| Ulrich Kölker Ein Strand voller Uhrentrümmer Aus dem digitalen Notizbuch 2005 Doch was ist mit der weißen Milch der Frühe?
Die schwarze westliche und die weiße östliche Trauer. Umgezogen in eine kleinere Wohnung und in ein geräumigeres Leben. Die farbenblinde Nacht: sie hört die Farben, die sie nicht sehen kann. Die Kälte schneidet dir mit gleichgültiger Klinge ein anderes Gesicht. Eine Zeichnung, in der sich die Geometrie ziellosen Träumereien hinzugeben scheint. Ein Gezeichneter mit dem Weltvertrauen eines Kindes in den Augen. Der Vers findet nicht den Vers und der Stein nicht den Stein. Er wird älter: seine Phantome setzen Fett an. Die Nacht atmet uns ein und der Tag wieder aus. Über dem Stahlblau des eisüberkrusteten Wassers eine rotblonde senkrechte Schraffur. Vom Licht weg gewachsen. Der Mond steht als großer runder Anachronismus über der Stadt. Seine Jamben schlingen sich in ihre Trochäen. Und immer nur das Kleingeld der Tage. Sich zu den schlafenden Göttern legen. Ich: der andere, der diesem Körper beim Älterwerden zuschaut. Ein Lichtkorn im Humus der Nacht. Er träumt mit offenen Augen: wie ein Irrer oder wie ein Toter. Als sie sich wiedersehen, ist sie weiß wie ein blühender Kirschbaum. Nun kön- nen wir also einen Frühling feiern, sagt er. Sich ins weiche Bett der Erschöpfung legen. Eigentlich war er zum Sterben viel zu tot. Ein Vogel, der in seinem Gesang sitzt wie der Stempel in der Blüte. Ihr Name, fünf Silben, fünf Silbermünzen: er läßt sie von einer Hand in die an- dere gleiten. Die Droge Zukunft. (Zukunftsbesoffen durch eine triste Gegenwart taumeln.) Ein Zukunftsvernichtungspotlach. Unterm Bett liegt zusammengefaltet sein Palast. Niemand möchte der sein, den die Hunde beißen. Wie viele mischen sich da lieber unter das Rudel. Und möchte einmal zwischen schlanken Birken begraben sein. Blütenschnee, in der Luft, in den Locken des Windes. Hinter Bäumen und Sträuchern ein vorbeifahrender Lieferwagen, auf den ein großes Auge gemalt war. Es sah aus, als betrachte das Auge die Landschaft. Die aktiven Ränder des Fragments. Im Aufwachen wird der Gesang des buddhistischen Mönchs zum Brummen eines Rasenmähers. Endlich die Nacht, das winkende Dunkel am Ende des neonhellen Tunnels. Die schülerhaften Rezitationen der Ringeltauben. Der Nachmittag ist eine blaue Scheibe, der ein Hund wieder und wieder nach- jagt, um sie aufzufangen im Flug. Vom Horizont her schiebt sich dunkler Schiefer über den Himmel. Die erste Hitzewelle: der Sommer zeigt uns die Instrumente. Der Wind greift dir ins Haar, greift den Bäumen in die Kronen. Die andere Nacht, der andere Tag hinter den Lidern. Die alte wurmstichige Maske, die alle mit seinem Gesicht verwechseln - der Tod nimmt sie ihm endlich ab. Ein Raum, den nur betreten darf, wer zuvor die Sprache abgelegt hat. Das von der Abendsonne durchstrahlte (in ihr durchscheinend gewordene) Grün. Zögernd setzt er einen Fuß in seinen neuen Gott. Nur noch Haut und Herzschlag. Der Tag kommt nackt aus dem Schoß der Nacht. Der Ausgang war nur mit geschlossenen Augen zu finden. Manche Künstler erinnern an jene Tierzüchter, die sich auf Seltsamkeiten wie haarlos-nackte Katzen spezialisiert haben. Unsere Zungen verirren sich in fremde Sprachen. Eine tuscheschwarze Krähe übersetzt den Himmel ins Japanische. Der Tag trommelt mit dünnen Fingern ans Fenster. Eine Stimme sucht einen Körper, ein Körper sucht eine Stimme. Aus physikalischer Sicht wäre die Liebe ein paradoxes Phänomen: eine Kraft, die mit der Entfernung zunimmt. Ars moriendi als Entfesselungskunst. Ihre nackteste Stimme: