Diskursfragmente der Netzwerkökonomie
Inhaltsverzeichnis
2
Kevin Kelly und seine Kritiker
2.1
Das Gesetz der Verknüpfung: Umschließe tumbe
Kraft
2.2
Das Gesetz des Überflusses: Mehr ergibt mehr
2.3
Das Gesetz des exponentiell steigenden Werts:
Erfolg ist selbstverstärkend
2.4
Das
Gesetz der Umschlagspunkte: Bedeutsamkeit kommt vor dem Durchbruch
2.5
Das Gesetz steigender Erträge: Erzeuge
selbstverstärkende Rückkopplungen
2.6
Das Gesetz umgekehrter Preisbildung: Die
Vorwegnahme des Billigen
2.7
Das Gesetz der
Großzügigkeit: Alles gratis als Ziel
2.8
Das Gesetz der Loyalität: Füttere das
Netzwerk zuerst
2.9
Das Gesetz der Rückentwicklung:
Am Gipfel des Erfolgs aufhören
2.10 Das Gesetz der Ersetzung von Materiellem durch Immaterielles: Das Netz gewinnt
2.11
Das Gesetz des Flusses: Suche nachhaltiges
Ungleichgewicht
2.12
Das Gesetz der Ineffizienz: Löse keine
Probleme
3 Resümee
Der vorliegenden Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass es zwischen den Positionen der Technik-Enthusiasten und der Kritik der Maschinenstürmer ein weites Feld an Möglichkeiten gibt, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Transformationen, die gemeinhin mit dem Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in Verbindung gebracht werden, neu zu denken. Als Ansatzpunkt bietet sich an, die ökonomische Transformation zu untersuchen, da sich – um mit Bourdieu zu sprechen – das ökonomische Feld von anderen Feldern dadurch unterscheidet, dass hier die ökonomischen Sanktionen besonders brutal sind und das unverhohlene Streben nach der Maximierung des individuellen materiellen Profits öffentlich zur Zielvorgabe des Verhaltens gemacht werden kann.[1] Mit dem Voranschreiten der ökonomischen Transformation wächst mittelbar auch der Druck auf die Individuen, sich den neuen Spielregeln anzupassen, sich neues Wissen anzueignen und neue Verhaltensweisen anzunehmen, um nach den Maßstäben des Feldes als erfolgreicher Akteur gelten zu können.
In seiner wohl populärsten Form wird dieses Wissen von
Kevin Kelly, einem Redakteur des Pionier-Onlinemagazins ‚Wired‘,
angerichtet. Im Folgenden soll ein Diskurs nachgezeichnet werden, der sich um
die 12 Gesetze seines Online-Artikels[2]
bei Wired rankt und die er mitunter in seinem Buch NetEconomy: Zehn radikale Strategien für die Wirtschaft der Zukunft
vertritt. Das Erkenntnisinteresse besteht darin, den Raum dieses Diskurses
auszuleuchten und eine Orientierung zu ermöglichen. Der Titel der vorliegenden
Arbeit, Diskurs der Netzwerkökonomie,
wurde nach dem Buchtitel NetEconomy
gewählt. Diesen Diskurs der Netzwerkökonomie
kann man vorläufig als Zweig des Diskurses der New Economy einordnen, in dem es
um eine neue Organisationsform bei Produktion und Distribution geht.
Bei Kevin Kelly handelt es sich um einen Intellektuellen, der in dem Diskurs der New Economy als einflussreich gelten darf. Ihm ging es bei der Veröffentlichung seiner Thesen darum, einige Faustregeln aufzustellen, anhand derer es möglich sein soll, in der New Economy zu bestehen.
„Diejenigen [...], die nach den neuen Regeln spielen, [werden] erfolgreich sein, während die, die sie ignorieren, dies nicht sein werden.“[3]
Die Kompromisslosigkeit, mit der er stark verallgemeinernd versucht, seine abstrakten Prinzipien unters Volk zu bringen, war Anlass zu herber Kritik. Wie Niko Waesche[4] bemerkt, ist es dadurch recht einfach Kellys Thesen zu dekonstruieren. So mit ihm zu verfahren, wird aber der Sache nicht gerecht. Kelly versucht zwar seine Thesen empirisch zu belegen, aber vielleicht sollte man ihn da insofern nicht zu ernst nehmen, als diese Empirie teilweise allzu selektiv genutzt wird.
In seinem dem Wired-Artikel nachfolgenden Buch schreibt er:
„Ich habe auf die Technologie gehört, und soweit ich es verstehen kann, wiederholt die Technologie zehn unterschiedliche Strophen, die in den folgenden zehn Kapiteln erstmals niedergeschrieben werden.“[5]
Nun hat Kelly nicht einfach das aufgeschrieben, was die Technologie ihm geflüstert hat. Es kann trotz aller Bescheidenheit schon davon ausgegangen werden, dass es sich bei seinen Thesen und seinem Buch größtenteils um eine eigene schöpferische Leistung handelt.[6] Seine Publikationen lassen sich leicht als Techno-Prophetie oder als Techno-Determinismus abtun. Aber gerade jene, die solchen Determinismus ablehnen, sollten sich mit Kelly auseinandersetzen – mit Kelly als Konstruktivisten, nicht als Empiriker.
Natürlich ist es nicht die Technik, welche die neuen Regeln macht. Regeln werden von Menschen gemacht – von Menschen wie Kelly[7]. Und es ist notwendig, dass diese Regeln gemacht werden. Ohne Regeln gäbe es das Gesellschaftliche nicht, nur noch Krieg (was dann tatsächlich das alleinige Zurückgeworfensein auf die Technik wäre). Kellys Konstruktivismus einfach radikal zu dekonstruieren, ihn nur formallogisch oder einseitig empiristisch zu widerlegen, greift daher zu kurz. Im Folgenden soll versucht werden, kritisch aber konstruktiv mit Kellys Thesen umzugehen – nach dem Motto etwa: konstruiert, aber vielleicht nützlich[8].
Diesem Verfahrensvorschlag liegt die Prämisse zugrunde, dass jede Form von Gesellschaftlichkeit notwendig einem Fetisch verhaftet ist – sei es einem Gott, einer Vernunft, einem Souverän, einer Klasse, einem Markt oder wie in diesem Fall: einer Technologie. Mit Foucaults Worten: „Der wahre Diskurs, den die Notwendigkeit seiner Form vom Begehren ablöst und von der Macht befreit, kann den Willen zur Wahrheit, der ihn durchdringt, nicht anerkennen; und der Wille zur Wahrheit, der sich uns seit langem aufzwingt, ist so beschaffen, daß die Wahrheit, die er will, gar nicht anders kann, als ihn zu verschleiern.“[9] Der Wille zur Wahrheit ist immer eng verbunden mit der Macht. Insofern ist diese Macht immer schon im wahren Diskurs, im Wissen enthalten, welches ja vom Willen zur Wahrheit gezeugt wurde. Das Wissen muss diesen Zusammenhang aber leugnen, um als wahr und somit als wissenschaftlich gelten zu können. Wenn das Wissen dies nicht mehr kann, wird es früher oder später durch eines ersetzt, in dem die Macht, das Begehren, der Fetisch, die verdinglichten Verhältnisse besser versteckt ist.
Von einem Spiel zu reden, scheint angesichts der Beliebigkeit der den Fetisch- (oder Wissens-)formen zugrundeliegenden Triebe adäquat. Der Begriff Spiel beschreibt eigentlich nur einen symbolischen Austausch, möglicherweise mit dem Ziel, nach bestimmten Regeln zu gewinnen, und dem Zweck, etwas zu lernen oder sich zu unterhalten.[10] Dieses Spiel bestimmt aber seit längerem schon die Lebenschancen von Individuen und ist momentan im Begriff, sich die gesamte Welt als Spielfläche einzuverleiben. Immer mehr Menschen sind nicht in der Lage, die Spielregeln nachzuvollziehen bzw. diese werden auch gar nicht mehr offiziell bekannt gegeben. Diese Menschen werden zu Spielfiguren degradiert oder scheiden ganz aus dem Spiel aus.
Kelly tritt hier auf den Plan und propagiert eine Regeländerung: die New Economy oder Network Economy. Die gesamte Wirtschaft wird auf den Kopf gestellt. Kelly hat Publikum und nutzt seine Talente als Journalist, wofür ihm der Vorwurf der Demagogie gemacht wird.[11]
Im Folgenden sollen seine zwölf Thesen und die sie umgebenden Kritikschichten genauer betrachtet werden.
Mit „tumber Kraft“ meint Kelly das, was entsteht, wenn tumbe Knoten in einem intelligenten Netzwerk verbunden werden. Er illustriert seinen Gedanken mit dem Beispiel der „tumben Neuronen“, die zusammen das Gehirn bilden, und dem Internet, das aus stupiden, miteinander verknüpften PCs besteht. Dieses Netzwerk ist die ‚Hardware‘, während die entsprechende Software die Netzwerkökonomie ist. Daraus folgt das Gebot, alles mit allem in dezentralen Netzwerken zu verbinden, um das bestmögliche Resultat zu erreichen. Das ist auch ganz technisch gemeint, wenn er Beispiele nennt, wie Ackerboden, der sich mit einem Traktor unterhält[12], oder FedEx-Postpakete, die mit einem Wegwerf-Chip versehen, jederzeit ihre Position mitteilen können.
