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HINWEIS!
Die Texte und Bilder
stammen von der Onkelz-HP!
Rechtschreibfehler liegen daher beim Verfasser
auf der BO-HP!
Quelle:
www.onkelz.de
Ich habe NICHT alle Texten übernommen, auf der
Seite findet Ihr noch mehr Infos und Hörproben!
1980
Bandgründung
... November 1980 in dem Keller eines
Reihenhauses in Hösbach bei Aschaffenburg. Die
Gründungsmitglieder sind Stephan Weidner damals 17 Jahre alt,
Kevin Russell, damals 16 Jahre alt und Peter Schorowsky, damals
17 Jahre alt. Inspiriert durch Punkbands wie die Sex Pistols,
The Ramones, The Clash, The Stranglers und Sham 69, erscheint es
den drei Jugendlichen als eine logische Konsequenz, ebenfalls
eine Punkband zu gründen. Den Namen geben ihnen mehrere Kinder,
die im Winter 80/81 die grünbehaarten Jugendlichen im ländlichen
Hösbach als "böse Onkels" bezeichnen. Der Name bleibt hängen und
sollte auch später nicht mehr geändert werden. Die
Familienhintergründe sind bieder bis asozial.
Punk und der frühe Einfluß
Bedingt durch die Begrenztheit des Ortes
Hösbach, lernen sich Stephan, Peter und Kevin 1978/79 kennen und
werden unzertrennliche Freunde. Der Punkrock setzt sich in der
Gedankenwelt der drei Jugendlichen fest und bestimmt fortan ihr
Handeln. Zum Zeitpunkt der Bandgründung im November 1980
besitzen sie einen alten Bass, einen antiken Röhrenverstärker,
zwei Dashtrommeln, ein Tischmicro und ein Plektron. Die Band
beginnt ihre ersten Songs zu schreiben, die nicht viel mehr
sind, als atonale Gröhlereien. Uns liegt ein Tape vor, daß noch
die, mit einem Sharp Kassettenrecorder aufgezeichnete
Originalaufnahme einiger frühen Punksongs aus dem Hösbacher
Keller enthält.
Zu dieser Zeit, als die Böhsen Onkelz sich an der Grenze zur
Volljährigkeit befinden, beginnen sie damit, sich von der Enge
Hösbachs zu lösen und an den Wochenenden nach Frankfurt zu
fahren. Stephan, dem bereits 1979 ein "Schulverbot" für alle
Schulen in Hessen ausgesprochen wurde, und der während der Woche
in der "Kneipe" seines Vaters gearbeitet hat, löst sich von der
autoritären und dominanten Vaterperson und versucht ohne
Schulabschluß in der Frankfurter Punkszene auf eigenen Füßen zu
stehen. Peter Schorowsky beendet die Hauptschule in Hösbach und
beginnt eine Lehre als Schweißer, während Kevin Russell sich
mehr schlecht als recht um seinen Hauptschulabschluß bemüht.
Alle drei übernachten, zusammen mit Stephans Schwestern und
Stephans Mutter während der Wochenenden in Frankfurt in der
Sozialwohnung am Frankfurter Berg.
1981
Bandgründung
"Türken raus"
Entgegen vieler Behauptungen, die Böhsen Onkelz
hätten ihren Skandalsong "Türken raus", der ihnen bis heute
angelastet wird, als Skinheadband geschrieben, muß hier darauf
hingewiesen werden, daß "Türken raus" einer der ersten Songs im
Repertoire gewesen ist und auf die Zusammenstöße zwischen den
Jugendlichen verschiedener Kulturen in den Frankfurter Vororten
zurückzuführen ist. Daß die Böhsen Onkelz in den nächsten 5 Jahren
eine ausländerfeindliche Haltung anehmen, ist dagegen unbestritten
und soll hier nicht unerwähnt bleiben.
Die ersten Auftritte
1980 steigen die Böhsen Onkelz während vieler Wochenendfahrten nach
Frankfurt in die dortige Punkszene ein und machen sich schnell einen
Namen als asoziale, authentische Punkband. Zusätzlich muß erwähnt
werden, daß gerade in Frankfurt, aufgrund der
"Startbahn-West-Krawalle" und der blühenden Punkbewegung eine
allgemein agressive Stimmung herrscht. Die "Hippies" und die "Alt
68er" gelten den Punks als Feindbild Nr.1. Diese Frankfurter
Punkbewegung konzentriert ihre Aktivitäten auf mehrere Orte, die
Hauptwache und den Goetheplatz in der Innenstadt, den Flohmarkt am
Eisernen Steg, die "Batschkapp"(ein alternativer Veranstaltungsort,
wo viele Punkkonzerte stattfinden) und das Jugendzentrum Bockenheim.
20.02.'81 erster dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit
Incapables, Mutation und Kreppelkaffee.
08.05.'81 zweiter dokumentierter Auftritt im Juz Bockenheim mit
Boopy Traps, Middle Class Fantasies und Antikörper.
Von diesen beiden ersten Gigs gibt es leider kein Foto- oder
Audiomaterial. Erwähnung finden die Böhsen Onkelz während dieses
frühen Stadiums lediglich in lokalen Fanzines und
Undergroundpublikationen.
Noch mehr Punk
Während der ersten zwei Jahre spielen die Böhsen Onkelz 4 Gigs im
Juz Bockenheim. Ihr Repertoire beinhaltet neben "Türken raus" noch
einige typische Punksongs, "Bullenschwein", "Hinein in das
schäumende Bier", "Schöner Tag", "Deutsche Welle", "Bruno Baumann"
und andere. Gonzo bringt als erster eine gewisse, rudimentäre
Professionalität in die Band, in dem er die Songs durch sein Können
erheblich aufwertet. Aus dem anfänglichen Gegröhle werden nun
richtige Punksongs, die vom meist jungen Publikum auch so verstanden
und aufgenommen werden.
Der Punk, als solcher findet zwar in den einschlägigen
Musikzeitschriften seine Erwähnung, aber der Focus der
Berichterstattung liegt ausschließlich auf den "großen"
und "bekannten" Bands, die zumeist aus England kommen. Gleichzeitig
wird in Deutschland die "neue deutsche Welle" etabliert. Weniger
aggressives Songmaterial mit deutschen Texten, das in seiner
Beliebigkeit und seiner "Softheit" dem Punk das Wasser abgräbt.
Während NDW-Bands wie Fehlfarben, DAF oder Ideal das Rampenlicht auf
sich ziehen, haben es die authentischen Punkbands wie Slime,
Abwärts, die Böhsen Onkelz oder ZK schwer. Ihre Popularität ist
begrenzt und beschränkt sich auf ihren Herkunftsort. Die Fans
rekrutieren sich ausschließlich aus der lokalen Punkszene. Nur
mühsam erspielen sich diese Bands einen größeren Hörerkreis, der
sich auf das gesamte Westdeutschland erstreckt. Hilfreich hierbei
sind lokale "Fanzines", kleine, zusammengebastelte Heftchen, die die
"Szene" mit all ihren Konzerten, Skandalen und Ausschreitungen
beschreiben. Jede größere westdeutsche Stadt mit einer Punkbewegung,
hat auch mindestens ein Fanzine. In Frankfurt gibt es zu Beginn der
achtziger Jahre 3-4 verschiedene Fanzines, von denen "Primitiefes
Leben" von Patrik Orth das bedeutendste ist. Die Böhsen Onkelz sind
gegen 81/82 ein wesentlicher Bestandteil der Frankfurter
Punkbewegung, ihre sporadischen Konzerte und Auftritte jedoch,
finden ausschließlich in "Primitiefes Leben" Erwähnung.
1982
Oi wird härter
"Oi" wird innerhalb kürzester Zeit ein Schlachtruf für eine ganze
Generation von jugendlichen Working-Class-Kids, die kaum der
Pubertät entwachsen, sich am Wochenende im Stadion mit gegnerischen
Fans prügeln. Oi bedeutet zunächst, unpolitisch zu sein, schnellen
Punk mit harten Texten zu singen, sich ein wenig "ordentlicher" als
die Gossenpunks zu kleiden und vor nichts und niemandem
zurückzuweichen. Neben den Cockney Rejects gibt es noch eine große
Anzahl an Oi Bands, die dem neuen Trend zu einem schnellen Aufstieg
verhelfen. Das alles geschieht auch, jedoch mit ca.
eineinhalbjähriger Verspätung, in Deutschland. Zunächst bietet "Oi"
den deutschen Punks, die weder bei der NDW, noch bei den Anarcho-Punks
mitmischen wollen, ein willkommenes Auffangbecken, in dem sie
weiterhin ihre unangepasste Musik machen können, ohne sich politisch
vereinahmen zu lassen. Während Bands wie Slime aus Hamburg den
radikalen linken Weg einschlagen, springen die Onkelz zunächst auf
den unpolitischen Oi-Zug auf, der ihnen Gelegenheit genug bietet,
ihrem Ärger Luft zu machen. Songs wie "Religion", "Hippies" und "Oi,
Oi, Oi" sollen als Nachweis genügen.
Was in Großbritannien schneller
vollzogen
wird, findet nun auch in Deutschland statt. Die radikale Rechte,
beginnt den Stolz und auch den latenten Patriotismus der Oi-Szene
für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Was in England als eine unpolitische
Jugendszene beginnt, die ihre Wurzeln in der Arbeiterklasse sieht,
wird schon bald von der ultrarechten "National Front" und dem
"British Movement" vereinnahmt. Die Bewegung der "Skinheads" die in
England bereits 1969 entstand und der sich die Söhne der
Werftarbeiter zugehörig fühlten, war eine Strömung, die ursprünglich
zusammen mit den schwarzen jamaikanischen Einwanderern aus der "Rude
Boy"Bewegung entstanden war. "Ska" und "Skinheadreggae" waren die
vorherrschenden Musikstile der ausgehenden sechziger und beginnenden
siebziger gewesen. Mitte der siebziger war die britische
Skinheadszene bereits vollständig von der politischen Rechten
vereinnahmt und restlos ausgebrannt. Erst die Oi-Bewegung zu Beginn
der achtziger beschert der Skinheadbewegung in England einen neuen
Schub und dehnt sich auch sehr schnell auf das europäische Festland
aus. Ist die Oi-Bewegung zunächst unpolitisch und orientiert sie
sich zunächst an den ganz und gar unpolitischen Working Class Bands
wie "Cockney Rejects", "Angelic Upstarts", "The Gonads", "Agnostic
Front", "The Blitz", "The Business" und "Cock Sparrer" sowie an den
"softeren" Ska-Varianten wie "Madness", "The Specials", "Selecter"
oder "Bad Manners"so kann man auch 1982/83 in Deutschland bereits
den Einfluß der rechten politischen Parteien in diesen Szenen
spüren. Der Zusammenhalt der Jugendbewegungen in der Punk- und in
der jungen Skinheadszene, kann dem politischen Druck nicht
standhalten und fällt sehr schnell einer radikalen Trennung zum
Opfer.
1983
Oi ist noch nicht hart genug
bereits
den Schädel rasiert und Stephan schreibt die ersten Lieder, die sich
explizit mit dem Thema "Skinhead" befassen. Der Ska-Einfluß ist zwar
noch zu spüren, und auch der Bezug zur Arbeiterklasse, aber diese
Einstellung wird aufgrund der politischen Einmischung in die Szene
schnell verwässert.
Matrosen und Gelegenheitsjobs
Kevin beginnt 1983 seine Lehre als Schiffsmechaniker in Hamburg, ist
bald als Matrose in Richtung Sibirien unterwegs und steht der Band
nur sporadisch zur Verfügung. Gleichzeitig beginnt er, bedingt durch
seine frühen Kindesjahre in Hamburg und durch seine
Wochenendaufenthalte bei seiner Großmutter in der Hansestadt, in die
radikale Hamburger Glatzen-Szene einzutauchen. Der Schritt von dort
in die HSV-Fußball-Fan-Bewegung ist nicht weit.
Stephan, Gonzo,Pe
Stephan hält sich als inzwischen verheirateter Mann mit
Gelgenheitsjobs über Wasser, während Gonzo seinen Wehrdienst bei der
Marine in Norddeutschland absolviert und Pe als Schweißer arbeitet.
1984
Rock O Rama und der nette Mann
Im Frühjahr 1984 wird Herbert Egoldt,
Inhaber des Rock O Rama Labels und des gleichnamigen Mailorder
Vertriebs aus Brühl auf die Onkelz aufmerksam. Herbert Egoldt hatte
es in den vorangegangenen Jahren verstanden, den Import mit
Independent Musik zu einem florierenden Geschäftszweig auszubauen.
Sein Label galt während der letzten Jahre als kompetenteste
Institution in Sachen Punk- und New Wave Import. 1984 jedoch beginnt
er seinen Repertoirebereich auf die wachsende rechte Musikszene in
England und Deutschland auszuweiten. Er bietet den Onkelz einen
einseitigen Vertrag über drei Alben an, verspricht der Band eine
Zahlung von 1,-- DM pro verkaufter Platte und sichert sich die
Rechte an den Songs auf Lebzeiten. Die Böhsen Onkelz sind noch
unerfahren im Musikgeschäft und gehen begeistert auf den Deal ein.
1984 ist für die Böhsen Onkelz das Schlüsseljahr, in dem sie ihre
erste LP "Der nette Mann" in den Frankfurter MTV Studios mit Lazlo
Viragh aufnehmen und sich den Titel "Kultband der Skinheadszene"
sichern. "Der nette Mann" ist das erste Album einer deutschen Band,
deren Mitglieder zu 100% Skinheads sind und sich auch dieser Szene
verbunden fühlen. Musikalisch läßt es bereits die spätere
Professionalität und Härte erkennen und gerade Gonzo hebt sich mit
seinem inzwischen weit fortgeschrittenen Können von der Masse
deutscher Bands ab. Die Texte drehen sich fast ausschließlich um
Gewalt, Alkohol und Sex. Gerade das Titelstück in seiner ganzen
Scheußlichkeit, findet bei den Skinheads in Deutschland großen
Anklang. Das Stück "Der nette Mann" handelt von einem Kindermörder,
der getarnt als netter Nachbar praktisch nicht auffindbar ist, da er
sich hinter der Maske des "netten Mannes" versteckt. Der Song, der
in der ersten Person Singular gesungen und mit Kevins rauhem Organ
vorgetragen wird, gilt in Deutschland als massiver Tabubruch. Zum
ersten Mal setzt sich eine Band auf ihre eigene Art und Weise mit
dem Thema Kindesmißbrauch auseinander.
Der
Täter wird hier als "perverses Schwein" dargestellt und die
"Ich-Form", in der das Lied vorgetragen wird, sorgt für große
Empörung bei den Jugendschutzvereinen, Kommunen und Gemeinden. Man
unterstellt der Band, sie selbst würden zum Kindermord aufrufen.
Ebenso skandalös empfindet man das Lied "Mädchen" in dem es um
nichts anderes als "ficken", "ficken" und nochmals "ficken" und um
"blasen", "blasen" und nochmals "blasen" geht. Der Song "Frankreich
'84", der die anstehende Fußball Europameisterschaft in Frankreich
thematisiert und in dem das Wort "Frankreichüberfall" fällt, wird
später als Hauptgrund für die angeblich faschistoide Gesinnung der
Musiker herhalten müssen. Desweiteren befindet sich auf dem
Debütalbum "Der nette Mann" das Lied "Deutschland", ein Song, in dem
zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg eine deutsche Band die
Textzeile "wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein" verwendet.
Merkwürdigerweise wird dieser Song, in den man unverblümt einen
übertriebenen und gefährlichen Patriotismus, hineininterpretieren
könnte, bei der späteren Beanstandung des Albums durch die
Bundesprüfstelle, nicht nur nicht besprochen, sondern, er wird nicht
einmal erwähnt.
"Der nette Mann" wird Kult
Das Debüt Album "Der nette Mann" schlägt in der kleinen
Skinheadszene, die in den Verfassungsschutzberichten des Jahres '84
mit ca. 2000 Personen beziffert wird, ein, wie eine Bombe. Die
Böhsen Onkelz sind seit ihrem "Demo" von '83, seit ihrem Gig im
Bunker '83 und seit ihrem ersten Album "Der nette Mann" die Band der
Stunde. Die Gerüchte über die Frankfurter Band innerhalb der
Skinheadszene nehmen groteske Formen an und so schnell, wie die
Onkelz sich in der Szene etabliert haben, so schnell wird es ihnen
auch schon wieder zu eng.
Zagabarta
Im Sommer 1984 werden die Böhsen Onkelz von der Berliner Regisseurin
Tabea Blumenschein zu einem Filmdreh eingeladen. Zusammen mit der
Berliner Punkband "Tödliche Doris" liefern sie den Soundtrack. Der
Film "Zagarbarta", der 1985 vom ZDF in der Reihe "Das kleine
Fernsehspiel" ausgestrahlt wird, und der die Böhsen Onkelz in seiner
Anfangssequenz für 4 Minuten während eines gestellten Gigs im
Berliner "Loft" zeigt, gilt mit Recht als der schlechteste Film, der
jemals über Punks und Skinheads gedreht wurde. Später wird der Film
oft von den Medien im Fernsehen fälschlicherweise als "Böhse Onkelz
Film" zitiert und muß oft herhalten als einziges Archivmaterial, das
die Böhsen Onkelz als Skinheadband auf einer Bühne zeigt.
1985
Das zweite Album
Bereits im Ferbruar 1985 nehmen die Onkelz ihre zweite
Langspielplatte "Böse Menschen - böse Lieder" auf. Herbert Egoldt
hat zu diesem Zeitpunkt noch keinen Pfennig für die Verkäufe der
ersten LP gezahlt, ist aber der Meinung, daß dringend ein zweites
Album aufgenommen werden muß. Von diesen Aufnahmen existiert
Filmmaterial auf Video. Zusätzlich werden die Stücke der zweiten LP
in Halbplayback und in Farbe für ein frühes Fanvideo in geringer
Stückzahl aufgenommen. Auch dieses Material liegt uns vor. Während
das Cover zum "netten Mann" noch auf dem Coverfoto (zerstörte,
blutüberströmte Kinderpuppe in der Gosse, daneben ein paar
Springerstiefel) einen klaren Bezug zur Skinheadszene aufweist, ist
der Cover des neuen Albums mit einer Zeichnung aus einem Comic
wesentlich neutraler und während sich die Songtexte des ersten
Albums noch mit dem Thema "Deutschland" auseinandersetzen, sucht man
auf der zweiten Scheibe solche Titel vergebens. Die Inhalte handeln
fast ausschließlich von Alkohol und Straßenkampf, davon, daß die
Gewalt nicht mehr als etwas Gutes und Wichtiges, sondern nun als
etwas Erzwungenes, etwas zum Überleben auf der Straße Notwendiges
angesehen wird. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß
1985 auch die rechten Parteien die Onkelz für sich entdecken und sie
immer wieder für "ihre Sache" zu gewinnen versuchen. Es gibt während
dieser Zeit zahlreiche Angebote von rechten Parteien und
Vereinigungen an die Böhsen Onkelz, auf einer ihrer Kundgebungen
oder Grillfeste zu spielen. Alle Angebote werden abgelehnt und die
Böhsen Onkelz haben bis heute keine Note für eine politische Partei
angeschlagen. In diesem Zusammenhang sind auch die Texte der beiden
Songs "Signum des Verrats" (ein Song für Mitläufer und Skinheads,
die ihre Ideale an die Politik verkauft haben) und "Hässlich, brutal
und gewalttätig" (ein Song über die plakative Darstellung der
Skinheads in den Medien) zu verstehen.
Der größte dokumentierte Glatzengig
Den vierten und größten Gig vor einer Skinheadgemeinde spielen die
Onkelz zusammen mit der englischen Band "Indecent Exposure" und den
deutschen "Die Hards" im August '85 in der Nähe von Lübeck. Vor rund
700 Glatzen und Glatzenähnlichen, von denen man einige ganz klar dem
rechten Lager zuordnen muß, läßt sich Kevin zu einer weiteren
Dummheit hinreißen. Obwohl die Band den Aufforderungen "Türken raus"
oder "Deutschland den Deutschen" vom Demotape zu spielen, nicht
nachkommt, tragen sie dennoch den Song "Deutschland" vom ersten
Album vor. Die originale Textzeile "deutsche Frauen, deutsches Bier
- schwarz rot gold wir steh'n zu Dir" wird während des Gigs von
Kevin auf eigene Faust umgestaltet und er singt nun "deutsche
Frauen, deutsches Bier - schwarz weiß rot wir steh'n zu Dir" Die
Band ist außer sich vor Wut über diesen Alleingang und es kommt zu
Spannungen innerhalb der Band.
Skandalsendung "Live aus dem Alabama"
Noch immer in der Skinheadszene verhaftet, stellen sich die Böhsen
Onkelz im September einer Fernsehdiskussion zum Thema
Ausländerfeindlichkeit im Rahmen der "Live aus dem Alabama"-Serie
des Bayerischen Rundfunks. Nach dem Live Vortrag des Songs "Stolz"
in einer schnelleren Version, währendessen man Gonzo schon in
Jeansweste, Motörhead T-Shirt und Cowboystiefeln (!) auf der Bühne
sieht, nehmen Stephan und Kevin an der Diskussion teil.
Ebenfalls eingeladen sind ein türkischer Graphik-Designer und eine
griechische Abiturientin. Fast unnötig zu erwähnen, daß diese
Diskussion nicht viel bringt. Kevin, noch als traditioneller
Skinhead gekleidet, redet sich um Kopf und Kragen, in dem er
tatsächlich die Ausländer für seine persönlichen Fehler und
Versäumnisse verantwortlich zu machen versucht. Stephan ist bemüht
die Diskussion seriös zu gestalten, muß aber einsehen, daß es nichts
bringt, als der Moderator zwei jugendliche Neonazis der Wiking
Jugend zu Wort kommen läßt, denen man scheinbar vor der Sendung noch
bügelfrische Onke lz
T-shirts übergezogen hat. Diese beiden Jugendlichen, die keine
unpolitischen Skinheads, sondern rechte Scheitelträger sind, dürfen
ihre Hetzparolen vortragen und sorgen somit dafür, daß auch die
Onkelz in dieser Diskussion als rechte Band dargestellt werden. Die
Kernchance, die wohl darin liegen sollte, eine fruchtbare Diskussion
zu führen, wird kläglich vertan.
