Thomas
Mielke
Netzwerkgesellschaft
zwischen Analyse und Konstruktion gesellschaftlicher
Produktivität
Kann im Zuge von
Phänomenen wie der
New
Economy
tatsächlich von einer neuen Gesellschaft oder von einem neuen Zeitalter
gesprochen werden, oder vielleicht besser: befindet sich die industrielle
Gesellschaft mitten in einer Transformation zu etwas Neuem, das
wir noch nicht mit Namen kennen, und das deshalb häufig im Zusammenhang
mit dem Präfix
post
genannt wird (z.B. Postindustrialismus, Postfordismus).
Wenn
es um die New Economy geht, finden sich schnell zwei recht festgelegte
Positionen: Die umstandslose Affirmation der Ideen um die New Economy
[1]
und die Position der Leugnung des Neuen
[2].
Letztere ist nach der Krise bestimmter Teile der real existierenden New Economy
aus der Defensive gekommen. Vielleicht ist mit der Polarisation um die New
Economy nichts anzufangen und es ist einfach zu früh, darüber ein
Urteil zu fällen. Deshalb mag zunächst die Annäherung über
einen mehr als drei Jahrzehnte alten Diskurs helfen: den der Wissens- oder
Informationsgesellschaft
[3].
Einer der elaboriertesten Versuche in dieser Tradition ist das 1500-seitige Werk
The
Information Age: Economy, Society and Culture
[4]
von Manuel Castells.
Warum
Castells?
Den
roten Faden in der empirisch sehr gehaltvollen Analyse bildet das Konzept der
Netzwerkgesellschaft.
[5]
Damit ist die Superstruktur der globalen Gesellschaft gemeint, deren
Beziehungsgeflecht aus Macht, Technik, Information und Kapital als Netzwerk
charakterisiert werden kann. Trotz dieser Leitfigur wirken die Bände
fragmentarisch. Im ersten Band geht es um die Entstehung der
Netzwerkgesellschaft, angefangen mit der Revolution der Informationstechnologie
über die New Economy und einer der Netzwerkgesellschaft angemessenen
culture
of real virtuality
bis hin zu einer Theorie der Transformation von sozialem Raum und sozialer
Zeit. Im zweiten Band treten der globalen Macht der Netzwerkgesellschaft die
Identitäten der vielfältigen sozialen Bewegungen entgegen, die ihre
eigenen Werte zu behaupten suchen. Der dritte Band
End
of Millenium
unternimmt den ambitionierten Versuch einer Synthese der vorangegangenen
Analyse in einer sozialen Theorie des Informationszeitalters.
Die
Bedeutung von kapitelübergreifenden Synthesen erscheint gering, was den
Vorteil hat, dass man einzelne Kapitel für sich lesen kann. Auch geht
Castells eine Selbstverpflichtung ein, möglichst keine Prognosen zu machen
[6]
oder sich gar zu äußern, wie es besser gemacht werden kann. Die
Meidung übertrieben generalisierter Aussagen und Schlüsse mag
Castells Lehre aus dem Zusammenbruch des Realsozialismus und seiner
marxistisch-leninistischen Orthodoxie sein. (Vgl. Bd.3: 62)
Castells
bietet einen Behälter oder eine Plattform für einen Diskurs, ohne
sich völlig auf den (scheinbar) sicheren Boden bloßer
Tatsachendarstellung zurück zu ziehen. Das Ergebnis ist ein fragiles
Gebilde von Hypothesen, Ideen, Kategorisierungsvorschlägen und
Ansätzen, das droht, wie Sand zwischen den Fingern hindurchzurinnen, wenn
man es in seiner Gesamtheit greifen will, d.h. wenn man sich nicht auf
bestimmte Aspekte konzentriert. Der Leserin wird die risikoreiche Aufgabe
überlassen sich einen Aspekt zu wählen und aus dieser Perspektive
selbst zu einer theoretischen Konzeption zu gelangen.
[7]
In diesem Sinne setzen die folgenden Überlegungen den Fokus zunächst
auf Castells Begriff von Produktion und Produktivität. Nach der
Betrachtung des neuen Produktivitätsparadigmas wird zur Ergänzung
kurz auf
Empire
von Michael Hardt und Antonio Negri übergeleitet.
Was
ist das Neue?
Selten
finden sich in den drei Bänden Zustandsbeschreibungen oder
Bestandsaufnahmen. In einer Analyse des Informationszeitalters verbieten sich
solche Formen, denn alles ist im Fluss. Statisches Wissens spielt
höchstens als Mittel seiner Aufhebung eine Rolle.
[8]
Darin ist Castells Analyse seinem Gegensand entsprechend. In einem häufig
vorkommenden Motiv geht es um Wissen, das in einer selbstverstärkenden
Rückkopplung auf sich selbst zur Hauptquelle der Produktivität wird
(vgl. Bd.1: 17, 31, 70, 78, 148, ...), wobei Informationstechnologie und eine
bestimmte Kultur des Umgangs mit ihr zentrale Punkte sind. Mit der
Produktivität wären wir jetzt schon mitten im gefährlichen Feld
der Ökonomie. Deshalb ist es sinnvoll bei Castells Begriff der
Produktivität anzusetzen.
Produktivität
Produktivität
bezieht sich auf Produktion, welche „die Handlung des Menschen in Bezug
auf Materie (Natur) [ist], um sie anzueignen und zu seinem Nutzen in ein
Produkt umzuwandeln, welches (zu ungleichen Teilen) konsumiert und als
Mehrprodukt entsprechend einer Vielzahl gesellschaftlich bestimmter Ziele
reinvestiert werden kann.“ (Bd.1: 14, Übers. von mir)
Wichtig
ist hier festzuhalten, dass nach Castells der Begriff der Produktion sich aus
(seiner Aufhebung in) der Erzeugung eines Mehrprodukts definiert. Dem ist
grundsätzlich zuzustimmen. Es sind unterschiedliche Phänomene
bekannt, die im Zusammenhang mit einem (gesellschaftlichen) Mehrprodukt stehen.
Dazu einige Beispiele, die zur Illustration von Castells Behauptung von ihren
komplexen historischen Zusammenhängen abstrahiert wurden:
In
der agrarischen Gesellschaft, wurde das Mehrprodukt als Saatgut reinvestiert.
Das unterscheidet sie von der Sammlergesellschaft, in der es keine Produktion
gab. In der feudalen Gesellschaft diente das überschüssige Korn den
politischen Zielen des Adels. Das Mehrprodukt im Kapitalismus trat in
verdinglichter Geldform seinen selbstbezüglichen Kreislauf an. Der
Industrialismus schuf sich seine eigenen Voraussetzungen in einer
selbstverstärkenden Rückkopplung. So konnten z.B. erst mit dem
Eisenbahnbau die Rohstoffe des Bergbaus adäquat transportiert werden (was
wiederum den Eisenbahnbau erleichterte). Im
Staatismus[9]
diente das industrielle Mehrprodukt zur Maximierung der Staatsmacht – im
Grunde eine moderne Spielart des Feudalismus.
