Rachel Anton
World without End - Zweiter Band 

Kapitel 7

Ich denke, dass ich früher eine Droge namens Valium eingenommen habe. Es hat mich beruhigt, was ich zu der Zeit gebraucht habe. Außerdem hatte es einen Hang dazu, die Dinge in meinem Kopf durcheinander zu bringen. Ich habe eine Erinnerung hergenommen und sie ist eine Weile in meinem Geist herumgeschwirrt und als ich sie wieder zurückstellen wollte, ist sie einfach verschwunden, oder wieder aufgetaucht, aber an der falschen Stelle. Jedenfalls denke ich, dass es sich so angefühlt hat. Es ist so schwer, sich zu erinnern.

Jedenfalls ist das dem am ähnlichsten, was ich in den vergangenen zwei Tagen gefühlt habe. Valium minus Gelassenheit. Und mit einer zusätzlichen Dosis Verwirrung. Denke ich.

Es gibt Bruchstücke in meinem Kopf, wie die losen Steine eines Puzzlespieles, die damit beginnen, sich selbst zu ordnen und sich wieder in ein vollständiges Bild zu verwandeln. Aber der Prozess ist langsam. Und schmerzlich. Aller paar Stunden bekomme ich einen schmerzvollen Moment des Lebens zurück, das ich geführt hatte, das meines ist. Meines war. Die Dinge sind jetzt so anders.

Wo passe ich in diese neue Welt hinein? Niemand hat es mir gesagt. Nicht hier. Ich passe nicht hierher. Ich habe nicht lange dazu gebraucht, so viel herauszufinden. Ich erinnere mich an genug Dinge aus dem Leben vorher um zu wissen, dass Marita Covarrubias nicht auf zerlumpten Stundentenwohnheim Matratzen schlafen und die Kleider von jemand anderem tragen sollte. Geschmacklosen Brei zum Frühstück in einer lauten, hässlichen, überfüllten Cafeteria essen sollte. Allein, weil die einzigen Menschen, die ich kenne der Arzt ist, der gestern mit mir eine primitive Rekonditionierungstherapie für Sklaven durchgeführt hat und Alex. Alex. Alex hat den Arzt geschickt. Und die Frau, die gesagt hat, ihr Name wäre Dana. Ich denke, dass ich früher ihr Gesicht gekannt habe. Er hat sie geschickt und deswegen traue ich ihnen nicht. Ich traue niemandem hier. Sie arbeiten alle für ihn.

Aber was ist sonst noch hier? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nicht, wessen Schuld es ist, dass ich hier festsitze. Gesichter kriechen vor meinem inneren Auge hoch. Feinde. So viele Feinde. Alex...

Und dann sehe ich ihn, er steht in der Reihe und wartet darauf, sein beschissenes Frühstück zu bekommen. Fox Mulder. Fox Mulder ist auch hier. Fox Mulder hat mich her gebracht. Denke ich.

Ich sehe uns in einem Auto, ich höre ihn, wie er mir erzählt, dass wir irgendwohin gehen, aber ich weiß nicht, ob wir hierher gekommen sind, oder woanders hin. Es brennt hinter meinen Augen wenn ich versuche, die Erinnerung in die wacklige Zeitlinie einzupassen, die ich mir aufgestellt habe.

Es ist egal. Ich kenne Fox Mulder. Ich vertraue ihm. Denke ich. Ich habe es getan. Vielleicht.

Er läuft an dem Tisch vorbei, an dem ich sitze und ich versuche, mit ihm in Augenkontakt zu kommen. Es funktioniert nicht. Er sieht mich nicht. Vielleicht ist es nicht Fox Mulder. Oder vielleicht ist er es und er hat mich nie gekannt. Vielleicht habe ich mir die ganze Sache nur eingebildet.

Mein Gott, ich will nach Hause. Wo immer das ist. Es ist nicht hier. Irgendwo anders.

Der Mann, dessen Name Fox Mulder ist oder auch nicht, setzt sich an den Tisch hinter mir, mit dem Rücken zu mir und ich höre ihn seufzen. Ich muss mit ihm reden. Ich weiß nicht, was ich sonst tun sollte.

Ich stehe auf und trage mein Tablett zu seinem Tisch hinüber. Ihm gegenüber setzte ich mich hin, aber er sieht nicht auf. Er schubst, die graue, klumpige Masse, die Haferschleim darstellen soll auf seinem Teller hin und her. Ich räuspere mich und er schaufelt eine Gabel voll des widerwärtigen Schleims in seinen Mund. Wütend nehme ich an. Ich denke er ist wütend.

Ich weiß nicht, aus welchem Grund er auf mich wütend sein könnte. Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendetwas getan zu haben, das ihn verletzt hätte, aber das heißt nicht, dass es nicht doch passiert ist.

"Genießt du deinen Brei?" frage ich in einer so leisen und ängstlichen Stimme, die mich anwidert. Das bin nicht ich. Habe ich mich so sehr verändert?

"Scully..." beginnt er und sieht dann zu mir auf. Ich nehme an er hat gedacht, dass ich sie wäre. Er sieht verwirrt aus und enttäuscht und erleichtert.

"Er...erwartest du sie? Ich kann gehen.."

Er lacht, aber nicht auf eine ha-ha Weise. Er lacht so, wie es Alex getan hatte, als ich ihn wegen seines Armes gefragt hatte. Ich nehme an er dachte, ich würde es wissen. Ich nehme an er dachte, ich hätte irgendetwas zu tun mit diesem ganzen Mist. Vielleicht habe ich das.

"Ja klar, wir haben eine Verabredung", murmelt er und sieht zur Tür. Sarkasmus habe ich nicht vergessen.

Er sieht nicht besonders gut aus, wenn ich ihn mir genau betrachte. Dunkle Ringe unter blutunterlaufenen Augen, dauernde Grimasse und er macht auf dem Tisch ständig seine Faust auf und zu. Wütend war nicht das zutreffende Wort. Er sieht aus, als sei er bereit, jemanden umzubringen. Ich erinnere mich nicht daran, dass er jemals so ausgesehen hat.

"Was ist, brauchst du irgendwas von mir?" fragt er plötzlich. Ich bin froh, dass mich diese Frage nicht total umwirft. Feindseligkeit ist etwas vertrautes. Fox Mulder ist etwas vertrautes.

"Nein, nicht wirklich. Ich dachte nur, dass wir uns vielleicht unterhalten könnten. Ich kenne niemanden weiter hier."

Ich kenne ihn. Das tue ich. Gott, bitte lass mich ihn kennen.

Er zuckt mit den Schultern und nimmt einen großen Schluck von dem, was hier als Kaffee gilt.

"Leg los."

Ich atme tief durch, versuche die Frage herauszubringen. Sie klingt allerdings so idiotisch. So erbärmlich.

"Du...du kennst mich, richtig? Ich meine, ich bilde mir das nicht nur ein, oder?"

"Ja", knurrt er und sticht ein Stück bräunliches Obst an. Es könnte ihm offensichtlich nicht egaler sein, aber er erkennt mich. Das reicht mir.

"Ich meine, nicht von hier, sondern von...von der Zeit vorher. Wir kannten uns."

Er nickt und sieht verwirrt und genervt aus.

"Ja, warum?"

"Ich war mir einfach nicht sicher. Ich ... die Dinge sind in meinem Kopf noch ein wenig durcheinander."

Er seufzt und sieht noch genervter aus, aber das ist mir egal.

"Also, du hast mich hierher gebracht, richtig? Als ich Sklavin war?"

"Ja, hör zu, was...woran erinnerst du dich, was deine Beteiligung an all dem angeht, Marita?"

"Naja, ich habe diese Erinnerungen, aber die sind alle irgendwie unzusammenhängend. Es ist schwer, alles zusam..."

"Hast du Alex Krycek vorher gekannt?" unterbricht er mich, plötzlich interessiert an *allem*, was ich zu sagen haben könnte.

"Ja."

Das habe ich nicht eine Sekunde lang bezweifelt. Diese Erinnerungen sind zu lebendig, um Halluzinationen sein zu können.

"Also, woran erinnerst du dich ihn betreffend?"

Ich weiß nicht, warum er etwas über Alex wissen will und es ist mir auch egal. Ich nehme an, dass ich ihm früher eine Menge Informationen besorgt habe. Es war ihm früher wichtig, was ich ihm zu sagen hatte. Ich bin nicht sicher, was ich ihm über Alex erzählen soll.

"Er war...er war Mitglied der Gruppe. In gewisser Weise. Wir haben zusammengearbeitet. Ich nehme an..."

"Okay, aber, was für ein Mensch war er deiner Erinnerung nach?"

Die Frage setzt einen ganz neuen Strom von Bildern frei. Alex, der in meiner Hotelsuite in Kasachstan auftaucht, seine halbautomatische Waffe schwingend und mich bedrohend, wie ich ihm schwitzend gesagt habe, ich sei auf seiner Seite. Wir könnten sie zusammen in die Knie zwingen. Ich frage mich, ob das wahr gewesen ist. Dass ich ihn in mein Schlafzimmer gebracht habe. Ich nehme an, der Gedanke, die alten Bastarde würden ihn um Gnade anflehen hat ihn mehr in Stimmung gebracht als ich.

Und dann andere Begebenheiten. Nur ein paar. Ich war ja nur eine Woche oder so in Russland.

Dann das letzte Mal. Mein Apartment in New York. Die Tür meines Apartments in New York. Draußen im Flur, weil er nicht mehr warten konnte. Und dann habe ich ihn schlafend in meinem Bett verlassen. Habe mich rausgeschlichen wie ein Dieb in der Nacht. Habe die einzige Sache gestohlen, die er auf der Welt besaß.

"Marita?"

"Was? Oh...er...verzweifelt. Er war ein verzweifelter Mensch."

"Verzweifelt? Verzweifelt inwiefern? Wonach?"

Mulder lehnt sich nun über den Tisch, sein erbärmliches Frühstück ist vergessen. Seine Bein schwingt auf und ab. Vielleicht eine nervöse Angewohnheit. Er sieht so aus, als wolle er sich jeden Moment auf mich stürzen. Er sieht so aus, als wolle er mich erwürgen. Ich kann mir nicht vorstellen warum.

"Nach allem. Macht, Geld, Respekt, Rache, Sex, alles. Immer von einer ausweglosen Situation in die nächste gerannt. Er hat mir gesagt, dass er mal ganz oben stehen würde.. Ich nehme an, das tut er jetzt auf gewisse Weise."

"Also hast du ihn gut gekannt, ja?"

"Gut? Nein, nicht wirklich. Wir waren Geliebte. In gewisser Weise. Für kurze Zeit. Ich habe ihn trotzdem niemals wirklich gekannt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß einfach nicht..."

Seine Augen werden weit und noch verwirrter und er starrt mich einfach lange Zeit nur an.

"Also...warum erzählst du mir das, wenn du es nicht wirklich weißt?"

"Weil du mich gefragt hast! Ich erzähle dir, woran ich mich erinnere, aber es ist ein wenig verschwommen. Das habe ich dir gesagt."

Ich beginne zu fühlen, wie Wut in mir aufsteigt. Ich mag es. Es ist gut, wieder etwas zu fühlen. Irgendetwas.

"Und was tust du überhaupt noch hier, Marita? Was ist hier für dich interessant?"

Das bringt nun das Fass für mich zum Überlaufen. Ich dachte, dass dieser Mann ein Freund sein könnte, aber er klingt mit jeder verstreichenden Minute immer mehr wie ein Feind.

"Was ich hier tue? DU hast mich hergebracht! Warum erzählst du mir das nicht?!"

Er kaut auf der Innenseite seiner Wange und starrt aus dem Fenster, offensichtlich unwillig mich anzusehen oder mir zu antworten. Nach einigen Momenten des Schweigens, in denen ich die Ansätze eines Plans zurechtlege, Fox Mulder zu töten, dreht er sich wieder zu mir um.

"Sprichst du Russisch?" fragt er unerklärlicherweise.

"Wie bitte?"

"Die Sprache. Sprichst du sie?"

Bin ich deswegen hier? Bin ich seine persönliche Übersetzerin?

"Ich habe für die UNO gearbeitet. Ich spreche viele Sprachen. Russisch ist eine von ihnen, ja. Warum?"

"Was heißt 'Tschiwodnoje' '?"

"Es heißt 'Tier'", sage ich ihm, mehr aus Neugier als aus dem Verlangen heraus, hilfreich zu sein. Es muss einen Grund geben, aus dem er das fragt und ich denke ich sollte versuchen herauszufinden, was das ist.

Sein Kiefer verkrampft sich und er schluckt. Die Antwort scheint ihn wütend zu machen. Das freut mich.

"Und was ist mit 'Diwotka'?"

"Diwotka?"

"'Djewotska'? Ist es das?"

"'Djewotschka'?"

"Ja, genau das. Was heißt das?"

"Es heißt kleines Mädchen. Warum fragst du mich das?"

Der Klang von Glas und Plastik, das auf den Boden aufschlägt, als er alles, was auf dem Tisch stand mit einer Armbewegung wegfegt ist die einzige Antwort, die ich bekomme. Danach stürmt er aus der Cafeteria. Ein paar Leute starren ihm nach, aber es scheint ihn nicht zu kümmern.

Das lief gut. Sehr erfreulich.

Ich denke nicht, dass ich mit Fox Mulder in der nächsten Zeit wieder sprechen werde.

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In dem Roman "Cat's Cradle" beschreibt Kurt Vonnegut etwas, was er einen Karass nennt. Dieser Karass besteht aus einer Ansammlung von Menschen, deren Leben mit deinem eigenen aus keinem erklärbaren Grund verflochten sind. Vonnegut sagt, dass diese Menschen ein Team wären, von Gott erschaffen um dir zu helfen, etwas wichtiges in deinem Leben zu erreichen.

Scully gehört sicher zu meinem Karass. Genauso wie der rauchende Bastard. Und es ist mir schon vor langer Zeit klar geworden, dass sehr zu meinem Missfallen, Alex Krycek auch zu diese Gruppe gehörte. Obwohl ich mir selbst wenn es um mein Leben ginge keinen Reim darauf machen kann, warum ich mit so einem Karass verflucht sein sollte. Was soll ich mit diesen Leuten erreichen?

Ich frage mich, was passieren würde, wenn man ein Mitglied seines Karass umbringen würde. Oder sogar zwei von ihnen. Oder alle. Was würde passieren, wenn man sie alle umbringt?

Das ist eine der vielen Fragen, über die ich in den letzten zwölf Stunden nachgedacht habe.

Allerdings ist die Wahrheit, dass ich es mir nicht vorstellen kann, egal, wie sehr ich es auch versuche, Scully umzubringen. Oder auch nur ihr wehzutun. Und Krycek umzubringen würde ihr wehtun, aus welchen unheiligen Gründen auch immer. Also kann ich das auch nicht tun. Das lässt mir nicht mehr viele Möglichkeiten übrig.

Selbstmord hatte heute am frühen Morgen relativ ansprechend ausgesehen, als das Bild davon, wie die beiden es miteinander getrieben haben mein Bewusstsein zu überwältigen schienen. Aber nach längerem Nachdenken erschien es mir zu erbärmlich. Ganz zu schweigen von melodramatisch. Und dann würde sie es wissen. Und er auch. Sie würden wissen, wie sehr sie mich im Inneren getötet haben und ich kann mir keine schlimmere Zumutung für meinen Stolz vorstellen.

Also habe ich beschlossen, auf die große Geste zu verzichten und mit dem Tag weiterzumachen, wie es geplant war. Als wenn mein Herz gestern Nacht nicht in Stücke gerissen worden wäre.

Ich bin in die Cafeteria gegangen und habe gefrühstückt. Ich habe mich normal unterhalten. Okay, es war nicht gerade sehr normal. Wenn ich genau darüber nachdenke, war es noch nicht mal eine Unterhaltung.

Worauf wollte ich gerade hinaus?

Ach ja, Normalität. Also gehe ich jetzt dorthin, wo ich hingehen sollte. Heute sollte mein erster Arbeitstag im Labor sein. Mit Scully. Dort werde ich heute erwartet und ich plane, mich mit Klasse zu benehmen und Reife und, naja, Stolz. Mehr Stolz, als ihn Scully neuerdings zu haben scheint. Was ist mit ihrem Ehrgefühl passiert? Mit ihrer Integrität?

Ich werde mich nicht auf deren Niveau herablassen. Ich werde besser sein als das.

Das ist jedenfalls der Plan.

Ich werde mich ihr nicht zu Füßen werfen und sie anflehen, ihn zu verlassen. Ich werde nicht schreien, mit den Füßen stampfen und eine Szene machen. Ich werde nicht weinen, wenn ich ihr Gesicht sehe.

Ich wiederhole diese Sätze immer und immer wieder, während ich zum Labor gehe. Und als ich dort angekommen bin, habe ich mich fast selbst davon überzeugt, dass das möglich ist. Und dann höre ich sie.

Nein, nicht *sie*. Scully, ja. Aber nicht ihn. Sie spricht mit einer anderen Frau. Sie stehen an einem großen Becken, waschen Untersuchungsgeräte ab und unterhalten sich. Ich denke, dass der Name der Frau Roseanne ist. Ich habe sie schon hier gesehen.

Ich gehe hinein und knalle die Tür hinter mir zu. Nur, um meine Anwesenheit deutlich zu machen. Nicht, um eine Szene zu machen. Ehrlich.

Beide drehen sich um und lächeln mich nervtötend an.

"Hi, Mulder", sagt die verräterische, hinterhältige Schlampe und ich grinse gespielt zurück. Okay, das wird schwieriger, als ich gedacht hatte.

"Äh, ich denke, wir sollten dir erst mal alles zeigen, hm?"

"Nehme ich an."

"Oh, darf ich die Grande Tour führen?" fragt Roseanne und zwinkert mich widerwärtig an. Warum ist diese Frau hier? Vielleicht geht sie weg, wenn ich sie ignoriere.

"Also Scully, was ist das genau, was wir hier tun werden?"

Sie sieht verwirrt aus. Ich weiß, wir haben vorher schon darüber geredet. Zur Hölle, diese ganze Sache war meine Idee. Ich habe nur einfach nicht erwartet, dass noch jemand hier sein würde.

Scully's Wangen sind pink. Und ihre Augen glitzern. Sie glüht. Wunderschön. Wunderschöne Schlampe. Ich liebe sie. Verdammt noch mal.

"Naja, wir werden...wir werden einige Untersuchungen an deiner physiologischen Ausstattung vornehmen, Mulder. So wie du vorgeschlagen hast..."

"Und wann kommt das 'wir' ins Spiel, Scully? Ich dachte du leitest das Projekt."

Ich starre Roseanne an und sie tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen. Möglicherweise überreagiere ich hier ein ganz kleines bisschen. Es ist nicht ihre Schuld. Ich kenne sie noch nicht mal. Ich sollte mich wirklich beruhigen. Vielleicht hätte ich heute doch nicht herkommen sollen.

"Das tue ich, Mulder. Roseanne ist meine Assistentin."