"Mexico" - die letzte Rock o Rama Veröffentlichung
Im Herbst 1985 entscheiden sich die Böhsen Onkelz dazu, ihren
Vertrag bei Herbert Egoldt und Rock 'O'Rama zu erfüllen, in dem sie
noch ein letztes Album mit ihm aufnehmen. Egoldt hat bis jetzt
keinen Pfennig gezahlt und ein persönlicher Besuch bei ihm bringt
einen Scheck über 4000,-- DM. Dies bleibt die erste und letzte
Zahlung, die Herbert Egoldt den Böhsen Onkelz bis heute ausgezahlt
hat. Dazu hat Egoldt nun ein großes Sortiment an Faschobands aus
England auf seinem Label versammelt und die Böhsen Onkelz fühlen
sich zunehmend verarscht und unwohl. Um den Vertrag zu erfüllen und
Egoldt dabei so wenig Songmaterial wie möglich zu liefern,
veröffentlichen die Onkelz lediglich 6 Songs auf der "Mexico" EP.
Das dritte Studioalbum "Mexico" mit dem gleichnamigen Stadionknaller
zur Fußballweltmeisterschaft '86 stößt in der Skinheadszene erneut
auf große Zustimmung und gilt bis heute als das dritte und letzte
Skinheadalbum der Böhsen Onkelz.
1986
Kevin und die Tattoos
1986 ist das Jahr, in dem Kevin seine Laufbahn als
Tättowierer beginnt. Er hat schon seit geraumer Zeit am eigenen
Körper experimentiert, hat hunderte von Zeichnungen entworfen und
findet nach seiner Lehre als Matrose, die mit einem Rauswurf endet,
nun einen Job im Studio des Frankfurter Tattoo-Künstlers Alf
Diamond. Auf privater Ebene ist er mit Stephans jüngster Schwester
Moni zusammen und treibt den Alkoholkonsum und die Gewalt auf die
Spitze.
Indizierung "Der nette Mann"
Die Bundesprüfstelle indiziert im September '86 das Debüt
Album "Der nette Mann" mit der Begründung der Titelsong würde zum
Mord an kleinen Kindern aufrufen, der Song "Frankreich '84"
beinhalte rassistische Tendenzen, der Song "Mädchen" sei
pornographisch, der Song "Dr. Marten's Beat" sei
gewaltverherrlichend und der Song "Böhse Onkelz" würde unreflektiert
den Nationalsozialismus verherrlichen. Die Songs in ihrer Abschrift,
weisen viele Fehler und Entstellungen auf - manche Passagen sind von
der Bundesprüfstelle frei erfunden worden - und das Verbot des
Albums sorgt dafür, daß es bundesweit "Kultstatus" erlangt. Die
spätere Behauptung, die Böhsen Onkelz hätten diese Indizierung
beabsichtigt, sie sei Teil einer gewaltig angelegten
Marketingkampagne gewesen, ist unhaltbar und unzutreffend. Das
Verbot der Platte kommt zwar überraschend, wird aber von der Band
schulterzuckend hingenommen. Verdient haben sie an den ersten drei
Alben sowieso nichts.
Nochmal Rock o Rama?
Die in den letzten Jahren angestrengten Prozesse gegen das Label
Rock'O'Rama, verfolgen nur einen Zweck, nämlich die Auswertung der
Alben "Der nette Mann", "Böse Menschen, böse Lieder" und "Mexico" zu
stoppen und die Produktion einzustellen. Die Böhsen Onkelz versuchen
diese drei Alben seit Mitte der neunziger Jahre vom Markt zu nehmen.
Herbert Egoldt jedoch vertreibt diese Alben bis heute mit großem
Erfolg. Die Diskussion um die Böhsen Onkelz hat erst dafür gesorgt,
daß diese drei, angeblich "schwer zu bekommenden" Veröffentlichungen
Kultstatus erlangt haben. Der Kontakt zu Egoldt ist seit 1985
abgebrochen und findet nur noch über Anwaltstermine statt.
Der Ausstieg und die Presse
1986 sind die Onkelz für eine kurze Zeit ohne Vertrag und ohne neue
Songs. Ein Playback-Benefiz-Gig für das S.O.S.-Kinderdorf unter der
Leitung von Manfred Sexauer verläuft mehr als chaotisch, als der
betrunkene Kevin Russell in das Schlagzeug fällt und nicht mehr
alleine hochkommt. Danach gibt es bis 1989 keine Konzerte mehr und
die Presse hat von der Band, ihrer bisherigen Geschichte und ihrem
Ausstieg aus der Skinheadszene keine Kenntnis und zeigt auch kein
Interesse. Innerhalb der Szene jedoch gibt es die wildesten
Auflösungsgerüchte und Erwähnung finden die Onkelz allerhöchstens in
einschlägigen Skinheadfanzines. Hier zwei Zitate:
Stephan: "Ein für allemal: Die Böhsen Onkelz haben sich nicht
aufgelöst. Ich weiß nicht, welcher Verrückte auf die Idee gekommen
ist, dieses Gerücht in die Welt zu setzen. Es stimmt jedenfalls
nicht. Wir hatten keine Lust mehr, uns in eine Ecke drängen zu
lassen, aus der wir nicht mehr herauskommen. Wir wollten unseren
Spaß haben und das war zum Schluß nicht mehr möglich. Fü r
die Zukunft der Skinbewegung sehe ich einigermaßen schwarz. Zu viele
Leute, die früher die Bewegung geprägt haben sind verschwunden, zu
viele Leute, die diesen Ruf nicht halten können, sind dazu gekommen.
Wir brauchen uns von diesen Leuten nichts vorwerfen und schon
garnichts sagen zu lassen. Wir kennen die Sache. Die Skins, die von
sich behaupten können, 4-6 Jahre dazu gehört zu haben, kann man an
einer Hand abzählen."
aus: "Singen und Tanzen", Skinheadfanzine Duisburg, Frühjahr 1986
Frage: "Ihr seid im letzten Jahr in der Alabamahalle aufgetreten, um
in einer Diskussion mit dem Thema "Skinheads" Rede und Antwort zu
stehen. Würdet ihr das heute nochmal machen?"
Stephan: "Das mit der Alabamahalle würden wir mit Sicherheit nicht
nochmal tun. Wir haben da mitgemacht, weil wir endlich mal
Gelegenheit hatten, den Ruf der Skins ein wenig in ein anderes Licht
zu rücken, weg von diesem Neo-Nazi-Klischee."
aus: "oi - the bulldog", Skinheadfanzine Augsburg, Frühjahr 1986
1987
Nach dem Ausstieg
Das Jahr 1987 markiert das zweite Jahr nach dem Ausstieg
der Böhsen Onkelz aus der Skinheadszene und ihr erstes Metal Album,
das im Sommer des Jahres bei Metal Enterprises erscheint. "Onkelz
wie wir" erspielt sich schnell den Ruf einer reinen Rockscheibe
innerhalb der wachsenden Fangemeinde. Die Presse ist immer noch
weitgehend uninteressiert. Nur einige Musikmagazine haben von dem
Ausstieg der Onkelz aus der Glatzenbewegung etwas mit bekommen,
wollen die Wandlung aber nicht anerkennen. Das einzige Dokument aus
dieser Zeit, ist ein längeres Interview, daß der Soziologe Markus
Eberwein mit den Böhsen Onkelz im Rahmen des Buchprojekts "Skinheads
in Deutschland" durchführt. Hier einige Auszüge:
Stephan: "Und wenn man dann hier so was liest: "Früher eine
aufmüpfige Punkband, ist die Kapelle unter ihrem Lead-Sänger Ian
Stuart inzwischen voll auf der Linie der faschistischen "National
Front". "Skrewdriver" hat überall in Europa Nachahmer gefunden. Die
Gruppen nennen sich "Blut und Ehre", so in der Schweiz, in Frankfurt
"BÖHSE ONKELZ" oder in Westberlin "Kraft durch Froide".
Pe: "Es gibt sicherlich Gruppen, die faschistisches im Sinn haben!"

Gonzo: "Aber mit so was haben wir nie was am Hut gehabt!"
Pe: "Dazu gehören wir aber wirklich nicht!"
Gonzo: "Von wegen parteipolitisch: Ist nie was gelaufen bei uns!"
Kevin: "Politik ist ja total uninteressant. Das ist überhaupt kein
Thema, weil Politik ist in diesem Land undurchführbar. Deswegen
interessiert mich Politik einen Scheißdreck, ja? Ich will nur leben,
wie ich will, das ist alles. Politik und sich politisch überhaupt zu
organisieren ist das Letzte! Das ist so eine Zeitverschwendung. Also
in der Zeit kann ich etwas Besseres machen."
(...)
Stephan: "Man muß sich mal eins überlegen. Wir waren damals, wo es
angefangen hat, dabei und haben die ganze Bewegung mit aufgebaut.
Und dann siehst du, wie ein paar Idioten die ganze Sache kaputt
machen."
(...)
Stephan: "Und bei uns hat es aufgehört, wo der Punk ins Linke
reingezogen worden ist. Punk bedeutete am Anfang für uns nur,
Außenseiter zu sein und Spaß zu haben."
Kevin: "Und so ist es jetzt auch bei den Skins, das wird nur ins
Rechte gerückt. Und da hört es für mich dann auch auf. Genauso war
es damals als Punks."
Gonzo: "Die Linken haben sich die Punks unter den Nagel gerissen und
die Rechten versuchen sich die Skins unter den Nagel zu reißen."
Kevin: "Also ein richtiger Skinhead ist politisch total negativ
eingestellt, politlos."
(...)
Gonzo: "Wir waren als Punks politisch uninteressiert gewesen. Dann
haben wir gesehen: jetzt kommt das Ganze in eine politische Sache
rein, was machen wir jetzt? Das wollen wir nicht, wir wollen mit den
Leuten nichts zu tun haben! Naja, ich weiß auch nicht, wie es kam:
jedenfalls wurden die Haare kürzer, und dann sind wir Skinheads
gewesen. Dann waren wir zwar noch dieselben wie vor einem halben
Jahr, aber wir sind nicht Skinheads geworden aus dem Grund, weil:
Sieg Heil! Und rechts!"
Kevin: "Auf keinen Fall!"
(...)
Kevin: "Man wollte halt alles ein bisschen mehr auf Härte machen,
anstatt so auf: viel trinken, und Koma, und: Eh, ihr Blöden! Und
nichts mit Politik, von wegen: `Heil Hitler!` Das überhaupt nicht,
was soll denn das? So?n Quatsch! Ich meine, wenn man damals leben
würde. Ist doch Scheiße! Ich meine, in der Hitlerjugend hier, ich
würde mir doch die Kugel geben! Was soll das denn?"
Gonzo: "Stell dir mal vor, da wärst du ein größeres Arschloch als
die Bullen!"
Kevin: "Da hast du zehn Arschlöcher am Tag, die dir sagen, du sollst
das und das machen. Das ist einfach logisches Denken, dass so eine
Politik Scheiße ist!"
(..)
Kevin: "Ich lasse mir doch von keinem Arsch sagen: Weil ich Skinhead
bin, muss ich jetzt singen: `Sieg Heil!` und `Gewalt!"
aus: "Skinheads in Deutschland" von Markus Eberwein und Josef
Drexler, Selbstverlag, Hannover/München 1987)
So, wie der Song "Stolz" wohl für viele Jugendliche der Einstieg in
die Szene gewesen sein mag und so, wie, der Song "Deutschland" den
nicht ganz ungefährlichen Patriotismus thematisierte, genauso gilt
der Song "Erinnerungen" auf dem Album "Onkelz wie wir" als der
klassische Ausstiegssong und wird von den Fans, die ähnliche
Erfahrungen gemacht haben, begeistert aufgenommen.
Für die Böhsen Onkelz war damit ihre Zugehörigkeit zur Skinheadszene
abgeschlossen, der Ausstieg vollzogen und dokumentiert. Man muß
jedoch davon ausgehen, daß die Medien von dieser Entwicklung nichts
mitbekommen haben und daß die Bewußtwerdung der Böhsen Onkelz zu
diesem Zeitpunkt kein Thema darstellte. Anders sind die späteren
Recherchefehler und Behauptungen insbesondere der Tagespresse nicht
zu erklären.
1988
Onkelz? Nie gehört!
Im Jahr 1988 gibt es, wie auch schon im vorangegangenen
Jahr keine Konzerte. Die Massenmedien interessieren sich noch immer
nicht für die Geschichte der Böhsen Onkelz. Weder ihre Musik, noch
ihr Ausstieg aus der Skinheadszene wird in der Tages- oder
Stadtpresse erwähnt. Der Metal Hammer macht den ersten Schritt im
Februar ?88. Nachdem er bereits im Vorjahr die "Onkelz wie wir" als
"Nazi-Skin-Platte" verrissen hatte und nachdem sich Stephan und
Gonzo daraufhin bei der Redaktion beschwert hatten, lädt der
damalige Chefredakteur Edgar Klüsener die beiden Musiker zu einem
Gespräch ein. Hier einige Auszüge:
Stephan: "Vor allem in den letzten Jahren ist ein Teil der Skins
klar nach rechts abgedriftet. Tatsache ist, daß auch politische
Organisationen versuchen, direkten Einfluß auf Skins zu gewinnen.
Das geht soweit, daß sie zu unseren Konzerten kommen und Stände
aufbauen oder Flugblätter verteilen wollen. Das lassen wir jedoch
unter keinen Umständen zu. Die fliegen ganz einfach raus!"
(...)
Stephan: "Einer von uns zum Beispiel hat den Wehrdienst verweigert
und leistet zur Zeit seinen Zivildienst ab - aus welchen Gründen
auch immer. Und da sagt man uns noch ernsthaft nach, wir würden
Neo-Faschisten unterstützen oder seien gar selbst welche. Wir sind
zwar Musiker, aber keine Idioten!"
(...)
Stephan: "Was heute noch als Skinhead auftritt, hat meistens nichts
mehr mit dem zu tun, was ursprünglich mal das Skin-Movement war.
Übriggeblieben sind oft nur noch die, die tatsächlich rechstradikal
eingestellt sind. Die anderen, die von Anfang an dabei waren und die
Bewegung mit aufgebaut haben, die haben sich inzwischen weitgehend
abgesetzt und distanziert."
(...)
Stephan: "Es war eine Bewegung der Kids von der Straße und eine
Bewegung, die aus der Arbeiterklasse entstanden ist, aus der Klasse
also, aus der auch wir stammen und in der wir verwurzelt sind. Eine
andere Sache allerdings ist, daß für uns die Politik, so wie sie uns
von den herrschenden gesellschaftlichen Gruppen und Parteien jeden
Tag vorgespielt wird, absolut unglaubwürdig geworden ist. Politik
ist ein pures Gerangel um Macht und Geld. Der Mensch und seine
Bedürfnisse gelten nichts. Die einzige Partei, die zur Zeit noch
einen Hauch von Glaubwürdigkeit besitzt, sind die Grünen. Sie
könnten eine echte Alternative bieten, wenn sie zur Geschlossenheit
zurückfinden würden."
(...)
Stephan: "Als wir erstmals mitbekamen, wohin der Zug plötzlich fuhr,
auf dem wir als Kultband der Skins irgenwo mit draufsaßen, haben wir
damit begonnen, gegen unsere eigenen Leute zu schreiben, um
irgendwie zu bremsen."
(...)
Stephan: "Seitdem sind wir alle noch um einiges bewußter geworden.
Wir glauben, daß unser einzige Chance sowohl musikalisch, wie auch
menschlich-politisch im Crossover liegt. Es hat keinen Sinn, wenn
Glatzen auf Punks, Metaller auf Hippies und jeder gegen jeden
losgeht. Statt uns zu bekämpfen, sollten wir viel mehr
zusammenhalten gegen die, die uns alle zusammen be- und
unterdrücken, gegen korrupte Politiker, Umweltzerstörer,
Kriegstreiber und gegen ein politisches System, für das der
Einzelne Dreck ist."
aus "Metal Hammer" Hard Rock Zeitschrift "Böse ja, rechtsradikal
nein" von Edgar Klüsener, München Februar 1988
Kurz daruf druckt das semi-professionelle Heavy Metal Magazin "Mega
Mosch" im Sommer 1988 ein weiteres Interview mit Stephan Weidner ab.
Es folgen Auszüge.
Stephan: "Es gab dann halt regelmäßig Ausschreitungen und uns wurde
ein faschistisches Image angelastet, worauf die Veranstalter halt
auch keinen Bock hatten, was ein Auftrittsverbot für uns in
Frankfurt und Umgebung zur Folge hatte. So hat sich das dann halt
entwickelt und immer mehr verschlimmert, durch
Mund-zu-Mund-Propaganda."
(...)
Stephan: "Ja, das ist richtig. Zu dieser Zeit (84) waren wir halt
auch Skins gewesen und haben voll hinter der Bewegung gestanden. Wir
wollten deshalb auch eine Platte für diese Bewegung machen.
Inzwischen haben wir mit dieser Szene eigentlich nichts mehr am
Hut."
(...)
Stephan: "Rock-O-Rama haben uns finanziell ziemlich beschissen und
nahmen außerdem immer mehr rechte Gruppen in ihr Repertoire auf, was
uns auch nicht so gelegen hat."
aus "Mega Mosch" Heavy Metal Zeitschrift, Sommer 1988
1989
Immer noch im Untergrund
Im Jahre 1989 finden die Böhsen Onkelz in den Medien noch
immer nicht statt. Weder Tageszeitungen noch Musikmagazine
interessieren sich für die Band. Die Kneipenterroristen LP vom
Vorjahr wird kaum erwähnt und ebenso wenig ihr Ausstieg aus der
Glatzenszene oder die wachsende Fangemeinde, die sich nun aus
vereinzelten Alt-Skins, Punks und Rockern zusammen setzt. Wohl aber
finden wieder erste Konzerte statt. 5 Shows spielen die Onkelz im
Raum Wiesbaden und Frankfurt vor einer Crowd von 800 bis 1200
Leuten. In Offenbach tauchen ca. 30 Skinheads mit Deutschland Fahnen
auf und pöbeln im Publikum. Stephan macht eine seiner ersten
öffentlichen anti-rechts Ansagen von der Bühne herunter. Leider gibt
es hiervon kein Video- oder Tonmaterial.
Ein weiteres erwähnenswertes Interview findet im Herbst des Jahres
statt, als der Redakteur eines bekannten Nachrichten Magazins die
Böhsen Onkelz in ihrem Proberaum in Frankfurt besucht. Von diesem
Interview liegt uns die ungeschnittene Rohfassung vor, die wir hier
in Auszügen ablegen. Augrund bestehender Copyrights, können wir
leider die Quelle nicht angeben, da man uns die Genehmigung zur
Veröffentlichung des Materials verweigert hat. Wir tun es dennoch:
Bermerkenswerterweise werden diese Aufnahmen der Öffentlichkeit
vorenthalten, da sich die Redaktion dazu entschließt, den Beitrag
nicht zu senden. Möglicherweise ist die unprofessionelle
Vorgehensweise des Interviewers ein Grund dafür, möglicherweise
entsprechen die Onkelz aber auch nicht dem gewünschten Bild einer
"unglaubwürdigen Nazi-Skinband", die man hier zu portraitieren
versucht.
Ebenso, sollte an dieser Stelle ein Interview mit der Metal
Zeitschrift "Reborn" erwähnt werden, daß im Herbst des Jahres
geführt wird...
Stephan: "Wir wollten eigentlich schon auf jeder LP die Texte
abgedruckt haben, weil wir gemerkt haben, dass gerade bei den alten
Platten die Texte zum Großteil nicht verstanden wurden. Durch den
etwas undeutlichen Gesang und die schnell aufeinander folgenden
Worte sind häufig Missverständnisse aufgetreten. Viele Leute haben
den Text nicht richtig verstanden und somit wurde der wahre Sinn des
jeweiligen Liedes verfälscht. Deswegen wurde uns bei manchen Texten
auch unterstellt, sie seien rechtsradikal. Und das stimmt nicht!"
aus: "Reborn" Nr.2, Heavy-Metal-Fanzine, Herbst 1989

... und ein weiteres Interview, daß zwar 1988 für ein Skate-Fanzine
geführt wird, aber merkwürdigerweise in einer rechten Publikation im
Jahre 1989 ohne Quellenangabe wieder auftaucht:
Frage: "Also, wir haben ja auch von Euch 1-2 Platten auf Kassette
aufgenommen und haben auch versucht, da ein bisschen was rauszuhören,
textmäßig, und da gibt es ein Lied, auf "Der nette Mann" ist es
glaub' ich drauf, das geht über die EM in Frankreich '84. Da heißt
es so was wie "Frankreichüberfall", da hab ich gleich an Hitler
gedacht so ein bisschen. Wie ist das denn aufzufassen?"
Stephan: "Da ging das Interesse am Fußball, vielleicht auch an
Ausschreitungen unter Fans usw., das ging halt ein bisschen
verloren, das wurde vielleicht ein bisschen zu politisch
dargestellt. Vielleicht haben wir auch einen Fehler gemacht im
Textschreiben und das nicht deutlich genug ausgedrückt, was wir
damit meinen. Ich meine, wir haben einen ziemlichen Hals auf die
Franzosen gehabt zu dieser Zeit, wir haben da so auf die Schnauze
bekommen von den Bullen, und das war so ein bisschen Hasstirade auch
auf die, das war schon dabei, aber es sollte eigentlich keine
Volksverhetzung oder irgendso ein Quatsch sein, damit haben wir
nichts am Hut."
aus: Rock Nord, Winter 1989/90
1990
Ein dunkles Jahr
Das Jahr 1990 entwickelt sich im Sommer zu einem der
dunkelsten Jahre für die Böhsen Onkelz. Kevins Drogeneskapaden in
der "28" inspirieren Stephan zu den düstersten Texten, die er je
geschrieben hat. Songs wie "Leiden", "Necrophil" und "Hast du
Sehnsucht nach der Nadel" drücken diese Stimmung eindrucksvoll aus.
Der Wechsel zu
Bellaphon und ein heimtückischer Mord
Der Tiefpunkt des Jahres 1990 ist erreicht, als am 16. Juni der
beste Freund der Band, der 23jährige Elektrikergeselle Andreas
Trimborn im "Speak Easy", einer Kneipe in Alt-Sachsenhausen
erstochen wird. Ein weiteres Schlüsselerlebnis, das die Band zwar
unzertrennlich zusammenschweißt und viel Material für neue Lieder
gibt, ("Nur die besten sterben jung", "Ganz egal" 1991, "Das Messer
und die Wunde" 1993, "Der Platz neben mir" 1998) aber gleichzeitig
auch dafür sorgt, daß Kevin ganz und gar im Drogensumpf versackt. Er
nimmt nun täglich große Dosen an Kokain und Heroin zu sich und
verwahrlost zusehends. Die 90er Veröffentlichung "Es ist soweit",
das sechste Studioalbum der Onkelz, das sich hervorragend verkauft,
ist auch das letzte Album, das die Band mit Ingo Nowotny aufnimmt.
Ebenso wie Herbert Egoldt, beginnt sich Ingo Nowotny mit
grottenschlechten Bands zu umgeben, von denen einige eine sehr
zweifelhafte Gesinnung haben und auch er scheint von pünktlichen
Lizenzzahlungen oder von Auszahlungen generell nicht viel zu halten.
