Ulrich Kölker

Brüllaffe, Tiger, Basilisk
Traumaktive Tiere II


Ich war auf dem Weg nach Hause. Plötzlich lag da am Eingang eines scheunenartigen Gebäudes ein schreiender Brüllaffe. Auf dem Rücken liegend und Arme und Beine hilflos bewegend, erinnerte er an ein ausgesetztes Neugeborenes, aber wegen seiner scharfen Zähne wagte ich es nicht, ihn aufzuheben und in das Gebäude zu tragen. Mit schlechtem Gewissen ging ich weiter. Wie ich mich noch einmal nach dem Affen umdrehte, sah ich, daß er sich in Bewegung setzte, wie auf Rollen über den Boden gleitend, hinter mir herkam. Als er mich erreicht hatte, warf ich - was tat ich da? wollte ich ihn denn umbringen? - eine große Klarsichtfolie, die ich plötzlich bei mir hatte, über ihn. Die Folie verschmolz sogleich mit dem Affen, und eine eigentümliche Verwandlung vollzog sich. Das Gesicht verschwand, und das Tier wurde zu einem Stück Fleisch, das aber immer noch die Konturen des Affen zeigte und das auch noch lebte. Ich fürchtete, daß es sich aufrichtete und hinter mit herlief.

Ich studierte wieder. Eine Kommilitonin las einen kurzen poetischen Text vor, und wir anderen sollten uns über ihn äußern. Dazu verspürte ich aber wenig Neigung und sagte nur, ich könne auf der Grundlage eines einzigen Textes kein Urteil über ihr Talent abgeben. In ihrem Text ging es um einen Nashornvogel, wie in einer Prosaminiatur von mir, die von einem Kunstdruck, den ich besaß, angeregt war. Und da war er auch schon, der Nashornvogel aus diesem Kunstdruck. Er saß - ich war jetzt in einem Wald - ein paar Meter vor mir auf einem Baum. Wie bunt sein Gefieder war. Er lief einen Ast entlang, und seltsam: nun sah es aus, als hätte er vier Beine - oder hatte er Krallen an den Flügeln? Jetzt saß er auf einem anderen Baum und erinnerte mich an ein Faultier. Ein anderes, kleineres Tier saß plötzlich neben ihm, ein Koalabär, und da hielt ich auch ihn, trotz fehlender Ähnlichkeit, für einen Koala. Die beiden Tiere fielen aus dem Baum, ich lief fort, nein, ich lief genau dort hin, wohin sie fielen.

Ich sollte mein Bett mit einem ausgewachsenen Bären teilen, aber die Sache war mir nicht geheuer, und so überließ ich es ihm ganz. Wie ein ästhetischer Chirurg saugte ich ihm Fett ab, schnitt es ihm wohl auch heraus. Seine Fett schicht war für die hier herrschenden Temperaturen viel zu dick. Mit weniger Fett, war mein Gedanke, würde er nicht so schwitzen.

Ein Bekannter erzählte mir mit ironischer Distanz vom seltsamen Weltbild einer Endzeitsekte. Plötzlich brannten in der Ferne Häuser, dann preschten Stiere dort hervor. Riesig waren die, viel größer als gewöhnliche Stiere. Wir ergriffen die Flucht. Ich wollte mich ins Haus retten, rannte die Kellertreppe hinunter, aber eins der Tiere war mir so dicht auf den Fersen, daß ich es nicht mehr bis zur Tür schaffen würde. Da dies der einzige Ausweg war, erhob ich mich in die Luft. Nun flog ich, ein paar Meter über dem Boden, und der Stier verfolgte mich. Dann stand ich wieder mit dem Bekannten zusammen. Die brennenden Häuser und die Stiere, das war, keine Frage, die Sekte gewesen, und er, stellte sich nun heraus, gehörte auch dazu. Die Stiere kamen erneut, und wieder floh ich durch die Luft. Ich flog an einem Waldrand entlang, in der Höhe der Baumkronen. Drohte hier, aus den Bäumen, neue Gefahr? Ein Orang-Utan saß da - gab es hier auch noch andere, gefährlichere Tiere? Ich kam zu einer Art Grenzzaun aus dichtem Flechtwerk, mußte mich noch höher in die Luft erheben, um ihn über fliegen zu können. Als ich über ihn blicken konnte, sah ich, daß hinter ihm eine große, von Menschen bewohnte frühgeschichtliche Siedlung lag. Sie verwandelte sich im nächsten Augenblick in ein riesiges Monopoly-Spielfeld. Von hier aus, wurde mir schlagartig bewußt, war die ganze apokalyptische Inszenierung gesteuert worden.