"Assistentin?"

"Ja, Assistentin, Mulder. Sie ist Wissenschaftlerin. Was genau ist das Problem dabei?"

"Kein Problem, Scully. Ich möchte nur sicher gehen, dass ich genau weiß, was hier vorgeht. Ich möchte über nichts im Dunkeln gelassen werden."

"Ich werde mal gehen ... und die Mikroskope sauber machen", murmelt Roseanne und verlässt schnell den Raum. Ich nehme an, dass ich das erreichen wollte, auch wenn ich nicht genau weiß, warum.

"Mulder, wir haben darüber gesprochen. Warum bist du so unhöflich zu Roseanne?" flüstert Scully in ihrem am schlimmsten nörgelnden Tonfall.

"Ich bin nicht unhöflich."

"Mulder..."

"Okay, schön, ich fühle mich nur nicht ganz wohl dabei, wenn sie hier ist, das ist alles."

"Warum nicht?"

"Ich dachte, wir würden allein sein. Das niemand anders da sein würde, der uns im Weg steht."

"Mulder, sie arbeitet hier! Sie wird uns nicht im Weg sein. Sie wird helfen."

Ich denke ich sollte wahrscheinlich gehen. Das funktioniert nicht so, wie ich es vorhatte. Nicht im Geringsten.

"Mulder, ich sehe das Problem wirklich nicht. Ich weiß, dass du schön mit den anderen Kindern spielen kannst, wenn du nur willst."

Sie lächelt mich nach ihrem kleinen Witz an. Ich habe sie nie zuvor wirklich schlagen wollen. Niemals. Der Gedanke ist mir so abscheulich. Und trotzdem, gerade jetzt...

Ich muss hier raus.

"Schön spielen, richtig. Hey, vielleicht lassen sie mich ja sogar der Schwimmmannschaft beitreten", murmle ich in meinen Bart und bewege mich Richtung Tür.

Ich spüre, wie ihre kleinen Finger meinen Arm umschließen und ziehe ihn instinktiv zurück.

"Mulder, was ... was ist los?"

Ich sehe nach unten in diese Augen, Augen von denen ich dachte, dass in ihnen die Antworten auf alle meine Fragen liegen würden, meine Wahrheit, meine Erlösung. In der letzten Nacht habe ich gesehen, wie diese Augen einen meiner schlimmsten Feinde angesehen haben. Mit Begehren. Vielleicht sogar mit Liebe. Und ich kann einfach nicht mehr still sein.

"Hättest du es mir jemals gesagt, Scully? Oder hättest du einfach gewartet, bis ich mich total zum Idioten gemacht hätte?"

Zu ihrer Ehre muss ich sagen, dass sie scheinbar nur wenige Sekunden braucht, um zu verstehen, worüber ich rede. Es ist ziemlich offensichtlich, wann ihr ein Licht aufgeht. Sie presst ihre Augen zu und ihr ganzer Körper scheint zusammenzusinken.

"Oh...Mulder, ich wol...ich hätte..."

Genau. Die Geschichte habe ich gehört. Ich hatte nur noch keine Zeit.

"Scully, weißt du ... GOTT! Weißt du, was ich durchgemacht habe, um hierher zu kommen? Was ich wollte...der ganze...eigentliche Grund, aus dem ich her gekommen bin?"

"Mulder, ich weiß, dass du meinetwegen hergekommen bist. Und es tut mir Leid. Es tut mir Leid, dass ich nicht völlig ehrlich zu dir gewesen bin. Ich nehme an ... ich nehme an ich hatte einfach Angst. Es tut mir wirklich sehr Leid."

"Leid. Es tut dir Leid. Es tut dir Leid, dass du mir nicht gesagt hast, dass du mit Alex Krycek VÖGELST?! Es tut dir Leid, dass das nicht die erste verdammte Sache war, die aus deinem Mund gekommen ist?!"

Was habe ich vorhin darüber gesagt, keine Szene machen zu wollen. Gott Scully, lass mich einfach in Ruhe. Lass mich einfach hier rausgehen, bevor ich etwas *wirklich* dummes sage.

"Ja, Mulder, es tut mir Leid. Es ist nicht gerade einfach, das zu sagen. Aber ich...ich habe keine Entschuldigung. Es tut mir Leid."

"Scully ich..."

Ich weiß noch nicht einmal, was ich sagen soll. Sie sieht so traurig und reuevoll aus und so beschämt. Vielleicht hat sie es mir nicht erzählt, weil sie wirklich mit ihm Schluss machen will. Vielleicht hat er irgendetwas gegen sie in der Hand, um sie bei sich zu halten. Oder er hat sie einer Gehirnwäsche unterzogen.

Mein Gott, was stimmt mit mir nicht? Bin ich so erbärmlich, dass sie mich nur auf eine bestimmte Weise ansehen muss, um mich wieder zu einen Haufen illusionären Brei zu machen?

"Scully, ich verstehe einfach nicht warum. Ich meine wie? Es ist...mein Gott, Scully, es ist Alex Krycek!"

"So und was soll das heißen?" fragt sie, auf einmal empört. Warum habe ich überhaupt gefragt. Ich kann nicht hier stehen und zuhören, wie sie den Bastard verteidigt.

"Mulder, du ... du kennst ihn nicht mehr. Ich weiß nicht, ob du das je getan hast. Er war...er war für mich da. Er ist ein guter Mensch. Nicht der Mensch, für den du ihn hältst."

Ich frage mich, ob sie hier irgendwo ein Mauseloch haben, in das ich mich verkriechen kann.

"Also was Scully, du steigst mit einem Typen ins Bett und plötzlich weißt du alles über ihn?"

Nun sieht sie richtig stinksauer aus. Das freut mich. Ich möchte, dass sie fühlt, was ich fühle. Natürlich würde es, um das wirklich zu erreichen noch eine ganze Menge mehr benötigen. Zuerst müsste ich eine Frau auftreiben, die sie absolut nicht ausstehen kann, um mit dieser dann direkt auf dem Fußboden vor ihr Sex zu haben.

"Denkst du, dass es so ist, Mulder? Dass ich einfach mit ihm ins Bett steige, wie irgendeine Nutte?"

Ich wünschte das wäre das, was ich gedacht habe. Ich wünschte ich könnte ihr sagen, dass ich das gedacht habe. Das würde sie wirklich verletzen. Aber ich kann es nicht. Ich weiß, dass sie nicht so ist.

"Nein...Scully, nein. Ich denke...denke nur, dass er vielleicht deine Situation ausgenutzt hat. Dich ... ausgenutzt hat."

"Oh, jetzt bin ich also irgendeine erbarmungswürdige Maid, so hilflos, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen kann? Denkst du, dass es *so* ist? Dass ich keinen eigenen Willen habe?"

Warum muss sie mir auf diese Weise die Worte im Munde umdrehen? Gott, sie hat das immer schon getan. Mir nie zugehört.

"Er hat meinen Vater umgebracht, Scully..."

Darauf hat sie keine schnippische Antwort parat. Ich hatte schon fast erwartet, dass sie mir seine Version davon auftischen würde, aber sie dreht sich einfach weg und beginnt, mit einigen Thermometern neben dem Becken zu hantieren.

"Sieh mal, Mulder, ich weiß nicht, was du erwartet hast. Du bist sechs Jahre lang verschwunden gewesen. Sechs *Jahre* Mulder. Du hast mich in dem Glauben gelassen, dass du tot bist und ich hätte was tun sollen? Mein ganzes Leben lang auf irgendeinen himmlischen Besuch von dir warten oder so was?"

"Naja, ich hatte einfach nicht erwartet, dass es DAZU kommen würde, Scully!"

Sie dreht sich schnell um und ich bemerke, dass ihre Augen feucht sind. Ich frage mich, ob es meine auch sind. Ich hoffe nicht.

"Es tut mir Leid, dass ich dir nicht früher davon erzählt habe, Mulder. Aber ich werde mich nicht bei dir dafür entschuldigen, dass ich mein Leben weitergelebt habe. Nur weil dir zufällig nicht passt, wen ich mir ausgesucht habe, um dieses Leben weiterzuleben."

Okay, das ist sehr logisch. Ihr Denken ist so präzise. Ich bin so beeindruckt von ihrer immer gegenwärtigen Gabe, direkt zum Kern der Sache vorzudringen. Zu schade, dass sie dabei auch gleich meine Seele mit durchbohrt.

"Ich habe fünf Jahre lang um dich getrauert, Mulder. Wollte niemand an mich heranlassen. Und vor einem Jahr habe ich mich endlich entschlossen, weiterzuleben. Zu versuchen, etwas von dem Glück abzubekommen, von dem ich dachte, dass du es für mich gewollt hättest."

Vor einem Jahr? Treibt sie es mit ihm schon ein ganzes Jahr? Gott...

"Scully, natürlich möchte ich, dass du glücklich bist. Das ist alles, was ich immer gewollt habe."

"Ich weiß das. Und es war schwer. Aber ich bin es gewesen. Ich bin glücklich gewesen."

Was soll ich dazu sagen? Soll ich hier stehen und ihr ihr Glück missgönnen, nach allem, was ich getan habe? Nach allem, was ich verdorben habe?

"Er macht dich wirklich ... glücklich? Nach allem, was er getan hat?"

"Ja Mulder, das tut er. Er ist gut zu mir und er hat wundervolle Dinge für die Leute hier getan."

Alles was ich tun kann, ist sie anzustarren. Zusehen, wie dieser Quatsch aus ihrem Mund kommt und zu versuchen, mein Frühstück nicht wieder hochzubringen.

"Ich...ich muss gehen."

Ich muss weit weggehen. Ich möchte nicht Mitglied des Alex Krycek Bewunderungs Vereins werden. Ich möchte mir das nicht mehr anhören. Ich möchte sie nicht mehr jeden Tag sehen und wissen, zu wem sie abends nach Hause geht.

"Mulder, ich würde...ich hätte es gern, wenn du bleibst. Ich meine ich hoffe, dass du uns jetzt deswegen nicht verlassen wirst."

Verdammt. Warum musste sie das sagen? Lass mich einfach gehen, Scully. Schmeiß mich raus. Mach irgendetwas furchtbares, so dass ich dich hassen kann.

"Ich weiß nicht..."

"Ich ... ich mag es, wenn du hier bist, Mulder. Ich habe dich vermisst."

Mein Gott, halt die Klappe, Scully! Halt die Klappe!

"Und wir könnten deine Hilfe wirklich gebrauchen. Ich könnte das."

"Was ist denn das? Die großartige Dr. Scully braucht *meine* Hilfe?"

Sie lächelt mich an und mein Herz verknotet sich. Was tue ich?

"Und ich habe immer gedacht, Dana Scully braucht keine Hilfe."

"Naja, du weißt schon, ein Heilmittel gegen Krebs finden und das alles. Das ist schwere Arbeit."

Ich stelle fest, dass ich zurücklächle wie ein Idiot und immer noch keine Ahnung habe, was ich tun soll. Das fühlt sich so gut an.

"Also, wirst du bleiben?" fragt sie mich und ich zucke mit den Schultern und nicke und dann umarmt sie mich. Sie umarmt mich. Das ist so gut. Gott, es ist so unerträglich lange her, seit sie in meinen Armen gewesen ist. Alle Mauern, die ich in der letzten Nacht aufgebaut habe, um mich vor ihr zu schützen, brechen zusammen und sie ist wieder überall in mir.

Warum muss sie so...so Scully sein?

Warum muss sie sich immer noch um mich kümmern?

Ich nehme an, dass das ziemlich blöde Fragen sind. Das wichtigste ist, werde ich jemals aufhören können, sie zu umarmen? Werde ich sie jemals loslassen können? Ich denke nicht.

Ende Kapitel 7

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Kapitel 8

Vor ungefähr acht Jahren habe ich am O'Hare Airport eine Frau kennen gelernt, die sagte, ihr Name wäre Susan. Sie war hübsch und ich war einsam, auf einem Zwischenstop zwischen Kalifornien und New York. Es war eine sehr stressige, verrückte Zeit in meinem Leben. Ich hatte kaum Zeit zum Atmen, ganz zu schweigen davon, mir Sexualpartner zu suchen. Susan kam ziemlich unverhohlen auf mich zu und ich war unvorsichtig genug, und habe meine Selbstverteidigungsmechanismen lange genug ausgeschaltet, um sie in mein Hotelzimmer einzuladen.

Wir hatten Sex und es war ziemlich gut. Keine lebensverändernde Erfahrung, aber es hat mir die Zeit vertrieben, in der ich auf meinen nächsten Flug gewartet habe und hat mir die kurze Illusion von menschlichem Kontakt verschafft. Dann bin ich eingeschlafen. Das war mein Fehler. Sie war immer noch im Zimmer. Keine Ahnung, wie das passiert ist.

Ich bin von dem Geräusch raschelnden Papiers aufgewacht. Sie hat meine Tasche durchsucht. Rückblickend würde ich sagen, dass sie nach Bargeld gesucht hat. Damals war ich ziemlich gut angezogen, Seide und Leder und all das, und sie sah aus, als wenn sie ihre Sachen bei Aldi gekauft hätte. Aber ich habe ein paar ziemlich gefährliche Geheimnisse bewacht. Ich bin von ein paar ziemlich gefährlichen Leuten verfolgt worden. Ich hatte gedacht, dass sie vielleicht für meine Feinde arbeiten würde. Ich dachte...nein, ich habe nicht gedacht. Ich habe reagiert. Ich habe sie erschossen.

In dem Alptraum, der in letzter Zeit immer wieder kehrt, stehe ich über Susans Körper, beobachte, wie das Blut aus ihrer Stirn fließt und sehe ihr beim Sterben zu, während sich ihr Gesicht langsam in das Gesicht der Frau verwandelt, die mir gerade gegenüber sitzt. Das beunruhigendste an diesem Traum ist das, was ich empfinde, während ich sie sterben sehe. Nicht den Horror, den man erwartet würde, sondern ein eher oberflächliches Bedauern. Ein großes kosmisches Uuups. Ähnlich dem Gefühl das ich hatte, als ich auf Melissa Scullys Körper schaute. Falsche Schwester. Uuups. Hau besser ab.

Natürlich quält mich in meinen wachen Stunden dieser Vorfall in etwas so, wie ein Erlebnis von Todesnähe. Ein Erlebnis von Todesnähe, das man nicht als solches erkennt, bis lange nach dem es passiert ist. Ungefähr so wie nach einem Autounfall, einem, den man durch seine eigene Dummheit, Schwerfälligkeit, Fahrlässigkeit oder was auch immer verursacht hat und sich vielleicht nur den Kopf gestoßen hat oder so was, nichts ernstes und man geht nach Hause und ins Bett und wacht mitten in der Nacht auf und denkt "Mist, ich habe mich fast selbst umgebracht." Ich habe das jede Nacht getan. Seit Jahren.

Es gab eine kurze Zeit in meinem Leben, als ich in Frieden gelebt habe. Als die Kolonisation begonnen hatte, als die Welt draußen alle Überreste von Verstand und Stabilität verlor, habe ich mich innerlich langsam stabilisiert. Endlich gab es keine Geheimnisse mehr, keinen Grund, eine Frau zu ermorden, nur weil sie glaubte, meine Sachen durchwühlen zu müssen. Ich war frei. Es war befreiend zu sehen, dass alles zur Hölle ging und ich wusste, dass es mir gut gehen würde. Besser als jemals zuvor.

Ich habe diesen Frieden, diese Freiheit für eine ziemlich lange Zeit behalten. Ich habe sie verloren, als ich mich in Dana verliebt habe. Als ich bemerkte, dass es jetzt mehr Geheimnisse zu bewahren galt, mehr Teile meines Lebens, die ich vergessen musste. Ich möchte, dass sie mich für all das liebt, was ich bin, doch ich weiß, dass sie das nicht kann. Sie weiß es auch, deswegen lässt sie mich nicht mit ihr über diese Dinge reden. Ich lebe in der Angst, dass sie sich eines Tages daran erinnert, wer ich früher war. Sie kann es niemals akzeptieren, aber es ist ein Teil von mir.

Ich habe den Frieden und die Furchtlosigkeit verloren, aber ich habe so viel gewonnen. Ich nehme an, dass die Angst zusammen mit allem Guten im Leben eines Menschen Hand in Hand geht. Die Angst, dass du das Gute verlieren wirst. Mein Vater hat mir gesagt, dass es immer besser ist, arm zu sein, als reich. Ein armer Mann muss sich nur um Neid Gedanken machen, aber der Reiche lebt in ständiger Angst vor der Welt.

Manchmal allerdings, manchmal wird mir klar, dass das Gute dem Schlechten gegenüber überwiegt. In Momenten wie diesem. Momente, die meine Alpträume nicht antasten können. Aber selbst jetzt, hier in der Cafeteria sitzend und die Frau die ich liebe dabei beobachtend, wie sie lächelnd einen Burger in sich hineinstopft, gibt es Dinge, die ich nicht vergessen kann.

Dana ist eine wirklich liederliche Esserin. Ich bemerke es nicht immer, aber es ist schwer, die Saucentropfen an ihrem Kinn zu übersehen und das eigenartige Fleisch, das sie heute unter ihren Fingernägeln hat. Man könnte denken, sie wäre diejenige, die nur eine Hand zum Essen zur Verfügung hat. Es ist die bezauberndste Sache der Welt.

Sie bemerkt, dass ich sie über den Tisch hinweg anstarre und hebt neugierig eine Augenbraue. Sie würde denken, dass ich das größte Weichei der Welt bin, wenn ich ihr sage, was ich denke. Entweder das, oder sie würde denken, dass ich ihre Tischmanieren kritisiere. Also sage ich nichts weiter, aber beobachte sie weiterhin verstohlen über mein eigenes Mittagessen hinweg.

Eines der Dinge die ich über das Verliebtsein gelernt habe, ist die Sache, dass wenn man, wenn man verliebt ist, genau das Gegenteil von dem fühlt, was jeder normale Mensch in einer bestimmten Situation fühlen würde. Ein normaler Mensch würde denken, dass das ziemlich abstoßend ist und sich einen anderen Tischgenossen suchen. Aber ich war nie ein normaler Mensch und jetzt bin ich ziemlich sicher für unzurechnungsfähig zu erklären. Gut, dass wir keine Gummizelle hier haben.

"Also, woran habt ihr heute gearbeitet?" frage ich sie und sie wedelt als Antwort abwehrend mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht herum.

"Das übliche, du weißt schon..." zuckt sie mit den Schultern. Ich nehme an, dass ich es weiß. Ich versuche, nicht all zu viel darüber nachzudenken. Ich habe es vermieden, sie deswegen zu fragen. Aber Tatsache ist, dass Mulder jeden Tag der letzten zwei Wochen mit ihr zusammen in diesem kleinen Labor verbracht hat und ich nicht aufhören kann, mich zu fragen, mir Sorgen zu machen. Sie redet nicht mehr so viel über ihre Arbeit wie früher, teilt mir die Einzelheiten ihrer Tage nicht mehr so leicht mit.