Die Böhsen Onkelz überwerfen sich mit Nowotny und finden gegen Ende
des Jahres einen neuen Vertragspartner in der alteingesessenen
Frankfurter Firma Bellaphon.
Stephan erweitert seinen Horizont zunehmend, in dem er auf einem
Walforschungsschiff vor der Küste Mexicos segelt, Vegetarier wird,
nach Fidji und Australien reist und eine große Anzahl an Büchern
verschlingt.
Die Presse erwacht...
Geringe Medienpräsenz in Tageszeitungen und Musikzeitschriften,
machen bereits deutlich, daß die Böhsen Onkelz von der
Musikindustrie nicht aktzeptiert werden und ihr Ausstieg nicht
anerkannt wird. Die wenigen Artikel, die sich mit dem Thema "Onkelz"
auseinandersetzen, werfen der Band vor, sie sei immer noch in der
"rechten Szene" aktiv, würde sich nur aus marketingtechnischen
Aspekten nun anders und vorsichtiger ausdrücken, sei aber im Grunde
nichts anderes, als eine "Nazi-Skin-Kombo", die keine Musik machen
könne und die man am besten totschweigt. In der Zwischenzeit werden
von der "Es ist soweit"- LP 30.000 Einheiten in kürzester Zeit
abgesetzt.
1991
"Warum ändert Ihr nicht einfach Euren Namen?"
Die 91er Veröffentlichung, die erste LP bei Bellaphon, die
den Titel "Wir ham' noch lange nicht genug" trägt, steht ganz unter
dem Zeichen der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse. Nicht nur wird
dieses siebte Studioalbum dem ermordeten Freund "Trimmi" gewidmet,
sondern man schreibt auch ein Lied für ihn "Nur die besten sterben
jung", ein Lied für seinen Mörder "Ganz egal", ein Lied gegen die
einflußnehmende und uninformierte Presse "Zeig mir den Weg" und ein
Lied über die Sinnlosigkeit versoffener Tage "Wieder mal 'nen Tag
verschenkt". Das Album verkauft über 100.000 Einheiten in wenigen
Monaten. Während die Presse allmählich auf das Phänomen der "Onkelz"
aufmerksam wird und ihre Popularität einzig und allein auf ihren
"Kultstatus" in der Skinheadszene zurückzuführen versucht, werden
gleichzeitig die Forderungen nach einer Namensänderung laut. Bisher
hat die Band keinen Videoclip für einen Musiksender gedreht und
findet im Radio nicht statt. Die Musikindustrie ruft öffentlich zum
Boykott der Band auf und beginnt, massiv auf den Handel einzuwirken.
Ziel ist es, die Band entweder mundtot zu machen oder aber unter
einem anderen Namen mit möglicherweise englischen Texten neu zu
erfinden. Angebote, die das bestätigen gibt es in größerer Anzahl.
Die Band lehnt weiterhin jede Diskussion darüber ab und antwortet
stattdessen mit ihren Songs. Es muß möglich sein, in Deutschland, so
die Band, seine Meinung zu ändern, Fehler einzugestehen und geistig
zu reifen. Bewußtwerdung soll zugestanden werden. Stephan und die
Band sind fest dazu entschlossen, den Namen "Böhse Onkelz" zu einem
Symbol des Umdenkens zu machen und sich dem Druck nicht zu beugen.
Böhse Onkelz live in Wien
Ein Gig in Wien zum Jahresende '91 bringt 5000 Konzertbesucher in
den Messepalast. Dieses Konzert wird von mehreren mobilen Kameras
mitgeschnitten, um später ein VHS Verkaufsvideo von dem gefilmten
Material erstellen zu können. Erstmals geht Stephan in Wien bereits
vor dem Konzert auf die Bühne und macht eine Ansage an die Fans...
Zusätzlich nimmt die Band einige Interviews auf, die der Metal
Hammer Redakteur Rainer Funk mit der Band führt und die später in
das Live Video integriert werden.
Die Band entschließt sich, von nun an rigoros gegen
Störer aus dem
Publikum vorzugehen. Aufgrund der vielen Kameras in Wien gibt es von
einem dieser Zwischenfälle Filmmaterial, das wir hier abgelegt
haben. Auslöser des Zwischenfalls war ein Skingirl, das Stephans
iranische Freundin vor der Bühne angepöbelt hat.
Zunehmende rechte Gewalt in Deutschland
Gegen Ende des Jahres '91 beginnt auch die Tagespresse verschärft
damit, die Böhsen Onkelz in ihren Artikeln über rechte Gewalt zu
erwähnen. Die Berichterstattung über die Band ist defizitär,
lückenhaft und ungenügend. Daten, Fakten, Namen, Zahlen, alles wird
bunt durcheinander geworfen und schlecht bis gar nicht recherchiert
an die Leser verfüttert. In Radio, Fernsehen und Tagespresse wird
die Band als schlimme "Nazi-Skin-Kombo" dargestellt und es wird in
den Medien zu öffentlichen Boykotten aufgerufen. Kein Radioairplay,
keine Videoclips, keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem
Thema "Böhse Onkelz". Eine objektive Berichterstattung findet nur
vereinzelt in wenigen Rock Zeitschriften statt. Hier einig Zitate
aus dieser Zeit:
Stephan: "Wir haben uns letztendlich nie als rechte Band gesehen,
oder uns als Angehörige der rechten Szene gefühlt."
aus "Animalize" Nr.10, Oktober 1991)
Frage: "Warum, glaubst du, fühlen sich so viele Rechtsradikale von
euren Texten angesprochen?"
Stephan: "Es wird immer Leute geben, die zu primitiv sind, um das
Ätzende, die Ironie in unseren Texten richtig zu verstehen."
aus "Wild Axes" Nr.4, Heavy-Metal-Magazin, Österreich,
Oktober/November 1991)
Frage: "Kommt bei euch jetzt das schlechte Gewissen raus?"
Stephan: "Als es hier in Deutschland mit den Skinheads anfing, gab's
keine rechte Szene in der Bewegung; es war eine Skinbewegung, die
sich mehr zur Arbeiterklasse hingezogen fühlte, also mehr zur
Mittelschicht, "working-class-kids" sozusagen. Wir haben
größtenteils auch schwarze Musik gehört, Soul und Ska. Die Politik
kam eigentlich viel später in die Bewegung, und zwar zu einem
Zeitpunkt, wo wir schon dabei waren - auch aus diesen Gründen - uns
von dieser Bewegung zu distanzieren."
aus "RockHard" Nr.55, November 1991)
1992
Kevin scheint verloren
...Er ist jetzt Alkoholiker und Heroinjunkie und kann nur noch unter
äußerster Anstrengung die wenigen Konzerte absolvieren. Die Band
befindet sich in ihrer größten Krise, seit ihrer Gründung im Herbst
1980. Während Kevin täglich 2 Liter Jägermeister und mehrere Gramm
Heroin konsumiert, während er zielstrebig an seiner eigenen
Vernichtung arbeitet, stellt sich Stephan in unzähligen
Pressekonferenzen und Interviewterminen den Vorwürfen.
Bellaphons glücklicher Griff
Das achte Studioalbum "Heilige Lieder" erscheint auf dem Bellaphon-Label
und bringt die Onkelz erstmalig in die Top Ten.
Die Presse von 1992, ein Höhepunkt schlechter Recherche und
die Onkelz stürmen die Charts
Der neue Begriff "Rechtsrock",
ein
Medienphänomen von erlogener Größe. Die Böhsen Onkelz sind an allem
schuld und Distanzierungen im TV Gonzo: "Dass Fremdenhass gestoppt
werden muß, ist wohl allen klar, die noch einen vernünftigen
Gedanken im Kopf haben!" aus "Action Club", Zeitschrift der
Sparkasse 1822, Frankfurt, Jan/Feb. 1992 Im Jahre 1992 erreicht der
Pressekrieg gegen die Böhsen Onkelz einen vorläufigen Höhepunkt. Die
Berichterstattung nimmt immer groteskere Ausmaße an. Als sich im
Frühjahr die "Live in Vienna"- Aufnahmen, als VHS-Verkaufsvideo und
als Doppel- Live-Album sehr gut verkaufen und als die
Veröffentlichung des Sommers '92, das achte Studioalbum "Heilige
Lieder", ohne Werbung, ohne Radioairplay und ohne Videoclip von null
auf Platz 5 der deutschen Media Control Charts schießt, bricht ein
Sturm der Empörung los. Die Platte verkauft über 200.000 Einheiten
in kürzester Zeit und erstmals wird der medienwirksame Begriff
"Rechtsrock" unter die verängstigten Leser gebracht. In vielen
Artikeln der Tagespresse wird den Onkelz die Schuld an den
rechtsradikalen Übergriffen in Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Hünxe
u.a. zugewiesen. Man bezeichnet sie als die Speerpitze der
Neonaziszene, nennt sie mit rechtsradikalen Fascho-Bands in einem
Atemzug, obwohl diese Bands nicht mehr als 500 Platten verkaufen,
und manche Journalisten sind sich nicht zu schade, Onkelztexte
rückwärts abzuspielen und Buchstaben zu verdrehen, um versteckte
faschistische Botschaften nachzuweisen. Bereits nach dem
vorangegangenen Album 1991, hatte sich die Band dazu entschlossen,
überhaupt keine Interviews mehr zu geben. Die Vorfälle in
Deutschland allerdings zwingen die Böhsen Onkelz dazu, sich noch
deutlicher zu erklären und so beginnt nun Stephan Weidner im Herbst
des Jahres damit, im Wochentakt von einem Interviewtermin zum
nächsten zu eilen.
1993
Es gibt aber auch Onkelzbefürworter
Obwohl sich bereits namhafte Persönlichkeiten, wie Wolfgang
Niedecken, Daniel Cohn-Bendit, Matthias Beltz, Klaus Farin oder
Alice Schwarzer positiv über die Band äußern, obwohl sogar die FAZ
darauf hinweist, daß es vielleicht klüger wäre, die Böhsen Onkelz
als Tool, als Werkzeug also, einzusetzen, um so den nach Identität
suchenden Jugendlichen ein positives Beispiel der Veränderung nahe
zu bringen, reagiert die Musikindustrie und die Presse mit immer
haars
träubenderen Hetzartikeln. Dass sogar der Spiegel die Band als
Speerspitze der rechtsradikalen Musikszene darstellt und
gleichzeitig ein falsches Foto veröffentlicht, soll als kleiner
Nachweis für die skandalöse, schlampige Recherche genügen. Der
Ausstieg der Band aus der Skinheadszene wird von den Medien
plötzlich auf 1990-1992 verlegt, also als etwas gerade
Stattgefundenes dargestellt, als etwas, das man nur aus finanziellen
und marketingtechnischen Beweggründen hatte machen müssen. Die 92er
LP "Heilige Lieder" wird als die gerade wegen Ausländerfeindlichkeit
und Naziverherrlichung indizierte LP "der nette Mann" ausgegeben und
überall wird mit falschen Fakten und dreisten Lügen Verwirrung
gestiftet. Zum Jahreswechsel 92/93 hatte es vor der Frankfurter
Festhalle ein großes Anti-Rechts-Festival gegeben, daß von den
Konzertriesen Lieberberg und Rau veranstaltet wurde. Man hatte
klugerweise vor dem Konzert auch die Onkez eingeladen, die ohne zu
zögern ihre Beteiligung versichert haben. Daraufhin haben Peter
Maffay, Udo Lindenberg, Herbert Gröhnemeyer und andere ihren
Auftritt abgesagt, mit der Begründung, daß sie sich nicht mit den
Böhsen Onkelz auf eine Bühen stellen. Die logische Konsequenz der
Veranstalter war daraufhin, die Onkelz wieder auszuladen und es
später so darzustellen, als wenn man sie gar nicht erst eingeladen
hätte. Unnötig zu erwähnen, daß die rechtsradikalen Übergriffe nach
1992 nicht weniger werden und daß die Neonazis sich von den
stattfindenden Lichterketten unbeeindruckt zeigen.

Stephan bei MTV
Als Teilnehmer an einer Diskussion über Hate Rock, spricht Stephan,
neben Campino, Jean Paul Gaultier und Nina Hagen in einer Folge der
Reihe "Free your mind" auf MTV im Frühjahr 93.
Der Onkelzvirus bricht aus
Dass in einem solchen Klima die Onkelzfangemeinde nur immer weiter
wächst und daß die Plattenverkäufe nun mit Leichtigkeit die
250.000er Marke überschreiten, erscheint da schon fast logisch.
Immer mehr Jugendliche entdecken die Band für sich und sind bald
hoffnungslos mit dem Onkelzvirus infiziert. Aber auch Schulbücher,
Sozialarbeiter, Pfarrer, Lehrer und Uni-Professoren setzen sich mit
der unangepaßten Straßenlyrik der Onkelz auseinander. Die
Presselandschaft, die Musikindustrie und der Handel sind komplett
gespalten. Zum einen machen viele Zeitschriften ihre lupenreine,
politisch korrekte Einstellung an der Ablehnung der Onkelz fest, zum
anderen gibt es zahlreiche Künstler und Musiker, die sich eine
Imageaufwertung davon versprechen, in dem sie bei jeder sich
bietenden Gelegenheit die Onkelz als ihr Feindbild Nr. 1 bezeichnen.
Innerhalb der Fangemeinde hat es sich schon lange herumgesprochen,
daß es "schick" ist, sich als Onkelzfan zu outen, um somit einen
möglichst hohen Provokationsfaktor zu erzielen. Noch nie hat eine
Band in Deutschland die Meinungen so gespalten, die Fans und
Kritiker so polarisiert und noch nie ist eine Musikband dermaßen als
Mittel dümmlicher politischer Agitation mißbraucht worden.
1994
Und noch mehr Distanzierungen
Im Jahr 1994 gönnen sich die Böhsen Onkelz eine Pause, was das
Schreiben neuer Songs betrifft. Außer einer "Best of...", die
Bellaphon im Alleingang veröffentlicht, ist kein neues Album
geplant. Außerdem läuft der Vertrag mit der Frankfurter Plattenfirma
aus und die Böhsen Onkelz wollen ihn nicht verlängern. Das heißt
aber nicht, daß sie nur rumsitzen. Ganz im Gegenteil. Nach der, nur
unter stärkstem Gegenwind durchgeführten '92er Tour und einigen Gigs
im Jahre '93, touren die Onkelz im Jahre '94 durch die gesamte
Republik und spielen ganze 35 Konzerte vor je 4-5000 Leuten. Stephan
erklärt sich in Pressekonferenzen (siehe Video Völklingen) und macht
eindeutige Ansagen von der Bühne (siehe B.O.S.C.Video)
Aber auch der Tagespresse geben die Böhsen Onkelz einige Interviews:
Frage: "Wie setzt sich Euer Publikum heutzutage zusammen?"
Gonzo: "Es scheint komischerweise immer jünger zu werden. Auf keinen
Fall - das haben die letzten Touren gezeigt - tauchen noch erkennbar
Rechtsradikale auf. Diese Leute haben inzwischen geschnallt, dass
wir nichts mit ihnen zu tun haben. Abgesehen davon geht unser
Ordnungsdienst kompromisslos gegen Rechte vor."
aus "Göttinger Tageblatt", 17.11.1994
Ansage Stephan (nachdem einige Konzertbesucher den Hitlergruß
gezeigt hatten): "Wer noch einmal den Arm so ausstreckt, kriegt von
mir persönlich was auf die Fresse! Unser Konzert ist kein Podium für
Rechtsradikale!"
aus "Mindener Tageblatt", 1.12.1994
Stephan: "Wir haben gleich nach der Ma ueröffnung
beschlossen, erstmal nicht im Osten aufzutreten, obwohl wir viele
Angebote bekamen. Aber wir wollten unseren Standpunkt gegen Rechts
deutlich machen. Einige potentielle Veranstalter dort haben uns
jedoch keine Chance gegeben, unseren Einfluss auf die Fans positiv
auszunutzen. Das halten wir aber für unsere Pflicht, um - ohne
schulmeisterlich zu sein - auch Leute zu erreichen, die vielleicht
gar nicht mal rechts denken, sondern einfach aus Provokation
irgendwas in der Art anstellen. Und denen wollen wir zeigen ?Jungs,
das ist es nicht!?"
Ausriß Tagesezeitung, ohne Quelle, Mai 1994
Im Juni wird ein Konzert in der Frankfurter Music Hall migeschnitten,
um aus dem aufgenommenen Material ein Fanvideo für den neu
gegründeten Böhse Onkelz Fanclub B.O.S.C. zu erstellen. Der Fanclub
ist ein uneigennütziger Verein, dessen Mitgliederzahl auf 2000
Personen begrenzt ist. Während des Konzertes kommt es auch hier zu
einem kleinen Zwischenfall, der, dank der Kameras für die Nachwelt
erhalten bleibt.
Kevin entzieht
...zu Krankenhaus gezogen ist und überall seine Drogensucht zu
therapieren versucht hat, nimmt ihn Stephan mit zu sich nach Hause
und sorgt dafür, daß er bei ihm im Keller entzieht. Kevin scheint
die Heroin- und Alkoholsucht in den Griff zu bekommen, ist aber noch
für geraume Zeit von Ersatzdrogen und codeinhaltigen Präparaten
abhängig. Auch im Privatleben isoliert er sich zusehends.
Die Onkelz gehen zu Virgin Music
Die Band selbst hat jetzt einen professionellen Status erreicht. Das
heißt, daß alle Bandmitglieder den Beruf des Musikers mit jeder nur
erdenklichen Konsequenz gewählt haben und keine anderen Berufe mehr
ausüben. Das wiederum beschert den Böhsen Onkelz einen neuen Vertrag
bei der renomierten Plattenfirma Virgin Records aus München zum
Jahresende '94.
1995
Virgin und die Onkelz
1995 erhalten die Onkelz für 250.000 verkaufte Exemplare der
"Heilige Lieder" ihr erstes Gold. Ebenso schießt die aktuelle '95er
Veröffentlichung auf dem Virgin Label ohne große Probleme von null
auf sechs in den Top 100 Longplay der Media Control Charts. Der
Handel ist gespalten, wie nie zuvor. Allen voran, die Ladenkette WOM
(World of Music), die die Böhsen Onkelz massiv boykottieren und auch
zum öffentlichen Boykott in der Branche aufrufen. WOM veröffentlicht
in seinem WOM-Journal einen "offenen Brief" an Stephan Weidner, in
dem die Geschäftsleitung der Band vorwirft, "aus den Sünden von
einst" Kapital zu schlagen, ohne diese "Sünden" genauer zu
beschreiben und nimmt der Band den Wandel ohne Namensänderung nicht
ab.
In den Chartregalen bei WOM werden alle Interpreten eine Position
nach oben geschoben, damit es den Kunden nicht auffällt, daß es dort
in den TOP TEN ein freies Feld gibt und man womöglich neugierig
werden könnte. Udo Lange, Geschäftsführer von Virgin Records und
angesehener Mann in der Branche, muß sich im Wochentakt in Radio-
und Presseinterviews für seine Entscheidung rechtfertigen, die
Böhsen Onkelz unter Vertrag genommen zu haben. "Schockierende
Uninformiertheit", so bezeichnet er den allgemeinen Wissenstand der
Musikindustrie bezüglich der Böhsen Onkelz. Pressekonferenzen und
Händlerseminare werde gehalten, während derer Stephan und Gonzo wie
die Kamele ihere eigene Historie erklären und wiederkäuen müssen.
Das hindert die Presse nicht daran, die Band weiterhin als verruchte
und berüchtigte "Nazi-Kombo" zu bezeichnen. Immer und immer wieder
werden den Lesern die pawlowschen Köder "Türken raus" und
"Deutschland den Deutschen" von 1983 vorgeworfen, ohne daß man sich
auch nur ansatzweise mit der Bewußtwerdung der Band
auseinandersetzt, oder ihre Songs analysiert. Bereits 1993 hatten
die Böhsen Onkelz in Geiselwind ein "Rock gegen rechts" Konzert
organisiert und dem dortigen Bürgermeister einen Scheck über
8000,--DM zur Ausgabe für die Jugendarbeit überreicht. In Bremen
hatte man im Oktober '93, zusammen mit dem DGB und der grünen
Abgeordneten Helga Trüpel eine Veranstaltung gegen rechte Gewalt
organisiert, gesponsort und finanziert. Ebenso fließen Geld- und
Sachspenden in den Kosovo.
Alle diese Dinge werden nicht nur nicht erwähnt, sondern man macht
sie vielmehr zum Teil der Gegenargumentation. Die Onkelz seien eine
"hinterhältige Nazi-Band", die sich nur verstelle und die diese
Dinge nur unter marketingtechnischen Gesichtspunkten mache, um dem
Image
des
Underdog, der Unverstandenen zu entsprechen. Dass es in den Köpfen
der Musiker ganz anders aussieht, und dass es der Band im Prinzip
egal ist, was über sie geschrieben wird, machen die Songs aus dieser
Zeit deutlich. Der Musiksender Viva drängelt und bettelt, um eine
großangelegte Dokumentation im Viva-Jam Format in den Räumen des
B.O. Management aufnehmen zu dürfen. Nach langem hin und her willigt
die Band ein. Kameras werden aufgebaut, die Band und das Management
werden interviewt. Intelligente Fragen und intelligente Antworten.
Zwei Tage vor der Ausstrahlung entscheidet die Programmleitung, dass
der Bericht zu positiv ist und kippt die Sendung. Wertvolle
Informationen werden nicht gesendet. Wie sich später noch häufiger
zeigen wird, scheint das eine gängige Praxis zu sein.
Ein Open Air Konzert in der Waldbühne Nordheim bringt 8000
Onkelzfans zusammen. Grund genug für die Göttinger Presse von einem
"Alt-Nazi-Treff" zu sprechen. Dieser und ähnliche Artikel sorgen
dafür, daß die Onkelz von nun an mit ihren Anwälten gegen jede
Redaktion vorgehen, die die Böhsen Onkelz als "Nazis" bezeichnet
oder in irgend einer Weise schlampig recherchiert und somit die Band
weiterhin in die rechte Ecke drängt.