ein scheues Tier aus Schall und heimlicher Lust, das nur für Augenblicke seine Höhle verläßt. Nachtdunkle Früchte mit taghellem Kern. Im Hausflur liegt Post für eine Romanfigur. Wie die Fische im Botanischen Garten sein Leben in einer Inszenierung zu- bringen. Die entgegenkommenden Fahrradfahrer brachten ihm das ungeliebte Gesicht zurück. Die leere Bühne: ein Versprechen. Sie füllt sich mit Enttäuschung. Vom Atem der Toten beseelt. Zwischen den dunklen Bäumen steigt lautlos ein Flugzeug auf, die Kondens- streifen von der Abendsonne lachsrosa gefärbt. Was träumst du dich so bescheiden am Leben entlang? Wie Schauer von Neutrinos geht die Zeit durch ihn hindurch. Der Anfang eines in einem Traum gelesenen Gedichts: Lektüre, statt sich wieder in einen schwarzen Kosmos einzuschließen. Das lange kurze Leben, das ihm so schlecht gelingt. Eine halbherzige Hymne an die Nacht. Der Wind: ein heidnischer Gott, dessen Sprache hier niemand mehr versteht (fremd im eigenen Land). Ist der Kult der Schönheit Feier oder Verleugnung der Körperlichkeit? Einander lesend, uns ineinander übersetzend. Der ein halbes Leben alte Tag. Hinter jeder Ecke wartet ein anderer Traum, ein anderer Raum. Das weiße Porzellan des Morgens. Wehe dem, der unter ihre Füße gerät, unter ihre lachenden Füße. Ein Lebewesen, das sich von Gesichtern ernährt, sie den Menschen vom Schädel frißt. Der unspektakuläre Beginn des Herbstes, die schleichende Unterwanderung des Grüns durch seine Farben, die Gelb- und Rottöne des welkenden Laubs. Im Rausch der Ressourcenvernichtung. Das Unnennbare - du wirst ihm nur außerhalb der Sprache begegnen. Ein Mönch ohne Gott und ohne Ordensregel. Die Sterne brennen Löcher in den schwarzen Samt der Nacht. Ein Halbschlafsatzfragment: dessen Schreiben nicht verstand. Die Antworten, die uns das Leben verweigert - hält sie der Tod für uns bereit? Aus der Zukunft zurückgekehrt in eine Gegenwart, die nicht enden will. Eine Trauer berührt eine andere Trauer. Ich schlafe unterm Herzschlag der Nacht. In der lauen Milch eines Sommermorgens baden. Die negentropischen Energien der Sprache. Zwischen Wänden, die weich wie Fleisch sind und warm und die eine das Echo der andern. Es ist noch nicht dunkel genug für das Licht dieses Gedichts. Im Zug trifft er eine Frau, die jeden Tag Geburtstag feiert und immer in einer anderen Stadt. Man kann nicht mit gefalteten Händen vor einer Ikone knien, die man selbst gemalt hat. Wenn auch die Sonne hinterm Nabel keine Kraft mehr hat. A la recherche de l'éternité perdue. Es führt, scheint es, kein Weg am Körper vorbei in die Gegenwart. Das Universum: das Komplexitätsspiel. Er zieht um und behält doch die alte Adresse. Er zieht um und packt doch weder ein noch aus. 2006 Die Nacht gibt ihm den Körper
zurück.
Ein Satz aus einem Traum: Besuche uns einmal mehr und ergrale unsere Sinne. (Übersetzte mir ergrale nach dem Aufwachen mit erleuchte) Eine Schmetterlingsraupe mit einem Horror vor der Metamorphose. Ich male mir die Sonne in die rechte, den Mond in die linke Hand. Er sieht seine Träume wie getroffene Tontauben zerspringen. Ein Zeitrafferfilm, in dem man Wörter altern und welken sieht. Träumen: mit der Präzision eines Uhrwerks. Eine Kulissenwelt aus Eindeutigkeiten. Sie bewohnen den gleichen Traum, aber wie Nachbarn in der Großstadt ken- nen sie einander nicht. Sätze, die ins Schweigen gesogen werden. Jeden Abend endet ein Jahr, und jeden Morgen beginnt ein neues. Ein greiser Pianist mit jugendlichen Händen. Der Leser, den der Autor zu seiner Rechtfertigung erfindet. Der in mir, der nichts