Doug Henwood[13] kritisiert, dass Kelly auf einer technizistisch-abstrakten Oberfläche bleibt und nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse in diese Welt der intelligenten Dinge einbezieht.[14] Kelly antwortet darauf in der Einleitung seines Buchs: „Die alten Wirtschaftsformen werden weiterhin, freilich gebunden an das Herz der neuen Wirtschaft, funktionieren.“[15] Er greift das landwirtschaftliche Beispiel wieder auf:
„Wir sehen bereits
Belege dafür. Ein Farmer in Amerika - der Held der agrikulturellen Wirtschaft -
fährt auf seinem Traktor in einem beweglichen Büro. Es hat eine Klimaanlage,
ein Telefon, ein satellitengestütztes Navigationsgerät und hochentwickelte
Sensoren in Bodennähe. Zu Hause ist sein Computer mit einem permanenten Strom
von Wetterdaten, den weltweiten Getreidemärkten, seiner Bank,
Feuchtigkeitsdetektoren im Erdreich, digitalisierten Landkarten und seinen
eigenen Tabellen über den Liquiditätsfluß verbunden. Ja, er macht sich die
Hände schmutzig, aber seine manuelle Arbeit findet im Kontext einer Netzwerkwirtschaft
statt.“[16]
Bei all den kommunizierenden Dingen, die den Bauern und seinem Traktor umgeben, fällt eines doch aus dem Rahmen: die Klimaanlage. Sie legt den Gedanken nah, dass die Zukunft für die (arbeitenden) Menschen angenehmer wird. Aber was Klimaanlage mit der Netzwerkwirtschaft zu tun hat wird nicht erklärt. Wenn man die Evidenz der These bestreitet, dass ein reibungsloseres Funktionieren von Technik automatisch zu höherer Lebensqualität führt – und es gibt Gründe genug, dies zu tun – ist die von Henwood aufgeworfene Frage immer noch offen: Was passiert mit den Menschen in der Netzwerkökonomie?
„Mathematiker haben bewiesen, dass sich die Summe eines Netzwerks quadratisch zur Anzahl der enthaltenen Knoten verhält.“[17] Mit Summe meint Kelly die Anzahl der Möglichen Verbindungen zwischen den einzelnen Knoten. Er versucht dies am Beispiel des Faxgerätes zu veranschaulichen. Dessen eigentlicher Gebrauchswert liegt darin, das gesamte Netzwerk aller angeschlossenen Faxgeräte zur Verfügung zu haben.[18] Und je mehr Faxgeräte es werden, desto wertvoller werden die einzelnen Geräte. Damit sieht Kelly das eherne Gesetz außer Kraft gesetzt, das besagt, dass eine Sache umso wertvoller wird, je seltener sie ist[19]. In der Netzwerkökonomie verhält es sich genau umgekehrt.
In ihrem Rewired-Beitrag[20] (übersetzt: „Der Windel-Trugschluss hat wieder zugeschlagen“) erkennt Paulina Borsook die Plausibilität des Gedankens an, dass der Nutzen eines Netzwerks sich in vielerlei Hinsicht vergrößert, je mehr Mitglieder sich beteiligen. Aber sie beschränkt die Netzwerk-Logik auf die Welt der Elektronik, wobei sie nicht davon ausgeht, dass diese die Welt gänzlich vereinnahmen wird, wie Kelly das in seinem ersten Gesetz darlegt. Ökologische und soziale Probleme – externe Effekte, die meist einer gewissen Knappheit geschuldet sind – lassen sich nicht mit vernetzten Chips lösen, sondern nur mit einer durchdachten und konsequenten Regulation. Borsook bringt es auf die Formel, dass der Gedanke, Kinder aufzuziehen mit positiven Gefühlen verbunden ist, dass aber der Gedanke, wie oft dies das Wechseln von Windeln nötig macht, weniger angenehm ist.
Borsook übt eine Kritik, die radikaler nicht sein kann, da sie überhaupt die Schlüsselprämisse von Kelly schon nicht akzeptiert.[21] Ihr ‚sich nicht einlassen wollen‘ ist eine Entscheidung, die eine fruchtbare Auseinandersetzung mit Kellys Ideen nicht möglich macht.
Eine Auffälligkeit dieses zweiten Gesetzes mag vielleicht nur eine mathematische Spitzfindigkeit sein, aber sie ist umso interessanter, als Kelly sich auf die scheinbar unbestechliche Autorität ‚der Mathematiker‘ stützt. Für den einzelnen Konsumenten eines Faxgeräts steigt die Anzahl der möglichen Verbindungen – und damit der ‚Wert‘ (wenn man denn Gebrauchswert überhaupt quantitativ fassen kann) – nur linear mit jedem weiteren Faxgerät.[22] Der Wertzuwachs, den Kelly im Sinn hat, ist tatsächlich ein transzendenter, den einzelnen Konsumenten übersteigender.[23] Nun ist Wert ein soziales Verhältnis. Ein Ding, wie z.B. ein Netzwerk, hat nicht Wert-an-sich, sondern nur Wert für jemanden. Daraus kann geschlossen werden, dass es in dem Diskurs der Netzwerkökonomie ein transzendentales Wesen, einen ideellen Netzwerkbesitzer gibt, der überproportional vom Wachstum des Netzwerks profitiert. Dieser Faden soll in der Betrachtung des zehnten Gesetzes wieder aufgenommen werden.
An dieser Stelle soll nur festgehalten werden, dass wie mit dem Angebot der Klimaanlage im letzten Abschnitt dem Publikum das Mitspielen in der Netzwerkwirtschaft schmackhaft gemacht werden soll. Hier ist allerdings nicht körperliches Wohlbefinden der Reiz, sondern das Stimulieren von Gier, indem ein exponentielles Wachstum suggeriert wird.[24]
Kelly zählt vier Beispiele auf, die ein exponentielles Wachstum in der Netzwerkökonomie belegen sollen: Microsoft, Federal Express, Fax-Geräte und das Internet, letzteres als „archetypische Illustration einer Erfolgsexplosion“.[25] Exponentielles Wachstum ist für ihn ein Indikator für biologisches Verhalten von Systemen. Bei technischen Systemen wird dieses Verhalten erst mit dem Auftauchen von Mikrochips und dem Sinken der Gebühren bei der Telekommunikation möglich.
Dennis Claxon hält dem entgegen, dass wenn man mehr als zwei bis drei Jahrzehnte zurückschaut, sich eine Fülle von Fällen exponentiellen Wachstums zeigt und relativiert somit die Aussagekraft von Kellys Beispielen.[26] Auf das Faxgerät anspielend, verweist Claxon darauf, dass man beim Kauf eines Autos, einem Produkt der industriellen Wirtschaft, Tausende von Kilometern Straßennetz mitgeliefert bekommt. Claxon bemerkt, dass Kelly es vermeidet, seine Begriffe genau zu definieren. Er erkennt in ihm einen politischen Akteur, dessen Ideologie er als technolibertär bezeichnet und in der eine genaue historische Betrachtung nur stören würde. Claxon resümiert: „All das soll nicht heißen dass wir uns momentan nicht mit etwas Neuem konfrontiert sehen. Digitale Technologie ist revolutionär und ihre aktuellen und potenziellen Auswirkungen auf den Alltag zur Jahrtausendwende sind immens und sehr aufregend. [...] Dennoch, Technologie als solche kann Wirtschaft oder soziale Entwicklung nicht derart verändern, wie Kelly es sich vorstellt.“
Aber worin besteht dieses Neue, von dessen Existenz Claxon und Kelly sich einig sind, dass es existiert? Natürlich ist Claxon zuzustimmen: Ein Faxgerät ist genauso ein industrielles Produkt wie ein Auto – und an beiden hängt ein Netzwerk. Er übersieht aber einen entscheidenden Unterschied: Die Verbreitung von Autos und der Ausbau des Straßennetzes geschah mehr oder weniger parallel in einer sich gegenseitig verstärkenden aber auch begrenzenden Weise (Kelly beschreibt dies in seinem fünften Gesetz). Das Faxgerät konnte jedoch auf dem bestehenden Telefonnetz aufsetzen.[27] Abgesehen von der Herstellung der Endgeräte hätte das Fax-Netzwerk wirklich sprichwörtlich über Nacht das Telefonnetz kolonisieren können. Kein Handschlag musste getan werden, um das bestehende Netz umzubauen. Das Faxgerät konnte durch ein entsprechendes Protokoll seine digitalen Informationen huckepack auf analogen Signalen über das Medium befördern.