Sie sagte mir, dass er das über uns herausgefunden hat, auch wenn sie nicht weiß, wie. Ich wusste er würde das tun. Ich wusste, dass sie nicht die Chance bekommen würde, es ihm zu sagen. Ich bin mir nicht sicher, warum es so einen bedeutenden Unterschied für mich darstellt, obwohl mir klar ist, warum es ihn stinksauer macht. Ich nehme an, ich wollte nur, dass sie stolz darauf ist, dass es etwas ist, was sie ihm vorweisen könnte als das, was sie jetzt ist, nicht als etwas, das sie gehütet hat wie ein schmutziges kleines Geheimnis.

Jedenfalls spielt es jetzt keine Rolle mehr. Er weiß es. Ich habe sie gefragt, wie er es aufgenommen hat und sie sagte "gut". Was das bedeuten mochte, kann ich nur raten. Eine Sache ist allerdings sicher. Er geht nicht weg.

Wir haben es bis jetzt fertiggebracht, uns aus meistens aus dem Weg zu gehen und wenn wir uns sehen, knurren kaum ein Wort des Erkennens. Deswegen ist ein völliger Schock für mich als ich ihn sehe, wie er absichtlich durch die Cafeteria auf unsern Tisch zu läuft.

Zuerst befürchte ich, dass er etwas "wichtiges" mit Scully zu diskutieren hat oder so und das er sie wieder ins Labor zurückschleppen wird, bevor sie überhaupt ihr Mittagessen aufessen kann. Aber das tut er nicht. Stattdessen sieht er mich direkt an und fragt, "Scully, hättest du etwas dagegen, wenn ich kurz mit Krycek spreche?"

Dana sieht so durcheinander aus wie ich mich fühle und auch ein bisschen verängstigt.

"Entschuldigst du uns für einen Moment?" fragt er uns setzt dabei den widerwärtigen Gesichtsausdruck eines geschlagenen Hündchens auf.

"Äh..." sie sieht zu ihm auf und wieder zu mir und Angst ist jetzt auf jeden Fall die dominierende Emotion in ihrem Gesicht.

"Es ist in Ordnung", sage ich zu ihr, da ich sie nicht unbedingt in seiner Gegenwart haben will, wenn ich etwas dagegen tun kann. Sie nickt langsam, trennt sich von ihrem Stuhl und ihrem Sandwich und zieht sich in Richtung Salatbar zurück, aber beobachtet uns weiterhin bei jedem Schritt. Ich nehme an, dass sie denkt, dass es subtil ist, wie sie sich hinter den Suppentöpfen versteckt. Sie hätte eine schlechte Spionin abgegeben.

Ich frage mich, was sie erwartet. Eine Unterstufen Speisehallen Schlägerei vielleicht. Doch so sehr ich den Bastard gern schlagen würde, bis sein Gesicht blau wird, ich habe mir geschworen, nie wieder auf diese Art die Kontrolle zu verlieren. Ganz besonders nicht hier in aller Öffentlichkeit. Ich weigere mich, meine Autorität von diesem schwarzblütigen, erbärmlichen Mutanten unterminieren zu lassen.

"Also hör zu, Krycek, ich wollte ohne Scully mit dir reden weil..."

Seine Augen sehen sich nervös um und er entdeckt sie, wie sie uns beobachtet und sie konzentrieren sich einen Augenblick lang auf sie. Er steht immer noch da, schwebt bedrohlich über mir, als wäre er ein Albatross oder so.

"Warum setzt du dich nicht?" frage ich, aber es ist keine wirkliche Frage. Er tut es und sitzt mit nun Auge in Auge gegenüber. Ich schiebe mein Tablett weg, weil ich nicht meine Essensreste zwischen uns stehen haben möchte. Aus irgendeinem Grunde erscheint mir die glibberige Soße wie eine Schwäche.

Er seufzt und schließt seine Augen und ich bemerke, dass seine Haut sich zu einem kranken Grün verfärbt hat. Er ist eine lächerlich lange Weile still und wenn ich eine Uhr tragen würde, würde ich draufstarren.

"Mulder, was ist hier das Problem?" belle ich ihn schließlich an, ein bisschen lauter als beabsichtigt. Seine Augen fliegen auf und er sieht aus, als wenn er gerade aus einem Alptraum aufgewacht wäre.

"Krycek, sieh mal ich...ich weiß, dass du und Scully eine ... einen besondere Situation hier habt..."

Naja, sieht so aus, als hätte der Alptraum gerade erst angefangen.

"Besondere Situation", wiederhole ich, unsicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Wir starren uns über den Tisch hinweg an, jeder versucht den anderen dazu zu bringen, sich zu erklären. Er bricht die Stille zuerst, räuspert sich, um die Spannung zu lösen.

"Wie auch immer, aus Gründen, mit denen ich mich abzufinden habe, scheint sie glücklich damit zu sein." Er sieht auf seine Hände und fügt leise hinzu, "Mit dir."

Verdammt richtig, Arschloch. Instinktive Reaktion, die ich versuche nicht auf meinem Gesicht sehen zu lassen.

"Also, äh, denke ich, dass wir hier zu so einer Art Einverständnis kommen sollten."

"Was für eine Art Einverständnis?"

"Ein ... ein Waffenstillstand, ich denke man könnte es so nennen."

Waffenstillstand? Sind wir im Krieg? Wie haben seit einem Monat noch nicht einmal miteinander gesprochen. Kalter Krieg vielleicht.

"Was würde das genau enthalten?"

Er sieht verwirrt aus und sieht wieder zu Scully hinüber, als wenn er ihre Unterstützung suchen würde. Hat sie ihn dazu überredet? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er das tut, um ihr zu imponieren, weil er denkt, dass es das ist, was sie will. Ihr zeigen, was für ein erwachsener Mann er ist. In jedem Falle scheint er nicht lange darüber nachgedacht zu haben, weil er keine Antwort auf die Frage parat hat.

"Ich denke ... ich denke nur, dass wir uns unserem Alter entsprechend verhalten sollten, Krycek. Nicht wie ein paar Teenager, die sich um ihre Aufmerksamkeit balgen."

Er lehnt sich mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck in seinem Stuhl zurück, wartet darauf, dass ich anbeiße und zu diesem Teenager werde. Das werde ich nicht tun. So sehr er dazu fähig ist, mich innerlich zu diesem Ort zu bringen, ich werde es niemals zeigen. Es ist ein ständiger Kampf. Ich nehme an, dass ich ihm deswegen die ganze Zeit so aus dem Weg gegangen bin. Ich weiß nicht genau, wie ich erklären soll, was er mir antut. Ich nehme an es ist irgendwie der Johnny Birch Situation ähnlich.

Johnny Birch ist mit mir zusammen in die Grundschule gegangen. Er war der coolste in der fünften Klasse. Alle Mädchen haben ihm auf Verlangen ihre Unterwäsche gezeigt und er könnte Würmer essen ohne auch nur zu zucken. Er war mein Idol und er hielt mich für ein Stück Dreck, noch nicht einmal wert, von den Sohlen seiner billigen Turnschuhe gewischt zu werden. Ich bin ihm wie ein Dackel hinterhergelaufen, ich machte seine Art nach, sich zu kleiden, seinen nervtötenden europäischen Akzent, alles. Trotzdem war ich ihm niemals gut genug. Er ging auf eine andere Junior High School und ich bin schließlich selbst sehr beliebt geworden, als ich endlich von Johnny weg war. Aber er hatte eine Freundin an meiner Schule und manchmal kam er sie besuchen. Und wann immer er im Gebäude war, war es so, als würde mich ein Verlierer-Kraftfeld umgeben. Ich verwandelte mich zurück in mein kriecherisches, Verlierer-Ich und musste mich während der Mittagspause auf der Toilette vor meinen Mitschülern verstecken, damit ich mich nicht völlig selbst blamierte.

Lange, blöde Geschichte, aber es ist der beste Vergleich, der mir im Moment einfällt. Mulder bringt mich zu einer Zeit zurück, in der ich Menschen umgebracht habe, weil die mein Gelumpe durchwühlt haben. Er zieht mich runter.

"Ich habe kein Problem damit, Mulder, aber du musst hier etwas verstehen. Die Dinge sind anders. Sie ist anders. Du kannst nicht erwarten, dass deine Beziehung mit ihr wieder so wird, wie sie war."

"Ich...ich weiß das. Sie scheint...glücklich zu sein.", windet er sich wieder um das Wort, fügt aber hinzu, "Das ist alles, worum es mir geht. Alles, worum es mir jemals ging..." und dann sieht er hoch zu einem entfernten Punkt an der Wand.

"Naja, dann haben wir ja kein Problem, oder?"

"Nein, ich, äh, ich nehme an nicht."

Ich warte darauf, dass er endlich geht aber er bleibt ärgerlicherweise immer noch da.

"Du hast mehr Glück als Verstand. Ich hoffe, dass dir das klar ist", sagt er schließlich. Das ist ein interessanter Waffenstillstand.

"Das musst du mir nicht sagen, Mulder."

Er lacht und mir bewusst, wie defensiv und bissig ich klinge.

"Entspann dich, Mann. Das ist es, was ich versuche, dir zu sagen. Du musst dir um nichts Sorgen machen."

"Ich möchte nur, dass du verstehst, dass das hier Ernst ist. Es ist kein Spiel für mich. Ich liebe sie."

Mulder macht ein angewidertes, schmerzverzerrtes Gesicht und kaut auf der Innenseite seiner Wange. Ich weiß nicht warum, aber es fühlt sich wirklich gut an, ihm das zu sagen. Endlich.

"Das ist mir klar. Ich ... ich liebe sie auch", stottert er und ich habe wieder das Gefühl, ihn schlagen zu wollen. "Deswegen bin ich bereit, sie gehen zu lassen." Wie großzügig von ihm. Wie nett.

"Ich denke nicht, dass du die Wahl hast."

Er starrt mich eine Weile ausdruckslos an und nickt dann kläglich.

"Sieh mal, ich bitte dich ja hier nicht, mein bester Freund zu werden, Krycek. Ich denke nur, dass wir ihr zuliebe, wie zivilisierte Menschen miteinander umgehen sollten."

Er steht auf und streckt seine Hand aus und ich habe nicht wirklich die Wahl, weil ich denke, dass jeder an diesem Ort uns jetzt beobachtet. Ich schüttle kurz seine Hand und der Raum wird mucksmäuschenstill, bis auf ein kleines "Oh mein Gott", das von irgendwo in der Nähe der Salatbar kommt.

Ich kann ein leises Lachen deswegen nicht unterdrücken. Mulder setzt sich wieder hin und die Leute fangen wieder an, sich zu unterhalten und sich zu bewegen, Krise abgewendet.

"Also, Krycek. Ich bin willens, hier mit dir zusammenzuarbeiten. Ich meine ich möchte dir in jeder möglichen Hinsicht helfen."

"In *jeder* Hinsicht? Was denkst du darüber, als Testobjekt bei der Entwicklung der biologischen Waffen zu fungieren?" mache ich einen halbherzigen Scherz.

"Also ihr versucht wirklich, hier eine biologische Waffe zu entwickeln? Hältst du das für eine gute Idee?"

"Es ist die einzige Möglichkeit, sie loszuwerden, Mulder."

Selbst ihm muss das doch klar sein. Es scheint allerdings nicht so. Er bekommt wieder diesen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck.

"Sie los werden, aber um welchen Preis?"

Ist das auch Teil unseres Waffenstillstandes? Hat ihm unser Händeschütteln die Erlaubnis gegeben, alles in Frage zu stellen, was ich tue?

"Um jeden Preis."

"Ist dir klar, wie gefährlich das für deine Gruppe ist, Krycek? Für die Leute, die die Waffen entwickeln, die Kinder, die hier leben..."

"Wir haben die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen."

Der eigentliche Punkt ist es, ein Gift zu entwickeln, das *nicht* gefährlich für *uns* ist. Natürlich wäre Mulder im Falle unseres Erfolges sicher in Gefahr.

"Ich frage mich, ob ihr euch am Ende vielleicht selbst zerstören könntet, bevor die euch überhaupt kriegen."

"Also, was schlägst du vor, Mulder?"

Warum ist er immer noch hier und spricht mit mir? Ich denke unser "Waffenstillstand" würde wesentlich besser funktionieren, wenn wir uns weiterhin aus dem Weg gehen würden.

"Keine Ahnung, Krycek. Ich will dir hier ja nicht widersprechen. Ich frage mich lediglich, was deine Strategie ist."

"Strategie? Mulder, ich versuche einfach, diesen Ort hier weiterhin funktionsfähig zu halten. Diese Menschen am Leben zu halten."

Kurzsichtig vielleicht, aber es nimmt tatsächlich meine ganze Zeit in Anspruch.

"Du arbeitest für die Alien Rebellen, stimmt's?"

Der Widerwillen in seiner Stimme ist offenkundig. Ich kann die Anklage hören, unausgesprochen, aber überwältigend. Die meisten Aufträge, die wir für diese Bastarde zu erledigen haben, bestehen daraus, Leute wie Mulder en masse umzubringen.

"Du denkst, das wird euch auf lange Sicht hin helfen?"

Plötzlich überkommt mich eine lebendige Erinnerung daran, wie ich damals vor all den Jahren herausgefunden habe, dass Mulder "tot" ist. Ich erinnere mich daran, wütend gewesen zu sein, reuevoll, dass er nicht mehr in der Lage sein würde, vor meiner Tür aufzukreuzen und mir zu sagen, um wie vieles besser er diesen Ort führen könnte. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass sein Tod mir etwas von meiner Hoffnung genommen hat. Gott, was für ein verdammter Idiot ich damals war.

"Es hilft uns jetzt. Sie geben uns die Güter, die wir brauchen."

"Aber wie lange? Ich meine, vertraust du ihnen wirklich? Weißt du überhaupt, warum sie euch benutzen, um deren Dreckarbeit zu erledigen? Es ist ja nicht gerade so, dass sie es nicht selbst tun könnten. Und sehr viel effizienter."

Denkt er, dass ich über all das nicht schon nachgedacht habe? Dass ich irgendwie unzurechnungsfähig bin? Um Himmels Willen, es ist nicht so, dass wir hier eine riesengroße Menge an Möglichkeiten gehabt hätten.

"Also, was denkst du, wo wir die ganzen Sachen herbekommen sollten, die wir zum Leben brauchen, Mulder? Auf dem Wochenmarkt?"

"Du hast eine Farm hier, Krycek. Ich denke, dass alles im Moment ohne sie ganz gut läuft."

"Bis die uns umbringen, weil wir ihnen den Rücken zugekehrt haben."

Er redet wieder, aber ich kann nicht mehr zuhören. Ich muss mich eine Weile in mich zurückziehen und mich wieder zusammennehmen. In meinen Ohren habe ich ein Klingeln, das sicherlich den Anfang höllischer Kopfschmerzen darstellt und der alte Phantomschmerz ist das erste Mal seit Monaten wieder zurück. Er macht mich körperlich krank. Mein Gott, wenn es nicht wegen Dana wäre, dann wäre er bei seiner Ankunft schon tot gewesen. Ich atme ein paar Mal tief durch und zerreiße die Serviette auf meinem Schoß in eine Million und ein kleine Stückchen und fange wieder an ihm zuzuhören.

"...also frage ich mich nur, ob du dich hier vielleicht ein bisschen zu behaglich eingerichtet hast. Dich dem Status Quo angepasst hast, verstehst du? Ich meine es ist verständlich. Du hast hier eine großartige Sache laufen und natürlich willst du, dass es so bleibt. Alles was ich sage ist ..."

"Ich *weiß*, was du sagst, Mulder."

Jetzt hör endlich auf, es zu sagen. Mein Gott, wo zum Teufel steckt Dana? Ich nehme an, sie ist immer noch an der Salatbar und wartet auf den Beginn einer Essensschlacht.

Gott, woher kommt er überhaupt? Kritisiert mich dafür, dass ich für die Rebellen arbeite und hat die letzten sechs Jahre damit verbracht, Papierkram für die gottverdammten Kolonisten zu erledigen. Ich hasse ihn.

"Vielleicht solltest du damit anfangen herauszubekommen, warum der rauchende Hurensohn euch schon so lange so weitermachen lassen hat. Ich kenne jemanden, der vielleicht in der Lage ist, dir ein paar Informationen darüber zu geben."

"Und wer sollte das sein?"

"Marita."

"Marita?"

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder ausspucken soll. Ich lache.

"Ich denke du kannst ihr vertrauen, Krycek. Und ich denke, dass sie eine Menge über die weiß."

"Ja, ja, sie ist wirklich gut darin, jemanden *glauben* zu lassen, sie wüsste eine Menge. Sie weiß überhaupt nichts. Und wenn sie etwas wissen würde, würde sie mir nichts darüber erzählen. Und alles, was sie mir erzählen würde, wäre sowieso eine Lüge."

Ich hatte allerdings trotzdem die Absicht, die zu vernehmen. Sie scheint in der letzten Zeit ziemlich gut beieinander zu sein, dem nach zu urteilen, was ich so höre. Ich muss herausfinden, was zur Hölle ich mit ihr anfangen soll.

"Naja, das ist jedenfalls meine Empfehlung. Ich denke, dass sie dir helfen könnte. Du bist doch der große Boss hier, richtig? Du kannst sie zum reden bringen, King Krycek." Er macht ein vertrautes überhebliches Gesicht und nimmt sich einen Tater-Tot von Scullys Tablett und steckt es in seinen Mund.

"Sie kommt wieder, wie du weißt."

"Ja, aber sie mag keine Tater-Tots."

"Doch das tut sie."

Er lacht und endlich, ENDLICH, steht er auf und beginnt zu gehen.

"Weißt du, für jemanden, der so viel Glück hat wie du bist du ziemlich verkrampft", sagt er, als er an mir vorbeigeht.

Ich spüre etwas auf meinem Kopf und will schon danach schlagen, weil ich denke, dass es eine Art Insekt ist. Dann bemerke ich, dass es Mulders Hand ist, die meine Haare zerzaust.

"Du solltest hin und wieder mal versuchen zu lächeln", sagt er jovial. Ich habe eine Waffe an meinem Stiefel festgeschnallt. Ich könnte ihn gleich jetzt in den Rücken schießen, während er aus der Tür geht. Es wäre so einfach. Wenn nur ...

"Was zum Teufel ist hier gerade passiert?"

Wenn nur diese Frau nicht weinen würde, wenn ich ihn umbringe.

Sie setzt sich dieses Mal neben mich, anstatt mir gegenüber und nimmt meine Hand in ihre. Mir ist danach zumute, sie auf meinen Schoß zu ziehen und sie ganz fest an mich zu drücken. Ich will nicht, dass sie wieder ins Labor zurückgeht. Zu ihm.

"Ich bin nicht ganz sicher. Erst wollte er mein Freund sein und dann wollte er mir all das sagen, was ich falsch mache."

