Thomas Mielke

Netzwerkgesellschaft zwischen Analyse und Konstruktion gesellschaftlicher Produktivität

Kann im Zuge von Phänomenen wie der New Economy tatsächlich von einer neuen Gesellschaft oder von einem neuen Zeitalter gesprochen werden, oder vielleicht besser: befindet sich die industrielle Gesellschaft mitten in einer Transformation zu etwas Neuem, das wir noch nicht mit Namen kennen, und das deshalb häufig im Zusammenhang mit dem Präfix post genannt wird (z.B. Postindustrialismus, Postfordismus).
 
Wenn es um die New Economy geht, finden sich schnell zwei recht festgelegte Positionen: Die umstandslose Affirmation der Ideen um die New Economy [1] und die Position der Leugnung des Neuen [2]. Letztere ist nach der Krise bestimmter Teile der real existierenden New Economy aus der Defensive gekommen. Vielleicht ist mit der Polarisation um die New Economy nichts anzufangen und es ist einfach zu früh, darüber ein Urteil zu fällen. Deshalb mag zunächst die Annäherung über einen mehr als drei Jahrzehnte alten Diskurs helfen: den der Wissens- oder Informationsgesellschaft [3]. Einer der elaboriertesten Versuche in dieser Tradition ist das 1500-seitige Werk The Information Age: Economy, Society and Culture [4] von Manuel Castells.

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Warum Castells?

Den roten Faden in der empirisch sehr gehaltvollen Analyse bildet das Konzept der Netzwerkgesellschaft. [5] Damit ist die Superstruktur der globalen Gesellschaft gemeint, deren Beziehungsgeflecht aus Macht, Technik, Information und Kapital als Netzwerk charakterisiert werden kann. Trotz dieser Leitfigur wirken die Bände fragmentarisch. Im ersten Band geht es um die Entstehung der Netzwerkgesellschaft, angefangen mit der Revolution der Informationstechnologie über die New Economy und einer der Netzwerkgesellschaft angemessenen culture of real virtuality bis hin zu einer Theorie der Transformation von sozialem Raum und sozialer Zeit. Im zweiten Band treten der globalen Macht der Netzwerkgesellschaft die Identitäten der vielfältigen sozialen Bewegungen entgegen, die ihre eigenen Werte zu behaupten suchen. Der dritte Band End of Millenium unternimmt den ambitionierten Versuch einer Synthese der vorangegangenen Analyse in einer sozialen Theorie des Informationszeitalters.
Die Bedeutung von kapitelübergreifenden Synthesen erscheint gering, was den Vorteil hat, dass man einzelne Kapitel für sich lesen kann. Auch geht Castells eine Selbstverpflichtung ein, möglichst keine Prognosen zu machen [6] oder sich gar zu äußern, wie es besser gemacht werden kann. Die Meidung übertrieben generalisierter Aussagen und Schlüsse mag Castells Lehre aus dem Zusammenbruch des Realsozialismus und seiner marxistisch-leninistischen Orthodoxie sein. (Vgl. Bd.3: 62)
Castells bietet einen Behälter oder eine Plattform für einen Diskurs, ohne sich völlig auf den (scheinbar) sicheren Boden bloßer Tatsachendarstellung zurück zu ziehen. Das Ergebnis ist ein fragiles Gebilde von Hypothesen, Ideen, Kategorisierungsvorschlägen und Ansätzen, das droht, wie Sand zwischen den Fingern hindurchzurinnen, wenn man es in seiner Gesamtheit greifen will, d.h. wenn man sich nicht auf bestimmte Aspekte konzentriert. Der Leserin wird die risikoreiche Aufgabe überlassen sich einen Aspekt zu wählen und aus dieser Perspektive selbst zu einer theoretischen Konzeption zu gelangen. [7] In diesem Sinne setzen die folgenden Überlegungen den Fokus zunächst auf Castells Begriff von Produktion und Produktivität. Nach der Betrachtung des neuen Produktivitätsparadigmas wird zur Ergänzung kurz auf Empire von Michael Hardt und Antonio Negri übergeleitet.

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Was ist das Neue?

Selten finden sich in den drei Bänden Zustandsbeschreibungen oder Bestandsaufnahmen. In einer Analyse des Informationszeitalters verbieten sich solche Formen, denn alles ist im Fluss. Statisches Wissens spielt höchstens als Mittel seiner Aufhebung eine Rolle. [8] Darin ist Castells Analyse seinem Gegensand entsprechend. In einem häufig vorkommenden Motiv geht es um Wissen, das in einer selbstverstärkenden Rückkopplung auf sich selbst zur Hauptquelle der Produktivität wird (vgl. Bd.1: 17, 31, 70, 78, 148, ...), wobei Informationstechnologie und eine bestimmte Kultur des Umgangs mit ihr zentrale Punkte sind. Mit der Produktivität wären wir jetzt schon mitten im gefährlichen Feld der Ökonomie. Deshalb ist es sinnvoll bei Castells Begriff der Produktivität anzusetzen.

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Produktivität

Produktivität bezieht sich auf Produktion, welche „die Handlung des Menschen in Bezug auf Materie (Natur) [ist], um sie anzueignen und zu seinem Nutzen in ein Produkt umzuwandeln, welches (zu ungleichen Teilen) konsumiert und als Mehrprodukt entsprechend einer Vielzahl gesellschaftlich bestimmter Ziele reinvestiert werden kann.“ (Bd.1: 14, Übers. von mir)
Wichtig ist hier festzuhalten, dass nach Castells der Begriff der Produktion sich aus (seiner Aufhebung in) der Erzeugung eines Mehrprodukts definiert. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Es sind unterschiedliche Phänomene bekannt, die im Zusammenhang mit einem (gesellschaftlichen) Mehrprodukt stehen. Dazu einige Beispiele, die zur Illustration von Castells Behauptung von ihren komplexen historischen Zusammenhängen abstrahiert wurden:
In der agrarischen Gesellschaft, wurde das Mehrprodukt als Saatgut reinvestiert. Das unterscheidet sie von der Sammlergesellschaft, in der es keine Produktion gab. In der feudalen Gesellschaft diente das überschüssige Korn den politischen Zielen des Adels. Das Mehrprodukt im Kapitalismus trat in verdinglichter Geldform seinen selbstbezüglichen Kreislauf an. Der Industrialismus schuf sich seine eigenen Voraussetzungen in einer selbstverstärkenden Rückkopplung. So konnten z.B. erst mit dem Eisenbahnbau die Rohstoffe des Bergbaus adäquat transportiert werden (was wiederum den Eisenbahnbau erleichterte). Im Staatismus[9] diente das industrielle Mehrprodukt zur Maximierung der Staatsmacht – im Grunde eine moderne Spielart des Feudalismus.
Mit diesen Produktionsphänomenen gehen einher die unterschiedlichen sozialen Gruppen, Stände oder Klassen mit ihrem jeweiligen legitimierenden Wissen über die Produktivität ihrer Tätigkeit und den daraus folgenden Ansprüchen am erzeugten Reichtum bzw. auf die Teilhabe an der Entscheidung, wie dieser einzusetzen ist. Aus dem Ergebnis dieser Auseinandersetzung gehen Regeln hervor, welche die Produktionsweise ( mode of production ) (und damit auch die Konsumtionsweise [10]) bestimmen. (Bd.1: 15f)
Bis zur Produktionsweise folgt Castells der klassischen Marxschen Terminologie. Er erweitert diese jetzt um den Begriff der Entwicklungs- oder Transformationsweise ( mode of development ). Zu den Produktionsweisen zählen Kapitalismus und Staatismus. Die relevanten Transformationsweisen bilden Industrialismus und