Wenige Jahre später ist es umgekehrt: Die analogen Sprachsignale reisen digital kodiert durch den größten Teil des Telefonnetzes. Dabei besteht die materielle Komponente – wie vor 100 Jahren – aus einer Kupferdoppelader.[28] Die Endgeräte, PCs, sind zu universellen Protokollmaschinen geworden. Auch Microsoft hat von einem bereits fertigen Netzwerk profitiert, dem als offenes System konzipierten PC.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weder allein die Netzwerkstruktur zu exponentiellem Wachstum führt, wie Kelly meint, noch dass industrielle Netzwerke mit den ‚neuen‘ Netzwerken gleichgesetzt werden können, wie es Claxon nahelegt. Möglicherweise durchdringen informationelle Netzwerke industrielle Netzwerke in der selben Weise, wie industrielle Netzwerke die Natur ausbeuten. Informationelle Netzwerke tun dies aber mit einer weitaus größeren Geschwindigkeit. ISDN und ADSL sind tatsächlich Protokolle, die sich des Kabelmaterials vom Anfang des letzten Jahrhunderts bedienen.[29] Es gibt bereits Techniken, Informationen durch Stromversorgungsleitungen zu senden oder gar den menschlichen Körper als Leitung zu benutzen, damit die Schuhe mit der Armbanduhr kommunizieren können. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass einfach bestimmte Anordnungen von Materie geeignet sind, Symbole[30] zu übertragen, zu speichern oder zu verarbeiten und – um auch einmal eine biologische Metapher zu bemühen – als Biotop für eine exponentielle Vermehrung zu dienen. Dieses exponentielle Wachstum wird nur erreicht, wenn auf eine Bestehende Anordnung zurückgegriffen werden kann, d.h. andere symbolische Formen die Materie[31] kolonisieren können – mit anderen Worten: wenn ein anderes Protokoll benutzt werden kann. Müssen die materiellen Voraussetzungen erst noch geschaffen werden, haben wir den Fall eines linearen, industriellen Wachstum eines Netzwerks.
Eine weitere Geschichte vom explosionsartigen Erfolg wird hier erzählt. „Erfolg wird sozusagen infektiös und verbreitet sich derart, dass es für die noch nicht Infizierten schwierig wird ihm nicht zu erliegen.“ Kelly gib sogar zu, dass eine epidemische Verbreitung von Innovationen auch im industriellen Zeitalter stattgefunden hat, jedoch liegt der Umschlagspunkt in der Netzwerkökonomie sehr viel niedriger. Somit wird es schwieriger, die Veränderungen zu erkennen, denen man sich anpassen muss, um erfolgreich zu sein. „In der Vergangenheit genügte es, die Bedeutsamkeit einer Innovation zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie ihren Durchbruch hatte. Heute, in der Netzwerkökonomie, kommt Bedeutsamkeit vor dem Durchbruch.“ D.h., wenn man in der Netzwerkökonomie den Durchbruch einer Innovation beobachtet, ist es schon zu spät, um vom Erfolg dieser Innovation zu profitieren.
Niko Waesche argumentiert dagegen, dass sogar ein sehr erfolgversprechender Start einer Innovation von der Konkurrenz assimiliert werden kann. „Inhaber einer solchen Technologie müssen sich sehr anstrengen, um auf Erfolgskurs zu bleiben. Sogar Microsoft ist von dieser Notwendigkeit nicht ausgenommen. Es gibt auf lange Sicht keine sicheren Gewinner.“[32] Er merkt an, dass oft die ungeeignetere Technologie das Rennen macht und führt dies darauf zurück, dass „Technologie in der realen Welt eingebettet ist“. D.h., damit sich eine Technologie durchsetzt, muss es einen Markt für sie geben.
Waesche kämpft gegen die Hydra. Um eine von Kellys Thesen zu widerlegen, bestätigt er unbeabsichtigt zwei andere:
· Dass es auf lange Sicht keine Gewinner gibt, erklärt Kelly in seinem neunten Gesetz, dem Gesetz der Rückentwicklung, dass besagt, dass ein Unternehmen, das den Gipfel seines Erfolgs erreicht hat, dort nicht verharren sollte, sondern den Weg durch das Tal anzutreten hat, um den nächsten, vielleicht höheren Erfolgshügel in Angriff zu nehmen. Der Gedanke taucht auch in Gesetz 3 auf, wo er das Bild der Algen wählt, die sich explosionsartig vermehren. Die Algenpest kann aber durch die gleichen Gesetze, die sie hervorbringt, genauso schnell wieder verschwinden.
· Auch die Konstruktion des Widerspruchs, dass oft die weniger ausgereifte Technologie sich durchsetzt, prallt an Kellys zwölftem Gesetz ab. Dort gibt er der Suche nach neuen Chancen gegenüber der Verbesserung des Bestehenden den Vorzug.
Dass eine Technologie von der Konkurrenz übernommen werden kann, bestreitet Kelly außerdem überhaupt nicht. Im Gegenteil: Man hat manchmal den Eindruck, dass er gerade für diese Konkurrenz schreibt: „Lösen sie keine Probleme: Streben sie nach Möglichkeiten.“[33] An anderer Stelle nennt er das Beispiel des Einzelhandels, der das Phänomen Teleshopping ignorierte, bis es zu spät war, um dort noch einzusteigen.
Natürlich muss für eine Technologie ein Markt – und damit ein Bedarf – vorhanden sein. Aber mit dem Rekurs auf die Konkurrenzwirtschaft geht Waesches Kritik am Ziel vorbei. Kelly beschreibt eher das Entstehen von quasi vorökonomischen Feldern, in denen Konkurrenz noch kaum eine Rolle spielt. Die Gründe dafür sind vielfältig: sei es das Fehlen von zu substituierenden Produkten oder die Unfähigkeit großer Unternehmen, neue Chancen zu erkennen und zu nutzen.
Was Kelly als Erfolg erkennt, ist lediglich das Füllen eines Vakuums. Erfolg durch Innovation kann nicht – qua Erfindergeist – selbst produziert werden.[34] Es kommt eher darauf an, sich brüchige Stellen auf dem Deich zu suchen, um, wenn der Deich bricht, auf das Neuland der Bedürfnisse gespült zu werden, während die AgronomInnen des Industriezeitalters ihre Felder mit der Handpumpe bewässern.
Was Kelly hier beschreibt, hat er bereits in seinen ersten vier Gesetzen gesagt. „Wert explodiert mit der Anzahl der Mitglieder“ oder dass industrieller Wertzuwachs linear ist gegenüber dem exponentiellen Wertzuwachs von Netzwerken. Neu ist hier, dass er etwas über die Verteilung des Gewinns aussagt: „vernetzte Gewinnsteigerungen werden von dem gesamten Netzwerk [nicht von einem einzelnen Unternehmen, TM] erzeugt und geteilt. Viele Agenten, Nutzer und Konkurrenten zusammen erzeugen den Wert des Netzwerks. Obwohl die Gewinne aus dem Wertzuwachs möglicherweise ungleich abgeschöpft werden, bleibt der Wert dem vergrößerten Beziehungsnetz erhalten.“ Er bringt es prägnant auf die Formel: Denen, die haben, soll gegeben werden. Ein Netzwerk wird anfangs aus Übereinkünften gebildet. Früheinsteiger haben die Chance, die sich aus den Übereinkünften bildenden Standards zu kontrollieren und werden dafür überproportional belohnt. Es kommt darauf an, ein Netzwerk – im Rahmen der Standards – möglichst offen für den ‚input‘ der Mitglieder zu belassen. Um geschlossene Systeme macht die Netzwerkökonomie einen großen Bogen.
Ellen Ullman sieht in Kelly eine Mischung aus Jiang Zemin und Pol Pot.[35] Den Vergleich mit Jiang Zemin wagt Ullman, weil Kelly den ‚unmoralischen‘ Effekt gutheißt, dass die Früheinsteiger wie Microsoft überdurchschnittlich von ihrem Netzwerk profitieren, so wie Zemin der Korruption in China freien Lauf lässt, damit Parteibosse und Kriminelle sich ungehindert bereichern können – und zwar im Namen des kollektiven Guten. Parallelen zu Pol Pot sieht sie in Kellys Populismus und darin, das beide die Städte entvölkern wollen: Pol Pot zwang die Stadtbewohner in einen agrarischen Kollektivismus; Kelly hat die Vision von nomadisierenden Wissensarbeitern, die die Autobahnen bevölkern. Das tatsächliche kollektive Gute ist für sie die „frei gewählte Repräsentation des freien Volkes“, z.B. in Gestalt des Anti-Trust-Gesetzes und der mit seiner Durchsetzung betrauten Behörde, die allein noch etwas gegen die Ungleichheit in der Verkörperung von Microsoft auszurichten vermag. Sie schließt: „Ach, es ist so lästig die Fürsprecher von ‚neuen Menschen‘, ‚neuen Ökonomien‘ und ‚neuen Paradigmen‘ zu erinnern, dass wir immer noch die unergründlichen alten menschlichen Wesen sind, die wir seit jeher waren. Es gibt immer noch Börsencrashs, Menschen verdienen ihr täglich Brot immer noch im Schweiße ihres Angesichts, wir haben immer noch Hände und Körper, mit denen wir Himmel und Hölle unserer Mitmenschen gestalten. Die alten Regeln gelten immer noch, Herr Kelly. Die Armen sind unter uns.“
Ellen Ullman veranschaulicht das Problem vieler sozial engagierter Intellektueller, nämlich eine defensive und dadurch für manche vielleicht konservativ anmutende Position zu beziehen – und die sich in diesem Fall einer Anthropologie und Ästhetik von Armut und Arbeit bedient. Gesellschaftliche Veränderungen zu leugnen, selbst wenn sie auf der Hand liegen, ist tatsächlich konservativ. Die Arbeiterbewegung hat ihr emanzipatorisches Potential nicht dadurch gewonnen, dass sie die industrielle Gesellschaft geleugnet hat. Kevin Kelly ist schwerlich der Adam Smith oder David Ricardo der New Economy (und erst recht nicht ihr Karl Marx, wie das Ullman vermutet). Selbst wenn er es wäre, ist dies kein Grund, ihn mit Völkermördern wie Pol Pot zu vergleichen. Auch der Vergleich mit Jiang Zemin scheint allein ihrer Rhetorik vom Technokommunisten Kevin Kelly geschuldet zu sein. Kellys ‚Gerechtigkeitskonzeption‘ entspricht da eher der eines John Rawls.
