Titel: World Without End, Dritter Band
Autor: Rachel Anton
Originaltitel: World Without End, Book Three
e-mail: RAnton1013@aol.com
Rating: NC-17
Disclaimer: Jeder, den ihr wiedererkennt gehört nicht mir.
Autorenbemerkung: Dieses ist der Dritte Band einer aus drei Bänden bestehenden Serie. Ich empfehle, die ersten beiden Bände zu lesen, bevor ihr mit diesem beginnt.
Spoiler: Keiner, der mir einfällt.
Kategorie: Post Kolonisation, Scully/Krycek
Übersetzung: Kristin
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Kapitel 1
Die Welt ist jetzt sehr viel kleiner, als sie es früher war.
Zumindestens scheint es so zu sein. Wenn ich unsere dezimierte Bevölkerung ansehe, alle an einem Ort versammelt, habe ich das Gefühl, als wäre das halbe Universum verschwunden.
Alex hat entschieden, sehr weise wie ich meine, das Meeting in einem anderen Vorlesungssaal abzuhalten als früher. Einem kleineren. Es gibt nicht sehr viele freie Plätze, aber es ist trotzdem ein bisschen angsteinflößend als ich mich umsehe und denke, dass es das jetzt ist, dass das alles ist, was übrig ist.
Ich habe versucht, meine Identität nicht zu sehr mit diesem Ort zu verflechten. Ich war vorher Teil einer Gruppe, zusammen mit den anderen, die wie ich waren, den anderen Klonen. Als ich sie verlor, fühlte ich mich ausgeschlossen und orientierungslos. Ich möchte das nicht noch mal fühlen. Aber wenn man so lange mit Menschen zusammen lebst, wie ich schon hier lebe, wird es schwierig, sich zu distanzieren. Es ist schwierig, unbeteiligt zu bleiben, wenn es schlecht läuft.
Es läuft sehr schlecht. Es ist schwer zu sagen, wie schlimm es noch werden wird, weil die unglücklichen Ereignisse nur ein paar Wochen her sind, aber es sieht nicht gerade sonderlich vielversprechend aus.
Es ist nicht nur, das wir so viele Leute verloren haben. Es ist noch nicht mal, dass wir unsere Verbündeten verloren haben, uns vielleicht neue Feinde gemacht haben. Das sind schlechte Zeichen, sicher, aber ich spüre, dass die wahre Bedrohung nicht von außen kommt, sondern von innen.
Ich habe eine Freundin, Laurie. Laurie ist Sklavin gewesen und bei ihr wurde vor sechs Monaten Krebs diagnostiziert. Sie hatte einen Geliebten, der Jordan hieß. Jordan starb bei dem Kampf im Hauptquartier der Rebellen. Wir haben ein Heilmittel für Laurie, aber sie will es nicht einnehmen. Sie hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass sie lieber sterben würde, als in dieser beschissenen Welt ohne Jordan weiter zu machen. Sie sagte, dass das einzige, was sie davon abhält, sich umzubringen die Hoffnung ist, Alex eines Tages für das bezahlen zu lassen, was er getan hat.
Es gibt viele Lauries. Und unglücklicherweise gibt es nicht sehr viele Leute wie Dana oder Brian, die loyal sind, nicht nur unserer Sache gegenüber, sondern auch ihm gegenüber.
Die Teilung ist heute noch offensichtlicher als sonst. Alex sitzt in der Mitte eines großen, rechteckigen Tisches im vorderen Teil des Raumes, Dana sitzt zu seiner Rechten und Brian zu seiner Linken. Es sitzen noch ein paar andere an diesem Tisch, Alex' Berater, die Chefs der Farm, der Nahrungsmittelverteilung und des Haushaltskomitees, aber der Rest von uns sitzt auf der anderen Seite des Tisches. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hierher gehöre. Jeder auf dieser Seite scheint sehr, sehr wütend zu sein.
Das Meeting hat noch nicht offiziell angefangen, aber die Leute reden schon miteinander. Bittere, gemeine Worte fliegen durch den Raum und stärken sich an sich selbst. Ich hoffe, dass Alex nicht das Potential an Dummheit unterschätzt, das großen Gruppen innewohnt. Wenn sich der Mob erst einmal fest in die Köpfe eingenistet hat, dann fangen unsere Probleme richtig an.
Ich versuche Augenkontakt zu Dana zu bekommen, um ihr aufmunternd zuzulächeln, aber sie sieht nicht von ihrem Notizblock auf. Sie sieht blass aus, fast krank. Alex sieht so cool aus wie immer. Manchmal denke ich, dass es ihm Spaß macht, ein Objekt des Hasses zu sein.
"Entschuldigen Sie, Miss. Ich habe eine Einladung zum Lynchen für heute morgen erhalten. Bin ich hier richtig?"
Mulder. Ich lächle halbherzig zu ihm hinauf und biete ihm mit ausgestreckter Hand den leeren Platz neben mir an.
"Eigentlich nicht, das ist ein Zirkus. Warum bleibst du nicht trotzdem?"
"Denkst du, dass Brian heute seine Löwenbändigernummer aufführt?"
"Vielleicht, wenn du ihn nett darum bittest."
Er setzt sich seufzend hin und fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Er scheint selbst ein wenig nervös zu sein. Ich bin froh, dass er sensibel genug ist, um besorgt zu sein und dass er sich nicht wegen seiner persönlichen Probleme den anderen anschließt. Ich bin froh, aber nicht überrascht.
"Wie denkst du wird es laufen, Roseanne?"
"Nicht gut."
"Die Leute sind ziemlich wütend, richtig?"
"Scheint so."
Er rutscht auf seinem Stuhl hin und her und schaut über seine Schulter. Dann sieht er wieder zu mir und lehnt sich nah zu mir, leise sprechend. Ich kann mir nicht helfen. Es bringt mir ein billiges kleines Vergnügen.
"Ich kann nicht anders, als mich für all das ein wenig verantwortlich zu fühlen," murmelt er mit einer so sexy Stimme, dass mir fast komplett entgeht, was er gesagt hat.
"Verantwortlich? Wie verantwortlich?"
"Vor ein paar Monaten habe ich Krycek erzählt, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, die Allianz mit den Rebellen zu beenden. Ich weiß, dass er das nicht meinetwegen getan hat, aber ich habe ihn auf diese Idee gebracht."
Ich weiß nicht, was mich mehr überrascht. Dass es die beiden es jemals geschafft haben, eine zivilisierte Unterhaltung zu führen, oder dass Alex tatsächlich auf etwas gehört haben könnte, was Mulder gesagt hat.
"Es war keine schlechte Idee, Mulder. Und es waren noch andere Faktoren am Werk."
Bevor ich diese Faktoren aufzählen kann, räuspert sich Alex und steht auf, um zu sprechen. Ich denke nicht, dass ich jemals in meinem Leben soviel Mitgefühl für ihn hatte. Ich hoffe, dass sich niemand dazu entschließt, ihn zu erschießen.
"Okay, ich denke wir sollten beginnen," sagt er und die Unterhaltung verebbt bis auf ein bisschen leises Flüstern. "Zuerst möchte ich allen dafür danken, dass ihr gekommen seid. Wir haben sehr viele Dinge zu besprechen. Wir müssen uns vielen Herausforderungen stellen und ich denke, dass es am besten ist dies zu tun, wenn wir alle zusammenarbeiten."
Irgendein fremdartiger, dämonischer Teil von mir ergreift meinen Stift und schreibt, "Um wie viel willst du wetten, dass sie diese Rede geschrieben hat?" in mein Notizbuch. Derselbe Dämon schiebt das Buch in Mulders Richtung und mir wird erst nach dem der Dämon fertig ist bewusst, dass Mulder das vielleicht nicht sonderlich komisch finden könnte.
Zum Glück für den Dämon und für mich lächelt er.
"Wir alle haben in letzter Zeit große Verluste erleiden müssen und ich fürchte, es stehen uns weitere bevor. Die kommenden Monate werden nicht leicht werden. Die Vorräte werden uns gerade dann ausgehen, wenn wir sie am meisten brauchen; im Winter. Das bedeutet, dass wir dazu gezwungen werden, sie ab jetzt zu rationieren."
"Was rationieren?" ruft jemand von den billigen Plätzen.
"Rationieren...na ja, alles. Nahrungsmittel, Wasser, Elektrizität, medizinische Versorgung...ich habe, ich habe mit den Leuten von der Farm gesprochen und wir haben einige Ideen, wie wir unsere landwirtschaftliche Entwicklung besser nutzbar machen könnten und wir hoffen, dass wir bis zum Winter genug Nahrungsmittel für jeden haben werden. Aber im Moment müssen wir etwas sparsamer sein. Wir alle werden etwas von den Bequemlichkeiten abgeben müssen, an die wir gewöhnt waren."
"Bequemlichkeiten? Welche denn? Die Bequemlichkeit zu wissen, dass die Menschen, die du liebst nicht brutal ermordet werden? Ist das eine der ‚Bequemlichkeiten', die wir für die Sache opfern müssen, Alex?"
Oh-oh. Es ist Laurie. Sie flippt schon aus. Und ich sehe es schon, dass Alex das nicht gut handhaben wird. Er sieht sie mit dem Blick an. Diesem gruseligen, eiskalten Starren, das jeden, den es trifft, sei es Mann, Frau oder Kind, in Angst und Schrecken versetzt. In manchen Situationen ist das ein nützliches Werkzeug. Aber diese hier ist definitiv keine davon. Es ist gut, dass er jetzt eine menschliche Hälfte hat.
"Laurie, es tut uns allen Leid, was mit Jordan passiert ist," bietet Dana von ihrem Platz aus an. Sie hat ihre Hand auf Alex' Arm gelegt, wahrscheinlich in der Hoffnung, ihn davon abhalten zu können, die arme Frau zu erwürgen.
"Was all diesen Menschen passiert ist, die wir verloren haben. Es ist eine schreckliche Tragödie für uns. Was wir zu tun versuchen ist sicherzustellen, dass sie nicht umsonst gestorben sind. Wir haben so viel verloren, aber wir haben etwas sehr wichtiges gewonnen. Wir sind jetzt frei. Wir haben die Freiheit unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und unsere eigenen Fortschritte zu machen. Wir arbeiten nicht mehr für die Rebellen, nur noch für uns selbst. Wir haben die Chance dazu, wirklich unabhängig zu werden. Meinst du nicht, dass Jordan das gewollt hätte?"
"Du kannst es drehen und wenden wie du willst, Dana. Tatsache ist, er ist für nichts gestorben. NICHTS! Und du WEISST das!"
Sie beginnt zu zittern und bricht mit einem Weinkrampf zusammen und glücklicherweise sitzt jemand neben ihr, der ihr ein wenig Trost spenden kann. Offen gestanden, weiß ich nicht, ob ich jetzt dazu fähig wäre. Ich kann nicht sehr gut mit Hysterie umgehen.
Und Dana kann das auch nicht. Aber sie bleibt ruhig.
"Laurie, es muss nicht so sein. Wenn wir alle zusammenarbeiten, können wir diesem schrecklichen Verlust vielleicht eine Bedeutung geben. Wir haben ein paar Übergangspläne ausgearbeitet und wenn ihr alle zuhören ..."
"Es gibt keine Bedeutung, Doktor Scully," lässt sich eine leise Stimme hinter mir hören. Es ist Thomas, einer der Männer, der von der fehlgeschlagenen Mission zurückgekehrt ist.
"Ich war dort. Ich sah diese Männer, sah, wie sie lebendig verbrannt wurden. Für absolut nichts. Ich bin sicher, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, bis uns alle das gleiche Schicksal trifft. Und ich denke wir alle wissen, wem wir das zu verdanken haben."
Sein zorniger Blick fällt direkt auf Alex, der jetzt auf jeden Fall vor Wut schäumt. Wenn es jetzt etwas gibt, was er braucht, dass ist es Kontrolle. Und dieses Meeting ist nach nur fünf oder zehn Minuten sehr stark außer Kontrolle geraten. Er öffnet seinen Mund, um zu sprechen, aber Dana erhebt sich von ihrem Sitz und unterbricht ihn.
"Jetzt warte mal einen Moment. Ich kann mich erinnern, dass ich von dir ganz andere Töne gehört habe, *bevor* all das passiert ist. Tatsächlich ist es so, wenn ich mich recht erinnere, dass du ziemlich hin und weg von diesem ganzen Plan warst. Genau wie viele andere von euch. Ich kann mich nicht erinnern, dass *irgendjemand* hier irgendeine Art von Einwänden gegen den Plan gehabt hat, den Alex unterbreitet hat. Wir alle haben gedacht, dass es eine gute Idee wäre. Wir alle haben ihn unterstützt."
Ihre leidenschaftliche Verteidigung ist rührend und etwas ironisch. Wenn ich mich recht entsinne, war Dana die einzige, die gedacht hat, dass diese ganze Sache ein Fehler wäre.
"Also was, es ist nicht so gelaufen, wie wir es alle erwartet hatten. Wir haben verloren. Jetzt seid ihr also der Meinung, dass es die ganze Zeit eine schlechte Idee war und wendet euch gegen den Menschen, der ... den Mann, der..."
Sie stützt sich mit der Handfläche auf den Tisch und scheint ein wenig zu schwanken. Ihre Augen schließen sich und sie atmet tief durch. Alex' Gesicht verliert jede Spur von Zorn und er dreht sich zu ihr, total erschrocken. Alle im Raum werden totenstill und scheinen ihren Atem anzuhalten.
Schließlich öffnet sie ihre Augen wieder, legt die Hand über den Mund und murmelt, "Entschuldigt," in ihre Finger. Sie dreht sich von der Menge weg und flüchtet aus dem Hintereingang des Raumes.
Ein Wiederaufwallen der Gespräche folgt ihrem Weggang. Worte wie Krebs, Zusammenbruch und "Was zur Hölle sollen wir jetzt tun?" scheinen aus jeder Richtung zu kommen. Aber ich weiß, dass es das nicht ist. Ich habe die Tests gesehen, die sie heute Nachmittag durchgeführt hat. Ich dachte, sie seien nur Vorsichtsmaßnahmen, Teil einer Allgemeinuntersuchung ihres Körpers. Sieht so aus, als wäre es mehr als das.
Mulder rutscht neben mir herum, anscheinend in der Absicht, aufzustehen und ihr zu folgen. Und Alex, armer Alex, steht einfach da mit offenem Mund und sieht aus, als wenn ihm gerade jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt hätte.
Keiner von beiden wird in der Lage sein, ihr jetzt zu helfen.
Ich stehe von meinem Platz auf und gehe zur Tür, halte kurz an, um mit Alex zu sprechen.
"Ich werde gehen. Du bleibst," sage ich zu ihm.
"Ich kann nicht...ich..."
"Doch Alex. Bleib einfach hier. Ich bin sicher es geht ihr gut. Und ich weiß, dass sie will, dass du hier bleibst und das zu Ende führst."
Er nickt und ich renne aus der Tür, hoffe wider besseres Wissen, dass er es fertig bringt, mit dieser Situation ohne sie umzugehen.
Ich brauche bloß eine Minute, um sie zu finden. Ich folge einfach den Würgegeräuschen. Sie hat es nicht ganz bis zu den Toiletten geschafft. Sie ist in der Tür zusammengekrümmt und erbricht sich auf den weißen Linoleumfußboden.
Ich steige über sie und hole ein paar Rollen Toilettenpapier, um alles wegzuwischen. Ich nehme an, das ist eine Woche TP Ration.
Ich trage den Haufen, zusammen mit einem Becher Wasser wieder zur Tür, setze mich neben sie auf den Boden und sehe ihr ein paar Minuten lang dabei zu, wie sie sich ihr kleines Herz aus dem Leib kotzt.
Als sie fertig ist, setzt sie sich auf ihre Knie und ich gebe ihr das Wasser und eine Handvoll Papier, damit sie sich ihren Mund abwischen kann. Ich beginne sauberzumachen, obwohl sie mir sagt, ich muss das nicht tun.
Ich bringe es fertig, das meiste von dem Zeug vom Boden wegzuwischen und die Toilette hinunterzuspülen. Es stinkt trotzdem. Nichts riecht schlimmer als abgestandene Kotze.
"Geht es dir besser?" frage ich und setze mich wieder neben sie auf den Boden.
"Ein bisschen. Danke."
"Hast du es Alex gesagt?"
"Alex was gesagt?"
"Ich habe die Tests gesehen, die du an dir durchgeführt hast, Dana."
"Roseanne, ...nicht."
"Nicht was?"
"Ich möchte jetzt nicht darüber reden."
"Warum nicht?"
"Weil ich...ich weiß noch nicht, was ich tun soll."
Tun? Was zur Hölle kann sie tun? Sie ist schwanger. Es ist ja nicht so, dass sie das sehr lange geheim halten kann. Außer...
"Dana, du denkst doch nicht etwa darüber nach, es loszuwerden, oder?"
Das Ausbleiben einer Antwort ist Antwort genug. Ich bin nicht sicher, was ich dazu sagen soll. Sicher ist es ihre Entscheidung und wir haben die Technologie, um es sicher durchzuführen.
Aber irgendwas schreit dabei einfach "falsch". Und nicht wegen irgendwelcher moralischer Bedenken. Es erscheint mir einfach wie eine vertane Chance. Eine Chance, die ich niemals haben werde. Eine Chance, von der sie selbst dachte, sie würde sie nie haben.
"Dana, das ist, es ist ein Wunder. Es ist unglaublich. Dir ist hiermit eine wunderbare Chance gegeben worden."
"Wunderbare Chance? Roseanne, schau dich um. Wie kann ich es rechtfertigen, jetzt ein Kind in diese Welt zu setzen? Wie kann ich ein - ein Baby haben und noch nicht einmal wissen, ob in fünf Jahren noch jemand am Leben ist, der sich darum kümmert?"
Das ist ein hartes Argument. Natürlich hat sie recht. Trotzdem habe ich das Gefühl, sie macht einen Fehler. Ich habe das Gefühl, dieses Baby ist der Hoffungsschimmer, den wir alle so verzweifelt brauchen. Aber wie fair wäre es, all diese Erwartungen auf ihre Schultern zu laden? Sie ist nur eine Frau, die versucht zu leben.
Ich bin sprachlos.
"Du...du solltest es ihm trotzdem erzählen."
Sie wischt wieder über ihren Mund und sieht mir in die Augen. So viel Traurigkeit liegt darin, als sie mich fragt, "Welchem ihm?"
Ende Kapitel 1
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Kapitel 2
Ich habe keine Alpträume mehr gehabt. Nicht mehr seit dieser Nacht, in der sie mir gesagt hat, dass sie mich liebt. Nicht mehr, seit sie mir vergeben hat. Nein, ich hatte keine Alpträume mehr, aber meine Träume waren auch nicht gut. Es waren diese Art Träume, wie ich sie als Kind hatte. Nicht furchtbar genug, um Alpträume zu sein, aber nicht gut genug, um sie zu genießen. Angstträume. Träume davon, zur Schule zu kommen und keine Hosen anzuhaben, die Hauptrolle in einem Stück zu spielen und meinen ganzen Text vergessen zu haben.
Heute haben sich die Gefühle aus meinen Träumen in der Realität manifestiert. Das Meeting war nicht so schlimm, wie es hätte sein können. Niemand hat eine Waffe gezogen und mich erschossen. Nicht furchtbar vielleicht, aber nicht gut.
Durch Danas hastigen Abgang habe ich mich noch verletzbarer und unsicherer dort oben gefühlt, und ich war unfähig, mich auf die vor mir liegende Aufgabe zu konzentrieren, weil ich mir so viele Sorgen um sie gemacht habe. Die Leute haben sich ein bisschen beruhigt und ich hatte die Möglichkeit, ein paar von meinen Plänen vorzustellen, aber nichts von dem, was ich sagte, wurde mit viel Enthusiasmus aufgenommen.
Und ohne Dana war ich nicht in der Lage, wirkliche Begeisterung oder Überzeugungskraft auszustrahlen. Sie haben durch mich hindurch gesehen, direkt in das Herz meiner Angst und Verwirrung. Ich hätte genauso gut nackt sein können.
Obwohl sie still waren, konnte ich ihren Zorn spüren, ihre Abscheu vor meiner Hilflosigkeit. Ich habe diese Dinge selbst empfunden. Warum sollten sie es also nicht tun? Sie wissen es so gut wie ich. Der Kaiser hat wirklich keine Kleider. Oder Nahrungsmittel. Oder Toilettenpapier.
Der Himmel ist dunkel heute Nacht. Kein Stern beleuchtet meinen Weg, als ich nach Hause laufe. Kein Mond scheint auf die Bäume und zeigt mir, ob sich jemand hinter ihnen verbirgt. Ich beginne, ein wenig schneller zu laufen, schaue ziemlich oft über meine Schulter und wünschte, ich hätte mich dazu entschlossen, mit Brian zurückzugehen. Oder sogar mit Mulder. Weil wir gerade von bemitleidenswert sprechen.
