Ulrich Kölker

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D u o d e n a r i u m
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2. Jahr: 2009




J a n u a r


Aus dem digitalen Notizbuch

Ein Fingerhutvoll Schönheit.

Ein Gott, der, um nicht zu erlöschen, um nicht ins Nichts, aus dem er gekom- men ist, zurückzusinken, unaufhörlich schaffen, hervorbringen muß.

Ein Buch nur aus Randbemerkungen (und was bei diesem an den Rand der Seiten geschrieben wird).

Unvollkommen genug, um zärtliche Gefühle zu wecken.

Ein Spiegel, der allem, was er zeigt, sein Geheimnis zurückgibt.

Nicht wach genug für diesen Traum.

Eine versteinerte Welle, auf ihrem Kamm steht dein Haus.

Sie träumen entschieden zu laut.

Ein wüstentauglicher synthetischer Regenbogen.

Alle tun so, als wären sie ganz angekommen: in ihrem Körper, in ihrem Leben.

Ein Lügengebäude mit perfekter Statik.

Ihm scheint, dies Glück ist unverdient, ihm scheint, dies Unglück ist es - aber was, ja was hat er dann verdient?

Ein Lebewesen, das auf Menschen mit dem Widerwillen reagiert, den bei uns der Anblick einer Assel oder einer Made auslöst.

Ein Gott, der alle anderen Götter überlebt, weil nie von ihm behauptet worden ist, er erhöre Gebete.

Einer trägt einen an ihn weitergegebenen Namen auf.

Der Unsichtbare überschätzt die Vorzüge der Sichtbarkeit, der Sichtbare die der Unsichtbarkeit.

Wenn der Sommer vorbei ist, das Gefühl, die langen Tage, wenn der Winter vorbei ist, das Gefühl, die langen Nächte schlecht genutzt zu haben.

Das Nächste mit dem Blau der Ferne gefärbt.

Eine ermutigende Verwechslung.

Ein altersmüder, arthrose-geplagter Drache, Feuer hustend. Ein ebenso al- tersmüder Drachentöter.

Der Berg wächst, wächst stetig. Noch ist Zeit, ihn zu besteigen, aber bald schon wird es dafür zu spät sein.

Der Mensch verschwindet und läßt all sein Geschriebenes aus fünf Jahrtau- senden zurück.

Es ist, als stemmte sich sein eigener Körper von der anderen Seite gegen die Tür, durch die er will.

Die falschen, fiktiven Gegenwarten: sie verhindern, daß man in der wirklichen Gegenwart ankommt.

Ein prachtvoller Wandteppich, ganz aus verlorenen Fäden gewebt.

Gegen ihren Sinn setzt er seinen Unsinn, gegen ihren Unsinn seinen Sinn.

Ein Planet mit ganz dünner Kruste. Manchmal bricht sie und ein Haus ver- schwindet, eine Straße, eine Stadt.

Die andere Nacht der Tiere. Sie werden in der Abenddämmerung fremd, weil sie diese andere Nacht erwartet.




F e b r u a r


Aus dem digitalen Notizbuch

Grenzen, die sich, unbeeinflußbar von menschlichem Tun, unaufhörlich ver- schieben.

Eine Sammlung ausgespielter Rollen.

Einem wird ein Gemeinplatz zum Ort der Erleuchtung.

Gerechte Götter scheinen eine magnetische Anziehungskraft auf Ungerechte auszuüben.

Der Geist, der den Widerstand der Materie braucht, aber auch immer wieder an ihm zu zerbrechen droht.

Ein Modell des himmlischen Jerusalem aus Streichhölzern.

Mit fremden Federn fliegen.

Sein Schweigen schien mit den Jahren an Tiefe zu verlieren.

Federleichte Häuser: der Wind trägt sie überall hin.

Wolken vermessen.

Farben, die sich miteinander befreunden.

Es hieß, er sei in diese Rolle hineingewachsen, aber ihm schien es eher, er sei in sie hineingeschrumpft.

Das Tier, das seine Tage zählt.

Das ungleiche Geschwisterpaar: das Mitgefühl und die Grausamkeit.