Mit
diesen Produktionsphänomenen gehen einher die unterschiedlichen sozialen
Gruppen, Stände oder Klassen mit ihrem jeweiligen legitimierenden Wissen
über die Produktivität ihrer Tätigkeit und den daraus folgenden
Ansprüchen am erzeugten Reichtum bzw. auf die Teilhabe an der
Entscheidung, wie dieser einzusetzen ist. Aus dem Ergebnis dieser
Auseinandersetzung gehen Regeln hervor, welche die Produktionsweise (
mode
of production
)
(und damit auch die Konsumtionsweise
[10])
bestimmen. (Bd.1: 15f)
Bis
zur Produktionsweise folgt Castells der klassischen Marxschen Terminologie. Er
erweitert diese jetzt um den Begriff der Entwicklungs- oder
Transformationsweise (
mode
of development
).
Zu den Produktionsweisen zählen Kapitalismus und
Staatismus.
Die relevanten Transformationsweisen bilden Industrialismus und
Produktionsweise
versus Transformationsweise
Bei
der Konzeption einer Theorie spielt die Wahl der grundlegenden Kategorien die
entscheidende Rolle. Deren Trennungskraft bestimmt wesentlich wie sich die
Dinge nachfolgend ordnen lassen und damit letztendlich auch die Fruchtbarkeit
für die Erkenntnis. Eine Bedingung dafür ist, dass die Kategorien
miteinander funktionieren, kommensurabel sind, und nicht Elemente von
verschiedenen einander widersprechenden Theorien sind. Um Castells Ansatz
dahingehend zu überprüfen – was angesichts der Analyse-Ursuppe
dringend geboten scheint – ist es nötig sich seine Definitionen
genauer anzusehen:
"Unter
Staatismus verstehe ich ein Sozialsystem, das um die Aneignung des
gesellschaftlich produzierten ökonomischen Mehrprodukts durch die
Machthaber im Staatsapparat herum organisiert ist; dies im Kontrast zum
Kapitalismus, in dem das Mehrprodukt durch die Inhaber der Kontrolle in
ökonomischen Organisationen angeeignet wird [...]. Während
Kapitalismus auf Profit-Maximierung zielt, ist Staatismus auf Macht-Maximierung
hin orientiert; d.h. in die Richtung der Erhöhung der militärischen
und ideologischen Befähigung des Staatsapparats seine Ziele einer
größeren Anzahl an Subjekten und in tieferen Schichten ihres
Bewusstseins einzupflanzen. Unter Industrialismus verstehe ich eine
Entwicklungsweise in der der quantitative Zuwachs der Produktionsfaktoren
(Arbeit, Kapital und natürliche Ressourcen) zusammen mit der Nutzung neuer
Energiequellen die Hauptquelle der Produktivität ausmacht. Mit
Informationalismus meine ich eine Entwicklungsweise in der die Hauptquelle der
Produktivität das qualitative Vermögen ist, die Kombination und die
Ausnutzung der Produktionsfaktoren auf der Grundlage von Wissen und Information
zu optimieren." (Bd.3: 8, Übers. von mir)
Wenn
sich bei der Produktionsweise alles darum dreht, wer sich aufgrund der
Produktionsverhältnisse
das Mehr
produkt
aneignen kann, so geht es bei der Transformationsweise
[11]
um die Hauptquelle der
Produktivität.
Aber spätestens hier schließt sich der Kreis kurz und man
erhält eine Verdoppelung der Produktivität in der
Transformationsweise und der Produktionsweise (siehe Hervorhebungen).
Während die Produktionsweise gerade Resultat der sozialen
Auseinandersetzung darüber ist, was denn als produktiv zu gelten hat,
erscheint in der Transformationsweise die Produktivität als objektiv
[12],
als hätte es nie Kämpfe darum gegeben, welcher gesellschaftliche
Bereich der produktivere sei, oder als sei Produktivität ohne die sie
hervorbringenden Menschen möglich. Selbst wenn man eine unabhängige
unsichtbare Kraft annimmt, nach der Produktivität bewertet werden
könnte, müsste man dann denjenigen Produktivitätsbegriff
verwerfen, der als Ergebnis von sozialen Kämpfen definiert ist.
Auch
die Bezugnahme auf bloße Input/Output-Ratios und damit verbundene
Wertsteigerung hilft über den Industrialismus nicht hinaus und
verschleiert nur noch mehr, da damit auf eine Werttheorie der
Materialflüsse rekurriert wird, die gar nicht expliziert wird.
[13]
Die geheimnisvolle Natur der Produktivität wird letztlich auch nicht mit
dem Hinweis auf „Verhältnisse zwischen Arbeit und Materie als einer
Funktion der Nutzung von Produktionsmitteln unter Zugabe von Energie und
Wissen“
[14]
aufgeklärt. Dies führt zu dem Eindruck, dass Castells hier den
Begriff der
Produktivkräfte
neu erfindet.
[15]
Werfen wir einen Blick auf die berühmte Passage von Marx:
„Auf
einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen
Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen
Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck
dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich
bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen
diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche
sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen
Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder
rascher um.“ (Marx 1961: 9)
Nach
Marx wird die Produktionsweise (ökonomische Grundlage) von den
Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften gebildet, wobei
letztere für den Wandel verantwortlich sind. Nach diesem Schema
könnte man also vereinfacht sagen, dass die Produktivkräfte des
Informationalismus, oder altbackener: der mikroelektronische Revolution,
für die Umwälzung im Kapitalismus verantwortlich sind. Das klingt
allerdings sehr deterministisch und ein nicht wohlwollender Leser mag
unterstellen, dass es sich bei dem Begriff der Transformationsweise lediglich
um einen dagegen gerichteten Immunisierungs- oder Verschleierungsversuch
handeln könnte.
Möglicherweise
hat der Begriff der Transformationsweise aber einen entscheidenden Vorteil
gegenüber dem der Produktivkräfte. Für die instrumentelle
Rationalität ist mit dem Begriff der Kraft untrennbar die Manipulation und
Bändigung verbunden, die Unterordnung unter und die
Disziplinierung/Formung durch die Produktionsverhältnisse. Das
Verständnis des Phänomens als Transformationsweise legt
möglicherweise eine weniger instrumentelle Perspektive nahe, die eher dazu
einlädt, das Neue als Prozess zu betrachten und mit Augenmaß zu
lenken, statt es disziplinierend beherrschen zu wollen. Darin besteht
möglicherweise der Kern des Konzepts der Netzwerkgesellschaft:
„Das
Entstehen der Netzwerkgesellschaft [...] kann nicht ohne die Wechselwirkung
dieser beiden relativ autonomen Trends verstanden werden: die Entwicklung der
neuen Informationstechnologien und der Versuch der alten Gesellschaft sich neu
auszurüsten, indem sie die Macht der Technologie nutzt, um der Technologie
der Macht zu dienen.“ (Bd.1: 61, Übers. von mir)
Damit
ist ein gewisses Potenzial der Befreiung impliziert, das in den neuen
Technologien steckt und auf das bei der Diskussion von
Empire
zurückgekommen werden soll.