Einer war im Wald, auf der Lauer liegend, von einem Bären gebissen worden. War er tot? Lebte er noch? Es waren Pferde da, wilde Pferde, sie rannten immer herum. Manche blieben an Hindernissen hängen, hingen dann kopfunter in der Luft, aber es gelang ihnen immer, auf die Beine zu fallen. Nun war auch der vom Bären Gebissene wieder da und ein Eisbär, nicht viel größer als ein Hund, hinter ihm. Ich versuchte den Mann zu warnen, aber er hörte mich nicht und wurde erneut gebissen.

Von nebenan, wo er lag, drangen Geräusche zu uns: er schien mit etwas zu kämpfen. Wir gingen hinüber und sahen einen großen Vogel, der flatternd über dem Sofa hing und den er im Schlaf mit den Händen abzuwehren versuchte. Wir befreiten ihn von dem Tier, und ich trieb es zur Tür hinaus.

Ich hatte, wie ich es gewohnt war, den Fisch auf zwei Tage verteilt. Die Portion des zweiten Tags bildeten zwei kleine Filetstücke: als ich die in die Pfanne geben wollte, bewegten sie sich. Lebte der Fisch denn noch? Ich legte die beiden Filetstücke ins heiße Fett, und da wanden sie sich wie unter Schmerzen. Konnte der Fisch vielleicht gar nicht sterben? Besaß er ein Unsterblichkeitsgen? Und wurde ich, wenn ich ihn aß, ebenfalls unsterblich?

Eine junge schwarze Katze sauste durch die Luft in meine Richtung und ver krallte sich in meine Jacke. Ich versuchte sie abzuschütteln, aber es gelang mir nicht. Ein schwarzgekleidetes junges Paar, Gothics wohl, kam vorbei. Ich fragte die beiden, ob sie Interesse an der Katze hätten, aber sie wollten sie nicht. Da warf ich die Jacke auf den Boden, trat mit dem Fuß nach dem Tier. Nun lag es leblos da und war keine Katze mehr, sondern ein handtellergroßer schwarzer Käfer. Mein Tritt hatte ihn getötet, ihm die Eingeweide, die aber seltsam technisch aussahen, wie eine Art Modul, aus dem Leib gedrückt. »Armes Tier«, sagte die junge Frau.

Wir waren im Begriff zu gehen, da sahen wir hinten im Hof einen Elch stehn. Ich hatte noch nie einen gesehen und verspürte Lust, ihn mir aus der Nähe anzuschauen, doch entschlossen zum Aufbruch, ließ ich es. Andere aber gingen zu ihm hinüber, da nahm er Reißaus. »Das ist ein ganz junger!« rief ich, denn jetzt sah man deutlich, er war noch nicht ausgewachsen. Kopflos panisch lief er umher, zweimal rannte er mich fast um. Ein Kind versuchte ihn zu beruhigen, schmiegte sich an ihn und redete ihm zu. Aber war das nicht gefährlich? Das Tier war zwar jung, aber doch viel kräftiger als dieses Kind.

Wir saßen in einer Art Andachtsraum im Parterre eines Hochhauses, da kam ein Tiger aus dem nahegelegenen Zoo und durchquerte den Raum. Ein kleiner Tiger, noch nicht ausgewachsen, was mich ein wenig beruhigte. Er tat auch niemandem etwas. Nach ihm erschien eine große Schlange, eine Anakonda wohl, schob sich zwischen den Versammelten hindurch, und auch sie tat niemandem etwas zuleide. Ebenso der Leopard, der ihr nachfolgte. Nach diesem erschien wieder ein Tiger, der war ausgewachsen, und er schnappte plötzlich nach meiner Hose. Er hatte es allerdings nicht auf mich, sondern auf den Hosenstoff abgesehen, den er mit Genuß fraß - wie Salat, dachte ich. Aber was, wenn er nun zu tief und zu kräftig zubiß und doch mein Bein erwischte?