Zu dem Zeitpunkt, an dem ich an meiner Zimmertür ankomme, habe ich tatsächlich meine Waffe aus dem Holster gezogen und halte sie in der Hand. Ein bisschen Paranoia hat noch nie jemandem geschadet, nehme ich an. Mir hat sie sicher schon öfter geholfen, als ich zählen kann.
Als ich die Tür öffne, finde ich Roseanne auf der anderen Seite, die über meinen Anblick ein wenig erschrocken aussieht.
"Was machst du mit dem Ding? Versuchst du, jemanden umzubringen?" flüstert sie ärgerlich.
Das Zimmer ist fast so dunkel, wie es draußen war. Sie hat nur ein kleines Licht über dem Herd angeschaltet. Ich lege die Waffe auf den Küchentisch und sehe mich nach Dana um.
"Wo ist sie?"
"Sie schläft, Alex. Sei leise."
"Okay...aber, ist sie in Ordnung?"
"Es geht ihr gut. Es wird ihr wieder gut gehen."
Ich laufe wieder zum Schlafzimmer zurück und Roseanne versperrt mir mit ausgestrecktem Arm den Weg.
"Lass sie einfach schlafen, Alex. Sie braucht Ruhe."
"Was zum Teufel ist los mit ihr?"
Sie starrt mich einen Augenblick lang mit einem extrem eigenartigen Gesichtsausdruck an. Mitleid? Es sieht fast wie Mitleid aus.
"Nichts. Es ist nichts mit ihr los, Alex. Sei ... sein einfach leise. Und wenn sie aufwacht sorge dafür, dass sie ein bisschen Saft trinkt."
"Saft?"
"Ja, Saft. Du hast doch welchen, oder?"
"Ich nehme an. Keine Ahnung."
Mein Gott, ich kann nicht denken. Wie zum Teufel kann sie von mir erwarten, dass ich weiß, ob ich Saft habe oder nicht? Wie soll ich mich gerade jetzt an so etwas erinnern können?
"Kümmere dich einfach um sie, Alex. Sorge dafür, dass sie etwas nahrhaftes zu essen bekommt und ... kümmere dich einfach um sie."
Mich um sie kümmern? Was denkt sie, was ich vorhabe?
"Roseanne, was ist mit ihr los?"
"Nur...nur eine Magengrippe denke ich."
Sie lügt mich an. Das weiß ich. Aber ich will von ihr die Wahrheit sowieso nicht hören. Ich muss mit Dana sprechen.
"Magengrippe. Das ist sehr interessant. Ähm, Roseanne, könntest du ...äh..."
Ich gestikuliere in Richtung Tür und sie beeilt sich, dorthin zu kommen, offensichtlich genauso bestrebt, hier zu verschwinden, wie ich bestrebt bin, sie loszuwerden. Ich öffne ihr die Tür, aber gerade als ich sie hinter ihr wieder schließen will, dreht sie sich um und sagt mir ein weiteres Mal, "Kümmere dich um sie, Alex."
Wenn sie das noch einmal sagt, werde ich ihr eine runterhauen, also schließe ich schnell die Tür, bevor sie die Chance dazu bekommt.
Als ich mich wieder umdrehe, steht Dana, oder vielmehr lehnt an der Wand.
"Dana."
"Es geht mir gut. Es geht mir gut."
"Bist du sicher? Komm her und setz dich."
Ich gehe rüber zur Couch und tippe auf die Kissen, aber sie bewegt sich nicht. Es ist so verdammt dunkel hier drin. Ich kann kaum ihr Gesicht erkennen. Sie sieht allerdings schwach aus.
"Was ist passiert? Roseanne sagte, du hättest eine Magengrippe?"
"Äh..." Sie stößt sich von der Wand ab und ihre Beine fangen sofort an nachzugeben.
"Hier, komm und setz dich."
Sie läuft zur Couch, aber braucht eine unnormal lange Zeit dazu. Jeder Schritt scheint ein Kampf für sie zu sein. Als sie endlich wieder neben mir sitzt, seufzt sie erleichtert.
"Wie ist es gelaufen?" fragt sie.
"Es war ... es ging. Keine Ahnung. Nicht besonders toll."
"Na ja, jedenfalls bist du immer noch am Leben."
Sie lächelt mich schwach an und lächle noch viel schwächer zurück.
"Ich habe ihnen ein paar von meinen Ideen vorgetragen."
"Und?"
"Nicht viel Reaktion. Aber niemand hatte andere Ideen. Nicht, dass sie es erwähnt hätten, aber ich denke, sie planen gerade jetzt eine Meuterei."
Sie nimmt meine Hand in ihre beiden Hände und zieht sie auf ihren Schoß. Sie trägt einen dieser flauschigen Flanell Schlafanzüge, die ich so mag und ihre Beine fühlen sich so weich und warm an. So sicher. Ich fühle mich fast das erste mal am heutigen Tag sicher.
"Alex, du musst dir klarmachen, dass sie ebenso verwirrt sind wie wir. Und was es noch schlimmer macht ist, dass sie fühlen können, dass du dich unbehaglich fühlst. Was hast du am Anfang getan, um ihr Vertrauen zu bekommen? Bevor ich hier war?"
Bevor sie hier war. Das erscheint mir wie ein anderes Leben. Eine Million Jahre her. Ich erinnere mich aber daran. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Kampf und an das Selbstvertrauen, das ich damals hatte.
"Ich wusste Dinge. Ich hatte Verbindungen. Ich wusste, wie ich sie in Sicherheit bringen konnte."
"Na ja, du hast immer noch ein paar Verbindungen. Oder vielleicht brauchst du noch nicht einmal Verbindungen. Vielleicht können wir jetzt selbständig sein."
"Ich möchte das gern glauben."
"Nein," sie drückt meine Hand und sieht mir aufmerksam in die Augen. "Du MUSST es glauben. Verstehst du?"
"Ich versuche es, Dana. Es ist nur so, wenn ich mir alles realistisch betrachte, ist es schwer zu sehen, wie das funktionieren soll."
"Du musst als aller erstes aufhören, gegen sie anzukämpfen. Du musst ihnen das Gefühl geben, dass sie persönlich für ihr eigenes Überleben verantwortlich sind."
"Kämpfen? Ich bin nicht der, der kämpft, Dana. Wie soll ich reagieren, wenn sie mich ansehen wie ein Rudel tollwütiger Hunde?"
"Siehst du, das ist es, wovon ich spreche. Höre auf damit zu reagieren. Ich sage nicht, dass sie recht haben und du unrecht. Oder umgekehrt. Du musst sie zur Selbständigkeit anleiten, in jeder Hinsicht. Es ist der einzige Weg, wie wir überleben können. Und ich glaube, dass du das tun kannst, Alex."
Oh, Djewotschka, ich weiß, dass du recht hast. Aber im Moment will ich niemanden zu irgendetwas anleiten. Ich will mich einfach nur in deinen Armen zusammenrollen und schlafen.
"Ich bin einfach so müde, Dana. Ich bin dessen so müde."
"Ich weiß. Aber du bist schon so weit gekommen. Gib jetzt nicht auf, Alex."
Ich lege meinen Kopf nach unten auf ihre Schulter und vergrabe meine Nase in der Beuge ihres Halses, noch nicht bereit, schon aufzugeben, aber bereit, mich auszuruhen. Sehr bereit dazu, mich in den Kokon unseres Bettes einzuhüllen und die einzige gute Sache zu genießen, die es auf dieser Welt noch gibt.
"Alex..."
"Hmm?"
"Ich muss...ich muss dir...etwas sagen."
"Was denn, Baby?"
"Es ist etwas, dass du nicht gern hören wirst."
Ich hebe meinen Kopf von ihrer Schulter, sehe in ihr Gesicht und spüre das erste Zucken eines Herzinfarktes.
"Was?"
"Etwas, das ich nicht beabsichtigt hatte, dir zu sagen..."
"Du bist krank. Du bist wieder krank, richtig? Es ist zurück."
"Nein. Nein, Alex. Nein."
"Nein?"
"Nein."
In Ordnung. Dann ist es in Ordnung. Es könnte nichts schlimmeres als das sein. Es gibt nichts, was schlimmer wäre als das.
"Also, was ist es?"
Sie drückt ein letztes Mal meine Hand, lässt sie dann los, fährt mit den Fingern durch ihre Haare und sieht zur Decke.
"Oh Gott, wie kann ich das tun?"
"Dana, was ist es? Es kann nicht so schlimm sein."
"Es ist schlimm, Alex. So...Gott."
Tausende von Möglichkeiten schwirren in meinem Kopf herum und eine davon schwingt sich an die Spitze und die ist fast genauso schlimm wie der Krebs. Sie verlässt mich. Sie liebt mich nicht und sie verlässt mich wegen Mulder. Oder einfach nur so.
Aber das kann nicht stimmen. Sie hat mir gesagt, sie liebt mich. Sie hat es gesagt. Warum hätte sie sich die Mühe machen sollen, wenn es nicht wahr wäre?
"Dana, bitte, sag es mir einfach. Du machst mir Angst."
Sie atmet tief und zitternd ein und als sie ausatmet, sehe ich, wie sich in ihrem Augenwinkel eine Träne bildet. Ich beobachte, wie sie an ihrer Wange herunterrollt, während sie sagt,
"Mulder. Mulder und ich...nachdem du gegangen bist, nach unserem Streit, als du...als du wolltest, dass ich dich verlasse. Ich..."
"Du was?"
"Ich war so verwirrt. So verletzt. Ich habe mich so schuldig gefühlt."
Oh Gott. Nein. Einfach...nein.
"Was hast du getan?"
"Ich..."
Sie sieht zu mir auf, jetzt offen weinend und ich weiß, was sie getan hat. Ich weiß es. Und ich spüre, wie sich die Wände um mich herum zusammenschließen, der Boden unter mir strudelt und droht, mich in einem Abgrund zu verschlingen. Mein Herz schlägt noch schneller als vorher und obwohl es zwanzig Grad minus draußen sind, schwitze ich und möchte das Fenster öffnen.
Aber außerdem spüre ich Hoffnung, widerlich in ihrer Zwecklosigkeit, dass es nicht so schlecht ist, wie ich denke, dass es ist.
"Ich bin zu ihm gegangen, Alex."
"Und?"
Sie starrt mich nur an, fleht mich mit ihren Augen an, es selbst rauszufinden, so dass sie es nicht sagen musst. Naja, vielleicht habe ich es rausgefunden, aber sie wird nicht so leicht davonkommen.
"Bitte hasse mich nicht. Bitte."
"Sag mir einfach, was du getan hast."
"Oh, Alex. Ich war so...ich habe mich so verloren gefühlt. Und ich, ich habe mich an die einzige Sache gewendet, die mir vertraut war."
"Dana...?"
"Ich habe die Nacht mit ihm verbracht, Alex."
Mein Mund trocknet aus und meine Kehle scheint sich zusammenzuziehen und eine Minute lang bringe ich kein Wort heraus.
"Was bedeutet das? Hast du...bitte sag mir, dass du es nicht getan hast."
Sie sitzt einfach da, zitternd und weinend und sagt nicht eine einzige verdammte Sache mehr. Also das ist es. Sie hat es mit ihm getrieben. Genau so, wie ich es erst gedacht hatte. Ich habe sie rausgeworfen, weil ich dachte, sie treibt es mit ihm und was tut sie? Sie geht hin und treibt es mit ihm. So kannst du auch beweisen, dass ich Recht habe, Dana. Himmel Herrgott.
Aber was kann ich wirklich sagen? Was sollte ich sagen? Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
"Wie oft?" ist schließlich das, was ich sage. Sie starrt weiterhin und weint.
"Einmal, Alex. Einmal," flüstert sie mit etwas Empörung in der Stimme. Als wenn es eine unvernünftige Frage wäre. Als wenn was mit mir nicht stimmen könnte, dass ich denke, es könnte mehr als das gewesen sein. Was zur Hölle sollte ich denken?
Was zur Hölle sollte ich tun? Mir ist zum Kotzen zumute. Und danach, anschließend Mulder zur Strecke zu bringen und ihm seine Eier in den Hals zu schieben.
Aber Dana...mein Gott, Dana. Was sollte ich zu ihr sagen? Ich kann es noch nicht mal mehr ertragen, in ihre verweinten Augen zu sehen. Ich kann nicht wütend auf sie sein, wenn sie weint. Ich habe das Gefühl, sie erwürgen zu müssen und dann sehe ich sie an und zerfließe einfach.
Ich stehe von der Couch auf und bewege mich zum Küchentisch, drehe ihr meinen Rücken zu, so dass ich nicht mehr ihr mitleiderregendes Gesicht sehen muss und sie mir leid tut.
SIE tut mir leid.
"Alex, was auch immer du jetzt von mir denkst, ich möchte...ich muss dich daran erinnern, dass ich dich liebe. Das habe ich immer. Nichts könnte das ändern."
Ein Bild von den beiden zusammen entsteht in meinem Kopf, sie, wie sie sich sinnlich und gleichmäßig auf ihm bewegt und er, wie er mit einem ekelerregend glückseligen Gesichtsausdruck unter ihr liegt. Ich muss mich sehr zusammenreißen mich nicht umzudrehen und sie zu fragen, was zur Hölle sie denkt, was dieses Wort bedeutet.
Aber das frustrierende daran ist, ich weiß, dass sie weiß, was es bedeutet. Und ich weiß, dass sie mich liebt. Nach allem, was wir gerade durchgemacht haben, allem, was sie vorhin zu mir gesagt hat, über ihren Glauben an mich und ihre Unterstützung, wie könnte ich das überhaupt in Frage stellen? Und nach allem, was sie mir vergeben hat, wie kann ich ihr da eine Sünde nachtragen?
Aber wie kann mich das nicht krank machen? Wie kann es mich nicht dazu bringen zu hassen?
"Dieser...Hurensohn."
"Nein, Alex, nicht. Ich bin zu ihm gegangen. Als mein Freund, mein...mein Geliebter aus der Vergangenheit."
"Das ist mir egal, Dana! Es ist mir egal, ob du nackt Mambo auf seinem Kopf getanzt hast. Dieser verfluchte Bastard hat mich angelogen!"
"Gelogen? Was meinst du mit, gelogen?"
Wie schnell wir doch vergessen. Ich nehme an, dieser kleine 'Waffenstillstand', den mir Mulder vor all den Monaten angeboten hat, so bedeutungslos war, wie ich damals geahnt hatte. Es hat sie sicherlich trotzdem beeindruckt. Aber jetzt hat sie es vergessen. Sie hat vergessen, dass er mir gesagt hat, er hätte sie aufgegeben. Dass er willens wäre, sie gehen zu lassen, so dass sie mit mir zusammen glücklich sein könnte.
"Es spielt keine Rolle. Jetzt nicht mehr. Schlimmer noch als das, er hat dich ausgenutzt, Dana."
"Nein, Alex, so war es nicht."
Gott, bitte. Bitte halt die Klappe. Bitte hör auf ihn zu verteidigen und mir zu erzählen, dass du es wolltest. Ich muss jemanden hassen können. Ich will nicht dich hassen, Dana.
Bitte.
"Hör zu, ich möchte nicht, dass du ihm dafür die Schuld gibst, Alex."
"Nein, natürlich willst du das nicht."
"Sieh mal, wenn ich mich recht entsinne, durfte ich nicht mehr in unserem Bett schlafen."
Also was, musste sie sich zwei Tage später im Bett eines anderen zur Hure machen? Gibt es hier nicht genug Betten?
Oh Gott, beruhige dich. Ich kann sie das nicht sehen lassen.
"Also, was ist dein Punkt, Dana? Es ist nicht seine Schuld, es ist meine?"
"Nein! Alex, mein Gott. Muss es immer die Schuld von irgendjemandem sein? Es ist...einfach passiert. Es ist vorbei. Ich habe es getan. Was zur Hölle spielt es jetzt noch für eine Rolle, wessen Schuld es war?"
"Ich WEISS es nicht Dana! Warum erzählst du es mir, wenn es für dich keine Rolle mehr spielt? Willst du, dass ich mich noch beschissener fühle, als ich es schon tue?"
Ich brülle jetzt. Brülle, und bin selbst den Tränen nahe und das ist einfach nicht gut.
"Nein. Nein, Alex. Ich erzähle es dir, weil ich es muss. Weil ich...weil ich keine Magengrippe habe."
Sie schnieft und wischt ihr Gesicht mit den Ärmeln ihres Schlafanzuges ab, als ich mich zu ihr umdrehe.
"Was zum Teufel soll das bedeuten?"
"Ich habe mich nicht heute in der Halle übergeben, weil ich eine Magenkrankheit habe. Ich habe mich übergeben, weil ich... weil...ich bin schwanger."
Wir starren und danach eine ziemlich lange Zeit ein. Nach ein paar Minuten, während denen ich es in Erwägung gezogen habe, meine Haare Strähne für Strähne auszureißen oder, besser noch, einfach aus dem Fenster zu springen und allem schnell ein Ende zu machen, zuckt sie kurz und eigenartig mit den Schultern und bricht die Erstarrung.
"Dana, ich kann nicht ... ich verstehe das nicht. Es ist nicht möglich. Du kannst nicht schwanger sein."
Sie zuckt wieder mit den Schultern und wischt noch mehr Feuchtigkeit von ihrem Gesicht.
"Ich bin es. Ich habe jeden möglichen Test durchgeführt, außer irgendeinem armen Kaninchen meinen Urin zu injizieren und ich bin ohne jeden Zweifel schwanger."
"Aber es ist nicht...das ist physisch nicht möglich, Dana."
"Es sind schon eigenartigere Dinge passiert."
"Nicht in letzter Zeit."
"Der Punkt ist, es ist eine unbestreitbare Tatsache. Ich bin schwanger."
Die Realität dieser zweiten, erderschütternden Eröffnung, die sie mir heute Abend gemacht hat, fängt an, sich ein wenig zu setzen und einen kurzen, erbärmlichen Moment lang bin ich irgendwie glücklich. Sie wird ein Baby haben. Wir werden ein Baby haben.
Aber dann erinnere ich mich an ihre erste Aussage.
"Also, du erzählst mir diese beiden Dinge zur gleichen Zeit, weil..."
Ihr Kopf senkt sich und sie kaut auf ihren Lippen, ein Zeichen dafür, dass noch mehr schlechte Neuigkeiten kommen werden.
"Du bist mit seinem Baby schwanger."
Ein schwerer Seufzer und dann ein sehr leises, kaum hörbares, "Vielleicht."
"VIELLEICHT?!"
Sie nickt und ich sinke in einen der Küchenstühle, weil mich meine Beine nicht mehr tragen können.
"Du und ich, äh, das war weniger als zweiundsiebzig Stunden nach Mulder. Ich glaube weniger als achtundvierzig."
"Oh mein Gott."
Oh mein Gott. Oh Gott. Mir wird schlecht. Wirklich.
"Alex, ich...ich weiß nicht, was ich sagen soll."
"Hast du Mu...hast du es ihm schon gesagt?"
"Nein, nein, das habe ich nicht. Ich denke nicht, dass ich das tun werde."
"Na ja, es wird ziemlich schwierig werden, es geheim zu halten, wenn du anfängst aufzugehen wie ein Ballon."
"Nein, Alex, nein. Ich werde es nicht behalten. Ich werde die Schwangerschaft abbrechen."
"Du...was?"
"Roseanne kann mir helfen. Es ist völlig sicher."
"Nein, Dana. Du, das kannst du nicht."
"Ich muss, Alex."
"Ich kann nicht...ich verstehe das nicht. Ich verstehe nichts von alledem."
"Alex, denk doch mal darüber nach. Erstens, wenn es Mulders Kind ist, könnte es noch nicht mal menschlich sein. Wer weiß, was es werden könnte? Und dann, wenn ich es habe, was ist, wenn etwas passiert? Wie kann ich ein Kind in diese Welt setzen, Alex? Wenn wir noch nicht einmal wissen, wie wir von Tag zu Tag überleben sollen?"
"Ich weiß nicht...ich weiß nicht. Ich ...Himmel, ist da noch MEHR?"
Ich erwarte schon fast, dass sie ihre Haut abstreift und ihr grünes, schuppiges Inneres enthüllt oder dass sie mir sagt, sie würde den Widerstandskampf aufgeben und zum Clown-College gehen.
Aber sie schüttelt ihren Kopf, nein. Da ist nicht noch mehr.
"Ich kann meine Sachen schnell zusammenpacken, wenn du willst, dass ich gehe."
"Du willst gehen? Hast du mir das alles deswegen erzählt? Damit ich dich wieder rausschmeiße und du frei sein kannst?"
"Nein. Ich möchte bleiben. Ich brauche dich, Alex. Jetzt mehr als je zuvor."
Ich plumpse in den Stuhl und reibe meine Augen, versuche sie aus meinem Blickfeld zu verbannen, so dass ich klar denken kann. Wie zum Teufel soll ich klar denken können? Wie soll ich mich davon abhalten, zu schreien oder diesen Ort in Stücke zu schlagen? Wie hat sie das getan, als ich ihr gestanden haben?