vergißt, noch jede Runzel im Gesicht eines seit zwanzig oder seit dreißig Jahren Toten weiß. Werke, die keine andere Aura besitzen als die, welche ihnen der Erfolg ver- leiht. Über das aufgeschlagene Buch gebeugt: der Leser. Aber auch er wird ge- lesen. Ein Bild voller Reime. Ein Substantiv filmt ein Verb, welches ein Adjektiv malt, das in die Betrachtung einer Präposition vertieft ist. Hier ist das Licht für die Liebe zu hart. Er betrügt den Tag mit der Nacht und die Nacht mit dem Tag. Noch nackter als in der Lust ist unsere Stimme, wenn wir im Schlaf sprechen. Er fühlt sich, als trage er sein Löffelgesicht auf dem Hals. Sätze, die wie ein Lauschen auf ferne Echos sind. Die kleinen Hände eines Gottes. Daß alles leicht werde, wieder leicht, daß alles Spiel werde, wieder Spiel. Die rasend schnelle Imagination: Leben ist Verlangsamung. Einer treibt auf einer Eisscholle durch den Frühling. In jeder Hinterbacke hätte ein über fünf Generationen gehender Familienroman Platz. Der Übriggebliebene. Nun benennt man Straßen nach ihm, aber die dort woh- nen, werden nie auch nur eine Zeile von ihm lesen. Eine Wunde, die den Schmerz träumt, den sie nicht mehr fühlt. Eine Wunde, die den Schmerz meditiert. Der Wind als Multiinstrumentalist. Wenn alles Sprechen nur ein schlechtes Nachsprechen wäre? Aus dem Schweigen in die Sprache übersetzt. Eine Handbreit neben sich, neben seiner Rede. Der regengraue Traum, in den hinein sich ein regengrauer Tag fortsetzt. Die Amsel koloriert den grauen Morgen. Der Tod setzt sich eine Narrenkappe auf. Die Schönheit einer Assel mit ihrer Rüstung aus einem phantastischen Mittel- alter. Kleine Schmerzinseln in einem Ozean aus Lust. Wieviel Tonnen Biomasse, wieviel Tonnen Leben, wieviel Tonnen Tod? Die Hitze verwandelt alle in träge Unsterbliche. Auf der Straße ein Kind mit einem wie geschnitzten Gesicht und mit großen, neugierigen Augen. Die in Schönheit durch ein leeres Leben gehen. Das kleine Gelingen gegen das Pathos des Scheiterns setzen. In der Verwandlung leben und nichts von ihr wissen, weil ihr Zeitmaß ein an- deres ist als das eigene. In einem Traum (unter Mühen) gelesen: des Morgens drei lose Traditionslinien. Er versucht es mit Zärtlichkeit, gibt ihr Blumennamen, aber die Wunde bleibt eine Wunde. Den alten geschundenen Schatten abstreifen. Wenn uns die Tiere vor allem eine große Nüchternheit voraushätten? Der Sommer verläuft sich in kalkweißen Labyrinthen. In einen Zeitspalt rutschen. Der vergessene Mieter in den vergessenen Zimmern. Ein schwarzer Vogel, der Schwärze in sein Nest trägt - im hellen Mittag. Die Bewohner des Schattens drängen sich näher zusammen. Ich werde den Fluß umlenken, daß er durch mein Zimmer fließt, für ein paar Tage nur. Ein Tag mit ganz flachem Atem. Ein Blick in die Zukunft: Tage, klein wie Insekteneier. Eine gnadenlose Sonne scheint in sein Leben. Die Bilder, die seine Antennenhände aus dem Äther empfangen. Die Nacht war ausgeschildert - was wollten wir mehr? Zurückgehen: dorthin, von wo das Wachstum der Haare und der Nägel seinen Ausgang nimmt. Dieser Himmel: unfertig, eine Untermalung, mehr nicht. Dem Blick entgleitend, aus dem Begriff fallend. Aus reiner Zerstreutheit schaltet er zuweilen auf Ohrenatmung um. Der delirierende Souffleur. Die Natur liebt wie die Kinder die Wiederholung. Tisch und Traum mit der Armseligkeit teilen. Ein Tagebuch für die Tage, die nicht im Kalender stehn. Dann legte die Unreife einen Panzer an, und das erschien als Reife. Die unentdeckten Regionen der Schönheit. Ein Gedächtnis, schlecht genug, um Originalität zu ermöglichen. Ein