Warum fuhren wir nicht endlich? Die Aufdringlichkeit der beiden Hunde ärgerte mich mehr und mehr. Besonders der große schien es auf mich abgesehen zu haben: immer wieder schob er die Schnauze zu mir in den Wagen. Aber das war gar kein Hund, sondern ein Ameisenbär.

Ich hatte die Wahlbenachrichtigung vergessen und mußte darum noch einmal nach Hause zurück. Unterwegs stieß ich auf eine Gruppe junger Christen, die wollten mich dazu bewegen, mit ihnen zu beten. Ich sagte, ich hätte keine Zeit, worauf mich ihr Wortführer zu verhöhnen begann. Dennoch ging ich weiter mit ihnen. Ich dachte, sie wollten zu einer Kapelle, doch dann standen wir plötzlich - war das nicht das Grundstück unserer Nachbarn? - vor Gräbern. Hier also sollte gebetet werden, ich verspürte allerdings noch immer keinerlei Neigung mitzumachen. Ich wollte auch nach Hause, es waren ja nur noch ein paar Schritte. Nun lagen aber die Gräber so dicht beieinander, daß sie mir der Weg versperrten, und über sie hinwegzusteigen, wäre mir pietätlos erschienen. So verdrückte ich mich nach links, doch da waren die Löwen. Sie nur nicht reizen, dachte ich, ging, jede heftige Bewegung vermeidend, mit ruhigen Schritten weiter und streichelte die Tiere begütigend im Vorbeigehn. Das hätte ich wohl besser gelassen, denn nun folgten mir drei von ihnen, mit der Anhänglichkeit von Hunden. Ich kam an die Toröffnung einer steinernen Umfriedung und erschrak, wie ich entdeckte, daß hinter ihr Tiger lagen. Sie waren zwar angekettet, aber die Ketten waren so lang, daß ich hier nicht herauskonnte, ohne mein Leben aufs Spiel zu setzen. So drehte ich wieder um. Nun herrschte dichtes Gedränge, ein Volksfest wurde gefeiert. Der Anhänglichste der drei Löwen folgte mir weiterhin, ich wurde ihn einfach nicht los.

Was waren das für seltsame Ausstülpungen - wie ausgeschnitten sahen sie aus - an den weißen Wolken? Flossen waren das, ja, jetzt erkannte ich sie als die charakteristischen Rückenflossen der Haie. Und jetzt waren da auch Wolken, die die Gestalt von Delphinen angenommen hatten, von springenden Delphinen, und die machten Jagd auf einen Schwarm kleiner Fische.

Was war das für ein Betrieb? Durch ein halb geöffnetes Tor warf ich einen Blick hinein, sah große Wannen, in denen etwas schwamm: Tierhäute. Eine Abdeckerei also. Nun sah ich auch, dicht aneinandergedrängt, die Pferde, die geschlachtet werden sollten. Eins versuchte Reißaus zu nehmen: keine alte Schindmähre, sondern ein junges, kräftiges Tier. Es wurde wieder eingefangen.

Ich hatte mit dem Versuch, die Raketen zu zünden, nichts zu tun, war völlig schuldlos, und trotzdem ergriff ich die Flucht. Man schickte mir einen Hund hinterher und die Hauptschuldige eine höhnische Bemerkung. Ich rannte über Wiesen, lief Feldwege entlang, durchquerte einen kleinen Fluß, aber den mich verfolgenden Hund schüttelte ich nicht ab. Schließlich hatte er mich fast eingeholt. Da sah ich, er war ganz ungefährlich, ein Vertreter jener sanftmütigen Rasse - ich weiß den Namen nicht - mit hellem Fell, die bei den Hundehaltern so beliebt ist. Ich blieb stehn, redete ihm ruhig zu und streichelte ihn. Er schnappte nach meiner Hand und hielt sie im Maul, ohne zuzubeißen, ja, ich fühlte seine Zähne nicht einmal. Plötzlich war vor uns auf dem Weg ein anderer Hund, da ließ er von mir ab und nahm dessen Verfolgung auf. Eine Frau mit einem dritten Hund erschien, sie gehörte offenbar zu denen, die mir den ersten hinterhergeschickt hatten. Ich sagte ihr, hier sei ein von einem Hund verfolgter Mann vorbeigekommen, gab auch eine Richtung an, in die der Mann gelaufen sei, und sie glaubte mir und setzte die Verfolgung in dieser Richtung fort.