1996
Onkelz vs. Rock o Rama
Den einzelenen Interviews, in denen die Band unzensiert zu Wort
kommt, stehen hunderte von Artikeln gegenüber, die sich des wieder
entdeckten Instrumentariums der Greuelpropaganda bedienen. Die gegen
null tendierende Sachkenntnis der Journalisten, wird durch das
Abbrennen rethorischer Feuerwerke kaschiert und Recherchefaulheit
wird durch bloße Behauptungen und haarsträubende Erfindungen
ausgeglichen. 1996 ist die Diskussion um die Böhsen Onkelz soweit
fortgeschritten, daß nur noch wenige Journalisten den Durchblick
haben. Der Rest schreibt von einander ab und legt nur Wert darauf,
sich nicht festzulegen zu müssen. Noch immer werden Namen, Zahlen,
Daten und Fakten vertauscht, ohne, daß es jemanden stören würde. Die
Prozesse gegen bestimmte Redaktionen häufen sich. Gleichzeitig
laufen Gerichtsverfahren gegen Herbert Egoldt und Ingo Nowotny. Die
Band will Egoldt endgültig die Kontrolle über die ersten drei Alben
("Der nette Mann", "Böse Menschen, böse Lieder" und "Mexico")
entziehen, um sie vom Markt nehmen zu können. Egoldt wertet das
Songmaterial seit 1984 aus, ohne jemals Lizenzen gezahlt zu haben.
"Der nette Mann" das Debütalbum der Onkelz ist inzwischen, aufgrund
des Verbotes der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften im
Jahre 1986 zum absoluten "Kultalbum" geworden und selbst für
Jugendliche unter 18 Jahren kinderleicht zu besorgen.
Die am meisten gebootlegte Band Deutschlands
Desweiteren werden nun die Onkelzsongs gebootlegt. Illegale
Live-Mitschnitte werden angefertigt, als Raubkopien über dunkle
Kanäle vertrieben und auf Floh- und Straßenmärkten in der ganzen
Republik verkauft. Die Anwälte haben alle Hände voll zu tun, die
Bootlegger dingfest zu machen und den Markt auszutrocknen. Aber der
Reiz des Verbotenen, des Anrüchigen, scheint dafür zu sorgen, daß es
immer mehr Raubkopien gibt. Von 1996 an explodiert der Markt mit
illegalen Onkelztonträgern und bis zum Jahre 2002 sind es über 700
verschiedene CD's in immer anderen Zusammenstellungen. Da es auch
Bootlegs aus der rechten Szene gibt, ist es nicht verwunderlich, daß
die zwei Titel "Türken raus" und "Deutschland den Deutschen" vom
`83er Demo Tape, nun digital remastered auf diversen Bootlegs wieder
auftauchen. Das wiederum sorgt bei der Bundesprüfstelle und beim
Verfassungsschutz für totale Verwirrung. Hier weiß niemand so genau,
was offiziell ist und was nicht, und plötzlich spricht man im
Zusammenhang mit den Onkelz von mehr als 7 indizierten Tonträgern.
Viel Arbeit für die Anwälte und viel Arbeit für die Presseabteilung
des B.O. Managements hier den Überblick zu bewahren und Aufklärung
zu leisten.
E.I.N.S - das zwölfte Studioalbum
Im Sommer/Herbst des Jahres 1996, kurz vor einer ausgedehnten
Deutschland Tour, veröffentlichen die Böhsen Onkelz bei Virgin
Records ihr mittlerweile zwölftes Studioalbum, das den Titel
E.I.N.S. trägt. Obwohl der Titel einfach nur
den
Zusammenhalt der Musiker darstellen soll, was auch durch das
Covermotiv unterstrichen wird, schließt die Presse daraus wieder
etwas vollkommen anderes. Die Punkte zwischen den Buchstaben, so
meinen manche Journalisten, zeige, daß es sich um eine Abkürzung
handelt und schon findet jemand heraus, es hieße doch bestimmt:
"Eigentlich immer noch Skins". Die Band kann über solche
Entgleisungen und Klimmzüge inzwischen nur noch lachen und
konzentriert sich auf die Tour im Herbst. E.I.N.S. verkauft sich
über 400.000 mal in kürzester Zeit und steigt auf Platz 3 in den
Longplay Charts der Media Control ein.
1997
Kein Airplay, keine Videoclips, schlechte Presse und trotzdem in den
Charts
Seit zehn Jahren ist die Band nun in der rechten Szene als
"Verräter", "Motherfucker" und "linke Zecken" verrufen, während die
linke Szene sie als "Nazischweine" bezeichnet. Seit zehn Jahren,
weigert sich die Presse, die Bewußtwerdung der Böhsen Onkelz
anzuerkennen. Eine Clownerie, die in der Musikgeschichte der
Bundesrepublik ohne Beispiel ist. Seit siebzehn Jahren werden die
Alben der Böshen Onkelz nicht im Radio gespielt oder im Fernsehen
durch Viedoclips beworben und seit siebzehn Jahren wächst ihre
Fangemeinschaft beständig an. Das "Live in Dortmund"- Video führt
wochenlang die Videocharts an und das dazugehörige Doppel-Live Album
verkauft über 300.000 Einheiten und steigt bis auf Platz 6 der
LongPlay Top 100. Nie zuvor hat es eine Band gegeben, die die
deutsche Musikszene und den Handel in einer solchen Form
durcheinander gebracht, die so viele unterschiedliche Meinungen
provoziert hat. Böhse Onkelz Konzerte müssen kaum beworben werden
und sind Monate im Vorraus ausverkauft. Tonträger verkaufen sich in
rasender Geschwindigkeit und stoßen regelmäßig in die Top Ten vor.
Eine goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte Einheiten ist längst
nichts Besonderes mehr. Dennoch empfinden die Böhsen Onkelz es als
ennervierend und unverständlich, daß gerade die Öffentlichkeit, die
sich zunehmend gegen rechte Gewalt zu organisieren versucht, nicht
versteht, daß sie mit den Onkelz ein unglaublich wirksames Tool in
der Hand haben könnte, um auf gefährdete Jugenliche einzuwirken.
Gerade die Auseinandersetzung mit fremden Inhalten sind die
Grundlagen demokratischer Prozesse, die in Deutschland den
Jugendlichen jedoch nicht vorgelebt, sondern blanco von ihnen
eingefordert werden.
Die Onkelz veröffentlichen ihre Biographie
Um den Gerüchten und Spekulationen über die Böhsen Onkelz ein für
allemal den Boden zu entziehen, entscheidet sich die Band zur
Veröffentlichung ihrer Biographie. Edmund Hartsch, ein Freund der
Band, arbeitet in einer zwei-einhalbjährigen Schreibphase die
siebzehn Jahre Bandgeschichte auf und veröffentlicht
beim
B.O. Management das Buch unter dem Titel "Danke für nichts" im
Oktober 1997. Bis heute hat sich das Buch über 60.000 mal verkauft
und gilt unter den Fans und interessierten Kritikern als das
Standardwerk zum Thema. Auf 270 großformatigen Seiten und über 400
Abbildungen, wird der Weg der Band bis in das kleinste Detail
nachgezeichnet und beleuchtet. Schonungslos wird hier die komplette
Historie der Band aufgezeigt, Elternhaus, Jugend und Subkultur in
Frankfurt, Kevins Drogensucht und der nie-endende Pressekrieg. Zu
einer wirklichen Entspannung des Reizthemas "Böhse Onkelz" konnte
das Buch allerdings nicht beitragen, weil es von den meisten
Journalisten ungelesen blieb.
1998
Was bedeutet eigentlich "Matapalo"?
1998 geht die Onkelzdiskussion munter weiter. Stephan, der sich
inzwischen ein kleines Grundstück in Mittelamerika gekauft hat und
dort zum surfen hinfliegt, schreibt ein surf-gitarren-inspiriertes
friedliches Instrumental Stück mit dem Titel "Matapalo". Daß dieser
spanische Name für die südamerikanische Würgefeige steht und daß es
in Süd- und Mittelamerika viele Strände gibt, die so heißen, weiß
die Presse allerdings nicht.
Also kramen mehrere Journalisten, allen
voran die dpa, ihren Langenscheidt heraus und siehe da: "matar"
bedeutet töten und ein "palo" ist eine Latte, ein Kantholz oder eben
ein Baum. Schon wird das friedliche Stück über die Würgefeige, über
"den Baum der tötet" = "Matapalo" mit "Totschläger" übersetzt und
schon werden die Musiker als "in die Jahre gekommene
Plattenmillionäre mit Großgrundbesitz in Spanien" bezeichnet. Dieser
eher lustige Ausrutscher der uninformierten Presse ist jedoch nur
ein kleiner Zwischenfall im bizarren Gesamtbild der
Medienlandschaft.
Zum ersten Mal auf
Platz 1. der Charts
Als die Böhsen Onkelz im Herbst ihr dreizehntes Studioalbum "Viva
los Tioz" veröffentlichen, platzt der Knoten. Die Scheibe verkauft
über 300.000 Einheiten in den ersten 48 Stunden nach der
Veröffentlichung und steigt von null auf Platz 1 in den Media
Control Top 100 Longplay Charts ein. Ebenso steigt die Single
"Terpentin" auf Platz 7 der Single Charts ein. Unangenehm für Radio-
und Fernsehsender wie Viva und MTV, die in ihrer Chartshow keinen
Nr. 1 Clip zeigen können, und sich mit unzulänglichen Anti-Onkelzstatements
aus der Affaire zu ziehen versuchen. Unangenehm auch für große
Ladenketten wie WOM, die ihre Chartregale erneut umsortieren müssen.
Die Musikindustrie ist empört und verärgert, nicht nur über die 1 in
den Charts, sondern auch darüber, daß die Onkelz aufgrund der hohen
Verkaufszahlen für den "Echo" in der Sparte "beste Rockband
national" nominiert werden. Ist die Nominierung noch von den
Verkaufszahlen abghängig, so ist die Verleihung des Preises eine
reine Symphatieangelegenheit und von daher, geben sich die Onkelz
keinen Illusionen hin, daß sie den Preis jemals erhalten werden. Für
den Fall einer unerwarteten Verleihung jedoch, entscheidet man sich
bandintern bereits im Vorfeld für eine Ablehnung des Preises.
Die 98er Tour, seit mehr als einem halben Jahr im Voraus
ausverkauft, führt die Onkelz mit 26 Konzerten durch Deutschland und
Österreich. Erstmals spielen sie auch in Bozen und Straßbourg.
Besondere Erwähnung sollte hier der Song "Ohne mich" vom neuen Album
finden, in dem sich die Band deutlich gegen die Diffamierungen von
links und rechts äußert.
1999
Eine kurze Ruhephase
Im Jahr 1999 gönnen sich die Onkelz eine kleine Pause und
veröffentlichen keine neuen Platten. Die Medien verschnaufen
ebenfalls und für eine kurze Zeit ist es ruhig. Bis zum Ende des
Jahres hört man nichts von den Onkelz, die nun ihre Wohnsitze nach
Irland verlegt haben und zwischen Deutschland, Irland, Mittelamerika
und Spanien hin-und herreisen. Erst im Herbst, als die ARD ihre
umfangreiche und sehr gut recherchierte, 12-teilige Dokumentation
"Pop 2000" ausstrahlt, sieht man Stephan und andere Künstler im
Interview Stellung beziehen. Grönemeyer spricht von
"Etikettenschwindel" und fordert eine Namensänderung, merkt
allerdings nicht, daß genau das Geforderte einem
"Etikettenschwindel" gleich käme. "Raider heißt jetzt Twix", der
gleiche Schokoriegel, aber ein anderes Etikett. DJ-Legende Sven
Väth, langjähriger Freund von Stephan Weidner, fordert mehr
Akzeptanz für Leute, die sich ändern möchten und Stephan spricht
über Stolz.
Der erste Videoclip "Dunkler Ort"
Im Dezember entschließen sich die Onkelz auf ihrem neugegründeten
eigenen Label "rule23 recordings", einen neuen Song als Single
auszukoppeln und ihn in einem Video visuell umzusetzen.
Der
Song heißt "Dunkler Ort" und das Drehbuch zum Videoclip stammt von
Axel Glittenberg und Edmund Hartsch. Um den "Dunklen Ort" passend in
Szene zu setzen engagiert man den weltbekannten schweizer
Surrealisten und Oscar-Preisträger H.R. Giger. Da sich nur wenige
kompetente Clip-Regisseure bereit erklären, mit den Böhsen Onkelz
zusammen zu arbeiten, geht dieser Auftrag an den in München
lebenden, schwedischen Clip-Regisseur Fred Gun. Gun erfährt zum
ersten mal in der Clip-Branche, was es heißt, wenn man mit den
Onkelz zusammenarbeitet und stellt sich dem Gegenwind, der ihm von
Seiten der Musikindustrie entgegenbläst.
Er holt den amerikanischen Kameramann Roger Pistol aus L.A. und den
Set-Designer Phil Goodwin mit ins Boot. H.R. Giger, aufgrund seiner
düsteren Zukunftsvisionen ebenfalls von vielen Leuten verleumdet,
und gerade in der Schweiz sehr verhasst, erweist sich als starker
Rückhalt, als er kurzerhand sein komplettes Museum in La Gruyère zur
Verfügung stellt. Die Dreharbeiten in der Schweiz und in Berlin
werden von Axel Glittenberg auf Video und Super 8 festgehalten, um
später ein "Making of... " zu erstellen und um die Arbeit zu
dokumentieren. Der fertige Clip wird als Multimediatrack auf die
Single gepresst und das fertige Produkt steigt von null auf 2 in die
Charts ein. Zum ersten Mal haben die Onkelz, die eigentlich eher als
"Live-" und als "Album Act" gehandelt werden, eine Single in den Top
Five. MTV zeigt den Clip nur während seiner Chartshow und auch nicht
ohne entsprechende negative An- und Abmodertion. Viva dagegen erhält
von den Onkelz und ihrem Management keine Kopie des Clips.
2000
Das böse Märchen geht weiter...

Der im März auf rule23 erscheinende 14. Longplayer "Ein böses
Märchen aus tausend finsteren Nächten" verkauft in weniger als 48
Stunden über 370.000 Einheiten und steigt von null auf 1 in den
Charts ein. Wiederum geht ein lautes Stöhnen durch den Äther der
Radiostationen und Medienlandschaften. Die Radiosender boykottieren
in ihrer Gesamtheit die Veröffentlichung. Nur eine Handvoll Sender
sind bereit, einige Songs vom neuen Album zu spielen. Eine
ausverkaufte Tour im Sommer mit mehr als 130.000 Besuchern führt die
Onkelz zum Abschlußkonzert seit langer Zeit zum ersten Mal wieder
nach Berlin, wo sie in der ausverkauften Waldbühne vor 22.000
Zuschauern einen furiosen Gig spielen.
2001
Das große Benefiz Konzert der Onkelz in Bremen
Die geplanten Konzerte des letzten Jahres werden im März 2001
nachgeholt. Das 20-Jahre Jubiläumskonzert in der Frankfurter
Festhalle vor 14.000 Fans am 03.03. wird ebenfalls von 16 mobilen
Kameras und 2 Ü-Wagen mitgeschnitten.
Am 08.03. stellt sich Stephan in Bremen einer Diskussion über "Hass"
unter der Leitung von Prof. Dr. Leifhäuser. Weiterhin nehmen
Onkelzfans und Onkelzkritiker, so wie Götz Elbertshagen (Manager von
Marius Müller-Westernhagen) und Daniel Wirtz (Sänger der Band Sub
7even) an der Diskussion teil. Die Sendung wird im Offenen Kanal
Bremerhaven
übertragen
und soll auch auf die am darauf folgenden Tage stattfindende
Veranstaltung in der Bremer Stadthalle hinweisen. Unter der
Schirmherrschaft der Ausländerbeauftragten des Landes Bremen Frau
Dr. Dagmar Lill und unter der Mitwirkung des Rock Hard Magazins
treten die Böhsen Onkelz zusammen mit Sub 7even, Megaherz, Kreator
und Destruction vor 13.000 Fans auf. Die Veranstaltung spielt über
100.000,-- DM ein, die nun an die Opfer rechter Gewalt ausbezahlt
werden sollen. Drei Monate später ist die organisatorische Arbeit
abgeschlossen und Stephan Weidner fährt mit Edmund Hartsch nach
Bremen um mit der Ausländerbeauftragten Frau Dr. Lill über die
schlimmsten Fälle rechter Gewalt zu diskutieren und um zu
entscheiden, an welche Opfer die Beträge ausbezahlt werden sollen.
(siehe auch "Aktivitäten")
Mit einer Triple CD in die Top 5? Geht das überhaupt?
Ebenfalls im März veröffentlichen die Böhsen Onkelz auf ihrem Label
eine Triple Box Best of, die zum ersten Mal Songs aus der gesamten
20jährigen Karriere der Böhsen Onkelz auf einem Tonträger vereint.
Obwohl es sich um eine Triple Box handelt, kann die Veröffentlichung
dennoch in den Top Ten auf Platz 3 einsteigen.
Der Pressekrieg
entflammt von neuem.
Ebenfalls im Frühjahr 2001 streben die Anwälte der Onkelz ein
Verfahren gegen die Berliner TAZ und die Berliner Stadtzeitung TIP
an. Beide Organe hatten die Böhsen Onkelz zuvor zum wiederholten
Male als "berüchtigt rechtsradikal" bezeichnet. Die Klagen werden
zunächst mit dem Hinweis auf das Recht zur "freien Meinungsäußerung"
abgewiesen und sowohl die TAZ, als auch der TIP versäumen es nicht
in ihren Ausgaben auf diesen "Sieg" hinzuweisen. Die TAZ erhält
daraufhin über 2000 e-mails von empörten Onkelzfans. Der Fall wird
von der übrigen Presse maßlos hochgespielt und überall ist zu lesen,
daß ein Gericht nun entschieden habe, man dürfe die Onkelz als
"berüchtigt rechtsradikal" bezeichnen. Die inzwischen 15 Jahre
andauernde Onkelzdiskussion hat sich einmal im Kreis gedreht und
steht wieder da, wo sie am Anfang stand.
2002
Die Skandalsingle und der Gegenschlag der Onkelz
Das Jahr 2002 beginnt gut für die Böhsen Onkelz. Die Texte für das
neue Album schreibt Stephan Weidner in Irland, die ersten
Einspielungen der neuen Songs entstehen auf Ibiza. In seiner
typischen Eigenart greift Stephan Weidner das Thema "MTV - Masters"
noch einmal auf und schreibt den Song "Keine Amnestie für MTV", der
als Singleauskopplung am 18. Februar 2002 auf rule23 veröffentlicht
wird. Nicht nur wird der Text des Liedes bis zum
Veröffentlichungstag geheim gehalten, sondern man überlegt sich für
diesen Tag auch eine begleitende Aktion. Ohne die großen TV-Medien
oder die Tagespresse davon zu informieren, fährt Stephan Weidner in
Begleitung des Bandmanagements und ca.70-80 Onkelzfans in die
Fußgängerzone vor dem Münchener Rathaus vor und lädt einen 40t
Sandkipper mit 150 schrottreifen Fernsehern ab. Eine Aktion, die auf
die "Verblödung" durch das deutsche Fernsehen aufmerksam machen
soll. Der Musiksender MTV berichtet am gleichen Tag über diese
Aktion und spielt sie als lächerlichen und albernen Kinderstreich
herunter.
Eine Woche später steigt die Single auf Platz 2 in die Top 100
Single Media Control Charts ein. Große Ladenketten wie WOM beginnen
nun die Böhsen Onkelz in ihr Programm aufzunehmen und handeln somit
entgegen ihren noch vor kurzer Zeit verkündeten "Onkelz?
-Bei-uns-niemals"-Strategien.
Daß
die Onkelz nun auch für große Handelsketten ein nicht mehr zu
ignorierender Wirtschaftsfaktor geworden sind, lässt sich nicht mehr
leugnen. Der "Stachel" der angeblich niemanden mehr juckt, scheint
den Musiksender MTV eben doch zu jucken. Dort versucht man witzig zu
sein und lässt mehrmals pro Tag ein zusammengeschnittenes
Backstreetboys- und N-Sync-video zum MTV-Song der Onkelz laufen, was
zur Folge hat, daß der Song, der inzwischen auf die Position 8
gerutscht ist, eine Woche später wieder auf die 4 steigt.
Um zu demonstrieren, daß sie unberechenbar auch für ihre Fans
bleiben wollen und nie die Lust am experimentieren verlieren,
veröffentlichen die Böhsen Onkelz auf ihrer Single auch zwei
Coverversionen. "Coz I luv you" von den englischen Glamrockern "Slade"
aus den siebziger Jahren, verdeutlicht, daß die Onkelz auch vor
einem englischen Song nicht zurückschrecken. Um noch einen
draufzusetzen, wagen sie sich ebenfalls an eine Interpretation des
Skandalsongs der sechziger Jahre von Serge Gainsbourgh - "Je t `aime,
moi non plus". Wider Erwarten regen sich die Onkelzfans darüber aber
keineswegs auf, sondern nehmen die beiden Songs so auf, wie man sie
auch gedacht hatte, als einen großen Spaß.
Das Jahr 2003 wird
im Februar mit einer späten „Ehrung“ für DOPAMIN eingeläutet...
Zum zweiten Mal nach 2001 waren die Onkelz für den Echo in der
Kategorie „Beste Band Rock/Pop national“ nominiert – zusammen mit
Szene-Koryphäen wie „Wonderwall“, den „No Angels“ oder „Bro´Sis“,
dazu noch die Hosen. Natürlich war es weniger der Wertschätzung
durch die Musikindustrie zu verdanken, als den wieder einmal sehr
starken Verkaufszahlen der Onkelz, dass man in den Kreis aufgenommen
wurde. Dass die Onkelz letztendlich sowieso nicht gewinnen würden,
war jedem von vornherein klar... Da es von den Onkelz wieder mal
keinen Clip gab, brach bei der zuständigen Produktionsfirma im
Vorfeld der Sendung der Angstschweiss aus. „Was sollen wir denn bei
Ihnen machen, ich meine, Sie haben ja keinen Clip...“ .
Am
Ende wurden dann vier Einzelportraits der Onkelz aneinander gereiht,
dazu „Keine Amnestie...“ drüber gelegt und fertig. Nichts
Außergewöhnliches und auch ansonsten keine Seitenhiebe von Seiten
der Laudatoren oder Moderatoren. Immerhin... Aber wäre es anders
gewesen hätte es – ganz ehrlich – auch niemanden interessiert.
Elegant totgeschwiegen... Gewonnen haben dann übrigens die Hosen.
Von den Onkelz war auf jeden Fall niemand in der Halle.
Im Frühjahr 2003 entschließen sich die Böhsen Onkelz dazu
eine Clubtour in Deutschland zu spielen...
... Ursprünglich sollten auch Knäste auf dem Programm stehen. Die
Band hielt es für eine gute Idee, einmal Konzerte für die Insassen
von Strafvollzugsanstalten zu geben. Zunächst gab es einige Zusagen,
die dann aber leider komplett abgesagt wurden, da Gefängnisleitungen
und Stadträte Bedenken anmeldeten. Eine nette Sache, so sagte man
den Onkelz, aber man könne sich keine Ausschreitungen innerhalb der
Anstalten leisten. Enttäuscht wurden die Gigs gestrichen und weiter
an dem Plan festgehalten, eine Clubtour zu organisieren.