Strand voller Uhrentrümmer. Sein Gott prüft ihn, und er prüft seinen Gott. Was wir Geschichte nennen, ist ein spezifisch menschliches Beschleunigungs- phänomen. Kythera - insula dulcamara. In der Falle eines Traums. Ein Echo, das sich aufs Rückwärtssprechen verlegt hat. Traumgeboren, schaumgeboren. Die Briefmarke zeigt einen Briefumschlag, auf dem eine Briefmarke klebt, die einen Briefumschlag zeigt. Das Unterhautfettgewebe der Landschaft. Es besteht kein Bedarf an seinen Häusern, also baut er ganz kleine. Das Echo ist parteiisch. Es steht auf der Seite der starken Stimmen. Als wir wieder hinunterstiegen, zählten wir - was hatte das zu bedeuten? - drei Stufen mehr als bei der Turmbesteigung. Hier wird nur um der sprühenden Funken willen geschweißt. Unterm weißglühenden stählernen Taggestirn. Ein Schatten verleibt sich einen Schatten ein. Das flüsternde Gestern. Das mottenzerfressene Gewebe des Himmels, seine verschossenen Farben. Der Tag hat sich den weißen Mond ans blaue Hemd genäht. Der blaue Luftpostumschlag mit der weißen Tagmondmarke. Er nimmt seine Toten mit ins Grab. Wie Moses sein Volk aus der ägyptischen, führt er seine Träume aus der freu- dianischen Gefangenschaft. Eine begehbare Enzyklopädie. Die Flüsse wechseln die Fließrichtung und trinken die Ozeane leer. Eine schlaflose Mücke umkreist den schwarzen Mond. Sich klein machen für das Kleine und kleiner, noch kleiner für das Große. Ein Flüstern, das aus den Büchern kommt. Jener Wegweiser, auf dem nichts als ein weiblicher Vorname steht, und er folgt ihm, folgt ihm wieder, um in eine Gegend zu gelangen, in der er schon allzuoft war. Ein Name, der sich öffnet wie eine Blüte. Ein Ohrwurm hat ihm den Kopf leergefressen. Die Rhetorik der Farben, die Rhetorik des Grau in Grau. Ein Wort sucht sich einen Satz, zu seiner Rechtfertigung. Der Satz sucht sich einen zweiten Satz, als Unterstützung. So irdisch, daß ihr keine Himmelsfarben stehn. Etwas Unstoffliches, das sich in Stoffliches übersetzt. Eine Ringeltaube pickt alle Vokale aus meinem Regengedicht. Am Rocksaum der göttlichen Mutter. Er nahm das Wunder als Provokation. So etwas mußte er sich nicht gefallen lassen. Die Schönheit wirkt dem Widerwillen gegen die Körperlichkeit des anderen entgegen. Wer diesen Widerwillen nicht empfindet, braucht sie nicht. Der von der Imagination gefüllte, der von ihr geleerte Raum. Will ein Gott, der sich verbirgt, keine Verehrung? Die Müdigkeit nach einer schlechten Nacht hat etwas Bergendes, freundlich Umfangendes. Man könnte sich einrichten in ihr. Die Herden, die der Hunger in seine Gatter treibt. Ein lesbares Labyrinth, um einen Namen errichtet. Bilder mit Suchtpotential. Bilder, die wie Metadon wirken. Irrealisierung als Notwehrhandlung. Ein Mensch aus Fleisch und Eigensinn. Ein Schweigen, in dem einzelne Wörter schweben, reaktionsschwach wie die Edelgase. Aus der Schwere in die Leichtigkeit übersetzt. Ein Nachthimmel, der mit immer neuen Konstellationen überrascht. Wir glaubten zuerst an ein Feuerwerk, aber dann war es der Krieg. Man wollte an uns ein Exempel statuieren. Das Festland ist ein Meer in extremer Verlangsamung. Bella Virtuella, Erste und Letzte! Die einsamen Abenteuer der Unzugehörigen. Einer wächst langsam in seine Sprache hinein. Man las, was Beschwörung war, als Beschreibung. Ein Flüstern, das einen Düsenjäger übertäubt. Die Musik fehlte, aber sonst war alles wie in einem schlechten Film. Den Süden suchen und einen weiteren Norden finden. Man kommt nicht mit denen an, mit denen man aufgebrochen ist. Hinter der Stirn, wo der Winter wohnt. Der Spiegel ist mit geschlossenen Augen zu durchqueren. 2007 Der explodierende Zettelkasten.