Eine Gans hatte - um dem Schicksal zu entgehen, als Weihnachtsbraten zu enden? - bei mir Zuflucht gesucht. Sie lag an den Boden gedrückt, ich kann nicht mehr sagen, worunter verborgen, nur der Kopf schaute hervor. Doch dann verließ sie ihr Versteck, offenbar hatte sie Hunger und Durst. Ich stellte ihr ein Schälchen Wasser hin, und sie begann gleich zu trinken. In ein zweites Schälchen schüttete ich etwas Müsli - das war albern, aber ich wußte nicht, was ich ihr sonst geben sollte. Was fraßen Gänse eigentlich? Frösche und anderes Getier, sagte man mir, aber stimmte das?
 
Unter dem Baum lag ein Stückchen wie poliert aussehendes Holz, eine kleine Wurzel vielleicht. Ich stieß mit dem Fuß dran und holte so, was mich erschrecken ließ, ein Tier, das sich in das Holz verkrallt hatte, aus dem Boden. War das ein Maulwurf? Nein. Eine Wühlmaus? Ich war mir nicht sicher. Die Schnauze sah fast wie ein Schnabel aus. Das Tier lag reglos auf der Seite und fixierte meine Füße, die nun nackt waren. Wollte es mich beißen? Sicher hatte es scharfe Zähne. Ich sprang hoch, um ihnen zu entgehen, vermochte mich aber nur einen Augenblick in der Luft zu halten.

Ich schaute aus einem Fenster auf ein Flachdach und entdeckte, dort saßen große Vögel, farblich vom Grau des Dachs kaum unterschieden, weshalb ich sie erst übersehen hatte. Je länger ich hinsah, desto mehr Vögel wurden es, nun waren auch kleine dabei. Die Vögel brüteten offenbar, obwohl doch schon Winter war. Nun sah ich, daß man direkt unter dem Fenster einen Lastwagen geparkt hatte, auf seiner Ladefläche standen Schweine. Nein, nicht nur, auch andere Vierbeiner: Tiere, die ich noch nie gesehen hatte.

Wie lange wohnte ich schon in diesem Viertel, aber hier hinten war ich noch nie gewesen: wie angenehm es hier war. Ich war um das Haus herumgegangen, um mir durch den Augenschein bestätigen zu lassen, was ich doch genau wußte: daß sich meine Fenster, obwohl ich eine Mansarde bewohnte und obwohl ich im Traum oft aus einer dem dritten Obergeschoß entsprechenden Höhe in den Garten hinunterschaute, nur wenig über dem Boden befanden. Ich erkannte das Haus nicht gleich, so seltsam sah es aus, so verschieden war seine Rückseite - nur das Dach schaute hervor - von der vertrauten Vorderfront. Plötzlich entdeckte ich, daß auf einem der Nachbarhäuser zwei riesige Tiger lagerten, der eine bewegte träge den gewaltigen Kopf. Dann standen sie, auf Normalgröße geschrumpft, auf der sich nun hinter den Häusern breitenden Wiese. Die war umzäunt, aber wie schwach diese Umzäunung war: sie bot keinen wirklichen Schutz vor den Tieren. Einer der Tiger machte nun auch Anstalten, die Wiese zu verlassen - besser, ich ergriff die Flucht.

Wir saßen um einen Tisch und unterhielten uns. Am Fenster saß eine alte Frau und schaute hinaus. Ein Vogel mit einem auffälligen gelben Käppchen flog vorbei, und die Frau machte auf ihn aufmerksam. Ich kannte den Vogel, hatte aber vergessen, wie er hieß. Neugierig geworden, trat ich zu der Frau ans Fenster, von dem aus man, wie ich nun sah, auf einen nur wenige Schritte entfernten Bahndamm blickte. Dort gab es noch andere Vögel, so zum Beispiel brütende Spechte, und die alte Frau trug nun einen großen Hut, der mit den Abbildungen bunter Vögel - an einen Eisvogel erinnere ich mich deutlich - geschmückt war.