Eine
oberflächlichere Interpretation wäre es, Castells Aufforderung zu
folgen, Theorien nicht zu ernst zu nehmen und lediglich als „Werkzeug
für die Begleitung kollektiven Handelns“
[16]
zu nutzen. Dann würde die Rede von der neuen Transformationsweise
Informationalismus
einen Sinn als Diskursstrategie zu einer Transformation oder Restrukturierung
des Kapitalismus machen, nach laissez-faire und keynesianischem, hin zu einem
informationellen
Typus (vgl. Bd.1: 161). Castells ist sich der immensen Problematik des
Produktivitätsbegriffs sehr wohl bewusst
[17]
und ihm müsste auffallen, dass er, wenn er ihn benutzt, das konstruiert,
was er zu analysieren vorgibt – was in ziemlichen Kontrast zu der
Unbefangenheit steht, mit der er den Produktivitätsbegriffs benutzt. Das
ist ein Hinweis darauf, dass er seine theoretische ‚Grundlegung’
vielleicht eher als Instrument des symbolischen Kampfs für eine Reform der
Produktionsweise einsetzt, als sich an ehernen Wissenschaftsidealen (sic) zu
orientieren. Die Produktionsweise ist das, was wir haben, und die
Transformationsweise zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen, um in der
globalen Netzwerkgesellschaft erfolgreich zu sein. Gehen wir ihn nicht,
erleiden wir das Schicksal der alten Gesellschaft, deren gesamte Technologie
der Macht ihr nicht geholfen hat: das Schicksal des
Staatismus.
[18]
Das ist, kurz gesagt, die Moral der Theorie:

Um
ein etwas weniger polemisches Verständnis des Ansatzes zu
ermöglichen, ist es jedoch nötig ihn von jener Disparität eines
Wertbegriffs zu reinigen, der gleichzeitig als Ergebnis gesellschaftlicher
Auseinandersetzungen in der Produktionsweise
[19]
und als implizit objektivistisch in der Transformationsweise auftaucht, und der
Castells ambivalente Haltung zum (instrumentellen?) Rationalismus ausdrückt.
[20]
Es
sei hier statt Castells Definition eine Unterscheidung von Produktionsweise und
Transformationsweise vorgeschlagen, die die Fallstricke einer Werttheorie
vermeidet und Kategorien als Sinnbehälter schafft, die sich
empirisch-analytisch bewähren könnten. Produktionsweise wäre
danach eine Logik der Produktion, die ihre eigenen Voraussetzungen
konsolidiert, während Transformationsweise eine Produktionslogik meint,
die ihre eigenen Voraussetzungen aufhebt und eine neue Qualität schafft,
dabei aber ihre Veränderung allein aus sich heraus generiert. Hier ist
Aufhebung im guten dialektischen Sinne gemeint (vgl. Hegel 1986: 149f), nicht
als einfache Negation, sondern als Konservierung einer Praxis (und damit auch
vorhergehender Praxen), so dass der ‚Fortschritt’ sich allein
daraus definieren würde weder den jetzigen Zustand beizubehalten noch
einfach in einen vorhergehenden zurückfallen zu können. Diese Praxen
verfestigen sich zu kulturellen, institutionellen und technologischen
Errungenschaften, die vergegenständlichte Erinnerungen an das
Vorhergehende bilden und somit die Voraussetzung für
Neues
schaffen. Sind die Bedingungen günstig, kann sich eine neue Praxis bilden
und eine Eigendynamik entfalten, die alles Vorhergehende auf den Kopf stellt.
Dieser
Qualitätswechsel, der die Transformationsweise ausmacht, wird durch das
Messen der Produktivitätssteigerung unzureichend repräsentiert. Wie
kann er aber anders gefasst werden?
Zur
Illustration des neuen Begriffs von Transformationsweise sei auf den
Transformationsforscher Karl Polanyi verwiesen, bei dem der
Qualitätswechsel in der Bewegung der Aufhebung
Entbettung
genannt werden könnte:
“Die
Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die
sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet.“ (Polanyi
1978: 88f)
Die
Transformation der Institution des Markt-Wirtschaftssystems, seine Entfesselung
und Entgrenzung, ging historisch einher mit dem Industrialismus und ist
untrennbar mit diesem verwoben. Die Produktionsweise stellt die Frage nach der
Strategie,
wie mit der Transformation umgegangen werden soll. Versucht man mit Hilfe des
zweischneidigen Schwertes der Rationalität die kapitalistische
Transformation wieder einzufassen, zu verlangsamen, zu begrenzen, zu
kanalisieren, zu regulieren oder für andere Ziele zu nutzen? Oder
lässt man aus dem Prozess neue Institutionen entwickeln, die in der Lage
wären das Markt-Wirtschaftssystem zu dominieren? Die erste Strategie
wäre nach Castells die der alten Gesellschaft, die zweite Strategie
entspräche der neuen Gesellschaft, der Netzwerkgesellschaft, deren
Organisation es erlaubt, sämtliche Transformationsflüsse entsprechend
ihrer Logik zu gestalten. Das Netzwerk wäre in diesem Fall diejenige
Logik, die sich im Schoße der Marktlogik entwickelt hat, sich dann aber
über sie stülpt und einbettet, sie dominiert und das Hegemoniale
Prinzip bildet, dass der Epoche seinen Stempel aufdrückt.
Um
es noch einmal allgemeiner auszudrücken: Die Transformationsweise ist
grundsätzlich das, worauf die Produktionsweise reagiert und mit dem sie
eine Form des Umgangs sucht. Dabei ist die Produktionsweise nicht determiniert,
sondern muss erst ‚erfunden’ werden und hat deshalb immer einen
willkürlichen Charakter.
Bei
der Unterscheidung von Transformationsweise und Produktionsweise sind zwei
Punkte zu beachten. Zum einen ist der Zeitrahmen kritisch: Bei kosmischen
Zeiträumen hebt wohl jede Produktionsweise ihre eigenen Voraussetzungen
auf, sei sie auch noch so
sustainable,
und bei kurzen Schnappschüssen hat der Begriff der Transformationsweise
keinen Sinn, denn eine Bewegung ist nur über einen gewissen Zeitraum
erkennbar. Zum anderen ist die Möglichkeit eines räumlichen
Nebeneinanders von verschiedenen Produktions- und Transformationsweisen zu
berücksichtigen.
Weiter
soll die Kategorienbildung hier nicht ausgedehnt werden und das Gesagte mag
ausreichen, um als Notbehelf für eine wesentliche konzeptionelle
Schwäche bei Castells theoretischer Fundierung zu dienen, womit die
Diskussion seiner Analyse der Netzwerkgesellschaft fortgesetzt werden kann.
Voraussetzungen
der informationellen Transformationsweise
Keine
Transformation einer bestehenden Produktionsweise findet statt ohne eine
vorausgehende (oder zumindest einhergehende) Neuorientierung des Wissens
über die Produktivität. Diese ‚New Political Economy’
führte in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer Politik der
Globalisierung, die sich auf die Begriffe Thatcherismus und Reagonomics
zuspitzen lässt. Sie enthielt drei wesentliche Elemente:
- die
Deregulierung der Volkswirtschaften, vor allem der Finanzmärkte,
- die
Liberalisierung des Außenhandels und ausländischer Investitionen,
- die
Privatisierung von Staatsbetrieben. (Bd.1: 137)
Neben
der politischen Durchsetzung dieser Ziele bedurfte die globale Ausbreitung der
informationellen Transformationsweise einer weiteren Voraussetzung – der
Entwicklung moderner Informationstechnologien, deren wichtiges Ergebnis die
Existenz des Internet ist. Auch hier kam der Anschub durch den Staat, genauer:
durch militärische Forschung. Dies ist kein
einfacher
Technik- oder Produktivkraft-Determinismus. Beide Elemente, obwohl auf dem Weg
über Wirtschafts- und Sicherheitspolitik in die Welt gesetzt, lassen sich
nicht einfach wieder auf diesem Weg aus der Welt schaffen, sondern erfordern im
Umgang mit ihnen eine neue Kultur, die mit den politischen und technologischen
Verhältnissen fertig wird.