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Produktionsweise versus Transformationsweise

Bei der Konzeption einer Theorie spielt die Wahl der grundlegenden Kategorien die entscheidende Rolle. Deren Trennungskraft bestimmt wesentlich wie sich die Dinge nachfolgend ordnen lassen und damit letztendlich auch die Fruchtbarkeit für die Erkenntnis. Eine Bedingung dafür ist, dass die Kategorien miteinander funktionieren, kommensurabel sind, und nicht Elemente von verschiedenen einander widersprechenden Theorien sind. Um Castells Ansatz dahingehend zu überprüfen – was angesichts der Analyse-Ursuppe dringend geboten scheint – ist es nötig sich seine Definitionen genauer anzusehen:
"Unter Staatismus verstehe ich ein Sozialsystem, das um die Aneignung des gesellschaftlich produzierten ökonomischen Mehrprodukts durch die Machthaber im Staatsapparat herum organisiert ist; dies im Kontrast zum Kapitalismus, in dem das Mehrprodukt durch die Inhaber der Kontrolle in ökonomischen Organisationen angeeignet wird [...]. Während Kapitalismus auf Profit-Maximierung zielt, ist Staatismus auf Macht-Maximierung hin orientiert; d.h. in die Richtung der Erhöhung der militärischen und ideologischen Befähigung des Staatsapparats seine Ziele einer größeren Anzahl an Subjekten und in tieferen Schichten ihres Bewusstseins einzupflanzen. Unter Industrialismus verstehe ich eine Entwicklungsweise in der der quantitative Zuwachs der Produktionsfaktoren (Arbeit, Kapital und natürliche Ressourcen) zusammen mit der Nutzung neuer Energiequellen die Hauptquelle der Produktivität ausmacht. Mit Informationalismus meine ich eine Entwicklungsweise in der die Hauptquelle der Produktivität das qualitative Vermögen ist, die Kombination und die Ausnutzung der Produktionsfaktoren auf der Grundlage von Wissen und Information zu optimieren." (Bd.3: 8, Übers. von mir)
Wenn sich bei der Produktionsweise alles darum dreht, wer sich aufgrund der Produktionsverhältnisse das Mehr produkt aneignen kann, so geht es bei der Transformationsweise [11] um die Hauptquelle der Produktivität. Aber spätestens hier schließt sich der Kreis kurz und man erhält eine Verdoppelung der Produktivität in der Transformationsweise und der Produktionsweise (siehe Hervorhebungen). Während die Produktionsweise gerade Resultat der sozialen Auseinandersetzung darüber ist, was denn als produktiv zu gelten hat, erscheint in der Transformationsweise die Produktivität als objektiv [12], als hätte es nie Kämpfe darum gegeben, welcher gesellschaftliche Bereich der produktivere sei, oder als sei Produktivität ohne die sie hervorbringenden Menschen möglich. Selbst wenn man eine unabhängige unsichtbare Kraft annimmt, nach der Produktivität bewertet werden könnte, müsste man dann denjenigen Produktivitätsbegriff verwerfen, der als Ergebnis von sozialen Kämpfen definiert ist.
Auch die Bezugnahme auf bloße Input/Output-Ratios und damit verbundene Wertsteigerung hilft über den Industrialismus nicht hinaus und verschleiert nur noch mehr, da damit auf eine Werttheorie der Materialflüsse rekurriert wird, die gar nicht expliziert wird. [13] Die geheimnisvolle Natur der Produktivität wird letztlich auch nicht mit dem Hinweis auf „Verhältnisse zwischen Arbeit und Materie als einer Funktion der Nutzung von Produktionsmitteln unter Zugabe von Energie und Wissen“ [14] aufgeklärt. Dies führt zu dem Eindruck, dass Castells hier den Begriff der Produktivkräfte neu erfindet. [15] Werfen wir einen Blick auf die berühmte Passage von Marx:
„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ (Marx 1961: 9)
Nach Marx wird die Produktionsweise (ökonomische Grundlage) von den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften gebildet, wobei letztere für den Wandel verantwortlich sind. Nach diesem Schema könnte man also vereinfacht sagen, dass die Produktivkräfte des Informationalismus, oder altbackener: der mikroelektronische Revolution, für die Umwälzung im Kapitalismus verantwortlich sind. Das klingt allerdings sehr deterministisch und ein nicht wohlwollender Leser mag unterstellen, dass es sich bei dem Begriff der Transformationsweise lediglich um einen dagegen gerichteten Immunisierungs- oder Verschleierungsversuch handeln könnte.
Möglicherweise hat der Begriff der Transformationsweise aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem der Produktivkräfte. Für die instrumentelle Rationalität ist mit dem Begriff der Kraft untrennbar die Manipulation und Bändigung verbunden, die Unterordnung unter und die Disziplinierung/Formung durch die Produktionsverhältnisse. Das Verständnis des Phänomens als Transformationsweise legt möglicherweise eine weniger instrumentelle Perspektive nahe, die eher dazu einlädt, das Neue als Prozess zu betrachten und mit Augenmaß zu lenken, statt es disziplinierend beherrschen zu wollen. Darin besteht möglicherweise der Kern des Konzepts der Netzwerkgesellschaft:
„Das Entstehen der Netzwerkgesellschaft [...] kann nicht ohne die Wechselwirkung dieser beiden relativ autonomen Trends verstanden werden: die Entwicklung der neuen Informationstechnologien und der Versuch der alten Gesellschaft sich neu auszurüsten, indem sie die Macht der Technologie nutzt, um der Technologie der Macht zu dienen.“ (Bd.1: 61, Übers. von mir)
Damit ist ein gewisses Potenzial der Befreiung impliziert, das in den neuen Technologien steckt und auf das bei der Diskussion von Empire zurückgekommen werden soll.
Eine oberflächlichere Interpretation wäre es, Castells Aufforderung zu folgen, Theorien nicht zu ernst zu nehmen und lediglich als „Werkzeug für die Begleitung kollektiven Handelns“ [16] zu nutzen. Dann würde die Rede von der neuen Transformationsweise Informationalismus einen Sinn als Diskursstrategie zu einer Transformation oder Restrukturierung des Kapitalismus machen, nach laissez-faire und keynesianischem, hin zu einem informationellen Typus (vgl. Bd.1: 161). Castells ist sich der immensen Problematik des Produktivitätsbegriffs sehr wohl bewusst [17] und ihm müsste auffallen, dass er, wenn er ihn benutzt, das konstruiert, was er zu analysieren vorgibt – was in ziemlichen Kontrast zu der Unbefangenheit steht, mit der er den Produktivitätsbegriffs benutzt. Das ist ein Hinweis darauf, dass er seine theoretische ‚Grundlegung’ vielleicht eher als Instrument des symbolischen Kampfs für eine Reform der Produktionsweise einsetzt, als sich an ehernen Wissenschaftsidealen (sic) zu orientieren. Die Produktionsweise ist das, was wir haben, und die Transformationsweise zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen, um in der globalen Netzwerkgesellschaft erfolgreich zu sein. Gehen wir ihn nicht, erleiden wir das Schicksal der alten Gesellschaft, deren gesamte Technologie der Macht ihr nicht geholfen hat: das Schicksal des Staatismus.[18] Das ist, kurz gesagt, die Moral der Theorie:


Um ein etwas weniger polemisches Verständnis des Ansatzes zu ermöglichen, ist es jedoch nötig ihn von jener Disparität eines Wertbegriffs zu reinigen, der gleichzeitig als Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in der Produktionsweise [19] und als implizit objektivistisch in der Transformationsweise auftaucht, und der Castells ambivalente Haltung zum (instrumentellen?) Rationalismus ausdrückt. [20]
Es sei hier statt Castells Definition eine Unterscheidung von Produktionsweise und Transformationsweise vorgeschlagen, die die Fallstricke einer Werttheorie vermeidet und Kategorien als Sinnbehälter schafft, die sich empirisch-analytisch bewähren könnten. Produktionsweise wäre danach eine Logik der Produktion, die ihre eigenen Voraussetzungen konsolidiert, während Transformationsweise eine Produktionslogik meint, die ihre eigenen Voraussetzungen aufhebt und eine neue Qualität schafft, dabei aber ihre Veränderung allein aus sich heraus generiert. Hier ist Aufhebung im guten dialektischen Sinne gemeint (vgl. Hegel 1986: 149f), nicht als einfache Negation, sondern als Konservierung einer Praxis (und damit auch vorhergehender Praxen), so dass der ‚Fortschritt’ sich allein daraus definieren würde weder den jetzigen Zustand beizubehalten noch einfach in einen vorhergehenden zurückfallen zu können. Diese Praxen verfestigen sich zu kulturellen, institutionellen und technologischen Errungenschaften, die vergegenständlichte Erinnerungen an das Vorhergehende bilden und somit die Voraussetzung für Neues schaffen. Sind die Bedingungen günstig, kann sich eine neue Praxis bilden und eine Eigendynamik entfalten, die alles Vorhergehende auf den Kopf stellt.
Dieser Qualitätswechsel, der die Transformationsweise ausmacht, wird durch das Messen der Produktivitätssteigerung unzureichend repräsentiert. Wie kann er aber anders gefasst werden?
Zur Illustration des neuen Begriffs von Transformationsweise sei auf den Transformationsforscher Karl Polanyi verwiesen, bei dem der Qualitätswechsel in der Bewegung der Aufhebung Entbettung genannt werden könnte:
“Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen sind in das Wirtschaftssystem eingebettet.“ (Polanyi 1978: 88f)
Die Transformation der Institution des Markt-Wirtschaftssystems, seine Entfesselung und Entgrenzung, ging historisch einher mit dem Industrialismus und ist untrennbar mit diesem verwoben. Die Produktionsweise stellt die Frage nach der Strategie, wie mit der Transformation umgegangen werden soll. Versucht man mit Hilfe des zweischneidigen Schwertes der Rationalität die kapitalistische Transformation wieder einzufassen, zu verlangsamen, zu begrenzen, zu kanalisieren, zu regulieren oder für andere Ziele zu nutzen? Oder lässt man aus dem Prozess neue Institutionen entwickeln, die in der Lage wären das Markt-Wirtschaftssystem zu dominieren? Die erste Strategie wäre nach Castells die der alten Gesellschaft, die zweite Strategie entspräche der neuen Gesellschaft, der Netzwerkgesellschaft, deren Organisation es erlaubt, sämtliche Transformationsflüsse entsprechend ihrer Logik zu gestalten. Das Netzwerk wäre in diesem Fall diejenige Logik, die sich im Schoße der Marktlogik entwickelt hat, sich dann aber über sie stülpt und einbettet, sie dominiert und das Hegemoniale Prinzip bildet, dass der Epoche seinen Stempel aufdrückt.
Um es noch einmal allgemeiner auszudrücken: Die Transformationsweise ist grundsätzlich das, worauf die Produktionsweise reagiert und mit dem sie eine Form des Umgangs sucht. Dabei ist die Produktionsweise nicht determiniert, sondern muss erst ‚erfunden’ werden und hat deshalb immer einen willkürlichen Charakter.
Bei der Unterscheidung von Transformationsweise und Produktionsweise sind zwei Punkte zu beachten. Zum einen ist der Zeitrahmen kritisch: Bei kosmischen Zeiträumen hebt wohl jede Produktionsweise ihre eigenen Voraussetzungen auf, sei sie auch noch so sustainable, und bei kurzen Schnappschüssen hat der Begriff der Transformationsweise keinen Sinn, denn eine Bewegung ist nur über einen gewissen Zeitraum erkennbar. Zum anderen ist die Möglichkeit eines räumlichen Nebeneinanders von verschiedenen Produktions- und Transformationsweisen zu berücksichtigen.
Weiter soll die Kategorienbildung hier nicht ausgedehnt werden und das Gesagte mag ausreichen, um als Notbehelf für eine wesentliche konzeptionelle Schwäche bei Castells theoretischer Fundierung zu dienen, womit die Diskussion seiner Analyse der Netzwerkgesellschaft fortgesetzt werden kann.

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Voraussetzungen der informationellen Transformationsweise

Keine Transformation einer bestehenden Produktionsweise findet statt ohne eine vorausgehende (oder zumindest einhergehende) Neuorientierung des Wissens über die Produktivität. Diese ‚New Political Economy’ führte in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer Politik der Globalisierung, die sich auf die Begriffe Thatcherismus und Reagonomics zuspitzen lässt. Sie enthielt drei wesentliche Elemente:
Neben der politischen Durchsetzung dieser Ziele bedurfte die globale Ausbreitung der informationellen Transformationsweise einer weiteren Voraussetzung – der Entwicklung moderner Informationstechnologien, deren wichtiges Ergebnis die Existenz des Internet ist. Auch hier kam der Anschub durch den Staat, genauer: durch militärische Forschung. Dies ist kein einfacher Technik- oder Produktivkraft-Determinismus. Beide Elemente, obwohl auf dem Weg über Wirtschafts- und Sicherheitspolitik in die Welt gesetzt, lassen sich nicht einfach wieder auf diesem Weg aus der Welt schaffen, sondern erfordern im Umgang mit ihnen eine neue Kultur, die mit den politischen und technologischen Verhältnissen fertig wird.