Eine Welt, aus der alle warmen Farben verbannt sind.

Ein Spiel auf der Suche nach den eigenen Regeln.

Einer buhlt um die Anerkennung der Ungeborenen.

Der im Spiegel und ich, unsere Blicke begegnen sich nicht. Wir sehen an- einander vorbei, ich in einen für mich, er in einen für ihn nicht betretbaren Raum.

Ein Proteus, der über seine Verwandlungen keine Gewalt hat.

Unbetretbar für Menschen, so klein ist das Gotteshaus.




M ä r z


Prosa

Ein Denkmal verliebt sich in eine Taube, in eine der vielen verwilderten Haustauben, die sich täglich auf ihm niederlassen, auf seinem Kopf, seinen Schultern, dem halb ausgestreckten Arm. Warum ausgerechnet in diese? Sie ist nicht mal schöner als die andern.

Sie waren nur schemenhaft zu erkennen, wegen des Lichts vielleicht, weil es so schwach war, oder weil die Zeit nicht reichte für Einzelheiten. Wie viele waren es? Ein Dutzend? Mehr? Unmöglich, das zu sagen, sie vermittelten jedenfalls den Eindruck, viele zu sein. Männer, beinah dicht gedrängt, Männer, die arbeiteten, eine Straße erneuerten, von den Dämpfen des Teers umgeben. Und ich wußte, ohne daß ich es sah, wo das war, welche Straße. Die nämlich, die in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, zum Friedhof führt, die Straße, welche die Leichenzüge dort bei Beerdigungen nehmen. Die Straße, die zum Friedhof führt, aber auch über ihn hinaus. Und die arbeitenden Männer waren genau dort, wo sie sich anschickt, den Friedhof, die Gräber hinter sich zu lassen.

Ein Architekturmodell, ein langes, schmales Haus, oben offen: ich gieße aus einer Flasche eine zähe Masse hinein. Um einen Abguß zu machen, aber das weiß ich nicht gleich, das errate ich erst im Tun. Reicht die eine Flasche? Brauche ich nicht eine zweite? Noch ehe ich die besorgen kann, beginnt die eingegossene Masse ›zu arbeiten‹, und das Haus krümmt sich wie in Krämpfen. Nun sieht es eher wie ein Schlauch aus, hat dabei, was durch seine konvulsivischen Bewegungen verstärkt wird, etwas vage Anthropomorphes. In seiner Mitte löst sich ein kleineres schlauchartiges Gebilde von ihm ab, jemand greift nach diesem und hält es mir hin: eine Babypuppe. Ich berühre ihren Nabel und sie lebt. Ich frage das Baby nach seinem Namen und es sagt: »Milch«. Ein kurzer Augenblick der Irritation, dann begreife ich, es hat mir nicht seinen Namen gesagt, sondern es hat Hunger, es hat Durst.


Aus dem digitalen Notizbuch

Eine Geschichte, die sich wie eine Schlange zusammengerollt hat.

Einen Palast und gleichzeitig den armseligen, engen Körper bewohnen.

Eine Welt ohne Jahreszeiten, mehr noch, ohne Jahre, ohne dieses Im-Kreis- Herum-Geschicktwerden.

Die einen verbünden sich mit der Zeit gegen Orte, die andern mit Orten gegen die Zeit. 

Erst wenn eine Epoche zu Ende ist, erkennt man, wie wenig in ihr möglich war.

Ein Dealer, der mit süchtig machenden Bildern handelt.

Eine durch einen Wechsel der Lichtverhältnisse wie von Dur in Moll trans- ponierte Landschaft.

Ein Tier aus der Zukunft, ein Tier, das es erst in einer oder sogar erst in zehn Millionen Jahren geben wird, besucht dich in einem Traum.

Dem erstbesten Gott in blinder Verehrung ergeben.

Einer zieht in eine kleinere Sprache um.

Mit der Zunge hören, mit den Ohren schmecken.

Die Überschrift macht wie ein Hut größer.

Der Anwalt der Stille, sein in Zeichensprache gehaltenes Plädoyer.