Die
informationelle Kultur
Es
war nicht einfach die Erschließung neuer Energieformen für
Produktionsprozesse, die den Industrialismus ermöglichte, sondern es
musste sich eine neue industriellen Kultur (Arbeitsteilung) herausbilden.
(Bd.1: 100) Einen ähnlich tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel
diagnostiziert Castells für die informationelle Gesellschaft. Dabei wird
die industrielle Gesellschaft nicht ersetzt, sondern sie wird unter das
informationelle Paradigma subsummiert, transformiert und in ihm aufgehoben. Die
Herausbildung einer adäquaten Kultur im Umgang mit den neuen politischen
und technologischen Verhältnissen wird, wie die Geschichte lehrt, einige
Zeit dauern. (Ebd.)
Hier
wird Hegels Erbe in der Denkungsart von Castells sehr deutlich (wenn man von
dessen Aversion gegen geschlossene theoretische Systeme und theoretischen
Absolutismus einmal absieht). Hegels erkenntnistheoretisch wichtigste
Kategorie, die (unsichtbare) Kraft (Hegel 1986: 107ff), die den Prozess am
Laufen hält, bilden bei Castells die politischen und technologischen
Gewordenheiten, die abstrakten Bewegungen der Globalisierung und der
Entwicklung der Informationstechnologie
[21],
die wir nur in Form von Effekten wahrnehmen können und für die wir
zunächst keine adäquate kulturelle Umgangsform haben.
Das
Charakteristische der Kraft ist, dass sie nie für sich steht, sondern
immer schon auf anderes bezogen ist und ein abstraktes Verhältnis zwischen
Dingen aufbaut, das sich nur durch Effekte ausdrückt. Die Gesamtheit der
Dinge und Verhältnisse bildet das Netzwerk. Globalisierung und die
Entwicklung der Informationstechnologie schaffen den Effekt der Komprimierung
von Raum und der Beschleunigung von Zeit. Die damit verbundene Dichte an
Beziehungen zwischen den Dingen lässt das Netzwerk in den Vordergrund
treten. Gegenüber der Entfremdung des Industriezeitalters (vgl. Marx 1985:
510ff) überzieht das Informationszeitalter die Individuen mit einem Fluss
von Informationen und globalen, nicht mehr einfach zu durchschauenden
Verhältnissen. Die Produktion einer informationellen Subjektivität
steht damit vor der Aufgabe, den Rückzug der Individuen in Reservate mit
einfachen Wahrheiten und verständlichen Regeln zu verhindern und sie statt
dessen in die Unwägbarkeiten eines selbstverantwortlichen
‚produktiven’ Lebens in der Netzwerkgesellschaft zu leiten.
Was
ist die Netzwerkgesellschaft?
Die
Trivialisierung des Netzwerks als miteinander verbundene Knoten ist verlockend
(und auch Castells konnte ihr nicht widerstehen) (Bd.1: 501) – aber sie
lenkt von den komplexen Zusammenhängen ab, in denen soziale Netzwerke
unter heutigen technischen Bedingungen existieren. Die Auswirkungen einer
Netzwerkorganisation als Gesellschaftsmodell werden nur in der Gesamtheit einer
breit angelegten Analyse, wie sie Castells anbietet, adäquat
repräsentiert. Die Netzwerkgesellschaft ist ein Platzhalter für die
Bündelung und Organisation des Wandels im globalen Maßstab, weil
angenommen werden kann, dass die dafür wesentlichen Prozesse miteinander
zusammenhängen und sich beeinflussen. (Bd.1: 4) Trotz der
Platzhaltercharakters ist der Begriff der Netzwerkgesellschaft nicht beliebig
gewählt. Als hohe, aber nicht höchstmögliche Abstraktion ist die
Netzwerkgesellschaft immer noch Eigenschaft des gesellschaftlichen Seins und
als solche noch bestimmbar. Merkmal der Netzwerkorganisation der Gesellschaft
ist nicht die Vernichtung von Hierarchie, sondern eher eine auf die Spitze
getriebene Flexibilisierung von Hierarchie und Mobilität von Positionen,
verbunden mit der Haltung, nicht direkt (disziplinierend) beherrschen zu
wollen, die auf der anderen Seite auf eine „Kunst nicht derart regiert zu
werden“ (Foucault 1992: 12) trifft. Die Netzwerkgesellschaft
ermöglicht es Macht entsprechend flexibler Muster zu transformieren.
Während
Castells aus der Perspektive einer Transformations- oder Organisationstheorie
seinen Gegenstand als
Netzwerkgesellschaft
konstituiert, umschreiben Negri/Hardt aus der Perspektive einer
Imperialismustheorie ihr Konzept als
Empire,
als neue, nicht-territoriale Form der Ausübung souveräner Macht.
Beide Ansätze führen auf ähnliche Pfade und analysieren
teilweise die selben Phänomene. Eine Gegenüberstellung bzw.
Ergänzung mag deshalb für eine bessere Tiefenschärfe sorgen.
Was
ist Empire?
Das
Neue, dass den Postimperialismus auszeichnet, ist dass es nicht verschiedene
Mächte gibt, die politisch um den Zugriff exterritorialer Ressourcen
konkurrieren, sondern dass es nur noch eine Macht ist, die nicht mehr
territorial gebunden ist. (Negri/Hardt 2000: 9; im Folgenden zitiert als
‚E.’) Das bedeutet für einen möglichen Widerstand gegen
diese Macht, dass es keine Außenseite mehr gibt, von der aus man auf das
System einwirken könnte.
[22]
(E.: 46) Aber auch das System selbst muss sich bei der Suche nach für die
Produktion subsumierbaren Ressourcen nach innen wenden und statt extensiv immer
neue Territorien zu unterwerfen sich auf das bisher Eroberte zurückwenden
und einer intensiveren Ausbeutung zugänglich machen – oder wie
Habermas sagen würde: die Lebenswelt kolonisieren. Negri/Hardt
argumentieren mit Foucault, dass die Disziplinierungsgesellschaft der Moderne
der Kontroll-Gesellschaft der Postmoderne gewichen ist. Die biopolitische
Steuerung – oder besser: Produktion – des Lebens selbst wird zum
Ziel kapitalistischer Aneignung: die Produktion der Produzenten. (E.: 32) In
diesem Sinne hat auch die kapitalistische Produktionsweise einen Mechanismus
der Macht-Maximierung gefunden, um seine „Ziele einer größeren
Anzahl an Subjekten und in tieferen Schichten ihres Bewusstseins
einzupflanzen“, wie Castells es für den
Staatismus
beschreibt (Bd.3: 8).
Produktion
im Empire: Das Ende des Disziplinierungsregimes
Empire
lässt sich nicht auf die Frage nach der Produktivität der
veränderten Produktionsweise ein, hier geht es viel mehr um die
Effektivität von Machtausübung, letztlich um die Genesis eines neuen
Machtmechanismus.
