraftvoll, es schien, als würde sie einfach mit ihm verschmelzen. Sie wollte das jetzt. Oh Gott, was war mit Mom und Dad, sie waren draußen...
‚Oh mach weiter, Mulder. Bitte... ich brauche...’
Er hörte auf.
‚Oh nein, Mulder, nicht. Gott, ich kann nicht. Ich brauche dich.’
Und dann waren sie im Wohnzimmer, im Fernsehsessel. In dem, den Mom für Dad zum 50. Geburtstag gekauft hatte. Mulders Hände waren in ihrer aufgeknöpften weißen Regeluniformbluse, eine steckte in ihrem BH, bedeckte ihre Brust und knetete sie beinahe besitzergreifend. Sie küsste ihn härter, stöhnte und rieb ihren Po über seine Erektion.
Er hörte wieder auf. Und dann verschwand er. Verließ das Haus. Diesmal hörte sie seine Stimme.
‚Es tut mir so leid, Scully.’
Warum tat es ihm leid?
Sie rannte aus dem Haus, ohne sich darum zu kümmern, wie sie aussah, was ihre Familie sagen würde, was die Nachbarn denken würden. Sie musste zu Mulder kommen. Schnell. Aus irgendeinem Grunde wusste sie, dass sich die Zeit erschöpfte. Oder dass sie sich erschöpfte.
Draußen war sie in Arlington, vor einem Haus, das sie gut kannte. Sie bemerkte Menschen, Autos, andere Gebäude, die sie kannte, alle in der Umgebung von Mulders Apartment. Menschen passierten sie, bewegten sich direkt durch sie hindurch, sahen sie überhaupt nicht.
Mulder. Sie war ihm nahe. Er war nicht weit gegangen.
Sie sah an dem Gebäude hoch. Hinter seinem Fenster brannte kein Licht. Sie musste da hoch, dachte sie und im Nu fühlte sie sich aufsteigen, beinahe in das Apartment schweben. Es war nicht mehr viel Zeit.
Im Raum war es dunkel, aber so real, wie das letzte Mal, als sie hier war. Außer dass sie nicht Mulder hier fand. Es war Charlie. Schlafend. Oh Gott, war Mulder tot? War sie diejenige, die zu spät kam?
Nein, sie spürte ihn. In sich, physisch und emotional. Er war in der Nähe. Sie brauchte ihn hier, dass er sie berührte, mit ihr redende, sie wissen ließ, ob das hier real war. Ob sie real war, am Leben.
‚Mulder, ich spüre dich. Wo bist du?’
Sie versuchte, laut zu sprechen, aber sie konnte nicht. Es brauchte all ihre Energie, die Worte auch nur zu denken. Sie spürte etwas in ihrem Rücken, wie ein Seil, das sie leicht zerrend dorthin zurückzog, woher sie gekommen war.
Scully versuchte, ihren Bruder aufzuwecken. Sie schrie ihn im Geist an, aufzuwachen, ihr zuzuhören, ihr zu zeigen, wo Mulder war. Dann hörte sie ihn. Mulder.
"Jesus... Jesus, Scully."
Es war so klar und laut in ihrem Kopf. Sie sah auf und Charlie war erwacht. Er sah sie ernsthaft verwirrt an, seine eisblauen Augen waren ungläubig aufgerissen.
Dann sah sie Mulder, der nach ihr griff und ihren Namen rief. Sie war von einer tiefen Angst überwältigt, dass er sie berühren würde, obwohl sie es so sehr wollte. Wieder spürte sie dieses Seil, das sie nun beharrlich zurückzog. Zurück zu ihren Qualen, zurück zu Jane...
Mulder war in Tränen aufgelöst, näherte sich ihr und Charlie begann, aufzustehen. Ihre Zeit wurde immer knapper. Sie musste es ihnen sagen. Ihnen sagen, wo sie sie finden konnten.
‚Ich bin so nahe bei dir, Mulder.’
‚Bei Jane, Charlie. Bei Jane. Sag es Mulder. Ich habe keine Zeit.’
Keiner von ihnen hörte sie. Das Seil zog sie zurück. Sie würde nicht fähig sein, sich länger dagegen zu wehren. Mulder kam näher.
Ein Gedanke ging ihr durch den Kopf. Ein Durcheinander relevanter Informationen, sie wusste nur noch nicht, was es war. Charlie schien sie zu hören, sie zu verstehen, auch wenn sie es nicht tat. Sie betete, dass es so war. Sie wollte so sehr einfach nur hier bleiben, bei den beiden Menschen sein, die ihr am meisten auf der Welt bedeuteten, aber sie konnte nicht. Sie verlor ihr Sehvermögen, ihre Atmung.
Mulder streckte seine Hand nach ihr aus.
‚Ich liebe dich, Mulder. Ich brauche dich.’
Sie versuchte, zu ihm zu sprechen, aber er war bereits gegangen.
Ende Kapitel 9/11
Desideratum 1 : Verloren
Von Rachel Anton und Laura Blaurosen
Kapitel 10/11
Charlie wurde aus einem Traum gerissen, der davon handelte, von Außerirdischen entführt zu werden. Aus irgendeinem Grund, hatte Rena das Licht eingeschaltet. Er rollte rüber und versuchte, um herauszufinden was nicht stimmte, nach ihr zu greifen. Seine Arme ertasteten jedoch nur einen leeren Platz und ihm wurde klar, sie war nicht da. Und er war nicht zu Hause.
Seine Augen öffneten sich langsam, stellten sich auf die abrupte Helligkeit ein. Das erste, das er sah, war Mulder, der mitten im Wohnzimmer stand, seine Hand schwebte in der Nähe der Lampe. Er war völlig ruhig und starrte ausdruckslos vor sich hin. Sein Mund öffnete und schloss sich, ohne einen Laut. Er sah aus, als ob er unter irgendeiner Art von Schock stehen würde.
Charlie folgte seinem Blick. Das Fenster. Der Schreibtisch. Jemand...Gott, das war Dana. Das war Dana. Sie stand einfach da. Nein, sie stand nicht einfach da. Sie bewegte ihren Mund, so als ob sie sprechen würde, doch es kam kein Ton heraus.
Charlie blinzelte und rieb sich die Augen. Irgendeine Halluzination. Oder ein Traum. Das ist es, das musste es sein. Es machte einfach keinen Sinn. Aber als er wieder hinsah, stand seine Schwester noch dort, sie trug etwas, das wie eine schlecht sitzende Schuluniform aussah.
Er sah wieder zu Mulder hinüber. Der sah genauso verwirrt aus, wie Charlie sich fühlte. Und dann, ganz plötzlich, veränderte sich sein verwirrtes Stirnrunzeln zu einem beginnenden Lächeln. Bald war es ein Grinsen. Er war glücklich. Es war nicht wichtig für ihn, dass das ganze Szenario nicht real sein konnte. Sie war da und das war alles, was zählte.