Physiokraten, Merkantilisten und die genannten Wirtschaftstheoretiker der klassischen politischen Ökonomie hatten alle in ihrer Zeit praktische Relevanz. Die Behauptung, dass sich die Spielregeln ändern, der zaghafte Beginn eines Diskurses der politischen Ökonomie der New Economy, wie populistisch, konstruiert und widersprüchlich er auch daherkommen mag, verdient genauere Beachtung, um erst dann einer radikalen Kritik anhand neu entwickelter und adäquater Kategorien unterzogen zu werden. Die inzwischen verstaubten antikommunistischen Feindbilder des kalten Kriegs sind da wenig hilfreich.
Kelly nennt zwei Beispiele, die beweisen sollen, dass in der Netzwerkökonomie die Preisbildung anderen Gesetzen unterliegt:
· Mikroprozessoren halbieren sich im Preis bzw. verdoppeln ihre Leistung alle 18 Monate. Das wird im Allgemeinen Moore’s Gesetz genannt.
· Ein vergleichbares Gesetz gibt es für die Telekommunikation. Nach Gilder’s Gesetz verdreifacht sich die Übertragungsleistung von Telekommunikationsnetzen alle zwölf Monate.
Der Preis für Prozessoren und Übertragungskapazität nähert sich also allmählich Null an. Das ist für die Konsumenten sehr Vorteilhaft aber für Unternehmen ist der Wettbewerb ruinös – es sei denn, es werden für die Konsumenten Angebote geschaffen, die mehr Prozessorleistung bzw. Übertragungsgeschwindigkeit benötigen. Im Optimalfall werden durch diese Angebote weitere Möglichkeiten geschaffen, die wiederum noch mehr Leistung benötigen. Kelly argumentiert: „Dies ist in einer auf Netzwerken basierenden Ökonomie leichter zu bewerkstelligen, weil die Querverbindung von Ideen, die Verknüpfung von Beziehungen, die Flexibilität bei der Suche nach Partnern, die behände Schnelligkeit bei der Schaffung neuer Knoten – weil dies alles die ständige Erzeugung neuer Güter und Dienstleistungen dort befördert, wo vorher keine waren.“
Brad de Long vergleicht Kellys Prozessor-Beispiel mit der Autoproduktion zu Anfang des Jahrhunderts.[36] Das durchschnittliche im Jahr 1906 verkaufte Auto kostete $52.640; 1910 kostete es nur noch $39.860 und die Qualität war 31 Prozent höher als in 1906; 1918, am Ende der „heroischen Gründerzeit“ der US-amerikanischen Automobilindustrie, war der Preis auf 53% gegenüber 1906 gesunken und die Qualität war 105% höher. De Long wirft Kelly vor, dass er „sich an die guten Sachen der industriellen Revolution erinnert [...] seit seiner Kindheit. Deshalb nimmt er an, diese Dinge hätten schon immer existiert und sich auf gleichmäßige Weise verändert.“ De Longs These ist, dass die Mikroelektronik, als momentan führender Sektor, einfach Teil einer industriellen Revolution ist.[37] Er nennt eine Reihe ehemals führender Sektoren, in denen sich die Preisentwicklung ähnlich vollzogen hat[38] und schlägt vor, zu untersuchen, welchen Regeln diese Sektoren unterworfen waren, um daraus Regeln für die New Economy abzuleiten. De Long kommt zu sechs Übereinstimmungen:
1. In jedem führenden Sektor kommt die heldenhafte Periode des rasanten technologischen Fortschritts irgendwann zu ihrem Ende.
2. In jedem Sektor kommt die Masse an Wertzuwachs vor dem Ende der heroischen Periode.
3. Nur weil der Preis gegen Null tendiert muss sich der Gewinn nicht ebenso entwickeln.
4. Nach der heroischen Periode eines Wirtschaftssektors verdienen die Unternehmen ihr Geld damit, den Kunden exakt das zu liefern, was sie verlangen.
5. Einige Unternehmen werden größer werden, als man je geahnt hat.
6. Jeder Schub bringt vorher ungeahnte Möglichkeiten mit sich.
Diese Möglichkeiten wirken sich aber nicht auf die Wirtschaft aus, da de Long Wirtschaft als den Bereich definiert, der von Sachen handelt, die rar sind.[39] Somit wird de Longs Widerwillen gegen Kellys Ideen verständlich (siehe dessen zweites Gesetz). Überhaupt könnte es sich bei der New Economy oder Netzwerkökonomie um eine Verkennung des neuen Spiels als Ökonomie handeln.
De Long und Kelly unterscheiden sich in ihrer Einordnung von Mikroprozessoren und Telekommunikationstechnik. Für de Long sind diese beiden nur zwei von Kellys Innovationen, für Kelly sind es die Medien einer sich selbst erhaltenden Innovationswirtschaft. De Longs Kritik spendet Kelly in der Einleitung seines Buchs ganze zwei Seiten und fasst zusammen:
„Was macht diese besonderen technologischen Fortschritte so außerordentlich? Warum ist der Geschäftsheld des Augenblicks so viel wichtiger als seine jüngsten Vorläufer?
Weil Kommunikation – wovon die digitalen Technologien letztlich handeln – nicht einfach ein Bereich der Wirtschaft ist. Kommunikation i s t die Wirtschaft.“[40]
Es sind also in der Tat zwei völlig voneinander abweichende Definitionen von Wirtschaft. De Long: „Sie handelt von begrenzten Dingen.“ Kelly: „Sie ist Kommunikation.“
De Longs Analogien sind durchaus einleuchtend. Gegenüber den Ausgaben eines Haushalts vor 1850 gehen die heutigen Kosten für Beleuchtung tatsächlich gegen Null. Erkauft ist dieser Fortschritt aber mit einer massiven Umwälzung natürlicher Ressourcen, welche den Verbrauch und damit die mögliche Preissenkung beschränken – und das erst recht, wenn man den Verbrauch von de Longs Haushalt[41] auf die gesamte Weltbevölkerung übertragen will. Wo die Grenzen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen zur Leistungssteigerung von Prozessoren und Glasfaserkabeln sein sollen ist aber noch überhaupt nicht abzusehen. Diese Grenzen liegen im Moment eher bei Erfindungsreichtum und Vorstellungskraft des Menschen.
Dass letztere mit Kelly durchgeht, legt de Long in seinem Schlusskommentar nahe:
„Was neu ist, ist dass das erste Mal seit Erfindung des Buchdrucks die Informationsverarbeitung und -verbreitung einer der führenden Sektoren geworden ist. Vorhergehende führende Sektoren änderten die Lebensbedingungen von Webern, Spinnern, Transporteuren, Bauern, Schmieden usw. Unsere heutigen führenden Sektoren verändern die Lebensbedingungen für diejenigen, die Informationen benutzen, um Unternehmen zu lenken – Manager – und sie verändern auch die Lebensbedingungen für diejenigen, die Informationen benutzen, um zu entscheiden, was sie kaufen wollen – Konsumenten. Jedoch am interessantesten: Unter die Informationsverarbeiter und -verbreiter fallen auch die Intellektuellen.
So sind wir Intellektuellen natürlich ziemlich fasziniert. Und wir sind sehr gut in der Lage, dem adäquat Ausdruck zu verleihen.“
Die logische Konsequenz des zweiten und sechsten Gesetztes ist, dass die wertvollsten Dinge gratis sind. Kelly zählt eine Reihe von Software-Produkten auf, die alle ohne Entgeld abgegeben werden. Solche Produkte werden solange frei vertrieben bis sie unentbehrlich werden – erst dann wird für Erweiterungen Geld verlangt. Dies funktioniert, so Kelly, nicht nur für Software, sondern auch für „aus Atomen gemachtem“. Bedingung ist, dass diese Dinge in ein Netzwerk integriert werden können, z.B. Handys, die für eine Mark verkauft werden, jedoch nur zusammen mit einer Mindestvertragsdauer zur Benutzung des Netzes eines Bestimmten Betreibers. Kelly nennt drei Strategien:
„Als Erstes denken sie an ‚gratis‘ als Ziel ihrer Preisgestaltung. [...] Zweitens wird, wenn ein Produkt gratis zu haben ist, das weitere Produkte wertvoll machen. [...] Drittens, und als Wichtigstes: Produkte billiger anzubieten ist eine gute Möglichkeit ihren Preisverfall in Richtung gratis zu erproben.“
Die einzige Sache, die in einer Welt des Überflusses noch kostbar ist, ist menschliche Aufmerksamkeit. Etwas Gratis anzubieten erzeugt Aufmerksamkeit: „mind share, which leads to market share.“ Eine Folge des Gesetzes der Großzügigkeit ist, dass Wert in der Netzwerkökonomie eine „protokommerzielle Stufe“ erfordert.
