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Ulrich Kölker D u r c h s J a h r
. Literarisch-künstlerisches
Internetprojekt Frühling
2007
21.03.07 Momente, die herausgehoben sind, ohne daß wir sagen könnten, warum, an die wir uns über Jahrzehnte immer wieder erinnern. Aufgrund einer Laune unseres Gehirns? Nein, das ist zu materialistisch gedacht. Irgend etwas ist an ihnen, irgend etwas haben sie uns mitzuteilen, aber es will uns nicht klar- werden, was. 22.03.07
Das verwandelnde Zauberwort, das ihm niemand sagen kann - wo soll er es suchen? In Gedichten, Romanen, Wörterbüchern, in den endlosen Weiten des Internets? 23.03.07
Ein Werk, das aus der Unreife kommt, sich den zu ihr gehörenden inneren Spannungszuständen verdankt. Und wenn sein Schöpfer an ihm reift? 24.03.07
Jemand kam mir auf der Treppe entgegen, von dort heruntersteigend, wohin ich wollte. Wuchs er im Näherkommen? Als wir aneinander vorbeigingen, war er baumlang. Ich schaute an ihm hoch, vielleicht um in seinen Zügen zu lesen, aber mir scheint, daß ich sein Gesicht nicht sah. Entzog es sich mir wegen der extremen Untersicht, oder war es hinter einer Maske verborgen? War er überhaupt ein Wesen aus Fleisch und Blut? Er wirkte seltsam dinghaft, wie das Werk eines Bildhauers oder eines Ingenieurs. 25.03.07
Ein nicht gewählter, sondern zugeteilter oder einem durch Los zugefallener Avatar – ebenso Schicksal wie der Körper. 26.03.07
Es ist auch etwas, gelebt, gedacht und mit sich gerechtet zu haben, selbst wenn nie ein Mensch davon erführe. Elias Canetti
27.03.07
Der Zierpflaumenbaum im Garten, der Nachbar hat ihn im Winter verstümmelt. Aber er blüht, er blüht, wie in jedem Frühling. 28.03.07
Die leeren, wieder leeren Hände der Sonne hingehalten. Daß sie aus ihnen lese? Daß sie sie liebkose? Oder beides zugleich tue (wie auch die Hände, als sie durften, zugleich lasen und liebkosten)? 29.03.07
Für ein paar Augenblicke ist es mir vorgekommen, als hätten alle Vögel über Nacht den Dialekt gewechselt. Der Morgen schimmert matt durch die Rollos: gleich halb acht, ich hole das Telefon ans Bett. 30.03.07
Es erinnerte, darum sah man. Man wertschätzte, als wäre es, aber es war nicht. Es erinnerte nur. 31.03.07
Schönheit, die sich klein macht, ganz klein: um der Indienstnahme zu entge- hen, um unbehelligt durch den Tag oder durchs Zeitalter zu kommen. Schön- heit, die möglichst wenig Aufhebens von sich macht. 01.04.07
Ich sah den Autounfall oben auf der Brücke, dann hörte ich unten Stöhnen. Was lag dort? Im ersten Augenblick dachte ich: ein Tier, aber es war der Fahrer. Er hatte keine Beine, aber an den Stümpfen saßen etwa oberarmlange Flügel. Konnte man mit solchen Flügeln fliegen? Waren sie dafür nicht zu kurz? Und was hatten sie da unten zu suchen? 02.04.07
Ein öffentlicher Toter stattet mir einen privaten Besuch ab. Wie jung er aus- sieht, viel jünger, als ich ihn von den Zeitungs- und Fernsehbildern her in Erinnerung habe. Es scheint, das Totsein bekommt ihm bestens. 03.04.07
Es gibt Augenblicke ohne Zukunft, die sehr verheißungsvoll sind. Die die ver- heißungsvollsten sind. Die ihrem Wesen nach schon eher Orte sind. Aus ihnen leben wir. Ilse Aichinger
04.04.07
Wer sich ganz auf ein Werk konzentriert, ist ein wenig wie einer, der ein großes Haus zur Verfügung hat, sich aber immer im selben Raum aufhält. 05.04.07
Dies Drängen zur Sprache hin, das in jedem Kleinkind ist, im Schreibenden bleibt es, scheint es, ein Leben lang wirksam. Weil er nie ganz in ihr ankommt, die Sprache nie wie die anderen als Besitz hat? Ist nicht alles ernsthafte Schreiben eine Bewegung aus dem vorsprachlichen in den sprachlichen Bereich hinein? Eine Bewegung, die aber ihr Ziel nie wirklich erreicht, auch nicht erreichen darf, da das Schreiben nur so lange ein schöpferischer Prozeß ist, wie wir noch nicht angekommen sind? (Und die Angekommenen, die trotzdem schreiben? Produzieren je nach Geschick Lesefutter oder linkische Verständigungstexte oder landen als mäßige Journalisten bei den Hausauf- gaben der Politiker und beim Hornberger Schießen.) 06.04.07
Ein Wunsch, von dem nur seine Formulierung geblieben ist. Nun murmelt er diese wie eine Beschwörung, aber der Wunsch kehrt nicht wieder. 07.04.07
Bejahung als Bereitschaft, den Preis zu zahlen, den Preis, den das Leben fordert. Aber dessen Forderungen gegen die Einzelnen fallen sehr unter- schiedlich aus. Bis zu welcher Höhe sind sie akzeptabel? (Ist mit der Be- jahung nicht immer die heimliche Hoffnung verbunden, daß der zu zahlende Preis nicht allzu hoch ausfällt?) 08.04.07
Sein blaues Buch voller erzählter Luft. (Aber das ist nicht die Luft, die wir brauchen, sagen die Lungen.) 09.04.07
Ich höre den Bildhauer, seine Arbeit am Stein, und ich sehe ... Sehe ich etwas? Wenn ich die Augen schließe? 10.04.07
Was man mir reichte, sah ganz anders aus, als ich erwartet hatte. Um eine Perlenkette hatte ich gebeten. Die »Perlen« dieser Kette nun - es waren nur fünf oder sechs - hatten die Gestalt von Eiern und zeigten die bräunliche Tönung alter Knochen. Sie waren groß wie Hühnereier und wiesen Unregel- mäßigkeiten wie Beulen und Dellen auf, die mir allerdings erst beim zweiten Hinsehen auffielen. Ich trug die Kette in mein Zimmer, um sie dort in aller Ruhe zu studieren. 11.04.07
Die Blume, die in seiner Lende wächst, seine Krankheit: bekommt sie, fragt er sich besorgt, auch genug Wasser? 12.04.07
Im Frühling gewahrt man bei hellem Sonnenwetter das junge Laub, im kalten Regen die noch unbelaubten Äste. Walter Benjamin
13.04.07
Er stellt sich vor: ein amphibisches Glück zwischen winkendem Grün. Das Wasser machte ihre Leiber leicht, er schwämme in ihre Arme. 14.04.07
Zur Menschenwürde gehört der Name, das Recht auf ihn. Wird sie nicht respektiert, verweigert man dem Menschen dies Recht oder beschmutzt, schändet seinen Namen. Und wie ist es mit der Tierwürde? Wenn zu ihr das Recht auf Namenlosigkeit gehörte? Dies Gefühl, daß sie angetastet wird, wenn wir einem Tier einen Namen geben. Dies Gefühl der Unangemessenheit, wie dieser Name auch immer lauten mag. Bei den Tieren, die mit uns leben, empfindet man diese Unangemessenheit kaum mehr, aber wenn man die Namen liest, die Biologen wild lebenden Tieren verpaßt haben, ist man unangenehm berührt. Müssen wir uns, wenn wir die Andersartigkeit der Tiere respektieren wollen, so etwas nicht verbieten? 15.04.07
16.04.07
Immer ist etwas nicht mit ins Foto eingegangen. Etwas? So viel war, als auf den Auslöser gedrückt wurde, da und ist im Bild nicht auffindbar. Fast könnte man sich wundern, daß Fotografien Wiedererkennen auslösen. 17.04.07
Was für ein Kampf, was für ein Gemetzel! Aber da sind, wie abgelöst vom Geschehen, diese tanzenden Muster, und du starrst gebannt auf sie. 18.04.07
Ich erzähle jemandem, daß ich regelmäßig meine Eltern besuche, an jedem vierten Wochenende, obwohl, wie ich doch genau weiß, beide tot sind. Wenn ich bei ihnen bin, sind sie es allerdings nicht, sondern führen ihr gewohntes Leben. Dies ist mir unbegreiflich und eigentlich nicht zu glauben, aber da ich, was diese Wochenenden betrifft, keine Erinnerungen an andere Unternehmun- gen habe, muß ich sie wohl wirklich bei meinen Eltern verbringen, können diese Besuche nicht, was ja naheläge, geträumt sein. Außerdem gibt es Fahrkarten, die beweisen, daß ich zu meinen Eltern fahre. (Ich erwache und weiß, daß es diese Fahrkarten nicht gibt. Darüber bin ich sehr erleichtert.) 19.04.07
Sie kommt ihm auf der Straße entgegen, mit kühlen, himmelblau geschminkten Lippen und in einem ihr vom Couturier Niemals auf den makellosen Leib geschneiderten Kostüm. 20.04.07
Eine Stadt und eine Landschaft sind aus der Ferne eine Stadt und eine Landschaft, doch je näher man kommt, desto mehr sind das Häuser, Bäume, Ziegel, Blätter, Gräser, Ameisen, Ameisenbeine, bis ins Unendliche. Blaise Pascal (deutsch von Ulrich Kunzmann)
21.04.07
Fenstertheater: ein tanzender weißer Ärmel. Wie heißt das Stück? Selbstver- gessenheit? Mit dem Rücken zum Spiegel? Und ich, der Zuschauer, der einzige, wie ich vermute ... Ein zweiter weißer Ärmel erscheint und ein Gesicht: Ende der Vorstellung. Gäbe es einen Vorhang, er fiele jetzt. 22.04.07
Wenn man alle im Laufe eines Lebens abgeschnittenen Haare und Nägel vor sich hätte, was empfände man? Faszination? Widerwillen? (Und was - was überhaupt - sähe man? Nur eine Ansammlung von Materie oder in ihr noch etwas anderes?) 23.04.07
Die Sprache versperrt uns den Zugang zum nichtsprachlichen Denken, zum Geist der Tiere. 24.04.07
Ich schließe die Augen, öffne sie wieder, und der Himmel ist weiß verglet- schert. Ich schließe die Augen, öffne sie wieder, und jeder hält seine Maske in der Hand. 25.04.07
Die Natur vor und nach der Erfindung der Sprache, die Natur vor und nach der Erfindung der Schrift, die Natur vor und nach der Erfindung der Landschafts- malerei. 26.04.07
Im Münsterland, schreibt die Droste, mache schon die laue, feuchte Luft die Menschen träumerisch. Muß man nun fürchten, daß uns die langen subtropi- schen Sommer, die der Klimawandel mit sich bringt, das Träumerische aus- treiben? 27.04.07
Etwas lief über den Boden, in alle Richtungen zugleich, kleine flinke spinnen- artige Tiere, nein, Hände, menschliche Hände oder Tiere, die aussahen wie Hände, wie Hände mit langen schmalen Fingern, gotisch gewissermaßen. Oder es waren zuerst Tiere, und dann verwandelten sie sich in Hände. Sie standen in Beziehung zu dem, was mir einen Augenblick zuvor durch den Kopf gegangen war, waren gewissermaßen daraus hervorgekrabbelt, aber was das gewesen war, konnte ich schon Sekunden später nicht mehr sagen. 28.04.07
Kommt es doch nicht darauf an, daß die Lösung, sondern daß das Rätsel gesehen wird. Ernst Jünger
29.04.07
Der Tod erschien festlich geschmückt, in das Rot und das Blau des Eisvogels gekleidet. 30.04.07
Da ist er, ist er wieder, der ungeliebte Lehrer: umgeben von Bewunderern - daß es die immer noch gibt! -, kommt er mir auf der Straße entgegen. Wie jung er ist, wie jugendlich seine Erscheinung, und trotzdem - etwas stimmt nicht mit ihm. Er ist blind, ja, er hat das Augenlicht verloren. Ich höre ihn seinen Beglei- tern, seinen Bewunderern wortreich erklären, wie er nun die Welt wahrnimmt, und das klingt, als wäre die Blindheit ein Abenteuer. Zur Seite tretend, lasse ich die Gruppe vorbei. 01.05.07
Die Zwitschermaschine draußen vorm Fenster, am Morgen um zwanzig nach sechs, das hypnopompe ballet mécanique, wie alles leuchtet, alles blinkt, Hände, die erwachen mit der Erinnerung an einen warmen weichen weiblichen Reim. 02.05.07
Ein Wind an der Grenze zum Wahn, ein wuchernd wachsendes Labyrinth, eine Wärme, in der sogar Kristalle faulen. 03.05.07
Der Schmerz ist ein enges Haus, man bewohnt es immer allein. (Und wäre dort auch Platz für zwei, wer wollte zu einem ziehn?) 04.05.07
Ohne
Namen
Cento . Die weiße Nacht, die enge Kammer, die Hand, die schreibt. Ein Mensch ohne Namen, ohne Gesicht, gebeugt über sein Geheimnis. Gunnar
Ekelöf, David Rokeah, Alberto Savinio, Georg Trakl,
Robert Walser, Richard Weiner 05.05.07
Ich gab ihr Kleingeld und sie sagte: Feingeld. Ich gab ihr ein paar Münzen, sie mir ein neues Wort. Ein guter Tausch. 06.05.07
Ein Haus, dessen Eingänge allesamt mit großen Spiegeln versperrt sind, ein Haus, das seine innerste Kammer allen verbirgt, ein Haus, in dessen Brust ein zimmergroßes anthrazitfarbenes Herz schlägt, ein Haus, in dessen Adern das Meer rauscht, ein Haus, in dem nur Namen wohnen, ein Haus, das seine Bewohner bewohnt, ein Haus für einen Baum, ein Haus für einen Traum, ein Haus für das ewige Gespräch, das die Dinge miteinander führen. 07.05.07