"Scully..." Seine Stimme war ein Flüstern, kratzte an den Silben ihres Namens. Urplötzlich wurden Danas Worte klar. Charlie konnte sie laut und deutlich verstehen. Sie rezitierte eine Liste aus Zahlen. Er sah sich krampfhaft nach einem Stift und Papier um und begann, sobald er es gefunden hatte, alles was sie sagte aufzuschreiben.
Mulder wankte inzwischen mit einer fast unheimlichen Langsamkeit auf sie zu. Es sah so aus, als ob er durch Melasse gehen würde. Er erreichte sie schließlich und streckte, in der Absicht ihre Wange zu streicheln, seine Hand aus. Als seine Finger einen oder zwei Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt waren, schien es, als ob etwas in ihm zerbrechen würde. Er stürzte auf sie zu und schlang seine Arme um sie, versuchte sie an sich zu pressen. Aber sobald seine Haut die ihre berührte, war sie verschwunden. Einfach weg. So wie in den Wiederholungen von alten 'Verliebt in eine Hexe' Folgen. Zucke mit der Nase und verschwinde.
"Scully?" Er streckte völlig außer sich seine Hände aus, versuchte sie wieder zu finden. Aber sie war verschwunden. Er sank auf die Knie, auf den Boden hinunter und schrie auf. Es war ein schrecklicher, wortloser Schrei. Und dann, "Scully! Scuuuulllllyyyyyy "!
Charlie ging leise zu ihn hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Mulder, sie ist gegangen. Ich hab nicht, ...ich weiß nicht, was es war, aber..." Mulders Körper schüttelte sich unter der Wucht seiner Schluchzer.
"Sie war da...sie war...da." Er streckte seine Hände wieder zu der Stelle aus, auf der sie zuvor gestanden hatte und ballte sie dann zu Fäusten. "Wo ist sie? Wo ist sie? WO?!"
"Ich weiß es nicht, doch sie hat etwas gesagt, ich denke, es könnte wichtig sein. Ich...." Als er bemerkte, dass Mulder ihn nicht zuhörte, brach Charlie ab. Er hockte sich vor Mulder hin und fasste ihn an den Schultern. "Mulder, hör auf! Sie ist gegangen. Hör einfach auf und hör mir zu." Mulder begegnete seinen Augen und Charlie erschrak fast bei dem, was er dort sah. Doch er hatte seine Aufmerksamkeit. Er drückte das Papier, das er Mulder hinhielt. "Das ist das, was sie sagte. Ich hab es aufgeschrieben. Ich weiß nicht, was es bedeutet, es sind einfach ein Haufen Zahlen. Aber es ist etwas. Es muss irgendetwas bedeuten."
Mulder schüttelte den Kopf. "Was war das, Charlie? Ich verstehe das nicht. Was, wenn....was wenn es...." Er sank noch weiter zu Boden und weinte weiter. Ein Geist. Das musste es sein, was er dachte und Charlie war selbst ein wenig über diese Möglichkeit besorgt. Eigenartigerweise war es die glaubwürdigste Erklärung. Doch es erschien irgendwie nicht richtig. Wenn Dana tot wäre, würde er es wissen. Gott wusste, dass Mulder das auch wissen würde. Sie war nicht tot. Sie war es einfach nicht. Es war etwas anderes. Und Charlie würde schon herausfinden, was es war.
xxxxxx Dienstag 16:45
Sie denkt, dass ich verrückt bin. Geisteskrank. Die kleine Miss Käfer-Halluzination denkt ich bin verrückt? Ich bin NICHT verrückt. Nur weil ich einige Zeit in diesem Krankenhaus verbracht habe, heißt das noch gar nichts. Ich war nicht halb so verrückt, wie der Typ, der mit seinem Ellbogen so geredet hatte, als ob er sein Hund wäre. Ich gehörte nicht zu diesen Wahnsinnigen.
"Oh, sie ist *großartig*, sie ist *wundervoll*," sagte er. Nun, verdammt noch mal, ich bin genauso großartig und wundervoll. Ich war in Yale. Jedenfalls eine kleine Weile. Du kommst nicht in so eine Schule, wenn du dumm bist. Oder verrückt. Wenigstens wäre ich dazu bereit, mit ihm ins Bett zu gehen, ihm das zu geben, was er will, was er braucht. Special Agent Dana Scully ist ja Miss Zölibat, nicht wahr? Möglicherweise muss sie ja zuerst verheiratet sein, bevor sie es tut. Ich meine, ach komm schon, sie ist doch die Wahnsinnige, da sie Mulder in dieser Nacht zurückgestoßen hatte.
Jedenfalls, ist sie nicht alles, was Mulder braucht. Mulder braucht eine sexy Verführerin. Eine tröstende Mutter. Eine Frau, die all das ist, dass er will. Eine Frau, die alles für ihn tun würde. Ich bin diese Frau. Sie nicht, sie hat doch keine Ahnung, wie man Mulder behandeln muss. Ich schon. Ich weiß es.
Jane drückte, als sie durch ihre Kamera spähte, die Wahlwiederholung. Sie konnte ihn nicht sehen und der Anrufbeantworter hob nach dem zweiten Klingeln ab. Sie gab Mulders Code ein um die Nachrichten abzuhören. Es waren zwei.
"Guten Tag, Mister Mulder, hier spricht die First City National Visa, wir möchten Sie darüber informieren, dass Sie ihre Rechnung noch nicht bezahlt haben und Sie nun Mahnspesen zu entrichten haben. Wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihre Zahlung in der Höhe von $340 zu leisten, rufen Sie uns unter der gebührenfreien Nummer auf Ihrer Rechnung an, so dass wir dann eine Vereinbarung erzielen können."
Er begann schon, seine Zahlungen zu vergessen? Er war wirklich abgelenkt. Diese Nachrichten waren auch schon zwei Tage alt. Hat sie sich niemals angehört. Sie musste seine Aufmerksamkeit wiedererlangen. Sie von Scully ablenken.
"Ja, Mulder, hier spricht Charlie. Hör zu, ich bin aus einer Laune heraus zu dem Hauswirt dieser Frau, in Janes Wohnhaus, gegangen, um mit ihm zu sprechen. Irgendetwas scheint mir mit ihr nicht zu stimmen, ich denke, sie ist etwas merkwürdig. Jedenfalls dachte ich, dass ich rübergehe, um mit den Leuten in diesem Wohnhaus zu reden und ich hab da etwas sehr interessantes darüber herausgefunden, wie diese Frau ihr Apartment bekommen hat. Scheinbar gibt es eine Warteliste, um in diesem Haus eine Wohnung zu bekommen und Jane war die letzte auf dieser Liste. Der Typ hat mir erzählt, dass sie zwei Riesen hingeblättert hat, um ihn zu bestechen und dann noch die Miete für sechs Monate bezahlt hat. Das ist ein wenig merkwürdig, oder? Ich weiß nicht, vielleicht ist es auch gar nichts, doch ich dachte, dass es sich jedenfalls lohnt, das zu überprüfen. Ich versuch, dich auf deinem Handy zu erreichen."