Wir hörten einem Vortrag zu oder lauschten - wir saßen in Kirchengestühl - einer Predigt. Den Vortragenden oder Prediger flankierten große Kamele: zwei von ihnen begaben sich zu meiner Bankreihe und begannen die beiden neben mir Sitzenden zärtlich zu kosen. Das erheiterte uns alle. Dann kam ein zu Zärtlichkeiten aufgelegtes Kamel auch zu mir und drückte mir sein weiches Maul ins Gesicht.
 
Ein Mitbewohner von mir hatte in unserer Wohnung einen kleinen Fischteich angelegt, aber die Fische, die er in ihn gesetzt hatte, waren wenig ansehnlich: von dunkler Farbe, hoben sie sich kaum vom bräunlichen Grund ab. Ich schlug ihm vor, den Bestand um ein paar Goldfische zu ergänzen. Seiner ironisch klingenden Antwort konnte ich nicht entnehmen, was er davon hielt. Nun entdeckte ich, es waren auch zwei farbenprächtige Eisvögel da. Gehörten sie dazu, oder waren sie, von dem reichlichen Nahrungsangebot angelockt, durchs Fenster hereingekommen?

Ich hätte den Weg besser nie verlassen. Es gelang mir kaum, zu ihm zurückzuzukehren, so steil war die Böschung. Ich hielt mich an den dünnen Stämmen der Bäume fest, aber die saßen seltsam locker im Boden, und auch der besaß keine richtige Festigkeit. Weil, jetzt fiel es mir ein, hier zwei Gärten übereinanderlagen: wenn ich einbrach, stürzte ich in den unteren. Als ich mit Müh und Not auf den Weg zurückgelangt war, war da etwas Rotes am Boden. Es sah so seltsam aus, daß ich nicht gleich erkannte, daß dies ein Lebewesen war: ein Basilisk. Das Tier näherte sich mir, ich schob es mit dem Fuß zurück. Aber es kam wieder, und nun war auch noch ein zweiter Basilisk da.

Wie winzig die Pferde waren, nicht größer als Mäuse. Fünf oder sechs waren es. Ich setzte sie in eine kleine Box, denn liefen sie im Zimmer frei herum, wäre die Gefahr allzu groß, daß man einmal versehentlich auf eines träte. Aber diese Box war zu klein, das war Tierquälerei. Wir schnitten darum aus Karton eine größere.

Ich saß im Garten, da kam hinter den Büschen ein kleiner Schimpanse hervor, der setzte sich auf meinen Schoß. Ich fragte ihn, woher er komme, aber er konnte es mir nicht sagen, das heißt, auf eine von mir geäußerte Vermutung antwortete er erst mit Ja und dann, als ich mit skeptischem Unterton noch einmal nachfragte, mit Nein. Wenig später saßen wir im Haus, und nun waren auch noch andere Schimpansen dabei. Sie alle konnten sprechen. Wir aßen, nicht Menschen-, sondern Affenspeise, und die Schimpansen erklärten mir, wie die Speise durch langes Kauen süß wurde.

Bei einem Blick zum Fenster bemerkte ich, daß sich draußen etwas bewegte. Waren das Schmetterlinge? So früh im Jahr? Nein, es waren - ich sah es, wie ich ans Fenster trat - Fische, blau gemusterte Skalare, die in der Luft schwammen, in der noch winterlich kahlen Krone des vorm Fenster stehenden Baums. Aber sie konnten hier doch nicht atmen. Plötzlich lagen sie verendend, an der Luft erstickend, im Gras.

Ich sollte mich um die Krebse im Garten kümmern. Erst war es nur einer, dann zählte ich sieben, aber es sollten zehn sein. Sie waren groß und die meisten schwarz, einer aber schillerte in dunklen Farben. Ich mußte aufpassen, daß sie mich nicht verletzten.