Felix Stalder leitet seine Kritik mit der Provokation ein, dass die Netzwerkökonomie zu vergleichen ist mit dem Drogenhandel.[42] „In beiden Bereichen, im Internet und in den Hinterzimmern, ist es Dienstleistung oder die Pflege von bleibenden Beziehungen, die Wert produzieren.“ Er argumentiert, dass es natürlich nicht Großzügigkeit ist, die den Drogendealer veranlasst, den Stoff für den ersten Schuss gratis abzugeben. Im harten Geschäftsalltag der New Economy sind Gratisleistungen eine präzise kalkulierte Strategie.
Stalder stimmt Kelly in den wesentlichen Punkten zu, wobei er dessen Darstellung von Euphemismen und falschem Glanz befreit. Darüber hinaus ergänzt er sie um den wichtigen Punkt der Beziehungspflege, was Kelly in seinem achten Gesetz nur sehr unvollkommen als Gebot, das Netz zuerst zu füttern“ fasst. Kelly scheint sich die Kritik zu Herzen genommen zu haben, denn er hat der „Beziehungstechnik“ in seinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet.[43] Auf die Chancen der von Kelly erwähnten protoökonomischen Sphäre, anhand derer es vielleicht möglich wäre, sich ein Stück vom Terror der Ökonomie zu emanzipieren, geht Stalder leider nicht ein.
Für Kelly ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen einem Netzwerk und einer traditionellen Organisation der industriellen Ära, dass das Netzwerk keine klar umrissene äußere Grenze besitzt. Er vergleicht das Netzwerk mit einem Nationalstaat: „Bei beiden ist der sicherste Weg, den eigenen Wohlstand zu fördern, den Wohlstand des Systems zu fördern.“ Es gibt jedoch drei entscheidende Unterschiede beim Netzwerk:
· „Es existieren keine geographischen oder zeitlichen Begrenzungen – Beziehungen fließen täglich 24 Stunden.“
· „Beziehungen in der Netzwerkökonomie sind wesentlich näher aneinander gebunden, intensiver, beharrlicher und vertraulicher als in einem Nationalstaat.“
· „Es existieren viele einander überlappende Netzwerke, mit einander überschneidenden Loyalitäten.“
Jamie King ergreift Partei für die kleinen Leute, die nicht die Qualifikation mitbringen, Teil eines Netzwerkes zu sein, dass sie ernährt. Nicht JedeR ist in der Lage das Netzwerk zu füttern.[44] Für die, die nicht herausfallen präzisiert er Kellys Gebot: „Wenn Sie Überleben wollen, nähren Sie nicht das Netzwerk, sondern nähren sie diejenigen, die das Netzwerk betreiben.“ Daraus ergibt sich, dass die Netzwerkökonomie für King in drei Bereiche unterteilbar ist: Zentrum, Peripherie und Ausgeschlossene.
Für King stellt Kelly noch nicht einmal einen Techno-Propheten dar: „Die Ironie von Kellys selbsterklärten Voraussicht ist, dass es sich noch nicht einmal um Voraussicht handelt; wir kennen das hässliche Terrain seiner Fantasien, weil es nämlich genau der gewalttätige, unstabile und gefährliche Ort ist, von dem wir herkommen – abgesehen von ein paar eingestöpselten Kabeln; und die gesamte Geschichte des politischen, ökonomischen und kulturellen Denkens war – im besten Fall – der Versuch, dies hinter sich zu lassen.“
King interpretiert Kellys Ideen einfach als Rückschritt, die den Bemühungen, den Dschungel hinter sich zu lassen, verhöhnen. Abgesehen davon, dass man über die Bilanz dieser Bemühungen geteilter Meinung sein kann, fehlt der Beleg, dass Kelly tatsächlich dafür eintritt, sämtliche Errungenschaften eines modernen Staates zu nivellieren. Das Feld, das er umpflügt, ist die Ökonomie. Und dass das gesamte bisherige ökonomische Denken dazu geführt hätte, den Dschungel in der Praxis hinter sich zu lassen, kann kaum ernstlich behauptet werden – auch wenn es eine enorme Sublimationsleistung darstellt, diesen auf eine höhere Ebene zu transponieren.
Kelly vergleicht die Netzwerkökonomie mit einem „Biotop, dass vor Aktivitäten nur so brodelt“. Um in einer Konkurrenzwirtschaft zu überleben, ist es notwendig sich anzupassen, d.h. einen Hügel hinaufzuklettern um am Gipfel die optimale Adaption – und damit Überlebenschance – zu erreichen. Es gibt dabei aber zwei Probleme:
· Es wird in der Netzwerkökonomie zunehmend schwieriger zu erkennen, welche Gipfel die höchsten sind. Und einmal dort angekommen, ist es möglich auf einem lokalen Maximum stecken zu bleiben, während die Konkurrenz andere Wege beschreitet und Innovationen hervorbringt, welche die Regeln und damit die Landschaft verändern. So kann es kommen, dass ein Unternehmen, dass sich jetzt noch auf einem Gipfel befindet, sich im nächsten Moment unvorbereitet im Chaos des Tals vorfindet. Deshalb muss ein Unternehmen, einmal am Gipfel angekommen, von selbst den Abstieg in Richtung geringerer Adaption in Angriff nehmen.
· Organisationen können aber nicht anders, als Bestehendes zu optimieren und sind nicht in der Lage, (früher) erfolgreiches Verhalten abzulegen. „Unternehmen empfinden Rückentwicklung als a) undenkbar und b) unmöglich.“
Nach Kelly gibt es aber zur Rückentwicklung keine Alternative, denn die Zeit der linearen Entwicklungsmöglichkeit ist vorbei und wird ersetzt durch ein ständiges auf und ab.
Jim Balderston stimmt mit Kelly überein, dass die Vernetzung schwerwiegende Auswirkungen auf die Welt haben wird, was die Beschleunigung des Wandels oder das Ausmaß der Kommunikation unter den Menschen angeht.[45] Aber diese Beschleunigung des Wandels wird sich lediglich darauf auswirken, wie gut der Raum überwunden werden kann. Unternehmen waren immer schon mit Anforderungen wie Rückentwicklung, Adaption und allen anderen ‚Gesetzen‘ konfrontiert. Er schließt mit der Erkenntnis: „Es ist vielleicht eine neue Ökonomie. Aber es wird immer noch nach den alten Regeln gespielt werden.“
Balderston argumentiert, dass es lediglich eine quantitative Veränderung bei der Kommunikation zwischen Menschen geben wird, die aber nicht zu neuen Qualitäten z.B. bei der Weise, wie Menschen produzieren, führen wird, denn „die Welt hat sich schon immer schneller verändert, als die meisten Menschen handhaben konnten.“
Balderston fundiert seine Aussagen und Assoziationen nicht besonders, statt dessen verweist er auf das Buch „Cities and the Wealth of Nations, The Death and Life of Great American Cities“ der Stadtplanerin Jane Jacobs. Von allen Kritiken an Kelly hat er wohl die lustloseste geliefert.
In diesem Gesetz preist Kelly noch einmal, wie Chips Materie verdrängen werden und wie diese ‚erleichterten‘ Objekte der Netzwerkökonomie einverleibt werden: „Die Unterschiede zwischen Netzwerkökonomie und der industriellen Ökonomie werden sich auf den Unterschied zwischen beweglich und unbeweglich reduzieren. Wenn Geld und Information durch etwas hindurchfließt, dann ist es ein Teil der Netzwerkökonomie.“
Paul Treanor hat wohl eine der interessantesten Kritiken an Kelly geliefert.[46] Er sieht Kellys Ideen als Cyberspace-Variante des Neoliberalismus. Die Verknüpfung findet er in einer Art religiösem Glauben daran, dass Fluss-Maximierung und Verknüpfungsmaximierung an sich gut sind.
Treanor bemüht zwei besonders krasse Beispiele[47] von Privatisierung, um zu zeigen, dass der „Marktintensivierung“ theoretisch keine Grenzen gesetzt sind. Die praktische Grenze sieht er darin, dass die Marktsubjekte irgendwann nur noch damit beschäftigt sind, Verträge zu schließen. Der Neoliberalismus versucht die Marktintensivierung auf diese Grenze zu zu treiben. Treanor versucht den beiden Liberalismusformen gemeinsam zugrundeliegenden Glauben zu skizzieren:
· „Alles Dasein muss fließen.“
· „Jeder Fluss, der möglich ist, muss auch stattfinden.“
· „Die Anzahl an Verknüpfungen, entlang derer Fluss ist, muss maximiert werden.“
· „Der Fluss zu jeder Verknüpfung muss maximiert und wiederholt werden.“
· „Jede Verknüpfung muss mit jeder anderen Verknüpfung verbunden werden.“
· „Jeder Fluss muss jeden anderen Fluss verstärken.“
Aus dieser Perspektive ergibt sich eine Teleologie der Befreiung von Fluss-Hindernissen wie Zeit, Raum und Materie, die in der ‚realen Welt‘ existieren.