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Die informationelle Kultur

Es war nicht einfach die Erschließung neuer Energieformen für Produktionsprozesse, die den Industrialismus ermöglichte, sondern es musste sich eine neue industriellen Kultur (Arbeitsteilung) herausbilden. (Bd.1: 100) Einen ähnlich tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel diagnostiziert Castells für die informationelle Gesellschaft. Dabei wird die industrielle Gesellschaft nicht ersetzt, sondern sie wird unter das informationelle Paradigma subsummiert, transformiert und in ihm aufgehoben. Die Herausbildung einer adäquaten Kultur im Umgang mit den neuen politischen und technologischen Verhältnissen wird, wie die Geschichte lehrt, einige Zeit dauern. (Ebd.)
Hier wird Hegels Erbe in der Denkungsart von Castells sehr deutlich (wenn man von dessen Aversion gegen geschlossene theoretische Systeme und theoretischen Absolutismus einmal absieht). Hegels erkenntnistheoretisch wichtigste Kategorie, die (unsichtbare) Kraft (Hegel 1986: 107ff), die den Prozess am Laufen hält, bilden bei Castells die politischen und technologischen Gewordenheiten, die abstrakten Bewegungen der Globalisierung und der Entwicklung der Informationstechnologie [21], die wir nur in Form von Effekten wahrnehmen können und für die wir zunächst keine adäquate kulturelle Umgangsform haben.
Das Charakteristische der Kraft ist, dass sie nie für sich steht, sondern immer schon auf anderes bezogen ist und ein abstraktes Verhältnis zwischen Dingen aufbaut, das sich nur durch Effekte ausdrückt. Die Gesamtheit der Dinge und Verhältnisse bildet das Netzwerk. Globalisierung und die Entwicklung der Informationstechnologie schaffen den Effekt der Komprimierung von Raum und der Beschleunigung von Zeit. Die damit verbundene Dichte an Beziehungen zwischen den Dingen lässt das Netzwerk in den Vordergrund treten. Gegenüber der Entfremdung des Industriezeitalters (vgl. Marx 1985: 510ff) überzieht das Informationszeitalter die Individuen mit einem Fluss von Informationen und globalen, nicht mehr einfach zu durchschauenden Verhältnissen. Die Produktion einer informationellen Subjektivität steht damit vor der Aufgabe, den Rückzug der Individuen in Reservate mit einfachen Wahrheiten und verständlichen Regeln zu verhindern und sie statt dessen in die Unwägbarkeiten eines selbstverantwortlichen ‚produktiven’ Lebens in der Netzwerkgesellschaft zu leiten.

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Was ist die Netzwerkgesellschaft?

Die Trivialisierung des Netzwerks als miteinander verbundene Knoten ist verlockend (und auch Castells konnte ihr nicht widerstehen) (Bd.1: 501) – aber sie lenkt von den komplexen Zusammenhängen ab, in denen soziale Netzwerke unter heutigen technischen Bedingungen existieren. Die Auswirkungen einer Netzwerkorganisation als Gesellschaftsmodell werden nur in der Gesamtheit einer breit angelegten Analyse, wie sie Castells anbietet, adäquat repräsentiert. Die Netzwerkgesellschaft ist ein Platzhalter für die Bündelung und Organisation des Wandels im globalen Maßstab, weil angenommen werden kann, dass die dafür wesentlichen Prozesse miteinander zusammenhängen und sich beeinflussen. (Bd.1: 4) Trotz der Platzhaltercharakters ist der Begriff der Netzwerkgesellschaft nicht beliebig gewählt. Als hohe, aber nicht höchstmögliche Abstraktion ist die Netzwerkgesellschaft immer noch Eigenschaft des gesellschaftlichen Seins und als solche noch bestimmbar. Merkmal der Netzwerkorganisation der Gesellschaft ist nicht die Vernichtung von Hierarchie, sondern eher eine auf die Spitze getriebene Flexibilisierung von Hierarchie und Mobilität von Positionen, verbunden mit der Haltung, nicht direkt (disziplinierend) beherrschen zu wollen, die auf der anderen Seite auf eine „Kunst nicht derart regiert zu werden“ (Foucault 1992: 12) trifft. Die Netzwerkgesellschaft ermöglicht es Macht entsprechend flexibler Muster zu transformieren.
Während Castells aus der Perspektive einer Transformations- oder Organisationstheorie seinen Gegenstand als Netzwerkgesellschaft konstituiert, umschreiben Negri/Hardt aus der Perspektive einer Imperialismustheorie ihr Konzept als Empire, als neue, nicht-territoriale Form der Ausübung souveräner Macht. Beide Ansätze führen auf ähnliche Pfade und analysieren teilweise die selben Phänomene. Eine Gegenüberstellung bzw. Ergänzung mag deshalb für eine bessere Tiefenschärfe sorgen.

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Was ist Empire?

Das Neue, dass den Postimperialismus auszeichnet, ist dass es nicht verschiedene Mächte gibt, die politisch um den Zugriff exterritorialer Ressourcen konkurrieren, sondern dass es nur noch eine Macht ist, die nicht mehr territorial gebunden ist. (Negri/Hardt 2000: 9; im Folgenden zitiert als ‚E.’) Das bedeutet für einen möglichen Widerstand gegen diese Macht, dass es keine Außenseite mehr gibt, von der aus man auf das System einwirken könnte. [22] (E.: 46) Aber auch das System selbst muss sich bei der Suche nach für die Produktion subsumierbaren Ressourcen nach innen wenden und statt extensiv immer neue Territorien zu unterwerfen sich auf das bisher Eroberte zurückwenden und einer intensiveren Ausbeutung zugänglich machen – oder wie Habermas sagen würde: die Lebenswelt kolonisieren. Negri/Hardt argumentieren mit Foucault, dass die Disziplinierungsgesellschaft der Moderne der Kontroll-Gesellschaft der Postmoderne gewichen ist. Die biopolitische Steuerung – oder besser: Produktion – des Lebens selbst wird zum Ziel kapitalistischer Aneignung: die Produktion der Produzenten. (E.: 32) In diesem Sinne hat auch die kapitalistische Produktionsweise einen Mechanismus der Macht-Maximierung gefunden, um seine „Ziele einer größeren Anzahl an Subjekten und in tieferen Schichten ihres Bewusstseins einzupflanzen“, wie Castells es für den Staatismus beschreibt (Bd.3: 8).

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Produktion im Empire: Das Ende des Disziplinierungsregimes

Empire lässt sich nicht auf die Frage nach der Produktivität der veränderten Produktionsweise ein, hier geht es viel mehr um die Effektivität von Machtausübung, letztlich um die Genesis eines neuen Machtmechanismus.
“Vom Standpunkt des Kapitalisten erscheint der Wert notwendiger Arbeit als objektive ökonomische Größe [...] aber in Wirklichkeit ist er sozial determiniert und er verweist auf eine ganze Serie von sozialen Kämpfen.“ (E.: 273, Übers. von mir)
Diese Kämpfe führten in den 60er und 70er Jahren zu einem gewaltigen Anstieg der (gesellschaftlich anerkannten) notwendigen Kosten der Reproduktion, z.B. mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Dies war gleichbedeutend mit einem Gewinn an Freiheit und führte zu einer Ablehnung des „Disziplinierungsregimes der Fabrikgesellschaft“ und einer Neubewertung sämtlicher Normen der Produktivität. (Ebd.) Soziale Bewegungen formierten sich, die einer eher immateriellen Form der Produktion den Vorzug gaben und damit experimentierten. Diese Produktionsformen sind durch Prinzipien wie Mobilität, Flexibilität, Wissen, Kommunikation, Kooperation und Gefühlsmanipulation charakterisiert. (E.: 275)
Negri/Hardt argumentieren, dass bisherige Analysen der sog. ‚neuen sozialen Bewegungen’ sie als rein kulturelles Phänomen betrachtet und dabei allzu rigide von der ökonomischen Sphäre getrennt gesehen hätten. Dabei sind Kultur und Ökonomie immer schwieriger auseinander zu halten, da einerseits die Bewegungen inzwischen eine große wirtschaftliche Macht haben, andererseits die kapitalistische Subsumtion der Reproduktionssphäre immer größere Ausmaße angenommen hat. Der Zugriff des Kapitals auf das nichtkapitalistische Umfeld war bei der Fabrikdisziplin der Moderne nur formal, mit der Informatisierung der Produktion wird er aber real. Es bedarf keiner Fabrik mehr, um die Menschen als Arbeitskräfte in die Verwertungslogik zu zwingen, stattdessen wird die Fabrik internalisiert, so dass autonome Produktion innerhalb des Rahmens der kapitalistischen Produktionsweise möglich wird. Diese neue Autonomie gilt es zu bändigen und die „einzige Form von Kapital, die in der neuen Welt gedeihen kann, wird jene sein, die sich der neuen immateriellen, kooperativen, kommunikativen und emotionalen Zusammenstellung der Arbeitskraft anpassen und sie regieren kann.“ (E.: 276; Übers. von mir)