Ich kannte das Bild nur aus einer flauen schwarzweißen und zudem unscharfen Abbildung, nun sah ich es zum ersten Mal in einer farbigen Reproduktion und war beeindruckt. Es stammte von Hieronymus Bosch und zeigte nackte Menschen, über die Schnecken krochen, die beinah so groß waren wie sie selbst. Eine Höllendarstellung, keine Frage. Die Menschen waren den ekligen Schnecken ausgeliefert, konnten sich nicht gegen sie wehren.

In unserer Wohnung waren seltsame Mischwesen, Menschen mit breiten Hamsterköpfen. Auch ich war im Begriff, mich in ein solches Wesen zu verwandeln - mein Mitbewohner merkte es. Und ich selbst? Ich spürte, wie ich die Kontrolle über mich zu verlieren begann, fahrig wurde. Wie wir dann in die Küche, wo die Mischwesen waren, hinübergingen, wurde ich von ihnen als Ihresgleichen begrüßt.

Neben dem Weg lief ein Graben her, und dort gab es Molche, farbenprächtige Tiere: der Rücken blau, der Bauch orange. Und neben den Molchen gab es noch andere, sehr viel größere Amphibien, die ich nicht kannte. Ihnen fehlte der lange Schwanz, aber da der Hinterleib gespalten war, sah es aus, als hätten sie zwei kleine Schwänze. Fraßen sie die Molche? Eins der Tiere öffnete weit das Maul, und ein Molch schwamm hindurch.

Der Esel lag neben mir im Bett. Ich empfand seine Gesellschaft als sehr unangenehm, doch mein Begleiter sagte, ich könne das Tier bei dieser Kälte - wir hätten Minustemperaturen - nicht vor die Tür schicken. Aber als wir dann aufbrachen, war es noch fast Nacht. Wie viele schon draußen waren. Und es war auch nicht kalt, überhaupt nicht.

War das die Toilette, dies kleine rechteckige wassergefüllte Bassin, das etwa in Kniehöhe mitten im Raum stand? Eine große grasgrüne Heuschrecke strampelte auf dem Wasser, in dem Insektenlarven schwammen, die ich für Mückenlarven hielt, obwohl sie sehr viel größer waren. Das Wasser war völlig klar, aber wegen der Tiere war mir die Vorstellung, hier meine Notdurft zu verrichten, ziemlich unangenehm.

Jemand sagte etwas wie »Ah, da sind ja auch die Lerchen«, und gleich schauten wir alle hin, sahen, wie sich die Vögel - drei waren es - senkrecht in die Luft erhoben. Ich hatte noch nie im Leben Lerchen gesehen, freute mich darum, daß ich nun Gelegenheit dazu bekam - aber waren das wirklich welche? Nein, das waren bunte Papageien, sie sangen ja auch nicht. Das mit den Lerchen - jetzt verstand ich es erst - war nur ein Witz gewesen.

Hinter einem Blumentopf krabbelte eine große schwarze Spinne hervor. Es gab sie also doch, die Spinne, die ich ein paarmal nachts gesehen hatte, das waren keine Halluzinationen gewesen. Mein Besuch forderte mich auf, sie zum Fenster hinauszuwerfen, aber ich mochte sie nicht anfassen. Da tat er es. Ohne Zögern griff er nach ihr, packte sie an einem ihrer kräftigen, behaarten Beine.

Im Zimmer schwirrte ein Vogel umher, ein anderer saß in einem Käfig. Ich erzählte meinem Besuch, daß der umherfliegende Vogel ein einheimischer Fink sei, den ich selbst gefangen hätte, der Käfigvogel dagegen ein Zebrafink. Ich hätte die beiden im Käfig zusammengesteckt, aber der gefangene Vogel sei für den ruhigen Zebrafinken zu wild gewesen. Von nebenan drangen Schreie herüber, die wie Lustschreie klangen, aber ins seltsam Pathologische gewendet.

Wir gingen den Lauf des Flüßchens entlang. Würde er, fragte ich meinen Begleiter, auch weitergehen, wenn es hier Krokodile gäbe? Und gleich entdeckte ich auch eins, nur wenige Meter vor uns. Das saß auf einem Stein und war nicht viel größer als eine Eidechse. Und als ich genauer hinschaute, sah ich, daß da noch drei, vier andere Krokodile saßen, und die, welche etwas weiter weg waren, waren schon ein wenig größer. Nein, jetzt sah ich, sie waren hier überall, und mit zunehmender Entfernung wurden sie immer größer, immer bedrohlicher.