Alles, was sich gesprächsweise mitteilen ließe, ohne daß es Irritation auslöste, ist nicht wert, niedergeschrieben zu werden. »getrennt durch Länder und Flüsse« – aber sie dehnen sich und fließen in uns. Wenn der Verdacht aufkommt, daß einer seinen Namen zu sehr liebt, wird ihm ein anderer zugewiesen. Ein Leben von hinten nach vorne lesen. Der Tag schminkt sich Tod ins jugendliche Gesicht. Seine Antithese, in fetten fleischfarbenen Lettern gesetzt. Die Jedermannsgäste, Jedermannsfreunde, auf Knopfdruck da. Glück im Unglück, Unglück im Glück – was ist Grund, was Figur? Wegegeld fordern von jedem Tag. Ein heller Tag für lichte Träume. Die Weite der Vokale: der Atem gibt sie ihnen. Ein Titel ist wie ein dem Namen aufgesetzter Hut. Sein letzter Besitz, den ihm niemand nehmen kann: seine Toten. Das Schattenreich der Namen. (Warum zieht es ihn dort hin?) Ein Mensch, dessen Selbstwertgefühl sich darauf gründet, in wessen Keller er als Leiche liegt. Die Sprache der Literatur ist die sichtbare Sprache. Sie trat aus ihrem Namen und sagte: Da bin ich. Die Idee der Tarnkappe: die Unsichtbarkeit als Option. Ein Winter, der sich unentwegt in andere Jahreszeiten verirrt. Der Entzauberer - auch er ein Illusionist? Tage, die einander folgen wie die Sätze einer kargen parataktischen Prosa. Ein Winter wie auf halbherziger Suche nach sich selbst. Als man die schwachen, unsicheren Stimmen wieder zu schätzen begann, hatte seine sich gerade gefestigt. Der papierweiße Himmel, von Krähen schwarz beschrieben. Das Große verschließt sich ihm, und er verschließt sich dem Kleinen. In dem ganz Gelungenen ist immer etwas, das einem als fremd gegenüber- tritt, das einen zögern läßt, es sich als Leistung zuzurechnen. Das Haus zählt deine Schritte, addiert sie zu denen der andern. Eine Traumformulierung: die Frau mit den weit hinter die großen Abende ge- kämmten Haaren. Im Halbschlaf scheint das Hören auf den ganzen Körper überzugehen. Ein Satz aus einem Traum: Er hat begriffen, was die Berge bedeuten und daß sie hier strafbar nah sind. Sie liebt ihn schön (und er glaubte immer, sich aus eigener Kraft verwandeln zu müssen). Ein blühendes Labyrinth. Der Autor versucht im Buster-Keaton-Gesicht des Lesers zu lesen. Die dämmerdunklen Mischlingskinder, die der Tag mit der Nacht gezeugt hat. Rationierte Luft, und die Rationen sind immer zu klein. Das erkämpfte Ja, es sollte anders klingen als das nie in Frage gestellte. Einer, der in seinen Werken badet wie Dagobert in seinem Geld. Wände, die seine Weite gegen die Enge rundherum abschirmen. Wiedergeboren: nabellos und namenlos. Die Wimpern fangen vorbeischwebende Bilder ein. Die Seelen der Wale: als weiße Wolken schwimmen sie am Himmel. Kristallin der Tag, plasmatisch die Nacht. Das Große, das er sich einverleibt, im Wunsch, selbst groß zu werden – aber er zerstört es, zerdrückt es wie die Eierschlange das Ei, das sie verschlingt. Eine bis an die Zähne bewaffnete Musik. Er ist der Überzählige, der herausfällt, bevor die Reise nach Jerusalem über- haupt begonnen hat. Ich sehe ihre sieben Namen welken. Lauschen auf das, was sich sagt. Was sich nicht sagt, wo erzählt wird. Diese Musik hat das Lauschen verlernt. Eine Hölle mit Atempausen ließe sich nur schwer gegen die irdische Sphäre abgrenzen. Warum war der Geist so leicht aus allem zu vertreiben? Ein Roboter, der seinen eigenen Bauplan studiert. Für die Schachfiguren vom Bauer bis hinauf zum König ist Schach kein Spiel. Der Souffleur spricht