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Die informatisierte Produktion und die Struktur des Weltmarktes

In dem Sinne, dass Arbeit allgemein durch die zentrale Rolle charakterisiert werden kann, die Wissen, Information, Emotionsproduktion und Kommunikation spielen, nennen Negri/Hardt die postindustrielle Ökonomie eine informationelle Ökonomie. (E.: 285) Sie beziehen sich auf Castells, der zwei Modelle der informationellen Transformation unterscheidet: das info-industrielle (Japan, Deutschland) und das Dienstleistungsökonomie-Modell (Vereinigte Staaten, Großbritannien, Kanada). Aber auch Länder, die in der Weltökonomie eine untergeordnete Rolle spielen, sind vom neuen Produktionsparadigma betroffen. (E.: 286)
„Alle Formen der Produktion existieren innerhalb der Netzwerke des Weltmarktes und unter der Dominanz der informationellen Produktion von Dienstleistungen.“ (E.: 288)
Diese Dominanz der (gehobenen) Dienstleistungen beschreibt Castells als gleichzeitige Ausbreitung und Konzentration. Sie führt zu einer Veränderung von Hierarchien in zwei Beziehungen:
Regionen verschwinden nicht, sondern werden integriert, verstärken ihre Verknüpfung zu den lokalen Zentren, die sie mit den dynamischsten Zentren des Globus verbinden. Die Bedeutung der Regionen für die regionalen Zentren geht aber zurück, da letztere primär auf die globalen Zentren fixiert sind. (Bd.1: 412) Castells kommt es aber nicht auf die bestehende Hierarchie der Zentren an, sondern auf die Vielseitigkeit des Systems, der Struktur, die diese Hierarchie hervorbringt. Er sieht deshalb Städte nicht als Orte, sondern als Prozesse in einem globalen Netzwerk.
Durch die technologische und organisatorische Fähigkeit, Produktionsprozesse auf verschiedene Orte zu verteilen, aber mit Hilfe von Mikroelektronik und Telekommunikation zu reintegrieren, wurde eine neue Logik der Industriestandorte möglich. (Bd.1: 417) Der Nutzen für das Kapital war die Generierung von Profit aus der Unterschiedlichkeit der an den verschiedenen Orten vorgefundenen Verhältnissen. Als Beispiel seien Arbeitskräfte mit unterschiedlicher Qualifikation genannt, die man aus sozialen und ökonomischen Gründen nicht am selben Ort unterbringen möchte. Damit ermöglicht die Informationstechnologie eine derart ungleiche Lohnverteilung innerhalb ein und des selben Produktionsprozesses, wie wir sie gegenwärtig in der internationalen Arbeitsteilung erkennen können. (Bd.1: 418)
Den unter dieser Arbeitsteilung leidenden unterentwickelten Ländern empfehlen Negri/Hardt ein Entwicklungsmodell, dass sich an Italien orientiert. Dort wurde nicht erst auf den Abschluss der Industrialisierung gewartet, sondern die Informatisierung parallel dazu betrieben. (E.: 289) Das widerspricht anscheinend Castells Trennung von industrieller und informationeller Transformationsweise. Aber Informationalismus bedeutet lediglich die Dominanz seiner Logik über die Industrie, und beinhaltet keineswegs ein Ausschließungsverhältnis (ähnlich dem Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Industrie in einer Industriegesellschaft). Mit dem Vergleich einer Ford-Autofabrik von 1930 und einer von 1990 machen Negri/Hardt den Unterschied dieser beiden Transformationsweisen deutlich (obwohl sie diese Kategorie nicht explizit gebrauchen). Der Unterschied besteht darin, dass die Fabrik von 1990 informatisiert und somit an den Weltmarkt angekoppelt ist. Trotzdem ist sie Teil eines untergeordneten Sektors der Weltproduktion, egal ob sie in Brasilien oder Detroit steht, während die Fabrik von 1930 seinerzeit wegweisend war. (E.: 287)

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Produktionsverhältnisse in der informationellen Ökonomie

Zwar denken wir nicht zunehmend wie Computer, wie Negri/Hardt schreiben (E.: 291), denn das was Computer machen ist eher ein industrieller Umgang mit Informationen. Menschen müssen Informationen immer noch in Bedeutungen übersetzen und einordnen, um urteilen zu können. Allerdings verändert sich mit der Omnipräsenz der Computer das Denken auf andere Weise. Abgesehen von der puren Schnittstellentätigkeit des Datatypisten oder der call center Mitarbeiterin entsteht das Potenzial für spontane Vernetzung. Insbesondere der Teil der immateriellen Arbeit, den Negri/Hardt als Gefühlsmanipulation bzw. -produktion umschreiben, erzeugt „soziale Netzwerke, Formen der Gemeinschaft, Bio-Macht“. (E.: 293 Übers. von mir) Negri/Hardt lassen sich zu (durchaus interessanten) Spekulationen hinreißen, die Castells niemals gewagt hätte. Das Netzwerk wird als dem Markt gegenläufiger Prozess beschrieben. Die Beiden antagonistischen Prinzipien der Kooperation und Konkurrenz stehen sich gegenüber. Kooperation wird durch die intelligente Abstraktion des universellen Werkzeugs Computer zunehmend fähig die Dominanz der Konkurrenz mit seiner tumben Abstraktion über den Wert [23] zu überwinden und Produktion in immer höherem Maße ohne Rückgriff auf eine Werttransmission zu integrieren. (E.: 292) Wenn entsprechend die Produzenten dank ihrer von ihnen selbst produzierten Subjektivität in immer größerem Maße fähig sind, sich selbst zu organisieren, sich frei zu assoziieren, bedingt das einen Verlust an Bedeutung für das fixe Kapital. Es wird immer weniger gebraucht, um das variable Kapital zu tragen. (E.: 293) Oder um es zugespitzt auszudrücken: das Kapitalverhältnis wird zur Fessel der Produktivkräfte.
Ein anderes Argument für die Bedrängnis des Kapitalverhältnisses ist, dass sich gerade die in der Netzwerkökonomie wertvollen Bereiche des Gemeineigentums, wie Sprache und soziale Netzwerke, der privaten Aneignung widersetzen. In der Praxis überlappen hierbei das Arbeitsverhältnis und das Kooperationsverhältnis zwar. Aber Negri/Hardt sind überzeugt, dass das Kapital konzeptuell, was die weitere Aneignung von Gemeineigentum angeht, am Ende ist. (E.: 302) In ihrem Abgesang an den Kapitalismus unterscheiden sich Negri/Hardt am krassesten von Castells.
Negri/Hardt beklagen aber auch die gegenläufige Tendenz: die durch die globalen Finanzmärkte erhöhte Mobilität des Kapitals, wodurch die Verhandlungsbasis der Arbeitskräfte geschwächt wird und in der Folge Arbeitsverhältnisse prekär werden können, z.B. bei freelancern, Heimarbeit und Teilzeit. (E.: 297) Aber möglicherweise besteht die Chance, dass sich durch diese Grausamkeiten genau diejenige Subjektivität entwickeln kann, die Voraussetzung für die Emanzipation von überkommenen Arbeitsverhältnissen ist – und zwar nicht nur für eine Elite. Negri/Hardt vertrauen da auf die Kreativität der multitude ein Projekt zu entwickeln, dass theoretisch sowie praktisch in der Lage ist das Gemeineigentum neu zu definieren: „Das Gemeine ist die Inkarnation, die Produktion und die Befreiung der multitude.“ (E.: 303, Übers. von mir)