Auf lautes Glück folgt lautes Unglück.

Wer füttert den armlosen Riesen? Hätte er Arme, niemand wäre vor ihm sicher.

Die Tiere lernen sprechen, aber es ist keine Verständigung mit ihnen möglich. Ihr Blick auf die Welt ist zu verschieden von dem unseren.

Liebe, die aus der Steckdose kommt.

Mach mich nicht so groß, bittet das Bild, aber das Ich will, ich will! des Malers übertönt es.

Eine Liebe, die keine Gnade kennt.

Werden sie sich auch einmal anderswo begegnen, außerhalb dieses Ro- mans?

Vorsicht mit dem Gelb! Daß das Bild nicht Feuer fängt!

Eine kleine unscheinbare Pflanze erfindet eine neue Farbkombination.

Eine Wolke, die sich bewahren möchte.

Einer wird erst in der Auslöschung sichtbar.




A p r i l


Prosa

Ich wollte in einer Papierwarenhandlung etwas von einem Autor kaufen, von dem ich schon ein Werk besaß. Das hatte ich auch dabei, und damit deut- licher wurde, was ich wollte, zog ich es aus der Tasche: ein verstöpseltes Reagenzglas, das mit einer Flüssigkeit gefüllt war, in der grüne Flöckchen schwammen. Der Name des Autors und des Werks standen auf einem auf- geklebten Etikett. Ich merkte, daß ich nicht wußte, wie mit dem Röhrchen und seinem Inhalt umzugehen war, wie man an die gespeicherte Information kam, den Text und die Bilder - ja, ich war mir sicher, daß das Werk auch Ab- bildungen enthielt. Mußte man vielleicht die Flöckchen unter ein Mikroskop legen? Ich traute mich nicht, die Bedienung zu fragen. Die reichte mir ein zweites, dem ersten zum Verwechseln ähnliches Reagenzglas über die Theke.


Aus dem digitalen Notizbuch

Zeit, die er opfert - aber so, wie man Göttern opfert.

Eine Schönheit, die schubweise auftritt.

Die alten Antworten erkennt man wie die alten Schlüssel an ihrer Größe.

Ein Souffleur, der eine Sprache spricht, die auf der Bühne niemand mehr ver- steht.

Eine unbetretbare Treppe: sie löst sich in Nichts auf, sobald man einen Fuß auf sie setzt.

Die Dinge fallen der Sprache ins Wort wie die ihnen ins Schweigen.

Er ist angekommen, aber zu schnell. Seinen Fehler suchend, geht er noch einmal Schritt für Schritt zurück.

Er braucht keinen Stier, um Matador sein zu können.

Dem Tod ist hier der Zutritt verwehrt, aber niemand kann sich an diesem Ort länger aufhalten.

Sie weiß es nicht, aber ihre Schönheit fordert den Tod heraus.

Diese erregten Rufe: wie Kreidestriche auf der schwarzen Tafel der Nacht.

Der Vogelgesang möchte mit aufs Bild.

Er würde gerne ab und zu andere Körper erproben und nicht nur schöne.

Ein Mensch, in dem kein Funken Tod ist.

Einer, der heimlich heilt. Vielen hat er schon ihre Gesundheit wiedergegeben, aber sie wissen nicht, daß er das war. 

Einen Namen nicht loslassen können.

Ein von einem Rollenfach in ein anderes Geprügelter.

Die Zukunft verirrt und verwirrt sich in die Gegenwart hinein.

Eine Nacht, die noch nichts von Licht und Lichtjahren weiß.

Eine Sackgasse voller Prachtbauten.

Ein Frosch simuliert die Vogelperspektive.




M a i


Aus dem digitalen Notizbuch

Eine singende Wunde.

Nachruhm, der auf einer Verwechslung beruht.

Ein Gott, der nicht erschafft, sondern sein Universum als Geschenk empfängt.

Ein Zufall versucht einen anderen Zufall einzufangen.

Die Spiegel zerschlagen und selbst zum Spiegel werden.

Welcher Hund ist hinter ihm her, daß der Traum solche Haken schlägt?

