Ansätze zur Entwicklung einer FehlerkulturGliederung |
Ein „Fehler“ gilt in heutiger Zeit immer noch als Makel. „Einen Fehler machen“ wird von der Umwelt als Negativum wahrgenommen und oft wird man mitleidig angeschaut, wenn man mal wieder einen Fehler gemacht hat. Oft bringen wir die Tatsache, dass jemand einen Fehler gemacht hat in Zusammenhang mit der Persönlichkeit eines Menschen, ein Fehler wird personalisiert. Gerade in der Schule kann dies zu erheblichen Schwierigkeiten führen, denn gerade hier werden Fehler oder Fehlhandlungen mit Zensuren bewertet. Ein Schüler, der z.B. während des Schriftspracherwerbsprozesses viele Fehler macht, erhält oft ein negatives Feedback und dies führt nicht selten zu einer negativen Selbstwahrnehmung. Bei Diktaten im Deutschunterricht wird bei der Bewertung nicht die Anzahl der Richtigschreibungen berücksichtigt, sondern die Anzahl der „Fehler“ gilt als Maßstab für eine Zensur. Durch die Art und Weise wie in der Schule mit Fehlern umgegangen wird, wird ein aufgeschlossenes Verhalten gegenüber Fehlern verhindert, den Binsenweisheiten „Aus Fehlern wird man schlau“ und „Irren ist menschlich“ zum Trotz. Nicht selten ziehen sich Schüler während des Unterrichts gegenseitig mit ihren Fehlern auf. Dies liegt sicherlich an eine „Tabuisierung“ des Fehlers: man geht schließlich zur Schule, um keine Fehler zu machen und das lernt man am Besten, indem Fehler sofort ausgemerzt werden. Der Fehler wird umgehend „verbessert“, warum ein Fehler genau an dieser Stelle gemacht wurde, also eine Analyse des Fehlers, findet im Schulalltag selten Berücksichtigung. Es scheint auch nicht wichtig zu sein, man soll den Fehler schließlich vermeiden und nicht auch noch vertiefend betrachten, dann wird er sich noch viel eher im Gedächtnis „breit machen“. Dementsprechend ist folgendes Verhalten im Umgang mit Fehlern zu beobachten: Fehler gibt man ungern zu, Fehler werden gerne verschwiegen und ignoriert, Fehler werden nicht thematisiert, denn man spricht am besten gar nicht darüber, man hat Angst etwas „Falsches“ zu sagen und schweigt daher lieber... |
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Aber ist dies nun ein förderlicher Umgang mit Fehlern, um sie zu vermeiden? In der heutigen Grundschulpädagogik etabliert sich immer mehr Widerstand gegen diesen Umgang und das Ansehen von Fehlern. Hinter dem Schlagwort der „Fehlerkultur“ verbirgt sich ein neuer, anzustrebender Umgang mit Fehlern, der Fehler nicht als Defizite des Kindes betrachtet, sondern als notwendige Schritte im kindlichen Lernprozess. Ebenfalls auf dieser Grundlage entwickelte Gudrun Spitta die sogenannte „Schreibentwicklungstabelle“ für den Schriftspracherwerb. Auch Redewendungen wie „Fehler sind Fenster auf den Lernprozess“ (Hedda Nübel) oder „Fehler gehören dazu“ (Erika Brinkmann/Heinz Brüggelmann) sind in diesem Zusammenhang entstanden. An dieser Stelle soll ein Artikel als Einführung in die Entwicklung einer Fehlerkultur thematisiert werden, der meines Erachtens einen breiten Einstieg in das Thema liefert und ein Plädoyer für einen neuen Umgang mit Fehlern in der Schule begründend darstellt. Es handelt sich hierbei um den Artikel von Peter O. Chott, Ansätze zur Entwicklung einer „Fehlerkultur“ in der Schule, in: PädForum 27/1999, S. 238-248. |
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Chott baut seinen Artikel auf drei Thesen auf, die hier wiedergegeben werden sollen:
Zur Erhärtung der oben genannten Thesen führt Chott empirische und theoretische Erkenntnisse aus folgenden Bereichen an: |
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Anthropologische Erkenntnisse sollen die erste These unterstützen, nämlich, dass Fehler als Mängel zu sehen sind. Als früher Vertreter dieses Ansatzes steht Johann Gottfried Herder (1744-1803), der sein idealistisches und positives Menschenbild sowie seine Bildungsidee auf einer Vielzahl von Beschreibungen seiner Mängel aufbaut. Der Mensch wird hier als „nacktes, instinktloses“ Wesen, als das „elendste der Wesen“ bezeichnet, das aber mit der Fähigkeit bestückt ist, diese Mängel und Fehler durch ein permanentes Streben nach Bildung abzubauen. |
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Kommunikationstheoretische Ansätze wie z.B. entwickelt von Paul Watzlawick (1969), bilden Chott zufolge eine weitere theoretische Basis, die im Zusammenhang mit der Entwicklung einer Fehlerkultur wichtig erscheint. Kommunikation bildet eine grundlegende Basis des Unterrichtsgeschehens und ist für Störungen sehr anfällig. Watzlawick beschäftigte sich auch mit der „Metakommunikation“, die Informationen über die Sachaussage hinaus liefern. Hierbei können sich die unmittelbare Mitteilungsebene von Ebenen der Metakommunikation ergänzen oder unterscheiden. Die Aussageebenen der Metakommunikation:
Anhand dieser Aufstellung wird ersichtlich, dass die Pflege und die Ausbildung der Kommunikation auch im Umgang mit Fehlern nicht unerheblich ist. |
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Anlehnend an Kommunikationsmodelle und –forschung hat sich die sogenannte Kommunikative Pädagogik oder Didaktik entwickelt. Zu deren Vertretern gehören z. B. Karl Hermann Schäfer, Klaus Schaller, Walter Popp sowie Rainer Winkel, die auf der kommunikationstheoretischen Basis – dass Kommunikation auf der Interaktion der Kommunikationspartner beruht – das Lehren nicht nur als bloße Informationsvermittlung, sondern vielmehr als interaktiven Vorgang zwischen Lehrern und Schülern versteht. Eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes besteht in der Entwicklung der „Mathetik“ (vgl. Aufsatz P. O. Chott: „Das Lehren des Lernens. Förderung von Methodenkompetenz in der (Grund)-schule, in: PädForum 1998, S. 174 – 180), die das Lernen in der Schule aus der Sicht des Schülers betrachtet und Lehren dementsprechend als „Konstruktionshilfe“ für das Schülerlernen begreift. |
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Als grundlegende psychologische Anknüpfungspunkte für die Wahrnehmung von und den Umgang mit Fehlern bilden die Theorien der sozialen Vergleichsprozesse (Leon Festinger) und Ansätze der Attributionstheorien. Der erstgenannte Ansatz geht davon aus, dass Personen das Bedürfnis hätten, eigene Meinungen und Fähigkeiten mit denen anderer zu vergleichen und zu bewerten, um so Hinweise für das Selbstbild zu liefern. Da die Feststellung eines Fehlers immer einen Vergleichsprozess im weiteren Sinne erfordert, wird von Folgendem ausgegangen:
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Letztgenanntere Theorien (Attributionstheorien) beschäftigen sich mit sogenannte Ursachenzuschreibungen. Wie kommen Ereignisse zustande und wann werden Ursachenzuschreibungen vorgenommen? Dies erscheint besonders relevant für den Umgang mit Fehlern: Welche Ursachen schreiben wir Fehlhandlungen zu und warum?
