„Sie müssen verrückt sein“, hatte uns ein chinesischer Reiseunternehmer per E-
Mail bescheinigt: Welcher vernünftige Mensch fährt denn wenige Wochen vor
Beginn der Olympischen Spiele nach China, in ein Land im Quasi-Ausnahmezustand? Mit
überhöhten Hotelpreisen, verschärften Visa-Regularien und
Sicherheitskontrollen an jeder Straßenecke? Aber die kosmischen Zyklen hatten es so
gewollt: Genau eine Woche vor der Eröffnungsfeier würde der Kernschatten des
Mondes – zum ersten Mal seit 2 ½ Jahren! – über die Erde ziehen, und die besten
Chancen auf klaren Himmel sollte es, statistisch gesehen, im Osten der nordwestlichsten
chinesischen Provinz Xinjiang geben. Immerhin weit weg vom vorolympischen Trubel, der
allein die Ostküste betraf, dafür aber in einer dünnbesiedelten Region des
Landes, über die selbst Reiseführer nur wenig zu sagen wussten. Und einem
potenziellen Spannungsgebiet, in das die Medien-Auguren nach der Tibetkrise bereits den
nächsten Aufstand hineinspekulierten, diesmal des zentralasiatischen Turkvolks der
Uiguren, die fast die Hälfte der Bevölkerung dieser „Autonomen Region“
ausmachen.
Ein gutes Jahr Recherchen hatte zwar bald ein ebenso spannendes wie einladendes Bild
Xinjiangs gezeichnet, mit erstaunlich guter Infrastruktur für eine so entlegene Provinz,
aber entscheidende Fragen waren einfach nicht zu beantworten: Wo sollte man am Ort der
Finsternis, jenseits der Stadt Hami, übernachten – und wie überhaupt erst einmal
nach Xinjiang kommen? Lange schien eine Anreise über das benachbarte Kasachstan
und dann mit dem Zug über die Grenze als naheliegendste Lösung, und es
liessen sich sogar über Reiseführer oder das WWW vermeintliche Spezialisten
für die Organisation solch einer Route finden – doch immer wenn wir (Tobias
Kampschulte und der Autor) konkret werden wollten, verstummte die andere Seite
mysteriös. Oder stellte absurd hohe Geldforderungen, die mit den tatsächlichen
Kosten vor Ort, auch die waren in Erfahrung zu bringen, rein gar nichts zu tun hatten. Spontan
aufzubrechen und alles vor Ort zu klären, war aber nicht nur wegen der Sprachbarriere
bald keine Option mehr: Im Vorfeld der Olympischen Spiele wurden die Regeln für die
Visavergabe plötzlich härter ausgelegt als lange üblich. Jetzt musste man
der Botschaft jede einzelne Übernachtung im Vorhinein explizit nachweisen. Mit
Unterschrift und – offenbar eine Eigenart der chinesischen Bürokratie – dickem
Stempel des Gastgebers.
Die Lösung aller Probleme kam, um es kurz zu machen, erst wenige Wochen vor der
Finsternis und das auf zwei Wegen gleichzeitig: Zum einen gelang es uns, eine formelle
Einladung der großen Radio-Sternwarte von Urumqi zu erhalten, die seit Jahren
freundschaftliche Beziehungen zum Bonner MPI für Radioastronomie pflegt. Der
Transport von der Hauptstadt Xinjiangs zur Sonnenfinsternis und die Unterbringung vor Ort
waren mit einem Mal gesichert, und das zu Kosten weit unter allen kommerziellen Angeboten
für vergleichbare Dienste. Zum anderen fand sich – nach energischen Verhandlungen –
doch noch ein deutscher China-Veranstalter, der unsere sonstigen touristischen
Wünsche im Reich der Mitte (wenn man denn schon mal da ist) in ein
preisgünstiges Paket schnürte: Inklusive der jeweils 12-stündigen
Flüge von/bis Frankfurt und mit Besichtigungen vieler kultureller Highlights in
Beijing, Xi’an und Xinjiang kostete es weniger als was andere allein für ein bisschen
Rundreise innerhalb von Xinjiang berechnen wollten. Und vor allem: Die Papiere dieses
Veranstalters genügten der Botschaft in Berlin – zusammen mit dem JPEG (!) eines
Dokuments der Sternwarte, mit Stempel natürlich – für die Ausstellung der
gewünschten Visa binnen weniger Tage. Allerdings erst eine Woche vor Abreise,
weshalb leider am Schluss nur noch 5 von ursprünglich über einem Dutzend
Interessenten „an Bord“ waren.