Gründe hierfür waren zum einen der Wunsch, einmal wieder in einem
kleinen Club zu spielen, den direkteren Kontakt zu den Fans zu
spüren und echtes, schwitzendes, enges Rock´n´Roll Feeling aufkommen
zu lassen und zum anderen, sollten diese Clubgigs auch eine Art
Aufwärmtraining für die kommenden Open Air Festivals werden. Die
Clubtour im Juli 2003 durch Bremen (Aladin – 1800 Leute), Hannover (Capitol
– 1800), Osnabrück (Hyde Park – 1500), Berlin (Music Hall – 900),
Nürnberg (Hirsch – 800) und nach Pratteln in der Schweiz (Z 7 –
1700). Saunamäßige Temperaturen und höllisches Gedränge sorgten für
eine unvergleichliche Stimmung im familären Rahmen, wobei die Fans
aus Hannover und Pratteln (Basel) den hochfliegenden Vogel der
Euphorie abschossen. Selten wurden die Onkelz von einer so kleinen
Fangemeinde so heftig abgefeiert.
Im Frühsommer 2003 gab es eine Anfrage von der „Deutschen
Entertainment AG“ an das B.O. Management....
... ob man sich vorstellen könne, dass die Böhsen Onkelz die Rolling
Stones während ihres letzten Gigs auf ihrer Deutschland Tournee in
Hannover am 08. August supporten würden. Auch wenn diese Anfrage
ziemlich überraschend kam, brauchten die Onkelz nicht lange über
ihre Antwort nachzudenken. Wenn die Rahmenbedingungen stimmten,
würde man sicherlich die Stones supporten. Stephan sagte einmal
mitte der Neunziger, dass „Metallica“ die einzige Band der Welt sei,
die er mit den Onkelz noch supporten würde. Damals hatte allerdings
niemand daran gedacht, dass es jemals eine Anfrage der Rolling
Stones geben könnte.
In den darauf folgenden Interviews, sagte Stephan, dass er zwar nie
ein großer Rolling Stones Fan gewesen sei, aber dass auch er schon
zu „Angie“ in seiner Jugend Blues getanzt habe und dass er die
Rolling Stones für die letzte große noch lebende Rock Band halte und
man hier bei den Onkelz natürlich großen Respekt vor der
Lebensleistung der Stones habe. Auch würde es sicherlich keinen
Musiker geben, der sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen
würde und infolgedessen würde man die Stones auf alle Fälle in
Hannover supporten.
Allen Beteiligten im Onkelz Lager war jedoch sofort klar, dass es
ein gefundenes Fressen für die Medien sein würde, sobald die
Neuigkeit veröffentlicht werden würde. Auf Seiten der „Deutschen
Entertainment AG“ und des Stones Managements wurde das „Onkelzproblem“
zunächst unterschätzt. So war es für die Onkelz auch nicht
verwunderlich, als erst die englische, dann die amerikanische und
kurz darauf auch die deutsche Presse loslegte. „German Nazi-Punkband
to open for the Rolling Stones“ schrieb die New York Post am 2.
Juni. Der Daily Mirror, CNN, die bbc und andere äußerten sich in
ähnlicher Weise. So veröffentlichte zum Beispiel der „Jewish
Telegraph“ in grotesker Übertreibung und totaler Fehleinschätzung
der Fakten am 20. Juni einen Leserbrief: „... Evil Uncles have a
following of an estimated 12 million in the nine-year-old upwards
age group.“
Ein großer Aufschrei des Entsetzens und der Empörung ging von
England aus über den Atlantik nach New York, danach zurück nach
London und schließlich nach Deutschland und dort von den
einschlägigen Presseagenturen bis in die Redaktionsräume auch der
letzten, unwichtigsten und kleinsten deutschen Tageszeitungen. Kein
Blatt, das sich nicht an der Skandalstory beteiligen wollte.
Man muß wissen, dass die Rolling Stones in einer Position sind, in
der sie ganz sicher nicht ihre Vorbands selber buchen, oder sich um
die Auswahl dieser Bands kümmern. So war in diesem Falle die
Deutsche Entertainment AG, als deutscher Veranstalter und Promoter
der Stones Tournee dafür verantwortlich, als er auf die Böhsen
Onkelz zuging. Die Stones pflegen die Tradition auf einem ihrer
letzten Gigs in einem Land, einen lokalen, größeren Act zu buchen.
Auch Peter Maffay oder die Toten Hosen haben schon in der
Vergangenheit die Stones supportet. Der laute Medienaufschrei, als
man die Onkelz verpflichtete, rief also auch schnell das Rolling
Stones Management auf den Plan, das sich in der Historie der Onkelz
bis dahin noch nicht auskannte. Schnell versuchten nun die Medien,
sowohl in England, als auch in Deutschland, Druck auf die Stones
auszuüben, indem sie bereits die Entscheidung der Stones in ihren
Schlagzeilen vorwegnahmen: „Jagger not amused“ oder „Stones machen
Böhse Onkelz salonfähig“ oder „Konzert ohne Böhse Onkelz“ oder
„Rolling Stones wollen Onkelz aus dem Programm kicken“ und all das,
bevor sich das Rolling Stones Management überhaupt geäußert hatte.
Dort ging man mit dem ganzen Thema extrem entspannt um und
Telefonkonferenzen zwischen den Managements beider Bands, der
gemeinsamen Plattenfirma Virgin Records und dem deutschen
Promoterbüro der „Deutschen Entertainment AG“ bestätigten, dass man
an den Onkelz, nach eingängier Überprüfung der Fakten, festhalten
würde. Auf einer Pressekonferenz anlässlich des Tourneestartes der
Rolling Stones in München, sagte Mick Jagger schließlich vor rund
200 internationalen Journalisten, dass sie sich mit dem Thema
befasst hätten und zu der Übereinkunft gekommen seien, dass die
Böhsen Onkelz eine gute Band seien und man weiterhin zu ihnen als
Support Act in Hannover stehen würde. Damit war das Thema für beide
Bands zunächst einmal erledigt.
Der NDR und auch T-Mobile, als Sponsoren der Veranstaltung in
Hannover, kündigten ihre Verträge aus Angst vor einem Imageschaden
und die Büros der „Deutschen Entertainment AG“ wurde mit
Beschwerdemails von empörten Stonesfans bombadiert. Es fanden sich
andere Sponsoren und die Stonesfans beruhigten sich ebenfalls
schnell. Alles in allem wurde – wieder einmal – ein großer Wirbel um
nichts, ein grenzenlos übertriebener Hype für eine Veranstaltung
kreiert, die absolut friedlich verlief. Nichts von dem, was man im
Vorfeld befürchtete trat ein. Es gab schlicht und einfach keine
Gewalt und auch keine Probleme, Ausschreitungen etc. Eine große
Party bei 36°C und unter blauem Himmel.
Goodbye
Virgin - Hello SPV
Die Buschtrommeln waren schon seit dem Spätsommer zu hören und die
Spatzen pfiffen es von den Dächern. „Die Onkelz werden Virgin
Records verlassen“. 8 Jahre lang dauerte die Freundschaft zwischen
Virgin Records und den Onkelz. Insbesondere Virgin Chef Udo Lange,
der damals 1995 den mutigen Schritt unternahm, die Onkelz unter
Vertrag zu nehmen, hatte sich in den letzten 8 Jahren bei jeder
Gelegenheit für die Onkelz stark gemacht. Oft musste er sich in den
ersten Jahren für seine Entscheidung rechtfertigen und hatte somit
viel Aufklärungsarbeit in Sachen Onkelz zu leisten. Das erfolgreiche
Kapitel Onkelz-Virgin ging allerdings dem Ende entgegen, als der
Virginvertrieb im Jahre 2002 endgültig von der E.M.I.-Gruppe
eingestellt wurde. Auch die Tatsache, dass Udo Lange zum
Deutschlandchef der E.M.I. ernannt wurde, konnte nicht recht über
die Anonymität hinwegtäuschen, die plötzlich das Verhältnis zwischen
Künstler und Plattenfirma trübte. Wie es bei den Onkelz aber in der
Vergangenheit schon viele male der Fall war, kam auch diesmal der
richtige Geschäftspartner zur richtigen Zeit daher. Die
hannoveranische Independentfirma SPV bemühte sich um die Onkelz und
sollte ab dem 1.11.2003 den Vertrieb der Onkelzscheiben üebernehmen.
Dass Udo Lange seinen Job als Chef der E.M.I. ebenfalls zu diesem
Datum kündigte, machte den Onkelz die Entscheidung nur noch
leichter. Bei SPV einem gut organisierten und durchstrukturierten
Vertrieb auf europäischer Ebene, einem an keinen Industriekonzern
gebundenen, unabhängigen Label, unterzeichneten die Onkelz zunächst
für eine Veröffentlichung. Es ist aber zu vermuten, dass sich das
Verhältnis zwischen den Onkelz und SPV gut entwickeln und sich die
Band bei diesem Indi-Label wohl fühlen wird.
2004
Die Single 2004: "Onkelz vs. Jesus"
Gegen Ende April geben die Onkelz den Titel ihrer neuen Single
bekannt. „Onkelz vs. Jesus“ heißt die Veröffentlichung und reiht
sich somit ein in die Lange Reihe größenwahnsinniger Provokationen,
die alle in bester Onkelz-Tradition die eigene Legende hochleben
lassen. Es geht in dem Song nicht etwa darum, am Image des Erlösers
zu kratzen, sondern vielmehr darum, das eigene Image nicht ganz so
ernst zu nehmen, wie es sicherlich der Großteil der deutschen
Öffentlichkeit tut. Die Choruszeile unterstreicht diese Aussage
noch, in der es heißt: „schock-non-stop bis jeder versteh´n muss,
wir sind die Onkelz und bekannter als Jesus.“ Weiterhin geht es in „Onkelz
vs. Jesus“ um 24 Jahre eigene kontroverse, meist planlose und nicht
vorhersagbare Historie, die nun irgendwie und irgendwo an einem
Höhepunkt angekommen zu sein scheint. Die Onkelz blicken zurück und
tun dies in dem Kontext von „24 Jahre Onkelz“ gegen „2004 Jahre
Jesus“.
Zusätzlich zum Titelsong enthält die Single jedoch noch die Anklage
„Superstar“. Ein Song, in dem die Onkelz endlich ein Thema
verarbeiten, das ihnen schon lange auf den Nägeln brennt. Die
Verdummung der deutschen Musikindustrie, die Verarmung der
musikalischen Vielflalt, hervorgerufen und voran getrieben durch
elendige und langweilige Castingshows, in denen Manager wie Thomas
M. Stein oder Dieter Bohlen, der von den Frankfurtern als die Wurzel
allen Übels ausgemacht wurde, sich nicht zu schade sind, sich auf
peinlichste Art und Weise in Szene zu setzen. Vielleicht ist es
nicht der Untergang der deutschen Musik, aber sie ist durch diese
Fernsehformate dem Abgrund auf alle Fälle ein ganzes Stück näher
gekommen.
„Prinz Valium“, eine treibende Instrumentalnummer, rundet das
Onkelzrepertoire auf dieser Single ab, das schließlich in der
Coverversion des alten Who-Klassikers „My Generation“ seinen
Höhepunkt findet. Nur wenige Interpreten haben sich im Laufe der
letzten dreißig Jahre an diese „heilige Kuh“ heran gewagt. Zeit
also, dass die Onkelz hingehen und das Vieh endlich schlachten. Ohne
Zurückhaltung und ohne Respekt wird „My Generation“ von den Onkelz
interpretiert und getreu dem eigenen Motto – Wir sind die Geilsten –
heißt es konsequenterweise im Hause Onkelz nur noch: „besser als das
Original!“
Für das Artwork der Single und des kommenden Albums, kann Stephan
Weidner seinen langjährigen Freund, den kubanischen Künstler Pozo
verpflichten. Stephan, der viele Bilder von Pozo in seinem
Privatbesitz hat und den Künstler oft bei sich zu Hause begrüßt,
erkennt sofort das Potential in Pozos Arbeit und schlägt vor, zu „Onkelz
vs. Jesus“ ein Video zu drehen, was man später als DVD mit auf das
Album legen kann. Pozo, der sein Atelier gerade von Barcelona nach
Berlin verlegt hat, und dessen Arbeiten bereits weltweit ausgestellt
werden, beginnt seine Zusammenarbeit mit der renomierten Berliner
Graphik Agentur „die Gestalten“ und fortan hört man nur gute
Neuigkeiten aus Berlin. Das Artwork sei fantastisch, und man müsse
unbedingt alles verwenden, was Pozo ablieferte. Pozo nimmt sich nun
auch alle anderen Onkelzsonge vor und bringt dazu seine Visionen auf
die Leinwand.
Die Single erscheint am Montag den 21. Juni und schießt eine Woche
später von null auf zwei in die Media Control Charts. Die Presse
hält sich bedeckt und ignoriert den Song weitgehend. MTV und Viva
machen ihre üblichen Ansagen während ihrer Chartshows und die noch
seichteren Formate wie Top of the Pops, Bravo, Yam und dergleichen
werden vom B.O. Management freundlich aber bestimmt abgewiesen.
Das Ende der Onkelz
Fuer alle Onkelzfans ueberraschend verkuenden die Onkelz am 24.Mai
2004 auf ihrer Homepage ihr Ende. Dabei faengt das neue Jahr so gut
an. Das Management vermeldet sensationellen Kartenabsatz fuer die im
Herbst geplante Deutschlandtournee und muss schon am siebten Januar
die Konzerte fuer Berlin und das Abschlusskonzert in der Colourline
Arena Hamburg, geplant fuer den 5. Oktober, als ausverkauft melden.
Kurze Zeit spaeter gibt es auch fuer die Konzerte in der Frankfurter
Festhalle und der Dortmunder Westfalenhalle keine Karten mehr und
auch fuer den Gastauftritt waehrend des fuer August geplanten Open
Air Festivals in Wacken werden die Tickets noch im Winter knapp.
Dennoch scheinen die Onkelz mit ihrem kommerziellen Hoehepunkt an
einem ideellen Endpunkt angekommen zu sein. Man will die Onkelzaera
auf dem Hoehepunkt beenden, ohne zu einer Karikatur seiner selbst zu
werden und veroeffentlicht hierzu ein Videostatement auf der eigenen
Homepage. Das folgende Sudioalbum sei definitiv das letzte
Studioalbum der Onkelz und die kommende Tour sei definitiv die
letzte Tour heisst es in diesem Statement. Die Fans reagieren
enttaeuscht und koennen nicht glauben, was sie hoeren. Sie
spekulieren in den Foren der Band ueber den Split und wilde
Geruechte machen die Runde, aber die Band ist wie immer fest
entschlossen. Die Presse nimmt sich des Themas an und berichtet in
gewohnter Polemik. Tatsaechlich sind die Gruende fuer die Aufloesung
der angeblich kontroversesten deutschen Rockband jedoch viel
alltaeglicher und nachvollziehbarer, als die Fans vermuten. Jeder
Onkelzsong sei gesungen, sagt sie und jedes Bier sei getrunken. Es
sei alles erreicht. Das Onkelzding sei ausgereitzt und mehr sei aus
der Sache nicht mehr rauszuholen. Man ist sich einig innerhalb der
Band, dass dieses Lebenswerk zu wertvoll sei, als dass man es in
eine langweilige Mittelmaessigkeit abrutschen lassen moechte und
bevor die Onkelz im Lager ihrer eigenen Fans an Glaubwuerdigkeit
verlieren, beschliessen sie im gegenseitigen Einvernehmen das Ende
der Boehsen Onkelz zu verkuenden. Die Enttaeuschung der Fans kennt
keine Grenzen und wird auf den Fanseiten im Internet hitzig
diskutiert, so wie in unzaeahligen Briefen und E-mails an die Band
in Worte gefasst. Fuer die Onkelz jedoch gibt es kein Zurueck mehr.
Sie sind der Meinung, dass gerade eine Band, die sich so oft auf
ihre eigene Konsequenz berufen und so oft ihren Widerstand gegen
Vereinnahmung oder Kommerz artikuliert hat, nicht den Zeitpunkt
verpassen darf, an dem es genug ist. Sie sind weiterhin der Meinung,
dass nur ein Ende der Boehsen Onkelz zu diesem unerwarteten
Zeitpunkt ihre eigene Glaubwuerdigkeit zementiert und den Hoehepunkt
der Karriere darstellen kann. Das Unkommerziellste, was man zu einem
solchen Zeitpunkt tun kann, ist aufzuhoeren, heisst es im Bandlager
und tatsaechlich kommt der Split zu einer Zeit, in der die
Plattenverkaeufe trotz schlechter Wirtschaftslage der Musikbranche
neue Hoehepunkte erreichen. Die Boehsen Onkelz sind in Deutschland
zu einem einzigartigen Phaenomen heran gewachsen. Sie sind die
kommerziellste Underground Band, die es je gegeben hat, der
kontroverseste Mikrokosmos im Musikbusiness, der unabhaengige und
autarke, allen Marktgesetzen zum Trotz blendend funktionierende
Mainstream, eine Mutation im musikalischen Einheitsbrei und eine
eigene Schublade im Verwaltungsapperat der Phono Akademie. Keine
Band hat es jemals geschafft, die Hoerer- oder auch
Nichthoererschaft so zu polarisieren, wie es die Onkelz getan haben.
Keine Band ist in Deutschland jemals so heftig geliebt und so heftig
abgelehnt worden. Waehrend die beiden groessten deutschen
Rockmagazine, das Rock Hard und der Metal Hammer Titelgeschichten
und Sondermeldungen zum Thema herausbringen und mehrfach in
Frankfurt zum Interviewtermin auftauchen, bringen die unwichtigeren
Magazine, die nicht mehr von ihrer voreingenommenen Haltung
abweichen koennen, kleine polemische Hassmeldungen. So schreibt zum
Beispiel Josef Winkler vom Musikexpress: ... Aber heissa! Da kommt
die Meldung rein, dass sich die Boehsen Onkelz aufgeloest haben. Wer
eine Abfuehrhilfe braucht, gehe einmal und dann nie wieder auf
www.onkelz.de und lese das unfassbar schwuelstige Statement-Geseiere
der Bandmitglieder...

Genauso soll man die Onkelz in Erinnerung behalten, fordert die
Band, gehasst, verdammt, vergoettert?. Und so machen die Onkelz
Schluss, weil sie Schluss machen muessen. Zuvor jedoch, und das
sieht die Band als Versprechen an ihre Fans und als Pflicht
gegenueber ihren Kritikern an, wird es ein letztes Studioalbum
geben, dass die Charts erstuermen wird und eine zu 100% ausverkaufte
Hallentournee unter Ausschluss der Presse.
Das Album 2004: "Adios"
Passend zu ihrem Abschied nennen die Onkelz ihr letzes Studioalbum „Adios“.
Für die Öffentlichkeit platzt die Bombe erst am 24.05.2004, als die
Band den Titel ihres 16. Studioalbums auf ihrer News-Seite bekannt
gibt und auch gleich die nötige Erklärung liefert. Bandintern steht
der Entschluss jedoch schon länger fest. Spätestens seit dem
Frühjahr, als man sich darauf einigt dieses kommende Album das
Letzte sein zu lassen und im Herbst die letzte Tour zu spielen, weiß
man, dass die Tage der Böhsen Onkelz gezählt sind. „Die Onkelz haben
ein Haltbarkeitsdatum...“ antwortet die Band oft auf die Frage nach
dem „WARUM“ und fügt hinzu: „... wenn dieses Haltbarkeitsdatum
überschritten wird, dann machen wir uns selbst lächerlich und ziehen
alles mit in den Schmutz, was wir aufgebaut und wofür wir so lange
gekämpft haben.“ Die Fans wollen davon nichts hören, werden in
dieser Angelegenheit aber auch nicht gefragt. Mit 15 Songs melden
sich die Onkelz ein letztes mal zu Wort und sowohl textlich, als
auch musikalisch sind die Onkelz auf dem Zenit ihrer Karriere
angekommen. Die Band bezeichnet „Adios“ als einen „krönenden
Abschluss“ ihrer Karriere, einen letzten Tritt in die Ärsche ihrer
Kritiker und einen letzten, rockigen Gruss an ihre Fans. Die Texte
sind wie immer streng autobiographisch und von einer Reife, wie sie
zuvor nur auf dem „weißen“ und „schwarzen“ Album zu hören war. In
Irland geschrieben und in Frankfurt aufgenommen, handeln sie von
Wut, Verzweiflung, Sucht und Frustration, was jedem Journalisten,
der sich nur oberflächlich damit beschäftigt, ein müdes „schon
wieder“ entlockt, die Fans aber reihenweise zum tanzen bringt. Keine
Band in Deutschland schafft es, ihre Texte so griffig und treffend
zu formulieren und sie dabei noch so hart, druckvoll und glaubwürdig
vorzutragen. Als das Album am 26. Juli erscheint, steht es eine
Woche später, als Neueinsteiger auf der 1 der Media Control Charts
Top 100 Longplay und hält sich dort 3 Wochen lang. Das Album
erreicht schließlich Platin-Status und erhält Höchstnoten in den
einschlägigen Fachmagazinen.
Wie auch schon auf der Single, zeichnet der kubanische Künstler Pozo
für das Artwork verantwortlich. Zusammen mit den Onkelz-Haus-und-Hof-Graphikern
der „Gestalten“ Agentur in Berlin entwirft er die Welt, in der er
die Songs von „Adios“ sieht. Abbröckelnder, zerfallender, kubanisch
inspirierter Charme mit einer zerkratzten, rauhen Patina, schwarze
Palmen und flüchtige Momente, Impressionen von Hotels, von Kommen
und Gehen. Nicht nur verfügt das Album über einen mittlerweile bei
Onkelzproduktionen zum Standard gewordenen, sensationellen 5:1
Sound, sondern auch das „Onkelz vs. Jesus“ Video ist als DVD
beigefügt und jeder einzelne Track hat eine auf DVD abrufbare von
Pozo umgesetzte, graphische Untermalung erhalten, die gerade für
PC-User eine willkommene Abwechslung zum herkömmlichen Booklet
darstellt.
Ebenso wie beim Thema der Bandauflösung ist die Presse auch bei der
Bewertung des Albums in zwei Lager gespalten. „Die tumbe Promille
Punkband meldet sich mit einem erneut ideen-, witz- und geschmacklos
zusammendiletierten Longplayer zurück...“ beginnt eine
Leserbewertung bei amazon.de, wo die „Adios“ drei Wochen lang als
erfolgreichstes Produkt gelistet ist, und mehr verkauft, als
sämtliche CDs, DVD´s und Bücher zusammen.