Treanor projiziert ein weiteres Beispiel vom Neoliberalismus auf den Cyberliberalismus: Die Welt-Getreideernte kann nur ein einziges Mal gegessen werden, aber der Derivathandel der globalen Finanzmärkte macht es möglich, sie quasi unendlich oft zu handeln. „Es ist sinnlos zu schreien, dass dieser [der Derivathandel, TM] den Bezug zur physikalischen Realität verloren hat. Das ist eben das Wesen des Derivathandels. Die moralische Frage ist: Ist es die Bestimmung des Menschen bis zur Unendlichkeit zu handeln?“ Auf Kellys Ideen übertragen: „Soll die reale Welt so neugeordnet werden, dass sie sich dem perfekten Kosmos des Flusses besser anpasst?“
Treanor stellt abschließend die Frage in den Raum: Wenn dieser Kosmos des Flusses aber nur eine Idealvorstellung, eine Konstruktion ist, warum sollen wir die Welt nicht nach einem der vielen anderen Ideale gestalten?
Aus der Perspektive eines Materialisten hört sich die Frage ähnlich an wie: Können wir den Teufel nicht mit dem Belzebub austreiben? Der Materialist würde einen Umgang mit der Welt fordern, der allein ihren materiellen Gegebenheiten Rechnung trägt und Dingen wie Märkten oder Netzwerken nicht ein von den Menschen unabhängiges ideelles Dasein zugesteht.
In der Tat hat Treanor ein unangemessenes Vertrauen in die Gestaltungskraft des menschlichen Geistes an den Tag gelegt. Die Welt wird nicht nur von diesem geformt, umgekehrt formt die Welt auch das Denken – aber in einer Weise, die weit davon entfernt ist, optimal an die materiellen Gegebenheiten angepasst zu sein. Denn das Denken bedient sich der Symbole, die von ihrer Natur aus vereinfachend und konservativ sind. Indem der Mensch die Welt verändert – und er macht sie dadurch nicht unbedingt einfacher zu durchschauen – setzt er sich selbst unter Druck, sich ihr wieder erneut anzupassen, was in der Regel neue Eingriffe in die Welt mit sich bringt. So steigt das Bedürfnis nach Orientierung in einer komplexer werdenden Welt.
Die weiter oben schon eingeführte Metapher des Spiels kann helfen den Prozess der Orientierung in der Welt verständlich zu machen. Denn auch hier geht es um Symbole – und es geht um Lernprozesse. Das ‚Sein‘ einer Welt kann nicht gedanklich antizipiert werden, wie Treanors Fragestellung es impliziert. Die Dynamiken, die ein Spiel entfalten kann, müssen gefühlt und erlebt werden. Niemand kann schon nachdem die formalen Regeln (Ideen) festgelegt sind mit Gewissheit sagen, ob es ein Spiel ist, dessen Regeln im Verlauf geändert werden müssen oder welche Chancen es für die einzelnen Mitspieler gibt, geschweige denn, wie es ausgeht.
Nachdem Marx und Engels die Spiellogik des Kapitals größtenteils zutreffend beschrieben hatten bildete sich im Spiel eine Verzweigung. Ein Teil der Spieler wurde sich langsam des Spielcharakters, der scheinbaren Willkür der Regeln und der ungleichen Gewinnchancen der Spieler bewusst. Dieser Teil fing an, ein (schlechtes) Gewissen zu entwickeln und versuchte Verbesserungen an den Regeln zu erreichen, um mit diesen Spielregeln leben zu können. Ein anderer Teil der Spieler versuchte den Teil der Spielregeln abzuschaffen, der als ungerecht empfunden wurde, und mit den restlichen Regeln ein neues Spiel zu beginnen. Nun dienen Regeln nicht einfach dazu, Willkür und Eigensinnigkeit der Spieler zu begrenzen. Regeln eröffnen auch überhaupt erst Handlungsspielraum. Als symbolische Formen ermöglichen sie erst das gedankliche Antizipieren eines Ziels. So kam es, dass der zweite Teil der Spieler auf viel ältere Spielregeln – oder auf maskierte Varianten der ‚ungerechten‘ Spielregeln – zurückgreifen musste, die dem Spiel nicht zuträglich waren. Diese Geschichte des Realsozialismus soll die Lehre nahelegen, Spielregeln, d.h. verdinglichte Gesellschaftsformen, nicht zu gering zu achten, sondern diese im Zweifelsfall als notwendige Voraussetzungen zu akzeptieren.
Es soll zum Schluss eine Antwort auf Treanors Frage gewagt werden, warum Kellys Ideale anderen Idealen vorgezogen werden könnten.
Kelly glaubt nicht, dass ‚das Wahre‘ und ‚das Richtige‘ einfach durch die Wahl der richtigen Instrumente zu ‚erkennen‘ wäre. Er hält ein Plädoyer für einen spielerischen Pluralismus, der erst nach und nach in eine Konkurrenzwirtschaft mündet, wenn seine Produkte, die Innovationen, eine Kruste ansetzen. Ob die notwendige Überhöhung des Netzwerkes als Träger des ‚heiligen Flusses‘ wirklich nur ein geringes Übel ist, müsste sich praktisch erst noch erweisen. Aber die Vorstellung des Menschen als eines Wesens, dessen gegenüber den meisten seiner Mitlebewesen überlegene Fähigkeit zur Symbolverarbeitung ihn dazu prädestiniert, in einem Netzwerk des Flusses symbolischer Informationen[48] zu wirken, scheint weniger befremdlich als das Ideal des Taylorismus, nachdem Arbeitsabläufe in möglichst einfache, ständig wiederkehrende Bewegungen zu zerlegen sind, um die Produktivität zu steigern.
Vielleicht ist dies nicht die Aufgabe eines Kritikers, aber Treanor lässt völlig offen, ob er überhaupt einen Grund sieht, ‚neue Ideale‘ zu bemühen oder ob er von der Ansicht geleitet ist, dass die Welt so ist, wie sie schon immer war und immer sein wird. Wenn Treanor anmerkt, dass Kelly vielleicht gar nicht so weit entfernt ist von Feminismus oder New Age[49], so scheint er eine Vogelperspektive weit oben im moralischen Himmel einzunehmen, wo alle vermeintlichen Identitätsformen einander gleichen.
Die Gratwanderung zwischen Ordnung und Chaos eines Netzwerks nennt Kelly in seinem Buch Fluss[50]. Fluss ist erreicht, wenn die Akteure in einem Netzwerk es sich nicht leisten können zu verharren – bei Strafe des Untergangs, aber durch ihre Aktionen noch die Chance haben ein rettendes Ufer zu erreichen, allerdings nur, um schnell einen Punkt zu erreichen, von dem aus sie das nächste Ufer sehen können, denn auch der Untergang des vorerst rettenden Landes ist Gewissheit. Die ständige Abfolge von Zerstörung und Neuschöpfung verändert das Bild von Branchen, Unternehmen, Berufsfeldern und von individuellen Karrieren. „Ständige Innovation erzeugt fortwährende Erschütterung. Dies scheint das Ziel eines gutgemachten Netzwerks zu sein: ein fortwährendes Ungleichgewicht zu erhalten.“ Das Ziel der Netzwerkökonomie hingegen ist es, die industrielle Wirtschaft zu zerstören und „ein Netzwerk von neuen, beweglicheren und viel enger verbundenen Organisationen“ zu weben.
Für Tim Redmont ist der Ziel des Netzwerks nicht, die industrielle Ökonomie zu zerstören, sondern dem Menschen zu dienen.[51] Das Netzwerk ist ein von Menschen geschaffenes Konstrukt. Aber warum sollten die Menschen sich einem System unterwerfen, das derart brutale Instabilität und Ungleichheit birgt?[52] Der Mensch hat sich bis zu einer Stufe entwickelt, auf der er das Gesetz des Dschungels ablegen kann.
Dem ist zuzustimmen, aber was für die direkte Auseinandersetzung mit der Natur gilt, scheint den Menschen auf unheimliche Weise bei der Auseinandersetzung mit seinesgleichen einzuholen. Dies kann jetzt als Sozialdarwinismus verstanden werden, aber es ist schon bezeichnend, wenn der über diesen Vorwurf erhabene Soziologe Pierre Bourdieu jedes nur erdenkliche gesellschaftliche Feld als Marktförmig auffasst, d.h. es existiert dort ein Austausch mit dem Zweck der Maximierung des Eigenen. Der erste große Versuch, den Dschungel der Ökonomie durch eine planvolle Struktur zu ersetzen, ist, wie im letzten angemerkt, gescheitert.
Im letzten seiner Gesetze stellt Kelly fest, dass entgegen den Annahmen früherer Ökonomen der Fortschritt in der Technologie nicht zu messbar höherer Produktivität geführt hat – zumindest nicht im sogenannten Dienstleistungssektor. Er argumentiert: „Das Problem beim Versuch, Produktivität zu messen ist, dass man nur messen kann, wie gut Menschen die falschen Arbeiten erledigen können. Jede Arbeit, deren Produktivität gemessen werden kann, sollte beseitigt werden.“ Er präzisiert: „In der Netzwerkökonomie, wo Maschinen die meiste inhumane Arbeit bei der Produktion verrichten, ist die Aufgabe für den Arbeiter nicht, herauszufinden ‚wie er seine Arbeit richtig erledigt‘, sondern ‚welche Arbeit erledigt werden sollte‘ “[53].