Der Autor ging am 21. Juli als erster auf die Reise, um zunächst für den o.g.
deutschen Veranstalter nach Beobachtungsplätzen für die nächste
chinesische Sonnenfinsternis südlich von Shanghai zu fahnden – kein leichtes
Unterfangen angesichts dichter Bebauung und Nutzung praktisch jeder Freifläche
für ein Reisfeld: Ödland oder Naturwiesen gibt es nicht. Ein paar
vielversprechende Kandidaten waren schließlich doch zu finden, und aufgrund der
Recherchen ist die Route der 2009-er Reise bereits modifiziert worden. Shanghai zählt,
da südlich des Yangtse gelegen, bereits zu Südchina, und das berüchtigte
Sommerklima ließ sich nicht lumpen: Temperaturen bis 38°C, extreme Luftfeuchte,
dunstiger Himmel – aber an der Küste südlich der Stadt und erst recht in der
Nachbarprovinz Zhejiang, durch die die Zentrallinie der SoFi am 22.7.2009 schneiden wird,
war der Himmel spürbar blauer. Und jeden Tag wäre die Finsternis, die zum
Glück in über 55° Höhe stattfinden wird, relativ gut zu sehen gewesen.
Auch der erste Kontakt mit der chinesischen Alltagskultur, vom morgendlichen
Schattenboxen in den Parks über eine phänomenal vielfältige Küche
(Baby-Sumpfaal) bis zum Taxiwesen (jeder Wagen mit eigenem Quittungs-Drucker!),
ließ sich gut an. Nur die Transrapid-Fahrt zum Flughafen war eine Enttäuschung:
Vor 9 Uhr morgens fährt er nämlich mit 300 km/h auch nicht schneller als ein
ICE 3 ...
Im neuen Flughafen des kaum weniger feuchtheißen Beijing trafen schließlich
alle fünf aufeinander, und auch die nächste Reisebegleitung wartete schon:
hinein in die Innenstadt (dank vorolympischer Verkehrsbeschränkungen recht flott), zur
Alten Sternwarte, die die Dame vorher noch nie besucht hatte, zum Platz des Himmlischen
Friedens, der für dieses Klima erheblich zu groß geraten ist, und in die Verbotene
Stadt. 960 x 750 Meter Areal, 1000 Einzelgebäude, 9000 Räume. Ein nicht
jedem (etwa unserer Führerin) bekanntes Highlight ist eine etwas abseits gelegene
Ausstellung spektakulärer historischer Uhren, darunter eine Orrery mit nicht nur allen
Planeten sondern auch deren seinerzeit bekannten Monden. Am nächsten Tag gings zur
Großen Mauer und einer nahen Grabanlage – und den dritten Tag Beijing hatten wir
für den Zoo (Riesenpandas in Scharen) und das Planetarium reserviert. Nicht ahnend,
dass es sich bei letzterem eher um eine Astro-Stadt handelt, mit vier Shows parallel,
großflächigen didaktisch bestens durchdachten Ausstellungen zu den Grundlagen
der Astronomie (z.T. anhand des olympischen Fackellaufs erläutert) und zahlreichen
Geschäften für Astrobedarf aller Art. Beijing hat scheint’s immer das
Allerneueste der Projektionstechnik: Noch bevor der Hersteller dafür in einer
Pressemitteilung warb, wurde uns bereits eine Fulldome-Show ungeahnter Schärfe mit
sagenhaften 35 Megapixeln an der Halbsphäre zuteil. Glück muss man haben:
Die Anlage war keine zwei Wochen vorher installiert worden, als erste operationelle ihrer Art
weltweit.
Mit High-Tech anderer Art ging es am Abend weiter: 1200 Kilometer mit einem
Schlafwagenzug erster Klasse ins Herz des Landes, die alte Hauptstadt Xi’an. Wobei das
Ticket für die 11 Stunden genau so viel kostet wie ein ICE-Ticket für die 39
Minuten von Siegburg nach Frankfurt. Ein knapper Tag Aufenthalt genügte für
eine Visite bei den berühmten Terrakottakriegern in der Nähe – normalerweise
ist auch der letzte überlebende Entdecker dieses archäologischen
Jahrhundertfundes „ausgestellt“, war aber zur Enttäuschung unseres lokalen
Führers gerade nicht am Platz. Wieder in der Stadt reichte die Zeit für mehrere
bedeutende Bauwerke – und einen Abend in der brodelnden und schon islamisch
geprägten Innenstadt, wo wir, etwas überraschend, in einem extrem preiswerten
Fischrestaurant landeten. Abendessen für fünf inkl. Getränke: keine 6
Euro. Und dann ging es wieder zum Bahnhof, diesmal für eine 31-Stunden-Reise
über 2450 Kilometer: Das nächste Ziel lag bereits im „gelobten Land“ Xinjiang,
die Stadt Turfan. Jetzt waren wir definitiv in Zentralasien angekommen, mit einem ganz
anderen Menschenschlag als im Osten, aber die Fahrt ging – nach allerlei Besichtigungen und
Verköstigung der überaus süßen Turfan-Trauben – jetzt in einem
Minibus immer noch weiter nach Westen.