Traum ist: Unterschlupf suchen in Umbildung und Umtaufe. Das sicherste Ge- laß des Selbst ist der unfeste Raum. Botho Strauß
08.05.07
Sätze, so erschreckend nackt wie der entblößte Körper einer Mädchens in der Vorpubertät. 09.05.07
Wie singt es sich in einem schalltoten Raum? Wie lebt es sich in einem welkenden Traum? 10.05.07
In ihm wächst ein Kristall, wächst und wächst, ein tetraedrischer Krebs, Schön- heit, die ihn töten wird. 11.05.07
Ein Traum, in dem man alle, die man einmal geträumt hat (egal, wie kurz ihr Auftritt war, egal, wie lang er zurückliegt), wiedertrifft. Alle, wiklich alle, eine ganze Stadt voller Traumfiguren. 12.05.07
Dieses Haus kannte ich seit meiner Kindheit, aber es sah völlig verändert aus, war himmelblau und weiß gestrichen. Zwei saßen dort auf der Terrasse, ein älteres Paar. Waren das - ich konnte es auf die Entfernung nicht erkennen - der Nachbar und seine Frau? Aber die waren ja beide tot, er schon seit vielen Jahren. War der Mann vielleicht sein ältester Sohn? Hatte der nicht mittlerweile auch schon die Siebzig überschritten? Nun war noch ein zweites Haus da, kleiner, in deutlich leichterer Bauweise - ging mir darum das Wort Sommer- haus durch den Kopf? - errichtet, und das war gleichfalls in den Himmelsfarben gestrichen. Viele Menschen sah ich dort, auch draußen im Garten. 13.05.07
Aus einem Winkel, wo er nur Armseligkeit und Schmutz vermutete, lächelt ihm ein gelungenes Leben entgegen. Beschämt lächelt er zurück. 14.05.07
Ein Meister der Selbstfesselung, auf der Suche nach einem Houdini, der ihn in die Lehre nimmt. 15.05.07
Vom eigentlich Produktiven ist niemand Herr, und sie müssen es alle nur so gewähren lassen. Johann Wolfgang Goethe
16.05.07
Die Schöne drüben, ist das die Tochter des Nachbarn? Seine Kleine, wie hieß sie noch gleich? Ich kenne sie nur als nervöses rotznasiges Kind, und nun sehe ich sie - sie ist es doch, nicht wahr, aber wer, wer nur hat die Zeit so rücksichtslos beschleunigt? - aufgeblüht zur jungen Frau dort am Fenster stehn. Und sie? Sieht sie mich? Nein, ich glaube nicht. Ich bin ja auch - der Gedanke gibt mir einen Stich - schon fast nicht mehr sichtbar. 17.05.07
18.05.07
Als er die Augen aufschlug, war da etwas über dem Bett, etwas Weißes, Schlauchförmiges, vielleicht unterarmlang, das knapp unter der Zimmerdecke schwebte und sich wie eine Windhose um die eigene Achse drehte, aber langsam, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Und gleichfalls langsam glitt es, kaum daß er es in den Blick genommen hatte, zur Seite, um, von der Dunkelheit verschluckt, in der Tiefe des Zimmers zu verschwinden. Würde es, wenn er die Augen wieder schloß, zurückkehren? Die Vorstellung war ihm unangenehm, wie auch der Gedanke, daß es ihn, als er geschlafen hatte, beobachtet haben könnte. 19.05.07
Die Farben, die der Vogelgesang dem heraufziehenden Tag vorschlägt. Nimmt er sie? Wählt er andere? 20.05.07
Diese Frau mit dem gelben T-Shirt, wirbt sie für sich oder für den Frühling? Und die andern? Diese schwarz Gekleidete zum Beispiel, wofür wirbt sie? 21.05.07
Digitalis fürs Herz, Irrealis fürs Hirn. (Jedem Organ sein spezifisches Kräfti- gungsmittel.) 22.05.07
Nicht klein genug die Hände, nicht fein genug für einen so empfindlichen Mechanismus. Ein anderer soll die Reimuhr reparieren. 23.05.07
Der Baum weiß nichts von der dreigeteilten Zeit dessen, der in seinem Schatten sitzt. Der weiß nichts von der anderen Gegenwart des Baums. Wer hätte dem andern mehr zu entdecken? 24.05.07
Sie spielen ein Spiel, das ich nur halb verstehe, ein Schlüssel-Schloß-Spiel, in dem mit Schlüsseln nach Schlössern geworfen wird, das aber ist mir völlig klar, dieses Spiel ist nur das Vorspiel für das, was sie mit mir, ihrem Gefangenen, vorhaben. Wie es auch immer ausgehen mag, danach werden sie mich quä- len, alle fünf, die beiden Männer, die Frau und auch die beiden Kinder. Die Frau piesackt mich jetzt schon, mit einem großen Küchenmesser, aber auch das ist noch Vorspiel. Ich überlege, daß ich mich von den Schmerzen nicht überwältigen lassen darf, daß ich mich all diesem gegenüber verhalten muß, als würde es nicht mir, sondern jemand anders angetan, aber das will nicht ge- lingen. Als die Frau meinen Unterarm ritzt, wehre ich sie ab, und die Klinge stößt an ihre Brust. Sie ist nicht verletzt, aber ich weiß, daß meine Gegenwehr ein schwerer Regelverstoß war, daß ich mich nun auf das Schlimmste gefaßt machen muß. 25.05.07
Im Schatten des Wortes »Wald« gibt es Kühle für die Phantome. Marcel Havrenne (deutsch von Heribert
Becker)
26.05.07
Er hatte ganz anderes erwartet. Diese Verwandlung in eine Frau und dann noch in eine Chinesin verblüffte und verwirrte ihn. 27.05.07
Hier war niemand mehr, keine Menschenseele. Über alle Häuser waren weiße Tücher gebreitet. 28.05.07
Zwei sprechen, zwei. Der eine beginnt den Satz, der andere führt ihn zu Ende (und führt ihn in die Gefangenschaft des Sinns). 29.05.07
Sie stand an, wie sie es schon so oft getan hatte. Sie stand an, aber wo waren die andern? Sie sah niemanden, stand eingereiht in eine Schlange, die es nicht gab. Sie stand an für die Schlachtung, stand an, um sich dem Metzger zu übergeben. Sie hatte keine Angst, aber es quälte sie der Gedanke, daß sie niemals erfahren würde, ob ihr Fleisch reichte. 30.05.07
Zwei bewohnen diesen Namen, eine Frau und ein Phantom. Hier ist nur für eine Platz, sagt die Frau. Dann geh doch, entgegnet das Phantom. 31.05.07
Dieser Schlüssel, der sich aller Rhetorik enthält und aller Metaphorik. Man dreht ihn nach links oder dreht ihn nach rechts, öffnet die Tür oder schließt sie, das ist alles. Und diese Decke, die nur das Zimmer nach oben hin abschließt, die dir keine Antwort gibt, aber diese auch nicht verweigert, und die sich - überflüssig, nachzumessen - noch in der gleichen Höhe befindet wie gestern. Und dieses Herz, das nur Blut pumpt, Blut, das nur eine Körperflüssigkeit ist und sonst nichts. Und es schmerzt auch nicht, nein, es schmerzen die Arme und die Beine. 01.06.07
Sätze, erklärende Sätze, die einem eine Zeitlang zur Verfügung stehen, dann nicht mehr. (Machen sie sich davon, weil sie einer eingehenderen Prüfung nicht standhalten würden?) 02.06.07
Der Sitz des Sehens, das Auge, ist ein Kino mit zwei Leinwänden, die eine das äußere Leben reflektierend, die andere das innere Leben. Malcolm de Chazal (deutsch von Rolf A.
Burkart)
03.06.07
Es war, als hätte jemand eine zweite Sonne an den Himmel montiert, der ersten gegenüber, und dann noch eine links und eine rechts: so schattenlos nackt stand alles da. 04.06.07
Was war das? Etwas Kleines, etwas Rundes, aber was genau? Und was tat es? Hüpfte es über den Boden? Schlug es Funken aus ihm? Funken, die gab es jedenfalls, Funken, die aus dem Boden sprangen und die blau wie Lapis- lazuli waren, blau wie die Blume aus Heinrich von Ofterdingens Traum. Und jemand, eine dunkle Gestalt - wer war das? ich sah nur die Beine -, sprang her- bei und trat sie energisch aus. 05.06.07
Dieses Gerät hatten wir noch nie gesehen. Wir fragten ihn, was er mit dem Ding mache, und er sagte, er schieße Fotos mit ihm, schieße diese den Menschen in die Köpfe. 06.06.07
Er verletzte mich am Kopf, über der Stirn, wobei er mit einem drohenden Unterton höhnte, damit würde ich noch lange Freude haben, und der Kampf, der so ungleich war, den ich einfach nicht gewinnen konnte, war beendet. Was hatte er mir angetan? Hatte er mir etwas in den Kopf gestoßen? Hatte es sich nicht so angefühlt? Zu sehen war allerdings nur ein kleiner orangener Fleck, zwei, drei Fingerbreit über dem Haaransatz. Ich mußte unter die Dusche, dann entfernte man einen kleinen Uhrenzeiger. War nun alles wieder gut? Plötzlich entdeckte die, die mir den Zeiger aus dem Kopf gezogen hatte, daß sich meine Nase zu verändern begann. Sie hielt mir einen Taschenspiegel vors Gesicht, und da sah ich es auch: meine Nase verwandelte sich vor unseren Augen in die eines alten Mannes. Der Zeiger war wohl doch nicht rechtzeitig entfernt worden. Nun stürzte ich durch die Jahre, alterte wie in einem Zeit- rafferfilm, wie in einer Computersimulation. 07.06.07
Der schwerkraftlose innere Raum, in dem die Wörter, von der Zunge nur eben angetippt, wie Astronauten schweben. 08.06.07
Ein Spiegel, in dem man sich so sieht, wie sich der Mensch vor der Erfindung des Spiegels wahrnahm. 09.06.07
Die Nacht hinter den gesenkten Lidern, die Nacht hinter den geschwärzten Gläsern. Die Hände formen ein großes A, seine Spitze legt sich an die Lippen. A wie Antenne, denke ich, A wie Antwort, A wie Anfang. 10.06.07
Das Werk ist die Entschuldigung des Künstlers für seine Entfernung von den anderen Menschen. Wilhelm Genazino
11.06.07
Sie sorgte sich sehr um ihre Gesundheit, aber diese Rötung in der Gegend des Brustbeins, die sie uns zeigte, schien mir dies kaum zu rechtfertigen. Ich wollte schon sagen, ich hätte selbst so etwas ähnliches, da wies sie auf einen großen kaffeebraunen Fleck, der ein wenig tiefer saß, und nun entdeckte ich, daß sie überall solche Flecken hatte. Ihre Tochter, die jung war und schön und noch nichts wußte von der Gefangenschaft im eigenen Körper, zeigte sich immer noch ganz unbeeindruckt, mochte auch diesen Flecken keine Bedeu- tung beimessen, ich aber ahnte, daß sie noch in diesem Jahr sterben würde. 12.06.07
Aufwachen um zwei oder drei in der Früh und das Zimmer in atemverschla- gender Weise verwandelt finden. Alle Wände sind mit einem dichten Flaum aus weißen Daunenfedern bedeckt, oder die Decke hat sich wie ein Origami- blatt gefaltet. Die Augenblicke, in denen man noch ganz frei von Zweifeln an der Möglichkeit solcher Verwandlungen ist. 13.06.07
Der getriebene Aufwand war beträchtlich: jeder der ausgewählten sechsund- zwanzig Asteroiden wurde mit einem Buchstaben des Alphabets markiert. Der Künstler, den die Aktion in alle Medien brachte, erklärte, er wolle ein Nach- denken über Ordnungssysteme in Gang setzen. 14.06.07
Der Himmel hinter den Lidern, ein Himmel, in dem sich äußeres und inneres Licht mischen: drei Schwalben - wo kommen sie her? - ziehen dort ihre Kurven. 15.06.07
Wie oft reicht einer der Kunst den kleinen Finger und sie nimmt den ganzen Menschen. 16.06.07
In der Stadt die Stadt nicht gefunden, im Wald nicht den Wald, in der Nacht nicht die Nacht. 17.06.07
Warum nur öffnet sich dieses Fenster so selten, dieser schmale Ausblick, durch den das Neue, das Unbekannte zu sagen möglich ist? Durs Grünbein
18.06.07
Wie ich an der Brücke stehe und über sie gehen will, sehe ich, auf der anderen Seite dunkelt es bereits, und da traue ich mich nicht mehr weiterzugehen und drehe um. Der Weg, den ich nun einschlage, führt durch ein Haus oder viel- mehr durch eine Agglomeration von Häusern, deren Ausmaße sich kaum ahnen lassen, führt durch eine schier endlose Flucht von Zimmern, die nicht durch Türen, sondern durch Portieren voneinander getrennt sind. Ich gehe mit immer größer werdender Hast und endlich laufe ich, denn ich werde verfolgt, und ich weiß, daß meine Verfolger, da sie mich über einen Klebstoffleck in meinem Hemd orten, in jedem Augenblick genau wissen, wo ich bin. Ich möchte mich in die Luft erheben, aber über mir ist ja die Decke. 19.06.07
20.06.07
Dieses ewige Lächeln, diese beinah zärtliche Achtsamkeit, mit der man ihm hier begegnete, er traute ihnen nicht. Er wußte, er mußte auf der Hut sein: man trachtete ihm nach dem Tod. Sommer 2007