Janes Herz raste, als sie die Knöpfe drückte, die diese Nachrichten löschen würden. Verdammt, verdammt. War ihre gesamte Familie ein einziges Ärgernis? Sie kannte den Hauswirt, der wird ihm nichts erzählen können, er wusste nichts über sie und war ein so seniler, alter Mann, der sich doch kaum an den Namen seiner eigenen Frau erinnern konnte. Doch etwas musste geschehen, um Mulders Aufmerksamkeit umzuleiten. Auf sie. Und das schnell.
Nach wenigen Augenblicken hatte Jane einen Plan ausgeheckt. Sie wählte seine Nummer und hinterließ eine verzweifelte, mitleiderregende Mitteilung.
"Mulder, ich bin’s, Mulder, ich weiß, dass du damit beschäftigt bist, nach Scully zu suchen, aber, ich glaube... ich glaube, dass sie wiederkommen. Ich fühle es einfach. Es wird bald passieren. Oh, Mulder." Sie schluchzte einige Male leise. "Ich möchte nicht gehen. Ich möchte nicht noch mal gehen und du bist der Einzige, der mir helfen kann, Mulder. Bitte ruf mich an, wenn du das hörst. *Bitte*."
Sie sah nach der Prinzessin. Sie schlief. Oder war ohnmächtig, eins von beiden, offen gesagt hätte es sie an diesem Punkt nicht weniger kümmern können. Sie musste über ihre nächsten Schritte entscheiden. Sie würde über etwas nachdenken müssen.
xxxxxx
Mittwoch, 19:45
"Könnte irgendeine Logarithmische Formel sein."
"Oder eine verschlüsselte Matrix."
Mulder zuckte mit den Achseln und sah Charlie mit den Augen rollend an, als sich seine Freunde über die scheinbar zufällige Zahlenreihe, die auf ein Blatt Papier gekritzelt war, den Kopf zerbrachen. Die beiden hatten, seitdem ihnen Scullys Bild erschienen war, virtuelle Löcher in das Papier gestarrt. Sie hatten es zu einem Codeknacker und einem Numerologen gebracht. Schließlich hatte Mulder sich dazu entschlossen, es zu den Einsamen Schützen zu bringen. Nun diskutierten Langly und Frohike, während sie die Nummern in den Computer eingaben, weit hergeholte Möglichkeiten über deren Bedeutung und Byers saß neben Charlie auf der Couch. Mulder lief hin und her.
Trotz der grässlichen Natur dieser Situation amüsierte sich Charlie über Mulders dusselige Freunde. Die waren gewiss eine merkwürdige Truppe, doch sie schienen sich um Danas und Mulders Wohlergehen zu sorgen.
Als Mulder außer Hörweite stelzte, beugte sich Byers zu ihm hinüber und sprach ihn leise an. "Wie geht’s ihm?" Charlie schüttelte seinen Kopf. Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er hatte noch nie mit jemandem umgehen müssen, der so durcheinander war.
"Schlecht, hmm?" Er nickte nachdrücklich. Schlecht war eine Art, das zu beschreiben. "Ich hab eines begriffen. Sie bedeutet ihm mehr, als sein ganzes Leben, wissen Sie."
Charlie nickte. "Es ist unmöglich, länger als fünf Minuten um ihn zu sein, ohne das zu wissen."
"Was zum Teufel macht ihr Typen da?!" Byers und Charlie zuckten beim Wirbel den Mulder, als er Frohike und Langley anbrüllte, machte zusammen. Sie waren schon fast zwei Stunden dort gewesen und Mulder begann offensichtlich, bereits seine Geduld zu verlieren. Charlie hatte das während ihrer Suche über ihn herausgefunden. Wenn sich die Dinge nicht schnell herauskristallisierten, wurde er gereizt und besorgt und begann dann damit, laute Forderungen an den zu stellen, der ihn, wer auch immer es war, gerade unterstützte. Außer bei Charlie selbst. Ihm gegenüber war er aus irgendeinem seltsamen Grund nie ungeduldig gewesen. Und Charlie hatte diese Geste erwidert.
Er fragte sich, ob Mulder immer so war, wenn er an einer Ermittlung arbeitete. Er bezweifelte es jedoch. Dana hätte sich damit nicht abgefunden. Und er glaubte, dass Mulders rasendes Tempo mehr mit der Natur dieser besonderen Ermittlung, als mit irgendetwas anderen zu tun hatte.
Charlie schielte zu den beiden Freaks an dem Computer rüber. Sie sahen aus, als ob sie durch Mulders Ausbruch erschrocken und ein wenig verängstigt worden wären. Mulder schien das nicht zu bemerken. Er schnauzte weiter herum.
"Das sind Zahlen. Verdammte Zahlen. Was zu Teufel macht ihr damit? Was haben diese verdammten Logarithmen mit Scully zu tun? Ihr vergeudet nur Zeit."
Charlie stand auf und näherte sich Mulder. Er fühlte mit diese Typen mit. Um Gottes Willen, sie sahen aus, als ob sie im Begriff wären, zu weinen.
"Mulder?"
"Was? WAS?!"
"Sie versuchen doch nur, zu helfen. Warum ruhst du dich nicht ein wenig aus." Keiner von ihnen hatte viel geschlafen, doch er wusste, dass Mulder es seit Tagen nicht einmal versucht hatte. Er stand am Rande des totalen Zusammenbruches.
Mulder warf ihn einen bösen Blick zu, doch er schien dem auch zuzustimmen. Er warf seine Hände in die Höhe und stürmte hinaus in einen anderen Raum im endlosen Labyrinth der Garage der Einsamen Schützen.
Als er außer Sichtweite war, drehte sich Frohike zu Charlie um und schnitt eine Grimasse. "Er ist völlig durcheinander."
"Ich hab ihn noch nie so gesehen. Nicht einmal, als sie krank war..." fügte Langly hinzu und schüttelte den Kopf.
"Was ist mit seinem Arm passiert?" fragte Frohike.
"Ähm ...ich bin mir nicht wirklich sicher." Charlie war sich immer noch nicht sicher, ob er sich das selbst angetan hatte und sogar wenn er das getan hatte, so war er sich sicher, dass das nichts war, worauf er besonders stolz war. "Ich hab ihn dazu überredet, ins Krankenhaus zu gehen, um einen Blick drauf werfen zu lassen. Doch es blutet weiterhin durch den Verband."
