Das Attentat auf Robert F. Kennedy

Nachwirkungen


Die 70er-Jahre

Nachdem ernorme Kritiken an der Untersuchung des Attentats laut wurden (u.a. auch von der American Academy for Forensic Sciences), beauftragte das Oberste Gericht von Kalifornien 1975 eine siebenköpfige Kommission. Sie prüfte die ballistischen Ergebnisse und kam zum Schluß, daß man nicht genau sagen kann, daß eine zweite Waffe beteiligt war, aber, daß es zwischen dem aus den Körpern der Verwundeten entfernten Kugeln und jenen Kugeln, die man zu Testzwecken aus Sirhans Waffe abgefeuert hatte, "erhebliche Unterschiede" gebe. Eine Beteiligung einer zweiten Waffe wurde nicht grundsätzlich ausgeschlossen!

1976 wurden unter Berufung der Pressefreiheit diverse Attentatsunterlagen für die Öffentlichkeit freigegeben (darunter auch die FBI-Photographien, die beweisen, daß es mehr als 8 Schüsse gab). 

Allerdings konnten die Wände und Decken der Küche des Ambassador Hotels nicht mehr nachträlich auf Einschußlöcher überprüft werden. Sämtliche Innenverkleidungen und Türrahmen wurden kurz nach dem Attentat ins Polizeipräsidium gebracht und noch während des Sirhan-Prozesses im Juni 1969 vernichtet.

Die 80er-Jahre

1984 gründete der Politologie-Professor Phil Melanson das Robert-F.-Kennedy-Attentats-Archiv an der Universität Dartmouth, Massachusetts. Melanson ist Autor mehrerer Bücher über politische Morde in den USA. Seine umfangreiche Sammlung enthält tausende Seiten von Polizei-und FBI-Akten sowie eine Sammlung von Fotos, die Sekunden vor bzw. nach dem Mord geschossen worden waren.

Die Akten und Beweisstücke des Attentats waren 20 Jahre lang von der Polizei von Los Angeles unter Verschluß gehalten
worden. Erst 1988 konnten Bürger sie herausklagen. 50.000 Seiten Papier und einige Beweisgegenstände wurden ins
kalifornische Staatsarchiv gebracht und zur Einsichtnahme freigegeben. Allerdings stellte man fest, daß die wirklichen wichtigen Beweismittel alle vernichtet wurden (u.a. die Wände und Decken oder die Fotos von Enyart).

Die 90er-Jahre

Im April 1992 haben prominente US-Bürger eine Petition beim Obersten Geschworenengericht von Los Angeles County eingereicht. Ihr Ziel: ein Verfahren gegen die Polizei einzuleiten wegen ”willkürlicher und korrupter Amtsführung bei der Aufklärung des Attentats”. Außerdem soll der Fall vor Gericht neu aufgerollt werden. 
Unterschrieben haben die Petition - neben William Bailly, Paul Schrade und Prof. Melanson - der Filmregisseur Oliver Stone, der Schriftsteller Norman Mailer, der Historiker und Berater Präsident Kennedys Arthur M. Schlesinger und 45 weitere Personen des öffentlichen Lebens. Verfasserin ist die Anwältin Marilyn Barrett. Aber politischer Druck, der auf die Justiz  augeübt wird, verhindert bis heute einen neuen Prozeß.

Erst 1995 gab es folgende Reaktion auf die Petition: "Ihre Eingabe wurde zur Kenntnis genommen und mit dem LAPD
diskutiert. Freundliche Grüße".

Im Juli 1993 wurde die Sendung “Die RFK-Tonbänder” in den USA innerhalb weniger Wochen von 160 Radiostationen ausgestrahlt. Der Autor Bill Klaber ist ein 49jähriger Architekt, der für das Lokalradio der Kleinstadt Jeffersonville im waldreichen Westen des Bundesstaates New York arbeitet. Klaber kommt zum Schluß, daß Sirhan nicht der Mörder ist und es wahrscheinlich eine Verschwörung gegeben hat. Die öffentliche Resonanz auf Klabers Radiosendung blieb verhalten. Von den überregionalen Blättern schenkte ihr nur TIME Magazine Beachtung. Die Lokalpresse, v.a. in Los Angeles, zeigte sich dagegen weitgehend uninteressiert.