21.06.07 Einer hat im Fieber alle Namen ausgeschwitzt, einer führt ein Leben in der dritten Person, einer macht erste zögernde Schritte in die Unsichtbarkeit hin- ein, einer erwartet zwischen Wänden aus Schnee seine Verwandlung. 22.06.07
Als ich in den Spiegel schaute, lag der in tiefem Schlaf. Und träumte. Ja, sein weit geöffnetes rundes Auge träumte. Träumte mich. Dabei Fremdes in meine Züge mischend. Fremdes, das woher kam? Das welche mir verborgene Ver- bindung mit mir hatte? 23.06.07
Wie Bilder in unser Schweigen hineinsprechen, nein, in unser Sprechen hin- einschweigen. 24.06.07
Bisweilen streifte ihn der Gedanke, daß er nur der Zwischenwirt der Wörter war. 25.06.07
Am Tage bin ich in der Einsamkeit, nachts geh' ich in Gesellschaft, nämlich zu Bette unter die vielen Traumwesen. Jean Paul
26.06.07
Der Reisende trat auf den Balkon hinaus, legte seine Hände auf die steinerne Brüstung. Was dort über den violetten Hügeln schwebte, hatte er im ersten Augenblick für eine Art Zeppelin gehalten, doch nun wurde er gewahr, wie sehr er damit falsch gelegen hatte: unter der durchscheinenden Hülle zeichnete sich deutlich ein Verdauungstrakt ab. Dies war ein Lebewesen, ein Tier, und jetzt sah er auch, es weidete, einen gelblichen Belag von ihnen nagend oder - dies war auf die Entfernung nicht zu erkennen - ihn sich saugend einverleibend, die Wolken ab. 27.06.07
Die Tür stand offen und ich trat ein, ging den Bachlauf, der jetzt nur noch ein Rinnsal war, weiter hinauf, die Treppe hoch, bis zur Quelle. 28.06.07
Das Unerzählbare erzählen. Die Verwandlungen, die abrupten Wechsel. Das Zimmer, das zu einem Bahnsteig wird, dann zu einem Schiff. Die Personen, die plötzlich da sind und ebenso plötzlich wieder weg. Animationsfilmer müßte man sein, zeichnen müßte man können wie Kentridge. 29.06.07
Der Reisende wunderte sich sehr über die Winzigkeit dieser Häuser. Schade, daß man ihre scheuen Bewohner so selten zu Gesicht bekam. Vor der Däm- merung durfte er, wie man ihm versichert hatte, überhaupt nicht darauf hoffen. 30.06.07
Einer, der in den Stunden, in denen er sich von den Kraftanstrengungen erholt, die ihm abverlangt, was er als sein Werk ansieht, das schafft, was von ihm bleiben wird. 01.07.07
So lange lebt er schon in diesem Land, aber noch nie hat ihn hier ein Wort seinen weißen Bauch sehen lassen. 02.07.07
Ein Selbstporträt aus Erinnerungen, ein Selbstporträt aus Träumen, ein Selbst- porträt aus Einfällen, ein Selbstporträt aus Zitaten. 03.07.07
Das Wasser hat kein Gesicht, denn es spiegelt nur die Gegenwart. Marcel Havrenne (deutsch von Heribert
Becker)
04.07.07
Ein hohes, schlankes Haus, das nichts enthält als ein eingeweideartiges Durcheinander von schmalen hölzernen Treppen, und einer läuft mit schweren Schuhen unentwegt auf ihnen hinauf und hinunter. 05.07.07
Der graue Planet: alle Farbe ist in seinem Innern verborgen. Die Schächte und Stollen, die seine grauen Bewohner graben, um sie an die Oberfläche zu holen. 06.07.07
Der Reisende legte die Hand an die Wand: sie fühlte sich angenehm an, war körperwarm und gab dem Druck der Finger spürbar nach. Er näherte ihr das Gesicht, um an ihr zu schnuppern, roch aber nichts. Es kitzelte ihn, die Er- kundung mit der Zunge fortzusetzen - die Vorstellung ließ sein Herz heftig schlagen. 07.07.07
Ich lag im Bett und schaute zur Decke hoch. Die wurde fast völlig von einem großen Fenster ausgefüllt, durch das ich den Himmel sah, sein helles Blau und schimmerndes Wolkenweiß. Ich wußte, daß dieses Fenster neu war, erinnerte mich aber nicht an seinen Einbau. Mir kamen Zweifel, und aus ihnen wurde die Gewißheit, daß ich träumte. Ich öffnete die Augen, und das Fenster war weg. Statt dessen sah ich auf die vertraute Zimmerdecke mit den schwarzge- strichenen Balken. Ich schloß die Augen wieder, und gleich war auch das Fenster wieder da, obwohl ich nun nicht mehr schlief - ich träumte also in wachem Zustand weiter. Nein, ich schlief immer noch, ich träumte das Wach- sein nur, hatte auch das Augenöffnen bloß geträumt. 08.07.07
Es gab noch einen anderen Weg hinaus, er führte durch lange dunkle Räume. Ich durchflog den ersten, ich durchflog den zweiten, ich durchflog den dritten, doch dann ging es nicht mehr weiter. Plötzlich war da über mir ein Licht, eine nackte Glühbirne, und vor mir ein Mensch mit einem wie ausgewischten Ge- sicht, nur die Augen waren noch da. Wie er mich anstarrte, dieser Mensch. 09.07.07
Wie sie
sich miteinander langweilen, die drei: das Subjekt, das Prädikat,
das Objekt.
10.07.07
Der Reisende glaubte zuerst an einen Irrtum, doch dann war er sich ganz sicher: das Bild veränderte sich - kaum merklich, wie Wolken, wenn fast keine Luftbewegung da ist. Er trat näher heran. Was war das überhaupt für ein Material? Verstohlen hob er die Hand. Der Finger traf auf keinerlei Wider- stand, erstaunt fühlte er eine feuchte Kühle. Er zog den Finger wieder zurück: das Bild war unversehrt, allerdings hatte sich ein kleiner Wirbel gebildet, der nun langsam wieder verschwand. 11.07.07
Das Eigentliche des Traumes ist nicht sein Inhalt, sondern das Licht, in dem er geträumt wird. Dieses Licht bleibt, wenn man erwacht. Ilse Aichinger
12.07.07
Auf der Bühne nichts als wucherndes grünes Wachstum, aus dem Souffleur- kasten kommt, durchdringend laut, das Quaken von Fröschen. 13.07.07
Die von der Straße heraufdringenden Verkehrsgeräusche und der sich über sie legende Vogelgesang: ein endloses graues Tuch, unregelmäßig mit bunten Mustern bestickt. 14.07.07
Die Nacktheit kann die Idee der Nacktheit nicht ausdrücken. Dies kann nur Kleidung. 15.07.07
Es ist so leicht, die Lebenden zu überzeugen, aber was ist, fragt er sich, mit den Toten? 16.07.07
Seine mit so viel Sorgfalt angefertigte Löwenmaske, nun verstaubt sie auf dem Speicher - er hat sie niemals getragen. Und seine mit so viel Liebe ange- fertigte Vogelmaske? Die Motten haben sie längst zerfressen. 17.07.07
Sie sagt, daß sie zurzeit eine ziemlich langweilige Arbeit mache: sie müsse, jeden Einzelfall prüfend, entscheiden, ob sie Mexikos annehmen sollen. Ob ich mir darunter etwas vorstellen könne? Ich vermute ein alternatives Zahlungs- mittel, und sie bestätigt mir das. Aber warum erzählt sie mir davon? Um mir ein schlechtes Gewissen zu machen? 18.07.07
Der Idealist ist auf den Zehenspitzen unterwegs und der Materialist auf den Fersen. Malcolm de Chazal (deutsch
von Rolf A.
Burkart)
19.07.07
Ein Türhüter, der den um Einlaß Bittenden nicht mit einschüchterndem auto- ritären Gebaren am Eintreten hindert, sondern ihn in ein endloses Gespräch über alles und nichts verwickelt und ihn so an der Schwelle zurückhält. 21.07.07
Es gab in dieser Sprache ein paar Laute, die dem Reisenden, so sehr er sich auch um ihre korrekte Aussprache bemühte, einfach nicht gelingen wollten. Eigentümlich berührte ihn, daß das Wort, welches ihn, den Fremden, bezeich- nete, sie alle versammelte. 22.07.07
Wer hat die Wolke hereingelassen? Nun bewohnt sie als Nebel das Haus - kein Stockwerk, in dem sie sich nicht breitgemacht hätte. (Wie schön sie war, als sie weit weg am Himmel schwebte.) 23.07.07
Er war auserwählt, aber er sollte es nicht wissen, nicht einmal ahnen. Nichts durfte in seinem Leben sein, das auf seine Auserwähltheit hindeutete. 24.07.07
Diese Stadt wuchs nicht, wie es, wenn eine Ausdehnung in die Fläche verwehrt ist, gewöhnlich geschieht, in die Höhe, sondern in die Tiefe, in den Erdboden hinein. Und wie es schien, wuchs sie unentwegt, denn wie der Reisende, der in mittlerer Tiefe untergekommen war, erfuhr, rührten die Vibrationen, die in seinem Zimmer zu praktisch jeder Stunde zu spüren waren, von tief unter ihm durchgeführten Bauarbeiten her. 25.07.07
Schwarz auf weiß, Dauer beanspruchend: ein Satz im Larvenstadium. Warum, fragt man sich, warum konnte er die Metamorphose nicht abwarten? 26.07.07
Der Dichter selbst glaubt am wenigsten, daß er Dichter ist; geht zur Kritik und sagt es ihr. Peter Hille
27.07.07
In einer Ausstellung wurden die Gedichte André Bretons präsentiert, meine Gedichte, denn ich war Breton, aber niemand wußte das. Die anderen kriti- sierten meine Verse, und ich saß dabei und hörte mir, ohne mir etwas anmerken zu lassen, an, was sie zu sagen hatten. Doch dann erschien eine Amerikanerin, die mich erkannte und mit Mister Breton anredete. Alle schau- ten her, und ich sagte: Na ja, einer muß es ja sein. 28.07.07
Unter dem Fluß fließt noch ein anderer Fluß, in ihm schwimmen gläserne Fische. 29.07.07
Besser, er ließ die Kamera im Gepäck. Hier verhöhnte und verlachte man Fotografierende, die Menschen hier behaupteten auch, sich in Fotos, die von ihnen gemacht wurden, überhaupt nicht wiederzuerkennen, weshalb sie der Fotografie jeden Sinn absprachen. Der Reisende fragte sich, ob ihnen dies zu glauben war, oder ob hier nicht vielmehr eine Abwehrhaltung vorlag und sie von der Abbildungsgenauigkeit der Fotografie zutiefst schockiert waren. 30.07.07
Eine Hand, die einen Mund zeichnet - ein Mund, der eine Hand erzählt, eine zeichnende Hand. 31.07.07
Wenn die zu kräftigen Farben, mit denen wir alles um uns herum versehen, das Auge verderben wie die zu süßen Limonaden den Geschmackssinn? 01.08.07
Es scheint, sein Gott hat Humor. Während er, wie ein Kind die Stufen zählend, die Wendeltreppe des Turms hochsteigt, wird um ihn herum alles ausradiert. 02.08.07
Bei, unter Menschen gibts keine andere Freiheit als daß man nichts, gar nichts von ihnen haben will. Jean Paul
03.08.07
Der Reisende glaubte zuerst, man betreibe hier Tauschhandel, aber die bei- nah bettlakengroßen, mit bunten Bildern bedruckten Tücher, die er immer wieder den Besitzer wechseln sah, waren tatsächlich ein dem Papiergeld vergleichbares Zahlungsmittel. Man trug sie zu Bündeln zusammengerollt auf dem Rücken oder unter dem Arm, und wer kein Bündel dabeihatte, konnte sicher sein, von den praktisch überall anzutreffenden Händlern nicht ange- sprochen, nicht behelligt zu werden. Der Nominalwert der Tücher lag weit über ihrem Materialwert, und obwohl sie sicher zu manchem zu gebrauchen gewesen wären, sah der Reisende nie jemanden einen anderen als den vorgesehenen Gebrauch von ihnen machen. 04.08.07
Gerade erst ist er umgezogen, vom blauen ins gelbe Haus, da erreicht ihn ein Ruf aus dem weißen Land. 05.08.07
Die Musik war - endlich - verstummt, und nun war nichts mehr zu hören als der leise ruhige Atem der Bilder. 06.08.07
Das Wasser, scheint es, will immer Raum werden, homogener Raum. All seine Bewegung, scheint es, hat dieses Ziel. 07.08.07
Ein Bild verläßt ihn, um sein Leben anderswo fortzusetzen, ein anderes Bild kehrt nach langer Zeit zu ihm zurück. (Was hat es gemacht in den Jahren der Abwesenheit? Hat es seine Gene weitergegeben?) 08.08.07
Augen erinnere ich, Augen, die mich fixierten. Menschenaugen? Tieraugen? Ich kann es nicht sagen. Mir scheint, daß das Gesicht menschlich war, der Körper jedoch der eines Tiers, aber sicher bin ich mir nicht, weiß nur noch, daß dieses Wesen seltsam zusammengesetzt war. Es griff mich an, aus der Luft, immer wieder, und ich wehrte es ab, so gut es ging. Ich lag ausgestreckt da, mit hochgerecktem Arm, hielt etwas in der Hand, mit dem ich nach dem Wesen schlug, doch ich traf es nie: es drehte immer im letzten Moment ab. Aber gleich war es wieder da, und ich schlug erneut nach ihm. So ging es eine Weile, bis meine Verteidigung schließlich versagte und es sich auf mich warf. Im nächsten Augenblick schwamm ich in einem Ozean aus gleißendem Licht, und ein tiefes Glücksgefühl erfüllte mich. 09.08.07
Die Welle
Cento .