eine Sprache, die keiner der auf der Bühne Agierenden mehr versteht. Sätze, die das Zeitalter nicht zuläßt. Ein bewohntes und ein unbewohntes Schweigen. Halluzinierende Hände. Biographien, die Freßgängen ähneln. Die Licht- und die Dunkelblitze der Poesie. Ein Name, der wie eine Tarnkappe unsichtbar macht. Sätze, in die der Sinn erst langsam einzieht. Das sonnenbeschienene graue Dach: das Schuppenkleid einer reglos dalie- genden Echse. Einen Punkt ausschreiten. Ein chinesischer Maler malt eine europäische Landschaft, ein europäischer eine chinesische. Wo sich Gesetz und Zufall miteinander befreunden, entsteht das Besondere. Schreiben sur le motif, als Simultanübersetzer (aber das meiste sträubt sich gegen die schnelle Übersetzung ins Wort). Die Inkubationszeit eines Bildes. Der Ton tritt aus seiner engen Kammer. Bewohnte und unbewohnte Namen. Dies Gesicht reimt sich auf ein anderes, das er aber vergessen hat. Ein ganz junger Planet, Milch und Blut. Ein Stein, der sich zum Stern entzündet und die Nacht ritzt. Er fixiert das Leben wie die Katze den Käfigvogel. Räume, aus denen sich der Geist ganz zurückgezogen zu haben scheint. Einer bewohnt verschiedene Namen. Bilder, die sich Bilder einverleiben (heterotrophe Kunst). Eine verfettete, kurzatmige Sprache. Alle Zahlen verschwinden im schwarzen Loch der Null. Die Oberflächen- und die Kerntemperatur seiner Sätze (und alle messen nur an der Oberfläche). Ein Phantom mit einem Phantom betrügen. Eine Traumformulierung: Ich nehme an, daß der Satz bei ihm zuerst leer ist. Wie oft wächst der Name schneller als der Mensch. Die schlafende Sprache in ihrem gläsernen Sarg. Er wächst in ein anderes Leben und in einen anderen Tod hinein. Die Abkürzung, die das Leben nahm, das Leben oder vielmehr der Tod. Die Frucht, die du mit geschlossenen Augen siehst: schäl sie. Immer gibt es in der Sprache die beiden gegenläufigen Bewegungen des Trennens und des Verbindens. Ich drehe mich von der Seite der Wörter auf die Seite der Bilder. Der Meteorit: ein Diamant, der die Nacht ritzt. Ein Gesicht, das altert, während du es in den Blick nimmst. Aus dem Schatten löst sich ein zweiter Schatten und aus diesem ein dritter. Niemand ist ihm so fremd wie der Tote, der er sein wird. Das Unglück liebte mich, aber ich verliebte mich ins Glück. Die Hand, die in die leere Luft greift und was dort herholt: einen Vers, eine Frau, eine kleine Vernunftlosigkeit? Die Phantome und die Anziehungskraft, die ein durchbluteter Cortex auf sie ausübt und die schnellen Augenbewegungen eines Menschen im paradoxen Schlaf. Dem Geheimnis alle Zähne gezogen. Für meinen Antipoden ist jetzt Nacht. Im Schlaf schickt er mir Bilder. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie. Eine Schublade voller Steine, eine Schublade voller Sterne. Eine Stimme, die sich weigert, sich zu verkörpern. Ein Unterschied wie Tag und Tag und wie Nacht und Nacht. Die Erde wird an den Meistbietenden verkauft. Eine Halbschlafformulierung: zwei voneinander getrennte schnelle Öle bei der Linderung ihrer Schmerzen. Der Körper: die Enge, der man nicht entgeht. Eine Nacht, die sich mitten im hellen Mittag wie eine Blüte öffnet. Ich träume von Einheit, Zusammenhang, und ich höre ein Lachen, das trockene Lachen Odradeks. Das Teichhuhn versteht das Dezimalsystem nicht. Es schlägt mir ein Zahlen- system mit der Basis Acht vor. Die in der Agonie zappelnden Fische bewegen sich nicht mehr synchron. Dort endet der Zusammenhang des Schwarms. Der Kampf gegen das Alter wird an zu vielen Fronten geführt, man kann ihn darum nur verlieren. Er träumt