“Vom
Standpunkt des Kapitalisten erscheint der Wert notwendiger Arbeit als objektive
ökonomische Größe [...] aber in Wirklichkeit ist er sozial
determiniert und er verweist auf eine ganze Serie von sozialen
Kämpfen.“ (E.: 273, Übers. von mir)
Diese
Kämpfe führten in den 60er und 70er Jahren zu einem gewaltigen
Anstieg der (gesellschaftlich anerkannten) notwendigen Kosten der Reproduktion,
z.B. mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Dies war gleichbedeutend mit einem
Gewinn an Freiheit und führte zu einer Ablehnung des
„Disziplinierungsregimes der Fabrikgesellschaft“ und einer
Neubewertung sämtlicher Normen der Produktivität. (Ebd.) Soziale
Bewegungen formierten sich, die einer eher immateriellen Form der Produktion
den Vorzug gaben und damit experimentierten. Diese Produktionsformen sind durch
Prinzipien wie Mobilität, Flexibilität, Wissen, Kommunikation,
Kooperation und Gefühlsmanipulation charakterisiert. (E.: 275)
Negri/Hardt
argumentieren, dass bisherige Analysen der sog. ‚neuen sozialen
Bewegungen’ sie als rein kulturelles Phänomen betrachtet und dabei
allzu rigide von der ökonomischen Sphäre getrennt gesehen
hätten. Dabei sind Kultur und Ökonomie immer schwieriger auseinander
zu halten, da einerseits die Bewegungen inzwischen eine große
wirtschaftliche Macht haben, andererseits die kapitalistische Subsumtion der
Reproduktionssphäre immer größere Ausmaße angenommen hat.
Der Zugriff des Kapitals auf das nichtkapitalistische Umfeld war bei der
Fabrikdisziplin der Moderne nur formal, mit der Informatisierung der Produktion
wird er aber
real.
Es bedarf keiner Fabrik mehr, um die Menschen als Arbeitskräfte in die
Verwertungslogik zu zwingen, stattdessen wird die Fabrik internalisiert, so
dass autonome Produktion innerhalb des Rahmens der kapitalistischen
Produktionsweise möglich wird. Diese neue Autonomie gilt es zu
bändigen und die „einzige Form von Kapital, die in der neuen Welt
gedeihen kann, wird jene sein, die sich der neuen immateriellen, kooperativen,
kommunikativen und emotionalen Zusammenstellung der Arbeitskraft anpassen und
sie regieren kann.“ (E.: 276; Übers. von mir)
Die
informatisierte Produktion und die Struktur des Weltmarktes
In
dem Sinne, dass Arbeit allgemein durch die zentrale Rolle charakterisiert
werden kann, die Wissen, Information, Emotionsproduktion und Kommunikation
spielen, nennen Negri/Hardt die postindustrielle Ökonomie eine
informationelle Ökonomie. (E.: 285) Sie beziehen sich auf Castells, der
zwei Modelle der informationellen Transformation unterscheidet: das
info-industrielle (Japan, Deutschland) und das
Dienstleistungsökonomie-Modell (Vereinigte Staaten, Großbritannien,
Kanada). Aber auch Länder, die in der Weltökonomie eine
untergeordnete Rolle spielen, sind vom neuen Produktionsparadigma betroffen.
(E.: 286)
„Alle
Formen der Produktion existieren innerhalb der Netzwerke des Weltmarktes und
unter der Dominanz der informationellen Produktion von Dienstleistungen.“
(E.: 288)
Diese
Dominanz der (gehobenen) Dienstleistungen beschreibt Castells als gleichzeitige
Ausbreitung und Konzentration. Sie führt zu einer Veränderung von
Hierarchien in zwei Beziehungen:
- der
Beziehung peripherer Zentren zu globalen Zentren (New York, London, Tokio)
- der
Beziehung regionaler Zentren (z.B. Madrid, Sao Paulo, Buenos Aires, Mexiko,
Taipei, Moskau, Budapest, ...) zu ihrem Hinterland (Bd.1: 410)
Regionen
verschwinden nicht, sondern werden integriert, verstärken ihre
Verknüpfung zu den lokalen Zentren, die sie mit den dynamischsten Zentren
des Globus verbinden. Die Bedeutung der Regionen für die regionalen
Zentren geht aber zurück, da letztere primär auf die globalen Zentren
fixiert sind. (Bd.1: 412) Castells kommt es aber nicht auf die bestehende
Hierarchie der Zentren an, sondern auf die Vielseitigkeit des Systems, der
Struktur, die diese Hierarchie hervorbringt. Er sieht deshalb Städte nicht
als Orte, sondern als Prozesse in einem globalen Netzwerk.
Durch
die technologische und organisatorische Fähigkeit, Produktionsprozesse auf
verschiedene Orte zu verteilen, aber mit Hilfe von Mikroelektronik und
Telekommunikation zu reintegrieren, wurde eine neue Logik der
Industriestandorte möglich. (Bd.1: 417) Der Nutzen für das Kapital
war die Generierung von Profit aus der Unterschiedlichkeit der an den
verschiedenen Orten vorgefundenen Verhältnissen. Als Beispiel seien
Arbeitskräfte mit unterschiedlicher Qualifikation genannt, die man aus
sozialen und ökonomischen Gründen nicht am selben Ort unterbringen
möchte. Damit ermöglicht die Informationstechnologie eine derart
ungleiche Lohnverteilung innerhalb ein und des selben Produktionsprozesses, wie
wir sie gegenwärtig in der internationalen Arbeitsteilung erkennen
können. (Bd.1: 418)
Den
unter dieser Arbeitsteilung leidenden unterentwickelten Ländern empfehlen
Negri/Hardt ein Entwicklungsmodell, dass sich an Italien orientiert. Dort wurde
nicht erst auf den Abschluss der Industrialisierung gewartet, sondern die
Informatisierung parallel dazu betrieben. (E.: 289) Das widerspricht
anscheinend Castells Trennung von industrieller und informationeller
Transformationsweise. Aber Informationalismus bedeutet lediglich die Dominanz
seiner Logik über die Industrie, und beinhaltet keineswegs ein
Ausschließungsverhältnis (ähnlich dem Verhältnis zwischen
Landwirtschaft und Industrie in einer Industriegesellschaft). Mit dem Vergleich
einer Ford-Autofabrik von 1930 und einer von 1990 machen Negri/Hardt den
Unterschied dieser beiden Transformationsweisen deutlich (obwohl sie diese
Kategorie nicht explizit gebrauchen). Der Unterschied besteht darin, dass die
Fabrik von 1990 informatisiert und somit an den Weltmarkt angekoppelt ist.
Trotzdem ist sie Teil eines untergeordneten Sektors der Weltproduktion, egal ob
sie in Brasilien oder Detroit steht, während die Fabrik von 1930
seinerzeit wegweisend war. (E.: 287)
Produktionsverhältnisse
in der informationellen Ökonomie
Zwar
denken wir nicht zunehmend wie Computer, wie Negri/Hardt schreiben (E.: 291),
denn das was Computer machen ist eher ein industrieller Umgang mit
Informationen. Menschen müssen Informationen immer noch in Bedeutungen
übersetzen und einordnen, um urteilen zu können. Allerdings
verändert sich mit der Omnipräsenz der Computer das Denken auf andere
Weise. Abgesehen von der puren Schnittstellentätigkeit des Datatypisten
oder der call center Mitarbeiterin entsteht das Potenzial für spontane
Vernetzung. Insbesondere der Teil der immateriellen Arbeit, den Negri/Hardt als
Gefühlsmanipulation bzw. -produktion umschreiben, erzeugt „soziale
Netzwerke, Formen der Gemeinschaft, Bio-Macht“. (E.: 293 Übers. von
mir) Negri/Hardt lassen sich zu (durchaus interessanten) Spekulationen
hinreißen, die Castells niemals gewagt hätte. Das Netzwerk wird als
dem Markt gegenläufiger Prozess beschrieben. Die Beiden antagonistischen
Prinzipien der Kooperation und Konkurrenz stehen sich gegenüber.