"Wow!" rief Byers aus. "Sie konnten ihn dazu bringen, ins Krankenhaus zu gehen? Wenn Scully vermisst wird? Ich bin beeindruckt. Sie müssen sehr überzeugend sein." Charlie zuckte mit den Schultern, war noch immer unsicher darüber, warum Mulder auf ihn und niemand anderen zu hören schien. Er drehte sich zum Computer zurück und warf einen kurzen Blick auf die ausführlichen Formeln und Tabellen auf dem Bildschirm. Er sah wieder auf das Papier hinunter und etwas kam ihn in den Sinn. Etwas so offensichtlich, dass es lächerlich war. So offensichtlich, dass er Tage gebraucht hatte, um daran zu denken.
"Ähm, Jungs, denkt ihr nicht, dass das vielleicht eine Telefonnummer sein könnte?" Die ersten drei Zahlen der wiederholten Zahlenfolge, waren die Vorwahl vieler Telefonnummern im DC-Gebiet. Nach den drei Nummern waren noch fünfzehn weitere, doch vielleicht waren die nächsten vier mit ihnen verbunden.
Die drei Männer drehten sich um und starrten ihn einen Moment lang ausdruckslos an. Dann suchte Langly ein Telefonbuch heraus. Alle drei rannten zu einem der verschiedenen Computertische und begannen damit, angestrengt Befehle einzugeben. "Wir können in weniger als zwei Minuten eine Suche starten," verkündete Langly.
xxxxxx
"Au!" Nachdem er in einem abgelegenen Zimmer, das er gefunden hatte, in der Dunkelheit gegen das Sofa getreten hatte, blickte Mulder finster drein. "Scheiße." Er setzte sich, um das Gewicht von seinem nun schmerzenden Fuß zu nehmen, hin. Er musste nachdenken. Musste sich konzentrieren. Und musste sich zusammenreißen. Er hatte gegen etwas getreten, da er hoffte, dass es ihn aufwecken würde.
Doch nun musste er sich hinsetzen und das verschlimmerte die Situation sogar noch. Alles war so verschwommen. Ihm war übler als je zuvor und Gegenstände, die sich nicht bewegen sollten, wie die Wände, begannen sich auf ihn zuzubewegen. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, welcher Tag war, wieviel Zeit vergangen war, seitdem er sie zuletzt gesehen hatte.
Mulder begrub sein Gesicht in seinen Händen und stieß ein frustriertes Stöhnen aus. So war er für sie nutzlos. Er konnte seine Augen auf nichts mehr fokussieren, geschweige denn klar denken. Seine Augenlider fielen, trotz seiner Bemühungen um das Gegenteil, zu und er sank noch tiefer in die Kissen. Er glitt weg. Ging unter, trieb ab, ertrank....
Als er wieder auftauchte, fand er sich in einem dunklen Korridor wieder. Er ging an mehreren Türen vorbei und wusste, dass eine von ihnen jene war, die er öffnen musste. Sie waren alle mit Zahlen versehen. Die Zahlen. Er suchte nach den vertrauten, nach denen, die er vom Papier auswendig gelernt hatte. 307. Das waren drei von ihnen. Er erkannte sie und drehte den Knauf der Tür.
Einen Moment lang stand er im Korridor und blickte prüfend auf das, was hinter ihm lag. Pflanzen und Bäume und Blumen und ein seltsames zischendes Geräusch, das von der Sprinkleranlage kommen könnte. Sie war hier irgendwo. Er konnte sie spüren.
Aber er konnte sie nicht sehen. Er ging zu dem seltsamen Ort und schloss die Tür hinter sich. Sobald sie geschlossen war, verschwand sie in einem Meer aus Grünzeug. Für einen Moment lang hatte er Angst. Sein einziger Ausweg war verschwunden. Doch es war wichtiger, Scully zu finden. Er musste Scully finden.
Er kämpfte sich einen Weg durch die Pflanzen. Die Pflanzen waren, als er ging, für eine Weile alles, was er sehen konnte. Sie umgaben ihn und erstickten ihn. Er musste seine Hand ausstrecken, um sie zur Seite zu schieben und an ihnen vorbei zu gelangen. Sie schlugen ihm ins Gesicht und zerschnitten ihm die Haut. Er wurde an eine Zeit, einen Ort, eintausend Meilen und eintausend Jahre weit weg, erinnert. Ein Maisfeld. Auf der Suche nach Scully, das verzweifelte Rufen nach ihr, weil er nichts sehen konnte, nichts außer Pflanzen sehen konnte. Immer auf der Suche nach Scully.
Er öffnete seinen Mund, um nach ihr zu rufen, doch es kam kein Laut heraus. Und Blätter füllten seine Kehle.
Schließlich erreichte er eine Lichtung. Die Pflanzen wichen zurück und er stand vor einer Statue. Der Löwe. Der gleiche Löwe. Der aus dem anderen Traum von ihr. Der Löwenspringbrunnen, der Scullys Gesicht genommen hatte.
"Scully!" rief er und diesmal funktionierte seine Stimme. Doch sie antwortete nicht. Sie war nicht da. Oder sie konnte ihn nicht hören.
Ein paar der Bäume schaukelten und er bemerkte hinter ihnen ein Glaspaneel. Er lief drauf zu und zog es zurück, damit er sehen konnte. Durch das Glaspaneel sah er in ein Schlafzimmer. Ein Bett. Ein...er versuchte die anderen Details des Zimmers zu erkennen. Er wusste, dass es wichtig war. Doch er konnte sich auf nichts, außer der Tatsache, dass Scully auf diesem Bett lag, konzentrieren.
Er drückte sein Gesicht gegen das Glas, versuchte eine bessere Sicht zu erlangen. Sie lag bewegungslos da, ihre Augen waren vor Angst geweitet. Ihre Arme waren über ihr gefesselt und sie trug den gleichen Pyjama, den sie an jenem Freitag, als er sie verletzte, getragen hatte.
Mulder hämmerte mit seiner Faust gegen das Glas, rief nach ihr, doch sie bewegte sich immer noch nicht. Sie war völlig erstarrt. Er sah sich nach etwas um, mit dem er das Glas zerschlagen könnte, doch da war nichts. Er versuchte, es mit seiner unverletzten Hand zu zerbrechen, doch es gelang ihm nur, sein Handgelenk zu brechen.
"Scully, kannst du mich nicht hören? Ich bin genau hier!" Gott, ihre Augen. Sie waren noch geöffnet und starrten bewegungslos auf die Decke. Und da waren Schnitte auf ihrem Gesicht. Sie war so dünn. So blass.