Die Welle flüstert:Ich bin das Wasser, das unermeßliche Meer, die gläserne Hälfte der Welt. Die Welle. Miguel Angel Asturias,
Malcolm de Chazal,
Christine Lavant, Tomaž Šalamun 10.08.07
Der Film war prominent besetzt, die Hauptrolle spielte der Wind. Der hatte sich, wie es seine Art war, gegenüber den Vorgaben des Drehbuchs manche Freiheit herausgenommen, weshalb es bei der Arbeit am Set wiederholt zu Querelen gekommen war. Dem beglückenden Ergebnis war aber, darin war man sich einig, davon nichts anzumerken. 11.08.07
Dieses Gefühl: »hier ankere ich nicht« - und gleich die wogende, tragende Flut um sich fühlen! Franz Kafka
12.08.07
Sie haben sich nur knapp, bloß um ein paar Jahre verfehlt: der Mensch und der Name. 13.08.07
Die Verwandlungen vollziehen sich in der Verborgenheit: im Kokon, tief in der Erde, dort, wo sich das Vergessene tummelt. 14.08.07
Der Autor sollte alles daransetzen, dem Leser nicht zu begegnen. Je phan- tomhafter der bleibt, je unklarer seine Konturen, desto besser. 15.08.07
Die Krankheit hat ihr eine Maske aufgesetzt, erst der Tod hat sie ihr wieder abgenommen. 16.08.07
Hier schlief niemand in den eigenen vier Wänden, vielmehr suchte man zur Nacht ein sogenanntes Schlafhaus auf. Solche Häuser gab es überall in der Stadt, in jedem Viertel, ja, in beinah jeder Straße. Man schlief dort zusammen auf großen Matten, dicht aneinandergedrängt, in aller Unschuld - zu Intimitäten kam es, wie dem Reisenden versichert wurde, in einem Schlafhaus nie. Dafür gab es in jeder Wohnung ein Bett, das allein der Liebe diente. 17.08.07
Mitten in der Nacht aus einem Traum erwachend, sehe ich: da ist ein Gesicht an der Wand. Augen, die mich anschaun, mit unverwandtem Blick. Es ist mein eigenes Gesicht, es sind meine eigenen Augen: aus einem kleinen kreis- runden Spiegel blicken sie mir entgegen. Ich bewege den Kopf, und das Gesicht an der Wand, das Gesicht im Spiegel bewegt sich gleichfalls. Aber da ist etwas, das meinen Argwohn weckt: das Bild ist ganz scharf, und ich habe - natürlich - keine Brille auf. Ich taste nach dem Spiegel, doch da ist nichts, überhaupt nichts. Der Liedtitel Look at yourself geht mir durch den Kopf. 18.08.07
Wesen, deren Sichtbarkeit sich einer ständigen Kraftanstrengung verdankt. Sobald diese auch nur ein wenig nachläßt, beginnen sie, als würden sie aus- radiert, von den Finger- und Zehenspitzen her unsichtbar zu werden. 19.08.07
Dichtet ein gesunder Mensch schlecht, so ist er eben als Dichter krank. Dich- tet ein kranker Mensch gut, so gehört er als Dichter zu den Gesunden. Robert Walser
20.08.07
Die helle Fassade, die Reihen der beinah quadratischen Fenster: Himmels- spiegel allesamt. (Und fast ist man versucht zu denken, dies sei ihre eigent- liche Bestimmung, und ganz unwirklich, lemurenhaft fremd erscheinen einem die, welche hinter ihnen sitzen, an ihren Schreibtischen, an ihren Rechnern.) 21.08.07
Eine solche Frucht hatte der Reisende noch nie gesehen. Aus ihrer dunklen Schale gelöst, leuchtete sie. Ermuntert, sie zu kosten, biß er zögernd hinein - und war enttäuscht: sie schmeckte nach nichts. Er solle nicht so ungeduldig sein, wurde er freundlich verwiesen. Es komme noch etwas. 22.08.07
Er designt Namen. Er ist sehr gefragt, seine Namen teuer. Nur wenige können sie sich leisten. 23.08.07
Ich war ein Toter, aber wie alle Toten wußte ich es nicht, glaubte ich weiterhin zu leben. Mir schien, ich ruhte nur ein wenig aus, hatte mich darum an der Türschwelle niedergelassen und die Beine ausgestreckt. Ja, so schien es mir, aber was würde sein, wenn - eine kommentierende Stimme teilte mit, daß dies geschehen würde - der Sarg kam und ich hineingelegt wurde? 25.08.07
Die Gleise, über die die Geschichten
rollen, die Vegetation am Bahndamm (und der, der mit
angespitztem Bleistift Blüten und Blätter in sein Skizzenbuch
zeichnet).
26.08.07
Was baust du? - Ich will einen Gang graben. Es muß ein Fortschritt geschehn. Zu hoch oben ist mein Standort. Franz Kafka
27.08.07
Einer müßte einmal die Biographie eines Wassermoleküls schreiben oder vielmehr, da diese nur fiktiv sein könnte, den Roman eines Wassermoleküls. 28.08.07
Hier erkannte man die Ärzte an ihren schmalen, feinfingrigen Händen - der Reisende war versucht, sie gotisch zu nennen - und an den weißen Hand- schuhen, die sie - wie in seiner Heimat die Zauberkünstler und die Sargträger - gewöhnlich trugen. Sie zogen sie nur aus, wenn sie einen Patienten behan- delten. Dann sah man, daß die Hände selbst - vermutlich, weil sie niemals der Sonne ausgesetzt waren - beinah ebenso weiß waren. 29.08.07
Dann wurde der Vogel zum Blatt, wiegte sich mit den anderen Blättern im Wind. 30.08.07
Diese oder jene Metapher gegen eine andere
vertauscht, und das ganze Le- ben stellte sich vielleicht völlig
anders dar.
31.08.07
Eine Krankheit, die nicht wie die Progerie den Prozeß des Alterns beschleu- nigt, sondern im Gegenteil um ein Mehrfaches langsamer altern läßt. (Wie würde ein Betroffener damit leben? Empfände er sich als vor allen andern Ausgezeichneter oder vielmehr als auf grausamste Weise Ausgeschlossener, als Halbgott oder als Monster?) 01.09.07
Nein, das behielt er wohl besser für sich: daß seine Sympathien nicht dem strahlenden Helden gehörten, sondern dem Phantom. 02.09.07
Wir wissen bis heute nicht, warum wir schreiben. Wir wissen nicht einmal zuverlässig, woher das Schreiben überhaupt kommt. Wilhelm Genazino
03.09.07
Der Besucher war - es dauerte ein wenig, bis mir das zum Bewußtsein kam - ein Toter. Er war schon eine Weile - wie sagt man? - nicht mehr unter den Lebenden, war, ein Mann in den Vierzigern, vor ein paar Jahren ganz plötzlich gestorben. Nicht mehr unter den Lebenden - aber jetzt war er hier. Warum war er gekommen? Was wollte er von mir? 04.09.07
- An der kurzen Leine der Sprache. - Der kurzen? Ist sie denn kurz? - Gut, darüber kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Ich bestehe nicht auf dem Adjektiv. Wenn du willst, nehme ich es zurück. Bleibt das Ärgernis der Angeleintheit. 05.09.07
Die Zeitschrift sollte Graphiken des vor einiger Zeit gestorbenen Oskar Pastior enthalten, beim Durchblättern fand ich allerdings nur ein einziges Bild. War das von ihm? Die Ausführung schien mir für einen, der, wie ich zu wissen glaubte, nur ein wenig in der Kunst dilettiert hatte, zu perfekt. Wenn die Arbeit aber doch von ihm stammte - leider existierte keine Bildunterschrift, die mir hätte Gewißheit geben können -, war sie dann als Selbstporträt zu betrachten? Sie zeigte jedenfalls eine Person männlichen Geschlechts, und der allerdings nur angedeutete Kopf dieser Person war zugleich ein halb geöffnetes Buch, ein Buch, dessen Blätter sich, als habe der Wind zwischen sie geblasen, lamel- lenhaft sträubten. Der Kopf war wie gesagt nur angedeutet, es fehlten die Augen, die Nase, der Mund. Die Ohren aber waren sorgfältig ausgeführt, und sie waren verfielfacht wie bei einem, der zwischen zwei Spiegeln steht. 06.09.07
Woher kam das Atemgeräusch, das hier zu hören war und das offenbar nie- mals aussetzte? Fragte der Reisende Einheimische, antworteten sie mit einer unbestimmten Geste. Wie er feststellen konnte, war es ohne Bedeutung, ob man draußen war oder im Haus: man hörte es überall gleich gut. Oder gleich schlecht, denn es war so leise, daß es immerzu von den Geräuschen des Alltags überdeckt wurde. Dennoch paßte man ihm den eigenen Atem unwill- kürlich an. 07.09.07
Wäre sie nicht mit ihrem Namen angesprochen worden, ich hätte sie nicht wiedererkannt. Sie hatte sich die schwarzen Haare blond gefärbt, trug eine große modische Brille - vermutlich mit Fensterglas, denn meines Wissens sah sie gut - und war ebenso auffällig wie geschmacklos geschminkt. Und als hätte dies alles noch nicht gereicht, hatte sie die von ihr gewohnte und mich wie viele für sie einnehmende Zurückhaltung gegen eine äußerst maniriert wirkende Form der Selbstdarstellung vertauscht. (Das unbehagliche Gefühl, das diese Verwandlung in mir auslöste, hielt auch nach dem Aufwachen noch an.) 08.09.07
Wörter, die zu früh zueinanderfinden, Sätze bilden, die noch nicht gebraucht werden. Wörter, die zu spät zueinanderfinden. 09.09.07
Ein Traum ist wie ein Tier, aber ein unbekanntes, und man übersieht nicht seine Glieder. Die Deutung ist ein Käfig, doch der Traum ist nie darin. Elias Canetti
10.09.07
Ja, er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber der war zugleich der falsche - wie auch die Zeit beides war. 11.09.07
Hier wohnte man im Berg, in Häusern ganz aus Glas, die ins Gestein gebettet waren wie die Kristalle einer Druse. Da man dem Reisenden nicht erlauben wollte, sie in Augenschein zu nehmen, mußte er sich, was diese gläsernen Architekturen und das Leben in ihnen betraf, mit den spärlichen Auskünften, die man ihm zu geben bereit war und die manches, was er gerne genauer gewußt hätte, im dunkeln ließen, begnügen. 12.09.07
Nur die anderen kehren ganz in ihre Jugend zurück. Man selbst nimmt immer wie einen Schatten sein reales Alter in die fiktiven Vergangenheiten der Träu- me mit. 13.09.07
Enklaven der Unwirklichkeit in der Wirklichkeit - Enklaven der Wirklichkeit in der Unwirklichkeit. 14.09.07
Sollte er eintreten? Aber was würde ihn hinter der Tür anderes erwarten als eine Versammlung von Wachsfiguren? 16.09.07
- Wenn sie zu laut wird, verliert die Stimme ihre Modulationsfähigkeit. - Richtig. Wenn sie zu leise wird, allerdings auch. 17.09.07
Selbstvergessenheit und Selbstaufhebung der Kunst: Was Flucht ist, wird vor- geblich Spaziergang oder gar Angriff. Franz Kafka
18.09.07
In diesen Straßen war er noch nie. Hier hatte der Herbst schon begonnen, während in seinem Viertel noch Sommer war. 19.09.07
Einer erfindet etwas, das man früher einmal hätte brauchen können, woran aber jetzt keinerlei Bedarf mehr besteht, ein anderer etwas, das man irgend- wann in ferner Zukunft brauchen wird, und es ist ungewiß, ob man sich seiner dann noch erinnert, fraglich, ob seine Erfindung dann unter all dem als unnütz Entsorgten noch auffindbar ist. 20.09.07
Ich hörte mir eine CD mit mir unbekannten Kompositionen Benjamin Brittens an. Während das zweite Stück lief, ein Lied mit offenbar komischem Text - ich verstand kein Wort, hörte nur das immer wieder hervorbrechende Lachen des Konzertpublikums -, betrachtete ich eine sich auf das dritte Stück beziehende Zeichnung im Booklet. Sie zeigte einen Mann, der von einer Anhöhe auf ein an gewisse Bilder Brueghels erinnerndes Figurengewimmel hinunterschaute. Alle die winzigen Menschen unten - es waren Dutzende - waren damit beschäftigt, sich das Leben zu nehmen, und jeder tötete sich auf eine andere Art. Bei genauerem Hinschauen entdeckte ich, daß es allesamt Männer waren und daß die alle gleich aussahen. Waren sie, fragte ich mich, vielleicht Doubles des Mannes auf der Anhöhe? 21.09.07
Diese junge Frau, war sie schön? Sie ähnelte der Sängerin mit der allzu reinen Stimme. Nein, das war ihm nur auf den ersten Blick so vorgekommen. Der zweite fand schon keine Ähnlichkeit mehr, und ohne sie schien sie ihm schöner. Doch war nicht auch die Sängerin schön? Ja, aber diese Stimme, die Zumutung dieser Stimme! 22.09.07