Da war ein Aquarium, in dem Skalare schwammen, und vor dem Aquarium standen zwei große, dünne, langschnäbelige Vögel, die fütterten die Fische und studierten ihr Verhalten.

Ich hörte ein Gurren: es war also eine Taube im Zimmer. Wie war sie hereingekommen? Sie setzte sich auf mein Bett, ich fühlte ihr Gewicht in der Gegend des Nabels. Langsam schob ich die Hand unter der Decke dorthin und vertrieb sie mit einem Ruck. Nun ließ sie sich auf dem Boden nieder, aber als ich - plötzlich war das Zimmer nicht mehr dunkel - dort hinschaute, sah ich kein Tier aus Fleisch und Blut, sondern eine gezeichnete Taube. Dann war ihr gegenüber noch eine zweite gezeichnete Taube da und endlich noch weitere. Sie bildeten alle zusammen einen Kreis mit einem Durchmesser von vielleicht siebzig Zentimetern.

Ich war im Garten, um etwas, das ich in einem Eimer mit mir trug, in den Boden zu setzen, da erschienen zwei Stiere, zuerst ein junger, sehr schlanker, der fraglos von einem anderen Kontinent kam, aus Asien, vielleicht auch aus Afrika, ein ganz zahmes, gutmütiges Tier, dann aber ein wilder, kraftstrotzender Bulle. Vor dem nahm ich Reißaus, rettete mich, die Kellertreppe hinunterhastend, ins Haus. Das Tier stieß wütend den Kopf, der sich nun in das mächtige Haupt eines Bisons verwandelt hatte, durch das Kellerfenster, konnte mir aber nichts mehr anhaben. Nun war auch mein Bruder bei mir, aber unser Vater war noch im Garten. Mußten wir nicht wieder hinaus, um ihm beizustehen? Plötzlich erschien er mit den beiden Tieren wie in einer feierlichen Prozession: er hatte den wilden Stier gezähmt.

Während wir uns unterhielten, entdeckte ich an der Wand neben mir eine kleine Spinne und ein Stückchen weiter, größer, einen Schatten, der die Umrisse einer Spinne zeigte. Wurde er von der kleinen Spinne geworfen? Das konnte eigentlich nicht sein. Nun waren noch weitere Spinnenschatten da und auch die Schatten anderer Tiere, etwa der einer Schildkröte. Ich machte meine Gesprächspartnerin auf die Schatten aufmerksam, fragte sie, ob sie sie auch sehe. Ja, das tat sie, die Schatten waren also, so seltsam sie mir auch erschienen, wirklich da. Jetzt verlagerte sich das Geschehen an die Stirnwand, und aus den Schatten wurden farbige Figuren, sehr stilisiert und flächig wie die Illustrationen in Kinderbüchern, dazu kam eine abstrakte Flächenfüllung zwischen den Tieren, und das Ganze sah nun wie eine Filmprojektion aus. Ich identifizierte die verschiedensten Tiere, deutete immer wieder auf eines, zum Beispiel auf eine Giraffe, und fragte meine Gesprächspartnerin, ob sie das Tier auch sehe. Ich rief auch die beiden andern im Zimmer herbei, und wir schauten uns die bewegten Bilder zu viert an. Was passierte hier eigentlich? Ich schlug die Deutung vor, daß wir mit offenen Augen träumten und zwar, auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden, alle dasselbe.

Die Tapete hatte, wohl als Folge der Kälte draußen, in der Zimmerecke Risse bekommen, und durch das gekippte Fenster war Schnee hereingeweht. Plötzlich entdeckte ich das Aquarium mit den bunten tropischen Zierfischen. Ich hatte es ganz vergessen, die Fische seit Monaten nicht mehr gefüttert, und doch lebten sie. Nun gab ich ihnen Futter, streute es aufs Wasser, und sie nahmen es begierig auf. Einige Fische schienen außerhalb des Aquariums zu schwimmen, doch das war sicherlich eine optische Täuschung, hervorgerufen durch die spezielle Lichtbrechung. Einer allerdings schwebte, und das war keine Täuschung, über dem Becken. Er war aus dem Wasser gesprungen, und ich mußte ihn wieder einfangen. Er sah seltsam aus, war größer als die anderen Fische, aber seine Gestalt hatte etwas Embryonales. Ich verwendete meinen Pullover wie ein Netz, leider verbiß sich der Fisch in ihn, und zwar so fest, daß er blutete. Behutsam setzte ich ihn ins Wasser zurück.

