Zu den traurigsten Pfaffentriumphen gehört, daß selbst wachere Köpfe oft die ganze zweite Lebenshälfte brauchen, um den Blödsinn zu vergessen, den sie in der ersten gelernt.

Karlheiz Deschner



- Einleitung -


Wie die weitaus meisten Menschen fast überall auf der Welt war auch ich von frühester Kindheit an dem geistigen Mißbrauch in Form von religiöser Indoktrination ausgesetzt. Die Bemühungen von Eltern, Katecheten, Klerus und Gesellschaft fielen offenbar auf ganz besonders fruchtbaren Boden, denn als ich mich im Alter von 14 Jahren konfirmieren ließ, schien ich der einzige in meiner Gruppe zu sein, der das tatsächlich aus religiösen Gründen und nicht nur wegen der Geschenke tat.
   In den folgenden Jahren "verschlimmerte" sich mein Zustand, und ich entwickelte ein bizarres Interesse am Katholizismus. Diese Entwicklung brach jäh ab, als ich nach 9 Jahren des nicht-wissen-Wollens endlich gezwungen war, mich meiner Homosexualität zu stellen, denn keinen einzigen Moment belog ich mich damit, daß sie in Einklang mit christlichen Glaubensinhalten zu bringen sei. Zur Bußfertigkeit erzogen, suchte ich zunächst die "Schuld" bei mir selbst und drohte sogar, auf dem Höhepunkt meiner Identitätskrise den Lebenswillen zu verlieren. Ein glücklicher Zufall wollte es jedoch, daß ich einem Menschen begegnete, der sich die Zeit nahm, mich geistig massiv herauszufordern. Er führte mich an Lektüre heran, die mir letztlich keine andere Wahl ließ, als meine damalige Vorstellungswelt in ihrer Gänze aufzugeben. Unter keinen Umständen wollte ich mich dem Vorwurf der intellektuellen Unredlichkeit aussetzen.
   Zwar wirken sich die über meine religiöse Erziehung erworbenen geistigen Behinderungen bis heute aus, doch ist es mir gelungen, in einem Vierteljahrhundert mühsamer und schmerzhafter Arbeit Einsichten zu gewinnen, die ein stabiles Fundament für meine heutigen Überzeugungen darstellen (welche sich selbstverständlich noch immer und hoffentlich lebenslang in der Entwicklung befinden, wie ich zur Vorbeugung eventueller Mißverständnisse hinzufügen möchte). Trotzdem steht zu befürchten, daß mich zwei Gefühle bis ans Ende meiner Tage begleiten werden: Wut gegen all jene, die mir durch ihren Anteil an meiner Verdummung irreparablen psychischen Schaden zugefügt und mein Leben an den Rand der Zerstörung geführt haben, ohne je zur Verantwortung gezogen werden zu können, sowie Scham darüber, einem zutiefst menschenfeindlichen Wahnsystem aufgesessen und obendrein unfähig gewesen zu sein, mich aus eigener Kraft davon zu befreien. Solcherlei Empfindungen dürften mich mit zahlreichen Mitläufern verbinden, die nach der Befreiung vom Faschismus wie aus einem Albtraum erwachten, fassungslos darüber, daß sie geistig dermaßen versagen und von ihren Instinkten derart jämmerlich im Stich gelassen werden konnten. "Wehret den Anfängen!" - diese Mahnung muß allen Opfern ideologischen Mißbrauchs beschwörend in den Ohren klingen.


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24/09/07