Kooperation wird durch die intelligente Abstraktion des universellen Werkzeugs
Computer zunehmend fähig die Dominanz der Konkurrenz mit seiner tumben
Abstraktion über den Wert
[23]
zu überwinden und Produktion in immer höherem Maße ohne
Rückgriff auf eine Werttransmission zu integrieren. (E.: 292) Wenn
entsprechend die Produzenten dank ihrer von ihnen selbst produzierten
Subjektivität in immer größerem Maße fähig sind,
sich selbst zu organisieren, sich frei zu assoziieren, bedingt das einen
Verlust an Bedeutung für das fixe Kapital. Es wird immer weniger
gebraucht, um das variable Kapital zu tragen. (E.: 293) Oder um es zugespitzt
auszudrücken: das Kapitalverhältnis wird zur Fessel der
Produktivkräfte.
Ein
anderes Argument für die Bedrängnis des Kapitalverhältnisses
ist, dass sich gerade die in der Netzwerkökonomie wertvollen Bereiche des
Gemeineigentums, wie Sprache und soziale Netzwerke, der privaten Aneignung
widersetzen. In der Praxis überlappen hierbei das Arbeitsverhältnis
und das Kooperationsverhältnis zwar. Aber Negri/Hardt sind überzeugt,
dass das Kapital konzeptuell, was die weitere Aneignung von Gemeineigentum
angeht, am Ende ist. (E.: 302) In ihrem Abgesang an den Kapitalismus
unterscheiden sich Negri/Hardt am krassesten von Castells.
Negri/Hardt
beklagen aber auch die gegenläufige Tendenz: die durch die globalen
Finanzmärkte erhöhte Mobilität des Kapitals, wodurch die
Verhandlungsbasis der Arbeitskräfte geschwächt wird und in der Folge
Arbeitsverhältnisse prekär werden können, z.B. bei freelancern,
Heimarbeit und Teilzeit. (E.: 297) Aber möglicherweise besteht die Chance,
dass sich durch diese Grausamkeiten genau diejenige Subjektivität
entwickeln kann, die Voraussetzung für die Emanzipation von
überkommenen Arbeitsverhältnissen ist – und zwar nicht nur
für eine Elite. Negri/Hardt vertrauen da auf die Kreativität der
multitude
ein Projekt zu entwickeln, dass theoretisch sowie praktisch in der Lage ist das
Gemeineigentum neu zu definieren: „Das Gemeine ist die Inkarnation, die
Produktion und die Befreiung der
multitude.“
(E.: 303, Übers. von mir)
Vielfalt
in der Netzwerkgesellschaft
Dieses
Befreiungspotenzial kann Shiv Sisvanathan (2001) aus Castells Konzeption der
Netzwerkgesellschaft nicht ableiten. Er lobt ausdrücklich Castells
Überwindung von West-vs.-Rest oder Zentrum-Peripherie-Ansätzen,
andererseits wirft er ihm den „allerschlimmsten digitalen Ethnozentrismus
vor“. Wo die
multitude
bei Negri/Hardt noch von der Netzwerkgesellschaft profitiert, sieht Sisvanathan
eine Bedrohung für die Vielfalt des Wissens: Durch seinen Focus auf
Information entginge Castells diese Problematik. Gemeint ist hier insbesondere
lokales und inkommensurables Wissen, dass für das Netzwerk nicht attraktiv
ist und um das es einen Bogen macht. Gleichzeitig wird es von hegemonialem
Wissen, das über das Netzwerk dringt – letztlich vom neuen Paradigma
der Netzwerklogik selbst – in seinem Bestand gefährdet. Sisvanathan
selbst zieht dabei die Parallele zur Biologie und zum Artensterben und
argumentiert von einem ökologischen Standpunkt die Wichtigkeit von lokalem
Wissen für die Landwirtschaft der vierten Welt, wie Castells sie nennt
– die sich nach dem Kollaps der zweiten und der zunehmenden
Heterogenität der dritten Welt bildende wachsende Gruppe derer, die unter
den neuen Verhältnissen marginalisiert werden.
Sisvanathan
misst dem Wissen-an-sich einen hohen Wert bei. Der Wert von jahrhundertealtem
Wissen an einem bestimmten Ort ist nicht zu leugnen – allerdings genauso
wenig ist es der Wert von abstraktem, akademischen Wissen, den er nur mit dem
Geruch von „Tod und Formaldehyd“ assoziiert. Wo Negri/Hardt ein
„think globally and act globally“ (E.: 207) propagieren, scheint
Sisvanathans Argumentation ein „think locally and act locally“
nahezulegen.
Es
geht hier um die Frage, ob das Netzwerk zu einer Vermehrung von
Wissens-Diversität führt, oder zu einer Verarmung der Vielfalt und
privaten Aneignung von Wissen. Absolut, abstrakt und aus der Perspektive eines
Archivars gesehen mag letzteres ungeachtet von Netzwerk-Synergieeffekten
zutreffen. Die für die subjektive Realität bestimmende Perspektive
ist aber die durch das Netzwerk erzeugte Virtualität, die eine
Bereicherung darstellt, da theoretisch sämtliches Wissen der Welt an einem
Ort zugänglich werden kann.
Identität
und Netzwerk
Sisvanathan
wirft Castells vor, keine explizite Theorie des Wissens zu haben. Ihm mag
möglicherweise der Platz nicht gefallen, den Castells für
Wissenssysteme reserviert, die für das Netzwerk inkommensurabel oder zu
statisch sind. Castells nennt diese Orte, die innerhalb von schützenden
Gemeinschaften ihr Wissen, ihre Bedeutungswelt gegenüber der
Netzwerkgesellschaft bewahren, Widerstandsidentitäten. Er beschreibt die
Taktik, die dahinter steckt, als das Ausschließen derjenigen, die
ausschließen, durch die Ausgeschlossenen. (Bd.2: 9) Das von den
Transaktionen des Netzwerks ausgeschlossene Selbst definiert sich darüber,
für was es sich hält, und nicht darüber, was es tut. Netzwerk
und Selbst („the net and the self“) bilden einen Antagonismus
– oder in Raumkategorien ausgedrückt: der Raum der Ströme (von
Informationen, Macht, Symbolen, Bildern) und der Raum der Orte (der
Alltagserfahrung, der Sinnfindung).
[24]
Neben Sisvanathan scheint auch Harald Wolf die rigide Trennung nicht zu behagen:
“Eine
sehr weitgehende Abkopplung des Netzes von der Lebenswelt und dem Selbst, das
seine Identität nur noch in völliger Abgrenzung zum Netz bestimmen
und behaupten kann, wird zur zentralen Tendenz. Glückliche Tage,
möchte man ausrufen, da die Lebenswelt wenigstens noch kolonialisiert
wurde.“ (Wolf 2000: 97)
Aus
diesen Enklaven gegen das hegemoniale Wissen gehen jedoch manchmal Projekte
hervor, die mit ihren universalistischen Ansprüchen das Potenzial zur
Transformation der Gesellschaft besitzen, z.B. die Ökologiebewegung oder
der Feminismus. Damit wären auch Negri/Hardt einverstanden, die
argumentieren, dass es keinen externen Standpunkt mehr gibt und somit
Veräderung von innen heraus erfolgen müsse. (E.: 32f) Und Wolf
könnte man antworten, dass es bei dem Konzept der Projektidentität
möglicherweise um eine Strategie der Lebenswelt geht, die Systemwelt zu
kolonisieren.