Es ließ sich nicht leugnen, die Geschichte hatte einen Blaustich, nicht sehr ausgeprägt, aber immerhin. Vermutlich wäre der gar nicht hineingekommen, wäre der Autor nicht so sehr darauf bedacht gewesen, einen Gelbstich zu vermeiden. Herbst
2007
23.09.07 Die Frau, die im Schlaf jongliert. Sie ist nicht schön, aber das ist ohne Bedeu- tung, ohne Bedeutung in diesem Augenblick. Die Schönheit ist da, aber nicht in ihrem Gesicht, in ihren Zügen. Die Schönheit ist da, und sie, die Frau ... Und sie - ja, was? Hat teil an ihr, erblüht gewissermaßen in sie hinein. 24.09.07
Von einem Fleckchen Schatten auf der Mauer lerne ich mehr als aus der Morgenzeitung. Marcel Havrenne (deutsch von Heribert
Becker)
25.09.07
In jedem Haus gab es Unsichtbare, in jeder Familie. Sie waren, wie es schien, immer anwesend, und alle sprachen mit ihnen. Man begegnete ihnen sehr unterschiedlich, einigen mit Ehrerbietung, anderen mit unverhohlener Feindse- ligkeit. Als der Reisende einmal fragte, ob es sich bei ihnen um Verstorbene handle, schaute man ihn verständnislos an. 26.09.07
Bei einem Blick in den Spiegel entdeckte ich, daß meine Nasenspitze behaart war: ein richtiger Bart wuchs mir dort, ebenso dicht und dunkel wie der Ober- lippenbart. War das bei Männern normal, oder hatte nur ich so etwas? Unan- genehm tierhaft sah das aus, und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als ich den Kopf in den Nacken legte und mich aus der Untersicht betrachtete. Ein seltsames, nie gesehenes Wesen schaute mir da entgegen. 27.09.07
Ich las in der Zeitschrift Schreibheft ein Gedicht des schottischen Autors und Gartenkünstlers Ian Hamilton Finlay. Ja, las ich wirklich? Wo war denn der Text? Es waren, in vier Zeilen angeordnet, kleine Gegenstände in das Heft eingeklebt, an Zweige erinnere ich mich und vage an etwas Weiches, Wat- tiges, den Text - Und als er endlich blühte, fand er keine Zeichen mehr -, scheint mir, ergänzte ich, »las« ich, ohne sagen zu können wie, aus dem Arrangement. Der Titel des Gedichts - woher wußte, woher nahm ich den? - lautete Bildstock. 28.09.07
Herbstocker - der Wind malt mit ihm: auf dem Grau der Straßen und der Gehsteige, auf dem Rot der Radwege, auf dem Grün der Rasenflächen. Der Wind, ja, der Wind. Ich halte ihm, daß er den Staub von ihr blase, meine Palette hin. 29.09.07
Solche Bilder hatte ich noch nie gesehen: der Rechner schien zu halluzinieren. Was war geschehen? Hatte er sich ein Virus eingefangen? Einen Erreger, der bei den befallenen Geräten eine Art Fieberwahn auslöste? 30.09.07
Ein Baum voller Früchte. Ein harter Knall wie von einem Schuß, und aus den Früchten werden Vögel, die sich flatternd in die Luft erheben und, zusammen- findend in einem Augenblick, davonfliegen mit einem synchronen Schwenk. 01.10.07
Ein Sandkorn in der Wüste. In dieses Sandkorn ist mit feinstem Werkzeug etwas graviert worden. Eine Botschaft - bestimmt für wen? 02.10.07
Ein und dieselbe Bedeutung verändert sich je nach den Worten, die sie aus- drücken. Die Bedeutungen empfangen ihre Würde von den Worten, anstatt sie diesen zu geben. Blaise Pascal (deutsch von Ulrich Kunzmann)
03.10.07
Eine durchsichtige Hand (und alles, was sie berührt, worauf sie sich legt oder was sie nur eben mit der Zeigefingerspitze antippt, wird wie sie). 04.10.07
Hier gab es keine Leinwand mehr, der Film war uns Zuschauern direkt auf die Netzhaut projiziert worden. Der Film? Hatten wir denn alle dasselbe gesehen? Wir versuchten es zu klären, kamen aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. 05.10.07
Eine Zukunft, in die kein in der Vergangenheit oder der Gegenwart angelegter Weg führt. Eine Zukunft, in die man auf keine andere Weise als mit einer Art magischem Rösselsprung gelangt. 06.10.07
Sie haben sich die Schönheit verboten, und das ärgert ihn. Er ist nahe daran, sich im Gegenzug die Häßlichkeit zu verbieten, ist aber klug genug, es nicht zu tun. 07.10.07
Noch nie waren dem Reisenden seine sprachlichen Mittel so unzulänglich erschienen. Jeder Satz, den er notierte, kam ihm falsch vor. Aber auch mit den Fotos, die er machte, schien etwas nicht zu stimmen. Die Optik seiner Kame- ra, für andere Gegenden, andere Verhältnisse entworfen, versagte hier offen- bar. 08.10.07
Warum stand der Bus, wieso ging die Fahrt nicht weiter? Plötzlich drängten sich alle an den Fenstern der rechten Seite: draußen trugen zwei eine Frau fort - war der eine der Fahrer? Hatte er sie angefahren? Ich hatte von einem Unfall gar nichts mitbekommen. Die andern im Bus wußten sicher mehr, aber ich mochte nicht fragen. Die zwei warfen die Frau an den Straßenrand, achtlos, wie einen Tierkadaver. Dann ging die Fahrt weiter. Ich war unterwegs zu meinen Eltern und stellte mir nun vor, wie ich ihnen von der Geschichte er- zählte. Aber mein Vater war doch tot, lange tot! Ich würde es also meiner Mutter erzählen, ja, meiner Mutter. Aber sie lebte doch auch nicht mehr! 09.10.07
Ein Gott, der nicht erkannt werden will. Er schickt Stellvertreter vor, Stellver- treter, die im Grunde Karikaturen sind. Ihn amüsiert die Verehrung, die ihnen zuteil wird. 10.10.07
Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so ist außer dieser realen Welt noch eine Welt das Wahns, viel mächtiger beinahe, in der die meisten leben. Johann Wolfgang Goethe
11.10.07
Dein Gast ist unterwegs zu dir. Die Einladung hat ihn zwar noch nicht erreicht, er weiß auch noch gar nicht von dir, und doch: er ist unterwegs, auf dem Weg zu dir. Die Wohnung hat er bereits verlassen. 12.10.07
Wer das voraussehen könnte: wie schnell, wie langsam ein Wort oder eine Wendung altert. 13.10.07
Was ist das? Wendet er den Blick nach innen, erstarrt dort entweder alles, oder es wird eine seltsam sinnlose Aktivität entfaltet, eine Aktivität, wie ihm scheint, um ihrer selbst willen, eine Aktivität, die vielleicht nur demonstrieren soll: man ist tätig. 14.10.07
Götter, die nicht länger leben als ein Mensch. Jede Generation hat ihre eige- nen, und die treten mit ihr ab. 15.10.07
Regelsysteme, die wie die Parallelwelten der Science-fiction durch Wurm- löcher miteinander verbunden sind. Regelverstöße haben diese gebohrt. 16.10.07
Immer schreiben andere mit, Benennbare und nicht Benennbare. Je größer der Abstand zu einem Text, desto kleiner erscheint einem der eigene Anteil an ihm. 17.10.07
Ein Apparat, der die Funktion des verkümmerten metaphysischen Organs übernimmt wie das Dialysegerät bei Niereninsuffizienz die Arbeit der Blut- wäsche. Für den an ihn Angeschlossenen verwandelt sich alles. 18.10.07
Betrachtung, das ist ein schönes Wort; als ließe man Stille zwischen sich und den Gegenstand fallen und der Höllenlärm, der stumme Lärm, der für gewöhn- lich in diesem Raum ist, vergeht. Ilse Aichinger
19.10.07
Natürlich, verriet mir der Engel, waren seine Flügel völlig funktionslos. Sie wuchsen ihm auch nicht aus den Schultern, sondern waren angesetzt. Er trug sie, versicherte er mir, nur uns zuliebe. 20.10.07
Wieder oder immer noch: er macht Fehler, und das beruhigt ihn. Die Ange- kommenen machen keine mehr, zu ihnen gehört er also nicht. 21.10.07
Daß sie derselben Spezies angehören: der Bewohner des Lärms und der Bewohner der Stille. 22.10.07
Einer zieht in einen anderen Namen wie in eine geräumigere und besser gelegene Wohnung um. 23.10.07
24.10.07
Die Moderatorin fragte in eindringlichem Ton, ob er seinen Krebs noch be- siegen könne, und dann sah man ihn selbst, den prominenten Ex-Politiker. Er war vor die Presse getreten, um über seine Krankheit Auskunft zu geben. Ich erkannte ihn kaum wieder, er war aufgeschwemmt - vom Kortison, wie ich annahm - und sah leicht verwahrlost aus. Von der Souveränität des die Medien bedienenden Profis war nichts geblieben, er hatte seine Züge nicht mehr unter Kontrolle und fuchtelte halb hilflos, halb pathetisch mit den Armen. 25.10.07
Eine Stille, die man wie die Schnecke ihr Haus aus sich hervortreibt und die man dann auch wie ein Haus bewohnt. 26.10.07
Wer vom Zweifel geschmeckt hat, dem ist bestimmt, nicht diesseits, sondern jenseits der Grenzen der Klarheit nach dem Wunderbaren auf Suche zu gehen. Ernst Jünger
27.10.07
- Dieses Gefühl, wie soll ich es beschreiben? Als wäre einem ein Flügel ge- wachsen. - Ein Flügelpaar, meinst du. - Nein, einer nur, das ist es ja gerade. Mit einem einzelnen Flügel ist nichts anzufangen. 28.10.07
Immer wieder richten sie diese Mauer vor ihm auf, immer wieder muß er sie abtragen, Stein für Stein. Wie zermürbend das ist, wie entnervend dieses »immer wieder, immer wieder«. Tröstlich ist nur, daß sie keinen Mörtel ver- wenden - vielleicht haben sie auch ganz einfach keinen -, das erleichtert ihm ein wenig die Arbeit. 29.10.07
Das paradoxe Haus: klein, sehr klein für den, der vor ihm steht, aber nicht auszumessen für den, der in ihm ist. 30.10.07
Was man alles links und rechts liegenläßt auf dem Weg, den man für den seinen hält. 31.10.07
Sätze, die wie gerade geschlüpfte Insekten mit noch nicht ausgehärtetem Chitinpanzer sind. 01.11.07
Tote, die aus der Ewigkeit heraus dem Treiben ihrer in der Zeit zurückgelas- senen Namen zusehn. 02.11.07
Er ist wieder da, ja: sein Wintergott. Mit dem ersten Nachtfrost ist er zurück- gekommen. Und wenn die kalte Jahreszeit zu Ende geht, wird er sich, das ist absehbar, wieder verabschieden. (Um sich in nördlichere Regionen zurück- zuziehn? Mag sein, wer weiß.) 03.11.07
Die Mannigfaltigkeiten, die sich mannigfaltig drehen in den Mannigfaltigkeiten des einen Augenblicks, in dem wir leben. Und noch immer ist der Augenblick nicht zu Ende, sieh nur! Franz Kafka
04.11.07
Die beiden Beamten wollten meinen Paß sehn. Zu meiner Bestürzung enthielt er eine Reihe obszöner Bildchen, die die beiden beim Durchblättern gleich entdeckten und mir mit einer Mischung aus Triumph, Spott und Schadenfreude unter die Nase hielten. Wo kam das peinliche Zeug her? Wer hatte es in mein Ausweisheft geklebt? Ich selbst? Ich konnte mich nicht erinnern. 05.11.07
Ein vergessenes Zimmer, angefüllt mit vergessenen Geschenken - die mei- sten wurden niemals ausgepackt. 06.11.07
Mancher scheint allein zu stehen und steht doch nur in anderen, weniger sicht- baren Zusammenhängen. (Und wenn es gerade auf diese ankäme?) 07.11.07
Ein einziger Satz ist von ihm geblieben, einer nur, ja, wenn überhaupt. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob dieser Satz wirklich von ihm stammt oder ob er ihm fälschlich zugeschrieben worden ist. 08.11.07
Das zu suchende Unsichtbare hinter dem Sichtbaren, das zu suchende Un- sichtbare hinter dem gefundenen Unsichtbaren. 09.11.07
Er fragte, wieviel Salieri ich einnehmen müsse. Drei Tabletten am Tag, sagte ich. Eine morgens, eine mittags, eine abends. 10.11.07
Je feiner, desto empfindlicher, desto leichter zu zerstören, stellen wir uns vor - und bestätigt uns die Alltagserfahrung das nicht auch? Aber wenn nun gerade das Feinste das am schwersten zu Zerstörende wäre? 11.11.07