"Scuuullleeee! Gott..." Ein Stein. Da war ein Stein. Er hob ihn hoch und fand, dass er überraschend schwer war. Er zielte und schleuderte ihn durch das Glas. Es zerbrach. Gott sei dank, es zerbrach.
Mulder bewegte sich darauf zu, sprang jedoch zurück, als er sah was durch das zerbrochene Glas zu sickern begann. Blut. Überall lief Blut, floß aus dem Zimmer, in dem sie gewesen war, bedeckte alles, bedeckte ihn. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Er starb. Sie war tot....
Mit einem Schrei auf den Lippen wachte er auf.
Die Bilder waren da, es war lebhaft, es war real. Die Zahl. 307. Der Garten. Die Glaswand. Er hatte das alles gesehen. Er hatte es vor kurzem gesehen. Es war hier. Es war gleich hier auf der anderen Straßenseite.
xxxxxx
"Daddy? Daddy, ich bin’s, Janie," Jane sprach in ihr Handy und saß am Parkplatz der Bank. "Daddy, ich habe gerade versucht, etwas Geld von meinem Konto abzuheben und ich hab von beiden Konten nur eine ungültige Kontonummermeldung bekommen."
Jane sah nervös auf die Uhr auf ihrem Armaturenbrett. Sie musste bald wieder zu ihren Apartment zurück. Nicht auszudenken, wenn Mulder ihre Nachricht bekommen und zu ihrer Rettung eilen würde. Sie wollte nicht, dass er äußerste Maßnahmen ergreift, indem er den Hauswirt holte, um ihre Tür aufzuschließen. Oder die Tür aufbrach. Als sie sich vorstellte, wie Mulder ihren Namen rief und, verzweifelt um ihre Rettung bemüht, ihre Tür zertrümmerte, fühlte sie, wie eine warme Welle sie durchlief. Scully war in dem Zimmer eingesperrt und sie hatte die Jalousien zum Garten geschlossen, weswegen er es nicht sehen würde. Aber, wenn er beunruhigt genug war, würde er möglicherweise glauben, dass sie in diesem Zimmer wäre. Ihr Herz hämmerte ein wenig. Komm schon, Daddy.
"Aber Daddy, ich brauche das Geld," flehte sie in einen Ton, der eher zu einer Vierzehnjährigen passte. "Meine Miete ist morgen fällig. Warum hast du die Konten geschlossen?"
Er war nicht glücklich über sie. Er schrie sie wieder und wieder an, dass sie nie wieder Geld von ihm bekommen würde. Jane fühlte, wie sich ein Klos in ihren Hals bildete. Er enterbte sein wieder.
"Aber Daddy, ich werde umsichtiger sein, ich verspreche es. Ich *versprech’s*, Daddy. Daddy, du musst mir noch eine Chance geben. Das musst du." Dann sagte er, dass dies das letzte Mal war, dass dies passierte, dass es hier keine Chancen mehr geben würde. Sie erschrak, er meinte es diesmal wirklich ernst.
"Daddy, warum kommst du heute heut Abend nicht rüber? Komm doch rüber und ich werde dir ein Abendessen machen und du kannst dir meinen Garten ansehen. Er sieht so schön aus. Deswegen hab ich auch soviel ausgegeben. Doch nun muss ich das nicht mehr, wirklich, ich muss nicht mehr."
"Dein gottverdammter Garten interessiert mich einen feuchten Dreck. Dafür hast du also das ganze Geld und deine Zeit verschwendet? Du bist ein mitleiderregender Verlierer, Jane Elizabeth. Du bist zu nichts zu gebrauchen und ich verschwende nicht noch mehr von meiner Zeit und meinem Geld an dich."
Jane versuchte, nicht laut zu weinen. Er hasste das. Sie sagte nichts.
"Ich will nichts mehr von dir hören," war alles, was er sagte und die Verbindung wurde beendet.
Sie saß in ihrem Auto und weinte. Sehr. Er meinte es ernst. Sie stand wieder vor dem nichts. Kein Geld. Keine Familie.
Nachdem sie eine Weile geweint hatte, rief sie bei sich an. Keiner antwortete und es waren keine Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter. Verdammt. Er sah bisher noch nicht nach ihr. Sie rief bei Mulder an und auch dort antwortete niemand und da waren auch keine Nachrichten.
Schlampe. Verdammte Schlampe. Das ist ihre verdammte Schuld.
Jane fühlte, wie die Wut in ihr wie ein wildes Feuer aufloderte. Bald hyperventilierte sie und sie dachte an nichts anderes, als daran, wie sehr sie Dana Scully hasste. Sie legte den Rückwärtsgang ein und manövrierte den Wagen aus dem Parkplatz, ihre Reifen quietschten, als sie um die Ecke fuhr.
Mulder wird mein sein, verdammt. Er wird mein sein, und ich werde glücklich sein
und sie wird verschwunden sein.
Auf ewig verschwunden.
Und nur so kann es sein.
Und in diesem Moment entschloss sich Jane, dass sie zurück nach Hause gehen würde, um Scully zu töten. Es war der einzige Weg.
Ende Teil 10
Desideratum I: Verloren
Teil 11/11
Das Programm brauchte ewig, um die Nummern aufzulisten und als es sie anzeigte, stellte sich heraus, dass die Nummer mit keiner von diesen einen Sinn ergab. Eine der Kombinationen war eine Faxnummer, eine andere war eine abgeklemmte Pagernummer. Wieder eine andere war eine abgemeldete Handynummer.
Es wäre auch zu einfach gewesen, wenn es eine so leicht zu entschlüsselnde Nummer gewesen wäre. Es machte Charlie krank, er wurde müde und nichts funktionierte, verdammt noch mal. Gerade als er soweit war, den Jungs zu sagen, sie sollten Mulder wecken, damit sie hier verschwinden konnten, hörte er einen Schrei. Mulder war bereits aufgewacht. Er stand auf und versuchte, sich zu entscheiden, ob er hingehen und versuchen sollte, mit ihm zu reden oder nicht, während die Gunmen sich gegenseitig bestürzt ansahen.
"Ich glaube, wir sollten vielleicht..." Charlie wurde durch Mulders wildes Hereinstürzen unterbrochen.
"Mulder, hey, äh, wir kommen irgendwie mit der Num..." meinte Byers etwas vorsichtig.
"Wir müssen gehen." Mulder schnappte sich seinem Mantel und begann, in Richtung Tür zu eilen.
"Wohin..."
"Bei Jane. Sie ist bei Jane. Sie ist bei dieser verdammten Jane! Wir müssen, verdammt noch mal, gehen!"
Charlie blinzelte einen Moment lang verwirrt. Dann begriff er, dass er jetzt los musste oder Mulder würde ohne ihn gehen. Er war bereits halb zur Tür hinaus.