von einem Werk, das wie der Bambus wächst, so schnell und so mühelos. Er bindet sich ein Gesicht vor die Maske. Ein Bildhauer, der mit Brot modelliert. Sein gesamtes Werk hat er sich vom Mund abgespart. Die Schöpfung: eine Kollektivimprovisation. Was leicht ist, schon alle Schwere verloren hat, warum soll es Sprache wer- den? Was gewönne es dadurch? In diesem grauen Wind kommen mir alle Farben abhanden. Das Ausgesprochene übertäubt, was sich sagen will. Ein Gedicht im Larvenstadium: es frißt und frißt, vergißt darüber ganz, sich zu verpuppen, wird immer größer, immer fetter und stirbt endlich als Roman. Eine Kultur, von der nur Namen geblieben sind: Eigen- und Ortsnamen. Wörter, die nicht altern, keine Patina ansetzen wollen. Dies aber ließ sich der Hase nicht mehr ausreden: daß Ziele etwas für Igel waren. Man muß die Stadt verlassen, um den grauen Himmel seine Schönheit entfalten zu sehen. Die einfachen Wahrheiten, zu denen man oft so spät vorstößt: zum Beispiel, daß alle Namen aus dem gleichen Stoff sind. Der eine erzählt den Leerlauf, der andere seine Unterbrechungen. In solcher Enge kann man nur zum Dichter der Weite werden. Ein Bildhauer, der nicht mit den Händen, sondern mit seinem Atem modelliert. Nein, nicht die Welt, irgendeiner soll sich erinnern, irgendeiner. Die großen Hinweisschilder – die kleinen, irgendwo hingekritzelten Geheim- zeichen. Man konserviert seine Fußspuren nicht und erst recht signiert man sie nicht. Die Naturgeschichte des Todes. Der Fluß entledigt sich seiner Fische (um reines Fließen zu werden). Die Süße reifer Sätze. Alles außer dem Mund war wegradiert. Nur er war noch da, der sprechende Mund. Ein Werk, das zum Dokument abgemagert ist. Die vergessenen Berge. Die, welche sie besteigen. Wenn es nicht mehr verschiedene Gesichter als Stimmen gäbe? Es will sich verwandeln, es will sich verwandeln, aber solange du den Blick nicht von ihm wenden kannst, wird es das nicht tun. Das vom Autor konditionierte Publikum – der vom Publikum konditionierte Autor. Ein gläserner Schacht, der in die Erdgeschichte hinabführt. Man steigt auf einer Wendeltreppe hinunter. Die Wörter wollten nicht mehr kommen, aber die Bewegung des Sprechens war immer noch da. Aus Mangel an Orientierungssinn verirrt er sich in die Zukunft. Der Wind als Skulpteur. Aber er ist nie zufrieden, nie zufrieden, macht immer weiter. Um des Zaubers willen, der jedem Anfang innewohnt, setzten sie immer wieder neu an, aber das war kein wirkliches Anfangen, eher dessen Parodie. Älter und älter werden, aber in dem Gefühl, jedes Lebensalter zu verfehlen. Er entschied sich für eine Internetbestattung, ein digitales Grab. Ein Gott, von dem man sich abzuwenden droht: er beginnt gewisse Attribute seiner Göttlichkeit zu übertreiben, wird so zu einer Karikatur seiner selbst. Seine Expedition zu seinem inneren Nordpol. Die Wörter sind Gewohnheitstiere. Er experimentiert mit der Unsichtbarkeit. Verwandlung – die Obsession des Schwachen. Zum Geburtstag schenkte er sich selbst eine neue Farbe. So viele bewohnen dieses Haus, auch der Tod ist darunter, und er ist der ruhigste Mieter. Die Baumkronen: grüne Wolken, aus denen es regnet, wenn der Himmel zu Weiß und Blau zurückgekehrt ist. Warum glauben wir, daß unser Wert da zu suchen sei, wo wir uns von den andern unterscheiden? Sichtbar war er, aber in einer Weise, die wie die Parodie der Sichtbarkeit, von der er geträumt hatte, erschien. Nein, das kann nicht gelingen, natürlich nicht: in der Sprache die Sprache hinter sich zu lassen. Er war so sehr darauf bedacht, alles »richtig« zu