Wenn dieser fremde Zug aus ihrem Namen verschwunden sein wird, wird er aufhören, sie zu lieben.

Auf Marktplätzen gräbt man nicht nach Schätzen.

In der Verlangsamung nähert sich der Verfall der Idylle.

Diese Krankheit: treu wie ein Hund.

Ein Pegasus in der Mauser.

Womit füttert man ein Gespenst, daß es weiblichere Rundungen bekommt?

Beide Maler schienen sich mehr und mehr dem Verstummen zu nähern, aber die Formate des einen wurden immer kleiner und die des andern immer größer.

Sätze, leichter als Luft.

Eine Farbe, die bei allen Widerwillen auslöst.

Mit Schönheit Übersättigte, die Appetit auf Unvollkommen-Fehlerhaftes zu ent- wickeln beginnen.

Dem Licht entgegenwelken.

Ein Himmelshund, furchterregender als alle Höllenhunde.

Es war, als zerschnitte ihn der Spiegel in zwei: einen Sichtbaren und einen Unsichtbaren.

Ein heißer, trockener Wüstenwind durchweht diesen Traum.

Aus dem Souffleurkasten kam ein unentwirrbares Durcheinander von Stimmen.




J u n i


Aus dem digitalen Notizbuch

Kaum ein Traum hält, was das Wort Traum verspricht.

Ein in die Jahre gekommenes Geheimnis.

Ein Pilz, der den geschwächten Planeten befällt und ihn, alles andere Leben verdrängend, mit einem dichten Flaum überzieht.

Ein Fluß, der sich alle zehn Jahre ein neues Bett gräbt.

Ein Gerechter, der sich ab und zu den Luxus einer kleinen Ungerechtigkeit leistet.

Die Hypothese erproben, man sei reich.

Er malt nur Stürze.

Mit dem Wort Flügelfrucht kehrte der Zauber, kehrte der Sinn in sein Univer- sum zurück.

Die mühsame, schmerzhafte Geburt eines Gottes.

Als der Prozeß der Konditionierung abgeschlossen war, brach schon alles in Lachen aus, wenn er sich nur räusperte.

Wieviel Krankheit braucht man? Wieviel Gesundheit verträgt man?

Ein Virus, das die Träume befällt.

Er beschwört die Verwandlungen, weil er zur Wandlung nicht fähig ist.

Eine Frage vererben.

Glück, das nicht definiert ist, warum es nicht einmal der, dem es zuteil wird, erkennt.

Reise um den Tod in achtzig Jahren.

Eine in tiefem Schlummer liegende Antwort. Die Frage, die sie wachküssen wird.

Eine Schöpfung, in der niemand nach ihrem Schöpfer fragt.

Ein komfortables Abseits.

Er erkennt sich nur im nicht ganz Gelungenen wieder.

Blaustichige Träume.

Ein flugunfähig gemästeter Engel.

Eine Schönheit, die sich der Fotografie entzieht. Eine Schönheit, die sich nur auf Fotos offenbart.




J u l i


Prosa

Sie wollte mir eine schlechte Note geben - so eine Frechheit! »Schauen Sie mich an«, sagte ich, befahl ich ihr, dabei mit einer Bewegung ihre Aufmerk- samkeit auf meine untere Körperhälfte lenkend, wo sich die menschliche Anatomie auf eine Weise, über die ich selbst nur ganz verschwommene Vor- stellungen besaß - hatte ich vielleicht einen Stachel? -, mit Insektenhaftem mischte. Doch sie ließ sich nicht einschüchtern, sondern rief die Polizei, und ich ergriff die Flucht. Ich hatte schon eine Reihe von Morden begangen, an verschiedenen Orten, weshalb die Polizei nun alles daransetzte, mich zu fangen. Bald war sie mir dicht auf den Fersen, und als sie mich fast hatte, erhob ich mich in die Luft. Ja, ich konnte fliegen, sogar durch Wände. Hoch in der Luft, mordete ich weiter, stieß im Vorbeifliegen einen Bauarbeiter - er stand so verführerisch nah an der Kante - vom Dach eines Hochhauses. Ich war grausam wie Maldoror, doch zugleich überaus empfänglich für die Schön- heit und die Erhabenheit. Ich flog über einen breiten Strom, sah ihn unter mir liegen, die unfaßbaren Massen hellschimmernden Wassers: wie ich mich an diesem Anblick berauschte!
 