Mulder scheuchte ihn zum Auto und ließ die Einsamen Schützen, die ihnen alarmiert hinterher starrten, zurück. Sobald Charlies Tür geschlossen war, startete Mulder durch und brachte den Wagen, in ungefähr fünfzehn Sekunden von null auf sechzig Meilen .
Charlie hielt sich nervös am Armaturenbrett fest. Er wollte Mulder fragen, was ihn denn so sicher machte, dass Dana bei Jane war. Er war dieser Frau gegenüber von dem Moment an, als er sie traf, misstrauisch gewesen, aber dennoch schien Mulder, soweit Charlie das einschätzen konnte, keinen sichtbaren Beweis dafür zu haben.
Außerdem wollte er Mulder fragen, was genau sie tun wollten, wenn sie bei Jane eintrafen. Sie hatten keinen Durchsuchungsbefehl und sie würde sie wahrscheinlich nicht ihr Apartment durchwühlen lassen. Wenn sie überhaupt zu Hause war.
Er wollte ihn eine Menge Dinge fragen. Aber er fürchtete sich tatsächlich davor.
Mulder war ein besessener Mann. Er schlängelte sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den Verkehr, rote Ampeln und Stoppschilder einfach ignorierend. Dabei umklammerte er das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Seine Augen waren wild und er war, während er fuhr, vollkommen still, was nicht üblich war. Charlie hatte angefangen, sich an sein Gemurmel und sein Fluchen zu gewöhnen, besonders wenn er in Eile war. Aber nun schien er sich zu sehr darauf zu konzentriert, zu Jane zu kommen, als zu sprechen.
Aber als Mulder das Lenkrad herumriss und auf den Mittelstreifen des Highways fuhr, spürte Charlie doch das Bedürfnis, etwas zu sagen. Irgend etwas. Er begann, um sein eigenes Leben zu fürchten.
"Ähm... Mulder?"
"Ich hatte einen Traum." Er sagte es so, als wäre es tatsächlich eine Erklärung und schwieg wieder.
"Oh... okay..."
"Den gleichen Traum. Mit dem Löwen und den Pflanzen. Und in diesem waren Zahlen. 307. Es war Janes Apartment. Sie war dort. Ich habe sie gesehen."
Charlie atmete tief ein und versuchte, sich zu sammeln. Er begann sich zu fragen, ob Mulder nicht vollkommen die Kontrolle verloren hatte.
"Mulder... ich weiß nicht, ob..."
"Sie war tot. Sie war verdammt noch mal tot, Charlie." Sie hatten den schlimmsten Verkehr hinter sich und Mulder brachte sie wieder auf die Straße zurück. Reifen quietschten, Hupen tönten und Charlie roch verbrannten Gummi.
"Im Traum?" Er versuchte angestrengt, dem ganzen zu folgen. Dabei hatte er das seltsame Gefühl, dass er es womöglich irgendwann vor einem Psychiater wiederzugeben hatte.
"Ja, im Traum!" Mulder schüttelte den Kopf. Er regte sich zunehmend über die Unterhaltung auf. "Begreifst du das nicht? Wir müssen dorthin. Gott... wir müssen dorthin, bevor es zu spät ist."
xxxxxx
Nur noch sechs Blocks. Sie beschloss, dass sie dieses Miststück ersticken und die Leiche dann irgendwo weit entfernt wegwerfen würde. Sie würden die Leiche niemals zu ihr zurückverfolgen können. Das würde unmöglich sein. Es würde vollkommen Sinn machen, wenn ihre Leiche auf irgendeinem Feld oder so auftauchen würde, nachdem sie solange vermisst wurde. Gerade wegen dem brillanten Brief, den sie geschrieben hatte. Vielleicht wäre es eine gute Idee, sich irgendwo auf Daddys Besitzungen zu verstecken...
Jane fuhr in eine Parklücke auf der Straße und stürzte in das Gebäude. Sie fühlte sich aufgeheitert. Mulder wird es so schlecht gehen und ich werde für ihn da sein.
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"Jane, ich bin es, Mulder. Bist du da?" Mulder und Charlie sahen sich auf dem Flur vor dem Apartment 307 um. Mulder hatte eine Zeitlang geklopft. Es war offensichtlich, dass sie nicht zu Hause war. Er probierte die Türklinke, aber es war natürlich abgeschlossen.
Mulder trat ein paar Schritte zurück und drehte sich zur Seite. Charlie erkannte plötzlich, was er vorhatte und hob die Hand hoch. "Warte, nur keinen Ärger." Er nahm eine Kreditkarte aus seiner Brieftasche und schob sie in das Schloss. Nachdem er ein paar Mal gewackelt hatte, war die Tür offen.
Mulder zog eine Augenbraue hoch und Charlie zuckte mit den Schultern. "Nur etwas, das ich über die Jahre aufgeschnappt habe."
Sie gingen in das Foyer von Janes Apartment, ein Ort, an dem Mulder bei vielen Gelegenheiten gewesen war. Seit Scullys Verschwinden war er nur einmal hier gewesen. Er erinnerte sich an ein eigenartiges Gefühl, ein seltsames Unbehagen, das er dabei hatte. Es war nichts im Vergleich zu den Empfindungen, die ihn diesmal überfielen. Beim letzten Mal war er zu verwirrt, zu sehr auf andere Möglichkeiten konzentriert gewesen. Seine Instinkte waren von seinen überwältigenden Gefühlen begraben worden.
Diesmal spürte er sie. Er spürte sie so lebhaft, dass er sich beinahe darunter krümmte. Sie hatte Schmerzen. Oh Gott, sie hatte heftige Schmerzen. Aber sie war am Leben. Am Leben. Am Leben. Und nahe. So nahe.
Er war sich dessen bewusst, dass Charlie auf ihn einredete, während er in den hinteren Bereich ging und jeden Raum des Apartments untersuchte. Er erzählte etwas über Einbruch und Eindringen und Durchsuchungsbefehle und Unterstützung. Nichts davon ergab irgendeinen Sinn für ihn, also reagierte er überhaupt nicht und fuhr mit seiner Suche fort.
Die meisten Türen waren unverschlossen. Als er auf eine stieß, die verschlossen war, wusste er, dass er sie gefunden hatte. Er hämmerte seine Faust gegen das Holz.
"Scully?" Überhaupt keine Reaktion. Sie konnte nicht einmal nach ihm rufen. Sie musste so schwach sein. "Scully, bist du da drin? Ich komme, Scully. Ich komme, um dich nach Hause zu bringen." Er erinnerte sich an den Traum, daran, wie das Glas nicht zerbrechen wollte. Daran, dass er zu spät gekommen war. Er betete.
Bitte, lieber Gott. Bitte lass mich nicht zu spät kommen.