„Die Onkelz werden eine Lücke hinterlassen, die wohl nie geschlossen
werden kann. Nie zuvor hat es eine Band gegeben, die die deutsche
Musikszene und den Handel in einer solchen Form durcheinander
gebracht, die so viele unterschiedliche Meinungen provoziert hat und
so von ihren Fans verehrt wurde. Was bleibt, sind unendliche Hymnen
über das Leben! Respekt und Danke dafür! Hut ab, vor dieser
konsequenten Entscheidung!“ schreibt Sebastian Lipski im AMM Magazin
nach einem langen Interview mit Stephan Weidner, während die
Berliner Zeitung in ihrem Feuilleton mit „Eklige Onkelz“ titelt.
„Die Böhsen Onkelz sind nicht nur die ekligste, sondern auch die
erfolgreichste deutsche Rockband...“ weiß man in der Hauptstadt, wo
traditionell von taz und Berliner Zeitung gegen die Onkelz Front
gemacht wird. In Frankfurt interessiert sich schon längst niemand
mehr für die Presse und man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass
sich die Alben und die Konzerttickets von alleine verkaufen. Im
Gegenteil, man bemustert die Redaktionen nur sehr spärlich mit dem
neuen Album und lehnt 90% der Akkreditierungen für die anstehende
Tour ab.
Die letzte Tour der Onkelz
Im Herbst 2004 fahren die Onkelz ihre zu 100% ausverkaufte
Abschiedstournee durch Deutschland. Gebucht sind 24 Hallen mit einer
Durschnittskapazität von 10.000 Leuten. Die großen Hallen, München,
Dortmund, Frankfurt, Stuttgart und Berlin sind bereits im Frühjahr
ausverkauft. Ebenso das Abschlusskonzert in der neuen Hamburger
Colourline Arena. Bis zum Sommer sind alle 250.000 Tickets
vergriffen und auf dem Schwarzmarkt werden Preise bis zu 200,--€
verlangt und gezahlt. Die 28 Song starke Setlist umfasst das ganze
Onkelzspektrum, bietet eine Mischung von neuem und altem Material,
wobei die Band wie immer vor dem Problem steht, einige Songs nicht
weglassen zu können, trotzdem aber auch möglichst viele neue Songs
spielen möchte.
Die Onkelzbühne während der Abschiedstournee geht weg vom Glamour
der letzten Tour und wieder hin zu dreckigerem Rock´n´Roll. Zwei
große Türme, links und rechts der Bühne erinnern an Ölbohrtürme und
geben der komplett in schwarz gehaltenen Bühne den Eindruck einer
Ödlandschaft nach einem Atomkrieg. Große Leinwände, links und
rechts, die mittlerweile zum Standard bei Onkelzkonzerten gehören,
werden noch durch Leinwände auf der Bühne unterstützt. Der Graben
vor der Bühne wird neben der Security von mindestens drei
Kameramännern bevölkert, die die Leinwände mit Livebildern der
Musiker und der Fans beleben. Auch wird auf dieser Tour der Einsatz
von Pyrotechnik noch erhöht, den man auf der letzten Tour zum ersten
mal ausprobiert hatte. Der Abschied von den Fans, das stellt sich
sehr schnell heraus, wird schwieriger und trauriger, als zunächst
erwartet. Bis zur Tour, ist der Gedanke an das Ende der Onkelz noch
abstrakt und nicht greifbar, aber schon während des ersten Gigs in
Kreuth wird deutlich, dass die Emotionen in den nächsten sechs
Wochen überkochen werden. Und das gilt nicht nur für die Fans. Auch
innerhalb der Band kommt es zu Spannungen und mitunter bleibt der
Tourspaß auf der Strecke. Bis zum Ende der Tour hat sich die
Traurigkeit der Fans so hochgeschaukelt, dass der Abschiedssong am
Ende des Sets „Ihr hättet es wissen müssen“ grundsätzlich in Tränen
endet. Stepans letzte Worte machen es nicht besser und in Frankfurt,
der Heimatstadt der Onkelz, vor knapp 14.000 Zuschauern hat auch die
Band Tränen in den Augen. Die Fans machen es den Onkelz so schwer
wie möglich. In den ersten Reihen sieht man junge Mädchen und Jungs,
gleich neben Familienvätern und gestandenen Hooligans und keiner
kann seine Niedergeschlagenheit über das Ende der Onkelz
zurückhalten. Diese kollektive Trauer, bei gleichzeitigem Respekt
vor der Band und in Verbindung mit dem Wunsch sich für „25 Jahre
Onkelz“ zu bedanken, lässt die Fans in Dortmund, während der
Schlußakkorde des vorletzten Konzertes etwas tun, was in der
Geschichte des internationalen Rock´n´ Rolls möglicherweise
einzigartig ist. Innerhalb von 10 Sekunden, ohne sich vorher
abzusprechen, ohne ein Signal oder einen besonderen Impuls, gehen
alle Fans im Innenraum der Dortmunder Westfalenhalle auf die Kniee.
Ein spektakuläres Bild, aus dem absoluter Respekt und die totale
Dankbarkeit sprechen und was die Band sicher nicht so schnell
vergessen wird. Als sich diese Szene während des letzten Songs, des
letzten Konzertes in Hamburg, zwei Tage später wiederholt, ist die
Band vorbereitet und geht ihrerseits vor ihren Fans auf die Knie.
Besser und würdevoller kann man 25 Jahre puren Rock´n´Roll nicht
beenden. Die Onkelz gehen auf dem Zenit ihres Erfolges, etwas das
sogar einige Kritiker der Band hoch anrechnen.
2005
VAYA CON TIOZ
Wieso der Juni des Jahres 2005 für immer im Gedächtnis bleiben soll?
Lasst uns ein bisschen zurück denken... Meteorologisch gesehen war
Juni okay, ja sogar bis zu 2,1°C wärmer als im langjährigen Mittel,
obwohl er sich mit nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt
angekündigt hatte. Was sagt der Arbeitsmarkt? Saisonaler Rückgang
der Zahl der Beschäftigungslosen. Juni halt... Im Iran gewinnt
Mahmud Ahmadinedschad im zweiten Wahlgang und der Papst erklärt die
Homo-Ehe zu einer Pseudo-Partnerschaft. Die deutsche Nationalelf
schlägt sich beim Confederations-Cup ordentlich, ist aber von der
großen Euphorie noch weit entfernt. Denkwürdig ist was anderes. Wäre
da nicht dieses eine Event im Osten Deutschlands gewesen. Irgendwo
zwischen Cottbus und Leipzig wurde für 5 Tage ein Retorten-Städtchen
aus dem Boden gestampft, das mehr Menschen beherbergte als
Kaiserslautern, Flensburg oder Fürth und zwischenzeitlich zu einer
der 50 einwohnerreichsten Städte des Landes avancierte und der
Region quasi im Vorbeigehen zweistellige Millionenumsätze bescherte.
Was war passiert? Umsiedlung? Nein! Goldrausch? Schon lange vorbei!
Begegnung der 3. Art? Irgendwie auch... Nein, die Onkelz hatten
geladen und alle kamen. 120.000 Menschen fanden den Weg in die
Lausitz, um gemeinsam mit der Band einen Abschied zu zelebrieren,
wie man ihn (denk-)würdiger nicht gestalten könnte. Dass das
Wochenende vom 17. und 18.6. seinen verdienten Eintrag in die
Annalen des Rock´n´Roll wird finden können, ist einigen
schicksalhaften Ereignissen Anfang der 80er des geschuldet, die hier
nicht weiter thematisiert werden sollen – ja sowieso schon bekannt
sind. Als im Mai 2004 – kurz vor der Veröffentlichung des letzten
Studioalbums „Adios“ – die Weichen auf Abschied gestellt wurden, gab
es kein Zurück. Nach 25 Jahren Karriere, hatte man sich auf dem
Höhepunkt selbst „Auf Wiedersehen!“ gesagt, um mit 6 Millionen
verkauften Platten, 5 Nummer 1-Platzierungen, ausverkauften Tourneen
und – viel wichtiger noch – einer einmaligen Vita voller
Widerstände, erbitterter Bekämpfer und dafür einer gewaltigen Masse
loyalster Anhänger im Rücken abzutreten. Wenn das Wort „einzigartig“
jemals legitim anzubringen war, dann doch wohl in diesem
Zusammenhang. Um dieser Laufbahn gerecht zu werden – und das war
schnell klar – genügte ein einfaches Farewell-Konzert nicht. Ein
Festival musste her und das an zwei Abenden, um möglichst vielen
Fans möglichst viel Material präsentieren zu können.
VAYA CON TIOZ hiess das Motto und wer sich die Dimension dieser
Veranstaltung vor Augen führen möchte, der verinnerliche bitte
folgende Zahlen, die recht wahllos, aber doch exemplarisch aus der
Reihe der Superlative heraus gegriffen sind:
- 700.000 Watt Tonleistung
- rund 60 Tonnen Material alleine für Bühne und P.A.
- 600 Tonnen Müll
- 2 Millionen Liter Abwasser
- 120.000 Zuschauer und 80.000 auf der Warteliste, die leer ausgehen
mussten
- mehr als 1000 Securities
Dass es gleichzeitig für eine Großstadt unterdurchschnittlich wenige
Straftaten, Unfälle und sonstige Unrühmlichkeiten zu vermelden gab,
dass von allen externen Instanzen wie Behörden, Anwohnern oder
Gastronomen nur Lob und Anerkennung gezollt wurde, ist euch, unseren
Gästen zu verdanken.
Liest sich gut, oder? Allerdings fehlen die Referenzgrößen. Was sind
700.000 Watt? Viel? Gigantisch? Was macht meine Bang&Olufsen im
Wohnzimmer? Keine Ahnung... Wie groß das ganze Ding war, ließ sich
erst erahnen, als die Zahlen begannen, plastisch begreifbar zu
werden. Mittwochs am frühen Morgen öffneten sich die Schleusen und
eine Flutwelle von Onkelznomaden ergoss sich aufs
Veranstaltungsgelände. Die Vorhut sozusagen, schließlich sollte es
ja erst am Freitag richtig losgehen.
Schon der Donnerstag hat eine erste ernste Idee parat, was sich
abspielen könnte, an den nächsten zwei Tagen. Diese Retortenstadt,
zeitlich stark begrenzt aus dem Boden gestampft, ist erfüllt mit
Leben. Der große Onkelzfan-Exodus gen Osten scheint beinahe
abgeschlossen, zwischen 50- und 80.000 sollen es am frühen
Nachmittag schon sein. Die ersten Siedler haben sich niedergelassen
und begonnen, heimisch zu werden. Jeder richtet sich sein Refugium
ein und sozialisiert sich und sein Umfeld. Piratenflaggen an
Fahnenmasten, ein Meer aus Wohnmobilen, Zelten und Autos, begrenzt
von Wald und Autobahn. Zäune, hunderte, tausende Metern von Zäunen,
Zäune die in Betonblöcken stehen, Securityposten, Kontrollen, breite
Schultern, schwarze Hemden, Sonnenbrillen, ein endloser Treck in
schwarz, aufgerollte Schlafmatten unter dem Arm, über Zelte,
Grillerei, Rauchfahnen, Leute haben ihre Wohnzimmergarnitur
mitgebracht, Boxen, Liegestühle, Sofas, überall Sombreros, noch mehr
Boxen, dort ein desolates Camp mit Technomusik, pralle Sonne, Kiefer
knirschen, so schön kann Vorfreude sein. Weiter westwärts noch
endlose Autoschlangen im Stau in einem Anfahrtssystem, das schon vor
Stunden kollabiert ist. Leute schieben ihre Autos, Bierflaschen auf
dem Autodach wackelnd, andere sitzen biertrinkend und sombrero-behelmt
auf den Dächern fahrender oder fahrbereit scheinender Autos, wenn es
nur weiter ginge und die Bullen schauen nur doof und wären sicher zu
einem guten Teil selber gerne dabei.
Irgendwie sieht alles nach einem gigantischen Barbecue aus.
Mittendrin Federball, noch mehr Rauchfahnen, Kotelett auf dem Grill,
der Typ, Kippe im Mund, Bierflasche in einer Hand, Grillzange in der
anderen, Kleinstadt-Idylle in der Diaspora. An den Duschcamps, quer
übers Gelände verteilt, herrscht ganztägig Hochbetrieb. Die Sonne
knallt und der Staub kriecht in alle Poren. Gewaltige Fußmärsche zu
den Wasserstellen nehmen die Reinlichsten mehrmals täglich auf sich,
Leute mit Waschzeug unter dem Arm überall und hunderte, Gieskannen,
Eimer mit Wasser werden quer übers ganze Gelände geschleppt. Die
Luft knistert und es ist doch erst Donnerstag Nachmittag.
Die Bühne ist keine Bühne, das ist ein Monstrum. 75m breit, 15m
hoch, Vaya con Tioz – Deko, 40 Tonnen Stahl sind hier verbaut, dazu
16 Tonnen fürs Licht und immerhin noch acht für den Ton, dazu
zentnerweise Deko-Fragmente. Vaya Con Tioz-Engel überall.
Genickstarre für die ersten 15 Reihen! Von hier aus also sollten die
Tioz-Jünger aus den Händen der Onkelz an zwei Abenden hintereinander
die Hostie empfangen.
2 Leinwände hängen rechts und links an der Bühne, dazu 6 Delay-Tower
– jeweils 2 gegenüber - die im Abstand von 80 Metern Ton und Bild in
den 400 Meter langen Zuschauerbereich transportieren sollen.
Am Donnerstag kommen auch die Onkelz zum ersten Mal zum Soundcheck
aufs Gelände. Sonst so cool, kommen die vier aus dem Staunen erstmal
gar nicht raus. Auf dem Papier sind 75 Meter Breite doch noch etwas
ganz anderes als in der Natur.
Die ersten zaghaften Töne erklingen und an den Zäunen rund um den
Bühnebereich versammeln sich Tausende, zunächst ungläubig, dann
staunend. 400 Meter Entfernung zur Band lassen zwar keine Close-ups
zu, aber wenigstens gibt es freie Sicht über das gesamte weite Feld,
wo morgen über 100.000 Mann ameisengleich durcheinanderwuseln
würden. Kein Fleck unbedeckt. wo sich zahlreiche Crew-Mitglieder
tummeln und sich den Soundcheck anschauen. „Onkelz 2000“, „Wieder
mal ´nen Tag verschenkt“, „28“ und „Hier sind die Onkelz“ werden
komplett geprobt, alles schon hunderte, tausende Male gemacht. Es
wirkt doch alles sehr routiniert – im positiven Sinne. Die
Handgriffe sitzen perfekt, die Technik läuft sowieso. Heute steht in
erster Linie Dimensionsanalyse auf dem Plan, gewöhnen an die neuen
Ausmessungen. Eine Generalprobe konnte es nicht geben, auch wenn man
ja nicht vollkommen unbeleckt ist, was große Bühnen angeht. Der
Himmel ist blau, die Sonne scheint und nach einer Stunde ist der
Spuk schon wieder vorbei. Auf der Autobahn nebenan staut sich der
Verkehr weiterhin kilometerweit. Die Blechlawine rollt ganz
gemächlich weiter, während der Mensch auf dem Seitenstreifen grillt
oder Fußball spielt. Null Stress. Trotzdem: Glücklich der, der schon
sein Plätzchen gefunden hat.
Im Infield lassen die Speedfreaks langsam ihre Dragster und Muscle
Cars heiß laufen. Kaum zu glauben, wie laut diese Dragster sind. Die
Luft dröhnt und der Sound wird von der Haupttribüne mehrfach zurück
geworfen. 15.000 Leute sitzen da und lassen sich die Trommelfelle
durchschütteln. Hochstimmung und die Racer werden begeistert
abgefeiert. Die mobile Zeitnahme steht und Peter Ritscher, der
Onkelz Dragster Pilot hat die ganze Szene mobilisiert, um hier eine
wirklich beeindruckende Show abzuziehen.
Neben den Profis bestreiten die „Public Racer“ den Hauptteil des
Programms. 128 Teilnehmer aus eurer Mitte sind dem Ruf gefolgt und
haben ihre Kisten an den Start gebracht. Und was für geniale
Kreationen dort auf die Piste rollten. Ein Onkelz-Trabbi mit einer
„28“ auf den Türen und satten 250 PS, eine gelbe Renn-Ente, ein Golf
mit Flügeltüren, eine Cobra, ein uralter 50er Jahre Käfer mit zwei
Hippie-Piloten aus Essen, Mustangs und Corvettes, Pick-ups und
Mantas und eine ganze Reihe von professionellen Dragstern und
Topfuelern. Erst wurden die Karren paarweise an die Startlinie
gebeten, um dann zunächst einen dezenten Burnout hinzulegen und
gleich danach wurde die Quarter-Mile geballert. 8,7 Sekunden und 230
Sachen für den Onkelz-Dragster von Peter Ritscher ist definitiv
rekordverdächtig.
Ein nettes Budget hatte der B.O.S.C. von den Onkelz zur Verfügung
gestellt, um für die kickwütigen unter den Besuchern ein sehr nettes
Fußballturnierchen anzubieten. 16 Mannschaften kämpfen jeweils
stellvertretend für ihr Bundesland um Ruhm, Ehre und die Anerkennung
der rund 300 Fans, die den Weg vom Ring ins benachbarte Klettwitz
gefunden
haben. 10 Mann pro Team wurden Wochen vorher ausgewählt, vor Ort
eingekleidet und direkt ohne größere Umwege auf den Platz geschickt.
Großer Sport auf kleinem Feld, immer 1x15 Minuten, ohne
Seitenwechsel. Dafür mit mehr oder weniger qualifizierter
Kommentierung durch die Anwesenden. Die einen, durch Alkohol,
undisziplinierte Mitspieler oder andere Katastrophen leicht desolat,
andere bis in die Haarspitzen motiviert, alle lustig. Im Finale
behielten schließlich übrigens die technisch versierten
Baden-Württemberger die Oberhand gegen die aufopferungsvoll
kämpfende Auswahl aus Sachsen-Anhalt.
In den beiden Partyzelten – strategisch günstig an beiden Enden des
Areals platziert – ist seit gestern beinahe rund um die Uhr
Programm. Wer Bock hat, kann hier sieben Mal pro Tag „Mexico“, „So
sind wir“ oder „Die Firma“ hören, die Bands aus der zweiten Reihe
geben sich die Klinken in die Hand und nutzen die Gelegenheit, mal
vor vollem Haus zu zocken. Diverse Coverbands, ausgewählt unter zig
Bewerbern, spielen eigentlich immer dasselbe, aber der Onkelz-Fan
ist eben wegen Onkelz da und will es sich am liebsten ununterbrochen
geben. Dazwischen gerne auch mal ein ganz kurzer, beinahe
verschämter Blick über den Tellerrand hinaus. Doomfoxx, V8Wankers,
Wonderfools, Bettie Ford und Junkhead. Zelt-Pogo vom Feinsten, es
ist rutschig und ständig packt sich irgendwer hin. Egal, keine
Verschnaupause und weiter, bis der Zeltboden vor Schmerzen schreit
und schließlich irgendwann am Freitag Abend nachgibt. Kann
passieren, ist ja schließlich Onkelz-Exstase. Auf jeden Fall ist
Zelt Nummer eins, das neben dem „Titty Twister“, erstmal dicht...
... und kommt so auch nicht mehr zu Onkelz-Ehren. Nein, nicht
Coverband-Ehren... Echte Onkelz, getarnt, inkognito, unangekündigt
und vor allem zum Anfassen, angelockt von der Produktionsleitung.
Gonzo und Pe hatten sich Gitarre und Drumsticks geschnappt, um sich
auf altbekanntes Terrain zu wagen und vor 60 Nasen die Bühne einer
perplexen Coverband geentert. Kurz die Lage gecheckt, zwei Songs
drauflosgerockt, ein paar Photos gemacht und direkt wieder abgedüst.
Eine sehr lässige Aktion, die die Beteiligten sicher nicht mehr so
schnell vergessen werden.
Als sich gegen Mittag die Schleusen öffnen, schwappen die Schwarzen
Horden sturmflutartig aufs Gelände. Nicht tröpfchenweise, sondern
sturmflutartig. Zu groß ist die Angst, etwas zu verpassen. Schnell
mal alles angeschaut, wo steht die Bühne? Boah! Wo gibt’s was zu
trinken? Die Spielzeiten der Vorbands waren zwar bekannt, aber klar,
hier und heute geht es nur um eins. Onkelz – nicht mehr, nicht
weniger! Die erste Reihe entfaltet wieder ihre gewohnte Wirkung und
hat schon die ersten Opfer angesogen, die, die immer dastehen und
andere, die es sich zum Abschluss noch mal richtig besorgen wollen
inkl. 10 Stunden Anlauf, Stehmarathon und immer dicht vor der
Dehydrierung.
An den beiden Tagen geben sich im Vorprogramm Acts die Klinke in die
Hand, die entweder schon mit den Onkelz gespielt haben oder schon
länger zu den Favoriten der Band zählen. Dazu die eine oder andere
Reminiszenz an den Publikumsgeschmack. In loser Folge: Motörhead,
Wonderfools, D-A-D, Psychopunch, Sub7even, In Extremo, Discipline,
Children of Bodom, Machine Head, Pro-Pain, Rose Tattoo und J.B.O. Da
machten die unerfreulichen Absagen im Vorfeld – Marky Ramone,
Turbonegro und Bombshell Rocks hatten trotz Zusagen noch gekniffen,
Monster Magnet schoben anderweitige Verpflichtungen vor.
Als dann endlich jeweils um kurz nach 11 die Onkelz auf der Bühne
auftauchten, brachen natürlich alle Dämme. Man kann es wirklich kaum
in Worte fassen, dieses Meer aus Armen und Händen, diese Euphorie
und diese totale Hingabe von beiden Seiten. 200.000 Hände im Takt
und 200.000 Arme die hin und hergehen und aus 100.000 Kehlen kommt
ein Sturm an Begeisterung und Dankbarkeit. Das Echo, das teilweise
über den Platz flog, holte sich selber ein und trug zu einer
Stimmung bei, die eigentlich nur als eine Art Trance oder Rock´n
Roll Glückseeligkeit oder irgendetwas schwer Definierbares in dieser
Richtung bezeichnet werden kann. Zweimal jeweils 2 _ Stunden
Vollgas, bis an die Grenzen der Belastbarkeit.
2006
Kevin – Rückfall
Im Januar sorgt Kevin für einen Schock in seinem Umfeld und
innerhalb der Fangemeinde. Nach einem Drogenrückfall wird er an
seinem Geburtstag von Stephan im seinem Hotelzimmer gefunden und in
der gleichen Nacht in ein künstliches Koma versetzt. Neben
verschiedenen weiteren Symptomen ist unter anderem sein Gehirn
aufgrund eines bakteriellen Infekts angegriffen, was mehrere
Operationen und einen längeren Aufenthalt auf der Intensivstation
nötig macht. Lange lässt sich keine Diagnose wagen, ob und in
welcher Form Kevin wieder auf die Beine kommt. Wie durch ein Wunder
macht er während seiner Reha-Maßnahmen allerdings solche
Fortschritte, dass er mittlerweile praktisch komplett wieder
hergestellt ist.