Sie lacht leise und schüttelt ihren Kopf mit einer Mischung aus Unglauben und Amüsement. Ich frage mich, was dazu nötig wäre, dass sie mir sagt, was ich richtig mache.

"Hey, möchtest du nach Hause gehen und den Rest des Nachmittags frei nehmen?" ich lehne mich zu ihr und flüstere ihr das ins Ohr. Ich sehe sie mit meinem besten "Fick mich" Blick an, aber ich möchte wirklich einfach nur mit ihr ins Bett kriechen, sie im Arm halten und sie mich berühren lassen, sie sagen hören, dass sie denkt, dass ich die beste Sache seit Schnittkäse bin.

"Ich kann nicht, Alex. Ich bin gerade bei etwas wichtigem. Tatsache ist, ich sollte zurückgehen."

"Bist du sicher?" versuche ich wieder und küsse diesmal ihren Hals um es zu unterstreichen. Sie lehnt sich zu mir und seufzt, ob vor Erregung oder Bedauern kann ich nicht genau sagen.

"Mmmmsehr."

Sie dreht sich für einen kurzen Kuss zu mir und dann ist sie auf ihren Füßen auf dem Weg nach draußen.

"Du hast heute etwas gutes getan, Tschiwodnoje", sagt sie mir und dann geht sie aus der selben Tür, aus der Mulder vor fünf Minuten gegangen ist und lässt mich mit einem Haufen ungegessener Tater-Tots allein.

Ende Kapitel 8

 

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Kapitel 9

Morgen habe ich Geburtstag. Ich werde dreiundvierzig Jahre alt. Ich habe fast ein weiteres Jahre geschafft.

Das erste Mal, als mir klar wurde, dass ich an Krebs sterben würde, war es eine Art Schock. Es gab Hinweise, ja, subtile Anzeichen über die Jahre hinweg, dass mir so eine Sache als Folge aus meiner Entführung widerfahren könnte. Aber trotzdem, es war nichts, was ich ernstlich als Möglichkeit in Erwägung gezogen hätte. Bis es Realität geworden ist.

Als ich herkam, als mein Chip entfernt wurde, wusste ich, dass er wiederkehren könnte. Es war ein Risiko, das ich auf mich genommen habe, von dem ich das potentielle Ergebnis kannte und völlig darauf vorbereitet war, der Krankheit wieder gegenüberzutreten, wenn es notwendig werden sollte. In den ersten zwei oder drei Jahren war jeder Monat, der ohne ein Zeichen davon vorbeiging, ein Segen für mich. Ein Geschenk. Aber ich habe die Bedrohung immer noch leuchten sehen. Nach vier oder fünf Jahren hat die Angst etwas nachgelassen. Ich habe mir gedacht, dass wenn ich wieder krank werden würde, es schon längst passiert sein müsste. Ein paar von den früheren Sklaven haben es bekommen, aber nicht alle von ihnen. Ich dachte ich wäre eine von den glücklichen.

Im vergangenen Jahr sind meine Sorgen über die Rückkehr des Krebses in den Hintergrund meines Bewusstseins getreten. Ich habe weiterhin an einem Heilmittel gearbeitet, zum Wohle der unglücklichen Individuen, die krank geworden waren, aber im allgemeinen wurde ich dazu verleitet zu glauben, ich sei immun. Es hat so lange angehalten. Und Alex...mit Alex zusammen zu sein, gibt mir manchmal das Gefühl, ich sei unbesiegbar. Aber ich bin es nicht.

Ich habe heute morgen Nasenbluten bekommen.

Ich bin mit Kopfschmerzen aufgewacht. Nein, es war wesentlich schlimmer als Kopfschmerzen. Es fühlte sich an, als wenn mein Schädel in eine Million Teile zerplatzen würde. Ich denke ich habe tatsächlich im Schlaf vor Schmerzen geweint. Als ich meine Augen öffnete sah ich, dass Alex immer noch schlief und rollte mich leise aus dem Bett und ging ins Bad. Ich spritzte mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht und als ich so dort stand, über dem Waschbecken zusammengekrümmt, beobachtete ich, wie rote Tropfen das Weiß des Porzellans zu färben begannen. Alles, woran ich denken konnte war, wie ich diese Flecken wegwischen müsste und wo ich das Handtuch verstecken könnte, das ich verwendet habe, so dass es Alex nicht sehen würde.

Es dauerte eine ziemlich lange Zeit. Sehr viel länger als die, die ich das erste Mal hatte. Viel mehr Blut. Die Kopfschmerzen waren eine Warnung nehme ich an. Sie kamen nicht völlig überraschend, so wie es früher war. Das könnte gut sein. Könnte einfacher sein, es zu verbergen, wenn sie auftreten.

Der Gedanke, ein solches immenses Geheimnis vor Alex zu verbergen ist so furchtbar, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun sollte. Seine Reaktion auf die Krankheit wäre für mich wesentlich schwerer zu handhaben, als die Krankheit selbst.

Ich erinnere mich an Mulders Leugnen, seine Unfähigkeit, die Möglichkeit meines Todes in Betracht zu ziehen. Manchmal hatte ich das Bedürfnis, ihn zu schütteln, ihn auf den Hinterkopf zu schlagen und ihn anzuschreien, "Ich STERBE! Begreifst du das nicht?"

Es war frustrierend, aber es hat für uns funktioniert. Vermeidung war das herausragende Kennzeichen unserer Beziehung.

Alex leugnet nicht. Er würde es akzeptieren. Er würde es glauben und völlig verstehen, was es bedeutet. Und dann würde er wahrscheinlich verrückt werden.

Ich bin sicher, dass er sich selbst die Schuld geben würde. Er war schließlich derjenige, der den Chip rausgenommen hatte. Ursache und Wirkung. So arbeitet sein Verstand. Er würde nicht in Betracht ziehen, dass ich diesen Weg selbst gewählt habe.

Dann würde er versuchen, einen Angriffsplan auszuarbeiten. Eine Möglichkeit, die Krankheit zu töten, sie durch puren Willen allein aus meinem Körper zu zwingen. Und wenn ihm klar werden würden, dass er das nicht kann, würde er sich dafür auch selbst die Schuld geben.

Und dann würde er entscheiden, dass ich in meinem Zustand nicht mehr arbeiten sollte. Dass ich überhaupt nichts mehr tun sollte. Er würde mich in einer diesen lebensverlängernden Blasen einschließen, wenn er könnte. Er würde mich verrückt machen mit seiner Sorge und Überbeschützung und seinen Gefühlen der Hilflosigkeit. Wir würden uns beide miserabel fühlen.

Wenn ich sterben werde, möchte ich meine letzten Tage auf der Erde in relativem Frieden verbringen. Ich möchte das, was ich habe genießen, ohne den unvermeidlichen Verlust davon betrauern zu müssen. Ich möchte, dass Alex mich genießen kann, ohne dass dieses Damoklesschwert über unseren Köpfen hängt.

Und vor allem möchte ich ein Heilmittel finden. Ich werde ein Heilmittel finden. Er wird niemals davon erfahren müssen. Ich werde ihn niemals diesen Schmerz fühlen lassen.

Nachdem die Blutung aufhört, bin ich direkt ins Labor gegangen, als es noch nicht mal richtig dämmerte. Jetzt wo ich hier bin, weiß ich nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll. Ich fühle mich dem Durchbruch so nahe, aber ich habe mich schon seit Ewigkeiten so gefühlt. Ich habe an meinem Schreibtisch gesessen, seit ich hergekommen bin und lese die Daten durch, die Roseanne in den letzten sechs Monaten aufgezeichnet hat. Wir haben schon vor langer Zeit aufgehört, uns auf diese alten, klapprigen Computer zu verlassen. Ich weiß, dass die Antwort irgendwo in diesen Seiten steckt. Es ist einfach so, dass man ein und eins zusammenzählen muss.

Ich höre, wie sich die Tür öffnet und schließt und Schritte, die sich in meine Richtung bewegen. Zu schwer und laut, um Roseannes Schritte zu sein. Ich nehme an es ist Mulder.

Ret wacht aus seinem Schlummer in der Ecke auf und steht auf, als er das Geräusch hört. Ich weiß nicht genau, warum ich mich dazu entschlossen habe, ihn heute mit auf Arbeit zu nehmen. Ich nehme an, ich brauchte einfach die Gesellschaft. Ich habe ihn von dem Krebs erzählt, als wir hierher gelaufen sind. Er hat es gut aufgenommen.

Mulder findet seinen Weg durch das Gewirr von Mikroskopen, Tabletts, Gewebeproben und anderen sortierten Zubehör und erreicht meine kleine Denkerecke in dem großen Raum. Ret fängt an zu knurren und bleckt sofort seine Zähne und mir fällt ein, dass Mulder noch nie meinen Hund getroffen hat.

"Ret, nein! Sitz!"

Er tut das und Mulder schaut zwischen uns hin und her, perplex.

"Entschuldige, er ist ein bisschen übereifrig."

"Du hast einen Hund, Scully?"

"Offensichtlich."

Er grinst mich sarkastisch an.

"Ret, das ist Mulder. Mulder gut. Guter Mulder."

Er lacht und kniet sich hin um ihn zu streicheln. Ret hechelt und hüpft glücklich auf und ab, beruhigt durch meine positive Reaktion auf Mulders Anwesenheit.

"Hi Rhett. Wo ist Scarlet?"

"Nicht dieser Rhett, Mulder. R.E.T. Ret, Abkürzung für Ret...ikulaner."

Ich nehme an, dass ich die Bedeutung dieses Namens fast vergessen habe, die er zu der Zeit für mich hatte, als ich Ret gefunden habe. Mulder scheint es augenblicklich zu verstehen.

"Das ... das ist ein guter Name."

Ret rollt sich auf seinen Rücken und wedelt mit den Pfoten in der Luft.

"Er möchte, dass du seinen Bauch kratzt", sage ich ihm. Ich überlasse sie ihrem gemeinsamen Spiel und lese weiter. Sie scheinen sich prächtig miteinander zu amüsieren.

Nach ungefähr zwanzig Minuten spüre ich ein Klopfen auf meiner Schulter. Ich drehe mich um und sehe einen ziemlich verlegen dreinschauenden Mulder.

"Scully, ich ... ich wollte dir etwas geben", murmelt er, mit den Händen in den Taschen. Mist. Mein Geburtstag. Was könnte er für mich haben? Es ist nicht gerade so, dass er mal schnell ins Einkaufszentrum flitzen und eine Flasche Chanel No.5 besorgen könnte.

"Als ich aufwachte nach dem ... was immer mir widerfahren war, habe ich das in meiner Tasche gefunden. Ich habe es die ganze Zeit behalten, weil ich mich an die Dinge erinnerte, wie sie früher waren. Als die Welt noch bei Verstand war. Und..."

Er räuspert sich und schaut mir in die Augen. Seine scheinen direkt durch mich hindurch zu sehen. Ich sehe darin ein anderes Leben.

"Und an dich. Es erinnerte mich an dich. Gab mir Hoffnung."

Er zieht seine rechte Hand aus seiner Tasche und hält sie mir als Faust hin. Ich öffne meine Handfläche darunter und er lässt das kleine Stück Papier in meine Hand fallen.

"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Scully. Ich hoffe, dass es dir auch Hoffnung gibt."

Er küsst mich oh-so-kurz auf die Wange, geht wieder zurück zu Ret und hockt sich neben ihn.

Ich starre auf das zerfetzte Objekt und versuche die Schrift darauf zu entziffern. Es wird von mehreren Streifen durchsichtigen Klebebandes zusammengehalten. Genaugenommen ist es mit dem Zeug völlig bedeckt, was ihm ein beschichtetes Aussehen gibt. Aber ich kann die Stellen sehen, an denen es zerrissen und entwertet wurde.

Discount Multiplex. Das bedeutet das Wort ganz oben. Ein Kino. Es ist eine Eintrittskarte eines Kinos. Das Datum ist kaum zu erkennen, aber das Jahr ist 1999. Ich erinnere mich. Wir waren in New York, während wir an einem unserer letzten Fälle gearbeitet haben. Es war Winter. Nur ein Monat oder so, bevor es begann. Ich erinnere mich nicht an die Einzelheiten des Falles. Alles woran ich mich erinnere, ist Mulder, wie er mich in das Kino geschleift hat, als wir alles erledigt hatten und auf unseren Flug nach Washington gewartet hatten. Es fiel etwas Schnee. Wir mussten fünf oder sechs Stunden überbrücken und er sagte, dass er diesen Film schon seit dem Sommer sehen wollte. Der Film, Austin Powers. Herabgesetzter Eintrittspreis, weil der Film schon seit Monaten lief.

Es war der blödeste Film, den ich je gesehen habe. Aber ich habe es gemocht, neben Mulder in der künstlichen Wärme des Kinos zu sitzen, ihn über all die furchtbaren Witze lachen zu hören, den großen Becher Popcorn mit ihm zu teilen, bis uns die Buttersoße die Finger hinunter lief. Es hat Spaß gemacht. Es war der letzte Spaß, den wir hatten.

"Danke, Mulder", flüstere ich und halte die Karte fest in meiner Hand. Und dann lese ich weiter.

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Das ist die lächerlichste Show, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Selbst für Alex ist das absurd. Ich bin heute morgen von einem Hämmern an meiner Tür aufgewacht. Ich habe mich aus dem Bett erhoben, obwohl es eine absolut unchristliche Stunde zum Wachsein war und entdeckte die drei großen, waffentragenden Männer, die schwarz gekleidet in meinem Flur standen.

Ich hatte immer noch meinen Schlafanzug an, aber die brutalen Bastarde schienen das weder zu bemerken noch schien es sie zu kümmern. Sie drängten sich in mein Zimmer und befahlen mir, Schuhe und einen Mantel anzuziehen. Ich fragte sie, was das alles solle, aber sie weigerten sich, noch ein einziges Wort zu sagen. Sie führten mich über die schneebedeckten Wege, in meinem Nachthemd, Stiefeln und einem lächerlichen Second-Hand Parka, während sie die ganze Zeit eine Waffe in meinen Rücken drückten.

Ich nehme an, dass es keine wirkliche Überraschung sein sollte, zu wem sie mich führen. Der Mann, der hinter dem Schreibtisch sitzt, hat mir den Rücken zugewendet, aber ich weiß, wer er ist.

Es kann nur ein einziger Mensch sein. Wenn die Schläger ihn nicht verraten hätte, dann hätte es dieses lächerlich ordentliche Büro getan. Alles beschriftet und nach Name und Farbe sortiert, in kleinen beschrifteten Ablagefächern abgelegt. Mein Gott, er ist sogar noch schlimmer geworden. Der größte ordnungsfanatische Verbrecher, den ich je gekannt habe. Er mag denken, er sei jetzt ein besserer Mensch, aber das ist er nicht. Nicht für mich. Ich erinnere mich jetzt. Ich erinnere mich an alles. Nichts als ein Verbrecher.

Er dreht sich zu mir um wie irgendein erbärmlicher Bösewicht aus einem James Bond Film und nickt seinen persönlichen Bodyguards zu.

"Es ist in Ordnung", sagt er mit einer Handbewegung und das Trio verlässt den Raum. Er schaut mich von oben bis unten an mit einem schauerlich ausdruckslosen Gesicht. Ich frage mich, ob er mich erschießen wird.

"Setz dich", sagt er höflich, als wenn er mich zum Tee eingeladen hätte.

"Gibt es einen bestimmten Stuhl, in den ich mich setzen soll, Eure Hoheit?"

"Setz. Dich."

Ich nehme den Klappstuhl ihm gegenüber und verschränke meine Arme. Das ist besser verdammt gut.

"Nun, ist das nicht viel bequemer?" fragt er.

"Bequemer als was? Mit einer Waffe im Rücken im Schlafanzug über den Campus geschleppt zu werden?"

Seine Lippen verziehen sich zu einem eigenartig verzerrten Lächeln. Das muss so amüsant für ihn sein, endlich seine Macht über mich ausspielen zu können. Über jeden. King Alex, Herrscher über den größten Misthaufen, der auf dem Planeten Erde übriggeblieben ist.

"Was soll das bedeuten, Alex? Was ist so wichtig, dass du mich vor der Morgendämmerung aus dem Bett zerren musst, bevor ich überhaupt geduscht habe? Nicht, dass es jemals heißes Wasser geben würde."

"Oh, es tut mir leid Prinzessin. Sind die Bedingungen nicht zu Ihrer Zufriedenheit?"

"Tatsächlich sind sie es nicht. Ich hatte vor, meine Unterbringung mit dir zu diskutieren. Ich bin mir sicher, dass es auf diesem Campus größere Zimmer geben muss. Mit privaten Toiletten und Küchen ..."

Er schlägt seine Faust auf den Tisch in so einer Art Versuch, bedrohlich zu erscheinen. Der kleine Bleistifthalter, der auf der Ecke stand kippt um, und verstreut ungefähr ein Dutzend so schön ordentlich gespitzter Bleistifte der Größe 2 auf den Boden.

"Hör mir zu. Das ist mein Ort. Und du bist privilegiert, hier zu leben. Du hast Glück. Glück, dass ich dir gestatte, hier zu bleiben."

Privilegiert? Was für ein Witz. Hier zu leben ist meine Strafe. Wofür weiß ich nicht.

"Alex, was willst du? Warum hast du mich herkommen lassen?"

Er lehnt sich zurück und sieht mich nochmals gruselig von oben bis unten an. Gut, dass er nur eine richtige Hand hat. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn er immer noch beide hätte, würde er sie boshaft aneinander reiben.

"Lass mich dir eine Frage stellen, Marita. Du bist eine freie Frau..."

Bin ich? Das ist ein interessanter Blick auf die Situation. Ich nehme an, Freiheit ist relativ.

"Du bist keine Sklavin mehr, du scheinst dich gut angepasst zu haben, du siehst gesund aus. Gut, eigentlich siehst du ziemlich gut aus. Du bist stark und du scheinst dich wieder im Griff zu haben. Du scheinst außerdem sehr unglücklich mit deiner Umgebung zu sein. Also ... was machst du immer noch hier?"

Das ist es, warum ich nicht wirklich frei bin. Warum ich es niemals war und niemals sein werde.

"Du bist mit jemandem in Kontakt."

Das ist keine Frage. Er weiß es. Natürlich. Hat es jemals einen Zweifel daran gegeben, dass er mir jede Sekunde folgen würde? Was sollte ich gleich in dieser Situation tun? Alex sollte es jetzt aus irgendeinem mysteriösen Grund noch nicht wissen. Aber ich muss ihm offensichtlich hier eine Art Erklärung anbieten. Verdammt sei er, dass er mich in diese Situation gebracht hat. Beide seien verdammt. Und auch Mulder. Alle. All die Männer. Es scheint so, als hätten sich die Dinge verändert, aber das tun sie niemals wirklich.

"Kontakt? Alex, ich weiß nicht, wovon du sprichst", lüge ich zweckloserweise. Ich nehme an, es gibt immer noch die minimale Chance, dass er blufft.