Normalerweise wäre Sirhan schon frei

Nicht nur die Beweise und Zeugen sprechen für eine Entlassung Sirhans, sondern auch, daß er ein Mustergefangener ist. 

Lynn Mangan, die seit Jahren Sirhans engste Vertraute ist, sagt: "In Kalifornien wird ein Gefangener auf Bewährung
freigelassen, wenn er sich gut geführt hat und kein Risiko für die Allgemeinheit darstellt. Sirhan ist ein politischer
Gefangener. Sein Anwalt Larry Teeter läßt gerade klären, warum er eigentlich so behandelt wird. Er sitzt doch schon
viel länger als nötig. Aber weshalb? Für wen ist er denn noch eine Gefahr"? 

Mangan sieht Sirhans Akten ein und findet dabei heraus, daß eine Menge vertuscht worden ist. 1992 lernte sie den heutigen Verteidiger Sirhans, Larry Teeter, kennen. Teeter ist spezialisiert auf Regierungskriminalität

Mit einem neuen Verteidigerteam versucht Teeter Sirhan aus dem Gefängnis herauszuholen.

Über die damalige Verhandlung sagt Teeter: "Die Verteidiger räumten damals ein, daß ihr Mandant Kennedy getötet hat. Sie baten die Geschworenene lediglich über Sirhans Geisteszustand zu befinden. Sie beschäftigten sich nicht mit der Tat selbst und der Frage, ob die Tat geplant war oder ob Sirhan mit festem Vorsatz handelte. Das verdient nicht ein Prozeß genannt zu werden. Die Geschworenen haben nie erfahren, daß die Polizei über 1000 Fotos verbrennen ließ. Sie wußten auch nichts von Scott Eynarts Verhaftung, von der Beschlagnahmung seines Films oder von seinen Beobachtungen am Tatort. Den Geschworenen wurde niemals der Autopsiebericht gezeigt oder gesagt, daß die tödlichen Schüsse aus nicht mehr als 5 cm Entfernung direkt hinter Kennedys rechten Ohr abgefeuert wurden und daß Sirhan ein ganzes Stück vom Senator entfernt
stand. Die wichtigsten Entscheidungsgrundlagen kannte die Jury überhaupt nicht!"

Eine Anhörung - Freilassung Sirhans?

Es gab auch schon diverse Anhörungen über eine Entlassung Sirhans - z.B. die am 1 Dezember 1994 (damals die Neunte!). Sie wird live von Court TV übertragen:

Für den Ausschuß war Sirhan bei der achten Anhörung noch eine Gefahr für die Gesellschaft. Denn: Sirhan hat sein schweres Verbrechen nicht bereut, das die Welt zutiefst erschüttert hat. Nun wurde wieder über seine Zukunft beraten.

Kommissionsmitglied Gillis verliest zunächst einen Brief der Polizei. Auch hier wieder bloß ein einziger Satz: keine Freilassung Sirhans für den Rest seines Lebens.

Auch Staatsanwalt Thomas Trapp hält heute wieder sein Plädoyer. Schon 1986 hat er Sirhans Freilassung mit den
Worten abgelehnt: “Das war kein gewöhnlicher Mord. Die ganze Nation war davon betroffen. Es war ein Verbrechen, das niemals vergeben sein wird.”

Das Nein des Staatsanwalts kommt daher nicht überraschend

Sirhan, gebeten, selbst Gründe für seine Freilassung zu nennen, antwortet: Es sei unfair, immer wieder seine Reue über die Tat infrage zu stellen.- Man darf niemanden töten, dies ist meine ehrliche Überzeugung, sagt Sirhan zum Schluß.

Der Ausschuß verkündet nach kurzer Beratung die Ablehnung der Bewährung. Sirhan bleibe eine Bedrohung der öffentlichen
Sicherheit.

Teeter im Anschluß: "Eine Neuaufnahme des Prozesses wäre vor allem für Polizei und Staatsanwaltschaft sehr peinlich! Denn die Wahrheit würde diesmal auf den Bildschirmen der Nation verhandelt. Die ganze Welt könnte erfahren, was tatsächlich passiert ist: daß es mehrere Waffen und mehr als einen Schützen gab! 


 
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