[25]Aber
möglicherweise versperrt die Assoziation von Netzwerk mit System und von
Selbst mit Lebenswelt Wolf die Möglichkeiten zu einer anderen
Interpretation der Castellsschen Netzwerkgesellschaft zu kommen, als der eines
„abstrakt-trivialen, eindimensionalen Strukturmuster[s]“ (Wolf
2000: 97). Äußerungen von Castells, wie die zur überlegenen
Produktivität des Informationalismus mögen zu Wolfs Eindruck
geführt haben, dass Castells die spezifische Gestalt [des Netzwerks] [...]
eigentümlich entproblematisiert“ (ebd.) oder Utopien eines
reibungslosen Kapitalismus zeichnet. Dies wird aber z.B. durch das Kapitel
über die globalen Kriminalitätsnetzwerke oder das über die
Entstehung einer vierten Welt widerlegt.
Wolf
setzt das Internet mit Netzwerk gleich und stellt fest, dass es lediglich als
Subsystem in die Gesellschaft eingebettet ist. (S.99) Zum Schluss kommt er
trotzdem zu der Einschätzung, dass das Netzwerk eine neue Epoche
kennzeichnet. Er begründet dies damit, dass es „eine neue Stufe der
Produktivkraftentwicklung“ (!) anzeigt. Die Epoche kennzeichnen ist jedoch
offensichtlich etwas anderes, als ihr eine Signatur zu geben. Wolf zitiert
Adorno: „Signatur des Zeitalters ist die Präponderanz der
Produktionsverhältnisse über die Produktivkräfte, welche doch
längst der Verhältnisse spotten.“ (Wolf 2000: 102) Adorno sagt
dies zur Frage „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“
und Wolf meint, dies gelte im Kern auch für die Frage
„Spätkapitalismus oder Netzwerkgesellschaft?“ und bildet damit
den Gegenpol zu Negri/Hardts Beobachtung der Restrukturierung des Kapitals und
ihrer Hoffnungen bezüglich der Befreiungs- bzw. Empowerment-Potenziale des
Netzwerks.
Resümee
Die
vorliegende Betrachtung hatte das Ziel zu klären, ob die Transformation
gesellschaftlicher Produktion mit ihren Auswirkungen auf die gesellschaftliche
Superstruktur dazu berechtigen, von einer neuen Epoche zu sprechen. Die beiden
untersuchten Ansätze, die Netzwerkgesellschaft von Castells und das
Empire
von Negri/Hardt, haben recht plausible Argumente dafür geliefert. Zwar ist
es unwahrscheinlich, dass wir in Zukunft von der Netzwerkgesellschaft oder dem
Empire
reden, wie wir heute von der Industriegesellschaft reden – die
endgültige Charakterisierung bleibt der Kontingenz des entsprechenden
Diskurses überlassen – aber möglicherweise wird der Begriff der
Industriegesellschaft eines Tages so gebraucht werden, wie heute der Begriff
Agrargesellschaft – mit der gedanklichen Assoziation einer Gesellschaft,
die es seinerzeit versäumt hat oder nicht in der Lage war auf bestimmte
globale Prozesse angemessen zu reagieren.
Es
wurde argumentiert, dass das Neue nicht einfach durch Indikatoren wie
Produktivitätssteigerung oder Effizienz gemessen werden kann, sondern dass
sich der Qualitätswechsel durch die Entbettung einer Institution
ausdrückt. Für die Moderne war es der Markt – für die
Postmoderne könnte es das Netzwerk sein.
Dass
sich eine Produktivkraftentwicklung nicht in irgendeiner Weise auf die
Produktionsverhältnisse auswirkt, wie Wolf meint, ist zweifelhaft. Was die
internationale Arbeitsteilung angeht, hat der Informationalismus zu einer
Verbesserung der Position des Kapitals geführt. Aber andere Effekte der
Transformation können einen Gegenteiligen Effekt haben. Das Netzwerk hat
das Potenzial, die Grenzen von Produktivkraft und Produktionsverhältnissen
zu verwischen und damit das Kapitalverhältnis in Bedrängnis zu
bringen. Menschen produzieren ihre eigenen, für sie passenden
Produktionsverhältnisse – allerdings zum subjektiven Zweck der
Produktivitätssteigerung. Das Kapitalverhältnis wird internalisiert
und damit eingebettet. Es bedarf keiner äußeren
Zwangsverhältnisse wie der Fabrikdisziplin mehr. Die Frage ist aber: Von
was
wird das Kapitalverhältnis eingebettet? Dies ist gleichbedeutend mit der
Frage,
was
es ist, dass gegenwärtig dabei ist sich zu
entbetten.
Es wird nichts überraschendes sein, sondern etwas, was im Schoß der
alten Gesellschaft ausgebrütet worden ist. Deshalb muss man keine
Futurologie betreiben sondern die Gegenwart in Kenntnis der Geschichte
möglichst genau betrachten, wobei es wichtig ist neue Kategorien zu
entwickeln, um die Tendenzen zu erfassen.
Es
liegt nahe neue Entwicklungen zunächst mit alten Kategorien wie dem
Maß der Produktivitätssteigerung oder Kolonialismus zu fassen. Das
ist nicht zu vermeiden und fruchtbar, wenn es den Rahmen für eine
Entwicklung und Diversifikation von theoretischen Ansätzen bietet und
nicht zu Ausschließlichkeiten und Orthodoxien verleitet. Im Besten Fall führt
dies zu neuen Kategorien, wie der Transformationsweise bei Castells oder dem
Empire
bei Negri/Hardt.
Diese
Kategorien müssen sich einer Kritik stellen, müssen ihre
Überlegenheit in Bezug auf einen bestimmten Gegenstand gegenüber
anderen mit ihnen konkurrierenden Kategorien stellen. Das wurde hier in Bezug
auf die Kohärenz der Kategorie Transformationsweise versucht und als
Resultat vorgeschlagen, Transformation als Prozess der Entbettung zu fassen.
Ein
Problem, dass sich ergibt, ist die Auswirkung dieser grundlegenden
Kategorienverschiebung auf den Rest des nicht selten als monumental
bezeichneten Werks von Castells. Wenn es schon schwierig ist, seine Analyse als
Ganzes zu begreifen, so scheint es noch schwieriger sie als Ganzes zu
kritisieren. Hier hilft nur der Mut zur Lücke und die Hoffnung auf eine
wohlwollende (und doch kritische) Rezeption dieser Anstrengung.
Als
Ausblick wäre die Empfehlung zu nennen, für die Transformation mit
ihren biopolitischen Potenzialen offen zu bleiben und gleichzeitig die
schlimmsten Auswirkungen die sie mit sich bringt, wie die wachsende
Ungleichheit der Verteilung von Reichtum und Lebenschancen, kreativ zu
bekämpfen.