Aber das war anders. Da ging es um die Vergangenheit, um Dinge, die ich ihr vor vielen Jahren angetan habe, als ich sie noch nicht einmal kannte. Das ist jetzt. Das ist persönlich. Sehr persönlich.
Nach ein paar Minuten spüre ich sie hinter mir, wie sie meine Schultern berührt und leicht massiert.
"Ich liebe dich, Alex. Das tue ich wirklich."
"Das ist einfach...es ist ein großer Haufen Mist, Dana."
"Ich weiß. Es tut mir Leid."
Sie lehnt ihren Kopf nach unten, küsst mein Ohr und flüstert es wieder, "Es tut mir Leid. Ich wollte dir nie weh tun."
"Gibt es eine Möglichkeit rauszufinden, wer der Vater ist?"
"Das spielt doch nicht wirklich eine Rolle, oder? Ich habe dir gesagt, ich kann nicht mit gutem Gewissen ein Kind auf diese Welt bringen."
"Aber was ist, wenn es meins ist? Wenn es unseres ist? Möchtest du das nicht?"
"Ich - wie kann ich das, Alex?"
"Was ist auf einmal mit ‚gib nicht auf' passiert? Siehst du nicht die Hoffnung darin?"
"Ich habe Hoffnung. Meine Hoffnung ist du und ich. Wie kann man von einem Kind erwarten, dass es Hoffnung hat, wenn es in diese Welt hineingeboren wird? Es würde noch nicht mal diesen Bezugspunkt haben, wie wir ihn haben."
Ich kann die Logik in dem sehen, was sie sagt. Aber irgendetwas in mir schreit einfach, dass das falsch ist. Selbst wenn es nicht meines ist. Selbst wenn mich das umbringen würde. Selbst wenn ich allein bei dem Gedanken daran, dass das möglich wäre, fühle, wie ich langsam sterbe.
"Wir könnten ihr das geben. Vielleicht ist sie ja besser dran ohne diesen Bezugspunkt. Sie würde völlig neu sein und frisch, ohne all diese Erwartungen und Bedürfnisse."
"Ich weiß es nicht, Alex. Ich weiß es nicht. Ich weiß...es einfach nicht."
"Dann denk darüber nach. Bitte."
"Das werde ich. Ich werde darüber nachdenken. Aber jetzt im Moment, Alex, genau jetzt muss ich etwas anderes wissen."
Sie kniet sich vor mir hin, legt ihre Hände auf meine Oberschenkel und sieht mit offenem, flehendem Gesichtsausdruck zu mir hoch.
"Ich muss wissen, das du mir vergibst, Alex. Oder dass du mir irgendwann verzeihen kannst, wenn auch nicht jetzt. Ich muss wissen, dass du es versuchen willst."
Vergebung. Du bist so gut darin, Dana. Ich bin es nicht. Ich bin nicht gut darin, zu vergeben und zu vergessen. Und jetzt im Moment...genau jetzt, stürmen die Bilder meinen Verstand, drehen und wenden sich wie irgendein surrealer, pornographischer Diavortrag. Wie soll ich sie jemals wieder berühren können, ohne diesen Mist zu sehen? Wie soll ich ihr das geben können, was sie mir so leicht gewährt hat? Wie soll ich sie ansehen können, ohne dass es mir weh tut?
Ich möchte dir verzeihen, Dana. Bitte sag mir, wie.
Ende Kapitel 2
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Kapitel 3
"Liebst du ihn noch, Dana?"
Die Frage ist eigentlich einfach, aber die Antwort ist die komplexeste Sache der Welt. Es ist nicht die Frage, die ich von ihm erwartet hätte. Nichts ist so gelaufen, wie ich es erwartet hatte.
Ich hatte Zorn erwartet. Wut. Tellerwerfen und Schreien und dass er mich für immer aus seinem Zimmer und aus seinem Leben wirft. Ich dachte nicht, dass er mich wirklich schlagen würde, aber ich habe erwartet, dass er das wollen würde.
Ich nehme an, ich hätte es besser wissen müssen. Das wäre eine Standardreaktion gewesen und Alex ist alles andere als Standard. Er schlägt nur auf diese Weise um sich, wenn seine Wunden oberflächlich sind. Wenn sie so tief einschneiden, wie die Dinge, die ich ihm gerade erzählt habe, zieht er sich fast vollständig in sich zurück. Je mehr es ihm weh tut, um so ruhiger erscheint er. Aber ich kenne ihn. Ich weiß, dass hinter dieser relativ gelassenen Oberfläche ein Sturm tobt. Und die Art, wie ich auf seine Frage antworte, könnte ihn zerstören.
Aber ich muss ihm die Wahrheit sagen. Ganz besonders jetzt. Es gibt keine andere Wahl.
"Ja, das tue ich. Das werde ich immer."
Er zuckt zusammen, als wenn ich ihn geschlagen hätte, was ich wahrscheinlich genauso gut hätte tun können. Vorsichtig berühre ich seine Wange mit meinen Fingerspitzen. Seine Haut ist eiskalt.
"Ich liebe Mulder, Alex, aber du bist der Grund, aus dem ich früh aufstehe. Du bist derjenige, der mir die Kraft gibt, den Grund, in dieser Welt weiterzumachen."
Er atmet heftig ein und zieht sich verspätet von meiner Berührung zurück. Seine Augen leuchten und brennen, als er mich anstarrt und nach der Wahrhaftigkeit in mir sucht.
"Bereust du, was du getan hast?" fragt er kühl, nach einer langen Pause.
Wieder gibt es auf diese Frage keine rechte Antwort. Und die anklagende Natur der Frage erschreckt mich. Ich nehme an, dass es auf eine verdrehte Weise ein gutes Zeichen ist. Wenigstens gibt er jetzt nicht mehr Mulder die alleinige Schuld. Akzeptanz ist der erste Schritt zur Vergebung.
"Ich bereue, dass ich dir weh getan habe, Alex. Das ist nichts, was ich jemals gewollt habe. Aber ich...ich kann nicht sagen, dass es mir Leid tut, dass es passiert ist. Es war ein Abschluss, den wir beide gebraucht haben. Und es hat mir geholfen, mir darüber klar zu werden, wie sehr ich es jetzt brauche, mit dir zusammen zu sein."
"Du musstest es mit jemandem treiben, um zu bemerken, dass du mich liebst? Ist es das, was du sagst?"
"Nein, das ist nicht..."
Oh, wie kann ich das tun? Wie kann ich es erklären, wenn ich es noch nicht einmal selbst verstehe? Ist es so einfach, wie er es gerade gesagt hat? Nein. Es war mir schon sehr lange vorher klar, dass ich ihn liebe.
"Es hat mir geholfen, eine Tür zu schließen, die schon viel zu lange offen war. Es hat mich befreit, nicht dazu, dich zu lieben, Alex. Ich habe dich schon geliebt, aber dadurch konnte ich dir diese Liebe geben. Ich konnte dir mein Herz geben. Vollständig."
Ich greife nach seiner Hand, die zur Faust geballt auf seinem Oberschenkel liegt. Ich hebe sie an und drücke sei auf meine Brust.
"Alex, du bist derjenige, der hier lebt, in meinem Herzen. In jeder Minute jeden Tages."
Seine Finger strecken sich langsam und seine Handfläche drückt sich gegen mich. Seine Augen sind voller Tränen und ich stelle fest, dass sich meine eigenen als Antwort darauf auch füllen.
"Ich liebe dich, Alex. Ich brauche dich," kriege ich durch den Klumpen in meiner Kehle heraus. "Du bist meine Wahl. Nicht mal meine Wahl. Es gibt keine Wahl. Du bist es für mich. Der einzige, den ich.. der einzige."
Er nickt und drückt meine Hand, bevor er sie wegzieht und seine Augen wischt.
"Ich muss...ich muss gehen," murmelt er.
"Gehen? Was, was heißt das?"
"Es heißt, dass ich gehen muss. Ich werde nur..."
Er steht auf und stößt den Stuhl nach hinten um in seiner plötzlichen Eile, von mir wegzukommen.
"Wirst du wiederkommen?"
Er nimmt sich seinen Mantel von der Couchlehne und zieht ihn an, ist schon halb aus der Tür, bevor er sich umdreht, um mich anzusehen. Ich knie immer noch auf dem Boden, starre auf den umgekippten und verlassenen Stuhl.
"Ich werde zurückkommen. Ich werde heute nacht zurückkommen. Ich muss einfach ... ich muss einfach hier weg. Für eine Weile."
"Bitte denke daran, dass ich dich liebe, Alex. Und dass es mir Leid tut. Bitte denke daran."
"Ich weiß," sagt er und geht aus der Tür.
Rennt wieder weg. Aber dieses Mal werfe ich ihm sein Bedürfnis nach Abstand nicht vor. Ich verstehe es. Ich begrüße es fast. Alles was ich jetzt tun kann ist darauf zu warten, dass er zu mir zurückkehrt. Und zu hoffen, dass er sich nicht dazu entschließt, dass er das lieber nicht tun will.
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Ich habe nicht bemerkt, dass Alex sich neben mich ins Bett gelegt hat, bis das erste graue Licht der Morgendämmerung durch unser Fenster gekrochen ist. Das war frühestens halb sechs. Er war fast neun Stunden weg.
Er hatte sein T-Shirt und die Boxershorts angelassen, aber wenigstens hatte er seine Hose ausgezogen. Ein kleines Zeichen von Intimität ist besser als gar keins. Und die Tatsache, dass er überhaupt nach Hause gekommen war, war an sich schon ein gutes Zeichen.
Ich fragte mich, wo er hingegangen ist und was ihm die ganze Zeit durch den Kopf gegangen ist. Ich wollte mit ihm reden, ihn im Arm halten, um zu wissen, dass mit uns alles in Ordnung ist.
Aber sobald ich seinen Namen gesagt hatte, teilte er mir mit, dass es nichts weiter zu sagen gäbe. Er sagte mir, dass er jetzt erst mal mehr als alles andere Schlaf brauchte. Also ließ ich ihn.
Ich beobachtete ihn einige Stunden, ertappte mich dabei, wie die schnellen Bewegungen seiner Augen unter den Lidern mich fast hypnotisierten. Ich versuchte, mir seine Träume vorzustellen.
Ich muss irgendwann eingenickt sein, denn als ich nach neun Uhr wieder aufschreckte, war das Bett schon wieder leer. Ich geriet in Panik, weil ich dachte, ich hätte seine Rückkehr vielleicht nur geträumt. Aber nach einem Moment hörte ich ihn im Nebenzimmer umherlaufen.
Ich zog meinen Bademantel an und ging, um es noch mal zu versuchen, mich mit ihm zu unterhalten. Ich fand ihn voll bekleidet wie er gerade wieder seinen Mantel anzog.
"Wohin gehst du?"
"Arbeit," erwiderte er und fügte dann hinzu, "Ich empfehle dir, das gleiche zu tun."
"Alex, wir..." fing ich an, aber brachte den Satz nicht zu Ende.
"Ich brauche ein bisschen Zeit, Dana. Es tut mir Leid."
Dann war er wieder weg.
Also habe ich das einzige gemacht, was mir einfiel. Ich habe ein paar Sachen angezogen und mich für die Arbeit fertiggemacht. Ein bisschen Normalität in unserem Leben beizubehalten, ein bisschen Routine, scheint eine gute Idee zu sein. Aber während ich meine Morgenroutine durchführe, bringt mich jede Bewegung den Tränen nahe. Hormone. Und die Sehnsucht nach ihm.
Zeit, hat er gesagt. Er braucht ein bisschen Zeit. Wie viel Zeit wird genug sein, frage ich mich. Wie lange wird es dauern, bis er mir wieder in die Augen sehen kann und sich nicht verraten fühlt?
Wie lange wird es dauern, bis er mich wieder berühren kann?
Er braucht es so sehr, geliebt und gewollt zu werden. Es bricht mir manchmal das Herz zu wissen, wie zerbrechlich er wirklich im Inneren ist, trotz seines fast beängstigend kalten Äußeren. Wenn wir das hier hinter uns bringen und endlich frei sein könnten, endlich in der Lage wären uns einfach nur zu lieben und einfach...einfach nur sein könnten, das wäre so gut. So richtig. Wenn ich unsere Chance dazu ruiniert hätte, könnte ich mir das nie verzeihen.
Ich würde alles dafür tun.
Ich muss hier raus.
Ich bringe das, was ich tun muss schnell zu Ende und beeile mich, ins Labor zu kommen. Erst als ich schon halb über dem Campus gelaufen bin wird mir bewusst, dass ich meinen Dämonen nicht entkommen kann. Mulder ist sicher im Labor und ich werde ihm davon erzählen müssen. Wenn schon nicht von der Schwangerschaft, aber er muss wissen, dass ich Alex von uns erzählt habe. Und sei es nur zu seiner eigenen Sicherheit. Das ist keine Unterhaltung, auf die ich mich freue.
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Als ich ins Labor komme, sind Mulder und Roseanne dort. Allerdings nimmt sich Roseanne, so bald ich durch die Tür bin den Stapel Papier, den sie sich angesehen hatte und flitzt an mir vorbei aus der Tür. Sie murmelt etwas von der Bibliothek oder der Krankenstation. Ich kann es nicht wirklich verstehen, weil sie so leise spricht. Es ist mir auch nicht so wichtig, dass ich genau hingehört hätte. Ich bin zu abgelenkt.
Als sie fort ist, weiß ich, dass es jetzt soweit ist. Es hat keinen Sinn, es aufzuschieben oder darum herumzutanzen. Bevor er überhaupt hallo sagen kann, sage ich zu Mulder, "Setz dich. Wir müssen reden."
"Scully...?"
"Ich muss dir etwas sagen."
In seinen Augen steht die Panik.
"Ist es wegen gestern? Darüber, dass es dir schlecht geworden ist?"
"Nein. Nicht...na ja, doch, aber..."
"Scully? Warum ist dir schlecht geworden?"
"Es ist nichts, Mulder. Es geht mir gut. Aber ich..."
"Nein, Scully, was ist es? Es ist nicht die Behandlung, oder? Ist irgendetwas schief gelaufen?"
"Nein. Nichts ist schief gelaufen. Ich..."
Ich kann das nicht. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen und das geheim halten. Ich dachte, ich könnte es, aber mir war nicht klar, wie es sein würde, wie unfair es mir erscheinen würde, wenn ich ihm gegenüberstehe. Es könnte sein Kind sein. Es ist nicht richtig, ihm das vorzuenthalten. Ich kann das nicht mehr tun. Keine Geheimnisse mehr.
"Ich bin schwanger," sage ich einfach.
Er starrt mich eine Sekunde lang ausdruckslos an und dann lacht er. Als wenn ich ihm einen verdammten Witz erzählt hätte.
"Nein, ehrlich Scully. Was ist los?"
"Mulder..."
Mehr sage ich nicht. Ich nehme nicht an, dass ich das muss. Mein Gesichtsausdruck sagt ihm wohl alles, was er wissen muss, weil irgendwann sein Kiefer nach unten klappt und seine Augen sich weiten und verwirrt aussehen. Ich kann den Hamster in seinem Gehirn fast sehen, der im Rad herumläuft.
"Die Behandlung?"
"Sie scheint meine Fruchtbarkeit wieder hergestellt zu haben."
Es entsteht ein langes Schweigen. Ich fühle mich total unwohl dabei, auf eine Reaktion zu warten, irgendeine Reaktion. Alles wozu er fähig zu sein scheint, ist noch mehr berauschtes Starren.
"Überraschung," murmle ich, eigentlich mehr, um die Totenstille auszufüllen, als aus irgendeinem anderen Grund.
Ich kann die unausgesprochenen Fragen regelrecht aus seinem halboffenen Mund kommen hören. Wie? Warum? Wann? Worüber zur Hölle redest du?
"Wow," bringt er schließlich raus. "Das ist...das ist was. Ähm, Glückwunsch. Das ist großartig. Wirklich."
Oh Mulder. Netter Versuch. Wirklich. Ich weiß, dass es das ist, von dem er denkt, dass ich es hören will, als versuche ich wenigstens zu lächeln.
"Nein, Mulder. Es ist nicht...es ist nicht großartig."
"Nein, nein, das ist es. Scully, dass sind großartige Neuigkeiten. Das bedeutet, dass all die Frauen, die die Behandlung erhalten, wieder empfangen können. Wann willst du es ihnen erzählen?"
Sein Horizont hat sich plötzlich darüber hinaus erweitert, was es für ihn und für mich bedeutet und jetzt lächelt er. Er strahlt fast.
"Ich weiß es noch nicht. Mulder, hör zu. Ich möchte, dass du mir einen Augenblick lang zuhörst."
Sein Blick wird wieder besorgt und er setzt sich vor mich hin.
"Was ist Scully? Gibt es ein Problem mit der Schwangerschaft? Es geht alles in Ordnung mit dir, oder?"
"Es ist alles Ordnung, ja. Körperlich ist alles so weit normal. Allerdings gibt es ein Problem. Mit der Schwangerschaft. Insbesondere mit der ... der Herkunft."
"Herk...."
Ein weiteres Licht geht sichtbar in seinem Kopf an.
"Herkunft wie Vaterschaft?"
"Ja. Wie, ich weiß es nicht."
Er nickt, lang und langsam. Ich suche nach Zeichen von Verurteilung oder Ärger in seinen Augen, aber da gibt es keine. Allerdings sehe ich ein bisschen Aufregung. Sogar Glück. Er möchte, dass ich es bekomme. Er möchte, dass es seines ist. Ich kann das spüren. Ich kann es in den tiefen, heftigen Atemzügen von ihm hören.
"Weiß er..."
"Ja. Das ist teilweise der Grund, aus dem ich dir das erzähle. Ich würde ihm eine Weile aus dem Weg gehen, wenn ich du wäre."
"Nein, Scully, darüber mache ich mir keine Sorgen. Bist du...mein Gott, was wirst du tun?"
"Das einzige, was ich tun kann."
"Und das ist?"
"Mulder, ich kann kein Kind in diese Welt setzen. Was für ein Leben könnte ich ihm bieten?"
Er lacht wieder, was so ungefähr die letzte Reaktion ist, die ich von ihm erwartet hätte. Er scheint sich von seinem Schock relativ schnell erholt zu haben. Jeder ist heute voller Überraschungen.
"Scully, komm schon. Denkst du, dass es schlimmer ist, als es vorher war? Wenn überhaupt, dann ist es besser."
"Besser? Du denkst es ist *besser*?"
"Die Leute hier sind gezwungen, viel gemeinschaftlicher miteinander zu leben und zu arbeiten. Es ist der einzige Weg, um zu überleben. Ich denke, dass ist besser, als die Art, wie es vorher war."
"Aber Mulder, wir wissen noch nicht einmal, ob wir am Enden dieses Monats genug zu essen haben werden. Wir wissen nicht, ob eine Truppe von Alien Invasoren morgen kommt und diesen Ort abfackelt!"
"Nein, das wissen wir nicht. Aber waren unsere Leben wirklich jemals sicher? Ich meine, zur Hölle, diese ganze Sache ist die ganze Zeit auf uns zugekommen und wir haben es gewusst und haben trotzdem mit unserem Leben weitergemacht, so gut wir konnten."
"Das ist etwas anderes."
Er hebt eine Augenbraue, fordert mich still dazu heraus zu erklären, inwiefern das so anders ist. Bevor ich eine Antwort habe, ist er zu einer zufälligen Anekdote übergegangen.
"Scully, erinnerst du dich daran, wer Martin Luther war?"
"Ja, natürlich weiß ich, wer Martin Luther war. Inwiefern ist das von Bedeutung?"
"Na ja, er hatte eine Baumschule. Für Bäume, weißt du? Die Leute haben ihn gefragt, was er tun würde, wenn morgen die Welt untergehen würde. Er hat ihnen gesagt, dass er hinausgehen und einen Baum pflanzen würde."
"Ich bin kein Lutheraner."
"Trotzdem ist das eine ziemlich weise Art, die Dinge zu betrachten, wenn du mich fragst."
Hat dich irgendjemand gefragt, Mulder? Mein Gott, was ist überhaupt mit ihm los? Wie kann er so ruhig sein? So vernünftig. Kocht es nicht ihn ihm?
"Hör zu Scully, ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Du solltest das tun, was du für richtig hältst. Was immer sich für dich richtig anfühlt. Alles was ich sagen kann ist, dass ich es hassen würde zu sehen, dass du eine Entscheidung aus Angst triffst."
"Ich wollte niemals ein Kind, Mulder."
"Wolltest du nicht? Was ist mit... Emily?"
"Emily war nicht meine Wahl."
"Aber du hast sie geliebt."
"Ich habe sie genug geliebt, um sie gehen zu lassen. Weil sie nicht hätte sein sollen."
"Und du denkst, dass dieses Kind nicht hätte sein sollen?"
"Ich weiß...ich weiß es nicht."
Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht mehr diese persönliche, private Entscheidung zu einer Schlacht von Mulder und Scully Spitzfindigkeiten machen. Ich kann nicht ruhig das Für und Wider debattieren, wenn mein Inneres schreit. Wenn ich darüber noch mit einem einzigen weiteren Menschen reden muss, wird sicher mein Kopf explodieren.
"Scully, du denkst zu viel," sagt er jetzt zu mir. Na ja, ich habe das vorher nicht getan.
"Denkst du nicht, dass das eine Entscheidung ist, die Nachdenken erfordert?"
"Ja, aber du denkst dich in eine Wolke hinein. Warum nimmst du dir nicht einfach deinen Hund und machst einen netten langen Spaziergang. Kriege deinen Kopf frei. Das macht es dir einfacher, auf dein Herz zu hören."
Trotz der Abgedroschenheit dieser Aussage, könnte er recht haben. Ich nehme an, dass ein Spaziergang nicht schaden könnte.
Er steht auf und zieht mich in eine unerwartete Umarmung, nach dem ich meinen Mantel angezogen habe. Ich drücke ihn kurz und ziehe mich schnell zurück, erschrocken von meiner Reaktion auf das kleinste Anzeichen von Zuneigung. Ich habe das Gefühl, als könnte ich schon wieder weinen. Verdammte Hormone.
Als wir uns wieder ansehen, gibt es keine Unbeholfenheit. Darüber bin ich froh.
"Scully, du weißt, du weißt, dass ich dich unterstützen werde, egal was du tust, ja?"
"Ja, ich weiß. Danke."
"Und du weißt, dass ich dich liebe, ja?"
"Ich weiß Mulder. Ich liebe dich auch."
Er lächelt mich warm an und mir fällt ein, dass es noch etwas gibt, das er wissen sollte. Etwas wichtiges.
"Mulder, ich möchte dir sagen, dass wenn die Umstände...nicht so wären, wie sie sind, ich glücklich wäre, ein Kind mit dir zu haben."
Das bringt mir ein breites Grinsen ein und ein Schmatz auf die Wange. Aber hinter diesem Grinsen, in seinen Augen, sehe ich etwas anderes. Etwas, dass er versucht, vor mir zu verbergen. Vielleicht ist er nicht so ruhig, wie er scheint. Sicherlich tut ihm das weh. Oder verwirrt ihn zumindestens. Oder...irgendwas. Mein Gott, er muss irgendetwas fühlen. Es ist offensichtlich, dass er nicht will, dass ich die Schwangerschaft abbreche, aber da muss noch mehr in ihm vorgehen. Ich wünschte, er würde das mit mir teilen, aber ich weiß, dass er das nicht tun wird. Er will es mir nicht noch schwerer machen. Er hat nicht mehr das Gefühl, dass er das noch darf. Ich denke ich beginne zu verstehen, wie es in Zukunft zwischen uns sein wird.
"Pass auf dich auf, Scully," sagt er, als ich aus der Tür gehe.
Als ich draußen bin, allein mit mir, wird mir bewusst, dass die Dinge nicht mehr so klar sind, wie sie mir noch vor ein paar kurzen Stunden erschienen. Bevor ich jemandem davon erzählt habe, war ich sicher. Ich dachte nicht, dass hier eine Entscheidung zu treffen wäre. Jetzt bin ich nicht so sicher, dass ich mir überhaupt jemals sicher war.
Ende Kapitel 3
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Kapitel 4
Vor langer Zeit hat mir Scully mal erzählt, dass sie sich nach einem normalen Leben sehnt, dass sie sich manchmal fragt, wie es sein würde, sich niederzulassen und eine Familie zu gründen. Allerdings denke ich, dass das für sie nur ein flüchtiger Gedanke war. Ich denke, dass ich derjenige war, der das tief im Inneren gewollt hat.
Worum ging es mir sonst in meinem ganzen Lebenswerk?
Ich habe nicht nach dem heiligen Gral gesucht. Ich habe nach meiner Schwester gesucht, nach einer Familie.
Was ich damals vielleicht nicht begriffen hatte war, dass ich in Scully eine Familie gefunden hatte. Gefunden und verloren. Nun bekommt sie ihr normales Leben, so abnormal, wie alles und jedes um sie herum geworden ist. Als sie es das erste Mal sagte, hoffte ich, dass sie über uns sprach, darüber, sich mit mir niederzulassen. Vielleicht hat sie das auch, aber das spielt jetzt keine Rolle. Sie hat ihr häusliches Glück mit jemand anderem gefunden.
Ich hatte unrecht, was Scully betrifft. Sie ist nicht wirklich eine andere Frau, als sie früher war. Sie ist immer noch der Mensch, in den ich mich verliebt habe. In all den Hinsichten, die zählen, in all denen, die sie zu Scully machen. Sie wird immer stark sein, mutig, stur, aufreizend logisch. Der Unterschied kommt von den Erfahrungen, die sie ohne mich gemacht hat und davon, in wen sie sich verliebt hat. Verändert, ja, aber immer noch Scully. Sie ist nur nicht mehr meine Scully.
Nicht meine Scully, aber sie trägt mit durchaus vorhandener Wahrscheinlichkeit mein Kind.
Die kühle, äußere Ruhe, dich ich zeigen konnte, als sie mir diese lebensverändernde Neuigkeit erzählte, war sowohl zu meinem eigenen Besten, als auch zu ihrem. Ich wollte stark und hilfreich für sie sein, aber noch mehr als das habe befürchtet, dass ich zu einem Haufen plapperndem und bettelndem Brei geworden wäre, wenn ich mir erlaubt hätte, instinktiv und emotional zu reagieren. Es hätte sie sicher nicht davon überzeugt, dieses Baby zu bekommen. Das wäre in keiner Weise für irgendjemanden gut gewesen. Wer möchte schon, dass sein Kind einen emotionalen Mülleimer als Vater hat?
Außerdem war ich nicht sicher, was ich gefühlt habe. Selbst jetzt, fast zwei Stunden später, bin ich mir immer noch unsicher. Ich weiß, dass mein Magen in Aufruhr ist und ich den geschmacklosen Matsch, der vorgibt, ein Mittagessen zu sein nicht genießen kann, auch wenn ich hungrig war, als ich heute morgen aufgewacht bin. Alles was ich scheinbar tun kann, ist die grünen und braunen Häufchen auf dem Teller hin und her zu schieben und aus dem Fenster der Cafeteria zu schauen wie ein depressiver Geisteskranker.
Es ist eigenartig darüber nachzudenken, wie die Umstände die Art ändern können, wie man ein Ereignis betrachtet, den Eindruck, den es macht.
Es gab eine Zeit, als der Gedanke daran, Scully zu schwängern dem Himmel so nah gewesen wäre, wie ich es mir nur zu träumen gewagt hätte. Tatsächlich habe ich es mir die meiste Zeit noch nicht einmal gewagt. Es schien nicht nur unmöglich, sondern auch überaus unpraktisch. Wenn es jedoch trotzdem passiert wäre, wäre ich überglücklich gewesen.
Jetzt hat sich unsere Situation so drastisch geändert, dass der Erzeuger von Scullys Kind zu sein etwas nicht zu glaubendes ist, eine Bastardierung eines Traumes. Es sollte dazu führen, dass ich es weniger will. Das sollte es, aber das tut es nicht.
Vor einigen Monaten habe ich auf diesem Platz gesessen und über meinen Karass nachgedacht, diese Gruppe von Menschen, die um mich herum angeordnet sind, unauflösbar mit mir verbunden sind und darüber, was möglicherweise der Zweck unserer Verbindung sein könnte. Ist es das? Bin ich deswegen hier? Um dieses Leben in diese Welt zu bringen?
Gott, ich sollte das nicht wollen. Aber ich tue es. Ich tue es wirklich. So schmerzvoll es auch sein wird zu sehen, wie sie ein Kind mit einem anderen Mann hat, oder wie sie mein Kind gemeinsam mit ihm aufzieht, und mich dabei als eine Art post-apokalyptischen Wochenendvater zurücklässt, ich will es trotzdem.
Ich bin kein Idiot. Ich weiß dass, egal wer die biologischen Eltern sind, wenn Scully dieses Baby bekommt, es das Baby von ihnen *beiden* sein wird. Ja, wenn es meines ist wird sie mich sicher ein Teil seines Lebens werden lassen, aber ich weiß, dass sie dann ihre kleine Familie haben werden und ich werde immer ein Außenstehender sein. So verwirrend das auch sein würde, es ändert nichts an der Tatsache, dass ich will, dass sie neues Leben in diese sterbende Welt bringt. Ich möchte, dass eine andere frische, unschuldige Seele Teil meines Karass' wird.
Ich habe früher gedacht, dass ich ein schrecklicher Vater wäre. Emotional gestört, impulsiv, extrem von sich selbst eingenommen, ganz abgesehen von meinem fragwürdigen familiären Background. Es erschien mir falsch und unfair, ein Kind in *meine* Welt zu bringen.
Ich habe Scully gesagt, es wäre jetzt eine bessere Zeit, um ein Kind zu haben. Ich habe nicht nur über unsere Umgebung gesprochen. Ich bilde mir ein, dass ich immer noch meine Antriebskraft habe, meine Intensität, meinen Willen, nach Gerechtigkeit und Wahrheit zu suchen, aber mehr als das, würde ich gern überleben. Ich möchte die menschliche Rasse gern wachsen und gedeihen sehen, anstatt dahinsiechen und sterben, selbst wenn ich jetzt nicht mehr dazugehöre.
Vielleicht, wenn wir das lebend überstehen, wir alle, wird die Welt ein besserer Ort sein. Vielleicht werden wir dann etwas gelernt haben. Oder vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Das wichtigste für mich ist, dass ich mich jetzt besser ausgerüstet fühle, besser vorbereitet darauf, Vater zu sein, als ich es jemals in meinem Leben war.
Ich hoffe nicht nur einfach, dass sie es behält. Ich hoffe, dass es meines ist.
Vielleicht bin ich noch selbstsüchtiger, als ich es vorher war. Ich weiß, dass es schwieriger für sie wäre, wenn es meines wäre. Aber ich habe jetzt so viel von mir zu geben, so viel Liebe zu verschwenden.
Trotzdem ist es natürlich ihre Entscheidung. Ich habe ihr meine Aussichten gezeigt. Es gibt nichts mehr, was ich noch tun könnte, als wäre es das beste, ich würde es einfach aus meinem Kopf bekommen. Das beste, aber wahrscheinlich nicht möglich. So ähnlich wie essen. Ich gebe es auf.
Außerhalb der Cafeteria, im Hof, sitzen die Leute auf Bänken, spielen mit selbstgebauten Frisbees, liegen auf Decken im Gras und fangen ein paar Strahlen der Sonne, die hier nur sehr selten zu sehen ist. Es ist ein wundervoller Tag und die Probleme, die uns plagen scheinen zeitweilig in Vergessenheit geraten zu sein für ein bisschen Spaß und Ausgelassenheit.
Ich wünschte, ich könnte vergessen. Ich möchte auch gern ausgelassen sein.
Vielleicht ein Frisbeespiel, um mich auf andere Gedanken zu bringen.
Gerade als ich beginne, das ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sehe ich ihn. Er ist leicht auszumachen in diesem See der Frivolität.
Schwarz gekleidet, wie immer, beleidigter aussehend als normalerweise, kommt er direkt auf mich zu. Einen Augenblick lang scheint alles und jeder andere zu verschwinden. Showdown am O.K. Corral.
Ich höre, was Scully zu mir gesagt hat.
//Weiß er es?
Ja. Das ist teilweise der Grund, aus dem ich dir das erzähle. Ich würde ihm eine Weile aus dem Weg gehen, wenn ich du wäre.
Nein, Scully, darüber mache ich mir keine Sorgen. //
Und das tue ich nicht. Ich habe versucht, nicht über die Tatsache beleidigt zu sein, dass sie dachte ich würde Angst vor ihm haben, dass sie offensichtlich wirklich gedacht hat, dass ich welche haben sollte. Ich hatte noch nie Angst vor ihm und sehe keinen Grund dafür, jetzt zu einem Feigling zu werden.
Ich muss es ihm anrechnen, dass er den direkten Weg wählt. Ich hatte Arsen in meinem Mittagessen erwartet oder einen Stich mit einem vergifteten Stift. Irgendeine raffinierte, hinterhältige, böswillige Reaktion. Etwas, typisch für Alex Krycek. Ich dachte nicht, dass er im Tageslicht auf mich zukommen und irgendeine Konfrontation heraufbeschwören würde. Es ist tatsächlich fast eine Erleichterung.
Er sucht nach einem Grund, mich zu schlagen. Irgendeinen Grund. Ich kann es in seinen Augen sehen, in seiner Haltung, als er nur noch ein paar Meter von mir weg ist. Es gibt keinen Grund, es hinauszuzögern.
"Die Kartoffeln sind heute irgendwie matschig," teile ich ihm mit als würde ich denken, er ist hier wegen der Cafeteria und nicht wegen mir. Aus keinem anderen Grund, egal, was er sich auch eingeredet hat. Ich weiß das, weil dieser einfache Kommentar alles ist, was nötig war.
Der erste Schlag ist ein direkter Treffer auf den Unterkiefer und er lässt mich durch seine überraschende Intensität nach hinten taumeln. Ich hatte nicht erwartet, dass er gleich so fest zuschlagen würde. Oder überhaupt, ehrlich gesagt. Ich hatte ein kleines Gerangel erwartet, eine Schlägerei, keinen verdammten Kampf auf Leben und Tod.
"Du verdammter verlogener BASTARD!" brüllt er während er mich gegen die Mauer der Cafeteria drückt.
Die nächsten Momente vergehen in einem Rausch, einem Wirbel von fliegenden Fäusten und spritzendem Blut, das mir in die Augen läuft. Er schlägt mich mit seinem falschen Arm und ich registriere irgendwo in meinem Unterbewusstsein, dass der mehr Wucht hat, als der richtige. Das verdammte Ding muss aus Blei sein. Ich dachte früher, dass wir ebenbürtig wären, wenn er noch beide Arme hätte. Jetzt weiß ich, dass sein Verlust eigentlich sein Vorteil ist.
Ich höre, wie er Dinge zu mir sagt, wie er Sachen schreit wie "Lügner", "Bastard", Hass." Lügner. Immer und immer wieder.
Worüber zur Hölle redet er? Von diesem verdammten Waffenstillstand?
Oder von etwas ganz anderem?
Das hier geht viel weiter, tiefer als das, was mit Scully passiert ist. Er hasst mich, ist wahrscheinlich mehr meinetwegen verbittert, als jeder andere Mensch auf der Welt. Aus viel mehr Gründen, als mir jemals bewusst war. Sein Arm, all die Zeit, die er damit verbracht hat, ‚mit den Ratten zu leben', sein ganzes verdammtes erbärmliches Leben, all die Probleme, die er jemals hatte, können bis zu dem Tag zurückverfolgt werden, an dem er mich kennen gelernt hat, egal ob irgendetwas davon tatsächlich meine Schuld war oder nicht. So sieht er es und ich fühle das in jedem Schlag, den ich von ihm abbekomme.
Wütend, bemerke ich durch den Schleier von Schmerz und Verwirrung. Er ist wütend. Aber noch mehr als das, traurig. Ich könnte schwören, dass er so aussieht, als sei er den Tränen nahe. Enttäuscht, verraten, erschreckt über seine eigenen Gefühle. Und das sollte er auch sein. Alex Kryceks Gefühle sind erschreckend. Die Art, wie er damit umgeht ist sogar noch viel schlimmer.
Ich fange nicht an mich zu wehren, bis mir klar wird, dass er mich umbringen wird.
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Als ich das Bewusstsein wieder erlange, bin ich an einem mir nicht vertrauten Ort. In einem Bett, aber weder in meinem Zimmer noch in der Krankenstation. Ein schwarzer Spitzenumhang hängt vor dem Fenster neben mir und sorgt dafür, dass das Licht in eigenartiger Weise durch ihn hindurch fällt und tanzende Muster auf der gegenüberliegenden Wand erzeugt. Es riecht nach Geißblatt. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin.
Ich schließe wieder meine Augen, überzeugt davon, dass das ein Traum ist oder das Wartezimmer zum Himmel. Dann spüre ich etwas weiches auf meiner Stirn. Könnte das ein Engel sein, der mich küsst?
Das ist es nicht. Es ist ein Waschlappen. Es ist Roseanne, die meine Wunden reinigt.
"Versuche nicht aufzustehen," weist sie mich an und drückt vorsichtig gegen meine Brust. Habe ich versucht aufzustehen? Mein Gott, ich bin so verwirrt. Ich frage mich, ob ich eine Gehirnerschütterung bekommen habe.
"Wo...was ist passiert."
Als ich spreche fühlt es sich an, als hätte ich Murmeln im Mund.
"Du hast eins aufs Maul gekriegt," informiert sie mich hilfreich.
"Nein, danach. Ich ..AU!"
Verdammt! Was tut sie mir an? Das ist schlimmer als die eigentlichen Schläge.
"Tut mir Leid, ich muss diese Schnitte reinigen, bevor du dich infizierst."
Sie hat eine Flasche in der Hand, in der irgendeinen schlimme Flüssigkeit ist, die sie weiter auf meine Haut schüttet, genau auf die Stellen, die am meisten weh tun.
Ich greife nach oben, um mich an der Stirn zu kratzen, wo es nervtötend juckt. Sie schnappt nach meiner Hand, bevor ich da ankomme.
"Kratz nicht deine Nähte."
Nähte? Himmel Herrgott.
"Wie hat...was..."
"Schh, hör auf zu sprechen. Du bist in meinem Zimmer. Ich bringe dich in Ordnung. Es wird dir bald besser gehen."
"Wie hat es aufgehört?" kriege ich schließlich heraus.
"Ich habe es unterbrochen."
"Das hast du?"
"Ja, das habe ich. Ich bin zwischen euch getreten. Du hast sowieso schon auf dem Boden gelegen, also war es nicht schwer. Alles was ich tun musste, war ihn daran zu erinnern, dass alle zugesehen haben und dann hat er aufgehört."
Warum ist mir das nicht eingefallen? Gott weiß, dass er nicht wollen würde, dass Scully davon erfährt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es seine Autorität noch weiter schwächt, wenn alle sehen können, dass er so die Kontrolle verliert.
Der Bastard ist bei mir völlig durchgeknallt. Nach all den Jahren, all den Kämpfen, hätte ich nie gedacht, dass das in ihm steckt. Nicht so, Faust an Faust, Mann gegen Mann. Ich nehme an, dass es nicht überraschend ist, dass er dazu fähig ist, aber mein Gott, wer hätte gedacht, dass dieser Hurensohn so kämpfen würde?
"Ich hätte es," antwortet sie. Habe ich das laut gesagt? "Von jedem, der wie er fickt ist anzunehmen, dass er mit der gleichen Intensität kämpft."
Ich würde mich übergeben, wenn ich die Energie dazu hätte. Eine Welle von Übelkeit rollt durch meinen Magen und meine Augen fallen wieder zu.
Ich träume davon, von Alex Krycek gevögelt zu werden und zwölf Babys zu gebären, die genau wie er aussehen.
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Er schläft seit fast vier Stunden. Ich könnte ihn allein lassen. Er wäre sicher. Ich weiß, wie sein Körper funktioniert. Die Umwandlung hat ihn mit einer viel gesünderen Konstitution versehen, als die normalen Menschen. Er schläft, um zu heilen, um sich zu verjüngen. Wenn er aufwacht, werden seine Schnitte verschorft sein, sein Kopf wird sich besser anfühlen und seine Knochen werden wieder ganz sein. Es ist wirklich ziemlich bemerkenswert.
Ja, ich könnte ihn allein lassen, aber ich tue es nicht. Ich bleibe und beobachte ihn, wie er friedlich zwischen meinen Decken ruht und genieße seine Gesellschaft sogar im Schlaf.
Ich hätte wahrscheinlich nicht sagen sollen, was ich über Alex gesagt habe. Ich vergesse manchmal, wie es für die Menschen ist, wenn sie verliebt sind. Ich vergesse manchmal, dass er sie liebt.
Ich habe mir früher gewünscht, dass ich das fühlen könnte, aber wenn ich sehe, was es ihm angetan hat, ihr, oder auch Alex, bin ich dankbar, dass ich verschont wurde. Trotzdem, manchmal, wenn ich Mulder ansehe, denke ich darüber nach.
Als er aufwacht, ist es draußen dunkel. Ich habe meine Leselampe angeschaltet, sitze an meinem Tisch und versuche mich auf eine zehn Jahre alte Kopie der New York Times zu konzentrieren, die vor mir ausgebreitet ist. Alex hat mein Interesse für die alten Zeitungen und Zeitschriften aus dem Magazin der Bibliothek nie verstanden. "Antike Geschichte" hat er gemurmelt, wenn er mich lesen gesehen hat. Na ja, ich mag Geschichte. Ich habe keine Möglichkeit, etwas über meine zu erfahren, also nehme ich, was ich kriegen kann und lerne etwas über ihre.