Unterdessen schickten die Onkelz-Fans kistenweise Genesungswünsche
an die Adresse des B.O. Managements, die den Heilungsprozess nach
Kevins Angaben beschleunigten. „Das hat mir soviel Kraft und Mut
gegeben in Situationen, in denen ich schon am verzweifeln war und
dachte, ich werde nie mehr der alte Käfer!“
____
So, viel ist es
nicht mehr was ich nicht reingestellt habe, aber lesen solltete ihr
es trotzdem auf der Onkelz-Seite!
Meine besuchten
Konzerte:
2000 HANNOVER
Bericht (QUELLE):
In der EXPO -
Stadt
Ab 7 Uhr begann in Hannover die Crew mit dem Load out an der Stadion
Sporthalle, die sich unmittelbar neben dem Niedersachsen - Stadion
befindet. Bereits gegen 8 30 Uhr waren zwei Trucks bereits
vollständig entladen. Aber wie des öfteren kam plötzlich alles ganz
anders, und zweitens als man denkt. Die letzten Trucks kamen erst
gegen 11 Uhr an der Halle an, weil sie rund um Hannover richtig fett
im Stau steckten.
Da die Halle mit einer Maximalkapazität von 5.000 Besuchern sehr
klein war, gab es im Laufe des Aufbaus immer wieder Schwierigkeiten
bei den einzelnen Abteilungen, was dazu führte, daß die Produktion
teilweise mehr als drei Stunden hinter dem Zeitplan herhinkte.
Hunderte von Entscheidungen mußten unter Zeitdruck direkt vor Ort
getroffen werden, was natürlich die Anspannung innerhalb der Crew
enorm ansteigen ließ. Neben der normalen Stromversorgung mußte am
heutigen Tag auch noch ein zusätzlicher Stromerzeuger vor Ort sein,
um die ganze Show mit ausreichend Elektrizität zu versorgen. Denn
e.i.n.s. war klar: Ohne Ohm kein Strom!
An die Onkelz ging zwischenzeitlich eine Alarmmeldung per Telefon
raus, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, daß der
Soundcheck deutlich nach hinten verschoben werden mußte.
In der Crew wurde konzentriert weitergearbeitet, um die verlorene
Zeit wieder aufzuholen, und eventuell noch rechtzeitig vor Door open
fertig zu sein. Gegen 17 15 Uhr trafen die Onkelz ein und es ging
sofort mit dem Soundcheck los. Zu allem Überfluß platzte dabei auch
noch ein Becken von Pe's Schlagzeug. Und beim örtlichen Runner wurde
dieser Verlust jetzt zur absoluten Chefsache erklärt. Das
anschließende Abendessen der Vier fiel aufgrund eines Stromausfalls
im Hausnetz auch noch aus, so daß sich die Band stinksauer wieder
zurück ins Hotel fahren ließ.
Das Problem mit dem Strom konnte aber bald wieder behoben werden und
auch ein neues Becken konnte noch in Rekordzeit besorgt werden. Um
18 15 Uhr wurden dann die Türen geöffnet. Der Einlaß erfolgte zügig
und so konnte pünktlich um 20 Uhr mit Suprasod die Show beginnen. In
der Halle herrschten auch am Abend noch tropische Temperaturen, so
daß auch heute wieder viel Schweiß fließen sollte.
Um 20 45 Uhr war es dann wieder soweit. "Jetzt geht's los", hatten
die Fans schon lange vorher skandiert. Das Intro, der Knall, - und
der Vorhang fiel. Wieder eine glückliche Crew und das schon oft
beschriebene Abklatschen. In der restlos ausverkauften
Stadionsporthalle ging in den nächsten zweieinhalb Stunden voll die
Post ab, und das bei Temperaturen von ca. 50 Grad. Die Hitze wurde
von Minute zu Minute unerträglicher. Trotzdem blieben aber die
Einsätze der Sanitäter im Rahmen. Um 23 15 Uhr war Schluß und
Hannover kann sich jetzt wieder auf die Expo konzentrieren, denn der
Troß der Könige für einen Tag ist wieder on the road, weiter
Richtung Norden.
Heute wollen wir Euch auch mal wieder eine Abteilung unserer Crew
vorstellen, die dafür sorgt, daß das gesamte Equipment von einem zum
nächsten Konzertort transportiert wird. Und zwar das Trucking. Bei
den Produktionen der Onkelz ist es seit Jahren Tradition, daß man
(fast) alles selbst organisiert. Der Großteil der Lkw-Fahrer der
Tour sind Angestellte der IH Security und bewältigen bei einer
solchen Produktion einen Doppel - Job. Entweder als Security oder in
anderen Teilbereichen der Veranstaltungstechnik.
Diese Abteilung wird von Jonny geführt und es ist mittlerweile seine
vierte B.O. Tour. Er hat damals als Security angefangen. Dann fuhr
er ein Jahr die Band auf Tour und jetzt ist er als Cheftrucker
tätig. Er organisierte auch mit dem Produktionsleiter die
entsprechenden Buchungen und die notwendige Logistik, d.h.,
Anmietung der Züge und Trailer und die entsprechende Auswahl der
Fahrer. Denn es ist für die Leute eigentlich das Höchste, einmal
eine B.O. Produktion in dieser Größenordnung zu fahren.
Zur Technik: wir haben bei dieser Produktion sechs MANs und zwei
IVECOs, die aus organisatorischen Gründen von A bis H gekennzeichnet
sind. Dabei sind zwei Planen Tautliner dabei. Diese können von der
Seite beladen werden und somit übergroßes Material wie z.B. Trassen,
Gitter oder das Hydraulikaggregat aufnehmen und werden von Jonny und
Stefan gefahren. Weiterhin sind noch vier Jumbo -Koffer im Einsatz,
die von Marko, Armin, Rainer und Jörg gefahren werden. In diesen
Lkws wird Licht, Ton, Backstage, Catering und die Videoausstattung
transportiert. Dazu kam jetzt ab Frankfurt noch der Dirk mit einem
Jumbo - Koffer (Planen - Spriegel Aufbau). Und last, but not least
rollt noch den Merchandise-Lkw mit Klaus am Steuer, der dafür sorgt,
daß Ihr auf den Konzerten mit der kompletten Merchandisekollektion
versorgt werden könnt.
Die Fahrer kümmern sich selbst um entsprechende Vignetten und halten
auch spätestens alle zwei Tage ein Meeting ab. Darin wird
festgelegt, wie gefahren wird: ob Kolonne oder mindestens zu zweit.
Denn ein Lkw sollte nicht alleine fahren, da er sonst auf fremde
Hilfe angewiesen ist, wenn etwas Unvorhersehbares passiert.
Insgesamt werden die Trucks auf dieser Tour eine Laufleistung von
ca. 12.500 Kilometer herunterspulen. Bei einem Dieselverbrauch von
ca. 30 Liter auf 100 Kilometer werden die acht Trucks im Laufe der
diesjährigen Tour um die 30.000 Liter Sprit verbrauchen.
2001 BREMEN
kein Bericht
HILDESHEIM
Kein Bericht
2002 HANNOVER
Bericht (QUELLE):
Fritz Walter ist tot, aber der
Fussball lebt, wie das extrem spannende Achtelfinale zwischen den
Azurris und dem Gastgeber Südkorea zeigt. Dass die Asiaten das
glücklichere Ende für sich verbuchen können, wird von der B.O.-Crew
vor allem deshalb lautstark bejubelt, um Weidners italienischen
Roadie Marco auf die Schippe zu nehmen. Schadenfreude war, ist und
bleibt halt immer noch die größte Freude! Gottlob lässt es sich in
der eigens für die Expo errichteten Preussag-Arena, die innen fast
wie eine 1:1-Kopie der Kieler Ostseehalle ausschaut, trotz der
erbarmungslos sengenden Sonne und Temperaturen um die 35 Grad dank
der auf Hochtouren arbeitenden Klimaanlage ohne nennenswerte
Schweißausbrüche aushalten. Für den Soundcheck der Onkelz sorgen im
Laufe des Nachmittags einmal mehr Ulsch (Schlagzeug), Marco (Bass)
und Django von der Heavy Metal-Kapelle Stormhammer (Gitarre),
weshalb Kevin, Gonzo, Stephan und Pe erst spät eintrudeln. Nachdem
gestern in Kiel erneut ein paar „Rattenfänger“ (O-Ton Weidner) der
NPD versucht hatten, direkt vor der Halle Unterschriften zu sammeln,
passt die Security beim Einlass heute noch einen Tick besser auf.
Dabei ist der Umgangston hart, aber herzlich und das Wörtchen
„bitte“ wird auch dann angewandt, wenn sich ein Fan als
unfreundliches, aggressives oder angetrunkenes Arschloch entpuppt.
Stichwort Arschloch: Wenn man wie in der Preussag-Arena unverschämte
drei Euro für 0,3 Liter Bier aufruft, braucht sich der Betreiber
nicht wundern, dass sich viele Besucher bereits vor der Show die
Lampen ausschießen bzw. auf den Toiletten hektoliterweise
Leitungswasser saufen. Und über das Rauchverbot in der Halle, in der
normalerweise die Eishockeycracks der Hannover Scorpions dem Puck
hinterherjagen, können selbst überzeugte Nichtraucher wie meine
„Kaiserlichkeit“ nur den Kopf schütteln. Oder liegt die
Niedersachsen-Metropole seit neustem im Land der unbegrenzten
Dämlichkeiten? Schon während des Sub7even-Auftritts hält sich kein
Schwein an diese dämliche Verordnung. Erwartungsgemäß erntet das
„basslose Gesindel“ wie gehabt ordentlich Applaus, und auch
ansonsten kann sich das Quintett nicht beschweren. Im Gegensatz zu
so manch anderem großem Act, machen es die Böhsen Onkelz ihren
Vorgruppen schon aus Überzeugung nicht unnötig schwer.
Wenn man einen Teil des schier endlos langen Sets des Headliners vom
Monitorpult auf der linken Bühnenseite aus verfolgen darf, verändert
sich logischerweise auch die Sicht der Dinge. Vor allem sehe ich aus
nächster Nähe endlich einmal, wie hart gerade Gonzo, der sich im
Laufe der Jahren zweifelsfrei zu einem exzellenten Gitarrero
entwickelt hat, und Stephan auf der Bühne ackern. Nach dem gestrigen
Triumphzug sind die Onkelz auch in „Schröder-City“ bis in die
Haarspitzen motiviert und räumen wieder dermaßen ab, dass selbst ein
alter Hase wie der technische Leiter der Frankfurter mit dem wenig
zutreffenden Spitznamen „Schlanky“ aus dem Staunen nicht mehr
herauskommt. Immerhin hat der im fränkischen „Asyl“ lebende Hesse in
der Vergangenheit schon für Heavy Metal-Institutionen wie Saxon,
Motörhead und Manowar gearbeitet. Und ob bei den selbsternannten
„Kings Of Metal“ in all den Jahren so viele Leute unters
Sauerstoffzelt mussten wie am heutigen Abend, darf ebenfalls
bezweifelt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass morgen auch all jene
B.O.-Supporter wieder auf dem Damm sind, die mit der Bahre
abtransportiert wurden.
Da ich morgen zurück nach Frankfurt muss, wird Onkelz- Pressebetreuer
und Bandbiograph Mr. Ed alias Edmund Hartsch ab Bremen wieder die
Tasten seines Notebooks malträtieren, um euch weiter auf dem
laufenden zu halten. Danke und tschüß!
DORTMUND 1
Bericht:
Paaaaarty... Scheisse war das geil.
Doppelshow in der Dortmunder Westfalenhalle. Beide Konzerte sind
seit über einem halben Jahr restlos ausverkauft. Das Wetter?
Regnerisch - alles andere als sommerlich. Die Stimmung? Hektisch –
alles andere als entspannt. Das Handy auf „ignore“ die Gästeliste
geschlossen. Wer jetzt noch anruft, hat Pech gehabt. Irgendwann ist
die Schmerzgrenze erreicht und bei der Tourleitung ist sie schon
lange überschritten. Es kommt keiner mehr rein und wenn er noch so
viel „Recht“ hat und noch so „wichtig“ ist. Feierabend. Ein
Riesenaufwand wird hier und heute betrieben. 2 LKW´s zusätzliches
Material, was soviel heisst wie: 420m zusätzliche Lichttraverse, 3km
zusätzliches Kabel, 60 zusätzliche Moving Lights. Dazu 60 Mann
Security on top, 10 mobile Kameras, 2 Kräne, ein Steady-Cam Operator
vor der Bühne, 1 Ü-Wagen für den Ton und 1 Ü-Wagen für das Bild.
Morgen kommt noch ein 5köpfiges Team für die Live-Stream Übertragung
ins Internet dazu, das ebenfalls nochmal einen eigenen Ü-Wagen dabei
hat. Also das ganz, ganz grosse Programm wird hier an diesem
Wochenende aufgefahren. Schneller, höher, Weidner. Und nicht etwa,
weil man aus dem aufgezeichneten Material eine DVD oder ähnliches
erstellen will, sondern einfach nur, um sensationell gutes
Archivmaterial von der Tour 2002 zu haben, auf das man eventuell in
späteren Jahren einmal zurückgreifen kann, wenn es nötig sein
sollte. Die Band ist bereits um 16:00 Uhr in der Halle und checkt
den Aufbau, das Licht und den Sound. Zusätzlich zum normalen
Soundcheck, kommt heute auch noch Sub 7even mit auf die Bühne. Man
probt zusammen „Nur wenn ich besoffen bin“, um den Fans zum
Abschluss noch eine kleine Zugabe mehr bieten zu können. Bereits in
Erfurt wurde dieses Bonusstück einstudiert und begeistert von den
Erfurter Fans aufgenommen. Kommt aber auch wirklich extrem geil,
nach „Erinnerungen“, als krönender Abschluss sozusagen. Ein lustiges
Bild mit 10 Musikern auf der Bühne. Sub 7even Drummer Christos und
Keyboarder Christian singen Arm in Arm, während sich Gonzo und
Spiros ein Gitarrenduell liefern. Kevin und Daniel singen
logischerweise auch, Stefan Weiler klimpert und der W. spielt die
Bassline zu Sven´s Leadgitarre. Ein weiteres Dokument und ein
weiterer Nachweis für die gute Chemie zwischen beiden Bands. Wie ich
bereits anfangs der Tour einmal erwähnte, verstehen sich die Jungs
sehr gut miteinander und selten habe ich die Onkelz nach der Show so
oft noch im Bus der Vorband abhängen, Bier trinken und lachen sehen.
Die Westfalenhalle selbst, das Monstrum, wird bereits seit 15:00 Uhr von
tausenden von Onkelzfans belagert. Es regnet wie aus Eimern, was
niemanden sonderlich zu stören scheint. Um 18:00 Uhr beginnen die
Jungs mit dem Einlass, weil aber noch nicht komplett eingeleuchtet
ist und weil der Vorhang noch nicht oben ist, werden die Massen zwar
ins Foyer, aber noch nicht in die Halle gelassen. Das hat zur Folge,
dass um ca. 18:15 Uhr, als schliesslich auch die letzten Türen
aufgehen, eine galliermässige Invasion losbricht, vergleichbar mit
dem durchbrechenden Oderhochwasser vor zwei/drei Jahren. Natürlich
habe ich die Kamera gerade wieder nicht griffbereit, egal. So, jetzt
ist es 19:00 Uhr, die Band ist nochmal ins Hotel gefahren, die Fans
singen sich ein und ich warte ab, was noch kommt. Ach übrigens, was
die Gästeliste bzw. die zwei, drei Prommis aus Sport und Musik
angeht, von denen ich im letzten Eintrag sprach, hat man sich ja
gestern im Forum auf www.onkelz.de auf´s infantilste darüber
aufgeregt. Man vermutete, die Onkelz würden jetzt neuerdings mit
irgendeinem Prommiklüngel abhängen und abfeiern. Das ist nicht nur
absurd, falsch und dämlich, sondern im höchsten Masse ungerecht,
denn gerade die Onkelz legen überhaupt keinen Wert auf
V.I.P.-Geplänkel. Wenn aber jemand, der im öffentlichen Interesse
steht, sich zu den Onkelz bekennt, ohne grosse Rücksicht auf den zu
erwartenden eigenen Imageschaden zu nehmen, dann wird hier schon mal
ein Auge zugedrückt und diese Leute können gerne kommen und sich ein
Bild von der Band machen. Und zusätzlich gibt es natürlich beim
Tourabschlussgig, zu dem in Dortmund, eine lange Liste von
Bandfreunden und Verwandten. Das ist nur legitim. Da sich einige
Fans im Forum aber dermassen lächerlich gemacht und aufgeregt haben,
werde ich über dieses Thema kein Wort mehr verlieren.
Bereits um kurz vor acht brodelt die Westfalenhalle und die Fans stimmen
die üblichen Chöre an. „Finale“, „steht auf, wenn Ihr Onkelz seid“
etc... sensationell. Sub 7even hat hier heute ein Heimspiel. Alle
Musiker kommen aus Dortmund City und gehen dementsprechend motiviert
zur Sache. Ich denke, dass es auch für Sub 7even das Hightlight der
Tour ist. Korrekt Jungs, guter Job. Habe ich schon gesagt, dass Sub
7even ohne Ende Groupies haben? Was da so manchmal neben der Bühne
stand, hat sogar dem hartgesottensten Securitymann mitunter das
Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Tourspruch unserer Vorband:
„Die kann grad nicht, die kommt gleich.“
Jetzt aber zu den wirklich wichtigen Dingen. Nein, nicht das WM Finale
und ja, ja, ich freue mich ja auch, wenn Deutschland gewinnen würde,
bin aber immer noch ein wenig skeptisch. Wie cool eigentlich, dass
am Freitag und Samstag die Onkelz in Dortmund spielen und am Sonntag
WM Finale ist, oder? Gut, genug davon. 21:00 Uhr und die Halle ist
dem Siedepunkt nahe. Die Energie brutzelt förmlich und legt einen
breiten Teppich der Euphorie über alle die dabei sind. Gänsehaut.
Die Band nimmt´s wie immer gelassen. Blödeleien und dümme Sprüche in
der Garderobe bis zum letzten Augenblick, wenn Thomas kommt und die
Jungs abholt. Diesen „Walk-In“, wie beim Boxen, finde ich immer
wieder spannend. Das ist für mich eigentlich, neben dem letzten Song
immer der aufregendste Moment. Da denkt man immer, „so, jetzt geht´s
ab...!!“ Und in der Tat, Kevin im Schottenrock und mit offenem Haar
ist schon ziemlich sehenswert. Dass das Publikum von der ersten Note
an ausrastet, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Onkelzparty
pur, mit 14.000 Gästen. Bei Mexico, das dürfte klar sein, gibt´s
kein Halten mehr. Hier geht heute keiner unbefriedigt nach Hause und
die Nörgler, denen alles „zu gross“ oder „zu un-onkelzmässig“ ist,
oder die, denen wieder ein ganz bestimmter Song auf der Setlist
fehlt... who gives a fuck? Auch „Der Platz neben mir“ kommt heute
noch geiler, als ohnehin schon. Feuerzeuge soweit man gucken kann.
Dortmund ist und bleibt die Killer-Location für einen Onkelzgig.
Keine Atempause, im warhsten Sinne des Wortes. Die Jungs rocken von
der ersten bis zur letzten Sekunde und die Fans gehen so dermassen
ab, dass Stephan sich zu dem Statement hinreissen lässt: „Ich sag´s
nicht gerne, aber Ihr seid ein noch geileres Publikum als in
Frankfurt!“ worauf die gesamte Halle mit „Ruhrpott – Ruhrpott“
kontert. Genial. Sehr genial ist allerdings wieder der Auftritt nach
dem Auftritt, das Bonusstück mit Sub 7even. „Nur wenn ich besoffen
bin“ hat ganz klar das Zeug zu einer neuen Live-Hymne und zusammen
mit den Dortmundern knallt es noch mehr. Sehr schöner Abschluss und
morgen wird noch eine Schippe drauf gelegt. Alles klar? Prost und
bis morgen...
2003 HANNOVER
„Onkelz in Hannover“, oder „was ist
die Steigerung zu: „Einfach der nackte Wahnsinn“?“
„Ohne Worte“? „Ich kann nicht mehr“? Oder „Erschiess mich, besser kann´s
nicht mehr werden“? Egal, überlegt euch am besten selber was, mir
sind seit gestern die Superlative ausgegangen. „Sag mal... Das war
doch das geilste Onkelz-Konzert aller Zeiten, oder?“ Gestern in
Hannover die gleichen Reaktionen wie in Bremen. Kinder, wenn das so
weiter geht. Es war doch erst der zweite Gig. Wo soll das alles noch
hin führen? Die Latte ist nach dem ersten 2er-Block jedenfalls
verdammt hoch gelegt – sowohl von eurer Seite, als auch von den
Onkelz. Bremen zeigte sich von seiner Schokoladenseite – schöner
Club, Riesenstimmung und nicht ein Fascho, der einem die Laune
vermiesen konnte. Kann eigentlich nicht mehr besser werden. Kann
nicht? Kann doch! Hannover ging nochmal ein Stückchen mehr aus dem
Sattel, noch mehr „Wir wolln die Onkelz sehn“, noch mehr
„Oooooooohooooohoooooo....“ bei und nach „Terpentin“ und noch mehr
Pogo als in Bremen. Um den Bremern aber nicht unverdienterweise
Unrecht angedeihen zu lassen, sage ich mal unentschieden, mit
leichter Feldüberlegenheit Hannover. Leute, ihr seid der Wahnsinn.
Osnabrück, Berlin, Nürnberg und Pratteln: Ihr müsst euch verdammt
ins Zeug legen, wenn ihr da mithalten wollt.
Aber auf gehts, Dopaminproduktion langsam wieder auf ein gesundes
Normalmaß zurück fahren und ein wenig Struktur in diesen Bericht
bringen. Mit anderen Worten: Der Reihe nach!
Nachdem sich im Vorfeld mal wieder der lokale KV der NPDeppen über zwei
kleine, aber dreiste Pressemeldungen zum Konzert in den Vordergrund
schummeln wollte und sich deswegen bereits der Verfassungsschutz und
anderes in grün gewandetes Bundespersonal angesagt hatte, war doch
leichte Nervosität angesagt – obwohl man aus Erfahrung weiss, dass
solche Nummern in 9 von 10 Fällen nichts als ein Haufen heisse Luft
sind. Denn wie bereits Marx zu vermelden wusste: Die Empirie besitzt
keinen Beweischarakter oder auch: Vorbeugen ist besser als auf die
Schuhe kotzen. Deshalb: Zusätzliches Sicherheitspersonal und ein
noch wachsameres Auge auf die Besucher, ob sich nicht doch eine
kleine Abordnung an klar erkennbaren Unruhestiftern ausmachen ließ.