"Oh, komm schon, Marita. Du wanderst in die Wälder und denkst, ich würde niemanden schicken, der jede deiner Bewegungen überwacht? Mein Gott, ist dir überhaupt klar, wie ernsthaft du die Sicherheit dieses Ortes gefährdest?"

"Alex, beruhige dich. Du musst dir um nichts Sorgen machen."

"Wer ist er? Was will er von dir?"

Gibt es irgendeinen Grund zu lügen? Ich weiß es noch nicht einmal. Es macht mir noch nicht einmal wirklich etwas aus. Ich habe das alles so satt.

"Ich kenne seinen Namen nicht. Er arbeitet für einen Verwandten von mir, der mir ein paar Mitteilungen zukommen lassen wollte. Das ist alles."

"Welcher Verwandte?"

"Alex, willst du die persönlichen Details aus jedermanns Privatleben wissen, oder nur aus meinem?"

"Jedermanns Privatleben bringt nicht die ganze Gruppe in Gefahr."

"Also, so funktioniert das hier? Wir alle opfern unsere Privatsphäre für das Wohl der Gruppe?"

"Das fasst es ungefähr zusammen, ja."

"Meine Rede. Was für ein guter kleiner Kommunist du bist."

Seine Augenbrauen heben sich und seine Lippe zuckt ein bisschen. Er versucht, es nicht zu verraten, aber ich habe offensichtlich einen wunden Punkt getroffen. Ich kann es nicht fassen, dass er immer noch empfindlich wegen dieser Sache ist. Es ist ja nicht so, als hätte das Wort noch irgendeine Bedeutung.

"Wir tun, was wir tun müssen. Um zu überleben", brummt er durch zusammengebissene Zähne. "Wenn dir das nicht gefällt, geh. Aber wenn du vorhast zu bleiben, dann wirst du mir lieber gleich sagen, wer dieser Mann ist, oder du wirst andere Absprachen treffen müssen."

Naja, das war's dann wohl. Erzähl Alex alles, oder werde rausgeworfen. Was bringt mich wohl mehr in Schwierigkeiten? Das Geheimnis zu früh preisgeben, oder mich rauswerfen zu lassen? Das letztere würde mehr Probleme für mich mit sich bringen.

"Ich habe es dir gesagt. Er arbeitet für einen Verwandten von mir. Jemanden, der mich kontaktieren wollte. Jemanden, der dir helfen will."

"Mir helfen?"

Er schaut einen Augenblick lang misstrauisch und bricht dann in Gelächter aus. Auf einmal sieht er erschreckend jung aus, obwohl es ein Lachen aus Bitterkeit und nicht aus Fröhlichkeit ist. Er ist wirklich nicht sehr gealtert. Diese Krähenfüße um seine Augen sind tiefer und zahlreicher geworden und er hat ein paar graue Strähnen in seinen Haaren, aber er hat immer noch dieselben zeitlosen Charakterzüge.

"Hör zu, glaub mir, oder lass es bleiben. Es macht für mich keinen Unterschied."

"Warum würde irgendein Verwandter von *dir*, *mir* helfen wollen, Marita?"

Warum, tatsächlich. Wahrscheinlich deshalb, weil er Alex immer wie sein eigenes Kind behandelt hat. Mehr, als jede seiner Töchter. Ich nehme an, dass er immer einen Sohn wollte.

"Ich weiß nicht Alex. Du kanntest ihn besser als ich ihn je gekannt habe."

Er kaut auf seiner Unterlippe und denkt etwa eine Minute darüber nach. Er kann die Neugier jedoch nicht länger aushalten.

"Also, wer zum Teufel ist es?"

"Dein alter Freund, Alex. Der einzige Mensch, den es jemals gejuckt hat, ob du lebst, oder tot bist."

Er sieht immer noch total verwirrt aus, der Idiot.

"Ich gebe dir drei Hinweise. Britisch, unmodern und unerträglich anmaßend."

Er reißt geschockt seine Augen auf und kneift sie gleich wieder misstrauisch zusammen.

"Er will dich treffen. Er sagt aber, dass es dafür jetzt noch zu früh ist."

Er seufzt, schiebt seinen Stuhl zurück und läuft zur Vorderseite seines Schreibtisches. Er lehnt sich dagegen und fährt sich mit den Fingern durch die Haare.

"Wie ist er mit dir verwandt?" fragt er leise. Er ist mir jetzt sehr nahe. So nahe, dass ich ihn riechen kann. Kein After Shave hier für den eitlen jungen Mann. Nur er. Geruch ist eine fast nostalgische Empfindung. Der Geruch von Alex bringt mich an einen sehr dunklen Ort zurück.

"Er ist mein Vater."

"Wa...was?" bringt er unter einem nervösem Lachen heraus. Ich bin tatsächlich ein wenig überrascht, dass er das nicht schon längst gewusst hat. Ich dachte, dass der alte Tölpel seinem kleinen Protegé alles über alles erzählt hätte.

"Okay...also..." stammelt er und versucht, seine Gedanken wieder zusammen zu bekommen. "Also, hast du ihn tatsächlich *gesehen*? Hast du mit ihm gesprochen?"

"Nein. Dieser Mann hat mir allerdings einen Brief von ihm gegeben. Wenn du ihn liest ... naja, er kann von keinem anderen sein."

"Also du bist sicher, dass du diesem Mann vertrauen kannst?"

"Gewissermaßen."

"Gewissermaßen..."

Er seufzt und schaut mit einer Grimasse an die Decke.

"Und wo ist dein Va..Vater?"

"Ich weiß es nicht. Der Mann wollte es mir nicht sagen. Er will nicht, dass ich es jetzt schon weiß."

Noch ein Seufzen und ein bisschen Zappeln. Armer Alex. Ich habe ihn noch nie so nervös gesehen.

"Alles klar. Äh...wir haben Donnerstag morgen eine Vorstandssitzung. Ich möchte dich dabei haben. Aber ich möchte nicht, dass du irgend jemandem erzählst, was du mir gerade gesagt hast. Nicht, bevor wir mehr darüber wissen."

Perfekte Lösung. Eine Vorstandssitzung. Er ist so ein Vollblut-Bürokrat.

"Also, was werde ich bei dieser Sitzung machen?"

"Nur...nur dabei sein."

"Werden sich deine 'Vorstände' nicht fragen, was ich da tue?"

Es schüttelt verneinend seinen Kopf und geht wieder hinter seinen Schreibtisch.

"Du bist dort, weil ich dich darum gebeten habe. Das ist alles", teilt er mir mit, setzt sich wieder hin und wedelt mit der Hand vor seinem Gesicht herum. Er sieht zu den Blättern auf seiner Schreibunterlage hinunter und beginnt, damit zu hantieren. Ich nehme an, dass ist mein Hinweis, dass ich gehen soll. Aber da gibt es noch etwas wichtiges, was wir noch nicht besprochen haben.

"Wirst du Scully hiervon erzählen?"

Er schaut auf und legt seinen Kopf zur Seite.

"Wie bitte?"

"Wirst du es Scully erzählen?"

"Scully ist nicht dein Problem."

Noch nicht. Das heißt nicht, dass sie es niemals sein wird. Ich habe sie zusammen gesehen. Sie hat ihre Krallen so tief in ihm hineingeschlagen, dass er eine Spitzhacke brauchen wird, um sie wieder heraus zu bekommen. Es ist ein Rätsel für mich, was die beiden aneinander finden. Sie ist ganz sicher nicht sein Typ und Gott weiß, er ist nicht ihrer.

"Sie mag mich nicht sehr, Alex."

Er lacht diesmal wirklich amüsiert.

"Wie sehe ich aus? Wie der Gruppen Beziehungsratgeber? Sie ist nun mal so. Sie ist vielen Leuten gegenüber still und reserviert."

"Allerdings nicht zu dir, wie ich annehme."

"Marita..."

"Vielleicht ist sie eifersüchtig?"

"Marita, tu mir einfach den Gefallen und sprich noch nicht einmal mit ihr, okay?"

Mein Güte. Wie völlig paranoid. Ich frage mich, wieviel von seinem früheren Leben er mit seiner neuen Freundin geteilt hat.

"Was hast du ihr alles nicht erzählt, Alex?"

"Es geht dich nichts an, was ich ihr erzähle oder nicht. Ich will einfach, dass du nichts über irgendetwas zu ihr sagst."

Naja, sie hat nicht gerade den Eindruck gemacht, als wolle sie mit mir plauschen. Wovor hat er solche Angst? Sieht so aus, als hätte ich einen weiteren weichen Punkt an ihm entdeckt.

"Warum sollte ich etwas sagen?"

"Tu...tu es einfach nicht! Ich möchte nicht, dass du oder irgendjemand sonst etwas zu ihr sagt, das sie verletzen könnte."

Er klingt so, als wäre er der Panik nahe. Gut. Er sollte wissen, dass er hier nicht der einzige ist, der Macht hat.

"Oh, keine Sorge Alex. Ich werde deine kleines Schätzchen schon nicht verletzen."

"Okay, geh und dusch dich, Prinzessin. Wir sind hier fertig."

Ich nehme an das sind wir. Im Moment. Aber ich habe das Gefühl, der Spaß hat gerade erst angefangen.

Ende Kapitel 9

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Kapitel 10

"Also, warum bist du heute morgen so früh zur Arbeit gegangen?"

Dana sieht zu mir auf, den Mund voll von dem Irish Stew, das ich ihr in den letzen zwei Stunden als Geburtstagsessen gekocht habe. Es ist ihr Lieblingsessen. Na ja, ihr liebstes Essen von dem, was ich mit den begrenzten zur Verfügung stehenden Zutaten zubereiten kann. Ihr Augen flackern und reflektieren das gedämpfte Licht, dass von den Teelichtern kommt, die ich heute morgen aus dem Lagerhaus herausgeschleust habe. Sie kaut, schluckt und trinkt einen Schluck Wasser. Dann wischt sie sich ihren Mundwinkel mit der Serviette ab. Der ganze Prozess scheint eine unnormal lange Zeitspanne in Anspruch zu nehmen.

"Ich musste...ich musste die Heizleitung noch mal in Ordnung bringen." Ihr Blick senkt sich auf ihren Teller während sie spricht. "Die Heizung hat nicht funktioniert, als ich gestern gegangen bin, deswegen hatte ich gedacht, dass ich heute früher hingehe und es zum Funktionieren bringe, bevor alle anderen kommen."

Sie lügt mich an. Ich weiß es einfach. Es steht quer über ihrem Gesicht. Sie ist die schlechteste Lügnerin der Welt.

Ich nehme an, dass ich kein Recht habe, deswegen wütend zu sein. Als sie heute früher nach Hause kam, war das erste, was sie mich gefragt hat, was ich heute getan habe. Ich habe ihr nichts von Marita erzählt. Eine Unterlassungslüge, was aber genauso schlimm ist.

Ich wollte es ihr sagen. Ich will es immer noch. Ich möchte wissen, was zur Hölle sie darüber denkt, was ich wegen dieser ganzen Sache tun sollte. Ich muss das wissen. Ich habe immer ihren Rat gebraucht, ihre Einfälle, bevor mir überhaupt klar war, dass ich sie gebraucht habe.

Aber es wäre enorm schwierig, ihr meine Beziehung zu diesem Mann zu erklären, mit Maritas verdammtem Vater um Himmels Willen. Ich bin mir sicher, dass sich Dana an ihn erinnert. Ich bin mir sicher, sie würde ihm nicht vertrauen. Ich könnte es nie erklären, warum ich das tue. Nicht ohne ihr die Dinge zu erzählen, die sie nicht hören will.

Und ganz offen gestanden, ihr von meinem Treffen mit Marita zu erzählen würde bedeute, ihr von der erbärmlichen kleine Show zu erzählen, die ich abgezogen habe. Es würde sie anwidern zu hören, wie tief ich gesunken bin. Wie weit mich diese Frau in den Schmutz zieht.

Und natürlich müsste ich den Teil mit Maritas unverblümten Drohungen am Ende unseres Gespräches auslassen. Drohungen, Scully die Dinge zu erzählen, die ich ihr schon seit Monaten zu erzählen versuche. Dinge, von denen sich mich nicht sprechen lassen will, aber die sie, nach allem was ich weiß, brennend gern von jemand anderem hören würde. Und das wäre das Ende.

Also, ich habe meine Gründe, meine Geheimnisse für die nächste Zeit für mich zu behalten. Ich nehme an, dass sie auch die ihren hat. Das Problem ist nur, dass ihre Geheimnisse das Potential haben, mich völlig zu zerstören. Sie hat dieses Potential. Das ist mir erst in letzter Zeit klargeworden.

Ich habe Mulder in letzter Zeit aufmerksam beobachtet. Die ganze Zeit seit unserem sogenannten Waffenstillstand. Er hatte mir gesagt, er sei willens, sie gehen zu lassen, aber ich habe keine Beweise dafür gesehen. Alles was ich gesehen habe ist, dass er wie ein Straßenköter, der nach Futter sucht um sie herumschleicht, seine dreckigen Pfoten nicht von ihr lassen kann, sobald ich zwei Schritte weit weg bin. Es ist nicht so, dass ich erwartet hätte, dass er sein Versprechen einhält. Es ist nicht so, dass ich ein einziges Wort von dem geglaubt habe, was an diesem Tag aus seinem Mund kam. Die ganze Sache war einfach zu unmöglich, um sie einfach zu schlucken.

Dana mag denken, dass er die gute Junge hier ist, der unschuldige, erbärmliche, abgelegte Ex-Liebhaber, der nur ihr bestes will, nur ihr Freund sein will. Aber ich weiß, was er wirklich will.

Also, vielleicht ist es paranoid von mir, alles was sie sagt und tut zu analysieren. Vielleicht sollte ich nicht das Gefühl haben, als wenn ich mein Herz jedes Mal herausgerissen wird, wenn sie die Wahrheit ein wenig verbiegt. Und vielleicht wären die Dinge ein wenig anders, wenn die frühere Liebe ihres Lebens nicht mehr Zeit mit ihr verbringen würde, als ich selbst. Ich nehme an, dass ich keine Chance habe, das herauszufinden, weil sie mich nicht ein einziges Mal angelogen hat, bevor er hierher kam.

Trotzdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob dies irgendetwas mit Mulder zu tun hat. Ich bin nicht wirklich sicher, worum es hier geht. Ich weiß nur, dass sie etwas vor mir verbirgt.

"Das war wirklich gut", seufzt sie, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück, ihr Teller völlig leer. Dann rülpst sie. Aus irgendeinem Grunde lässt das ihre Lüge weniger wichtig erscheinen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vor irgendjemand anderem so rülpsen würde.

"Danke, Alex."

"Gern geschehen, Burpee."

Sie wirft ihre Serviette nach mir und kichert.

"Lass mich dir dein Geschenk bringen."

Sie sieht an mir hoch und runter als ich mit der Absicht aufstehe, ins Schlafzimmer zu gehen und ihr Geschenk zu holen. Ihr Gesichtsausdruck lenkt mich ab. Sie hat immer noch Hunger.

"Nicht weggehen", sage ich zu ihr. Und behalte diesen Gesichtsausdruck. Ich beuge mich nach unten und küsse sie zart. Es sollte eigentlich nur ein kleines Küsschen werden, aber in dem Moment, als meine Lippen die ihren berühren, öffnet sich ihr Mund und ich spüre ihre Zunge, die beharrlich gegen mich drückt. Ihre Hände fahren zu meinem Hinterkopf herum und sie fasst mich fest.

"Lass mich ... ich wollte dein Geschenk holen..." sage ich zu ihr, als sie damit beginnt, zart in meine Ohren und meinen Hals zu beißen. Sie schüttelt ihren Kopf und macht ein Geräusch, als hätte sie Schmerzen.

"Nein. Geh nicht."

"Ich wäre nur ... nur ins Schlafzimmer gegangen."

"Nein. Mein Gott, nein, geh nicht", wimmert sie.

Sie steht auf, presst ihren Körper gegen mich und schiebt mich rückwärts. Ich falle wieder in meinen Stuhl zurück und sie küsst mich wieder. Ich nehme an, dass es mit den Geschenken etwas später werden wird.

Ihre Zunge dreht sich und stößt in meinen Mund und sie beginnt mit rasenden und ungeschickten Fingern mein Hemd aufzuknöpfen. Sie zittert. Das ist nicht richtig.

Versteh mich nicht falsch. Eine geile Dana ist nichts, womit ich ein Problem hätte. Niemals. Und sie ist in der letzten Zeit nicht so oft auf mich zugekommen, wie ich mir gewünscht hätte, also sollte das eigentlich mein Glückstag sein. Aber da ist etwas an dieser Art von Geilheit, die mir eigenartig vorkommt. Es ist fast so, als hätte sie Angst ich würde verschwinden, wenn sie mich nicht auf der Stelle nimmt. Als würden wir nie wieder zusammensein können. Es erinnert mich an die Art, wie sie mit mir am Abend vor einem Kampf schläft.

"Dana, Dana, mach langsam", keuche ich und fühle, wie ihre Nägel über meine Brust kratzen und sie ihre Zähne in meinen Kiefer graben. Naja, mein Verstand mag protestieren, aber mein Körper ist mit dem Plan einverstanden.

"Dana, bitte."

Ich greife ihre beiden Hände mit meiner und sie zieht sich zurück und schüttelt fragend ihren Kopf.

"Was? Was ist?"

"Keine Ahnung. Du solltest mir das sagen. Wo brennt es?"

Sie blinzelt eine Weile und ich bemerke, dass ihre Pupillen geweitet und dunkel sind. Wild.

"Alex, bitte. Nicht. Lass mich einfach. Bitte."

Sie fährt mit den Fingern durch meine Haare, über mein Gesicht und sagt es wieder. Bitte.

Gott, mein Baby. Meine süße Djewotschka.

Bevor ich Zeit dazu habe zu reagieren, ist ihre Zunge wieder in meinem Mund und ihre Krallen überall an mir. Schon bald zieht sie ungeduldig an ihren eigenen Sachen und ich helfe ihr dabei. Schließlich bleibe ich noch an einem kleine Loch in ihrer Bluse hängen und mache es noch zehn Mal größer in meine Eile, mit ihrem rasenden Tempo Schritt zu halten. Ihre Jeans und Strümpfe lassen sich etwas einfacher entfernen. Gott sei Dank hat sie ihre Stiefel schon ausgezogen.

Und dann steht sie vor mir, völlig nackt und, wie immer, reduziert mich ihr Anblick zu einem labernden Idioten. Meine wunderschöne kleine Göttin. Ihr Körper ist genauso gerötet, wie ihr Gesicht. Rote Flecken überall auf ihrer Haut passen zu dem prächtigen roten Haar, das sie fast zur Hälfte bedeckt. So viele Haare. Sie lassen sie fast zwergenhaft erscheinen.