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Vielfalt in der Netzwerkgesellschaft

Dieses Befreiungspotenzial kann Shiv Sisvanathan (2001) aus Castells Konzeption der Netzwerkgesellschaft nicht ableiten. Er lobt ausdrücklich Castells Überwindung von West-vs.-Rest oder Zentrum-Peripherie-Ansätzen, andererseits wirft er ihm den „allerschlimmsten digitalen Ethnozentrismus vor“. Wo die multitude bei Negri/Hardt noch von der Netzwerkgesellschaft profitiert, sieht Sisvanathan eine Bedrohung für die Vielfalt des Wissens: Durch seinen Focus auf Information entginge Castells diese Problematik. Gemeint ist hier insbesondere lokales und inkommensurables Wissen, dass für das Netzwerk nicht attraktiv ist und um das es einen Bogen macht. Gleichzeitig wird es von hegemonialem Wissen, das über das Netzwerk dringt – letztlich vom neuen Paradigma der Netzwerklogik selbst – in seinem Bestand gefährdet. Sisvanathan selbst zieht dabei die Parallele zur Biologie und zum Artensterben und argumentiert von einem ökologischen Standpunkt die Wichtigkeit von lokalem Wissen für die Landwirtschaft der vierten Welt, wie Castells sie nennt – die sich nach dem Kollaps der zweiten und der zunehmenden Heterogenität der dritten Welt bildende wachsende Gruppe derer, die unter den neuen Verhältnissen marginalisiert werden.
Sisvanathan misst dem Wissen-an-sich einen hohen Wert bei. Der Wert von jahrhundertealtem Wissen an einem bestimmten Ort ist nicht zu leugnen – allerdings genauso wenig ist es der Wert von abstraktem, akademischen Wissen, den er nur mit dem Geruch von „Tod und Formaldehyd“ assoziiert. Wo Negri/Hardt ein „think globally and act globally“ (E.: 207) propagieren, scheint Sisvanathans Argumentation ein „think locally and act locally“ nahezulegen.
Es geht hier um die Frage, ob das Netzwerk zu einer Vermehrung von Wissens-Diversität führt, oder zu einer Verarmung der Vielfalt und privaten Aneignung von Wissen. Absolut, abstrakt und aus der Perspektive eines Archivars gesehen mag letzteres ungeachtet von Netzwerk-Synergieeffekten zutreffen. Die für die subjektive Realität bestimmende Perspektive ist aber die durch das Netzwerk erzeugte Virtualität, die eine Bereicherung darstellt, da theoretisch sämtliches Wissen der Welt an einem Ort zugänglich werden kann.

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Identität und Netzwerk

Sisvanathan wirft Castells vor, keine explizite Theorie des Wissens zu haben. Ihm mag möglicherweise der Platz nicht gefallen, den Castells für Wissenssysteme reserviert, die für das Netzwerk inkommensurabel oder zu statisch sind. Castells nennt diese Orte, die innerhalb von schützenden Gemeinschaften ihr Wissen, ihre Bedeutungswelt gegenüber der Netzwerkgesellschaft bewahren, Widerstandsidentitäten. Er beschreibt die Taktik, die dahinter steckt, als das Ausschließen derjenigen, die ausschließen, durch die Ausgeschlossenen. (Bd.2: 9) Das von den Transaktionen des Netzwerks ausgeschlossene Selbst definiert sich darüber, für was es sich hält, und nicht darüber, was es tut. Netzwerk und Selbst („the net and the self“) bilden einen Antagonismus – oder in Raumkategorien ausgedrückt: der Raum der Ströme (von Informationen, Macht, Symbolen, Bildern) und der Raum der Orte (der Alltagserfahrung, der Sinnfindung). [24] Neben Sisvanathan scheint auch Harald Wolf die rigide Trennung nicht zu behagen:
“Eine sehr weitgehende Abkopplung des Netzes von der Lebenswelt und dem Selbst, das seine Identität nur noch in völliger Abgrenzung zum Netz bestimmen und behaupten kann, wird zur zentralen Tendenz. Glückliche Tage, möchte man ausrufen, da die Lebenswelt wenigstens noch kolonialisiert wurde.“ (Wolf 2000: 97)
Aus diesen Enklaven gegen das hegemoniale Wissen gehen jedoch manchmal Projekte hervor, die mit ihren universalistischen Ansprüchen das Potenzial zur Transformation der Gesellschaft besitzen, z.B. die Ökologiebewegung oder der Feminismus. Damit wären auch Negri/Hardt einverstanden, die argumentieren, dass es keinen externen Standpunkt mehr gibt und somit Veräderung von innen heraus erfolgen müsse. (E.: 32f) Und Wolf könnte man antworten, dass es bei dem Konzept der Projektidentität möglicherweise um eine Strategie der Lebenswelt geht, die Systemwelt zu kolonisieren. [25]
Aber möglicherweise versperrt die Assoziation von Netzwerk mit System und von Selbst mit Lebenswelt Wolf die Möglichkeiten zu einer anderen Interpretation der Castellsschen Netzwerkgesellschaft zu kommen, als der eines „abstrakt-trivialen, eindimensionalen Strukturmuster[s]“ (Wolf 2000: 97). Äußerungen von Castells, wie die zur überlegenen Produktivität des Informationalismus mögen zu Wolfs Eindruck geführt haben, dass Castells die spezifische Gestalt [des Netzwerks] [...] eigentümlich entproblematisiert“ (ebd.) oder Utopien eines reibungslosen Kapitalismus zeichnet. Dies wird aber z.B. durch das Kapitel über die globalen Kriminalitätsnetzwerke oder das über die Entstehung einer vierten Welt widerlegt.
Wolf setzt das Internet mit Netzwerk gleich und stellt fest, dass es lediglich als Subsystem in die Gesellschaft eingebettet ist. (S.99) Zum Schluss kommt er trotzdem zu der Einschätzung, dass das Netzwerk eine neue Epoche kennzeichnet. Er begründet dies damit, dass es „eine neue Stufe der Produktivkraftentwicklung“ (!) anzeigt. Die Epoche kennzeichnen ist jedoch offensichtlich etwas anderes, als ihr eine Signatur zu geben. Wolf zitiert Adorno: „Signatur des Zeitalters ist die Präponderanz der Produktionsverhältnisse über die Produktivkräfte, welche doch längst der Verhältnisse spotten.“ (Wolf 2000: 102) Adorno sagt dies zur Frage „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“ und Wolf meint, dies gelte im Kern auch für die Frage „Spätkapitalismus oder Netzwerkgesellschaft?“ und bildet damit den Gegenpol zu Negri/Hardts Beobachtung der Restrukturierung des Kapitals und ihrer Hoffnungen bezüglich der Befreiungs- bzw. Empowerment-Potenziale des Netzwerks.