Auf dieser Basis wichtig sind auch die Theorien des Selbstwertschutzes und der Selbstwerterhöhung. Empirisch begründete Basisannahmen dieser einen Determinante der Attributionen von Leistungsergebnissen sind, dass Menschen grundsätzlich dazu bestrebt sind, ihr Selbstwertgefühl zu schützen und zu erhöhen. Dabei ist das Bedürfnis nach Selbstwertschutz und -erhöhung umso größer, je niedriger das aktuelle Selbstwertgefühl einer Person gerade ist. Demnach sind Personen eher an positiven als an negativen Informationen - also an Fehlern - interessiert. Dieser Sachverhalt unterstützt in erster Linie die oben aufgeführte These zwei. Sich unsensibel Fehlern gegenüber zu verhalten, kann Bestandteil einer Selbstwertschutzstrategie sein. Andere Aspekte der Selbstwahrnehmung liefert die Motivationspsychologie: Personen mit hohem Selbstwertgefühl interpretieren eigenes und fremdes Verhalten eher selbstwertdienlich, also eher positiv, während Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl eher dazu neigen, eigenes und fremdes Verhalten zum Negativen hin zu interpretieren. Für die Wahrnehmung eines Fehlers kann dies bedeuten, dass eine Person mit einem hohen Selbstwertgefühl geneigt ist, den gemachten Fehler äußeren Ursachen zuzuschreiben – also zu externalisieren – oder nicht als so ernst zu nehmen; Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl neigen dazu, die Ursachen für einen gemachten Fehler zu internalisieren – also sich selbst zuzuschreiben – und den Fehler zu generalisieren. Als Resultat erlangen Personen der zweiten Kategorie einen noch niedrigeren Selbstwert. |
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Auf diesen drei Thesen aufbauend und auf dem Hintergrund der oben aufgeführten Theorien – erstens, dass Fehler zum Menschen dazu gehören und insofern nicht als „schwerwiegende Makel“ anzusehen sind, zweitens, dass auf kommunikationstheoretischer Basis mit Fehler sensibler umgegangen werden kann sowie drittens, dass ein Verbleiben des üblichen Umgangs mit Fehlern eben als Makel für eine Person zu einem negativen Selbstbild führen können und dem Lernen aus Fehlern kontraproduktiv entgegenwirken können - propagiert Peter O. Chott einen anderen, nennen wir es konstruktiveren Umgang mit Fehlern im Allgemeinen wie in der Schule im Besonderen. Im Folgenden des Artikels versucht Chott diesen „neuen“ Umgang mit Fehlern näher zu beschreiben. |
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3. Verweis auf den Begründer der Fehlerkunde Als Begründer einer Fehlerkunde und Fehleruntersuchungen im engeren Sinne gilt Helmut Weimar (1872-1942), der mit seinem Schüler Arthur Kießling in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Schriften zur Fehlerkunde verfasste: „Psychologie der Fehler“, „Die Bedingungen der Fehlbarkeit“ und die „Fehlerbehandlung und Fehlerbewertung“. Weimar unterscheidet hierbei zwischen einem Fehler und einem Irrtum, der auf der Unkenntnis einer Tatsache beruht, während ein Fehler als Abweichung vom Richtigen definiert wird, für den der Fehlermachende die Verantwortung trägt. |
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Heute wird ein Fehler im Allgemeinen als ein von einer Norm abweichender Sachverhalt oder Prozess aufgefasst. Diese Definition schließt alle Arten von Handlungsfehlern mit ein. Dabei unterscheidet man Konventions- oder Strukturfehlern, zwischen phonetischen, lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Fehlern (z. B. Edelstein 1997). Grob zusammengefasst kann das Phänomen des Fehlers so definiert werden: Ein Fehler ist „eine Erscheinung, die im Bezug auf ein „Richtiges“ zurückgewiesen, behoben oder künftig vermieden werden muss.“ (Gloy 1987). |
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Alle Autoren, die in meinem Artikel benannt werden, sind in der Literaturliste von Peter O. Chott aufgeführt und überprüfter Weise nachgewiesen!!! |
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Erstellt von: Henrike |