Charlie probierte seinen Kreditkartentrick, aber das Schloss dieser speziellen Tür war zu gut gearbeitet. Er drehte sich zu Mulder um und schüttelte frustriert den Kopf. "Das wird nichts."
*Mulder, ich kann dich hören. Hilf mir, Mulder. Ich sterbe.*
Ihre Stimme war klarer in ihrem Kopf, als sie es jemals gewesen war.
"Scully, wenn du in der Nähe der Tür bist, möchte ich, dass du weggehst, wenn du kannst. Wir werden dich da rausholen, das verspreche ich." Er nickte Charlie zu und die beiden Männer nutzten die Kraft ihres Gewichts, um die Tür aufzubrechen.
Sie war da. Gott, sie war da. Alle Luft wich aus seinen Lungen und bei ihrem Anblick hatte er das Gefühl, als hätte er einen Schlag in den Magen bekommen. Er konnte nicht atmen und nicht denken. Einen Moment fürchtete er, dass er durch sein Entsetzen so paralysiert und durch ihren Zustand so schockiert sein würde, dass er überhaupt nicht fähig sein würde, ihr irgendwie zu helfen.
Dann sah er ihre Augen. Er sah sie sich öffnen und aufleuchten, als sie ihn entdeckten. Er sah sie sich mit Tränen der Freude und Erleichterung füllen und hörte sie ein winziges, verzweifeltes, wimmerndes Geräusch machen und er war zerstört.
"Scully... oh, Scully." Sie war an Händen und Füßen ans Bett gefesselt. Und sie trug immer noch den Pyjama, den sie in besagter Nacht getragen hatte, den er in seinen Alpträumen sah. Wunderschönes schimmerndes Gold, das das Rot ihrer Haare unterstrich und es sogar noch kraftvoller und üppiger erscheinen ließ. Gold, das wie Lumpen an ihre Haut hing. Ihr Körper. Gott, sie war so mager.
Er ging auf sie zu und begann, ihre Fesseln zu lösen. Und er bemerkte, dass ihr Arm verdreht und verletzt war. Er hing in den Fesseln und war wahrscheinlich an mindestens zwei Stellen gebrochen.
Mulder drehte sich zu Charlie um, der immer noch schweigend an der Tür stand.
"Ruf einen Krankenwagen. Sofort."
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"Mulder." Charlie steckte seinen Kopf in das Schlafzimmer hinein. Er hatte einen Krankenwagen gerufen und das FBI und die Polizei zwecks Unterstützung kontaktiert und dann hatte er sich ein wenig umgesehen. Dabei hatte er etwas entdeckt, von dem er annahm, dass es eine besondere Bedeutung für Mulder haben würde. Eine Erklärung. Ein möglicher Grund für das hier.
Dana schien das Bewusstsein verloren zu haben, während er fort war. Ihre Augen waren geschlossen und sie lag bewegungslos auf dem Bett. Ihr Arm hing schlaff an ihrer Seite. Auf der anderen Seite war Mulder. Er war zu ihr ins Bett geklettert, hatte sich neben ihr ausgestreckt und streichelte ihr Haar und ihr Gesicht, redete leise mit ihr, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören konnte. Oder vielleicht konnte sie ja. Charlie hätte in diesem Moment nichts überrascht.
Als er Charlie hörte, sah Mulder auf. "Krankenwagen und Polizei sind unterwegs."
"Gut. Das ist gut." Er sah zurück zu Scully und strich eine Haarsträhne aus ihrem zerschrammten und blutigen Gesicht. "Du wirst wieder in Ordnung kommen, Scully. Wir bringen dich hier heraus."
"Äh... Mulder, ich glaube, da ist etwas, dass du dir vielleicht ansehen solltest."
Er schüttelte vehement den Kopf. "Ich will sie nicht allein lassen."
"Nur für eine Sekunde. Ich glaube, es ist wichtig. Es ist gleich nebenan."
"Okay. Ich... ich bin sofort zurück, Scully. Du kommst wieder in Ordnung. Du... du bist okay.." Er beugte sich herab und drückte einen Kuss auf ihre Stirn.
Charlie brachte ihn in den fraglichen Raum und atmete tief ein. "Es ist, nun ja... ein bisschen beunruhigend, um es milde auszudrücken."
Charlie öffnete die Türen des Schrankes und enthüllte den Mulderschrein. Die Wände des schmalen Teiles waren mit Fotos von ihm in seinem Apartment, auf dem Gehweg, vor dem Hoover Building, im Restaurant auf der anderen Straßenseite und scheinbar an jedem denkbaren Ort bedeckt. Und auf diesen Fotos tat er anscheinend alles. Essen, sprechen, schlafen. Es gab einen ganzen Bereich, der ihm offensichtlich beim Masturbieren gewidmet war. In der Mitte des Schrankes gab es einen kleinen Tisch, auf dem eine Sammlung von Dingen lag, von denen Charlie annahm, dass sie Mulder gehörten. Da war eine Flasche Rasierwasser, ein Kamm, ein Büschel Haare, ein Bündel Papier, das so aussah, als wäre es aus einem Tagebuch herausgerissen. Es war das bizarrste und erschütterndste, was Charlie jemals gesehen hatte. Er fühlte sich durch das bloße Anschauen verletzt. Und er war sich nicht sicher, warum er das Bedürfnis gehabt hatte, es Mulder zu zeigen. Es schien einfach, dass er ein Recht darauf hatte.
Aber sobald er Mulders Reaktion sah, begann Charlie seine Entscheidung zu bereuen. Einen Moment lang war er vollkommen ruhig und schweigsam. Aber bald begann er sich zu schütteln, beinahe zu zittern, als wäre es plötzlich sehr kalt.
"Ich... ich bin es..." Charlie hatte das Gefühl, als müsste er sich selbst ohrfeigen. Was hatte er sich dabei gedacht? Der Mann war bereits fast am Ende.
"Komm, Mulder, lass uns..."
"Ich bin es. Sie hat es wegen mir getan. Sie... Scully..." Er stolperte von dem Schrank weg und warf die Türen zu. "Gott... oh Gott." Er stöhnte und hielt sich den Magen. Bevor Charlie aus dem Weg gehen konnte, bedeckte Erbrochenes seine Schuhe. Mulder sank auf den Boden, beugte sich nach vorn und gab das bisschen Essen, das er in seinem Magen hatte, von sich. Als nichts mehr drin war, begann er Magensaft und Galle zu spucken.
"Mulder..." Charlie hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Was zur Hölle war da überhaupt zu sagen?
"Ich habe sie gelassen... ich habe sie das tun lassen... das geschehen lassen..." schaffte er hervorzustoßen, bevor ihn ein trockener Würgeanfall überkam.