Aus dem digitalen Notizbuch

Ein Chaos, das nur der Wahn noch zu ordnen vermöchte.

Seine Verzweiflung wurde mit den Jahren immer geschwätziger.

Ein pedantischer Proteus, der über seine Verwandlungen Buch führt, sie unter genauer Angabe der Zeit und des Orts sorgfältig verzeichnet.

Dies enge Gefängnis, das er nicht verlassen wollte: seine Jugend oder was er dafür hielt.

Alle seine Selbstgespräche geben vor, etwas anderes zu sein.

Er versucht den in ihm Redenden dazu zu bewegen, in eine Sprache über- zuwechseln, die er nicht versteht.

Einer wird von Jury zu Jury weitergereicht, bis zu der letzten, die Ehrengräber vergibt. (Aber einmal unter der Erde, wird er binnen kürzester Zeit vergessen.)

Die Stunde, zu der sich die Dinge von ihren Namen lösen.

Er stellt sich vor, daß sich seine Gedanken, seine Einfälle, seine Sätze um- einander bewegen wie Mücken in einem summenden Schwarm.

Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort: die Vollkommenheit.

Einer versteckt sich, um gefunden zu werden, aber statt dessen wird er ver- gessen.

Ihm scheint alles liebenswert, was nicht behauptet, unveränderlich zu sein.

Die seltsame Anziehungskraft von Göttern, an die schon lange niemand mehr glaubt.

Hier schien jedes Wort eine Uniform zu tragen.

Wenn die Gier eine Art Leichengift wäre, ein Gift, das erst produziert wird, wenn etwas gestorben ist?

Er hat seinem Minotaurus ein Labyrinth geschrieben.

Ein Tier entdeckt seinen Schatten.

Er träumt deutlich über seinem Niveau.

Ein Tier, das unentdeckt in der Nachbarschaft der Laboratorien und der Lehr- anstalten lebt.

Einer verbirgt schamhaft alles, worin er den andern ähnlich ist.




A u g u s t


Aus dem digitalen Notizbuch

Reaktionsstarke und reaktionsschwache Wörter.

Eine Schule, in der Menschen mit flinker Zunge mühsam das Stottern erlernen.

Eine Ausstellung alter Irrtümer.

Das Tier in ihm zögert, aber der Mensch prescht vor.

Tag und Nacht wandern unablässig um den Planeten. Es ist immer noch derselbe Tag, immer noch dieselbe Nacht wie vor hundert, vor tausend, vor einer Million, vor einer Milliarde Jahren.

Das sich selbst organisierende Labyrinth.

Bei ihm folgen die Lebensalter nicht ordentlich aufeinander, sondern bilden, vielfach ineinander verschlungen, ein komplexes Muster.

Wir sind Vertriebene, weil wir uns anders als die Tiere ein Paradies vorstellen können, einen Gegenentwurf zur unvollkommenen Welt.

Wie oft läßt die Selbstdarstellung eines Künstlers die Schwächen seines Werks schon ahnen.

Kaum zu glauben: auch sie haben diese feinen Gehörknöchelchen.

Eine Stille, die den Lärm in die Knie zwingt.

Diese Wüstensätze, unübertragbar in die Idiome wasserreicher Gegenden.

Ein dämmerungsaktiver Gott.

Blätterrauschen pflanzen.

Eine Schönheit, die zweihundert Jahre zu spät kommt.

Texte mit Untertemperatur, die vom Fieber erzählen.

Das Gift des Bildes ist so fein dosiert, daß es heilt.

Ein Einsilbiger, der davon träumt, auf spektakuläre Weise zu verstummen.

Ein Arzt, der Farben verordnet. Eine Apotheke, in der man sie bekommt.

Es sah aus, als drehte sich das Bild noch einmal nach der Sprache um.