Wir leben hier von Brocken. Unsere Gedanken sind nichts als Fragmente. Ja unser Wissen ist Stückwerk. Johann Georg Hamann
12.11.07
Von einer nicht meßbaren Wärme erfüllt (wie ein Karpfen - vielleicht - in einem zugefrorenen Teich). 13.11.07
Hier waren - das war das erste, was dem Reisenden auffiel - alle Dächer grün. Grün - dies wurde ihm erst später klar - vom Chlorophyll. Die Häuser hier betrieben also Photosynthese. Aber vielleicht war es - da Häuser doch erbaut werden und nicht aus dem Boden wachsen - angemessener, von Behau- sungen zu sprechen. Nein, auch das traf es wohl nicht, denn einiges sprach dafür, daß hier nicht nur gewohnt wurde, sondern eine von wechselseitigem Geben und Nehmen geprägte Beziehung, eine Symbiose, vorlag. 14.11.07
Ein Gott mit Feinmechanikerhänden – was kann er gegen ein Erdbeben aus- richten? 15.11.07
Ein Haus, an dem Jahrhunderte gebaut haben: von einer einzigen megaloma- nen Minute zerstört. 16.11.07
Antworten, die vor den Fragen da sind, die aber erst, wenn diese gestellt wer- den, in die Wahrnehmbarkeit treten (wie eine Bühnenfigur auf ihr Stichwort hin aus der Seitenkulisse tritt). 17.11.07
Manchmal läßt er für Augenblicke wie eine intime Stelle das Kind sehen, das er einmal war. 18.11.07
Das Wort allein, sich selbst überlassen, neigt seinen Schweregesetzen nach dem Sinn zu. Bruno Schulz (Deutsch von Joseph
Hahn)
19.11.07
Eine Schule des Sehens, die zugleich eine Schule des Übersehens ist, und ihre allzu gelehrigen Schüler. 20.11.07
Er hat nur zwei Farben zur Verfügung und versucht doch immerzu, Regen- bögen zu malen. 21.11.07
Hier füttert man Namen mit Verehrung, mästet sie, bis sie schlachtreif sind. 22.11.07
Eine Hölle, die sich der Leugnung der Tatsache verdankt, daß Höllen möglich sind. 23.11.07
- Geht es hier hinein? - Ja. - Und wieder hinaus? - Und hinaus, aber ohne »wieder«. - Ich verstehe nicht. - Hinein und zugleich hinaus. Versuchen Sie es, öffnen Sie die Tür. 24.11.07
Wie andere mit Perlen und Brillanten, schmückt er sich mit seinen besten Augenblicken. 25.11.07
»Warum willst du schon gehn?« fragt man ihn, und er sagt: »Ich muß noch was tun«, aber das ist gelogen. Die Sehnsucht nach der Sprache zieht ihn nach Hause. 26.11.07
Die Sprache ist kein Mittel des Geistes, sie ist Geist. Wer sie als Mittel hand- habt, ist geistlos. Friedrich Georg Jünger
27.11.07
Ich höre ein Geräusch, das von der Kochnische herkommt, und drehe den Kopf. Die Decke wird dort gestrichen, mit einer Lammfellrolle. Die ist an einem langen Stiel befestigt, aber niemand hält den, wenigstens niemand, den ich sehen kann. Streicht ein Unsichtbarer mein Zimmer, oder bewegt ein ver- borgener Mechanismus das Gerät? Ich schaue in die Richtung der Fenster und sehe, dort ist die Arbeit bereits getan, Decke und Wände schimmern in strah- lendem Weiß. Die Farbe ist noch nicht trocken, zeigt einen feuchten Glanz. 28.11.07
Ein Gefangener, der sich ein umfassendes Wissen zum Thema »Türen« angelesen hat. 29.11.07
Die Schmetterlinge erfahren davon, daß ihr Flügelschlag Orkane auslösen kann. 30.11.07
Hier waren die Hände immerzu in Bewegung, gestikulierte man in einer Weise, die dem Reisenden zuerst ganz übertrieben, ja, beinah grotesk vorkam, ihn aber bald in Bann schlug. Ein Tanz war das, eine Art Balztanz. Man warb hier unaufhörlich umeinander, mit den Händen, weil sie hier die Attraktivität eines Menschen definierten. 01.12.07
Zwanzig Jahre lang ist sie in meinen Träumen nicht gealtert, und plötzlich ist sie eine Frau um die Fünzig. Sie begegnet mir auf der Straße, in der Nähe meiner Wohnung. Ich erkenne sie nicht gleich, sage fragend ihren Namen. Der Traum schmeichelt ihr nicht, sie hat sich schlecht gehalten, hat alle Attraktivität verloren, und doch fühle ich mich, wie sie nun vor mir steht, von einer Welle zärtlicher Gefühle erfaßt. 02.12.07
Ein Sehen, das dem Lesen, ein Sehen, das dem Schreiben vergleichbar ist, die Vermischung beider Formen des Sehens. 03.12.07
Der Theoretiker der Verwandlung. Je mehr er über sie liest und denkt, desto mehr verschließt sie sich ihm als reale Möglichkeit. 04.12.07
Man darf nicht sagen, daß etwas existiert, was man nicht sieht. Man soll also wie die anderen reden, aber nicht wie sie denken. Blaise Pascal (deutsch von Ulrich Kunzmann)
05.12.07
Wie oft ist man wohl schon im Schlaf durch Architekturen gewandelt, gelaufen, geirrt, die Ausgangspunkt eines neuen Epochenstils sein könnten, und wie oft hat man wohl schon Gemälde geträumt, für die das gleiche gilt? 06.12.07
Etwas muß schwer werden, damit etwas anderes leicht wird. Etwas muß ver- stummen, damit etwas anderes zu sprechen beginnt. 07.12.07
Unser Schiff steuerte den Bahnhof an. Wir hatten ihn schon fast erreicht, da hob uns eine Schleuse (eine Schleuse, die allerdings unsichtbar blieb: ich sah nur das steigende Wasser) um ein paar Meter, und indem dies geschah, verwandelte sich die Umgebung. Waren wir eben noch in der Stadt gewesen, befanden wir uns nun in einer felsigen, ganz archaisch wirkenden Landschaft, die eine eigentümliche Schönheit besaß. Ich hätte sie gerne fotografiert, hatte aber keine Kamera dabei. (»Keine Kamera dabei« - kam man denn in Land- schaften wie diese überhaupt mit einem Fotoapparat?) 08.12.07
Eine Bilbliothek in den Wolken, die in allen Sprachen schweigt (allen lebenden und allen toten). 09.12.07
Dieses ewige Herumreiten des Tags auf dem stofflichen Aspekt der Wirklich- keit. (»Abwärts wend ich mich ...«) 10.12.07
Hier zeigt man an der Grenze nicht den Ausweis, sondern seine Füße vor. Sind sie auch fein genug? Nur die mit den feinsten Füßen werden ins Land ge- lassen. 11.12.07
Immerhin, einen Namen hat das Tier schon: Zerberus. Nun muß es lernen, auf seinen Namen zu hören. 12.12.07
Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie alle einander gut gekannt hätten. Elias Canetti
13.12.07
Nun geht es nicht mehr vor und nicht mehr zurück, nicht mehr hinauf und nicht mehr hinunter, ich stecke fest in dieser halsbrecherischen Konstruktion, auf die es mich, ich weiß nicht warum, getrieben hat, bin gefangen zwischen Himmel und Erde und schwinge wie ein Pendel hin und her, hin und her. Ich war auf dem Weg zu meiner neuen Adresse - ich wohne jetzt mit einer Frau zusam- men, einer Frau, die ich zu lieben oder vielleicht auch nur lieben zu sollen glaube -, war schon fast da, nur ein paar Häuser haben mich noch vom Ziel getrennt, doch dann habe ich mich auf den letzten Metern, weil ich nicht mehr wußte, wie der Weg weiterging, geradeaus oder links oder rechts, verlaufen. 14.12.07
Ein Arzt, der mit Reimen heilt. (Aber was ist, wenn man sich die verboten hat?) 15.12.07
Der Begriff des Talents impliziert, daß es der Normalfall ist, daß wir etwas nicht können. Was für eine traurige Vorstellung von der menschlichen Spezies! 16.12.07
17.12.07
Ich war im Untergeschoß einer Buchhandlung. Sachbücher standen hier, aber die Regale waren nur halb gefüllt. Ich stand vor den Geschichtsbüchern, nahm eins in die Hand, stellte es aber, ohne hineinzuschauen, wieder zurück. Dann stand ich im Aufzug, und jemand anders war bei mir. Wir hätten hinauffahren müssen, aber statt dessen fuhren wir, das war mir völlig rätselhaft, hinunter, mehrere Stockwerke. Als wir ausstiegen, empfing uns eine eingeweideartige Architektur aus engen, gewundenen Gängen. Lange Röhren wurden mir - von wem? - vor das Gesicht gehalten, Röhren, durch die ich sah. Plötzlich erkannte ich meinen Begleiter. »Zeigst du mir das Licht, das göttliche Licht?« fragte ich ihn. Er sagte ja, und gleich war auch ein Licht da, ein Licht, das in einiger Entfernung im Raum schwebte. Es war klein und nicht besonders hell: ich wünschte es mir strahlend und überwältigend. Nun wurde es auch heller, aber nur ein wenig. Wir fuhren auf das Licht zu, da sah ich, es kam aus einer nackten Glühbirne. Als wir unter ihr herfuhren, griff ich nach ihr und hielt sie mir vor die Augen. Nun leuchtete sie nur noch ganz schwach. 18.12.07
Einer verwandelt sich, um ihm auf die Schliche zu kommen, in seinen Feind. Aber da sind, stellt er verwundert fest, gar keine Schliche. Er findet nur den Wunsch, sich in ihn zu verwandeln, um ihm auf seine Schliche zu kommen. 19.12.07
Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr weiß, wohin man geht. Johann Wolfgang Goethe
20.12.07
Ich laufe in der Luft, einen halben, einen Meter über dem Boden. Es ist ganz leicht, ich muß immer nur einen Fuß vor den andern setzen. Wichtig ist, den Schwung nicht zu verlieren. Einmal in der Luft, hält man sich dort, wenn man nicht stockt, nicht stehenbleibt. Aber diese Fähigkeit, fällt mir jetzt ein, im Traum habe ich sie schon oft besessen. Heißt das, daß ich auch jetzt träume? Ich schaue mich zweifelnd um, kann aber nichts entdecken, das dafür spräche, daß dies ein Traum ist. 21.12.07
Im Verfehlen der Biographie das Leben finden (das Leben in seiner ganzen Fülle). Winter
2007 / 2008
22.12.07 Das Eis, weiß vom Rauhreif, noch trägt es nur das kleine Gewicht der Vögel, die es mit zarten Kalligraphien überziehn. Noch hat es sich keine einzige Schlittschuhschramme geholt. 23.12.07
Ihre Stimme war wie eine Aufforderung, nicht zu viel auf den Augenschein zu geben. 24.12.07
Die verstummte Pythia. Ein paar Jahre war sie - Erfahrungen im Orakelwesen gelten auf dem Arbeitsmarkt nicht viel - beschäftigungslos, jetzt sitzt sie, schlecht bezahlt, an einer Supermarktkasse, scannt Preise ein, gibt Wech- selgeld heraus und plaudert mit der Stammkundschaft. 25.12.07
Ich las ein Gedicht Friederike Mayröckers. Die Anordnung der Zeilen war seltsam, ich fragte mich nach dem Grund. Da verschwand der Text, und es erschien eine Karte Afrikas, in die stilisiert dargestellte südwärts fliegende Vögel gesetzt waren. Die Anordnung der Vögel zeigte die Route an, die sie im Herbst nahmen, und sie entsprach der Anordnung der Gedichtzeilen. 26.12.07
Die, wenn sie gehen, ihre Jugend mitzunehmen scheinen wie einen ewigen Besitz. 27.12.07
Aber vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: es liegt ein golddurch- wirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm, verheißend, widerstre- bend, schamhaft, spöttisch, mitleidig, verführerisch. Friedrich Nietzsche
28.12.07
Wenn die Rede war von Tätern und Opfern, war man immer - ganz selbstver- ständlich - in seiner Vorstellung bei den Opfern, doch nun In einem Traum tötet man einen Mann, mit den bloßen Händen, einen Men- schen zwar, von dem Gefahr ausgeht, aber trotzdem Man erwürgt den am Boden Liegenden, fühlt seine panische Gegenwehr, fühlt sie schwächer werden und dann Er war gefährlich, ja, ein Mörder und mußte darum außer Gefecht gesetzt wer- den, aber trotzdem, trotzdem 29.12.07
Das Kind, das errötet, als es die richtige Antwort sagt. Weil es sie weiß? Weil es ahnt, daß dieses Wissen nichts ist? 30.12.07