"Nein. Nein, das hast du nicht. Das ist einfach nicht wahr. Du hast es beendet. Du hast sie gefunden. Jetzt komm und lass uns zurück..." Er wurde durch das Geräusch einer sich öffnenden Tür unterbrochen. "Mulder, der Krankenwagen ist hier. Lass uns Dana ins Krankenhaus bringen."
Mulder nickte stumm und schaffte es, aufzustehen. Sie gingen zum Wohnzimmer, um den Sanitätern zu zeigen, wo sie war.
"Was zur Hölle..." Während sie den Flur entlanggingen, hörten sie die vertraute Stimme. Mulder lief schneller und zog seine Waffe aus dem Holster.
"Mulder..." Charlie sah hier etwas ziemlich schief gehen, wenn er es nicht aufhielt. So sehr er Jane in diesem Moment auch hasste, so wusste er doch, es würde niemandem etwas Gutes tun, wenn Mulder durchdrehte und dieses Miststück tötete. Mulder hob seine Hand, um Charlie abblitzen zu lassen und ging um die Ecke ins Wohnzimmer. "Mulder, du solltest..."
"Stillgestanden!" Mulders Hände zitterten an der Waffe. Janes Kinn klappte nach unten und sie ließ die Papiertüte, die sie hielt, auf den Boden fallen. Nachdem sie ihn ein paar Sekunden blind wie ein Reh, das von Scheinwerfern erfasst wurde, angestarrt hatte, drehte sie sich um und griff nach der Türklinke. "Ich sagte stillgestanden, du verdammtes MISTSTÜCK!" Charlie und Jane zuckten beide zusammen, als Mulders Waffe ein Loch in die Tür schoss. Die Kugel ging nur knapp an ihr vorbei und Charlie war sich nicht ganz sicher, ob er nicht doch auf ihren Kopf gezielt hatte.
"Mulder... was... ich verstehe nicht..."
"Halt die Klappe." Er ging auf sie zu, seine Waffe immer noch auf ihr Gesicht gerichtet. Tränen begannen über ihre Wangen zu laufen.
"Mulder, warum..."
"Ich sagte, du sollst verdammt noch mal die Klappe halten." Er schrie, doch seine Stimme war gebrochen. Es hörte sich so an, als hätte er Kies in seiner Kehle. Mit seiner freien Hand griff er in die Tasche und holte seine Handschellen heraus. Charlie war gleichzeitig erleichtert und, wie er begriff, ekelhaft enttäuscht. Er würde sie nicht umbringen. Sie nur festnehmen.
"Dreh dich um und leg die Hände auf den Rücken." Diesmal gehorchte Jane. Als er die Handschellen um ihre Handgelenke legte, drehte sie den Kopf herum und Charlie hätte schwören können, dass dieses verrückte Miststück tatsächlich ein bisschen erregt aussah.
"Du bist festgenommen, du verdammte Schlampe." Er steckte seine Waffe ein und stieß sie mit dem Gesicht zuerst gegen die Wand. "Du hast das Recht, zu schweigen, du krankes Miststück und du tust es besser, denn wenn ich auch nur noch ein Wort aus deinem verdammten Mund höre, werde ich dir dein verdammtes, hässliches Gesicht wegblasen." Er packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf nach hinten. "Hast du das verstanden?" Sie nickte, soweit sie es in dieser Position konnte.
"Du hast das Recht auf einen Anwalt..." fuhr er fort, hielt sie immer noch an den Haaren. Mitten in seiner Tirade über ihre Rechte murmelte sie etwas. Charlie spürte sein Herz schneller schlagen. Dumm. Das dumme Miststück war dabei, sich selbst umzubringen.
Mulder erstarrte beim Klang ihrer Stimme und ließ ihr Haar los. "Was hast du gesagt?" Als sie nicht reagierte, packte er sie an den Schultern und schleuderte sie herum. "Ich fragte, was du verdammt noch mal gesagt hast, Schlampe. Antworte mir!"
"Ich...ich..."
"Antworte, du Hexe!"
"Ich sagte, dass..." Sie schluchzte in dem Moment und konnte die Worte kaum hervorbringen. "Dass ich es für dich getan habe, Mulder. Ich habe das alles für dich getan..."
Einen Moment lang sprach niemand im Zimmer. Ihre Worte hingen in der Luft, wie giftiges Gas. Falsche Antwort. Gott, eine verdammt falsche Antwort.
"Mulder..." Charlie trat in einem vorbeugenden Versuch nach vorn, aber es war bereits zu spät.
"Du... kranke... verdammte..." Seine Hände legten sich um ihre Kehle, bevor er den Satz beendete. "SCHLAMPE!" Er drückte zu und stieß sie wieder gegen die Wand.
"Soll das komisch sein? Glaubst du verdammt noch mal, dass das komisch ist?"
"Ich... Mu..." Sie begann zu strampeln und er rammte ihr sein Knie in den Bauch.
"Halt die Klappe. Halt einfach die Klappe, du verdammte törichte Hure. Halt verdammt noch mal die Klappe!" Ihr Gesicht begann, blau anzulaufen und ihre Augen traten hervor und Charlie erkannte, dass Mulder nicht aufhören würde.
"Mulder, hör auf," murmelte er lahm. Er wünschte, er hätte es mit mehr Überzeugung sagen können. Er wünschte sich, er würde dieses Miststück nicht einfach sterben sehen wollen. Aber er musste hier an seine Schwester denken. Es würde ihr noch schlechter gehen, wenn Mulder im Gefängnis landen würde, weil er sie verteidigt hatte.
"Mulder, du musst aufhören." Er sagte es laut genug, damit Mulder ihn dieses Mal hören konnte, doch er ignorierte es völlig. Jane wurde bereits schlaff in seinen Händen. Charlie sagte das einzige, von dem er glaubte, dass es zu Mulder durchdringen könnte.
"Verdammt, Mulder, Dana braucht dich! Du musst jetzt zu ihr gehen." Seine Hände lockerten ihren Griff an ihrer Kehle ein wenig und er schien darüber nachzudenken, was Charlie gesagt hatte.
"Sie braucht dich. Sie braucht dich bei sich und nicht im Gefängnis."
Genau in diesem Moment wurde heftig an die Tür geklopft. "Aufmachen. Polizei."
"Komm schon, Mulder. Überlass sie ihnen. Geh zurück zu Dana. Sie braucht dich."
Seine Hände lösten sich schließlich ganz von ihr und Jane ging in einem Hustenanfall in die Knie. Sie sah zu Mulder auf und schaffte es, hervorzukeuchen, "Ich liebe dich."
Mulder beugte sich herab, fast so als ob er sie küssen wollte und spuckte ihr ins Gesicht.
Ende Teil 11
Ende Desideratum I: Verloren
Fortsetzung in Desideratum II: Gefunden