Heute Abend allerdings, habe ich wie gesagt, Mulder beobachtet. Ich war nicht in der Lage, irgendeine Neugier für die Wahl des vorletzten Präsidenten der Vereinigten Staaten aufzubringen. Ich weiß jedenfalls, dass es Clinton war. Ich bin nicht völlig unwissend.
Seine Augen flattern während einer Phase meines besonders langen Starrens auf und er lächelt und krächzt eine Bitte um Wasser. Ich gebe ihm das Glas, das neben der Lampe steht. Es ist voll und wartet auf ihn.
"Besser?" frage ich sobald er alles ausgetrunken hat. Er lächelt mit klaren und lebendigen Augen. Er leckt etwas von der Feuchtigkeit von seinen Lippen.
"Verglichen womit?"
Ich lache und er sieht erschrocken über diesen Klang aus. Ich nehme an, dass die Menschen nicht mehr viel lachen.
"Wie spät ist es?" fragt er und setzt sich ohne erkennbare Schwierigkeiten auf. Die Nähte sehen schon so aus, als würden sie sich bald lösen.
"Wahrscheinlich ungefähr sieben."
"Montag, richtig?"
"Ja, Montag."
Er nickt und sieht erleichtert darüber aus zu hören, dass er nicht tagelang geschlafen hat.
Ich gehen zum Bett hinüber und setze mich neben ihn, kontrolliere seine Verbände und Nähte. Alles scheint toll zu verheilen, genau wie ich dachte. Es ist wahrscheinlich nicht mehr notwendig, dass ich Krankenschwester spiele, aber es ist schön, hier im fast Dunklen zu sitzen und sein Gesicht zu berühren.
Als ich schließlich mit der ausgedehnten Untersuchung fertig bin, höre ich auf, ihn zu berühren, aber ich bewege mich auch nicht weg und er tut es ebenso wenig.
Es gibt so vieles, was ich wissen will. Warum hat er sich nicht gewehrt? Hat er gedacht, er hätte verdient, was Alex ihm angetan hat? Hat er es verdient? Wie denkt er über Danas Schwangerschaft? Weiß er es überhaupt? Wie ist es, verliebt zu sein?
"Also...was ist passiert?" Das ist die einzige Variante, wie ich ihn etwas fragen kann, ohne etwas zu verraten. Ich wünschte ich wüsste einfach, dass sie es ihm erzählt hat, aber wer kennt sich schon mit ihr aus?
"Na ja, du hast es selbst gesagt. Ich habe eins aufs Maul gekriegt."
"Ja, aber warum? Was hast du zu ihm gesagt?"
"Gesagt?" er lacht. "Es spielt keine Rolle, was ich gesagt habe, Roseanne. Ich musste nichts sagen."
"Also hat er einfach so zufällig auf dich eingeschlagen?"
Er kratzt seinen Kopf und schaut an die Decke.
"N-nein, nicht direkt zufällig. Es gab eine Menge Gründe. Aber der hauptsächlichste Katalysator war äh...Scullys..."
"Schwangerschaft?" bringe ich zu Ende und erlöse ihn aus seinem Elend. Er sieht erleichtert aus und das erleichtert mich. Er weiß es schon. Er hat sich nur gefragt, ob ich es wusste.
"Ja, die Schwangerschaft. Und die...äh, Umstände, die damit zusammenhängen."
"Du meinst die Tatsache, dass du Sex mit Dana hattest?"
Seine Augen weiten sich überrascht über meine Offenheit. Ich bin mir nicht sicher warum. Wir beide wissen, was passiert ist. Warum darum herumreden?
"J-ja, das wäre das eine. Und die Tatsache, dass ich ihn irgendwie deswegen belogen habe."
"Das hast du?"
"Na ja, ich habe ihm mehr oder weniger gesagt, dass es nicht passieren würde und dann ist es passiert."
"Aber wenn du nicht wusstest, dass es passieren würde, wie kann das dann eine Lüge sein?"
"Ich wusste es nicht, aber ich wollte es und ich wusste das und es war mir egal, dass ich ihm etwas anderes erzählt habe, weil ich ihn einfach gehasst habe."
Na ja, das qualifiziert es nach meinen Maßstäben zwar immer noch nicht als Lüge, aber ich nehme an, dass das nicht sehr nett war. Ich kann verstehen, dass er sich deswegen schlecht fühlt. Ich kann allerdings nicht verstehen, inwiefern das eine Rechtfertigung für das ist, was Alex getan hat. Andererseits war ich noch nie in der Lage, die Gewalt zu verstehen, die sich die Menschen gegenseitig täglich antun.
"Das war nicht deine Schuld, Mulder."
"Ich weiß das," nickt er. Ich frage mich allerdings, ob er das wirklich tut. Es gibt wahrscheinlich nichts mehr, was ich sagen kann, um ihn davon zu überzeugen.
Er fährt sich mit den Fingern durch die Haare, nimmt einen weiteren Schluck Wasser, kratzt an seinen Nähten und diesmal halte ich ihn nicht zurück. Ich hoffe nur, dass er nicht meint, dass es ihm schon gut genug geht, dass er gehen kann.
"So, äh...du und Krycek?" fragt er nach einer längeren Pause in der Unterhaltung. Ich und Krycek was?
Oh. Er bezieht sich wahrscheinlich auf diesen idiotischen Kommentar, den ich vorhin gemacht habe. Warum kümmert ihn das? Warum könnte das irgendjemanden kümmern?
"Oh...ja. Eine Weile haben wir es getrieben wie die Karnickel."
Er lacht ein wenig nervös und wird ganz bezaubernd pink. Ist ihm das peinlich? Mein Gott, er ist so anders. So anders als jeder Mann, den ich je gekannt habe.
"Wann, äh, wann war das?"
"Hmmm..."
Mist, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, so lange ist das schon her. Es gab so viele andere, davor und danach. Wenn ich ihm erzählen würde, wie viele, würde er sich wahrscheinlich meinetwegen schämen.
"Vor langer Zeit," lege ich schließlich fest. "Noch bevor er Dana hierher gebracht hat."
"Also war es nicht, während sie zusammen waren?"
Was ist mit ihm, ist er auf Drogen? Wenn dem so wäre, wünschte ich, er würde sie mit mir teilen.
"Mein Gott, nein. Ich glaube nicht, dass er seit dem Tag, an dem sie herkam mit irgendjemandem zusammen war. Er war ihr treu, bevor sie überhaupt ein Paar wurden. Ich denke wirklich, wenn er nicht gewesen wäre, hätte sie ... ich weiß noch nicht mal was."
"Sie hat mir erzählt, er hätte sie gerettet. Das bedeutet viel, wenn sie das sagt."
"Ja, das hat er wirklich. Sie war schlimm dran. Er hat mir das früher manchmal erzählt, hat mich um Rat gebeten, wie er damit umgehen soll, was an sich schon eigenartig war. Er hat mich vorher noch nie wegen irgendetwas um Hilfe gebeten. Aber als mir Brian erzählt hat, dass er gesehen hat, wie Alex ihre Haare gekämmt hat...na ja, da wusste ich, dass er ihr wirklich total verfallen war. Ich dachte, Alex Krycek? Kämmt jemandem die Haare?"
Oh Mist. Ich habe es wieder getan. Er will nichts von diesem blöden Zeug hören. Warum kann ich nicht einfach die Klappe halten?
"Es...es tut mir Leid. Ich sollte nicht über dieses Zeug erzählen. Es tut mir Leid."
Er wedelt mit der Hand vor seinem Gesicht herum und schüttelt den Kopf.
"Nein, nein. Das ist in Ordnung. Wirklich."
Er sieht wirklich in Ordnung aus. Gott sei Dank. Trotzdem ist das wahrscheinlich nicht das beste Thema für zukünftige Unterhaltungen mit ihm. Wie blöd bin ich eigentlich? Er unterhält sich endlich richtig mit mir und ich lade diesen Mist auf ihm ab.
"Also was...was ist mit dir?" fragt er.
"Was ist mit mir?"
"Äh, eigentlich nichts. Ich habe mich nur gefragt...ob du äh..."
"Was? Mich nach ihm sehne? Nachts wach liege und mich frage, warum sie und nicht ich?"
"Naja, ich hätte es nicht so ausgedrückt, aber..."
Er verstummt und ich lache einfach. Es ist möglicherweise eine verständliche Frage für jemanden, der mich überhaupt nicht kennt, jemanden, der damals nicht hier war. Trotzdem muss ich darüber lachen.
"Nein. Es war nur Sex, Mulder. Ich habe ihn nicht geliebt. Er hat mich noch nicht mal gemocht."
"Oh, aha."
Es ist schwer zu ob er enttäuscht oder erleichtert ist, dass ich nicht von Eifersucht und Bitterkeit zerrissen werde. Ich denke er ist froh, aber es ist so schwer zu sagen, bei seinem ausdruckslosen Gesicht.
"Fühlst du...ähm, fühlst du solche Dinge?" fragt er vorsichtig.
"Welche Dinge? Eifersucht?"
Oder sprichst du von Liebe, Mulder?
"Ja," nickt er. "Eifersucht, Zorn, diese Dinge."
"Manchmal tue ich das. Früher war das nicht so, aber ich denke, dass ich sie gelernt habe."
"Wie Spock," lächelt er. Ich weiß nicht, wovon zur Hölle er spricht, aber ich lächle und nicke trotzdem.
"Denkst du, dass sie es behalten wird, Mulder?" kann ich nicht widerstehen zu fragen und nutze die Tatsache aus, dass er hier ist, dass er spricht.
Er denkt eine Weile über die Frage nach, sieht aus dem Fenster und dann wieder zu mir. Ich frage mich, ob er möchte, dass sie es behält, ob er möchte, dass es seines ist. Ich frage mich, ob er gern Vater wäre.
"Ich bin mir nicht wirklich sicher. Sie schien ziemlich durcheinander zu sein, als ich mit ihr gesprochen habe," sagt er. Vielleicht ist Verwirrung ein gutes Zeichen. Immerhin denkt sie darüber nach.
"Aber hast du irgendein Gefühl in die eine oder andere Richtung was sie betrifft? Schien sie mehr in die Richtung zu neigen, es zu behalten als vorher?"
"Ich weiß es wirklich nicht, Roseanne. Warum machst du dir deswegen solche Sorgen?"
Eine sehr gute Frage. Eine, auf die ich keine richtige Antwort habe.
"Ich weiß nicht, Mulder. Ich habe keine Ahnung, warum ich mir Gedanken mache, aber ich tue es. Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ich habe einfach das Gefühl, dass wenn sie es nicht behält..."
Was denke ich wird passieren, wenn sie es nicht behält? Wird die Welt enden? Hat sie das nicht schon längst?
Es ist so außergewöhnlich für mich, dieses ganze Konzept mit den Babys. Ich habe noch nicht viele gesehen und ich war selbst nie eines, sie erschienen mir immer wie kleine Mutanten. Die Aussicht, eines um mich zu haben sollte vor allem beunruhigend für mich sein. Aber das ist sie nicht.
"Keine Ahnung, ich möchte einfach, dass sie es bekommt. Ich habe sogar Angst, mit ihr darüber zu sprechen, weil ich mich so eigenartig fühle und ich befürchte, dass ich das falsche sagen würde."
"Na ja, ich bin mir sicher, dass sie die richtige Entscheidung treffen wird. Das hat sie immer."
Oh, ich bin mir dessen nicht so sicher. Überhaupt nicht.
"Mulder, denkst du, dass alles wieder in Ordnung kommen wird?"
"Definiere alles."
"Ich habe Angst," sage ich zu ihm. Ich weiß nicht, warum ich ihm das erzähle. Ich tue es einfach. "Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Angst, aber in letzter Zeit habe ich wirklich, wirklich Angst. Was denkst du, wird mit uns allen passieren?"
"Ich...ich weiß es nicht, Roseanne. Ich wünschte, ich hätte irgendetwas aufmunterndes zu sagen, aber ich weiß wirklich nicht mehr, was passieren wird."
"Ich weiß," seufze ich, verfluche mich schon wieder dafür, dass ich ihn darum gebeten habe, mir etwas unmögliches zu geben. "Es tut mir Leid."
"Nein, es muss dir nicht Leid tun. Es ist normal, Angst zu haben. Ich habe auch Angst. Wir alle haben Angst."
"Ich habe mich aber vorher noch sie so gefühlt, Mulder."
"Was meinst du?"
Er dreht sich zu mir, Neugier leuchtet in seinen Augen.
"Hast du das Gefühl, das etwas schlimmes passieren wird? So eine Art Vorahnung?"
"Nein, nichts dergleichen. Ich habe nur ... ich denke, ich habe mir vorher einfach nicht so viele Gedanken gemacht. Ich hatte immer so eine unbeteiligte Haltung allem gegenüber, aber in letzter Zeit...ich weiß nicht, erscheinen mir die Dinge irgendwie realer."
Ich schrecke zusammen, als er seine Hand auf meine legt, mir tief in die Augen sieht und leicht lächelt. Mein Magen macht einen verrückten Überschlag.
"Vielleicht wirst du immer menschlicher und weniger ein Klon. Vielleicht färben wir auf dich ab."
Er reibt seine Handfläche gegen meine Knöchel um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Auf mich abfärben. Vielleicht tust du das, Mulder. Vielleicht tust du das.
Ende Kapitel 4
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Kapitel 5
Ich bin ein zwanghafter Listenersteller. Das war ich schon immer. Auf dem College war mein Wohnheimzimmer ständig mit irgendwelchen ‚zu-erledigen' Listen zugemüllt, von denen ich die meisten nie wieder angeschaut habe, nachdem ich sie erstellt hatte, was den Zweck der Sache zwar total zunichte machte, aber mir tatsächlich das Gefühl gab, ‚etwas zu erledigen'. Als ich die Entscheidung getroffen habe, ob ich nach Quantico gehe oder nicht, habe ich bestimmt zehn oder zwanzig Papierstapel verbraucht, um Listen für Pro und Contra zu erstellen. Natürlich wäre die Contra Liste entscheidend länger gewesen, wenn ich gewusst hätte, worauf ich mich wirklich einlasse. Danach ist mein Leben so kompliziert geworden, dass ich ganze Notizbücher für die Listen einrichten musste, die ich führen wollte. Ich denke ‚Lügen, die ich Mulder erzählt habe' hat einen eigenen Ordner.
Als ich mich heute Nachmittag hingesetzt habe, um mein Meisterstück zu schreiben, meine Liste von Gründen, aus denen Dana das Baby behalten sollte, habe ich eine Menge Erfahrung mitgebracht. Ich war darauf vorbereitet, meine Gedanken zu einer zusammenhängenden, überzeugenden, inhaltsreichen Argumentation zusammenzustellen, der sie nichts entgegenzuhalten hätte.
Ich habe genau das getan. Es ist eine lange Liste. Es ist eine gute Liste. Sie hätte vielleicht gereicht, um sie zu überzeugen, wenn es nicht darum gehen würde, was ich getan habe, gleich nachdem ich die Liste fertig hatte.
Ich hatte nicht geplant, Mulder umzubringen. Ich hatte einfach Hunger. Es war Schicksal, dass ich ihm schließlich da draußen über den Weg gelaufen bin. Schicksal und Wahrscheinlichkeit. Ich hätte ihn ohnehin früher oder später getroffen.
Was ich getan habe, als ich ihn sah, war meine eigene Wahl, freier Wille in Aktion. Egal wie unkontrolliert ich mich in diesem Augenblick gefühlt haben mag, ich habe getan, was ich getan habe, weil ich es wollte. Weil ich es brauchte. Weil es sich so verflucht gut angefühlt hat. Aber jetzt werde ich mit den Konsequenzen leben müssen, von denen eine ganz sicher die ist, dass Dana meine ganze Liste mit der einfachen Erklärung ablehnt: "Du bist ein Psychopath."
Also sitze ich hier an unserem Küchentisch und versuche herauszufinden, wie ich diesen Minuspunkt zu einen Pluspunkt auf meiner dämlichen Liste machen kann und scheitere kläglich. Fasst irgendjemand das Baby an, wird Papa ihn umbringen? Ist das ein Pluspunkt?
Ich höre ein Klicken von der Tür und beobachte, wie all die verschiedenen Schlösser, die ich in letzter Zeit angebracht habe, eines nach dem anderen aufschnappen. Mami ist zu Hause.
Ich sehe wieder auf meine Liste, darauf vorbereitet, sie so lange wie nötig zu ignorieren, so lange, wie menschenmöglich. Sicher weiß sie, was heute passiert ist. Sicher hat sie es gehört und das letzte, was ich im Moment brauche, ist ein Vortrag über persönliche Verantwortung und darüber, meine Emotionen in der Öffentlichkeit unter Kontrolle zu behalten. Mal ganz abgesehen von dem ganzen Thema des Leute Umbringens.
Sie hat ihren verdammten Hund bei sich und so bald sie seine Leine abmacht, rennt er zu mir und hat seine dreckigen Pfoten überall auf meinen Beinen, leckt mein Gesicht und sabbert überall auf mir herum, setzt einen Dämpfer auf mein cooles Verhalten. Ich versuche ihn zu ignorieren, aber das verdammte Ding ist hartnäckig.
"Bitte begrüße deinen Hund," fordert sie mich auf, während sie ihren Mantel und die Leine aufhängt.
"Hallo."
Ich streichle halbherzig den Kopf des abstoßend anhänglichen Hundes und hoffe, dass das ausreichen wird, ihn zu beschwichtigen und loszuwerden.
"Hast du heute Abend schon was gegessen?" fragt sie.
"Ich bin vor ein paar Stunden in die Cafeteria gegangen."
"Oh wirklich? Ich habe dich dort gar nicht gesehen. Du bist wohl früh gegangen, hmm?"
"Wird so sein."
Gott, das ist die idiotischste Unterhaltung, die wir je geführt haben. Ich kann das nicht ertragen, nichts von all dem. Jetzt wäscht sie das verfluchte Geschirr ab. Ich starre auf meine sinnlose Liste, bis die Worte ineinander verschwimmen. Ich kann nichts davon wirklich zu ihr sagen.
"Wie geht es deinem Kopf?" Sie schaut über ihre Schulter und ich fasse instinktiv nach oben, im die Schramme zu bedecken.
"Mein Kopf?"
"Ja, dein Kopf."
Sie wischt ihre Hände an ihren Hosen ab und setzt sich an den Tisch. Ihre Finger fahren über meine und ziehen daran.
"Das ist eine ziemliche Schramme, die du da hast, Stahlfaust. Was ist passiert?"
Stellt sie sich dumm oder ist das echt? Vielleicht weiß sie es nicht. Vielleicht sollte ich mir was ausdenken. Etwas, weswegen sie mich bedauern würde.
"Alex...warum?"
Sie berührt die Seite meines Gesichtes und ich zucke zusammen.
"Warum was?"
"Alex, ich weiß, was passiert ist. Jeder weiß, was passiert ist."
Verdammt. Was ist eigentlich mit mir los? Es ist nicht so, dass ich mir nicht einen etwas privateren Ort für meinen Ausbruch hätte aussuchen können.
"Das sieht dir nicht ähnlich, Alex."
Ich muss mich anstrengen, sie nicht auszulachen. Was zur Hölle denkt sie eigentlich, wer ich bin? Haben wir das nicht alles schon mal durch? Und jetzt will sie wissen warum. Wie kann sie mich nach dem warum fragen? Was denkt sie, warum?
"Ich möchte nicht darüber reden."
Sie zieht ihre Hand von meinem Gesicht zurück und schlägt sie auf den Tisch, erschreckt mich und den Hund, der immer noch hechelnd und sabbernd zu meinen Füßen liegt.
"Nein, natürlich willst du das nicht. Warum solltest du dich bemühen, mit mir zu reden, wenn du deinen ganzen Schmerz an Mulder auslassen kannst? Warum reden, wenn du schlagen kannst? Es ist so viel einfacher, richtig Alex?"
"Geh zur Hölle."
Ich hatte den Schlag erwartet, aber deswegen tut er nicht weniger weh. Wenigstens hat sie die Seite meines Gesichtes getroffen, die nicht schon verwundet ist. Jetzt werde ich einen zusammen passenden Satz haben.
Was ich nicht von ihr erwartet hätte, ist, dass sie bleibt, meine Wangen zwischen ihre Finger nimmt und mein Gesicht zusammendrückt als wäre ich ein Kleinkind, dass sie ausschimpft. Ich habe die Angst in ihren Augen nicht erwartet.
"Hör mir zu und hör mir gut zu, Alex. Es tut mir sehr viel mehr Leid, als ich es ausdrücken könnte, dass ich dir weh getan habe, aber wenn du willst, dass wir irgendeine gemeinsame Chance auf eine Zukunft haben, dann nimmst du dich besser zusammen und hörst auf, dich wie ein Kind aufzuführen. Ich werde ein Baby bekommen, Alex und ich kann es mir nicht leisten, dass es einen Vater bekommt, der unreifer ist, als sein eigenes Kind."
Zu sagen, dass ich *das* nicht erwartet hätte, wäre die größte mögliche Untertreibung.