Ist das nicht ...? Nein, aber die Ähnlichkeit ist verblüffend. Nur ist der Mann hier - das ist dem ersten Blick entgangen - deutlich älter. Er stützt sich auch - das sehe ich gleichfalls erst jetzt - auf einen Stock. Es ist, als führe er vor, was den, mit dem ich ihn verwechselt habe, erwartet: das Alter und die Gebrechlichkeit, denen er nicht wird entgehen können. 31.12.07
Der Sänger, ein junger Israeli, sang zuerst deutsch, dann aber englisch: einen schönen, melodischen Popsong, der wohl auch das Englische forderte. Als ich aufwachte, war alles, die Melodie ebenso wie der Text, weg, doch gingen mir diese seltsamen Worte unaufhörlich durch den Kopf: »eine Chiffre in einer Chiffrenwelt«. War das, ins Deutsche übersetzt, der Songtitel? Waren diese Worte - ihre englische Entsprechung, ich begann mich dunkel zu erinnern - nicht auch im Refrain vorgekommen? Waren sie die Antwort auf die Frage, mit welcher der Sänger das Lied begonnen hatte: wer er, was er sei? 01.01.08
02.01.08
Dem Leben gegenüber vergißt man ständig die gelernte Höflichkeit und sagt nicht »Ich möchte«, sondern »Ich will«. 03.01.08
Wenn wie jetzt keinerlei Luftbewegung da war und sich die zarte Wasserhaut spannte wie das Fell einer Trommel, konnte man auf ihr laufen. Ich demon- strierte es, die Füße behutsam aufsetzend, den andern, und sie taten es mir nach. Konnte man, fragte ich mich, auch einen Handstand machen? Nein, solche Kunststückchen ließ ich wohl besser. 04.01.08
Durch das planlose Umherstreifen, durch die planlosen Streifzüge der Phanta- sie wird nicht selten das Wild aufgejagt, das die planvolle Philosophie in ihrer wohlgeordneten Haushaltung gebrauchen kann. Georg Christoph Lichtenberg
05.01.08
Ich blättere in einem Buch über Tintoretto. Die in ihm abgebildeten Gemälde kenne ich alle nicht. Die ersten sind von einer klassischen Einfachheit, die gar nicht zu dem Bild, das ich von dem Maler habe, paßt, doch dann werden die Kompositionen deutlich komplexer. Das letzte Gemälde, das ich mir ansehe, zeigt eine vielfigurige Szene. Die Figuren sind so angeordnet, daß bei län- gerem Hinschauen zwischen ihnen eine Swastika erscheint. 06.01.08
Die Dunkelheit war als Einladung und Aufforderung zu verstehen, als Einladung an die Selbstleuchter, als an sie ergehende Aufforderung, sich zu zeigen. 07.01.08
Die Landschaft trug die winzige, erst in der Vergrößerung erkennbare Signatur eines Gottes. 08.01.08
Auch wenn die Ziele nicht erreicht werden, es geht nicht ohne sie. Kolumbus mußte einen kürzeren Seeweg nach Indien suchen, um Amerika zu entdecken. 09.01.08
Ich konnte kaum bis zur Wand sehn, so dicht war hier der Nebel. In den andern Zimmern schaute es nicht besser aus, dabei war die Luft draußen doch ganz klar gewesen. 10.01.08
Menschen, die sich wie andere zu einem Gott oder einer Nation zu einem Jahrhundert bekennen (zum fünfzehnten beispielsweise oder zum achtzehnten). 11.01.08
Kleine geisterhaft-blasse Bilder - plötzlich waren sie da -, auf den sonnenbe- schienenen Weg projiziert, bei genauerem Hinschauen erkannte ich Kirschen. Sie rührten, wie mir schien, von meinen Schuhen her (die offenbar - es gelang mir nicht, dies zu klären - einen Kirschenschmuck trugen). Ich trat in den Schatten, und da wurde aus dem Blaßrosa der Bildchen ein dunkles Rot, der Eindruck des Geisterhaften verschwand ganz (ich war fast versucht, nach den projizierten Kirschen zu greifen). 12.01.08
Wie kläglich ist meine Selbsterkenntnis, verglichen etwa mit meiner Kenntnis meines Zimmers. Franz Kafka
13.01.08
Ein Schreiben, das ein In-die-Sprache-Holen ist. Ein Schreiben, das nur das schon in sie Geholte kennt. 14.01.08
Wie sehr uns die Kämpfe der Vergangenheit langweilen. Wieviel Leidenschaft da verschwendet worden ist. 15.01.08
Einer findet Gott in der bunten Überfülle eines Kaufhauses, ein anderer im Bett einer gleichgültig-routinierten Hure. 16.01.08
Er öffnete die Augen und sah, in der Zimmerdecke war ein Loch, genau über ihm und so groß, daß er den Kopf hätte hindurchstecken können. Offenbar war die Decke von oben durchstoßen worden, wie ein Blatt Papier von einem Bleistift, und sie schien auch nicht viel dicker als Papier zu sein. Er sprang aus dem Bett, knipste das Licht an: das Loch war weg. Und wenn er liegenge- blieben wäre, die Angst überwunden hätte? Das Loch in der Decke im Blick behaltend, gewartet hätte? Was wäre wohl geschehen? 17.01.08
Noch mehr als die Verwandlung überraschte ihn, daß sich sein neues Gesicht in keinster Weise anders anfühlte als das alte, von dem es doch so verschie- den war. Hätte er nicht in den Spiegel geschaut ... 18.01.08
Das Telefon läutet, du hebst ab, und noch ehe du etwas sagen kannst, teilt man dir mit, du seist tot. Nein, du hast dich nicht verhört, die Person am andern Ende der Leitung - die Stimme kommt dir vage bekannt vor - hat ganz deutlich deinen Namen genannt. »Tot?« fragst du mit der Einsilbigkeit des Über- rumpelten, und der Anrufer gibt dir nähere Auskunft. 19.01.08
Ich sehe nicht, was man sich mehr wünschen kann als mit tätiger Muße verbun- dene Armut. Albert Camus (deutsch von Guido G. Meister)
20.01.08
Eine Enge, so ängstlich verteidigt, als wäre sie das Leben und die Weite der Tod. 21.01.08
Bevor sie sich in ein Buch begibt, prüft sie (wie man vor dem Baden einen Finger oder einen Zeh ins Wasser tunkt) seine Temperatur. 22.01.08
Wie jung sie aussah, wie eine Zwanzig-, Einundzwanzigjährige (in Wahrheit ist sie einundfünfzig), ganz mädchenhaft also, sehr anziehend, und doch war da etwas in ihren Zügen, das mich irritierte: es war ihr Gesicht und doch nicht ihres, aber trotz dieses Irritierenden war ich voller zärtlicher Gefühle, streichelte ihren Hinterkopf, und der war zugleich (ich wußte, daß das eigentlich nicht sein konnte, fühlte aber deutlich die beiden verführerischen Rundungen) ihr Hinter- teil. 23.01.08
Die Tür ließ sich nur von der anderen Seite her öffnen, aber war dort auch je- mand? Und wenn ja, ließ der sich von seinem Wunsch einzutreten berühren? 24.01.08
Ein Haus voller Fische: sie schwimmen von Zimmer zu Zimmer, von Stockwerk zu Stockwerk. 25.01.08
Das war also der von allen so sehnlich erwartete Gigant. Wie zart er war und wie zurückhaltend. Und dann diese eigentümlichen, sich immerzu in seine Rede schummelnden Zischlaute - es würde nicht lange dauern, bis ihn die Witzbolde imitierten. 26.01.08
Als Sieben- oder Achtjähriger unterscheidet man nicht zwischen kostbaren und billigen Materialien. Diese Unterscheidung lernt man erst später zu treffen, um noch später, ein halbes Leben später vielleicht, zu lernen (wenn man Glück hat und wenn man bereit ist für diese Lektion), sich wieder von ihr zu verabschie- den, sie hinter sich zu lassen. 27.01.08
Dem Dichter ist die Sprache nie zu arm, aber immer zu allgemein.
Novalis
28.01.08
Als ich aufwachte, war ich mir ganz sicher, daß es sie gab: die Frau, von der ich geträumt hatte, daß es sie gab und daß wir einmal näher miteinander zu tun gehabt hatten. Aber wann war das gewesen, und wie hatte sich diese nähere Bekanntschaft gestaltet? So sehr ich mich auch bemühte, ich fand keine Antworten auf diese Fragen. Die Region meiner Vergangenheit, in der ich sie vermutete, lag in dichtem, von der Erinnerung nicht zu durchdrindendem Nebel. 29.01.08
Ein Buch, das von der Lektüre eines Buchs erzählt, welches die Lektüre eines Buchs zum Thema hat. 30.01.08
Wir lagen auf einem schmalen Sims, in großer Höhe, eng an die Hauswand gedrückt, gleich würde man das Feuer eröffnen. Ich stellte mir vor, eine Kugel träfe mich, am Arm, an der Schulter, mochte aber nicht glauben, daß dies wirklich geschähe, denn ich war unschuldig, wie auch, bis auf einen, die andern hier, doch als ich nun einen Blick hinunterwarf, tief unter mir das steinerne Pflaster liegen sah, wurde ich von Todesfurcht überwältigt. Aber dies war ja gar nicht real, sondern ein Traum - plötzlich wußte ich es -, mir konnte nichts geschehen, überhaupt nichts. Ich konnte mich fallenlassen und würde doch nicht sterben, auch wenn mein Leib zerschmettert wurde - er war ja nur mein Traumleib. Dies wußte ich, und trotzdem verließ mich die Furcht nicht. (Und wenn ich sie überwunden hätte, mich wirklich hätte fallenlassen? Was wäre dann wohl geschehen?) 31.01.08
01.02.08
Sie war jung, aber war sie auch schön? Sie hatte etwas, das auf jeden Fall, eine schwer beschreibbare Ausstrahlung, und sie galt als Begabung. Sie gab seiner Nachbarin die Hand, zögerte einen Augenblick und hielt sie auch ihm hin. Er hätte aufstehen müssen, er wußte das, aber aus einem Grund, den er selbst nicht verstand, tat er es nicht. »Wer sind Sie?« fragte sie, ihn fixierend. »Ich?« entgegnete er. »Niemand, niemand!« 02.02.08
Alles schien sich verwandelt zu haben, hatte aber nur eine größere Deutlichkeit gewonnen, eine Deutlichkeit, die atemverschlagend war. Hatte er je im Leben so scharf gesehen? Gab es überhaupt Lebende, die so sahen? War das nicht den Toten vorbehalten? 03.02.08
Nur als Rätsel ist der Mensch groß und deutlich genug. Nur eine mystische Anthropologie wird ihm gerecht. Lars Gustafsson (deutsch von Verena
Reichel)
04.02.08
So viel Post bekam ich sonst nie - war das wirklich alles für mich? Die Adres- sen überprüfend, entdeckte ich auf einem Umschlag, der keinen Brief, son- dern, wie deutlich zu fühlen war, etwas von pulvriger Konsistenz - ich fragte mich, was wohl - enthielt, die mit einer etwas ungelenken weiblichen Hand- schrift geschriebenen Worte Junger, Junger, hier kommt mein Hunger. Einen Absender fand ich nicht, ahnte aber, wer mir das geschickt hatte. 05.02.08
Das Fliegen ist die natürliche Bewegungsform des Geistes. Unsere nächtli- chen Flugträume erinnern uns daran. 06.02.08
Diese Sätze hatte beide er geschrieben, am selben Tag, vielleicht sogar in der selben Stunde, aber sie unterschieden sich wie ein Fuß- und ein Schuhab- druck. 07.02.08
Am Fußende meines Bettes stand jemand. Nein, dort schwebte etwas. Eine Art Hemd, wie mir schien, lang und weiß. Mich aufsetzend, griff ich danach. Ja, es war, was ich vermutet hatte. Mehr hatte ich nicht wissen wollen: ich ließ es achtlos fallen. Doch kaum hatte ich mich wieder zurückgelegt, kam mir der Einfall, ihm zu befehlen, sich wieder vom Boden zu erheben. Es folgte mir aufs Wort, schwebte gleich wieder im Dämmer des Zimmers, am Fußende des Bettes, wie zuvor. Ich ließ es näherkommen, dann kreuz und quer durchs Zim- mer fliegen und - weil dies ein so unterhaltsames Spiel war - um die Lampe kreisen, erst im Uhrzeigersinn, dann in der Gegenrichtung. 08.02.08
Sein Spiegel schien ihn jeden Morgen zu ermahnen, sich nicht mit seinem Körper zu verwechseln. 09.02.08
Warum berührt einen der Anblick des Wassers oft so? Weil es eine Ahnung davon vermittelt, wie alles in Wahrheit ist? 10.02.08
Die Wand, auf die man eine Tür gemalt hat, ihr doppeltes Dahinter. (Der hinter ihr steht, weiß nur von einem, seine Stimme aber bewohnt, wenigstens für den vor ihr Stehenden, das eine wie das andere.) 11.02.08
Unser Ziel ist es, zu entdecken, daß wir schon immer dort waren, wo wir sein sollen. Aldous Huxley (deutsch von Herberth E.