Zeitverschwendung und Ineffizienz sind der Weg, Innovationen zu entdecken. Aus dieser Flickschusterei wird die Zukunft gemacht. Produktivität ist nicht der kritische Punkt, meint Kelly: „Unsere Fähigkeit, die sozialen und ökonomischen Probleme zu lösen werden hauptsächlich durch unseren Mangel an Vorstellungskraft, um die richtigen Chancen zu ergreifen; begrenzt – weniger durch unsere Fähigkeit, Lösungen zu optimieren.“ Kelly begrüßt diese Verschiebung, denn sie begünstigt menschliche Eigenschaften: „Wiederholung, Nachfolgen, Kopien und Automation tendieren im Wert gegen Null, während Innovationen, Originale und Phantasie im Wert steigen werden.“
Owen Thomas nimmt Kellys Bemerkung „Betrachten sie diese Prinzipien als Daumenregeln für die Zwischenzeit.“ wörtlich: Für ihn ist das Verfallsdatum im Dezember 1997 erreicht.[54] Owen Thomas karikiert Kellys „Löse keine Probleme, suche Möglichkeiten.“ mit dem Satz „Wenn es kaputt ist, repariere es nicht.“ Das suchen Nach Möglichkeiten beschreibt in seinen Augen die Situation um 1995 – dort wären Kellys Regeln noch relevant gewesen. Heute besteht die Strategie eher darin, den Kunden exakt das zu geben, was sie brauchen.
Spätestens seit dem Kurseinbruch des ‚Neuen Marktes‘ Ende 2000 gibt es tatsächlich auch einen Niedergang bei der Konjunktur des Diskurses der New Economy. Aber es ist auch möglich, dass die betroffenen Entscheidungsträger jetzt dringender denn je Antworten brauchen – vielleicht die Broker weniger als die Manager. An letztere richtet sich Kellys Buch, indem es seiner Leserschaft verheißt, exakt das zu enthalten, was sie benötigt. Mit dem kostenlosen Wired-Artikel hat Kelly eine Chance ergriffen, die ihm im Anschluss die Möglichkeit bot, ein Buch zu schreiben – ganz im Sinne seines siebten Gesetzes: „Als Erstes denken sie an ‚gratis‘ als Ziel ihrer Preisgestaltung. [...] Zweitens wird, wenn ein Produkt gratis zu haben ist, das weitere Produkte wertvoll machen.“
Kevin Kelly ist ein Eklektiker. Was nicht in die Konstruktion passt, wird eben passend gemacht. Trotz der völlig unterschiedlichen Definitionen von Ökonomie spannt Kelly de Longs Autoindustrie-Beispiel in seinem Buch gnadenlos für seine Zwecke ein. De Longs Beispiel wird – ohne Hinweis auf den Urheber – in dem Kapitel, dass das Pendant zu seinem siebten Gesetz bildet, fast unverändert übernommen und mit dem Satz ergänzt: „Der Zauber der Formel »Das Beste wird jedes Jahr billiger« hatte zu wirken begonnen.“[55] Das hat natürlich seinen Preis. Kellys Theorie ist eklektizistisch im schlechtesten Sinne des Wortes. Überhaupt von einer Theorie zu sprechen ist eine Zumutung. Zugute halten muss man ihm aber, dass er selbst sein Flickwerk nur als Faustregeln betrachtet. Sie bilden zwar einen gewissen Zusammenhang, aber das muss nicht heißen, dass wenn sich ein Gesetz als zutreffend herausstellt, man alle anderen auch glauben muss. Ähnliches gilt selbstredend für seine KritikerInnen.
Was an Kelly fasziniert ist, dass er sich an seine eigenen Gesetze hält und danach sein Spiel spielt – wohl mit einigem Erfolg. Zumindest sind ihm all seine KritikerInnen auf den Leim gegangen, inklusive des Autors der vorliegenden Arbeit. Sie bilden mit ihm zusammen ein Netzwerk, in dem er, Kelly, die Spinne, in der Mitte sitzt und die Standards festlegt (Gesetz fünf). Er bestimmt das Zentrum des Diskurses und verkauft die US-Buchrechte für $420.000[56] infolge seines ‚gratis‘-Onlineartikels (Gesetz sieben). Oder wie er in seinem Buch – durchaus selbstkritisch – anmerkt: „Unvollendete, mit »Bugs« behaftete Produkte freizugeben, ist nicht kostensenkende Verzweiflung; es ist der geschickteste Weg zur Vollendung eines Produkts, wenn ihre Kunden intelligenter sind als Sie.“[57] Kelly ist also nur oberflächlich betrachtet ein Opportunist, auf einer anderen Ebene ist er sich (bzw. seinen Gesetzen) treu geblieben. Vielleicht kann man von einer Theorie des Opportunismus (im besten Sinne des Ergreifens von Chancen) sprechen.
Wer mit der orthodoxen Wirtschaftstheorie unzufrieden ist sollte sich mit dem Diskurs der Netzwerkökonomie beschäftigen. Die vorliegende Arbeit hatte das Ziel, diesen Diskurs in seiner ganzen Vielfalt aufzufächern. Man kann ihn als Baukasten verstehen, dessen Elemente praktisch gelebt, neu zusammengesetzt und verworfen werden können, so dass etwas Neues entsteht – neue Regeln für ein neues Spiel, vielleicht eines, dessen psychische Verwurzelung eher die Neugier als die Gier bedient, eher die Kooperation als eine vereinzelnde Konkurrenz. Es könnte helfen beim Diskurs um die Krise der Erwerbsarbeit die Rolle und Verteilung der Arbeit überhaupt zu überdenken. Das setzt natürlich die Bereitschaft voraus, die ganze Ökonomie neu denken zu wollen. Im Diskurs der ‚alten Ökonomie‘ sind sicher viele emanzipative Elemente enthalten, die es nach Möglichkeit zu konservieren gilt. Manchmal ist es besser, die Ketten die einen fesseln, zu ölen, um überhaupt noch Bewegungsfreiheit zu haben – manchmal muss man aber versuchen, sie zu sprengen, auch auf die Gefahr hin, ins Ungewisse zu taumeln.
Literaturverzeichnis
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hrsg. v. Herbert Kubicek, Bd. 4, R.v.Deckers Verlag, Heidelberg 1996
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Ullman, Ellen: „Kevin Kelly, Technocommunist“, REWIRED vom 8.12.97, http://www.rewired.com/97/1208.html
Waesche, Niko: „Significance is Relative, so is Momentum“, REWIRED vom 5.12.97,
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[1] Pierre Bourdieu, Das ökonomische Feld, in: Pierre Bourdieu u.a.: Der Einzige und sein Eigenheim, Hamburg 1998, S. 169-171
[2]
Kevin Kelly, New Rules for the New Economy: Twelve dependable principles for thriving
in a turbulent world, Wired vom 5.9.96, http://www.wired.com/wired/5.09/newrules.html
[3] Kevin Kelly, NetEconomy: Zehn radikale Strategien für die Wirtschaft der Zukunft, München/Düsseldorf 1999
[4]
Niko Waesche, Significance is Relative, so is Momentum, REWIRED vom 5.12.97,
http://www.rewired.com/97/1205.html
[5]
Kevin Kelly, NetEconomy, S. 19
[6] Obwohl Kelly dazu neigt, Ideen anderer Autoren ungenügend einzubinden und dabei selten den Nachweis zu führen, was zu dem Eindruck eines Kuddelmuddels (Dennis Claxton) führt.
[7] Diese Regeln sind aber nicht willkürlich, wie in Abschnitt 2.10 versucht wurde zu zeigen.
[8] Was nicht unbedingt bedeuten muss, einem inhumanen Utilitarismus zu unterliegen.
[9] Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses, 7. Auflage, Frankfurt am Main 1991
[10] Die Unterscheidung zwischen Mittel, Ziel und Zweck ist v. Clausewitz entlehnt.
[11] Dennis Claxton, Prophezeiungen im ausgehenden 20. Jahrhundert und 'New Economy', Telepolis, http://www.telepolis.de/deutsch/special/eco/6218/1.html
[12] Das Beispiel ist möglicherweise Inspiriert von dem MIT Medial Lab Projekt Things that think. (http://www.media.mit.edu)
[13]
Doug Henwood, New Metaphors for an Old Economy, REWIRED vom 2.12.97, http://www.rewired.com/97/1202.html
[14]
„What about that chip on the FedEx package? Does it lead to an
investigation of who makes that chip, and whose water supply was poisoned by
its manufacture? Does it lead to any mention of the clerks, pilots, truck
drivers, and airplane mechanics who actually make it possible for FedEx to
move packages? Of what the dumb chip might do to their wages or working
lives? Or any mention of FedEx's managers and shareholders? Of how
representative the proliferation of dumb chips is of economic life now or in
the near future? Of how FedEx has contributed to the general speedup of
life, and the general increase in overwork and stress? Is there an
examination of whether this new world, assuming it exists as evoked, is a
good thing? Of how it might be a lot better for the top 5% of society than
the bottom 50%? Of course there's none of this; that would spoil the mood.“,
ebenda.
[15]
Kevin Kelly, NetEconomy, S.17
[16]
Ebenda
[17]
Kevin Kelly, New Rules..., a.a.O.