sagen. Dabei wußte er doch, daß man sich die Sprache anpassen muß und daß, wer dies nicht tut, dem zu Sagenden nie wirklich nahe kommt. Der Punkt setzt sich nicht selbst, aber sucht man in der Fläche nach einer Ursache, findet man nichts. Ein Rahmen auf der Suche nach einem Bild. Die, denen eine Jahreszeit genug ist und eine Himmelsfarbe. Ein Orden, dessen Tracht Hunderte von Farben versammelt. Letzte Worte, die wie erste Sätze klingen. Den alten Galerieton erkennt jeder, aber um ihn geht es nicht mehr. Was ent- spricht ihm heute? Die offene Tür war eine Einladung – warum erschien sie ihm als Drohung? Die Inventarliste ging unmerklich in eine Anrufung über. Einer sieht in einer Vision seinen Namen zu Staub zerfallen. Einen Blick durchs Schlüsselloch auf die Ewigkeit werfen. Er ist seinem Vater wie aus der Maske geschnitten. Wissen, an dem man sich berauscht wie an billigem Fusel. Mancher glaubt ein Werk zu begreifen und begrapscht es doch nur. Bilder, die gemalt werden wollen, von Atelier zu Atelier ziehen und um Einlaß bitten, aber überall weist man sie zurück. Jede Verwirklichung scheint ihn ärmer zu machen. Ein Bild, an dem Generationen von Malern malen. Ein Ich wie eine geballte Faust, ein Ich wie eine schlecht verheilte Wunde. Celebrities: Mastvieh auf den Allmenden der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ein Ja, das noch ganz jung ist, zart und anfällig für Kinderkrankheiten. Wo hat das Unglück diese Beredsamkeit her? Alle Kräfte der Entwicklung flossen in sein Werk, und er blieb unverändert. Häuser, die gebaut sind, in einer Landschaft, die geträumt ist. Nach einem Blick auf das gelobte Land ins Leben zurückgestorben. Wie sähe die Kunst aus, wenn jeder Maler nur eine Leinwand im Jahr zur Ver- fügung hätte? Die Wörter zeigen nur noch aufeinander und auf nichts mehr, was außerhalb von ihnen ist. Und wieder erzählt er eine Geschichte, obwohl er weiß, daß es eigentlich um anderes geht. Aus welcher Ferne kommt die Hand, die ihn liebkost, aus welcher die andere, die ihn würgt? So lange auf die Wand schaun, bis man sieht, was hinter ihr ist. Aufgefordert, sich zu beschreiben, zählte er die Dinge auf, die ihn umgaben. Die erstarrten Züge hinter einer beweglichen Maske verborgen. Eine vor Gesundheit strotzende Stimme in einem kranken, verfallenden Kör- per. Ein Halbschlafsatz: Ich stehe vor den Narben des Himmels. Der Schmetterling hat nichts beizutragen zur Theorie der Verwandlung. Ein kranker Gott, durch seine Krankheit so geschwächt, daß er schon den Kräften eines Vierzehnjährigen nichts mehr entgegenzusetzen hat. Eine Sprache, die Nacktheit behauptet, aber nur ein fleischfarbenes Kostüm angelegt hat. Andere Träume will er, andere als die, welche der Schlaf schenkt. Tote Sprachen mischen sich unter die lebenden. Der Glaube an die Materie beruft sich auf das Zeugnis des Tastsinns und der Augen. Die Ohren dagegen ... Nie ist der Mensch so wenig Tier wie dann, wenn es heißt, er sei vertiert. Eine Sprache, deren Enge der des Körpers entspricht. (Daß ihnen diese Sprache genügt, daß sich ihr Geist nicht immerzu stößt.) Dezember, Januar, Februar: die Graphiker unter den Monaten. Einen Gott wie einen neuen Kontinent entdecken. Wie sich ihre Stimmen vermischen, miteinander verschmelzen, aber die Ka- mera, von Gesicht zu Gesicht fahrend, will nichts davon wissen. Zwei im ewigen April ihrer Liebe. Die Nacht träumt den Tag, der Tag die Nacht. Ein Bild, das nur die Farben enthält, die alle unterscheiden können. Als das Sehen noch ein Erschaffen war, ebenso das Hören. © Ulrich Kölker 2008 zurück |