Sie klettert auf meinen Schoß, setzt sich rittlings auf mich und meine Hüften stoßen nach oben. Ich kann die Hitze, die weißglühende Intensität von ihr durch meine Hosen und meine Shorts spüren. Sie legt ihre Füße um die Stuhlbeine, beginnt damit, sich gegen mich zu wiegen und drückt mein Gesicht zwischen ihre Brüste. Gehorsam lecke und sauge ich an ihrer Haut, gebe ihrer Begierde Nahrung und stelle fest, dass auch meine eigene mit jeder Sekunde wächst, die vergeht.

"Mein Gott, Alex...hinein. Jetzt."

Jetzt? Ich wiederstehe dem Bedürfnis, auf meine Uhr zu schauen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir einen neuen Rekord aufgestellt haben. Die kürzeste Zeitspanne zwischen dem Kuss-Stadium und dem Ficken-Stadium. Na ja gut, da war diese erste Nacht...

Ich nehme an ich habe zu lange gebraucht, um mich zu bewegen, weil sie die Initiative ergriffen hat und nach unten fasst, um meinen Reißverschluss zu öffnen. Schneller, als man das Wort 'Vorspiel' aussprechen kann, hat sie meinen Schwanz in ihren Händen und sie zieht daran und reibt ihn gegen sich. Und dann ist sie da, erhebt sich und gleitet nach unten, umschließt mich vollständig. Mein Gott, das fühlt sich so gut an.

Wie erwartet fängt sie sofort an, sich zu bewegen, bewegt sich rauf und runter mit harten, schnellen Stößen, die den Stuhl dazu bringen zu kippeln und mit seinen unebenen Beinen gegen den Boden zu krachen. Sie stützt ihre Hände an meinen Schultern ab, die immer noch zum Teil von dem Shirt bedeckt sind, von dem ich nicht fassen kann, dass ich es immer noch an habe, und gräbt ihre Fingernägel hinein.

Sie wirft ihren Kopf zurück und schreit aus vollem Hals und ich schlinge meine Arme um ihre Hüfte, um sie vor dem Fallen zu bewahren.

"MmmmAleeex", stöhnt sie, küsst mich und küsst mich. Mein Gott, sie macht so schnell und es ist so gut, so verdammt *heiß* da drin, dass ich nicht weiß, ob ich das aushalten kann.

"Djewotschka...la...langsam", versuche ich, aber sie schüttelt heftig ihren Kopf und bewegt sich sogar noch schneller.

"Brauche dich. Alex. Gott...brauche dich so sehr."

Ihre Augen sind geschlossen. Tränen laufen ihre Wangen hinunter. Sie weint. Mein Gott. Sie weint.

"Sch, sch, ich bin hier, Baby", flüstere ich gegen ihren Mund. Sie nimmt schmerzhaft meine Lippe zwischen ihre Zähne und greift sich eine Handvoll meiner Haare.

Sie beginnt zu beben und zu zittern und ich fühle, wie sie um mich herum enger wird. Wie sie im Beginn eines Orgasmus zuckt.

"Oh Gott, brauche dich, brauche dich...AlexAlexAlexAhh", wandeln sich ihre Worte zu einem langen, wehklagenden Schrei und ich fühle, wie sie um mich herum kommt, sich verengend und mich tiefer ziehend.

Und dann lasse ich mich fallen, weil ich es nicht länger aushalten kann und weil es sowieso vorbei ist. Ich stöhne und presse sie fest gegen meine Brust, als ich mich in sie ergieße und sie sackt gegen mich, so leblos wie eine Marionette.

Ihr Kopf liegt an meiner Schulter und sie hat die Arme um meinen Hals gelegt, als ich von meinen orgasmischen Höhenflügen zurückkehre. Mein Gott, was zur Hölle war das?

"Es tut mir leid", murmelt sie leise an meinem Hals. Ich nehme ihr Kinn in meine Hand und ziehe ihr Gesicht nach oben, so dass ich sie sehen kann. Ihr Augen sind nach unten gerichtet und ihre Wangen sind rot. Sie sieht völlig verlegen aus.

"Nein...nein, das muss es nicht. Es muss dir nicht leid tun. Es muss dir niemals leid tun. Ich bin hier, Djewotschka."

Sie lächelt schwach und nickt. Ich frage mich, ob ich jemals fähig sein werde, sie vollkommen zu verstehen. Obwohl ich Begehren verstehe. Ich verstehe, dass es manchmal in einem hoch kriecht und man nichts tun kann, um es zurückzuhalten. Mir ist bewusst, dass das nichts ist, was Dana gern von sich zugeben würde. Tatsächlich ist das Eingeständnis von Begehren für sie wahrscheinlich schwerer, als das Eingeständnis von Liebe. Na ja, vielleicht nicht. Aber es ist trotzdem ein netter Gedanke.

In jedem Falle hat sie sich sehr verwundbar gemacht und das ist etwas, was ich zu würdigen weiß. Zu wissen, dass sie mich so sehr braucht, aus welchem Grund auch immer, für welche kurze Zeitspanne, ist sicher etwas, worüber man glücklich sein kann. Also warum habe ich dieses Gefühl einer Bedrohung, das sich in meinem Magen zusammenbraut?

"Geht es dir gut, Dana? Wirklich?"

"Ja. Ja, es geht mir gut. Danke, Alex."

Sie hat angefangen, mit in letzter Zeit nach dem Sex zu danken. Eine weitere seit-Mulders-Ankunft Merkwürdigkeit. Fast so, als würde ich ihr einen Gefallen tun. Fast als würde sie erwarten, dass ich sie jeden Moment verlasse.

Ich küsse sie sanft, zärtlich und sie erwidert den Kuss ebenso.

"Möchtest du jetzt dein Geschenk?"

Sie nickt enthusiastisch und grinst. Als ich aufstehe, ist sie immer noch um mich geschlungen. Glücklicherweise ist sie leicht genug, so dass ich sie, mit ihren Armen und Beinen um mich herum, halten kann. Natürlich kann ich nicht noch meine Hosen oben halten und sie fallen um meine Knöchel. Wir beide lachen, als das Metall meiner Gürtelschnalle auf den Boden fällt. Ich trete sie zur Seite und trage Dana ins Schlafzimmer.

Ich lege sie aufs Bett und sie rollt sich unter der Decke zusammen, während ich mich fertig ausziehe.

"Okay, jetzt mach deine Augen zu", sage ich zu ihr und wühle in den Schubfächern des Nachttisches herum.

"Warum? Was wirst du tun?"

"Mein Gott, kannst du einfach mal etwas tun, ohne eine Million Fragen zu stellen?"

"Na ja, ich habe einfach gedacht du magst das", lacht sie und schließt ihre Augen.

"Okay, jetzt gib mir deine Hand."

Ich krieche rechts neben sie ins Bett und sie hält ihre rechte Hand hoch.

"Nein, die andere."

"Wenn sie schleimig zurückkommt, haue ich sie dir ins Gesicht", sagt sie und stößt ihre linke Hand in meine Richtung. Ich schiebe den Ring auf ihren Finger - den, der für Eheringe bestimmt ist. Denn obwohl die Heirat zwischen uns menschlichen Drohnen illegal ist und nicht mehr wirklich praktiziert wird, selbst nicht in unserer kleinen Gemeinschaft von Gesetzlosen, gibt es immer noch einen Teil von mir, der an dieser Tradition als etwas bedeutungsvollem festhält.

"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Baby."

Sie öffnet ihre Augen und schaut darauf hinunter und das tue ich auch. Er sieht wirklich nicht schlecht aus. Ich war ziemlich überrascht, wie hübsch er geworden ist. Es ist nur ein kleines Stück Flachmetall, mit einem Stück blauen Glas, das geschmolzen und zu einem Kreis geformt in der Mitte eingebettet wurde. Ich dachte, dass das Blau zu ihren Augen passen würde. Das tut es. Ich dachte, dass er riesig an ihrem Finger aussehen würde. Mann, das tut er wirklich. Sie wird niemals vergessen, dass sie ihn trägt.

Sie schnappt nach Luft, als sie ihn sieht. Sie schnappt wirklich nach Luft. Als wenn sie Angst hätte.

"Ist er zu eng? Kneift er dich?"

"Nein...nein, er ist..."

Sie ist fast eine Ewigkeit lang still, hält ihre Hand vor ihr Gesicht und sieht sich den Ring genau an. Ich komme dem Punkt gefährlich nahe, herauszuplatzen "Er ist WAS, verdammt noch mal", aber sie rettet mich.

"Er ist wunderschön. Mein Gott, Alex, so schön. Wo kommt er her?"

"Ich habe ihn gemacht."

Sie schaut zwischen meinem Gesicht und dem Ring hin und her.

"Das hast du? Du hast ihn gemacht? Wie?"

Sie küsst meine Schulter, erinnert mich zärtlich daran, dass einarmige Jungs nicht gerade für ihre Kunstschmiedefähigkeiten berühmt sind.

"Na ja, nicht komplett allein. Ich habe das ganze Zeug zusammengetragen und habe es zur Werkstatt gebracht und die Jungs dort haben mir dabei geholfen."

"Alex ich...ich kann nicht..."

Oh Gott. Bitte sag nicht, dass du ihn nicht tragen kannst. Bitte sag nicht, dass einer toten Tradition ähnlich ist, an deren Widerholung du kein Interesse hast oder dass du noch nicht bereit für so ein bedeutsames Geschenk bist oder irgendeinen anderen Blödsinn.

"Ich kann es nicht fassen, dass du das gemacht hast. Wow."

Sie starrt immer noch darauf und jetzt lächelt sie. Meine Panikattacke ebbt langsam ab.

"Heißt das, dass du ihn magst?"

"Ich liebe ihn, Alex. Mein Gott, ich liebe ihn."

Himmel. Sie weint schon wieder. Vielleicht hat das irgendwas mit dem Geburtstag zu tun. Allerdings habe ich sechs Geburtstage mit ihr verbracht und ich habe sie noch nie so emotional gesehen.

"Was ist los?" frage ich, obwohl sie durch ihre Tränen lächelt.

"Ich ... liebe ..."

Sie hört eine endlosen Moment lang mit dem Sprechen auf und ich bemerke, wie ich idiotischerweise die Luft anhalte.

"...ihn. Liebe ihn", beendet sie und küsst mich.

Ihr Augen sind tränengefüllt und vielleicht ist es etwas idiotisch männliches in mir, aber ich bin völlig verwirrt. Ich küsse ihre Augen und wünsche das, was immer sie in diesen Zustand versetzt hat, weit weit weg.

"Schh, weine nicht, Baby."

"Es tut mir leid. Ich liebe ihn einfach. Ich weiß noch nicht einmal...ich weiß noch nicht einmal, was ich sagen soll."

"Du musst nichts sagen. Trage ihn einfach."

Jeden Tag. Für den Rest deines Lebens. Vielleicht sollten wir ihn ankleben.

"Mmkay", seufzt sie, kuschelt sich an mich und legt ihren Kopf unter mein Kinn. Ich lege meinen Arm um sie und ziehe sie so nah an mich heran, wie nur irgend möglich. Sie schnieft und lacht an meiner Brust und hält immer noch ihre Hand nach oben und starrt auf den Ring. Sie scheint ihn wirklich zu mögen.

"Er sieht gut an dir aus."

"Ich liebe ihn. Du bist so lieb, Alex. So gut."

Lieb und gut. Zwei Worte von denen ich nie gedacht hätte, sie mal in Verbindung mit meinem Namen zu hören. Ich nehme an, dass sie mich wirklich zu einem Weichei gemacht hat. Ich wünschte nur, ich könnte das so fest glauben, wie sie es zu tun scheint.

"Du hast mich so glücklich gemacht", sagt sie und lacht dann.

"Was ist?"

"Nichts, ich klinge einfach so ... albern. Wie eine Seifenopernschauspielerin oder so."

"Nein, es klingt kein bisschen so. Kein bisschen. Ich will dich glücklich machen. Das ist alles, was ich will."

Sie nickt und lacht ein bisschen mehr und fährt mit der Hand über meine Brust. Wir beide bewundern die Art, wie das silbrige Metall aussieht, wie es das Mondlicht reflektiert und über meine Haut gleitet. Verdammt, wir sind in einer Seifenoper.

"Ich liebe dich ... Destiny", sage ich melodramatisch und sie lacht. "Oder war es Montana? Blaze? Welche Schnepfe bist du doch gleich?"

Wir kichern zusammen über unseren lächerlich schmalzigen Moment und fahren damit fort, den Ring anzusehen und die Art wie er schimmert, als sie mich berührt. Überall.

Ende Kapitel 10

 

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Kapitel 11

 

Alles in allem gesehen, denke ich, dass ich das alles ziemlich gut im Griff habe. Oder zumindest im Griff hatte. Bis zu diesem Montag. Bis ich diesen verdammten Ring gesehen habe.

Es ist wirklich erstaunlich, an welches Ausmaß an Qual sich ein Mensch gewöhnen kann. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus meinen Vorlesungen in Strafrecht, eine Geschichte von einem Mann, der zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Er hat fünfundzwanzig Jahre hinter Gittern verbracht und dann plötzlich, als er zweiundsechzig Jahre alt war, wurde er begnadigt. Er hatte sich so an das Gefängnisleben gewöhnt, hatte so verdammt viel Angst davor, der Außenwelt gegenüberzutreten, dass er sich an dem Tag, an dem er entlassen werden sollte umgebracht hat. Zumindest denke ich, dass ich es in meiner Strafrechtsvorlesung gehört habe. Könnte aber auch ein Film gewesen sein...

Egal. Der Punkt ist, nach einer bestimmten Zeitspanne, können sich menschliche Wesen so ziemlich an jede Situation gewöhnen, egal wie miserabel diese ist. Also nehme ich an, dass es nicht gerade eine große Leistung meinerseits ist, dass ich in der letzten Woche nicht das Gefühl hatte, mir einen Kopfschuss verpassen zu müssen. Anstatt mich in den letzten zwei Monaten in Selbstmitleid zu wälzen, habe ich mich hier eingerichtet, meine Umgebung erkundet, Leute getroffen, mich daran gewöhnt.

Und ja, das schließt Scully und Krycek ein und ihre...was immer das ist, was sie tun. Nachdem ich an diesem ersten Tag mit ihr darüber gesprochen hatte, wurde mir ziemlich schnell klar, dass sich diese Situation in nächster Zeit sehr wahrscheinlich nicht ändern würde.

Ganz besonders nicht, wenn ich weiterhin deswegen mit Füßen aufstampfen würde, wie ein bockiges Kleinkind. Diese Taktik hat bei Scully schon vorher nicht funktioniert und ich denke ich habe endlich begriffen, dass sie das niemals tun wird. Stattdessen habe ich versucht, es zu akzeptieren. Mich daran zu gewöhnen.

Ich habe diesem Hurensohn sogar ein Friedensangebot gemacht. Habe meine Hand ausgestreckt und er hat sie geschüttelt, den Handel besiegelt. Ich denke ich habe mir eingeredet, dass ich versucht habe, das richtige zu tun und ich nehme an, dass ich das getan habe. In gewisser Weise. Hauptsächlich habe ich versucht, Scully glücklich zu machen, ihr zu zeigen, dass ich damit umgehen kann, dass ich ihr der Freund sein kann, der ich ihr vorher war. Ich habe Krycek nicht wirklich in der Gleichung berücksichtigt, was das ganze nicht wirklich zu einer wertlosen Geste machen sollte. Oder doch?

Ich denke doch, weil ich nicht viel von dem, was ich sagte, wirklich ehrlich gemeint habe. Ich werde niemals dazu in der Lage sein, Scully aufzugeben. Aber ich bin willens, auf sie zu warten. Ich bin willens, mich geduldig hinzusetzen und die Situation zu ertragen, so lange, wie sie dafür braucht, bis es ihr klar wird. Bis sie sich daran erinnert, zu wem sie wirklich gehört.

Wenigstens dachte ich, dass ich dazu willens wäre. Bis ich den Ring gesehen habe.

Es muss ein Geburtstagsgeschenk gewesen sein. Sie hat ihn am Freitag nicht getragen, als ich ihr mein Geschenk gegeben habe. Aber Montag früh war er da. Steckte an ihrem Finger wie ein Jolly Green Giant's Ehering.

Ich habe mir eingeredet, es sei nur ein Ring und habe nichts dazu gesagt und sie nicht deswegen gefragt. Aber ich weiß, wer ihn ihr gegeben hat und ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Mann einer Frau einen Ring schenkt und ihn auf diesen gottverdammten Finger steckt. Und plötzlich wurde sie von seiner fehlgeleiteten und verwirrten Freundin zu seiner willigen und mündigen Ehefrau. Und ich habe entschieden, dass ich nicht länger auf meinem Hintern sitzen und auf sie warten kann.

Ich war zu geduldig. Natürlich hat mir diese Geduld die Möglichkeit gegeben, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie scheint sich jetzt viel wohler mit mir zu fühlen, als sie es getan hat, als ich gerade hergekommen war und es ist so schön, einfach nur wieder mit ihr zusammenzuarbeiten. Unseren alten Rhythmus wiederzufinden, wieder synchron zu sein. Ich möchte das nicht verlieren.

Ich weiß ehrlich nicht, was ich tun soll. Alles was ich weiß ist, dass ich Herzflattern habe und ich mich ständig am Rande des Erbrechens fühle, seit ich dieses monströse Stück Schmuck gesehen habe.

Es ändert alles. Wieder.

Ich habe letzte Nacht nicht geschlafen. Ich habe es versucht, aber nachdem sechs Stunden vergangen waren, wurde mir klar, dass es nicht passieren würde und ich bin aufgestanden. Ich wanderte eine Weile auf dem Campus herum, sah in die Sterne am Himmel und auf den Schnee am Boden, auf die Gebäude, die früher junge, idealistische Studenten beherbergt hatten und nun von verbitterten, müden Widerstandskämpfern bewohnt werden und ich fragte mich, wie zur Hölle alles so kommen konnte.

Manchmal denke ich, dass es vielleicht etwas gegeben hat, was ich hätte tun können. Aber das gab es wahrscheinlich nicht. Es ist nichts weiter als Egoismus, das zu denken.

Als die Sonne aufging ging ich zurück zu meiner Unterkunft, aber ich ging nicht in mein Zimmer. Stattdessen lief ich durch die dunklen, hauptsächlich leeren Flure. Scully hätte gelacht, aber ich schwöre ich spürte die Geister dieser Collegestudenten mit mir laufen.

Das erst Mal ging ich in den Keller. Die meisten der Räume waren Erholungsräume, ähnlich dem, in den Marita und ich in dieser ersten Nacht gebracht wurden. Fast alle der Türen standen weit offen. Ich habe mich entschieden, diejenigen zu erkunden, die nicht nur eine geschlossene Tür hatten, sondern auch ein Schloss und ein Schild auf dem stand 'Kein Durchgang'.

Na ja, was ist der Sinn von Erkundung, wenn du nichts interessantes finden wirst?