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Resümee

Die vorliegende Betrachtung hatte das Ziel zu klären, ob die Transformation gesellschaftlicher Produktion mit ihren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Superstruktur dazu berechtigen, von einer neuen Epoche zu sprechen. Die beiden untersuchten Ansätze, die Netzwerkgesellschaft von Castells und das Empire von Negri/Hardt, haben recht plausible Argumente dafür geliefert. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass wir in Zukunft von der Netzwerkgesellschaft oder dem Empire reden, wie wir heute von der Industriegesellschaft reden – die endgültige Charakterisierung bleibt der Kontingenz des entsprechenden Diskurses überlassen – aber möglicherweise wird der Begriff der Industriegesellschaft eines Tages so gebraucht werden, wie heute der Begriff Agrargesellschaft – mit der gedanklichen Assoziation einer Gesellschaft, die es seinerzeit versäumt hat oder nicht in der Lage war auf bestimmte globale Prozesse angemessen zu reagieren.
Es wurde argumentiert, dass das Neue nicht einfach durch Indikatoren wie Produktivitätssteigerung oder Effizienz gemessen werden kann, sondern dass sich der Qualitätswechsel durch die Entbettung einer Institution ausdrückt. Für die Moderne war es der Markt – für die Postmoderne könnte es das Netzwerk sein.
Dass sich eine Produktivkraftentwicklung nicht in irgendeiner Weise auf die Produktionsverhältnisse auswirkt, wie Wolf meint, ist zweifelhaft. Was die internationale Arbeitsteilung angeht, hat der Informationalismus zu einer Verbesserung der Position des Kapitals geführt. Aber andere Effekte der Transformation können einen Gegenteiligen Effekt haben. Das Netzwerk hat das Potenzial, die Grenzen von Produktivkraft und Produktionsverhältnissen zu verwischen und damit das Kapitalverhältnis in Bedrängnis zu bringen. Menschen produzieren ihre eigenen, für sie passenden Produktionsverhältnisse – allerdings zum subjektiven Zweck der Produktivitätssteigerung. Das Kapitalverhältnis wird internalisiert und damit eingebettet. Es bedarf keiner äußeren Zwangsverhältnisse wie der Fabrikdisziplin mehr. Die Frage ist aber: Von was wird das Kapitalverhältnis eingebettet? Dies ist gleichbedeutend mit der Frage, was es ist, dass gegenwärtig dabei ist sich zu entbetten. Es wird nichts überraschendes sein, sondern etwas, was im Schoß der alten Gesellschaft ausgebrütet worden ist. Deshalb muss man keine Futurologie betreiben sondern die Gegenwart in Kenntnis der Geschichte möglichst genau betrachten, wobei es wichtig ist neue Kategorien zu entwickeln, um die Tendenzen zu erfassen.
Es liegt nahe neue Entwicklungen zunächst mit alten Kategorien wie dem Maß der Produktivitätssteigerung oder Kolonialismus zu fassen. Das ist nicht zu vermeiden und fruchtbar, wenn es den Rahmen für eine Entwicklung und Diversifikation von theoretischen Ansätzen bietet und nicht zu Ausschließlichkeiten und Orthodoxien verleitet. Im Besten Fall führt dies zu neuen Kategorien, wie der Transformationsweise bei Castells oder dem Empire bei Negri/Hardt.
Diese Kategorien müssen sich einer Kritik stellen, müssen ihre Überlegenheit in Bezug auf einen bestimmten Gegenstand gegenüber anderen mit ihnen konkurrierenden Kategorien stellen. Das wurde hier in Bezug auf die Kohärenz der Kategorie Transformationsweise versucht und als Resultat vorgeschlagen, Transformation als Prozess der Entbettung zu fassen.
Ein Problem, dass sich ergibt, ist die Auswirkung dieser grundlegenden Kategorienverschiebung auf den Rest des nicht selten als monumental bezeichneten Werks von Castells. Wenn es schon schwierig ist, seine Analyse als Ganzes zu begreifen, so scheint es noch schwieriger sie als Ganzes zu kritisieren. Hier hilft nur der Mut zur Lücke und die Hoffnung auf eine wohlwollende (und doch kritische) Rezeption dieser Anstrengung.
Als Ausblick wäre die Empfehlung zu nennen, für die Transformation mit ihren biopolitischen Potenzialen offen zu bleiben und gleichzeitig die schlimmsten Auswirkungen die sie mit sich bringt, wie die wachsende Ungleichheit der Verteilung von Reichtum und Lebenschancen, kreativ zu bekämpfen.

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Literatur

Barbrook, Richard/Cameron, Andy (1997), “Die kalifornische Ideologie”, in: Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte , hg. von nettime, Berlin, Edition ID-Archiv (zuerst in Telepolis)
Bell, Daniel(1973), Die nachindustrielle Gesellschaft , (2. Aufl. von 1976), Frankfurt am Main/New York, Campus
Bauman, Zygmunt (1999), Unbehagen in der Postmoderne , Hamburg, Hamburger Edition
Castells, Manuel (1996), The Information Age: Economy, Society, and Culture , Bd.1, (2. Aufl. von 2000), Oxford/Malden, Blackwell
Castells, Manuel (1997), The Information Age: Economy, Society, and Culture , Bd.2, Oxford/Malden, Blackwell
Castells, Manuel (1998), The Information Age: Economy, Society, and Culture , Bd.3, (2. Aufl. von 2000), Oxford/Malden, Blackwell
Foucault, Michel (1992), Was ist Kritik? , Berlin, Merve
Gordon, Robert G. (2000), Does the "New Economy" Measure up to the Great Inventions of the Past? , PDF-Vorversion eines Artikels für das Journal of Economic Perspectives
Hardt, Michael/Negri, Antonio (2000), Empire, Cambridge/MA und London, Harvard University Press
Hegel, Georg W. F. (1986), „Phänomenologie des Geistes“, in: Werke, Bd.3, (5. Aufl. von 1996), Frankfurt am Main, Suhrkamp, (zuerst 1807)
Marx, Karl (1961), „Zur Kritik der politischen Ökonomie“, in: Werke, Bd.13, (7. Aufl. von 1975), Berlin, Dietz, (zuerst 1859)
Marx, Karl (1985), „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“, in: Werke, Bd.40, (2. Aufl. von 1990), Berlin, Dietz
Polanyi, Karl (1978), The Great Transformation , Frankfurt am Main, Suhrkamp (4. Aufl. von 1997)
Sisvanathan, Shiv (2001), Knowledge and information in the network society , http://www.india-seminar.com/2001/503/503%20shiv%20visvanathan.htm
Wolf, Harald (2000), “Das Netzwerk als Signatur der Epoche?”, in: Arbeit, Heft 2, Jg. 9, S.95-104