Da war ein Tier unten am Fußboden, so klein, daß ich es in die Hand hätte nehmen können (wovon mich der starke Widerwille, den es in mir erregte, allerdings abhielt), ein Tier, wie ich es noch nie gesehen hatte, weder ein Vierfüßer noch ein Insekt, undefinierbar und nicht zu beschreiben: ich zeigte es den andern. Und dann war da ein Käfer, ein Stückchen weiter. Ein Hirschkäfer, dachte ich, aber es war keiner, doch nun, offenbar herbeigerufen von dem Wort, war ein wirklicher Hirsch da, der war allerdings nur wenige Zentimeter groß, und endlich noch ein zweiter, auch nicht größer, und der hatte zwei Geweihe: das zweite wuchs ihm aus dem Gesäß.

Wir verließen, von der Dame des Hauses kühl verabschiedet, die Reichenvilla. Ein unten auf der Treppe zum ersten Stock dösender Hund warf uns noch einen müden Blick zu, dann öffneten wir die Tür. Auf der Außentreppe saß eine schwarze Robbe. Ich wollte sie streicheln, da schnappte sie nach meiner Hand. Sie biß aber nicht zu, hielt die Hand nur im Maul. Sie wollte, daß ich die Hände wie zum Gebet zusammenlegte, aber ich wußte von unserer letzten Begegnung, daß ich das besser ließ.

Warum ruderte er ohne mich los? Wollte er allein sein? Oder sollte ich mich ordentlich abstrampeln, um ins Boot zu kommen? Ich dachte nicht daran. Im Wasser stehend, beschloß ich, nicht hinter ihm herzuschwimmen, sondern zu baden. Nun waren auch andere Badende da, und es wurden immer mehr. Plötzlich entdeckten wir die toten Fische. Was hatte das zu bedeuten? Ging ihnen hier der Sauerstoff aus, oder hatte jemand Gift in den See gegeben? Nun war niemandem mehr nach Baden, wir verließen alle das Wasser. Am Ufer entlanggehend, entdeckte ich, es waren nicht alle Fische tot, und die, die noch im Wasser schwammen, waren groß, prachtvoll - die verendeten Fische dagegen waren winzig gewesen.  Einen ganzen Schwarm sah ich und einen einzelnen Fisch, der aussah, als sei er aus den Tropen hierhergekommen.

Als ich am Morgen aus dem Fenster schaute, sah ich im kahlen Geäst des unter ihm wachsenden Baums drei Schimpansen sitzen. Ich holte meine Kamera, um sie zu fotografieren, und als ich wieder am Fenster stand, saßen da noch mehr Affen, und nun waren auch Paviane unter ihnen. Das »Schießen« der Fotos ängstigte sie offenbar, denn sie nahmen alle Reißaus. Trotzdem gelang es mir, zwei oder drei Aufnahmen zu machen. Wenn sie auf den Bildern zu sehen sein würden, bedeutete das, daß sie wirklich dagewesen waren und ich sie nicht - die Möglichkeit zog ich ernsthaft in Betracht - halluziniert hatte. Nun waren andere Tiere da, nicht nur in unserm, sondern auch im Nachbargarten: Zootiere allesamt, an ein großes Nashorn erinnere ich mich deutlich. Ein Löwe erschien, eine Frau trieb ihn vor sich her, und plötzlich war ich selbst unten im Garten. Der Löwe war nun vor dem Haus, und ich fragte mich besorgt, ob er wohl zurückkommen würde, überlegte, ob es nicht besser wäre, ich ginge wieder hinein. Ich war drauf und dran, es zu tun, da strömten plötzlich vom Haus her viele Menschen in den Garten. Ich fragte eine alte Frau, wo die Tiere alle herkämen, die Antwort, die sie mir gab, verstand ich aber nicht.




© Ulrich Kölker 2008