Um die Wahrheit zu sagen, ich habe nicht viel gefunden. Hauptsächlich eine Menge nutzlosen und kaputten Mist. Aber verborgen unter dem ganzen Müll war ein Schatz. Ein Kassettenrecorder. Das Kabel war noch intakt und es lagen eine Menge Kassetten in dem Papierkorb daneben. Ich habe sie alle herausgenommen und als ich fertig war bemerkte ich, dass es fast Zeit war, zur Arbeit ins Labor zu gehen.

Ich hatte keinen Weg aus dieser höllischen Situation herausgefunden, aber ich habe etwas gefunden, das sie zum Lächeln bringen könnte.

Ich brachte das Radio und ein paar von den Kassetten mit auf Arbeit und testete sie, bevor jemand anderes auftauchte. Es funktionierte. Ich funktionierte nicht gerade großartig, aber es funktionierte. Ich ließ es auf dem Holztisch stehen, den Scully so gern benutzt und als sie hereinkommt, ist es das erste, was sie sieht. Der verdammte Ring ist das erste, was ich sehe.

Dann sehe ich den Rest von ihr. Es ist immer noch irgendwie eigenartig für mich, sie in einer abgetragenen alten Jeans und einem Sweatshirt auf Arbeit kommen zu sehen. Ich erwarte immer noch, dass sie irgendwo ein altes Donna Karan Kostüm ausgräbt und ein Paar von diesen zehn Zentimeter hohen Pumps, die sie früher getragen hat. Und ihre Haare, wer hätte geahnt, dass es so lockig ist? Sieben Jahre zusammen und ich habe es niemals in seinem natürlichen Zustand gesehen. Sie hat es heute zu einem Knoten gesteckt, der von einem Bleistift zusammengehalten wird.

Sie schaut auf das Radio und dann auf mich und ich grinse aufgeregt. Sie zieht ihr Sweatshirt aus und zieht einen weißen Laborkittel über ihr pinkfarbenes T-Shirt. Wer hätte geahnt, dass Scully pink tragen würde?

"Wo kommt das her?" fragt sie und ich stehe von dem Stuhl auf, auf dem ich gesessen habe und gehe zu ihr hinüber.

"Ich habe es im Keller gefunden."

"Keller?"

"Ja, dem Keller in dem Gebäude in dem ich wohne."

Sie verschränkt ihre Arme vor der Brust und dreht sich um, so dass sie mich direkt ansieht. Sie sieht ein bisschen misstrauisch aus.

"Ich war auf Erkundung."

"Erkundung? Mulder..."

Oh, das ist die tadelnde Scully. Meine liebste.

"Was? Es hat einfach da gestanden."

Sie schüttelt ihren Kopf, aber ich sehe die Andeutung eines Lächelns an ihren Mundwinkeln ziehen. Sie ist leichter zu kriegen als früher.

"Einfach dagestanden, ja? Ich bin überrascht, dass du der erste bist, der es gefunden hat."

"Na ja, es war sozusagen versteckt."

"Versteckt?"

"Die Tür war sozusagen ... verschlossen. Sie mal Scully, das ist Megadeth!" Ich halte die Kassette als Ablenkung hoch, in dem sicheren Wissen, dass es nicht funktionieren würde.

"Mulder, bist du...du bist in *diesen* Raum gegangen? Den mit dem 'Durchgang verboten' Schild?"

"Ja, ich habe mich darüber gewundert. Warum ist er auf diese Weise abgeschlossen?"

"Weil, Mulder, er zu einem Tunnelsystem führt, das jetzt zugeschüttet ist, aber Alex möchte ihn verschlossen halten. Zur Sicherheit, Mulder. Ich kann es nicht fassen, dass du ... na egal. Warum sollte mich das überraschen."

"Es ist albern, ihn zu verschließen. Da ist 'ne Menge tolles Zeug drin."

"Tolles Zeug, ja?"

"Sie mal Scully, The Village People! Mein Gott, ich frage mich, wer einen solchen Musikgeschmack hatte."

"Und warum in aller Welt hätten sie es zurücklassen sollen?"

"Es funktioniert noch, Scully..."

Sie seufzt, aber ihre Arme sind jetzt nicht mehr verschränkt. Und wir sind einem strahlenden Lächeln sehr nahe.

"Mulder, wir haben heute eine Menge zu tun."

"Wie lange ist es her, dass du richtige, echte Musik gehört hast, Scully? Komm SCHON!"

Ihre Augenbrauen sind fast an ihrem Haaransatz, aber sie lacht ein bisschen. Houston, wir haben Kontakt.

Ich lege die Kassette ein und drücke auf Play und der vertraute, wenn auch durch die Zeit etwas verzerrte Klang von Macho Man erfüllt das Labor.

"Mulder..."

Jetzt lacht sie wirklich und ich fange an, wie ein Blödmann um sie herumzutanzen, singend und klatschend.

"Tanz mit mir, Scully."

Ich drehe die Lautstärke höher und strecke meine Hand aus. Sie geht auf mich zu und sagt ... irgendwas. Ich kann sie über die Musik hinweg nicht verstehen.

"Was hast du gesagt?"

"ICH SAGTE, MANCHE DINGE ÄNDERN SICH NIE."

Gott sei Dank.

Sie zieht ihren Kittel wieder aus und ich klatsche und johle wie ein betrunkender Strip Club Besucher. Sie lächelt breit und legt ihren Kittel um meinen Hals. Ich ziehe daran, während er immer noch in ihren Händen ist und bald tanzen wir langsam auf eine völlig unangemessene Art und Weise. Unangemessen, weil wir die verdammten Village People hören. Aber nett. so nett. Nicht so nah, wie es mir lieb wäre. Sie hält immer noch einen gewissen Grad persönlichen Raums für sich aufrecht, anständig für eine verheiratete Frau wie sie. Aber ich habe meinen Arm um ihre Hüfte gelegt und ich halte ihre Hand. Es fühlt sich einfach perfekt an.

Ich fürchte trotzdem, dass meine Tanzkünste etwas nachgelassen haben und ich falle schließlich fast über sie.

"Tut mir leid, es ist eine Weile her."

Sie lacht und sagt ... irgendetwas anderes.

"Was?"

"Ich sagte BLEIB EINFACH VON MEINEN ZEHEN WEG!"

"Oh, oh, das sind deine ZEHEN?"

"HA HA."

YMCA kommt als nächstes und ich kenne den ganzen Text davon. Kann es nicht fassen, dass ich mich nach all der Zeit noch daran erinnere. Aber das tue ich und ich fange an, in ihr Ohr zu singen. Sie Sie antwortet, aber natürlich kann ich sie nicht hören. Das ist wahrscheinlich auch gut.

Sie verdreht die Augen und lehnt sich zur Seite, um die Musik etwas leiser zu drehen. Ihr Brust streift kurz gegen meinen Arm und ich bemerke, das erste Mal, dass sie keinen BH trägt. Mist. Ich nehme an, dass es gut ist, dass wir nicht *so* nahe tanzen.

"Haben wir jemals so viel Spaß gehabt, als wir beim FBI gearbeitet haben?" fragt sie.

"Ich habe das."

Ich versuche ihr in die Augen zu sehen, aber mit den Turnschuhen, die sie trägt, sind diese ungefähr auf der gleichen Höhe mit meinem Bauchnabel. Na ja, nicht wirklich, sie ist nicht *so* klein. Aber ich könnte ihr nicht in die Augen sehen, außer sie würde ihren Kopf ziemlich weit nach hinten legen.

"Ich hatte immer Spaß mit dir, Scully."

"Immer?"

"Mmm...vielleicht nicht immer. Aber meistens. Die meiste Zeit hatte ich Spaß daran, einfach nur in deiner Nähe zu sein."

"Genau. Und meistens auf meine Kosten..."

"Oh Scully, das ist eine *totale* Lüge!"

"Lüge? Was für eine Lüge?"

"Ich habe mich niemals über dich lustig gemacht. Niemals. Deine Erinnerungen sind offensichtlich von der Zeit etwas verdunkelt."

"Mulder, vergiss die Erinnerungen. Du hattest den Kopf in den Wolken so lange ich dich kannte."

"Siehst du, da ist es wieder. Du erinnerst dich völlig falsch an alles. Wenn du die Dinge wirklich objektiv betrachtest, dann wirst du erkennen, dass ich die ganze Zeit recht hatte. Oder nicht?"

Sie murmelt etwas unhörbares, obwohl die Musik jetzt relativ leise ist.

"Hatte ich das nicht, Scully? Ich meine, hey, schau dich einfach um!"

Sie lacht durch die Nase und das wird ganz schnell zu einem richtigen Kichern.

"Ja, Mulder. Ich nehme an, das hattest du."

"Was war das, Scully? Ich habe dich nicht verstanden." Stichle ich, obwohl ich sie diesmal laut und deutlich verstanden habe.

Sie wirft ihren Kopf zurück und schreit lachend.

"Ich sagte DU HATTEST RECHT! Ja ja ja, du hattest RECHT! Bist du jetzt glücklich, Mulder?"

Ich kann jetzt ihre Augen sehen und ich schaue sie an. Ich nehme an, dass mein Gesichtsausdruck ziemlich ernst ist, weil sie aufhört zu lachen und mich ebenfalls ansieht.

"Weißt du, das bin ich. Jetzt im Moment bin ich glücklich, Scully."

Sie starrt mich leise an und die Village People singen weiter im Hintergrund. Wir tanzen nicht mehr.

Ich denke nicht, dass ich sie jemals so sehr küssen wollte, wie ich das gerade jetzt tue. Mein Gott, es wäre so einfach. So einfach und so unglaublich schwer. Was würde sie tun? Mich auch küssen? Mir eine runterhauen? Weinen?

Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich nichts von alledem. Sie würde sich zurückziehen und mir mitteilen, dass sie jetzt eine andere Beziehung hat. Dass ich mir diese Art Freiheiten nicht mehr einfach nehmen kann, so wie ich es früher getan habe.

Abgesehen davon, dass ich es früher nicht getan habe. In all diesen Jahren habe ich es mir niemals so richtig getraut.. Ich frage mich, warum ich mir jetzt so viel mutiger vorkomme.

Ihre Haut ist gerötet und ich denke, dass sie nicht atmet. Es ist einer dieser Momente. Eine dieser jetzt oder nie Momente, die sich in der Vergangenheit immer vor uns in Luft aufzulösen schienen.

Nicht dieses Mal.

"Dana, bist du..."

Mist. Arschloch. Das kann nicht wahr sein. Aber das ist es. Er steht in der Tür. Krycek. Steht dort, sieht uns an und sie zieht sich zurück, natürlich. Fummelt angestrengt an dem Recorder herum, stellt ihn aus und ihr Gesicht verfärbt sich zu einem noch leuchtenderen rot.

"Alex..."

"Kommst du zu dem Meeting oder was?" fragt er, ganz offensichtlich verärgert, aber mit dem heftigen Bemühen, das nicht zu zeigen.

"Meeting...ich...oh, ja. ja. Ich war nur...ich nehme an ich habe vergessen, dass das heute war."

"Nun, das ist es. Wir warten auf dich."

"Es...es tut mir Leid. Lass mich nur schnell..."

Sie sieht sich hilflos nach etwas um, das sie tun könnte. Ich sehe ihr Sweatshirt auf dem Tisch liegen und gebe es ihr. Ich schaue in seine Richtung und sehe, dass er mich sehr direkt *nicht* ansieht. Nein, er sieht nur sie an. Starrt sie an genaugenommen. Durchbohrt sie mit seinen Blicken.

Es tut mir fast Leid. Für sie. Es tut mir Leid, dass sie sich deswegen von ihm Vorwürfe wird anhören müssen. Aber es tut mir nicht Leid, dass es passiert ist. Nichts könnte mich bereuen lassen, dass es passiert ist.

Sie nimmt mir das Sweatshirt aus der Hand, zieht es über ihren Kopf und löst dadurch den bereits gelockerten Knoten in ihren Haaren vollständig. Der Stift fällt mit einem fast peinlichen Klang auf den Boden.

"Ich bin...ich bin fertig. Wir können gehen."

Sie beeilt sich, zu ihm zu kommen, aber bevor sie den Raum verlässt, dreht sie sich noch einmal zu mir um.

"Wir sehen uns später, Mulder."

Ich nicke, lächle, winke.

Dann sind sie weg und ich bin mir nicht sicher, wie ich mich fühle. Ich denke ich fühle mich immer noch gut. Ich denke ich bin immer noch glücklich.

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Ende Kapitel 11

Kapitel 12

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Alex,

der Schnee schmilzt wieder. Das Tauwetter hat dieses Jahr ein wenig zeitiger eingesetzt, findest du nicht? Es ist so schön, schon jetzt Mitte März draußen sitzen zu können. Ich hoffe, was immer du gerade tust, dass du es im Freien tust.

Wie seltsam, dir einen Brief zu schreiben. Wie albern, dir über etwas so alltägliches wie das Wetter zu schreiben. Ich weiß, dass ich dich in wenigen Stunden sehen werde. Wir werden zusammen Abendbrot essen, wie immer und an einem normalen Tag würde ich mich mit dir über so einfache Dinge wie die Sonne und das Gras unterhalten können. Aber wir hatten schon sehr lange keinen normalen Tag mehr, richtig Alex?

Weißt du, was das eigenartigste daran ist? Die Tatsache, dass ich am meisten das Streiten vermisse. Erinnerst du dich daran, wie wir uns früher gestritten haben? An die Zeit, als es uns möglich war, jede Meinungsverschiedenheit durch ein paar Stunden erhobener Stimmen und zerschlagenen Geschirrs auszuräumen? Selbst nach Mulders Ankunft, da waren die Dinge schon schwieriger, ja, aber wir haben es immer noch geschafft, uns durchzukämpfen. Das Streiten war schmerzvoller, persönlicher und verletzender, aber es hat uns zum Ziel gebracht. Die Wiedergutmachung war den Kampf wert, dorthin zu kommen.

Aber als sich das Wetter geändert hat, haben wir das auch getan. Ich dachte, wir würden uns streiten, nachdem du mich gefunden hast, als ich mit Mulder tanzte. Ich habe erwartet, dass du verletzt und wütend sein würdest und ich war darauf vorbereitet, damit umzugehen, zu versuchen, deine Ängste bezüglich dieser Situation zu beschwichtigen. Ich habe mich fast auf die Möglichkeit gefreut, es auszudiskutieren. Vielleicht wäre ich mir meiner Gefühle dir gegenüber klarer geworden, wenn ich gezwungen gewesen wäre, sie dir zu erklären.

Ich habe es noch nie erlebt, dass du trotzt, Alex. Ich bin mir noch nicht mal sicher, dass es das ist, was du tust. Alles was ich weiß ist, dass du seit diesem Tag kaum mit mir gesprochen hast. Wir schlafen im selben Bett, teilen uns den selben Platz, aber du hast mich trotzdem seit Wochen so gut wie nicht berührt. Und ich vermisse dich schrecklich.

Ich hatte nicht vor, dich zu belügen. Als du mich wegen dieses blöden Radios gefragt hast, nehme ich an, dass diese alten schlafenden Instinkte, Mulder zu beschützen wieder zum Vorschein gekommen sind. Ich habe dir erzählt, ich selbst hätte es gefunden und ich konnte von deinem Gesichtsausdruck ablesen, dass du mir nicht geglaubt hast. Solch ein kleines, bedeutungsloses Detail, aber für dich schien es den ganzen Unterschied auszumachen. Du hast mich wegen nichts anderem gefragt. Hast du einfach angenommen, ich würde wieder lügen?

Obwohl du so darauf bestanden hast, dass ich zu diesem Meeting komme, hast du mich völlig ignoriert, als wir schließlich dort waren. Ich hatte einen Bericht abzugeben, aber du hast mich nicht danach gefragt.

Marita war da, aber sie hat kein Wort gesagt. Warum war sie dort, Alex? Du hast es mir nie erzählt. Ich weiß, dass du viel Zeit mit ihr verbringst. Geschäftlich, sagst du und ich glaube dir. Das tue ich. Ich wünschte trotzdem, dass du mir sagen würdest, um welche Art von Geschäft es sich handelt. Ich wünschte, du würdest dein Leben wieder mit mir teilen.

Ich vertraue dir, Alex. Ich weiß, dass ich das kann. Weißt du, dass du mir trauen kannst? Kannst du das?

Ich wünschte, du würdest endlich mir gegenüber aus der Haut fahren und mich aus meinem Elend erlösen. Oder es einfach sein lassen und wieder mit mir reden. Bitte. Es sind schon fast drei Wochen seit diesem Tag vergangen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir noch haben.

Ich sterbe, Alex. Hast du das gewusst?

Nein, das hast du nicht. Weil ich es dir nicht gesagt habe. Weil ich Angst habe. Nicht vor dem Sterben. Nein, das ist eine weitere Lüge. Ich habe Angst vorm Sterben. Ich habe so viel Angst, Alex. Aber was mich viel mehr ängstigt ist die Tatsache, wie sehr ich dich enttäuscht habe, mein Liebster.

Diese Krankheit ist lediglich mein allerjüngster Fehler. Die letzte Beleidigung. Der Gedanke, dich zurückzulassen ist beängstigender, als alles andere auf der Welt.

Es wird dir gut gehen, oder? Du hast so viel überlebt. Ich weiß, dass das nicht dein Ende sein wird - nicht sein kann.

Ich hoffe, dass du für mich auf Ret Acht gibst. Er braucht jemanden, den er lieben kann.

Ich muss jetzt gehen, Alex. Mein Kopf schmerzt furchtbar und ich fange an, helle Punkte auf dem Papier zu sehen. Bitte wisse, dass nicht und niemand jemals ändern könnte, was du mir bedeutest. Ich werde mit dir in meinem Herzen sterben, selbst wenn ich deines verlassen habe.

In Liebe

D

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Roseanne ist hier. Ich habe keine Ahnung, wie lange sie mich schon beobachtet, aber als ich den Brief beende sehe ich auf und da ist sie, sie sitzt mir gegenüber am Picknicktisch.

Ich falte das Papier, auf das ich geschrieben habe zu einem kleinen Rechteck und stecke es in meine Tasche. Ich frage mich, ob es jemals jemand lesen wird. Ich frage mich, warum ich es überhaupt geschrieben habe. Sicher nicht, um es Alex zu geben. Therapie? Vielleicht, aber ich habe es nicht sonderlich therapeutisch gefunden. Ich frage mich, ob ich es verbrennen sollte.

"Was ist das?" fragt Roseanne, nachdem ich den Brief versteckt habe. Sie hat ihr Mittagessen nach draußen gebracht und die Hälfte davon ist weg. Sie muss schon fast die ganze Zeit hier gewesen sein.

"Nichts. Nur ein paar Notizen."

Sie nicht, aber ihre Nase zuckt. Ich nehme an, dass ich sie auch nicht anlügen kann.

"Es schien dich ziemlich in den Bann zu ziehen. Ich sagte Hi, als ich mich gesetzt habe, aber du hast mich nicht mal gehört, richtig?"

"Ich...ich habe mich nur auf diese ... diese Notizen konzentriert."