"Ich gehe ins Bett. Wenn du dich dazu entschließen solltest, mit mir zu reden, kannst du das gern tun."
Sie steht auf und geht weg. Es dauert beschämend lange, bis ich es fertig bringe, ihr zu folgen. Sie hat sich schon unter der Decke zusammengerollt und das Licht ausgeschaltet, als ich ins Schlafzimmer komme. Ich setze mich auf die Seite des Bettes und versuche, meinen Gefühlen Sinn zu geben und dem, was ich ihr sagen sollte.
Es gibt so viel, was ich sagen könnte. Ich könnte ihr sagen, dass sie mir das Gefühl gegeben hat, unwürdig zu sein, dass ich Angst habe, sie zu berühren, weil ich der Erinnerung an Mulder nicht standhalten könnte. Ich könnte ihr sagen, dass das, was sie getan hat, jeder Angst Gültigkeit gegeben hat, die ich jemals um uns hatte. Ich könnte ihr sagen, wie viel Hass ich in meinem Herzen habe, für Mulder und im allgemeinen. Ich könnte ihr von all den Gelegenheiten erzählen, in denen ich mich zurückgelehnt und zugelassen haben, dass Mulder mich zu Brei schlägt, weil es meinen Zwecken gedient hat und er es vielleicht genossen hat und dass es Zeit war, dass er ein wenig davon zurück bekommt.
Ich könnte sie fragen, ob er besser küsst als ich. Ob sie bei ihm gekommen ist, ob er sie zum Schreien gebracht hat, ob es ihr gefallen hat, zur Abwechslung mal einen beschnittenen Schwanz im Mund zu haben.
Ich könnte es, aber ich tue es nicht. Weil nichts davon im Moment wichtig erscheint. Das alles erscheint, na ja, ein wenig kindisch.
"Was hat dich dazu gebracht, deine Meinung zu ändern, Dana?"
Sie rollt sich auseinander und streckt sich auf ihrem Rücken aus. Das Mondlicht, das durch die Fenster fällt gibt gerade genug Licht, dass ich ihren Gesichtsausdruck lesen kann. Sie sieht nicht wirklich verärgert aus.
"Ich bin mir nicht sicher. Eine Menge Dinge nehme ich an."
"Bist du, äh, glücklich darüber?"
"Ja. Ja, das bin ich."
"Nervös?"
"Sehr."
"Wirst du...wirst du herausfinden, wer..."
"Bis dahin werde ich ungefähr einen Monat warten müssen. Ich denke, es ist nötig, dass wir eine Fruchtwasseruntersuchung machen, nur um sicher zu gehen, dass alle in Ordnung ist. Dann können wir es rausfinden. Wenn wir wollen."
Wollen wir? Ich frage mich das. Ich hatte angenommen, dass das absolut ihre Entscheidung wäre, wenn es so weit kommen sollte. Der Gedanke daran, es rauszufinden, jetzt, wo es real ist, ängstigt mich zu Tode.
"Was ist mit dir, Alex? Bist du glücklich?"
Glücklich. Das ist ein weiter Begriff. Es ist sicher das, was ich wollte. Aber ist es möglich für mich zu sagen, dass ich jetzt im Moment glücklich bin?
"Ich...ich bin froh. Ich bin froh, dass du dich entschieden hast, es zu behalten."
"Aber es macht dich nicht glücklich?"
"Nein, das-das tut es."
"Hast du Angst, du könntest es nicht lieben, wenn es seins ist?"
Diese Frage erschüttert mich ebenso, wie der zärtliche Ton, in dem sie sie stellt. Wie kann sie mit mir im Ton einer Liebenden reden und mir so eine Frage stellen, als wäre das alles, was sie von mir denkt? Ich nehme an ich habe ihr in letzter Zeit nicht viel Grund gegeben, anders zu denken.
"Mein Gott, Dana. Natürlich nicht. Ich...ich liebe sie jetzt schon."
Sie atmet tief ein und ist ziemlich lange still. Ich ziehe mich völlig aus und klettere neben ihr ins Bett.
"Es tut mir Leid, Alex."
"Mir tut es auch Leid."
Sie atmet tief ein und langsam wieder aus. Dann dreht sie sich zu mir um und lächelt.
"Ich werde ein Baby bekommen."
Sie klingt als könne sie nicht glauben, dass es wirklich ist. Ich bin mir selbst nicht sicher, ob es das ist.
"Was fängt man mit einem Baby an, Dana?"
"Oh, keine Ahnung. Man kann es als Einbruchsalarm benutzen oder als Briefbeschwerer oder so, nehme ich an."
"Oh, ein Briefbeschwerer. So einen könnte ich brauchen."
Sie lacht und klopft auf ihren Bauch.
"Hörst du das, Baby? Jetzt wird Mister Krycek nicht das Bedürfnis haben, dich wegzuschicken, weil du nicht produktiv bist."
"Das ist es nicht, was ich gemeint habe, weißt du. Ich weiß überhaupt nichts darüber."
"Das tue ich auch nicht, Alex. Aber es wird schon gut gehen. Wir werden lernen."
Natürlich werden wir das. War es nicht das, was ich ihr eigentlich sagen wollte? Es stand auf dieser verdammten Liste. Trotzdem erscheint es mir so hypothetisch. Ich habe niemals in meinem Leben gedacht, ich könnte jemals tatsächlich Vater werden. Der Gedanke ist eigentlich ein bisschen beunruhigend. Gott allein weiß, dass ich nicht vom besten Rollenmodell lernen konnte.
Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich hatte eines.
"Hast du schon über einen Namen nachgedacht?"
"Namen? Alex, ich weiß es erst seit ein paar Tagen."
"Na und? Gibt es keine Namen, die du magst? Haben nicht alle Frauen eine Liste von möglichen Babynamen?"
Sie lacht ein bisschen und dreht sich auf die Seite. Ich spüre ihre Finger unter der Decke, die meine Brust mit einem federleichten, vorsichtigen Streicheln berühren. Sie fragt mich, ob das in Ordnung ist, ob wir uns endlich wieder vorwärts bewegen können. Es fühlt sich in Ordnung an. Es fühlt sich gut an.
"Ich weiß es nicht, ob sie das wirklich so ist. Vielleicht wenn es mögliche Babies gibt."
"Was hältst du von Eva?"
Sie antwortet mir nicht gleich, aber sie schmiegt sich ein bisschen enger an mich. Ich habe das Gefühl, als wenn wir seit langer Zeit das erste Mal wieder im gleichen Boot sitzen. Ja, wir sind sauer aufeinander, aber mein Gott, wir bekommen ein Baby.
"Eva. Hmm."
"Nein?"
"Ich bin mir nicht sicher. Es ist nett. Scheint eine gewisse Bedeutsamkeit zu haben."
Oh ja. Vergiss die Bibel.
"Kann sein. Ich habe allerdings nicht deswegen daran gedacht."
"Weswegen hast du daran gedacht?"
"Es ist das englische Äquivalent des Namens meiner Mutter."
Sie versteift sich neben mir und ich höre sie heftig einatmen. Ich nehme an ich bin nie dazu gekommen, ihr überhaupt irgendetwas über meine Familie zu erzählen, über meine Kindheit. Es erschien mir immer so unwichtig, so lange her und so weit weg, dass es fast nicht mehr existierte.
Es ist immer noch nicht so wichtig für mich, aber ich mag den Namen wirklich.
"Deine...deine Mutter?" flüstert sie.
"Ihr Name war Evelina. Das bedeutet Leben."
"Evelina. Das ist wunderschön, Alex."
"Das war sie."
Ich werde niemals vergessen, wie sie vom Fenster dieses kleinen Kellers aus ausgesehen hat, wie das Blut und das Gehirngewebe unter ihrem dicken, schwarzen Haar herausgequollen ist und sich mit dem Schnee vermischt hat.
"Erzählst du mir von ihr?"
Okay, das ist wirklich der Grund, warum ich ihr nie von all dem erzählt habe. Ich rede nicht gern darüber. Ich erinnere mich nicht gern daran und ich erzähle nicht gerne Taschentuchgeschichten, es sei den aus einem bestimmten Grund, ganz besonders, wenn sie wahr sind. Ich möchte ihr Mitleid nicht. Nicht dafür.
"Ich...ich erinnere mich nicht an sehr viel mehr."
"Wie kommt das?"
"Meine Eltern starben beide, als ich sechs Jahre alt war."
"Oh, Alex. Das tut mir so Leid. Wie?"
Sie legt ihren Kopf auf meine Brust, sieht zu mir auf mit diesen klaren, vertrauenden, vergebenden Augen. Ich hoffe wirklich, dass sie weiß, dass ich ihr das nicht erzähle, damit sie vergisst, was heute passiert ist. Ich weiß nicht, warum ich ihr das erzähle. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt damit angefangen habe.
"Sie sind hingerichtet wurden. Wegen Spionage."
"Hingerichtet? Von der Regierung?"
"Von meinem Patenonkel, dem Mann, der mich schließlich aufgezogen hat. Dem Mann, den ich die meiste Zeit meines Lebens Vater genannt habe."
"Oh mein...wo-woher weißt du das?"
"Weil ich gesehen habe, wie es passiert ist. Ich habe gesehen, wie er den beiden einen Kopfschuss verpasst hat."
Es ist tatsächlich einfacher, das zu sagen, als ich glaubte. Es ist nichts, was ich jemals jemandem erzählt habe. Nicht einmal mein Patenonkel wusste, dass ich es gesehen hatte und es war nichts, worüber wir je gesprochen haben. Er hat mir aus offensichtlichen Gründen nie erzählt, dass er es getan hat. Ich habe ihn nie zur Rede gestellt, weil ich befürchtete, er würde das gleiche mit mir machen.
"Du, du wurdest von dem Mann aufgezogen, der deine Eltern umgebracht hat?"
Bei ihr klingt es wie die schlimmste Sache, die einem passieren kann.
"Es war nicht so schlecht. Er war ein sehr mächtiger Mann. Sehr reich. Ich war sehr viel besser dran, als die meisten Kinder, die ich kannte."
"Aber Alex...mein Gott, wie konntest du damit leben? Mit ihm leben?"
Darauf habe ich wirklich keine Antwort. Ich tat es einfach. Ich hatte wirklich nicht großartig die Wahl.
Sie fährt mit ihrer Hand meine Brust hinauf und legt ihre Hand auf meine Wange, dreht mein Gesicht zu sich herum. Sie lächelt durch eine tränenüberströmte Grimasse und sie küsst mich zart.
"Das...das erklärt eine ganze Menge."
"Was meinst du? Was erklärt es."
"Eben...eine ganze Menge."
Ich verstehe nicht, wovon sie redet und ich denke nicht, dass ich das will. Ich bin nicht in der Stimmung, um analysiert zu werden.
Ich schlinge meinen Arm um ihre Schultern und ziehe ihrer nackten Körper näher an mich heran. Das ist es, wozu ich in Stimmung bin. Nur das.
"Evelina, ja?" seufzt sie an meinem Hals. "Ich mag das."
Ende Kapitel 5
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Kapitel 6
Mein Bruder Bill war einer der gemeinsten Menschen, die ich je gekannt habe. Als Erwachsener reifte er zu einem nur leicht nervenden Sturkopf, aber in seiner Jugend - naja, sagen wir einfach er war ein Schmetterlingsflügel-ausreißender, Katzen-tretender, Schwestern-ärgernder, tyrannisierender und terrorisierender Typ. Von Grund auf eine Schweinehund.
Charlie, auf der anderen Seite, war ein sanftes und liebes Kind, der schon frühzeitig Interesse an künstlerischen Bemühungen zeigte und er verbrachte mehr Zeit damit, in seinem Zimmer zu lesen und zu malen, als damit, Ball zu spielen und andere Kinder zu ärgern. Er hat sich Geschichten ausgedacht, dass er mit einem Geist gesprochen hätte oder wie ein Vogel geflogen wäre. Er war der einzige, der geweint hat, als Mister Bubbles, unser Meerschweinchen, gestorben ist. Er war der ‚Sensible'.
Melissa war die ‚Wilde', die während ihres letzten Jahres auf der Highschool mit einem viel älteren Hippie in einem VW abgehauen ist und meine Mutter angerufen hat, sie würde nicht eher zurückkommen, bis unsere Familie ‚ihre Probleme gelöst' hätte. Sie war die unberechenbare. Zumindestens für meine Eltern. Ich wusste immer, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren würde.
Ich war die ‚Vernünftige' wie ich annehme, still, hartnäckig, belesen, erdgebunden. Ich hatte meine Rebellionen, aber die sind ziemlich unbemerkt vorbeigegangen. Sie waren untertrieben und persönlich, nicht so großartig und laut wie die von Melissa.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man vier unterschiedlichere Kinder finden könnte, wenn man sie zufällig an einer Bushaltestelle heraussucht. Trotzdem wurden wir alle von den selben Eltern erzogen, im gleichen Haushalt, zur selben Zeit. Ist die Geburtsreihenfolge wirklich so wichtig? Oder ist die Persönlichkeit doch eher eine Frage des Charakters als der Erziehung?
Alex' Kindheit war blutig, gewalttätig und kompliziert. Er ist blutig, gewalttätig und kompliziert.
Mulder's war verwirrend, traurig und schuldbeladen. Mulder ist, naja, oft all das.
Was ist die Moral dieser Geschichte?
Ich weiß es nicht. Muss jede Geschichte eine verfluchte Moral haben? Die Moral ist, dass ich schlecht darin bin, schwanger zu sein.
Die Moral ist, dass ich, anstatt mich darauf zu konzentrieren, worauf ich mich konzentrieren sollte, über die Vergangenheit nachdenke. So bin ich jetzt. Abgelenkt, gereizt, in mich gekehrt und mürrisch.
Dieses Treffen hätte in keinen unpassenderen Zeitraum fallen können. Der Brite ist jetzt schon seit einigen Tagen hier, aber aus irgendeinem Grund hat er den heutigen Tag gewählt, um sich mit Alex und mir zu treffen. Jetzt in zwei Stunden werden wir eine Serie von Tests durchführen, welche mir sagen werden, ob das Baby gesund ist, ob dieses spezielle Leben, das in mir wächst und mich verrückt macht, menschlich ist oder...etwas anderes, ob er oder sie einen komplizierten oder schuldbeladenen Vater haben wird, von dem es lernen kann, und ob er oder sie ein er oder eine sie ist. Wie soll ich mich da konzentrieren?
Vorstellungen erscheinen mir eigenartig und oberflächlich. Natürlich kenne ich ihn schon. Was sollte ich sagen, wenn ich dem Mann die Hand schüttle, von dem ich angenommen hatte, dass er starb, nachdem er Mulder die Information gegeben hatte, die mein Leben rettete? Danke? Stirbt jemals jemand *wirklich*?
Als er mir sagte, seine Name wäre Robert Smith, erinnerte er mich an das College, als ich zu einem The Cure Konzert gegangen bin, obwohl ich für meine Aufnahmeprüfung hätte lernen sollen. Eine weitere stille Rebellion, wie ich glaube. Ich nehme an, dass dieser gewisse Robert Smith jetzt tot ist. Oder vielleicht wurde er auserwählt, wie Mulder. Umgewandelt zu werden wäre wahrscheinlich eine große Inspiration für ein oder zwei angstgeladene Melodien.
Robert Smith. Wie gewöhnlich. Wie außergewöhnlich.
Er hat jetzt einen Stock und seine Falten sind tiefer und zahlreicher geworden. Sieht so aus, als würde es ihn nicht mehr lange auf dieser Welt geben. Es fällt mir schwer, das zu bedauern.
Als wir alle Platz genommen haben, Alex in Sicherheit hinter seinem Schreibtisch, ich direkt neben dem launenhaften Bastard, sagt Alex, dass es ihm Leid tut.
"Es tut mir Leid, wegen Ihrer Tochter."
Na ja, ich weiß, dass das nicht wahr ist und der alte Mann scheint es auch zu wissen. Er lächelt auf diese spezielle britische Weise und sagt, "Ja, ich habe gehört, dass du sie umgebracht hast."
Wir alle drei sind eine Weile geschockt und leise und ich beobachte Alex, warte auf eine Reaktion, aber es gibt keine. Jedenfalls keine sichtbare. Ich bin froh, dass wir nie zusammen Poker spielen.
"Sie hat uns verraten..." beginnt Alex, aber Smith hebt seine Hand und unterbricht ihn.
Er sagt ihm, dass es keine Rolle spielt. "Ich wusste immer, dass es so für euch enden würde, so wie ihr beide gewesen seid."
Wie sind sie gewesen, frage ich mich? Ich weiß es mehr oder weniger, aber nicht richtig. Ich weiß es nicht aus Marita's Perspektive und, das erste Mal überhaupt, würde ich das irgendwie gern. Allerdings frage ich mich noch mehr, wie Smith ruhig hier sitzen und den Tod seiner Tochter mit ihrem Mörder diskutieren kann. In seinem Verhalten gibt es noch nicht einmal eine Spur von Traurigkeit und ich stelle fest, dass meine Hand als Reaktion auf die Kälte in Richtung meines Bauches zuckt. Vielleicht verschwimmt alles, wenn man an so vielen Toden teilgehabt hat wie er, und selbst deine eigenen Kinder erscheinen ersetzbar.
Wird Alex ein solcher Vater sein? Ich kann mir das nicht vorstellen, aber gleichzeitig kann ich das. Ich kann sehen, wie er die Wut und den Schmerz nimmt und tief in sich vergräbt, wo er wächst und gedeiht und ihn irgendwann umbringt, aber er würde ihn nie zeigen. Besonders keinem Feind. Ist Smith ein Feind? Hält er Alex für einen?
"Was meinen Sie mit, ‚so wie wir waren'?" fragt Alex.
"Doppelzüngig, kompliziert, niemals damit zufrieden, zu lange auf einer Seite zu stehen. Sie war immer sehr eifersüchtig auf dich, Alex. Weil du darin so viel besser warst als sie. Weil du mehr mein Sohn warst, als sie meine Tochter gewesen ist."
Alex nickt, als wenn das irgendeine Antwort wäre. Es erklärt, warum Marita tat, was sie getan hat, aber nichts davon ergibt für mich wirklich Sinn. Inwiefern war Alex wie ein Sohn für Smith? Inwiefern war Marita nicht seine Tochter? Wie viel hatte das, was Marita war, mit den beiden zu tun? Hatte sie ihre eigenen Pläne, die keiner der beiden jemals erahnen oder verstehen konnte? Wird mein Kind doppelzüngig sein? Wäre das in dieser Welt eine schlechte Sache?
Ich mag es wirklich nicht, schwanger zu sein. Manchmal sind die Zweifel so überwältigend, dass ich fast überhaupt nicht auf irgendetwas konzentrieren kann. Ich frage mich, ob ich mir jemals sicher sein kann, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, ob ich jemals diese mütterlichen Instinkte entwickeln werde und aufhöre, mich zu fühlen, als wäre ein Eindringling in meinem Körper. Es sind jetzt schon fast drei Monate.
Mit Sicherheit sollte ich mich jetzt schon mehr als Mutter fühlen, als ich es tue.
Da das Marita Thema jetzt offensichtlich abgeschlossen ist, erwarte ich, dass der alte Mann jetzt selbst eine Entschuldigung vorbringt und uns Unterstützung anbietet. Deswegen ist er doch schließlich hier, richtig? Es ist wegen ihm, wegen ihm und seines missratenen Planes, dass wir in diesen traurigen Zustand des Durcheinanders verfallen sind. Aber das nächste, was er erzählt, ist das Gegenteil von dem, worauf wir gehofft hatten, was wir brauchen. Er erzählt uns, dass er uns nicht viel anbieten kann, dass seine Ressourcen so erschöpft sind wie unsere.
"Die Kolonisten sind zu Phase drei übergegangen," erklärt er, während er immer Alex ansieht, niemals mich. Alex nickt als wüsste er, was ‚Phase drei' bedeutet, obwohl ich mir sicher bin, dass er es nicht weiß. Er hat mir gegenüber nie eine Phase drei erwähnt, aber das ist typisch Alex. Tue so, als wenn du alles wüsstest, bis du es weißt.
"Was zur Hölle ist Phase drei?" frage ich in dem Wissen, dass Alex das nie tun wird.
Es ist das erste, was ich sage, seit dieses Meeting begann und beide drehen sich zu mir um und sehen mich mit typisch untertriebener Überraschung an. Oder vielleicht ist es auch Verärgerung, was ich in Alex' Augen sehe. Vielleicht habe ich seinen Bluff ruiniert. Es ist mir egal. Ich möchte ganz genau wissen, was hier vorgeht und warum Smith plötzlich das Gefühl hat, er könne uns nicht helfen.
"Phase drei, mein liebes Kind, ist das Ende."
Könnte dieser Typ noch anmaßender und herablassender sein?
"Und was bedeutet das genau? Was waren die Phasen eins und zwei?"