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[1]
“[...] ein loses Bündnis von Autoren, Hackern, Kapitalisten und
Künstlern [hat] die Definition einer heterogenen Orthodoxie für das
kommende Informationszeitalter geschaffen“ (Barbrook/Cameron)
[2]
Als Beispiel sei hier nur Robert J. Gordon erwähnt, der argumentiert, dass
die Erfindung der Toiletten-Wasserspülung eine größere
Bedeutung für die Menschheit hatte als das Internet (das er mit New
Economy assoziiert).
[3]
Als ein grundlegendes Werk darf
Die
nachindustrielle Gesellschaft
von Daniel Bell gelten.
[4]
Castells 1996, 1997 und 1998, im Folgenden zitiert als Bd.1, Bd.2 und Bd.3
[5]
Der Begriff der Informationsgesellschaft erscheint Castells aus verschiedenen
Gründen problematisch und den Namen der Trilogie
Das
Informationszeitalter
hat
er nur aus Marketinggründen gewählt. (Bd.1: 21 Fn.)
[6]
Die Prognosefähigkeit war bei Bell noch das wichtigste Merkmal einer
Theorie. (Vgl. Bell 1973)
[7]
„And, yes, I believe, in spite of a long tradition of sometimes tragic
intellectual errors, that observing, analyzing, and theorizing are a way of
helping to build a different, better world. Not by providing the answers
– that will be specific to each society and found by social actors
themselves – but by raising some relevant questions.“ (Bd.1: 4)
[8]
Ober wie Zygmunt Bauman (1999) es ausdrückt: „Nichts lässt sich
mit Sicherheit wissen, und alles, was man weiß, lässt sich auch
anders wissen.“ (S.48)
[9]
Castells benutzt den Begriff
statism,
vgl. Bd. 3, Kap. 1
[10]
Damit meine ich die Gesamtheit der Normen, die bestimmen welcher Teil der
Produkte zur Reproduktion der Arbeitskraft durchschnittlich gesellschaftlich
notwendig sind.
[11]
Mode of development ist hier aus ästhetische Gründen als
Transformationsweise übersetzt.
[12]
Allerhöchstens kann sich eine Praxis im historischen Rückblick als
‚objektiv produktiv’ (d.h. im Sinne der Produktion von Werten)
erweisen, wenn sie sich mit Erfolgen schmückt, die ihre Alternativen als
unproduktives Durchwursteln erscheinen lassen. Ihre Positivität
erhält diese Praxis allein durch die Negativität dessen, wozu niemand
mehr ‚Lust’ hat es ‚durchzumachen’. In der Gegenwart
aber muss das Attribut ‚produktiv’ einer neuen Praxis immer erst
gegenüber den bewährten Praxis erkämpft werden, bevor es
koexistieren oder integriert werden kann. Eine Theorie der Transformation, die
sich zwangsläufig mit Neuem auseinandersetzt, ist daher nicht gut damit
beraten, ihre Phänomene nach dem Maßstab Produktivität zu ordnen.
[13]
“A separate yet fundamental question is the level of such surplus,
determined by the productivity of a particular process of production, that is
by the ratio of the value of each unit of output to the value of each unit of
input..” (Bd.1: 16)
[14]
„Productivity levels are themselves dependent on the relationship between
labor and matter, as a function of the use of the means of production by the
application of energy and knowledge. This process is characterized by technical
relationships of production, defining modes of development.“ (Bd.1, S.16)
[15]
Das mag auch Harald Wolf aufgefallen sein, wenn er bemerkt: „Castells
weiß um die Verschränkung der Netzstrukturen mit
Kapitalverhältnis und Herrschaftsinteresse und macht doch das Netzwerk
allein zum herausgehobenen Kennzeichen der Epoche. Er lässt sich dazu
verleiten, »auf die Produktivkräfte blank zu rekurrieren, wo die
Produktionsverhältnisse die Vorhand haben.« (Adorno 1968, 365) Das
Netzwerk wird zum abstrakt-trivialen, eindimensionalen Strukturmuster gemacht,
das verschiedenste sozioökonomische und soziokulturelle Tendenzen
durchdringt und modelt.“ (Wolf 2000: 97)
[16]
„Theories, and their inseparable ideological narratives, can be (and have
been) useful tools for understanding, and thus for guiding collective action.
But only as tools, always to be rectified and adjusted according to experience.
Never as schemata to be reproduced, in their elegant coherence, in the
imperfect yet wonderful world of human flesh.” (Bd.3: 63)
[17]
„Few economic matters are more questioned and more questionable than the
sources of productivity and productivity growth.“ (Bd.1: 79)
[18]
„In other words: The industrial economy had to become informational and
global or collapse.“ (Bd.1: 100)
[19]
Nicht zu verwechseln mit einer Werttheorie der subjektiven Nutzens; vgl.
Michael Heinrich,
Die
Wissenschaft vom Wert
,
Hamburg 1991
[20]
Das intellektuelle Drama wird deutlich, wenn man diese beiden Passagen
gegenüberstellt: „The project informing this book swims against
streams of destruction, and takes exception to various forms of intellectual
nihilism, social skepticism, and political cynicism. I believe in rationality,
and in the possibility of calling upon reason, without worshipping its
goddess.” (Bd.1, S.4) Und: „As for intellectuals, the most
important political lesson to be learnt from the communist experiment is the
fundamental distance that should be kept between theoretical blueprints and the
historical development of political projects. To put it bluntly, all Utopias
lead to Terror if there is a serious attempt at implementing them.”
(Bd.3, S.63) In Bezug auf Prognosen wird die Abneigung noch deutlicher:
„Ich mache nie Vorhersagen. Niemals, und ich mache dem Weltlauf auch
keine Vorschriften.“ (Interview mit Thomas Assheuer und Elisabeth von
Thadden für Die Zeit) „[...] I shall refer to a mega-city in the
making [...] that, in my opinion, will be one of the the pre-eminent
industrial, business, and cultural centers of the twentyfirst century
[...]” (Bd.1: 436) “I foresee large-scale epidemics [...]”
(Bd.1: 440)
[21]
Allein schon, dass häufig lieber der Begriff Informationstechnologie statt
Informationstechnik verwendet wird, weist auf das hohe Maß an Respekt vor
dem Wissens hin, das mit dem Phänomen eines weltumspannenden Netzes
verbunden wird. Es wird nur noch in seiner abstrakten Gesamtheit gefasst.
Demgegenüber würde niemand auf die Idee kommen, den direkt-sinnlichen
aber viel weniger greifbaren weltumspannenden Sternenhimmel über sich als
Astronomie zu bezeichnen. Das Unheimliche am Netzwerk ist sein direktes
Verhältnis zum Menschen.
[22]
Das bedeutet für das Subjekt, dass es sich nicht als der Macht
entgegenstehend sieht, sondern als durch sie gebildet, durch sie handelnd und
sie ständig bestätigend – aber auch transformierend.
[23]
Ausgedrückt durch das generalisierende Medium Geld.
[24]
Vgl. dazu Negri/Hardt: “sites of resistance that are founded on the
identities of social subjects or national or regional groups ... place-based
movements ... are posed against the undifferentiated and homogenous space of
global networks” (E.:44)
[25]
Als eine weitere Identitätsform nennt Castells die legitimierende
Identität womit eine Menge an Organisationen und Institutionen sowie
strukturierte und organisierte soziale Akteure gemeint ist, die - wenn auch
teilweise auf konfliktreiche Art - diejenige Identität reproduzieren, die
die in einer Gesellschaft dominanten Strukturen rationalisieren. (Bd.2: 9)
Diese Identität trägt die Zivilgesellschaft.