Mein Gott, mein Kopf hämmert richtig. Ich kann mich kaum auf sie konzentrieren. Jeder entfernte, leise Ton wird in meinem Kopf verstärkt. Rauschende Blätter klingen wie der Schlag einer Trommel. Diese hellen Punkte bedecken Roseannes Gesicht.

"Dana, geht es dir gut?"

Warum spricht sie so laut?

"Es...es geht mir gut. Es geht mir gut."

Sie lehnt sich über den Tisch und legt ihre Hand über meine. Aus irgendeinem Grund erschreckt mich diese Geste, lässt mich zusammenzucken.

"Bist du sicher? Du siehst wirklich blass und müde aus."

"Es geht mir gut. Es ist nur, ich habe ein paar Kopfschmerzen, das ist alles."

Sie zuckt mit den Schultern und isst weiter ihr Sandwich, da sie sich dankenswerterweise dafür entschieden hat, nicht weiter zu bohren. Soe sehr ich sie mag und ihr traue, Roseanne ist neben Alex wahrscheinlich die letzte Person auf der Welt, die ich mit meiner Krankheit belasten will.

Ist diese Unterhaltung vorbei? Ich hoffe es. Ich muss gehen....irgendwohin. Irgendwohin. Ich kann nicht mehr mit irgendjemandem reden.

"Ich werde, äh ... ich muss ins Labor zurück, Roseanne. Ich sehe dich später."

Ich fange an aufzustehen, aber sie hält meine Hand fest.

"Warte, warte, warte, Dana! Mein Gott, ich habe das Gefühl, ich hätte mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit dir unterhalten. Bleib noch eine Minute."

"Ich muss ... wirklich ... "

"Musst was? Komm schon, Dana. Ich vermisse dich."

Ich vermisse sie auch. Das tue ich tatsächlich. Ich habe bis jetzt kaum darüber nachgedacht, aber wir sind in den letzten Monaten auseinandergedriftet. Seit Mulder. Seit ich selbst auseinandergedriftet bin.

Ich setze mich wieder und massiere meine Schläfen, hoffe den Schmerz so weit zu mildern, dass mein Kopf wieder klar wird, dass ich wieder einigermaßen zusammenhängend denken und sprechen kann.

"Es tut mir leid, Roseanne. Ich war einfach nur ... die Dinge waren so ... naja, ich hatte nicht viel Zeit."

"Ich weiß. Es ist okay."

"Wie ist es dir gegangen?"

"Mir ging es gut. Prima. Ein bisschen einsam aber ..."

"Einsam?"

"Na ja, mein Gott, Dana. Dieser Ort quillt nicht gerade über vor attraktiven, intelligenten und geeigneten Männern. Und die beiden am besten aussehenden Jungs hier sind...na ja..."

"Sind was?"

"Na ja, sie gehören dir."

Mir. Mir? Sie gehören nicht mir. Keiner von ihnen gehört mehr mir. Mulder hat es nie wirklich und Alex...oh, Alex.

"Sie lieben dich beide, Dana. Es ist nicht so, dass du es nicht verdienst, aber es ist einfach nur total unfair einem einsamen Mädchen wie mir gegenüber."

Sie lacht und ich bringe ein schwaches Lächeln zustande. Willst du tauschen, Roseanne? Bitte?

Vielleicht wird sie sich um Alex kümmern können, wenn ich nicht mehr bin. Vielleicht könnte er sich sogar in sie verlieben, mich vergessen.

"Mulder ist nicht ... na ja, er ist alleinstehend, Roseanne."

Sie lacht weiter und schüttelt ihren Kopf.

"Dana, bist du verrückt? Der Mann ist an nichts und niemandem außer dir interessiert. Glaube mir, ich habe versucht seinen ... Horizont ein wenig zu erweitern."

Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Ich wünschte einfach, dass die Dinge irgendwie anders wären. Für uns alle.

"Dana, bist du sicher, dass es dir gut geht? Machst du dir Gedanken wegen des Einsatzes oder so?"

"Einsatz?"

Ihr Kinnlade klappt nach unten und ihre Augen treten wie bei einer Zeichentrickfigur aus ihrem Kopf hervor.

"Du machst Witze, richtig?"

"Äh..."

"Hast du in der letzten Woche unter einem Stein gehaust?"

"Na ja, wie ich sagte, ich war ziemlich beschäftigt. Ich habe nicht viel mit den Leuten geredet."

"Nicht einmal mit Alex?"

Ganz besonders nicht mit Alex. Ich kann ihr nicht anders antworten, als meinen Kopf zu schütteln und wegzusehen. Ich hoffe, dass sie mitbekommt, dass dies das letzte ist, worüber ich im Moment reden möchte.

"Dana, solltest du nicht seine Stellvertreterin sein? Ich meine, wenn ihr beide Probleme habt..."

"Wir haben keine Probleme!"

Sie entfernt sich ein wenig von mir, erschrocken über meinen Ausbruch. Es war nicht meine Absicht, so verteidigend zu klingen.

"Okay, Dana. Ihr habt keine Probleme. Also warum hat er dir nicht von diesem großen Einsatz erzählt, den er seit den letzten Wochen zusammen mit Marita und ihrem mysteriösen Kontaktmann plant?".

Marita? Kontaktmann? Mein Gott, Alex. Was um alles in der Welt hast du vor mir verheimlicht?

"Ich nehme an ... wir waren sehr beschäftigt."

"Um Himmels willen, Dana! Sie greifen eine der Hauptstützpunkte an. Das ist eine riesen Sache! Ich kann nicht fassen, dass er nicht mit dir darüber gesprochen hat. Was zur Hölle ist mit ihm los?"

"W... wann soll das stattfinden?"

"In ungefähr fünf Tagen!"

Oh. Mir wird wieder schwindlig. Ich wünschte sie würde aufhören zu schreien.

"Ich...ich muss gehen, Roseanne. Es tut mir leid."

"Du musst gehen und ihm in den Hintern treten, das ist es, was du tun musst."

Ich lächle und lehne mich über den Tisch, um sie auf die Wange zu küssen. In mir kriecht das Bedürfnis hoch, ihr heulend in die Arme zu fallen, aber glücklicherweise kann ich mich zurückhalten.

"Wir sehen uns später, Roseanne. Danke."

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Ich war noch nie nervös gewesen, wenn ich an Alex' Bürotür geklopft habe. Genaugenommen bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt schon mal an diese Tür geklopft habe, Punkt.

Er murmelt etwas unverständliches hinter der Tür und ich fasse das als Einladung auf. Ich muss zugeben, dass ich schockiert bin, als ich eintrete. Ich habe dieses Raum noch nie in einem solchen Zustand völligen Chaos gesehen. Zettel, Bücher und Landkarten liegen auf dem Schreibtisch und auf den Stühlen verstreut. Die Aktenschränke sind offen, ihre Inhalte durcheinandergewühlt. Alex sitzt mitten in dieser Unordnung und schreibt in sein Notizbuch. Er plant. Ohne mich.

Ich räuspere mich und er sieht erschrocken auf. Ich habe das Gefühlt, als hätte ich ihn mitten in einer untreuen Situation erwischt. Albern, aber einfach das gleiche...

"Dana."

Sein Ton macht mir Angst. Er ist nicht fragend, nicht überrascht, nicht wütend oder genervt, nicht zärtlich oder besorgt. Er ist leer. Nichtssagend. Eine gefühllose Feststellung. Dana.

"Hallo, Alex. Darf ich mich setzen?"

"Wenn du einen Platz findest."

Ich hebe einen Stapel Papier von dem Stuhl vor seinem Schreibtisch und lege ihn auf den Boden. Er jammert, aber er weist mich nicht zurecht, also setze ich mich. Ich fühle mich alarmierenderweise wie ein unartiges Kind, dass plötzlich in das Büro des Direktors geschickt wird.

"Alex ich ... ich wollte dich etwas fragen."

Mein Gott, dieses Gesicht. Er ist ein Stein. Kein wie auch immer gearteter Gesichtsausdruck. Seine Hände sind auf dem Tisch vor ihm gefaltet. Menschliche und unmenschliche Seite vereint.

"Ich habe heute etwas über einen Einsatz erfahren, Alex."

Immer noch nichts. Ich muss gegen den Drang ankämpfen, nervös auf meinem Stuhl herumzurutschen.

Mein Gott, es ist Alex. Alex um Himmels Willen. Ich sollte mich nicht so fühlen. Wie konnten die Dinge nur so völlig schief gehen?

"Wird ... wird es einen Einsatz geben?"

"Ja."

Okay, also gut.

"Gut, würdest du mir etwas darüber erzählen?"

"Was möchtest du wissen?"

"Ich möchte wissen..."

Ich höre auf und atme tief ein, halte mich selbst davon ab, mit der Tirade herauszuplatzen, die ich unter meiner Oberfläche kochen fühle.

"Was ich zuerst wissen möchte ist, warum du mir nicht schon längst davon erzählt hast?"

Er seufzt und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Zeichen von Leben?

"Du warst beschäftigt. Ich wollte dich nicht belästigen."

"Mich belästigen? Alex, das ist ein Teil meines Jobs. Nicht nur meines Jobs. Meines Lebens. Jetzt möchte ich, dass du mir erzählst, was vorgeht. Wo findet dieser Einsatz statt?"

Statt einer Antwort erhalte ich einen Stapel Papier, der in meine ungefähre Richtung über den Schreibtisch geschoben wird. Dabei ist eine ungefähre Karte des südwestlichen Territoriums, die sich vage noch weiter nach Süden erstreckt. Irgendwo in der Nähe des unteren Randes ist ein roter Kreis um das, was glaube ich früher die Stadt Boston gewesen ist.

"Alex, haben nicht dort die Alienrebellen ihre Kolonie?"

"Ja."

"Das sind ... da sind nicht die, die du angreifst, Alex."

"Doch, das sind sie."

"Ich verstehe das nicht. Alex, dort all ihre Lagerhäuser. Dort kommen unsere Lieferungen her. Was geht hier vor?"

"Sie lügen uns an, Dana. Lassen uns ihre Dreckarbeit machen und geben uns dafür Almosen."

"Almosen? Alex, sie halten uns am Leben!"

Er schüttelt seinen Kopf und schaut mich mit ... Mitleid an? Ist das Mitleid? Als wenn ich blöd wäre, weil ich nicht weiß, was er weiß, nicht verstehe, warum er unseren einzigen hilfreichen Verbündeten wegwerfen will und uns dadurch eine ganze Menge neuer Feinde verschaffen wird.

"Sie haben uns zum Narren gehalten, Dana. Sie haben die Dinge, die wir brauchen, die Dinge, für die wir uns den Arsch aufreißen, um sie zu finden. Sie hatten die schon immer. Alles was wir tun ist das zu nehmen, was wir verdienen. Volle Bezahlung."

"Wovon redest du? Was haben sie?"

"Alles."

Wäre es das Ende der Welt, wenn ich über den Tisch greife und ihn erwürge? Irgendwie habe ich das Gefühl, das es das wäre, aber es ist trotzdem eine Versuchung.

"Könntest du dich bitte etwas genauer ausdrücken?"

"Sie haben die Technologie, die wir brauchen. Um die Waffe zu bauen. Um sie loszuwerden. Alle."

"Wenn das stimmt, warum haben sie diese Waffe nicht schon selbst benutzt?"

"Weil es sie auch töten würde, wenn sie sie freisetzen. Sie haben noch keinen Weg gefunden, sich selbst zu immunisieren."

"Also willst du losgehen und sie ihnen wegnehmen und die Waffe freisetzen? Du willst die Einzigen verraten, die uns überhaupt geholfen haben, Alex?"

Er sieht mich wieder so mitleidig an und das erste Mal an diesem Tag lassen meine Kopfschmerzen nach und machen Übelkeit Platz. Wer ist dieser Mann. Wo ist der Alex, den ich kenne? Habe ich einfach dadurch umgebracht, dass ich mit einem anderen Mann getanzt habe?

"Das ist nicht alles, was sie haben."

Verdammt. Das ist absolut lächerlich. Ich kann nicht fassen, dass er dieses idiotische Ratespiel mit mir spielt.

"Was haben sie noch, Alex?"

"Das, woran du arbeitest, seit du hergekommen bist."

Ein Aufflackern von Angst und Hoffnung fährt durch meine Adern.

"Ein Heilmittel..."

Ich schaffe es kaum, das Wort zu flüstern. Wie kann das möglich sein? Es kann nicht. Kann es?

"Woher ... woher weißt du, dass sie es haben?"

"Jemand hat es mir erzählt."

"Jemand hat es dir erzählt. Das ist großartig, Alex. Du willst unsere einzigen Verbündeten die Toilette hinunterspülen und das Leben von jedem hier aufs Spiel setzen, wegen etwas, was dir 'jemand' erzählt hat?"

Und das alles, um ein Heilmittel zu finden. Das ist es, worum es geht, noch mehr, als um die Waffen. Ich kenne ihn gut genug, um das zu verstehen. Er hat die Absicht alles zu riskieren, inklusive seines eigenen Lebens, um dieses Heilmittel zu finden. Für mich. Für etwas, das er als potentielle Bedrohung meines Lebens empfindet. Das ist es, was mir am meisten von allem Angst macht. Und es verstärkt meine Entscheidung, ihm nicht zu erzählen, dass ich bereits krank bin. Gott allein weiß, was er tun würde.

"Es ist jemand, dem ich traue. Und sie sind nicht unsere einzigen Verbündeten."

"Wer?"

Er senkt seine Kopf und lässt in mir den Verdacht aufkommen, dass dieser jemand Marita ist.

"Alex?"

"Es gibt da einen Mann. Einen Mann, für den ich früher gearbeitet habe. Wir sind in Kontakt getreten. Er hat angeboten, uns zu helfen."

"Und er ist der einzige, von dem du diese Information hast?"

"Ja."

"Dieser Mann, hat er einen englischen Akzent?"

Seine Augenbrauen heben sich überrascht, was mir als Antwort ausreicht. Ich kenne diesen Mann, den Alex anscheinend für vertrauenswürdig hält. Und ich bin fast sprachlos vor Schreck, dass er so viel wegen eines Wortes von ihm riskiert.

"Was für Beweise hat dir dieser Mann geliefert, Alex?"

Er schüttelt seinen Kopf abwehrend, als wäre das eine absurde Frage.

"Ich vertraue ihm, Dana."

"Und das reicht dir?"

"Ja."

Mir ist klar, dass es keinen Sinn hat, über dieses Thema mit ihm zu streiten. Er scheint seine Entscheidung bereits getroffen zu haben.

"Also, wann fahren wir los?"

"Ende der Woche. Du musst nicht mitkommen, Dana. Ich nehme nur eine kleine Gruppe mit."

Ich nicke zustimmend und wir schauen uns das erste Mal in die Augen. Ich mag es mir einbilden, aber ich denke, dass ich etwas in ihm weich werden sehe. Ich nehme an, dass er einen Streit erwartet hatte. Ich wünschte ich hätte die Kraft zu streiten. Ich wünschte mir würde es gut genug gehen, dass ich eine Hilfe sein könnte, statt eines Klotzes am Bein.

Wir starren uns eine Weile an, die mir wie eine sehr lange Zeit vorkommt, aber die bestimmt nur aus ein oder zwei Momenten bestanden hat. Ja, er benimmt sich wie ein unerträglicher Bastard, aber irgendwo da drin ist jemand, der mir etwas bedeutet. Jemand, den ich berühren will.

Ich fahre mit den Fingern meiner rechten Hand über den Ring, der auf meiner linken steckt und ich fühle wie mein Herz bei der Erinnerung an den Abend, an dem er mir dieses Geschenk gegeben hat, anfängt zu rasen. Wie würde er reagieren, wenn ich über diese Barriere zwischen uns reichen würde, sein Gesicht in die Hände nehmen würde und meine Lippen auf seine legen würde, dort wo sie hingehören? Würde es diese kalte, tote Fassade hinwegschmelzen? Würde es ihn davon überzeugen, mir wieder zu glauben? Einen Moment lang glaube ich, dass es das würde.

Aber der geht vorbei. Er sieht wieder nach unten auf seine Zettel, entlässt mich. Ich stehe auf und wende mich zur Tür. Beobachtet er mich mit traurigen, einsamen Augen?

Ich drehe mich schnell um in der Hoffnung, ihn zu erwischen, aber sein Kopf ist immer noch über den Schreibtisch gebeugt und er hat wieder mit Schreiben angefangen. Ich spüre einen Anflug von Verzweiflung und ein so starkes Begehren, dass ich es nicht einfach ignorieren und davonlaufen kann.

"Ich vermisse dich, Alex", flüstere ich so leise, dass ich denke, dass er es vielleicht überhört haben könnte.

Das hat er nicht. Er schaut nach oben und plötzlich ist sein Gesicht anders. Weich und lieb und schrecklich unglücklich.

"Dana..."

So anders, als vorhin. So voller Schmerz und Liebe und einfacher, alter, rauer Emotion.

"Was passiert hier, Alex? Ich dachte, wir wären darüber hinweg?"

Seine Augen fallen zu und er reibt seine Hand über sein Gesicht.

"Keine Ahnung, Dana. Ich bin nur ... was immer du jetzt von mir denkst, was immer du auch denkst, was für ein Mensch ich bin, es gibt eine Sache, die mich immer durch jede Situation hindurchgeführt hat."

"Was ist das?"

"Selbstschutz. Überleben."

Ich gehe zum Schreibtisch zurück und lege meine Hand vorsichtig auf seine. Er zieht sie nicht zurück, Gott sei Dank.

"Was hat das mit uns zu tun, Alex?"

"Ich versuche lediglich, mich selbst zu schützen, Dana."

"Vor mir?"

Er atmet tief und schaudernd ein und schaut mit den Augen eines verängstigten Hasen zu mir auf.

"Vor dem, was du in der Lage bist, mir anzutun."

Das zu hören fühlt sich an, als würde mir ein weißglühender Dorn in die Brust gestochen, der ein Herz trifft, von dem ich dachte, dass es schon tausende Male gebrochen wurde.

"Ich würde dir niemals weh tun, Alex."

Er nickt, aber ich nehme an wir beide wissen, dass das eine Lüge ist. Ich habe ihm schon weh getan. Nicht willentlich oder absichtlich, aber ich habe es.

"Es tut mir leid, Alex."

Ich drücke seine Hand. Er hebt meine an seine Lippen und drückt einen zarten Kuss auf meine Knöchel.

"Mir auch, Djewotschka. Mir auch."

"Also, was tun wir?"

"Einfach ... einfach weitermachen, nehme ich an."

Einfach weitermachen. Ich nehme an, das ist ein Anfang. Er lässt meine Hand los und nimmt statt ihrer einen Stift, schaut wieder auf seine Arbeit.

"Ich sehe dich heute Abend", sagt er und dieses Mal gehe ich wirklich, weil ich nicht weiß, was ich sonst noch sagen sollte. Ich weiß nicht, wie in aller Welt ich es besser machen könnte. Aber wenigstens habe ich ein kleines bisschen Hoffnung.

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Ende Kapitel 12