Herlitschka)
12.02.08
Einer, der falsch singt, damit sich seine Stimme nicht mit den anderen Stim- men im Chor vermischt. 13.02.08
Er sah ihn im Vorbeigehn, auf dem Nachhauseweg, mit vom Lesen müden Augen. Der Mann stand in einer Kelleröffnung und schaufelte etwas in einen großen dunkelgrünen Plastiksack. Edelsteine, dachte er. Diamanten, Rubine, Saphire. 14.02.08
Überall standen hier kleine Häuser, er mußte aufpassen, daß er sie nicht zer- trat. Konnte man in einer solchen Spielzeugarchitektur ein ernsthaftes Leben führen? Die Frage ging ihm durch den Kopf, aber er wußte, wie unsinnig sie war. 15.02.08
Der Schlaf und die Träume: ein großes dunkles Haus, nur in ein paar Zimmern brennt Licht. 16.02.08
Zwei Männer reinigen einen Hof. Der eine schüttet dem andern aus einem Eimer Wasser vor den Besen, und das glitzert in der tief stehenden Sonne so sehr, daß es fast aussieht wie flüssiges Licht. Ein unbekannter kostbarer Stoff, der nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit gewöhnlichem Wasser besitzt. Die beiden, mit ihrer Arbeit beschäftigt, wissen von dieser Verwandlung nichts. 17.02.08
Alle Herzen beginnen vernehmbar zu schlagen (nicht nur die menschlichen, sondern auch die der Tiere). 18.02.08
Von der Decke ließ sich langsam eine Spinne herab. Sie war riesig, ihre Bei- ne mehr als eine Elle lang. Würde sie ihn fressen? Er war entschlossen, nicht zu flüchten, geschehen zu lassen, was geschehen sollte, doch dann entfuhr ihm ein leises, beschwörendes »Tu mir nicht weh!«, und das Tier verwandelte sich in ein Ding, einen seelenlosen Mechanismus, und der näherte sich ihm nicht weiter, sondern trat sogleich den Rückzug an, kehrte zur Zimmerdecke zurück, und noch ehe die erreicht war, hatte er sich in Nichts aufgelöst. 19.02.08
Wir sind unerschöpflich, und wenn es hundert Kontinente gäbe, erwüchse auf jedem eine eigene Kultur. Ernst Jünger
20.02.08
Dieses Restaurant hatte eine besondere Spezialität zu bieten: man konnte sich eine lebensgroße Nachbildung seiner selbst servieren lassen. Ein korpu- lenter, munterer Mann - war das ein Prominenter? - erzählte stolz, er habe die ganz verspeist. Don DeLillo habe es auch versucht, aber der habe kotzen müssen. Ich fragte mich, ob man eine so große Menge Fleisch überhaupt bewältigen könne, und da wurde der Mann in einer Rückblende gezeigt: ein gebratenes anthropomorphes Etwas, zur Hälfte schon gegessen, lag lang vor ihm auf dem Tisch. Er schaffte auch noch den Rest. 21.02.08
Es heißt, die Naturwissenschaften entzauberten, nähmen allem sein Geheim- nis, aber erscheinen die Dinge nicht in dem Augenblick, da sie aus dem Schatten treten, am geheimnisvollsten, entfalten sie nicht da den größten Zau- ber? Nur beginnt man sich, wenn sie dann im Licht stehen, allzu rasch an ihren Anblick zu gewöhnen, und dann werden sie geheimnislos, banal. 22.02.08
Es ging nicht darum, vor diesem oder jenem anzukommen, denn dieses Ziel war nur ihm gesetzt. War ihm gesetzt? Hatte er es nicht selbst bestimmt? Es war naheliegend, die Sache so zu sehen, aber verhielt sie sich wirklich so? 23.02.08
Ein Arzt, der mit Bildern heilt, Bildern, die er den Kranken schickt, wenn sie schlafen. 24.02.08
Wer die Hauptrolle spielte in diesem Stück? Das Licht. Ja, das Licht, aber es brauchte eine Weile, bis uns das aufging. 25.02.08
Ein Maler, der sich von Geschichten, ein Erzähler, der sich von Bildern ernährt. 26.02.08
Das Einzigartige jedes Traums wird von den Wenigsten geahnt, wie könnten sie ihn sonst zu irgendeinem Gemeinplatz entblößen. Elias Canetti
27.02.08
Da war ein Licht, in der Mitte meines Sehfeldes, klein noch, aber es wuchs, ins Dunkel des Zimmers hinein. Es sollte dieses Dunkel ganz verdrängen, das wünschte ich mir, doch als es etwa die Größe meiner Fenster erreicht hatte, hörte es auf zu wachsen. Nun waren Schemen da, in dem Licht, zwei erst, dann drei. Sie bewegten sich, aber sie blieben torsohaft, die Köpfe und den größten Teil der Beine sah man nicht. Was waren das für Wesen? Bewohner einer anderen Welt? Sie verschwanden wieder, und nun war, was sich in dem Licht ereignete, wie ein Animationsfilm, in einem Stil, der an Volkskunst erinnerte. Was wurde ge- zeigt? Eine Erwachsenentaufe, in einem Fluß, in einem See? Ich spürte deutlich, daß außer mir noch jemand im Zimmer war, hinter meinem Bett. Diese Person näherte sich mir, sprach zu mir, aber ich verstand kaum, was sie sagte, nur ihren Namen weiß ich noch: Friedrich Schlegel. 28.02.08
Hier führten, wie es schien, bald alle ein zufriedenes Leben, viele nannten sich sogar glücklich, aber es gab hier nicht mehr Farben als auf einer Landkarte. 29.02.08
01.03.08
Hat man etwas vorbereitet, eine kleine Feier vielleicht? Die Frage beschäftigt ihn, sehr sogar, aber er läßt sich nichts anmerken. Auch die Enttäuschung wird er sich nicht anmerken lassen, die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, daß man ihn ganz vergessen hat, daß niemand daran gedacht hat, daß heute sein Todestag ist. 02.03.08
Ich kehrte den Boden, fegte zusammen, was zwischen den Tischen lag, Papier zuerst, dann verschiedenfarbige Metallic-Folien, Reste von Geschenkverpak- kungen wohl, billiges Zeug, natürlich, aber wie das glitzerte! Sollte das wirklich in den Abfalleimer? 03.03.08
Freiheit ist etwas, das ich hervorbringen muß. Sie produziert sich nicht in mir, wenn ich nichts produziere. Friedrich Georg Jünger
04.03.08
Seine Krone war schon durch so viele Hände gelaufen, daß sie abgegriffen war wie eine Münze, die beizeiten aus dem Verkehr zu ziehen, versäumt worden ist, und bei der sich nun jeder, der das Pech hat, sie in seinem Portemonnaie zu finden, fragt, ob er sie wohl wieder los wird, ob sie andere überhaupt noch als Zahlungsmittel akzeptieren. Er trug sie darum nur, wenn er allein war. 05.03.08
Als ich ins Zimmer trat, lief dort ein Film. Man saß auf Stühlen oder in Sesseln im Halbkreis, die Augen auf den Bildschirm gerichtet, nur sie, die Frau, zu der es mich hinzog, unwiderstehlich, hockte am Boden, und hinter ihr auf einem Tisch lag, makellos schön und leblos wie eine Schaufensterpuppe, ihr nackter Körper (jawohl, ihr Körper und nicht eine Doppelgängerin oder eine Zwillings- schwester). Ich setzte mich auf den Tisch, an seinen Rand, wo noch etwas Platz war, und um diesen ein bißchen zu vergrößern, schob ich die Füße des Frauenleibs näher zu seinem Rumpf hin, was bei der am Boden Hockenden einen Anfall auslöste, einen Anfall, der jemand anders gleich besorgt zu ihr hinstürzen ließ. 06.03.08
Bald würde er sichtbar sein, wie die andern, aber vielleicht würde es ihm ge- lingen, etwas von dem, was ihm die Unsichtbarkeit schenkte, hinüberzunehmen in die Sichtbarkeit. 07.03.08
Wenn wir einander dort am ähnlichsten wären, wo wir uns am meisten vonein- ander zu unterscheiden meinen: in dem, was wir nicht von uns mitteilen? 08.03.08
Zwei Kugeln, Billardkugeln vielleicht, die eine schlug an die andere, und die zerplatzte zu vielen kleinen Kugeln, die waren von einem leuchtenden Weiß und sprangen in alle Richtungen. 09.03.08
Er hat sich heiser geschrieen unter den Lauten: vergebens, man hat ihn nicht gehört. »Wir Leisen«, raunt er nun mit lädierter Stimme. 10.03.08
Hat man einmal den Saft der Wörter gekostet, so kann ihn der Geist nicht mehr entbehren; er trinkt den Gedanken. Joseph Joubert (deutsch von Fritz Schalk)
11.03.08
Jeder stirbt einmal zur Probe, einen Tod auf Zeit wie in Kinderspielen, und er kann das Wann und das Wie dieses Todes selbst bestimmen. 12.03.08
Nun war also wieder dieses weißschimmernde windhosenartige Etwas da: er sah es staunend, sah, wie es, von der Fensterseite her kommend, durch das wie in tiefem Schlaf liegende Zimmer schwebte und hinter dem den Raum teilenden großen Bücherregal verschwand. Und wenige Augenblicke später erschien in der Ecke neben dem rechten Fenster ein zweites weißschim- merndes Etwas, glitt wie das erste langsam durchs Zimmer, um gleichfalls hinter dem Regal zu verschwinden, dem folgte ein drittes und dem ein viertes. Dann geschah nichts mehr. Sollte er Licht machen? Er wußte es nicht. 13.03.08
Menschen, die als seltsame Abweichung erscheinen, in Wahrheit aber einen Evolutionsschritt vorwegnehmen. (Ihre Schwierigkeiten, ihre besseren Gene weiterzugeben.) 14.03.08
15.03.08
Ein Spiel, dessen Regeln kein Mitspieler kennt. Wer sie errät, scheidet aus. Es sagt ihm allerdings niemand, daß das Spiel für ihn vorbei ist. Es kann ihm das auch niemand sagen, denn dies ist ja eine der Regeln, von denen die andern nichts wissen. Er nur weiß, daß er nicht mehr mitspielen kann. 16.03.08
Mund und Hand. - Ist nicht jeder zu Papier gebrachte Satz, der auch nur ein wenig Gewicht hat, vom Mund abgespart? 17.03.08
Seine himmelblau gestrichenen Wände, das Rot seiner an ihnen blutig ge- schlagenen Stirn. 18.03.08
Die Einsamkeit zählt nicht zu den Leiden des Autors, sondern zu seinem Ka- pital. Ernst Jünger
19.03.08
Mit leichten Gepäck hat er seine Reise angetreten, mit drei vollen Koffern kommt er nun zurück. Mit leichtem Gepäck wird er sich wieder auf die Reise machen. zurück |