Aber wie erwartet: Keine (Fascho-)Sau zu sehen und auch die AntiFa
ist wohlweisslich geschlossen zuhause geblieben. Eine kleine
nächtliche Aufkleberaktion rund ums Capitol konnten sie sich dann
doch nicht ersparen. Aber wenns nur das ist, 50 Aufkleber kann man
auch manuell wieder abreissen. Erfreulicherweise hat auch zumindest
ein Teil der hannoverschen Presse davon Notiz genommen, dass das
Konzert absolut ohne jegliche Zwischenfälle abgelaufen ist. Sehr
schön. Wer also mal eine echt coole Kritik lesen will, sollte sich
mal die Neue Presse von heute zu Gemüte führen.
Genug der Begleiterscheinungen, auf ins Konzert. Das Capitol ist eine
richtig schöne Location. Nettes Flair, prima Akkustik und nicht ganz
so verwinkelt wie das Aladin. Unten mit „Innenraum“, oben drüber
eine Tribüne und reichlich Getränkestände (mit allerdings horrenden
Preisen...). Im Gegensatz zum Aladin füllte sich das Capitol richtig
gemächlich (oh Wunder, es hat ja auch nicht so geschüttet...),
sodass die Junkhead-Jungs vor noch nicht ganz versammelter
Mannschaft loslegten. Die Anwesenden werden es allerdings nicht
bereut haben, denn der Fünfer machte mächtig einen los und kam – was
man so hörte – auch mächtig gut an. Scheinen euern Geschmack zu
treffen. Leider mussten sie mit einem leicht abgespeckten Set an den
Start, denn der Start der Onkelz wurde aufgrund anschließender Disco
(!) im Capitol im Vergleich zu Bremen um eine halbe Stunde
vorverlegt.
Nach Junkhead das übliche Spiel: Kurze Umbaupause, „Onkelz,
Onkelz“-Gesänge und dann gehts los. Kleines Intro, Stephan Bass,
Gonzo Gitarre und Kevin mit einem „JAAAAAAAAAA“, das einem die erste
Gänsehaut des Abends auf die Arme treibt. „Hier sind die Onkelz“ –
und wie. Wie gestern zack, zack, zack. Ein Song nach dem andern aus
der Hüfte geballert. Ein Wahnsinn! Alles schwitzt, tanzt, singt,
hüpft, schmeisst BHs (okay... War nur einer) auf die Bühne und die
Band wieder in Topform. Gut, dass die Setlist in der Mitte mit
„Wieder mal ´nen Tag verschenkt“ in der alten Version für alle einen
Durchschnauf-Song parat hält...
Wer Kevin nur von der letzten Tour in Erinnerung hat, konnte
wahrscheinlich kaum glauben, dass da der selbe Mann auf der Bühne
stand, tanzte, mit den Armen ruderte und die Haare kreisen ließ. Der
dritte Frühling... Gonzo schwer agil, top-motiviert und wie immer
tadellos mit ein paar netten Fingerübungen am Hals seiner
blau-weissen Tausch (sehr geiles Ding!), Pe mit einer riesen
Energieleistung und Stephan am Dauerbangen bis zum Nackenmuskelkater
und mit punktgenauen Ansagen zu NPD und Stones. Angenehm auch, dass
es gestern nicht ganz so heiss war wie im Glutofen Aladin, wo dem
einen oder anderen – Fan wie Musiker – kurzzeitig – zumindest fast –
die Lichter ausgegangen sind. Aber diese Luftfeuchtigkeit... Im
Treppenhaus in Richtung Bandgarderobe kamen einem förmlich
Sturzbäche an Kondenswasser entgegen. Krass... Klubtour-Feeling pur,
sollte man eigentlich öfter machen... Nach wieder gut zwei Stunden
und 4 Zugaben war dann Feierabend und ein wahnsinnig geiler Abend zu
Ende. Naja, man sieht sich ja wieder Hannover, oder?
Heute day off, die Bandbusbesatzung relaxt noch ein wenig in Hannover,
während die Crew direkt nach dem Gig schon weiter nach Osnabrück
gereist ist. Klubtour als Tort(o)ur. Morgen steigt dann also
Osnabrück. Weiss jemand, ob es im Hydepark auch einen Balkon gibt?
Dieses „Auf und nieder, immer wieder“ sieht zwar so rückblickend
ganz nett aus, aber muss auch nicht zur Tradition werden... Mal
sehen, ob Osnabrück die Regler bis auf 11 schieben kann... Gebt euer
Bestes!
Ich werde morgen das Staffelholz wieder an den Ed übergeben, hoffentlich
haut das jetzt alles so hin, wie wir uns das erhoffen.
Danke für eure Aufmerksamkeit und bis dann!
2004 HAMBURG
Wenn es etwas gibt, mit dem wir uns
nicht zurückhalten und mit dem wir auch nicht gerade sparsam umgehen
hier auf der Onkelztour, dann sind das Superlative. Till hatte es
bereits angesprochen, aber ich muss es noch einmal wiederholen,
Dortmund II war das Größte, was die Welt des Rock´n Roll je gesehen
hat. Größer als Ozzy, der im Executive-Meeting einer lebendigen
weißen Taube den Kopf abbiss, größer als Jimmy Hendrix´ epochale
Interpretation des „Starspangled Banner“ am Woodstockmontag, als er
seiner Gitarre Bombenteppiche, Schmerzensschreie und ein
weithinhörbares und höchst regimekritisches Anti-Vietnam-Gequietsche
entlockte, größer noch als Joan Baez´ „We shall overcome“ auf den
Stufen des Lincoln Memorial, nachdem Luther-King seine Rede mit „I
have a dream...“ begann und auch sicherlich größer als Frank Zappas
Schiss auf die Bühne. Naja, „let´s leave the church in the village“,
wenigstens aus meiner Sicht, denn bei den aufgezählten Ereignissen
war ich nicht dabei. Aber in Dortmund II 2004 war ich dabei und
hatte zum Ende hin eine hübsch kultivierte Ganzkörpergänsehaut. Wo
gibt´s denn sowas? Da hocken oder knieen sich die Fans im Innenraum
bei „Ihr hättet es wissen müssen“ doch glatt auf den Boden. So eine
spontane und hingebungsvolle Geste des Respekts und der Dankbarkeit
hat es – so viel ich weiß – in der Geschichte der Rockkonzerte noch
nicht gegeben. Ok, vielleicht bei den Grateful Dead, aber da ist die
Belegschaft geschlossen auf LSD und man kann nicht genau sagen, was
die eigentlich sehen, also zählt das nicht. Auf der Bühne?
Verwirrung, offene Münder. Die Band ist konsterniert, gerührt,
schockiert, sprachlos. Ob das in Hamburg zu toppen sein wird? Keine
Ahnung, muss es das überhaupt? Ist doch vollkommen egal. Kann man
das nicht einfach so stehen lassen?
Hamburg? Wen interessiert der Stress im Vorfeld? Keinen Menschen, habe
ich oft genug erwähnt und jeder kann sich denken, dass so ein
Abschlusskonzert Anstrengung bedeutet und Stress mit sich bringt.
Die Fakten? Würde ich gerne berichten, weiß aber nicht, ob das nicht
zu intim ist. Nur soviel, es wurde bandintern schon vor dem Konzert
geweint und geredet und sich in den Arm genommen und die Stimmung
war... hmm... traurig bis katastrophal. Wer genau hingehört hat, dem
ist aufgefallen, dass Kevins „Jaaaa“, als er auf die Bühne kam,
ungefähr fünf mal so lang war, wie sonst und dass die Band förmlich
explodierte. Die Anspannung musste raus, dringend, und die Schwere
des Augenblicks, die Last der Situation musste einfach weggespielt
werden. Da war sie, die große schwarze Wolke und sie entlud sich mit
allem, was sie hatte. Das hat sich natürlich auch spontan auf das
Publikum übertragen und es wurde gesungen, geschrieen und gebrüllt,
wie selten. Der Innenraum war in zwei Hälften unterteilt worden.
Schlau wie unsere DVD Filmer nun mal sind, haben sie nicht ganz so
viele Leute unmittelbar vor die Bühne gelassen, damit nicht so viel
gedrückt werden konnte und die Security nicht so viele Leute
rauszuziehen hatte. Aus dem einfachen Grunde, weil der komplette
Graben mit Kameras zugestellt und von Kameraleuten, Kabelträgern und
Fotografen belagert war. DVD-Traffic. Wenn diese Bilder rüberkommen
und der Regisseur in der Lage ist, das ganze Thema objektiv zu
beleuchten, dann wird das eine ziemlich sensationelle DVD werden.
Gut, die Onkelz also. Man hat sich verspielt und auch schon mal
versungen oder verhaspelt, aber letztendlich dennoch das totale
Live-Brett abgeliefert. Ungehobeltes gehört zu einem Live-Konzert,
sonst wäre es ja nicht live. Ich habe auf dieser Tour eine Menge
Leute dabei gehabt, die zum ersten mal ein Onkelzkonzert gesehen
haben und allen ist die Kinnlade runtergefallen. Mein Ami-Freund aus
Massachusetts hatte es in Frankfurt schon in Worte gefasst.
„I have tickets to see Green Day next month. I won´t
go, fuck Green Day, after seeing the Onkelz, I can´t see another
Rock´n Roll Show anymore.That´s it.
There is nothing like it.“ Das ist das Dilemma, nach so einer Onkelzshow
liegt die Latte hoch, das ist nur schwer bis gar nicht zu
überbieten. Achja, Thomas Hess traf Udo Lindenberg im Atlantic Hotel
und wieder einmal wurde er eingeladen und wieder sagte er, er würde
kommen und wieder einmal kam er nicht. „Dumm gelaufen Udo, Du hast
es wieder verbockt und verpasst und wirst es nicht mehr nachholen
können. Selbst Schuld.“
Was gab´s noch? Einen handgeschriebenen Brief von Peter Maffay zur
Bandauflösung, persönlich adressiert an Stephan Weidner, den
Maffay-Managerin Kathy Standley (eine gute Freundin von Stephan und
mir) an Bandbetreuer Axel übergab und den Axel dann ganz locker
irgendwo liegen ließ, bis es ihm einfiel und er plötzlich
kreidebleich wurde. Ach-Du-Scheiße! Ein gefundenes Fressen für e-bay
Anbieter. Wer würde dafür nicht ein paar Euros zahlen? Also sah man
Axel schweißnass durch die Gegend rennen, fahrig und genervt und dem
Kollaps nahe. Der Brief wurde gefunden (im BOSC Bus, auf dem
Fußboden unter dem Tisch), übergeben an Axel und von Axel an Stephan
und Axel musste sich mal kurz setzen, durchatmen und einen Schnaps
runterstürzen. Wir haben sehr gelacht.
Die Show war mehr als furios. Ob das Hamburger Publikum das von Dortmund
getoppt hat, kann ich nicht sagen und es ist mir auch egal. Es waren
Onkelzfans und Onkelzfans gehen ab, traditionell, schon immer, die
können nicht anders, die müssen Vollgas geben und so gab auch
Hamburg Vollgas. Von der ersten bis zur letzten Note. Irgendwann
holte Stephan Thomas Hess auf die Bühne, stellte ihn dem Publikum
als „fünften Onkel“ vor und nahm ihn in den Arm, was sogar dem
harten Hess die Tränen in die Augen trieb. Thomas Hess war es auch,
der irgendwann drei gepiercte, tätowierte, bestrapste und
aufsilikonierte Mädels vom Kiez reinbringen ließ, die zunächst den
Fans in den ersten Reihen das Wasser reichten und später bei Mexico
im Poncho und mit Sombreros bekleidet auf die Bühne stiegen. Sehr
zur Überraschung und auch zur Freude der Band. Halb nackt zappelten
die drei dann um Kevin, Gonzo und Stephan herrum. Schade, dass die
Jungs von der Security im Graben standen und in die andere Richtung
schauen mussten, aber Job ist Job. „So kann ich einfach nicht
arbeiten...“ rief mir einer grinsend zu. Und lustig auch, wie eines
der Mädels ohne nachzudenken ihren Poncho dem Pe auf´s Schlagzeug
warf. Ok, zum Denken waren die ja auch nicht eingeladen worden,
gell? Mexico war also der fulminante und energiegeladene Höhepunkt
und während der „Stelle zum Tanzen“ flogen auch noch die
Bikinioberteile weg und angetan mit Slip, Stifeln, Patronengurten
und Pistolen taten die drei Sirenen dann das, was sie am besten
konnten, sich bewegen. Nach so einem Ding kann eigentlich nur noch
der Absturz kommen. Wir haben zusammen getrunken, getanzt, gefeiert
und gelacht, jetzt lasst uns zusammen weinen und Abschied nehmen.
Wie Stephan seine Ansage zu „Ihr hättet es wlssen müssen“ dennoch
ohne Tränen hinter sich gebracht hat, wird ein Rätsel bleiben. Den
ganzen Tag hat ihm schon dieser Stein im Magen glegen. „Die
schwerste Ansage meines Lebens“ hatte er mehrfach gesagt. Die
Bilder, die ich während dieser Tour sah, werde ich nicht so schnell
vergessen. Mir persönlich werden auch ein paar unschöne Dinge in
Erinnerung bleiben, aber ich bin mir sicher, dass irgendwann die
Zeit den Blick verklären wird und ich alles in einem rosa/gold
farbenen Licht betrachten werde. Gott sei gesegnet, dass er es so
eingerichtet hat, dass Erinnerungen irgendwann verblassen und nur
die wirklich herausragenden Dinge übrig bleiben.
Ich will heute, während meines letzten Tourtagebucheintrags aber noch
etwas anderes ausprobieren. Ich habe am Ende des zweiten
Dortmund-Gigs eine junge Dame in der ersten Reihe kennengelernt,
(siehe Foto 7 bei Dortmund II) Sie heißt Sahar, kommt aus dem Iran,
ist in Recklinghausen aufgewachsen, liebt den Pott, studiert
Journalismus und ihr Freund, mit dem sie auf dem Konzert war, ist
Hard-core Onkelzfans. Auf alle Fälle eine kuriose Mischung, die es
unbedingt näher zu beleuchten galt. So habe ich Sahar, ganz im Stile
des US-innovativen „embedded journalism“ darum gebeten, doch mal
aufzuschreiben, wie sie die Sache wahrgenommen hat. Flugs nach
Hamburg eingeladen die beiden und sie ein paar Sätze schreiben
lassen. Hier sind ihre Eindrücke:
Es dauert nicht mehr lange bis es endlich losgeht. Allen ist die riesige
Anspannung
Anzusehen. Ich muss sagen, ich habe die Organisation einiger Events und
Konzerte miterlebt, doch der heutige Abend ist etwas ganz anderes.
Es ist nicht nur der gewöhnliche Stress und die Arbeit, die auf
allen lastet, was schon genug wäre, hinzu kommen große Emotionen und
die Tränen sind nicht zu übersehen. Ich sah Stephan mit verheulten
Augen hinter der Bühne und ich muss ehrlich gestehen, mir fehlten
einfach die Worte. Es muss ein unheimlich bedrückendes Gefühl sein,
wenn man realisiert, dass nach 24 Jahren nun das letzte Konzert
ansteht. Ein Gefühl, dass wir nicht nachempfinden können. Auch wenn
die Onkelz sich selbst zu diesem Schritt entschieden haben, ist die
Entscheidung für sie nicht einfach zu verkraften.
Heute Abend endet in Hamburg die Abschiedstour der Onkelz. Die letzten
Vorbereitungen sind getroffen, es geht los.
Der Empfang ist grandios. Die Onkelz haben gerade angefangen zu singen
und die Halle bebt. Von Trauerstimmung kann keine Rede mehr sein.
Jetzt wird gefeiert. „Heute sind wir Könige für einen Tag.“
Unzählige Feuerzeuge erleuchten die Color Line Arena.
Ihr könnt Euch bestimmt vorstellen wie die Fans in der Arena abgegangen
sind, dazu muss ich wohl nichts mehr sagen?! Doch eines noch an
diejenigen nicht da waren. Ihr habt was verpasst meine Lieben! Eine
gute Show, coole Stimmung und einpaar heiße Mädels, die für
Überraschungen gesorgt haben. Doch ich bin sicher, dass das
Management sich nächstes Jahr (Lausitzring), zum 25 jährigen
Jubiläum der Jungs, viel mehr einfallen lassen wird und das dürft
Ihr auf keinen Fall verpassen.
Das Konzert nährt sich dem Ende, die Jungs spielen ihre letzten Songs
und dann passiert dass worauf die Onkelz in Dortmund schon nicht
gefasst waren. Die Fans knieten vor ihnen und wieder waren sie
sprachlos. Stephan überraschte die Menge indem er sich auch vor
ihnen kniete und hielt danach eine sehr ergreifende Dankensrede.
Alle bedanken sich für die Treue ihrer Fans und verlassen mit Tränen
in den Augen die Bühne. Ob es die Onkelz oder ihre männlichen Fans
waren, hier wurden aus harten Männern weiche Jungs. Das ist ein
Moment den man nur schwer in Worte fassen kann, wenn man ihn nicht
selbst erlebt hat.
Schon komisch wie die Dinge sich verändern können. Wenn mir jemand vor
einem Jahr noch gesagt hätte, dass ich Onkelz hören, ihre Konzerte
besuchen, für bzw. über sie schreiben würde, hätte ich für absolut
verrückt erklärt. No way! Tja wie sagt man so schön, es kommt alles
anders als man denkt. In dem Fall war es gut so.
Ich muss es kurz erklären; die ersten Erfahrungen, die ich mit
Onkelzsongs machte waren leider nicht angenehm. Als Ausländerin
nimmt man natürlich alles etwas sensibler auf als die meisten von
Euch. Einige Menschen, die mich aufgrund meiner Nationalität
ablehnen, identifizieren sich mit den Songs der Onkelz. Diese Leute
haben leider immer noch nicht KAPIERT, dass Zeiten sich ändern
können und Menschen auch. Sie verstehen die Lieder wie sie sie
verstehen wollen. Das ist abschreckend und sehr schade aber da sage
ich Euch bestimmt nichts Neues?!
Nun was nicht ist kann ja noch werden; die Hoffnung stirbt bekanntlich
zuletzt.
So genug davon und zudem wie ich zu den Onkelz kam.
Mein Freund ist großer Onkelz Fan und konnte mich überreden mich näher
mit den Jungs zu befassen. Ich besorgte sogar Konzertkarten und
machte mir meinen eigenen Eindruck. Die Konzerte waren eine sehr
positive Erfahrung, die Fans, die ich kennen lernte waren nett und
sympathisch. An dieser Stelle, einen schönen Gruß an Michael aus
Euskirchen.
Ich bekam die Gelegenheit mit den Bandmitgliedern zu sprechen und
hautnah alles mitzuerleben. Die Jungs sind sympathisch und ich denke
vor allem bodenständige Menschen geblieben, besonders Stephan, mit
dem ich die Gelegenheit hatte, öfter zu reden. Ich bin froh diese
Erfahrung gemacht zu haben. Ich möchte mich auch bei den Leuten
hinter der Bühne bedanken, die sich rührend um mich gekümmert haben.
Bleibt so wie Ihr seid, denn Ihr seid spitze.
Vielen herzlichen Dank an die Onkelz und vor allem viel viel Glück auf
dem weiteren Weg.
Herzliche Grüße Sahar.
Ich habe noch ein paar Worte nachzuliefern. Nämlich die Abschlussparty
im Café Keese auf der Reeperbahn. „Warum können keine Fans auf die
Party?“ bin ich immer wieder gefragt worden. Wie soll das denn
gehen, muss ich dann zurückfragen, wie stellt Ihr Euch das vor? Es
sind ja Fans auf der Party, nur eben nicht so viele. In erster Linie
ist so eine Tourabschlussparty mal eine Crewparty. Von den Onkelz
für alle diejenigen organisiert, die sich 6 Wochen lang den Arsch
aufgerissen haben, damit alles steht und flutscht und funktioniert
und die Konzerte ein Erfolg werden. Security und Trucker, Stagehands
und Roadies, Küche, Koch und Spüler, Licht und Ton, Rigging und
Technik, Bühne und Projektion, Merchandise und Bandbetreuung, alle
die vielen Leute, die man normalerweise nicht sieht, ohne die aber
nichts funktionieren würde. Alle die waren am Dienstag abend
eingeladen, dazu noch eine Handvoll glücklicher Fans, die einfach
zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Die Party selbst, ahja,
was soll ich sagen. Ich kam spät und war noch sehr gestresst,
brauchte mindestens eine Stunde und zwei Jackie/Cola zum
Runterkommen. Kevin und Gonzo glänzten durch Abwesenheit. Kevin
wahrscheinlich, weil er zu traurig war und nicht abstürzen wollte
und Gonzo? Keine Ahnung, wahrscheinlich war ihm nicht nach Party zu
Mute. Pe und Stephan waren auf alle Fälle da und feierten mit der
Crew und mit ihren Freunden bis in die frühen Stunden. Der DJ hat
zwar zwischenzeitlich genervt, aber im Großen und Ganzen war es
schon ziemlich wild. Wunderbar auch die Stripperinnen, die Thomas
Hess bis auf seine Shorts auszogen und ihn eincremten. Thomas verzog
keine Miene, stoisch, versteinertes Gesicht, Hess halt. Titten in
seinem Gesicht, Nippel, die gegen seine Nase dotzten, aber Thomas
zuckt nicht einmal mit der Wimper. Cool sehr, sehr. Bis eines von
den Mädels ihm dann irgendetwas total Doofes ins Ohr flüsterte und
er plötzlich losprustete. Ein großer Spaß. Spätestens seit dem
Moment ist Hess mein Held, auch wenn er mich auf dieser Tour fast
bis zur Weißglut genervt hat. Gegen 09:00 am nächsten Morgen
übergebe ich meinen Audi an Micha von der Filmcrew und steige, zum
ersten mal während dieser Tour, in den Bandbus und fahre mit
Stephan, seiner Frau, Axel, Kia aus Peru, dem Management und noch
ein paar Freunden nach Frankfurt. Müde, stinkend, leer. Ich fühle
mich, als wenn man mir ein Körperteil amputiert hätte, was ich gar
nicht kannte, aber trotzdem vermissen werde.
Ich wollte noch
die Diskographie hier angeben, aber es wird zu groß, lest diese doch
auf www.onkelz.de
nach!
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LIEBE GRÜSSE AN
ALLE ONKELZ-FANS!
 
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