Urumqi (oder chinesisch Wulumuqi, „Ullumutschi“ gesprochen) zeigte sich dann wieder als
verblüffend moderne Metropole, mit ganzen Ladenpassagen voller Notebooks und
ansonsten einem Handy-Laden neben dem anderen. Eigentlich ein Klein-Beijing, aber mit viel
besserer Luft. Und wieder einer neuartigen Küche, mit so ziemlich allem am
Spieß, was man sich denken kann (oder auch nicht). Zum Runterspülen ideal: das
leckere Wusu-Bier, 620 ml für 27 Eurocent im Kiosk nebenan. Nach einem Abstecher
zum geradezu alpin gelegenen Himmelssee voller Infrastruktur (Seilbahn, Elektromobile,
Mantel-Verleih ...) und chinesischen Reisebussen ohne Ende und Besuchen u.a. in einem
supermodernen Archäologiemuseum begann am 31. Juli der „Ernst des Lebens“: mit
einer 12-stündigen Fahrt in einem kuriosen „Sleeper Bus“, in dem es nur Betten aber
keine Sitze gibt, 800 km wiederum nach Osten. Durch endlose Wüsten und Steppen
erreichte der Konvoi der Sternwarte – begleitet von Polizeifahrzeugen – nach der Passage
zahlloser Checkpoints spätabends die Kleinstadt Yiwu, die Basis für die
Operation Finsternis. Genächtigt wurde im Schlafsaal einer Schule und getafelt in
einem Restaurant mit schon eher mongolischer Küche (ist ja auch nicht mehr weit und
passt zur Landschaft).
Der 1. August: Abermals setzt sich die Bus-Kolonne in Bewegung, für die letzten 25
Kilometer bis zur Zentrallinie. Hier hat man – wir vermuten: die lokale Verwaltung – eine
regelrechte Volkssternwarte in die Wüste gestellt, mit einem Miniplanetarium, zwei
Teleskopen in Kuppeln, Vortrags- und Ausstellungshallen und einer ausgedehnten Freianlage
mit überdimensionalen Sonnenuhren und anderen Visierinstrumenten. Noch ist alles
festlich geschmückt für die förmliche Einweihung dieses „Solar Calendar
Chronometer Square“, aber nach Musik und Tanz und Böllerschüssen aus
erschreckend großen Kanonen ziehen die Honoratioren von dannen,
Verstärkeranlagen und Deko-Ballons verschwinden ebenfalls, und in den folgenden
Stunden wird die Anlage von der weltweiten Gemeinschaft der „eclipse chaser“
übernommen. Ein Bus nach dem anderen trifft ein, und so manche Finsternis-
Prominenz aus aller Welt schaut vorbei, der man immer wieder über den Weg
läuft, an herausragenden Punkten auf gewissen virtuellen Linien auf diesem Planeten,
denen in wenigen Stunden der Mondschatten folgen wird. „Planmässig“ bilden sich
über dem Karlik-Gebirge am Horizont im Laufe des Tages orografische Wolken – aber
ungeplant auch über unserer Ebene. Und ausgerechnet gehäuft Richtung Westen,
wo die Sonne zur Finsterniszeit in 19° Höhe zu stehen gedenkt.
Die Spannung steigt nun heftiger als wir erwartet hatten: Beim ersten Kontakt – der
Mondrand berührt gerade den Rand der Sonne – ist letztere noch frei. Aber in der
letzten Viertelstunde der Partialität versteckt sie sich immer häufiger hinter dem
Gewölk, ist mal gar nicht, dann als rasch schmaler werdende Sichel durch den
„Naturfilter“ zu sehen. Wilde Spekulationen über die Zugrichtung der Wolken im
Verhältnis zum Tagbogen der Sonne: Mal scheint es, dass wir scheitern müssen,
dann wieder keimt Hoffnung auf. Und dann ist klar: Sekunden vor dem 2. Kontakt, dem
Beginn der totalen Finsternis, wird die Sonne in einem völlig klaren Fenster stehen!