"Phase eins war Kontakt und Vorbereitung. Phase zwei, Kolonisation und Wiederaufbau. Phase drei, totale Ausrottung der menschlichen Spezies und Wiederbesiedelung des Planeten durch die Kolonisten."
Ich fange an zu verstehen, warum Alex nicht fragen wollte. Das kranke Vergnügen, dass Smith dabei zu haben scheint, diese Neuigkeiten zu überbringen, ist ziemlich widerlich.
Was ich nicht verstehe ist, warum das überhaupt Neuigkeiten sind.
"Totale Ausrottung und Wiederbesiedelung scheint die ganze Zeit der Plan gewesen zu sein. Was ist daran neu?"
"Sie haben bis jetzt unsere Hilfe gebraucht. Die fortbestehende Existenz von ein paar ausgewählten Gruppen von Menschen war in den ersten Phasen nützlich für sie. Aber jetzt ist ihre Arbeit getan. Der Planet ist erntereif und sie brauchen uns nicht mehr."
Ich verstehe nicht, warum das für uns von Bedeutung ist. Sie haben Menschen am Leben gelassen, um als Sklaven oder Arbeiter in ihren Drohnenkolonien zu arbeiten. Unsere Gruppe war nie von Nutzen für sie.
Wie konnten das nur so lange überleben, weil sie uns nicht finden konnten. Richtig?
"Es hat schon begonnen," betont Smith grauenvoll. "Ich weiß von mindestens zwei Kolonien wie diese, die niedergebrannt wurden, alle Menschen umgebracht und die Gebäude in Schutt und Asche gelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie über unsere beiden Gruppen herfallen."
Ich träume in letzter Zeit von Feuern. Alex denkt, dass liegt an den Hormonen. Hormone oder nicht, bei seinen Worten läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.
"Warum sind Sie hergekommen, wenn sie uns nicht helfen können?" entscheide ich mich schließlich zu fragen. Wenn alles, was er wollte war, uns mit etwas zu verängstigen, was sehr wohl unbegründete Weltuntergangsvoraussagen sein könnten, dann hat er sein Ziel erreicht. Er kann jetzt gehen.
"Ich bin gekommen, um euch vor dem zu waren, was kommen wird. Und um euch persönlich zu sagen, dass ich eure Gruppe nicht weiter unterstützen kann."
"Und um noch ein paar Leute zusammenzuholen. Ist das richtig?" unterbricht ihn Alex eigenartig. Die beiden Männer fechten mit ihren Blicken einen unerklärbaren Kampf aus.
"Leute? Alex, wovon sprichst du?" frage ich und fahre damit fort, mich mehr für die Tatsachen zu interessieren, als für ihre Psycho-Spielchen.
"Er hat mir Laurie und Walker gesprochen," teilt mir Alex mit und wendet sich dann Smith zu. "Oder etwa nicht?"
Laurie und Walker haben versucht etwas anzuführen, von dem sie zu glauben scheinen, es sei eine Untergrundbewegung zur Niederwerfung des "tyrannischen Krycek Regimes", zu dem ich offensichtlich als "verwöhntes und gleichgültiges Zubehör" gehöre. Oder so was. Natürlich ist es extrem schwierig, in einer Gemeinschaft von dreihundert Leuten irgendetwas im Untergrund zu halten. Jeder weiß, was sie zu tun versuchen.
"Worüber mit ihnen geredet?" frage ich beide. Alex ist derjenige, der mir antwortet.
"Sie werden mit ihm gehen. Sie und ihre ganze Gruppe. Das ist es, was er die ganzen Tage gemacht hat. Sie für sich gewinnen, sich mit ihnen gegen uns verbünden."
Alex klingt so ruhig, absolut so, als sei ihm das alles egal. Ist das auch wieder ein Bluff? Manchmal wünschte ich, er würde mich in die Pläne für seine Spielchen einweihen.
Ich sehe zu Smith und warte auf ein Dementi, aber da kommt keines.
Wie konnte mir entgehen, dass das direkt unter meiner Nase passiert ist? Hat Alex es mir erzählt und ich habe es vergessen? Habe ich es selbst bemerkt und vergessen? Beides ist erschreckenderweise möglich. Ich behalte in letzter Zeit mehr Wasser als Informationen.
Na gut, schön. Wenn diese Leute gehen wollen, lassen wir sie. Wir sind ohne diese interne Bedrohung besser dran.
"Wie können wir wissen, dass Sie uns die Wahrheit sagen?" frage ich Smith. "Wie können wir wissen, dass Sie nicht nur versuchen uns Angst einzujagen, so dass Sie sich an unseren Ressourcen bedienen können?"
Der Bastard lacht tatsächlich und ich bin sehr nahe dran, seinen alterschwachen Körper mit Stock und allem aus dem verdammten Fenster zu werfen.
"Welche Ressourcen?" fragt er, nachdem er damit fertig ist, jovial zu lachen. Genau das reicht mir dann, fürchte ich. Hormonell bedingt oder nicht, ich weigere mich hier zu sitzen und noch länger so zu tun, als würden wir mit diesem verwerflichen Subjekt verhandeln.
Ich stehe auf und versuche mich so gut wie mögliche zusammenzunehmen, als ich zu ihm sage, "Gehen Sie. Wenn uns bestehlen und uns ins Gesicht lachen alles ist, wozu sie hergekommen sind, dann will ich, dass Sie auf der Stelle verschwinden."
"Dana, beruhige dich," höre ich Alex sagen, aber es ergibt für mich keinen Sinn. Ich bin ruhig. Oder?
Aber ich bin es nicht wirklich. Mein Gesicht ist heiß und ich bin sicher, dass ich rot bin. Mein Brustkorb zieht sich zusammen. Es ist wahrscheinlich das beste, sich hinzusetzen und Alex das Reden zu überlassen, angesichts meiner ‚Umstände' und der Art, wie es mich im Moment handeln lässt.
"Was ist mit den Rebellen?" fragt Alex, als ich mich wieder hingesetzt habe. "Warum sind die uns nicht gefolgt?"
Smith sieht ihn mit diesem mysteriösen, halb-bedrohlichen Gesichtsausdruck an und sagt, "Es gibt keine Rebellen mehr."
Selbst Alex kann seinen Schock nicht verbergen.
"Gar keine?"
"Die Rebellen wurden ebenfalls von den Kolonisten zerstört. Die Kolonisten hatten schon immer die Macht, sie auszulöschen. Aber die Rebellen haben für eine gewisse Zeit einen Zweck für sie erfüllt, genau so, wie wir Menschen, aber jetzt ist ihre Nützlichkeit vorüber und sie wurden eliminiert."
Trotz der Tatsache, dass die Rebellen unsere Feinde geworden sind, ist der Gedanke an Eliminierung, Völkermord, schrecklich beängstigend. Ich würde lieber den Rest meines Lebens damit verbringen, gegen die Rebellen zu kämpfen, als zu akzeptieren, dass die Kolonisten so viel Macht haben. Wenn sie dazu in der Lage sind, eine ganze Rasse vom Angesicht der Erde auszulöschen, eine Rasse, die so viel stärker war als unsere....
"Und wir sind die nächsten," fasst Alex meine Ängste in Worte.
"Es scheint so zu sein," nickt der alte Mann und ich frage mich, ob er Angst davor hat zu sterben. Es scheint so, als sei er schon überfällig.
"Ich bin der Ansicht, dass wir mehr Macht haben, größere Chancen zu überleben, wenn wir zusammen sind, statt getrennt," fährt er fort. "Die Einladung, meiner Gruppe beizutreten ist für euch beide auch gültig."
Also das ist es, warum er wirklich hier ist. Das ist es, was er will. Er will uns alle, nicht nur die Unzufriedenen. Ich bin mir nicht sicher, wie ich darüber denke. Es verrät ohne Zweifel seine Verzweiflung, was an sich schon beängstigend ist.
"Ich dachte Sie sagten, dass unser Untergang unabwendbar wäre?" macht Alex deutlich. Er hat das nie gesagt, aber es war sicher so beabsichtigt.
"Es ist geplant. Nichts ist unabwendbar."
Alex öffnet seinen Mund um zu sprechen, aber ich sehe ihn verzweifelt an - bitte, Alex, bitte sag nichts, bis wir die Möglichkeit hatten, darüber zu reden - und schließlich sagt er kein Wort.
"Hätten Sie etwas dagegen, wenn Sie uns kurz alleine lassen?" frage ich Smith.
"Nein, keineswegs. Nehmt euch alle Zeit, die ihr braucht. Ich denke, wir sind hier fertig."
Er erhebt sich langsam, so langsam, das man schon beim Zusehen frustriert ist und schleppt sich zur Tür. Ich muss gegen den Drang ankämpfen, ihm auf seinem Weg zu helfen.
So bald er außer Sicht ist, ist Alex auf seinen Füßen und läuft hin und her. Seine ruhige, gleichmütige Fassade hat sich in dem Augenblick völlig gewandelt, so bald wir allein waren und ich bin ein bisschen erleichtert zu sehen, dass er genauso nervös ist wie ich.
"Wir werden nicht mit ihm gehen," stellt er autoritär fest, entschieden, umgehend. Wie kann er eine solche Entscheidung so schnell treffen? Impulsiv.
"Alex, was ist, wenn er Recht hat?"
"Ich traue ihm nicht, ich glaube ihm nicht und ich werde ganz sicher nicht alles im Stich lassen, was wir uns hier aufgebaut haben, wegen einer *weiteren* Sache, die er gesagt hat!"
"Alex..."
"Wir haben Hunderte von Leuten verloren, als ich das letzte Mal auf ihn gehört habe, Dana. Hunderte."
Was ist mit meinem Baby?
Der Gedanke schleicht sich ungebeten in meinen Kopf. Vielleicht kommen diese mütterlichen Instinkte nun doch zum Tragen. Oder vielleicht habe ich einfach nur eine Heidenangst.
"Was ist, wenn er die Wahrheit sagt, Alex?"
"Es ist mir egal, ob er das tut. Ich sterbe lieber hier als bei ihm."
"Also denkst du, dass es unabwendbar ist?"
Mein Gott, was ist mit meinem Baby? Was ist, wenn wir einen schrecklichen Fehler machen?
Bei seinem Umherlaufen wird mit übel.
"Alex, warum gehen wir nicht einfach spazieren und reden darüber?"
Er hält in seiner Bewegung inne und sieht mich verwirrt an.
"Willst du mit ihm gehen, Dana?"
Wird verdammt noch mal Zeit, dass er fragt. Dummerweise habe ich darauf keine Antwort.
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Die Luft draußen ist kühl. Eine Erinnerung daran, dass der Winter schnell kommt, was uns entweder nützt, um uns zu schützen, oder uns zerstört. Wenn wir genug Nahrungsmittel und Energie aufgespart haben, werden wir es schaffen und der Schnee könnte die Eindringlinge für eine Weile abhalten.
Wir setzen uns schließlich auf die Bank, auf der wir mal gesessen haben, um uns über das Schicksal eines kleinen Rottweiler Welpen zu streiten. Das war vor so vielen Jahren. Schon wieder fast ein ganz anderes Leben.
Heute sitzen wir hier, um über ein anderes Schicksal zu reden. Unseres.
"Er hat keinen Plan, Dana. Er weiß nicht mehr darüber, was er tun soll, als wir es wissen. Er ist verzweifelt und er hat uns keinen Grund gegeben, ihm zu glauben, dass wir bei ihm sicherer sind, als wir es hier sind. Und am allerwichtigsten, ich möchte, dass wir bei den Menschen bleiben, von denen wir wissen, dass wir ihnen vertrauen können, als das wir mit Leuten fortlaufen, die schon seit Monaten gegen mich gearbeitet haben."
Alex präsentiert seine Argumentation gut und sie ist überzeugend. Aber da ist noch etwas, was er nicht bedenkt. Etwas, das er vergessen hat.
"Alex, was ist mit dem Baby?"
"Was ist mit dem Baby?"
"Na ja, wenn es eine Chance gibt, dass wir bei ihm sicherer sind, dass das Baby sicherer ist, denkst du nicht, dass wir dann gehen sollten?"
"Dana, ich denke, dass das Baby am sichersten bei Menschen ist, die sich um sie sorgen. Menschen, die sie nicht als ein menschliches Schutzschild benutzen wollen. Möchtest du sie nicht hier großziehen, in unserem Zuhause?"
Er nimmt meine Hand in seine und als ich in seine Augen sehe, denke ich, dass das mein Zuhause ist. Er ist mein Zuhause. Ganz egal, wo wir sind.
Aber dann sehe ich ein bisschen an ihm vorbei, zu den Bäumen und den Wegen und den Gebäuden, zu den anderen Bänken, auf denen wir gesessen haben und der Wiese, auf der wir uns geliebt haben und ich weiß, dass er Recht hat.
Ich erinnere mich daran, wie ich damals in der Zeit davor die Nachrichten gesehen habe, wie ich diese alten, verrückten Damen gesehen habe, die in Wohnwagen an Orten wie Florida oder dem ländlichen Texas gelebt haben. An Orten, die immer und immer wieder von Hurricanes und Überschwemmungen heimgesucht wurden, und die Reporter haben die Frauen gefragt, warum sind Sie immer noch hier? Warum ziehen Sie nicht einfach *um*? Die verrückten alten Schachteln haben dann etwas gesagt wie, "Ich bin seit meinem sechsten Lebensjahr hier und ich gehe nirgendwo hin! Tornado hin oder her." Ich habe sie aus der Bequemlichkeit meines Washingtoner Apartments gesehen, meinen Kopf geschüttelt und ein bisschen gelacht. Aber gerade jetzt in diesem Moment weiß ich, was sie gemeint haben.
"Alex, denkst du, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe? Wegen des Babys?"
"Das hast du, Dana."
Seine Aufrichtigkeit und sein Vertrauen, seine absolute Sicherheit und das Fehlen jeglichen Zögerns sind mir eine große Beruhigung und ich drücke seine Hand ein bisschen fester.
"Es wird alles klar gehen mit uns, Djewotschka. Vertrau mir."
"Das tue ich, Alex. Ich habe nur..."
"Angst?"
"Ja."
"Die habe ich auch. Aber ich denke wirklich, dass wir hier besser aufgehoben sind."
Er berührt meinen Bauch und küsst die Seite meines Halses.
"Wir alle," fügt er hinzu und küsst mich dann auf die Lippen. Bei dem Gefühl von seinem Mund auf meine Lippen höre ich auf zu atmen und das erinnert mich an die Tatsache, dass er mich schon sehr lange nicht mehr auf sexuelle Art und Weise berührt hat. Nicht seit dem ich ihm von der Schwangerschaft erzählt habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine immer noch vorhandene Besorgnis wegen Mulder ist oder die fehlgeleitete Angst, dem Baby zu schaden, das ihn auf Distanz hält, aber egal wie, es ist etwas, worüber wir reden müssen. Bald.
Oder vielleicht auch nicht.
Seine Hand vergräbt sich in meinen Haaren und er zieht meine Kopf näher an sich heran, füllt meinen Mund mit seiner Zunge und das ist plötzlich sehr sexuell. Wenigstens für mich.
Aber gerade als ich soweit bin vorzuschlagen, dass wir das irgendwo privat weiterführen, zieht er sich von mir zurück, hinterlässt mich atemlos und glühend und sehr frustriert.
"Der Test," sagt er leicht keuchend.
"Was?"
"Der Test. Es ist Zeit für den Test. Wir müssen gehen."
Der Test. Ich hatte das fast vergessen. Es gibt nichts schlimmeres, als etwas zu vergessen wovor man sich fürchtet und dann plötzlich wieder daran erinnert zu werden.
"Alex, wir müssen uns nicht beeilen. Warum bringen wir das nicht erst zu Ende," schlage ich vor und küsse aufmunternd sein Ohr.
"Ich möchte das hinter mich bringen. Du nicht auch?"
Vielleicht müssen wir es gar nicht tun. Vielleicht ist es egal, wessen Baby es ist und ob es menschlich oder außerirdisch ist. Vielleicht...
"Komm schon. Wir können das später beenden. Ich verspreche es," sagt er, erhebt sich und hält mir seine Hand hin. Widerstrebend ziehe ich mich hoch. Er legt seinen Arm um meine Schultern und flüstert mir zu, dass alles gut wird. Alles wird gut werden.
Ich frage mich, ob selbst er das jetzt noch glaubt.
Ende Kapitel 6
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Kapitel 7
Im Leben eines jeden Mannes, kommt der Zeitpunkt, an dem er gezwungen ist, der Unsinnigkeit seines Lebens offen ins Gesicht zu sehen, wenn es für ihn keine Pose und keine Verstellung mehr geben kann, wenn sich alles gegen ihn verschwört, um ihm ein für alle mal zu zeigen, wie lächerlich seine Existenz doch ist.
Ich denke, dass Krycek und ich gerade diesen Moment geteilt haben.
Der Nachmittag, der uns an diesen Punkt geführt hat, war lang und höllisch. Krycek war während der Tests bei Scully, aber als es so weit war, die Ergebnisse zu analysieren, wurde er in das behelfsmäßige Wartezimmer am anderen Ende des Flurs geschickt, wo ich schon seit Stunden am Rande einer vollentwickelten Angstattacke gesessen hatte.
Ich bin mir nicht sicher, warum Scully und Roseanne ihn nicht bei sich haben wollten. Ich weiß, dass Roseanne befürchtet hatte, dass es Scully fertig machen würde, uns beide zusammen im selben Raum zu sehen, weswegen sie mir höflich aber entschlossen geraten hatte, während der Prozedur draußen zu bleiben. Als sie vorbei war und sie an der Analyse arbeiteten, wollten sie uns wahrscheinlich beide nicht in ihrem Weg stehen haben, aber immer noch nah genug, um uns sofort zu finden. Niemand schien eine Ahnung davon zu haben, wie lange es dauern würde, Antworten zu finden.
Was auch immer der Grund gewesen ist, ich glaube, dass keiner von uns beiden froh darüber war, zusammen in diesen Raum zu stecken, wo die Stühle klein, aus Plastik, unbequem und zahlreich zu einem nachlässigen Kreis zusammengestellt wurden und die Uhr an der Wand lauter tickt, als jede Uhr, die jemals existiert hat.
Er setzte sich so weit weg von mir, wie irgend möglich, was ihn wegen der bizarren Anordnung der Stühle direkt mir gegenüber platzierte. Das muss ein Klassenzimmer gewesen sein. Wir sind wahrscheinlich die ersten Menschen, die ihn wieder benutzen, seit die Studenten evakuiert wurden.
Der Anstarr-Wettkampf dauerte nur wenige Minuten. Die restliche Zeit haben wir beide andere Punkte von Interesse gefunden. Ich habe die Uhr beobachtet, wie sie sich von drei über vier bis auf fünf bewegte. Er fand einen besonders faszinierenden Punkt auf seinem Schuh. Wir beide sind knurrend hin und her gerutscht, zu groß für unseren Stuhl. Immer mal wieder ist ein Windstoß zum Fenster hineingefahren und hat an der Tür gerüttelt und wir beide haben erwartungsvoll aufgeschaut und gehofft, Roseanne oder Scully zu sehen, haben gebetet, aus unserem Elend erlöst zu werden.
Ich bin zwei Mal gegangen, um die Toilette zu benutzen. Er ging nur einmal.
Ich habe über eine Menge Dinge nachgedacht, während ich wartend in diesem Zimmer saß. Ich dachte über Scully nach, fragte mich, wie sie sich fühlte, was sie dachte, wie sie reagieren würde wenn sie herausstellen würde, dass dieses Kind meines ist. Ich widerstand dem Bedürfnis, mir verdrehte Phantasie Szenarien auszudenken, aber ich hoffte, dass wir in der Lage sein würden, diese Erfahrung mit Freude zu teilen.
Ich dachte über meinen eigenen Vater nach, über meine eigene fragwürdige Herkunft und ich fragte mich, ob er es gewusst hat, wie er sich gefühlt hat, wenn er mich angesehen hat und den Betrug meiner Mutter sah.
Ich dachte an diese Filme und Fernsehserien aus den fünfziger Jahren, wo der Vater auf die Entbindung wartet und glücklich Zigarren an seine Freunde verteilt und ihnen auf den Rücken klopft. Was für eine verrückte, auf dem Kopf stehende Version von dem, was wir hier erleben.
Ich dachte an Roseanne, wie sie sich in mich zu verlieben scheint oder dass sie mich vielleicht schon immer geliebt hat und ich habe es nie gemerkt, weil ich es nicht wollte. Sie ist eine faszinierende Frau, unberechenbar, offen und ausdrucksvoll, obwohl sie in einem Labor erschaffen wurde und ich genieße ihre Freundschaft, ihre Gesellschaft. Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit ihr verbracht, meisten einfach nur während der einsamen, stillen Nächte in ihrem Zimmer mit ihr geredet und ich war dankbar für diese Zeit. Ich habe versucht, die Blicke und Berührungen zu ignorieren, die Traurigkeit in ihrem Gesicht, immer wenn ich sie verlasse. Ich will nicht, dass sie mich liebt. Ich will nicht, dass sie Dinge von mir braucht, die ich ihr nicht geben kann.