Ein fleischfressender Stern.

Man hat von jedem Lebensalter eine klare Vorstellung, nur nicht von dem, in welchem man sich gerade befindet.




S e p t e m b e r


Prosa

In einem hallenartig großen Raum stehend, sah ich hinein in einen kleinen Raum, der angefüllt war mit phantastischen Steinmetzarbeiten. Ihn zu betreten, traute ich mich nicht: ich fürchtete, wenn ich es täte, dort - von wem? - eingesperrt zu werden. Ich wendete mich in den großen Raum zurück, da erschienen dort vier steinerne Göttinnen. Wie groß die waren, doppelt oder dreimal so groß wie ich! Sie bewegten sich auf mich zu, schoben sich mir langsam entgegen. Sahen sie mich? Was geschähe, wenn sie es täten? Besser, ich ergriff die Flucht.
Nun war ich an einem anderen Ort. Dort gab es eine Bühne, und auf der standen vier Frauen. Hatten sie etwas mit den vier steinernen Göttinnen zu tun? Ich ahnte, daß sie in einer verborgenen Beziehung zu ihnen standen, ver- mochte diese Ahnung aber nicht zu präzisieren. Die vier Frauen waren jung und schön, doch als ich mich mit ihnen unterhielt, merkte ich, sie waren auch völlig substanzlos.


Aus dem digitalen Notizbuch

Dann verband sich alles, und es wurde banal.

Antworten, die man erst findet, wenn man die Fragen hinter sich gelassen hat.

Ein Tier, das sich niemals zeigt, aber seine Rufe sind bei Tag und bei Nacht zu hören.

Industriell gefertigte Tarnmasken: jeder kann sie kaufen.

Es paßt, daß sie das Wort lauter nur noch als Komparativ kennen.

Sätze, die um die Ecke sehen.

Ein Augenblick, der einen langen Anlauf genommen hat.

Diese jähe Verjüngung des Blicks.

Es scheint, zwischen all den Dingen hier ist kein Platz mehr für Wörter.

Ein Land, in dem man den Toten Fragen mitgibt.

Dann sind wir, sagt er, alle längst Literatur.

Bis an die Zähne bewaffnete Demut.

Es ist, als verdunste in der prallen Mittagssonne die Aura der Dinge.

Sätze, die wie ein Winken sind, das einem schon um die Ecke gebogenen Wagen hinterhergeschickt wird.

Ein Gott, der nicht erwachsen werden will.

Kurse, in denen man lernt, ohne Liebe zu leben.




O k t o b e r


Aus dem digitalen Notizbuch

Sie wird niemals halten können, was ihr Name verspricht.

Bilder, die die Aufmerksamkeit aus der Latenz holt.

Der Firnis des Ruhms.

Das Auge ist polygam.

Wer finden will, muß etwas vom Nicht-Suchen ins Suchen hineinnehmen.

Der Tod war lange vor uns da. Er hat gewissermaßen die älteren Rechte.

Ein geflügelter Kaltblüter: sein Pegasus.

Nur der Mensch weiß, was es heißt, ein Gesicht zu haben.

Ruhm als Finderlohn.

Sie sammeln beide, aber der eine Frühlinge und der andere Herbste.

Als er noch wußte, will sagen, als er noch jung und dumm war.

Die Tiere sind Antworten, die von den Fragen nichts wissen.

Eine Malerei, die die Leinwand erobert wie wilder Wein eine Fassade.

Hier haben die Farben nicht zueinander gefunden, sondern sie stehen beiein- ander wie zwei, die sich in eine arrangierte Ehe schicken.

Wenn die Moral ermüdet, nehmen die Geschichten sie wie ein Kind auf die Schultern.

Nächstenhaß und Fernstenliebe.

Ein Spiegel, der einem das Gesicht zeigt, das man in zwanzig Jahren haben wird.

Aller Zauber schien sich in die Namen zurückgezogen zu haben.

Einer stellt seine Niederlagen aus: man feiert sie als Triumphe.

Eine Regel, die erst in ihrer Verletzung sichtbar wird.

Eine Farbe, die kein Bild aushält.












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