Die Stimmung ist atemberaubend und gewinnt, kein Witz, erheblich durch das Wolkenmuster
vor dem Hintergrund der sich dramatisch verändernden Himmelsfarben, während
der Kernschatten des Mondes mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit heranrast. Eine so
farbige und mitreissende Szenerie gab es bei der totalen SoFi seit vielen Jahren nicht mehr.
Die Minimumskorona steht in gleißendem Weiß vor einem dunkelblauen
Himmel, der ringsum mit grauen Wolken gespickt aber von Rottönen umgeben ist:
dort, wo man aus dem Schattenkegel hinausschaut. Eine Minute und 56 Sekunden dauert die
Totalität, während derer sich das Farbmuster beständig „nach links“
verschiebt und an deren Ende von rechts erneut das direkte Licht der Sonne heranrast. Aber
noch Minuten später ist das Abziehen des Kernschatten durch das Schwarz- und
Wieder-Weiß-Werden ferner Wolken zu verfolgen, während das Finsterniscamp
in ein warmes Abendlicht getaucht wird.
Nach ausgiebigem Feiern in Yiwu (wo der lokale Markt Wusu in großer Menge bereit
hielt), ging es am 2. August mit den bekannten Bussen wieder 800 km zurück nach
Urumqi und am nächsten Tag per Inlandsflug (dreimal so teuer wie mit der Bahn aber
mindestens 10-mal so schnell) wieder nach Beijing: Hier konnten wir noch ein paar Stunden
Abschied vom „richtigen“ China nehmen, das inzwischen deutlicher als zuvor im Zeichen von
Olympia stand: überall Journalisten oder andere wichtig scheinende Personen mit
Akkreditierungen am Hals. Und die Luft schien doch tatsächlich etwas besser
geworden zu sein. Ein Abstecher ging zur Baustelle des CCTV Tower, dem bizarr geknickten
neuen Hauptquartier des Staatsfernsehens, ein anderer zum Platz des Himmlischen Friedens
bei Nacht (wo es aber im Wesentlichen nur andere Schaulustige zu sehen gab). Und dann
warteten leider schon der Flieger zurück nach Frankfurt – und im Autoradio auf der
Fahrt nach Bonn bzw. das Ruhrgebiet Nachrichten von den ersten (und nicht den letzten)
Anschlägen in Xinjiang. Brutale Einzeltäter jeweils, und keine Spur von
Unruhen – aber doch ein tragischer Kontrapunkt zu unserer Erfahrung einer zumindest an der
Oberfläche funktionierenden Vielvölkerprovinz. Nächstes Jahr jedenfalls
wird alles ganz anders: In der Provinz Zhejiang gibt es praktisch nur Han-Chinesen. Die
Sonne wird dreimal so hoch am Himmel stehen. Und dreimal so lange verfinstert sein: Es
wartet die längste SoFi des 21. Jahrhunderts.
2. Der am leichtesten erreichbare Teil der Chinesischen Mauer bei Badaling – auch für die Einheimischen ein Touristenziel erster Güte.
3. Einige des guten Dutzends Riesenpandas im Zoo von Beijing, wo die einheimischen Besucher hin und weg über jede ihrer Regungen sind.
4. Begegnung im Zug: Kurz vor Erreichen ihrer Heimatstadt Xian bat „Holly“ (rechts) um eine kleine Englisch-Stunde im Morgengrauen.
5. Die Armee der Tonkrieger, 34 Jahre nach ihrer Entdeckung spektakulär präsentiert.
6. Der Trommelturm von Xian am Abend, ein Gebäude von 1380 – ohne einen einzigen Eisennagel gebaut.
7. Strassenszene in Turfan – schon mehr Zentralasien als pures China.
8. Tadjikische Tänzer am Himmelssee in den Bergen bei Urumqi – eine andere der rund 40 Minderheiten in der Provinz.
9. Teilpanorama der modernen Großstadt Urumqi: Sie ist weiter von allen Ozeanen entfernt als jede andere Metropole.
10. Das erstaunlichste Bauwerk des neuen China: das fast fertige Sendezentrum des Staatsfernsehens CCTV.
Der chinesische Begriff für „Totale Sonnenfinsternis“ in der Überschrift,
ungefähr „Rrütschwantschürr“
ausgesprochen, bedeutet übrigens wörtlich: „Sonne völlig angefressen“ ...