[18]
„Consider the first modern fax machine that rolled off the conveyor belt
around 1965. Despite millions of dollars spent on its R&D, it was worth
nothing. Zero. The second fax machine to roll off immediately made the first
one worth something. There was someone to fax to. Because fax machines are
linked into a network, each additional fax machine sliding down the chute
increases the value of all the fax machines operating before it.“, Kevin
Kelly, New Rules..., a.a.O.
[19] Wie in der Angebots-Nachfragekurve des subjektiven Werttheorie.
[20]
Paulina Borsook, The Diaper Fallacy
Strikes Again, REWIRED vom 3.12.97, http://www.rewired.com/97/1203.html
[21] „Die Schlüsselprämisse dieses Buches ist die, daß die Prinzipien, die die »Welt der Software« (im weitesten Sinne) regieren - also die Welt des Immateriellen, der Medien, der Computer-Software und der Dienstleistungen – bald die »Welt der Hardware« bestimmen werden – die Welt der Realität, der Atome, der Gegenstände, des Stahls und des Öls sowie der harten Arbeit, die man im Schweiße seines Angesichts erbringt.“, Kevin Kelly, NetEconomy, S.11
[22] Die Anzahl der Verbindungen in einem Netzwerk, mit der ein einzelner Knoten verbunden werden kann entspricht exakt der Anzahl aller anderen Knoten, also y = x-1; x ist die Anzahl aller Knoten im Netzwerk.
[23] Die Anzahl aller möglichen Verbindungen in einem Netzwerk kann mit der quadratisch-exponentiellen Funktion y = x(x-1) beschrieben werden, wobei x die Anzahl der Knoten angibt.
[24]
Vgl. Manuel Castells, The Information
Age: Economy, Society and Culture, Bd. I, second edition, Oxford/Malden
2000, S. 160; Castells nennt das Problem beim Namen: „Indeed, we should
remember that the comcept of profit [...] has allways been the noble version
of a deeper, more fundamental human instinct: greed. It looks like greed is
now expressed more directly in value creation through the expectation of
higher value – thus changing the rules of the game without changing the
nature of the game.“
[25]
Kevin Kelly, New Rules..., a.a.O.
[26]
Dennis Claxon, Late Twentieth Century Boosterism and the New Economy,
REWIRED vom 4.12.97, http://www.rewired.com/97/1204.html
[27] Dem liegt die Annahme zugrunde, dass das Telefonnetz im letzten Jahrhundert insgesamt eher linear gewachsen ist, da es dem industriellen Paradigma der Knappheit menschlicher Arbeit unterworfen war.
[28] Abgesehen von einigen Glasfaser-Zwischenstücken.
[29] Vgl. Klaus Dieter Eckert, Die letzten 100 Meter! Teilnehmerzugang – Stand, Anforderungen, Möglichkeiten, Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft, hrsg. v. Herbert Kubicek, Bd. 4, Heidelberg 1996
[30] Darunter fallen auch Protokolle (Informationen für das Übertragungsmedium), Formate (Informationen für das Speichermedium) und Programme (Informationen für das Verarbeitungsmedium).
[31] Materie ist hier im weitest möglichen Sinn zu verstehen. So sind darunter auch die materiellen Voraussetzungen für das Senden und Empfangen elektromagnetischer Wellen zu verstehen.
[32]
Niko Waesche, Significance is Relative, so is Momentum, REWIRED vom 5.12.97,
http://www.rewired.com/97/1205.html
[33]
Kevin Kelly, NetEconomy, S.203
[34] Erfolg erscheint bei Kelly als eine fremde Macht, auf die durch Rituale (Regeln) eingewirkt werden kann. Was Kelly für das Verhältnis von Erfolg und Produziert-werden sagt, beschreibt Foucault für das Verhältnis von Wissen und Erkannt-werden anhand der Alchemie: „Die Bedeutung der Alchimie, ihr Starrsinn, trotz so vieler Schlappen und so unendlicher Wiederholungen nicht verschwinden zu wollen, die Faszination, die sie auszuüben vermochte, haben ihren Grund wahrscheinlich darin, daß sie eine der elaboriertesten Formen dieser Wissensgattung gewesen ist. Sie suchte weniger die Wahrheit zu erkennen, als sie gemäß einer Bestimmung der günstigen Momente zu produzieren (daher ihre Verwandtschaft mit der Astrologie). Zu diesem Zweck befolgte sie Vorschriften, Verhaltensregeln und Exerzitien (daher ihre Bande zur Mystik) und versprach sich am Ende eher einen Sieg, eine Meisterschaft, eine Überlegenheit über ein Geheimnis als die Entdeckung einer Unbekannten. Das alchimistische Wissen ist nur dann leer oder unnütz, wenn es in Termini einer Wahrheit als Abbild befragt wird; es ist voll, wenn es als Ensemble von strategischen Regeln, Prozeduren, Berechnungen und Anordnungen betrachtet wird, die die rituelle Produktion des Ereignisses »Wahrheit« gestatten sollen.“ (Hervorhebung TM, Michel Foucault, Technologien der Wahrheit, in: ders., Botschaften der Macht: Der Foucault Reader, Diskurs und Medien, hg. v. Jan Engelmann, Stuttgart 1999, S.135-136)
[35]
Ellen Ullman, Kevin Kelly, Technocommunist, REWIRED vom 8.12.97, http://www.rewired.com/97/1208.html
[36]
Brad de Long, Old Rules for the New Economy, REWIRED vom 9.12.97, http://www.rewired.com/97/1209.html
[37]
„Microelectronics as one of the leading sectors of technological change
– microelectronics as an industry – is new to our generation, but
productivity advances in leading sectors that are fast enough to be called
industrial revolutions have not been news for two and a half centuries.“,
Ebenda
[38]
„The economy cycles through a number of leading sectors: textiles,
transportation, construction, textiles again, watches and jewelry,
telegraphs, construction again, telephones, transportation again, household
utilities, household appliances, broadcasting, textiles and apparel, and
medical care – all before the microelectronics revolution.“, Ebenda
[39]
„But as our capabilities grow, the salience of our expanded capabilities
in the economy – which is, after all, the realm of things that are scarce:
air has never been part of the economy – does not.“, Ebenda
[40]
Kevin Kelly, NetEconomy, S.14
[41]
„My wife and I have a small dining room, with a small four-bulb chandelier.
But should we go to Monterey for the weekend and leave the dining room light
on, by the time we return we have used as much in the way of artificial
illumination as an average pre-1850 American household consumed in a year.
What would have cost them about five percent of their household income in
candles, tapers, and matches costs us so little that we cannot see it in our
Pacific Gas and Electric bill.“
[42]
Felix Stalder, The Generous Pusher, REWIRED vom 10.12.97, http://www.rewired.com/97/1210.html
[43]
Vgl. Kevin Kelly, NetEconomy,
S.165-194
[44]
Jamie King, Praying to Mammon, REWIRED vom 11.12.97, http://www.rewired.com/97/1211.html
[45]
Jim Balderston, Buy Low, Sell High,
, REWIRED vom 12.12.97, http://www.rewired.com/97/1212.html
[46]
Paul Treanor, Nirvana of Flow, REWIRED vom 15.12.97, http://www.rewired.com/97/1215.html
[47]
„Take a real example of neo-liberal practice. The privatization of
state-owned British Rail resulted in the signing of 30,000 new contracts.
Before, BR owned the track, the trains, the stations, and employed all the
people necessary to run them. Now, these people are employed by competing
companies: the operator pays track use fees to one company, leases the
trains from another, pays a third to use the stations, sells a concession to
a fourth to sell coffee on trains, using a franchise formula leased from a
fifth. And so on, to the delight of lawyers (who draw up all the contracts).
A vast net of contracts has emerged, each in theory the result of
competition. [...] Another example: a consultancy in the Netherlands fires
its staff, and insists that they set up a business to employ themselves.
These then compete against each other to sell their own services back to the
consultancy.“, ebenda.
[48] Wobei dadurch noch nichts gesagt ist über Inhalt und Bedeutung dieser Informationen.
[49]
„With neo-liberalism stated in this way, you can see that the distance
from Wired to the EFF to New Age, feminism, and spirituality, is not as
great as you might think.“
[50] Im Original churn (engl. aufwühlen, buttern). Der Begriff Fluss wurde der deutschen Übersetzung seines Buchs entnommen. Er benutzt im zehnten Gesetz aber auch den Begriff ‚flow‘. Wenn im Abschnitt 2.10 und 2.11 also der Begriff Fluss benutzt wird, ist jeweils Unterschiedliches gemeint.
[51]
Tim Redmont, The Future We Want, REWIRED vom 16.12.97, http://www.rewired.com/97/1216.html
[52]
„Or would we rather take steps to limit the rapid churn, to temper the
whims of our emerging economy, to decide, as a society, that it's more
important for people to be able to live happy, stable lives than for the
computer networks we have created turn us into manic rats in a never-ending
maze? Can't we evaluate the future, as sentient beings, and make our own
choices?“, Ebenda
[53] Hervorhebung von TM.
[54]
Owen Thomas, So Very Early 1995, REWIRED vom 17.12.97, http://www.rewired.com/97/1217.html
[55]
Vgl. Kevin Kelly, NetEconomy, S.75
[56]
David Hudson, That Fabulous Intelligence, REWIRED vom 1.12.97, http://www.rewired.com/97/1201.html
[57]
Kevin Kelly, NetEconomy, S.90