Ich dachte über das unabwendbare Vergehen der Zeit nach. Früher oder später würde das hier zu Ende sein. Früher oder später würde ich zurück in meinem Zimmer sein oder in der Cafeteria, würde die Antwort wissen und auf etwas anderes schauen, als auf Alex Krycek's gelangweilten, steinernen Blick. Aber er war nicht gelangweilt. Es war gespielt, eine Verstellung meinetwegen, genutzt um die Tatsache zu verbergen, dass er sich genau so fühlte wie ich. Unangenehm und ängstlich.
Wir verbrachten genau vier Stunden und zweiunddreißig Minuten in dieser selbst auferlegten Hölle. Ich hätte sicherlich in den Flur hinausgehen können um zu warten, aber vielleicht wollte ein Teil von mir bestraft werden. Vielleicht wollte das auch ein Teil von ihm.
Das erste Zeichen dafür, dass die Neuigkeiten nicht gut waren, kam in Form von Scully's Abwesenheit. Ich hatte erwartet, dass sie diejenige sein würde, die es uns mitteilt, aber als Roseanne in der Tür erschien, mit einem Stapel von Diagrammen und Tabellen in den Händen, war sie allein. Sie war ängstlich und angespannt, eine Frau, die sich in den Löwenkäfig begibt. Ihr Benehmen war das zweite Zeichen dafür, dass nicht alles in Ordnung war.
"Und?" Krycek war der Erste, der etwas sagte. Er war in dem Augenblick auf den Füßen, in dem sie den Raum betreten hatte. Ich bin sitzen geblieben. Meine Knie zitterten zu sehr, als das ich hätte stehen können.
"Na ja..." Roseanne hörte auf und schaute mindestens vier oder fünf Mal zwischen uns hin und her. "Das Baby scheint gesund zu sein."
Das war eine Erleichterung aber ziemlich offensichtlich nicht die einzige Information auf die wir gewartet hatten.
Ich verschränkt meine Finger erwartungsvoll und frustriert. Krycek war nicht so geduldig.
"Und?" bohrte er nervös. Roseanne seufzte zitternd und fummelte mit den Zetteln in ihrer Hand herum.
"Und...Dana ist gesund und die Schwangerschaft sollte nicht allzu kompliziert werden, aber .... da ist etwas...ungewöhnliches."
"Ungewöhnlich?"
"Ja, ich bin...ich habe irgendwie keine Ahnung, wie ich es erklären soll."
Sie begann, ihre Zettel durchzuwühlen, wahrscheinlich, um eine Antwort zu finden, aber die anzusehen schien sie noch mehr zu verstören und sie legte sie schließlich auf den nächstbesten Stuhl.
"Warum fängst du nicht vom Anfang an," empfahl ich, weil ich mich an die Taktik erinnerte, die ich in der Vergangenheit angewendet hatte, um Geschichten aus den Leuten herauszuholen, die mir bei den Fällen begegnet sind.
Krycek rollte seine Augen, offensichtlich nicht daran interessiert, wie es anfing.
"Naja, der Anfang, äh...ich nehme an der Anfang war, als Dana entführt wurde."
"Was hat das damit zu tun?" fragte Krycek und klang ein kleines bisschen verteidigend.
"Unserer Vermutung nach, wurde sie in einen Zustand der Super-Ovulation versetzt, als sie entführt wurde. Ihre Eizellen wurden ihr entnommen und da Frauen in ihrem Leben nur eine endliche Anzahl an Eizellen produzieren können, wurde sie von diese Prozedur unfruchtbar. Wenigstens ist es das, was wir alle dachten."
"Nun, die Tatsache, dass sie schwanger geworden ist, hat diese Theorie ja jetzt auf den Müll befördert," unterbrach Krycek, der von Sekunde zu Sekunde genervter wurde. So nervös ich selbst auch war, war ich doch extrem neugierig, worauf Roseanne damit hinauswollte.
"So erschien es," antwortete sie und schaute Krycek von der Seite an. "Als sie schwanger wurde hatten wir angenommen, dass das Krebsheilmittel irgendwie....irgendwie auch ihre Fruchtbarkeit wieder hergestellt hatte, es bewirkt hatte, dass sie wieder Eizellen produzieren konnte, die von einem von euch beiden befruchtet wurden."
In diesem Moment hatte sie zu mir gesehen, was mein Herz dazu brachte, sich lächerlich zu überschlagen. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich mir sicher, dass ich es war.
"Wenn das der Fall gewesen wäre," fuhr sie fort, "würde die DNA des Kindes charakteristische Merkmale zeigen, die der von Dana ähnlich sind und der des ...des Vaters. Also, äh, jedes Kind bekommt die Hälfte seine genetischen Materials von der biologischen Mutter und die andere Hälfte vom biologischen Vater, also wenn wir einen Vaterschaftstest machen, überprüfen wir das Zeug, was zur Mutter passt und vergleichen den Rest mit einer Probe vom potentiellen Vater."
Selbst ich konnte einen leichten Seufzer wegen dieser eingeschobenen Genetik Lektion nicht unterdrücken. Wollte sie es einfach vermeiden, uns die Wahrheit zu sagen? Das Elend hinauszögern und verlängern?
"Na ja, als wir versuchten, das zu tun, stießen wir auf ein kleines Problem. Die, äh, die Sache ist die...das Kind hat... es gibt kein genetisches Material von Dana. Es ist...es ist von euch beiden."
Es wäre eine totale Untertreibung zu sagen, dass diese Nachricht schockierend war. Es wäre eine Übertreibung zu sagen, es war das eigenartigste, was ich je gehört habe.
"Warte mal, was?" fragte Krycek und wedelte mit seiner Hand in der Luft herum wie ein Schiedsrichter. "Was hast du gesagt?"
"Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, Alex. Das Ausschlussverfahren sagt mir, dass es Mulder's Physiologie ist, die die Situation verursacht hat, weil er derjenige ist, der äh...verändert wurde. Ich könnte mir am ehesten denken, dass etwas davon Auswirkung auf seine Spermien hatte und diese sich in diesem Fall wie Eizellen verhalten haben."
Selbst mein Samen ist zu einer X Akte geworden. Wahrscheinlich war das nur eine Frage der Zeit.
"Na ja, das erklärt die Gewichtszunahme."
Glücklicherweise hatte das offenbar keiner der beiden gehört.
"Also, du sagst, das Kind ist.... dass es..."
Krycek quälte sich. Ich machte dumme Witze. Es war eine ringsherum beschämende Szene. Aber irgendwo zwischen all der Entmannung und der Eigenartigkeit, fühlte ich Glück. Freude.
"Es scheint so, als wenn ihr beide die biologischen Eltern des Kindes seid. Dana ist...nun, sie ist in einer ähnlichen Situation wie bei einer Invitrofertilisation. Sie ist die Mutter, aber nicht vollständig."
"Warte. Das ist...das, das kann nicht stimmen. Es gibt keine...das ist lächerlich. Es gibt keine wie auch immer geartete wissenschaftliche Grundlage dafür." Krycek schien dort für eine Weile Scully darzustellen. Abgesehen von der Tatsache, dass ich niemals irgendwelche Adern auf Scullys Stirn hervortreten gesehen habe. "Warum sollten die das tun? Es ergibt keinen Sinn!"
"Alex, du kannst es dir selbst ansehen," bot ihm Roseanne an, während sie nach ihren Listen griff.
"Ich will mir das nicht ansehen! Wo ist Dana?"
"Sie ist spazieren gegangen. Sie wollte eine Weile allein sein. Hör zu, Alex, ich weiß, das ist bizarr, aber ist macht auch wieder in gewisse Weise Sinn. All die Frauen, die sie geholt haben, die Frauen, die sie jetzt als Sklaven halten, sind alle unfruchtbar wie Dana. Wenn sie sie als Brutkästen für ihre Kinder verwenden wollten, *würde* es Sinn machen, eine solche Biologie zu entwickeln. Es ist nur eine kleine Weiterentwicklung der Hybridenprojekte, die wir beide gesehen haben."
"Nein. Das ist nicht...nein. Ich werde nicht- ich werde das nicht glauben, bis ich es von Dana gehört habe."
"Alex, sie..."
Bevor Roseanne sagen konnte "will allein sein," war Krycek beleidigt aus dem Raum gestürmt und hat mich dort gelassen, wo ich jetzt bin, im Angesicht meiner eigenen Mutation. Gezwungen dazu zu erkennen, wie unglaublich lächerlich, verdreht und wundervoll dieses Leben ist. Und ich lache. Gott hilf mir, ich lache tatsächlich.
Ich weiß, dass das eine unpassende Reaktion ist. Ich kann sehen, dass Roseanne um meinen Geisteszustand besorgt ist. Mir ist klar, dass wenn die Realität dieser Situation einsetzt, ich nicht mehr eine einzige verdammte Sache daran amüsant finden werde, aber was kann ich genau in diesem Moment anderes tun?
Ich werde Mutter.
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Wieder in den verfluchten Wald. Warum immer in den Wald? Warum kann sie sich nicht wie ein normaler Mensch verhalten, statt wie eine verdammte Heldin aus einem Märchen der Gebrüder Grimm?
Wohin würde ein normaler Mensch gehen? Nach Hause? Zu einer Freundin? In ihr Büro?
Habe alle diese Ort aufgesucht und auch noch andere. Der Wald ist der einzige Ort, der übrig bleibt und natürlich, da ist sie hingegangen. Dorthin, wo sie *immer* geht.
"Dana!"
Ich habe ihren Namen schon so oft gerufen, dass meine Kehle schon rau ist. Zweige haben blutige Spuren auf meinem Arm und meinem Gesicht hinterlassen. Trotzdem - kann nicht aufhören. Kann nicht aufhören, bis ich sie gefunden habe.
Wo zur Hölle ist sie?
Warum zur Hölle musste sie wegrennen? Alles was sie tun musste war, dort hineinzugehen und mir die Wahrheit zu sagen. Selbst wenn es Mulders ist, ich kann damit leben. Aber Roseanne zu schicken, um mich anzulügen, wie konnte sie das tun? Wie konnte sie mir das antun? Warum?
"Day-nnaaaah!"
"Hier drüben."
Die Stimme ist klein und leise, besonders im Vergleich zu meinem gebrochenen Brüllen und es kommt hinter einem Baum hervor.
Sie hockt auf dem Boden in der Nähe eines Baches und zeichnet mit einem Stock Muster in den Dreck, allein und verlassen und ich fühle mich wie das Biest im Gegensatz zu ihrer Schönheit. Selbst das Rascheln der Blätter unter meinen Stiefeln erscheint mir störend und laut.
"Hier bist du."
Ich möchte wirklich sagen "Warum bist du hier?" aber ich habe ohnehin schon das Gefühl, als hätte ich ihre Trauer unterbrochen und erneuert.
Und sie ist traurig.
Ich dachte, dass ich mit ihr reden müsste, dass ich es nicht glauben könnte - wollte, was Roseanne gesagt hat, bis ich es von Dana selbst gehört habe. Ich war wütend, weil sie nicht da war um es zu bestreiten und mir eine andere Antwort anzubieten. Aber jetzt wo ich sie ansehe muss ich sie nicht fragen, um zu wissen, dass sie es auch glaubt.
"Dana..."
Sie muss die Fragen in meinem Kopf hören, die Verwirrung und die Frustration. Wie kann sie es glauben?
"Es gibt keine andere Erklärung, Alex. Das Baby ist menschlich und gesund, aber ... dieses Baby... es ist noch nicht einmal meins."
Ihr Stimme bricht fast unmerklich und etwas primitives und abscheuliches regt sich tief in meinem Magen. Ich möchte Mulder wieder schlagen und diesmal so lange weitermachen, bis er wirklich tot ist. Ich möchte, dass sie sieht, was er getan hat und wie er unser Leben so völlig verdorben hat, wie ein ganz besonders heimtückischer Virus. Alles, was ich tun kann ist, mich zu übergeben.
Ladungen von widerlichem, ranzig aussehendem Zeug schießen aus meinen Gedärmen und in den Bach und als nichts mehr übrig ist, spüre ich ihre Hand, ruhig und tröstend auf meinem Rücken.
"Schh, Alex, es ist gut. Es ist gut."
Als ich aufgehört habe zu zittern, führt sie mich etwas den Bach hinauf, dorthin wo ich das Wasser nicht verdorben habe und wir knien uns zusammen hin, so dass ich mir den Mund ausspülen kann. Sie nimmt Wasser in ihre Hände und lässt mich daraus trinken.
"Es ist gut," sagt sie wieder, aber ich bin mir diesmal nicht sicher, ob sie zu mir oder zu sich selbst spricht.
Wir sitzen beieinander, lehnen uns aneinander an und starren lange Zeit schweigsam auf das Wasser. Tausende von Fragen und Widersprüchen gehen mir durch den Kopf, tausende von Gründen, warum das nicht wahr sein kann, aber alle verenden auf dem Weg von meinem Gehirn zu meinem Mund. Es ist wahr. Das ist einfach so.
"Es tut mir Leid," flüstert sie schließlich und lässt ihren Kopf auf meinen Arm fallen. Ich möchte nicht, dass es ihr Leid tut. Ich möchte einfach, dass es weg geht.
"Ich verstehe einfach nicht..."
"Ich auch nicht, Alex."
In dem Moment spüre ich Feuchtigkeit durch meinen Ärmel sickern und bemerke, dass sie weint. Natürlich. Natürlich weint sie. Wie konnte mir nicht klar sein, dass sie das tun würde?
Ich hebe ihr Kinn ein bisschen an und versuche, ihr in die Augen zu sehen, aber die sind geschlossen und stumme Tränen rollen an ihren Wangen und Lippen entlang.
"Hey, es ist...weine nicht, Baby. Weine nicht."
"Aber es ist nicht...nicht meins. Ich kann immer noch kein Baby bekommen."
Gott, sie muss die Entdeckung ihrer Unfruchtbarkeit noch mal von vorn erleben. Das ist schlimmer für sie, als es für mich ist. Ich fühle mich auf einmal sehr selbstsüchtig und dumm und schwach.
"Es ist deins, Dana."
"Nein, nein das ist es nicht. Wie kann ich...wie kann ich das schaffen, Alex?"
"Möchtest du es nicht mehr haben?"
Sie bedeckt ihr Gesicht mit ihren Händen und nickt halb und zuckt halb mit den Schultern. Ich bin überrascht, dass mich der Gedanke immer noch erschreckt.
"Na ja, du ...du musst es nicht behalten. Ich meine du könntest immer noch...aber Dana, es ist deins."
"Wie Alex? Wie kann es meins sein?"
Sie öffnet schließlich ihre Augen und die Kombination aus Panik und Wut, die ich in ihr sehe zwingt mich, etwas zu tun, zu verstehen und zu erklären, inwiefern es wirklich ihres ist.
"Es braucht mehr als nur DNA, um ein Baby zu machen. Sie wächst in dir, sie würde ohne dich noch nicht einmal existieren."
Die Argumente bilden sich frisch in meinem Kopf, als ich sie ihr unterbreite. Es ist alles neu für mich, aber es klingt richtig. Es fühlt sich richtig an. Vielleicht ist es nicht das Ende der Welt.
"Es tut mir Leid, Alex," sagt sie wieder. Vielleicht klang das mehr nach einer Anschuldigung, als es beabsichtigt war.
"Das muss es nicht. Ich bin froh, dass sie existiert. Trotz...na ja, wie auch immer, es ist keine völlig schlechte Sache."
Sie schnieft und lacht ein bisschen, wischt ihre Nase mit ihrem Ärmel ab.
"Sieh mich an. Sieh uns an, Alex. Wir sind hinüber. Wie zur Hölle sollen wir das schaffen?"
"Ich denke wir halten uns ganz gut, wenn man die Umstände bedenkt."
Sie lacht wieder, diesmal mit etwas mehr Freude und schüttelt ihren Kopf.
"Es kann sein, dass du damit recht hast."
Ich weiß, dass ich recht habe. Wir sind die stärksten Menschen, die ich kenne. Jeder andere wäre schon vor langer Zeit zusammengebrochen.
"Ich kann nur einfach nicht glauben, dass es diesen Menschen geben soll, diesen kleinen, winzigen Menschen, der ein Teil von dir ist und ein Teil von Mulder, der aus mir herauskommt und in dieser Welt lebt."
Ein weiterer Anfall von Übelkeit überkommt mich, aber ich bringe es fertig, es dieses Mal unter Kontrolle zu halten und ihn wieder zurück in meinen Magen zu drücken. Es macht mich krank, aber zur gleichen Zeit macht es mich glücklich. Es ist eine Kombination, an die ich mich erschreckenderweise gewöhne.
Ich frage mich, ob sie das Geschlecht des Babys herausgefunden haben, ob ich damit recht behalten habe, aber ich habe Angst, dass ich mich geirrt habe und ich mich noch schlechter fühlen würde, es zu wissen. Ein Junge mit Mulders Genen. Was wenn das Baby genau so wird wie er?
"Nur noch sechs Monate," sagt sie zu mir, nimmt meine Hand und legt sie auf ihren Bauch. Sie ist plötzlich melancholisch. Ich bin froh.
"Ist das alles?"
"Ja. Ich kriege sogar schon einen Bauch. Merkst du das?"
"Nicht wirklich. Vielleicht ein bisschen."
Sie drückt meine Hand noch fester auf ihre Haut, ihre warme, weiche, einladende Haut und meine Muskeln ziehen sich unfreiwillig zusammen.
"Ich frage mich, wie dick du wirst," sinniere ich und versuche, mich von der Art, wie sie sich anfühlt abzulenken.
"Dicker als mir lieb ist, bin ich mir sicher."
"Manche Frauen werden überhaupt nicht sehr dick."
Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass sie nicht eine dieser Frauen sein wird. "Ich bin jetzt schon dicker als mir lieb ist. Allerdings wird dir vielleicht ein Teil davon gefallen..."
Sie bewegt unsere Hände auf ihrem Bauch hinauf zu einer ihrer festen, aber wesentlich größeren Brüste. Die Brustwarze ist hart und sie drückt meine Finger darum zusammen und seufzt.
"Fühlt sie irgendwas anders für dich an?"
Ja. Ja, alles. Ich kann es aber nicht zu ihr sagen. Besonders nicht jetzt.
"Äh...ein bisschen."
Sie klettert plötzlich auf mich drauf und setzt sich, in einem offensichtlich zufälligen Ausbruch sexueller Energie, rittlings auf meinen Schoß. Oder vielleicht ist er auch nicht so zufällig. Ich habe es auch gespürt.
"Es wird...es wird bald dunkel werde," kriege ich fertig zu stammeln, wissend, dass es ziemlich lahm ist, das zu sagen, aber ich bin nicht imstande, mir eine andere Entschuldigung auszudenken.
"Na ja, dann beeilen wir uns besser."
Sie küsst mich mit einer unverhohlenen Leidenschaft, die mich erschreckt und so tief berührt, dass ich mir einen Augenblick lang erlaube zu vergessen, es wirklich als das zu genießen, was es ist und nichts anderes. Aber es dauert nicht lange, bis die Bilder kommen, wie sie es immer tun. Schließlich huste ich ziemlich heftig in ihren Mund.
Sie zieht sich zurück, besorgt.
"Geht es dir gut? Du wirst nicht wieder krank, oder?"
"Ja. Nein. Ich meine...es geht mir gut. Wir sollten wirklich zurückgehen."
"Warum? Hast du eine Verabredung?"
Sie drückt sich gegen mich und bemerke, wie ich hart werde, trotz all meiner gegenteiligen Bemühungen. Ihre Hände sind überall. Auf meinem Gesicht und meiner Brust, in meinen Haaren. Es fühlt sich so gut an, so angenehm. Vielleicht kann ich das tun.
"Komm schon, Baby, ich verspreche, ich erzähle es nicht deiner Frau," flüstert sie witzelnd in mein Ohr, aber die Gewalttätigkeit, die das in mir auslöst, ist überhaupt nicht komisch.
"Hör auf!" fordere ich barsch, wünsche mir verzweifelt, dass es aufhört, dass der Schmerz und die Übelkeit weggeht.
Sie zieht sich abrupt zurück, ängstlich und verwirrt. Die Schlinge liegt fester als sonst um meinen Hals.
"Es...tut mir Leid?" versucht sie, aber sie hat unrecht. Sie hat unrecht. Sie sollte sich nicht dafür entschuldigen. Ich sollte sie sich nicht so fühlen lassen, die Krankheit noch weiter anfachen.
Ich bin der, dem es Leid tut. Mir tut es Leid und ich bin krank und verdreht. Aber ihr zu sagen warum, wäre die ultimativ selbstsüchtigste Handlung. Ich muss das entweder beenden, oder ihr geben, was sie will, selbst wenn das heißt, tiefer in diese selbst geschaffene Hölle zu sinken. Das erste Mal in meinem Leben habe ich ehrlich keine Ahnung, was ich tun soll.
Ende Kapitel 7
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