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[1] “[...] ein loses Bündnis von Autoren, Hackern, Kapitalisten und Künstlern [hat] die Definition einer heterogenen Orthodoxie für das kommende Informationszeitalter geschaffen“ (Barbrook/Cameron)
[2] Als Beispiel sei hier nur Robert J. Gordon erwähnt, der argumentiert, dass die Erfindung der Toiletten-Wasserspülung eine größere Bedeutung für die Menschheit hatte als das Internet (das er mit New Economy assoziiert).
[3] Als ein grundlegendes Werk darf Die nachindustrielle Gesellschaft von Daniel Bell gelten.
[4] Castells 1996, 1997 und 1998, im Folgenden zitiert als Bd.1, Bd.2 und Bd.3
[5] Der Begriff der Informationsgesellschaft erscheint Castells aus verschiedenen Gründen problematisch und den Namen der Trilogie Das Informationszeitalter hat er nur aus Marketinggründen gewählt. (Bd.1: 21 Fn.)
[6] Die Prognosefähigkeit war bei Bell noch das wichtigste Merkmal einer Theorie. (Vgl. Bell 1973)
[7] „And, yes, I believe, in spite of a long tradition of sometimes tragic intellectual errors, that observing, analyzing, and theorizing are a way of helping to build a different, better world. Not by providing the answers – that will be specific to each society and found by social actors themselves – but by raising some relevant questions.“ (Bd.1: 4)
[8] Ober wie Zygmunt Bauman (1999) es ausdrückt: „Nichts lässt sich mit Sicherheit wissen, und alles, was man weiß, lässt sich auch anders wissen.“ (S.48)
[9] Castells benutzt den Begriff statism, vgl. Bd. 3, Kap. 1
[10] Damit meine ich die Gesamtheit der Normen, die bestimmen welcher Teil der Produkte zur Reproduktion der Arbeitskraft durchschnittlich gesellschaftlich notwendig sind.
[11] Mode of development ist hier aus ästhetische Gründen als Transformationsweise übersetzt.
[12] Allerhöchstens kann sich eine Praxis im historischen Rückblick als ‚objektiv produktiv’ (d.h. im Sinne der Produktion von Werten) erweisen, wenn sie sich mit Erfolgen schmückt, die ihre Alternativen als unproduktives Durchwursteln erscheinen lassen. Ihre Positivität erhält diese Praxis allein durch die Negativität dessen, wozu niemand mehr ‚Lust’ hat es ‚durchzumachen’. In der Gegenwart aber muss das Attribut ‚produktiv’ einer neuen Praxis immer erst gegenüber den bewährten Praxis erkämpft werden, bevor es koexistieren oder integriert werden kann. Eine Theorie der Transformation, die sich zwangsläufig mit Neuem auseinandersetzt, ist daher nicht gut damit beraten, ihre Phänomene nach dem Maßstab Produktivität zu ordnen.
[13] “A separate yet fundamental question is the level of such surplus, determined by the productivity of a particular process of production, that is by the ratio of the value of each unit of output to the value of each unit of input..” (Bd.1: 16)
[14] „Productivity levels are themselves dependent on the relationship between labor and matter, as a function of the use of the means of production by the application of energy and knowledge. This process is characterized by technical relationships of production, defining modes of development.“ (Bd.1, S.16)
[15] Das mag auch Harald Wolf aufgefallen sein, wenn er bemerkt: „Castells weiß um die Verschränkung der Netzstrukturen mit Kapitalverhältnis und Herrschaftsinteresse und macht doch das Netzwerk allein zum herausgehobenen Kennzeichen der Epoche. Er lässt sich dazu verleiten, »auf die Produktivkräfte blank zu rekurrieren, wo die Produktionsverhältnisse die Vorhand haben.« (Adorno 1968, 365) Das Netzwerk wird zum abstrakt-trivialen, eindimensionalen Strukturmuster gemacht, das verschiedenste sozioökonomische und soziokulturelle Tendenzen durchdringt und modelt.“ (Wolf 2000: 97)
[16] „Theories, and their inseparable ideological narratives, can be (and have been) useful tools for understanding, and thus for guiding collective action. But only as tools, always to be rectified and adjusted according to experience. Never as schemata to be reproduced, in their elegant coherence, in the imperfect yet wonderful world of human flesh.” (Bd.3: 63)
[17] „Few economic matters are more questioned and more questionable than the sources of productivity and productivity growth.“ (Bd.1: 79)
[18] „In other words: The industrial economy had to become informational and global or collapse.“ (Bd.1: 100)
[19] Nicht zu verwechseln mit einer Werttheorie der subjektiven Nutzens; vgl. Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert , Hamburg 1991
[20] Das intellektuelle Drama wird deutlich, wenn man diese beiden Passagen gegenüberstellt: „The project informing this book swims against streams of destruction, and takes exception to various forms of intellectual nihilism, social skepticism, and political cynicism. I believe in rationality, and in the possibility of calling upon reason, without worshipping its goddess.” (Bd.1, S.4) Und: „As for intellectuals, the most important political lesson to be learnt from the communist experiment is the fundamental distance that should be kept between theoretical blueprints and the historical development of political projects. To put it bluntly, all Utopias lead to Terror if there is a serious attempt at implementing them.” (Bd.3, S.63) In Bezug auf Prognosen wird die Abneigung noch deutlicher: „Ich mache nie Vorhersagen. Niemals, und ich mache dem Weltlauf auch keine Vorschriften.“ (Interview mit Thomas Assheuer und Elisabeth von Thadden für Die Zeit) „[...] I shall refer to a mega-city in the making [...] that, in my opinion, will be one of the the pre-eminent industrial, business, and cultural centers of the twentyfirst century [...]” (Bd.1: 436) “I foresee large-scale epidemics [...]” (Bd.1: 440)
[21] Allein schon, dass häufig lieber der Begriff Informationstechnologie statt Informationstechnik verwendet wird, weist auf das hohe Maß an Respekt vor dem Wissens hin, das mit dem Phänomen eines weltumspannenden Netzes verbunden wird. Es wird nur noch in seiner abstrakten Gesamtheit gefasst. Demgegenüber würde niemand auf die Idee kommen, den direkt-sinnlichen aber viel weniger greifbaren weltumspannenden Sternenhimmel über sich als Astronomie zu bezeichnen. Das Unheimliche am Netzwerk ist sein direktes Verhältnis zum Menschen.
[22] Das bedeutet für das Subjekt, dass es sich nicht als der Macht entgegenstehend sieht, sondern als durch sie gebildet, durch sie handelnd und sie ständig bestätigend – aber auch transformierend.
[23] Ausgedrückt durch das generalisierende Medium Geld.
[24] Vgl. dazu Negri/Hardt: “sites of resistance that are founded on the identities of social subjects or national or regional groups ... place-based movements ... are posed against the undifferentiated and homogenous space of global networks” (E.:44)
[25] Als eine weitere Identitätsform nennt Castells die legitimierende Identität womit eine Menge an Organisationen und Institutionen sowie strukturierte und organisierte soziale Akteure gemeint ist, die - wenn auch teilweise auf konfliktreiche Art - diejenige Identität reproduzieren, die die in einer Gesellschaft dominanten Strukturen rationalisieren. (Bd.2: 9) Diese Identität trägt die Zivilgesellschaft.