Ulrich Kölker
Ein Tag beginnt
Kurzhörspiel


ERZÄHLER
JULIUS
MAI


ERZÄHLER: Ich werde noch eine Weile so liegenbleiben, noch eine Weile die Lider geschlossen halten. Gleich werde ich Besuch bekommen, er ist schon im Treppenhaus. - Jetzt müßten eigentlich Schritte zu hören sein.
(Kurze Pause, dann sich nähernde Schritte auf einer Holztreppe)
Ah, da sind sie ja! Es kommen zwei die Treppe hoch, zwei Männer: Herr Julius und Herr Mai.
(Die Schritte verstummen)
Jetzt stehen sie vor der Tür. Sie lesen den Namen neben der Klingel und nicken einander zu. Aber sie werden nicht klingeln, sie haben einen Dietrich. Doch noch kommen sie nicht herein. Herr Mai - er ist der jüngere und darum gewohnt, Weisungen zu erhalten - legt jetzt auf einen stummen Wink von Herrn Julius hin das Ohr an die Tür. Aber so angestrengt er auch horcht, er hört nur das Schnaufen von Herrn Julius, der vom Treppensteigen aus der Puste ist, die von der Straße heraufdringenden Verkehrsgeräusche und das Rauschen seines Bluts. - Es ist nicht abgeschlossen. Eine kleine Drehung des Dietrichs nach links, und die Tür springt auf. Ich schließe nie abends ab. Natürlich fürchte ich mich wie alle vor Einbrechern, aber es kommt mir nicht sehr klug vor, deshalb abzuschließen. Denn wenn die Einbrecher eine nur ins Schloß gezogene Tür vorfinden, werden sie annehmen, daß jemand in der Wohnung ist, ist aber abgeschlossen, wird das, fürchte ich, für sie heißen, daß die Chancen gut stehen, daß niemand da ist und sie ungestört nach Schmuck, Bargeld und Sparbüchern stöbern können. - Die beiden vor meiner Tür, Herr Julius und Herr Mai, sind allerdings keine Einbrecher, sondern Detektive. Herr Julius gibt jetzt das Zeichen aufzuschließen, und Herr Mai zieht den Dietrich aus der Tasche.
(Türöffnen, Schritte, Türschließen)
JULIUS: Da wären wir. Hast du die Stockwerke gezählt?
MAI: Ja. Dies ist das vierte Obergeschoß.
JULIUS: Hast du auch die Stufen gezählt?
MAI: Ja. Es sind genau siebzig.
JULIUS: Sag mir etwas über das Zimmer.
MAI: Eine Mansarde, nicht sehr geräumig, die Einrichtung eher spärlich, viel- leicht möbliert gemietet.
JULIUS: Was spricht dafür?
MAI: Das Mobiliar wirkt lieblos zusammengestellt, jedes Möbelstück scheint einem anderen Jahrzehnt zuzugehören. Manches Teil wäre, wenn es nicht hier noch recht und schlecht Dienst täte, vermutlich längst verheizt oder an die Straße gestellt worden.
JULIUS: Das ist wohl alles wahr, aber -
MAI: Natürlich können die Möbel auch dem Mieter gehören. Dann ist er ein Mensch, dem nicht viel an einer geschmackvollen Wohnungseinrichtung liegt, oder einer, der sich eine solche nicht leisten kann. Das zweite halte ich für sehr wahrscheinlich.
JULIUS: Warum?
MAI; Na ja, stünde er wirtschaftlich einigermaßen gut da, wohnte er sicherlich nicht in einer solchen Mansarde. Es sind zwar ein Heizkörper und eine
Klein- küchenkombination installiert, also wird die Miete nicht im untersten Bereich liegen, aber sehr weit darüber auch nicht. Vielleicht hat er keine Arbeit oder arbeitet nur unregelmäßig. Immerhin liegt er noch im Bett, und es geht schon auf zehn.
JULIUS: Vielleicht hat er frei.
MAI: Das könnte natürlich auch sein, aber ich glaube eher, daß er ein Mensch ist, der es gewohnt ist, lang im Bett zu liegen, der jahrelange Übung darin hat, in den Tag hineinzuschlafen. Ich wäre bei dieser Helligkeit längst aufgewacht.
JULIUS: Und wenn er jemand ist, der nachts arbeitet, beispielsweise in der Gastronomie?
MAI: Das glaube ich nicht. So jemand sollte man erreichbar sein, und er hat kein Telefon.
JULIUS: Ah, das ist ein interessanter Aspekt! Vermißt du sonst noch etwas?
MAI: Den Fernseher. Er hat nur ein Kofferradio - ganz augenscheinlich ein älteres Modell. Natürlich ist auch keine Hifi-Anlage da.
JULIUS: Warum natürlich?
MAI: Ich nehme das 'natürlich' zurück. Aber es paßt ins Bild.
JULIUS: Gemach, gemach! Nicht so schnell mit den Bildern! Schau dich lieber noch ein bißchen um!
MAI (nach einer kurzen Pause): Er hat keinen Wecker.
JULIUS: Tatsächlich, es ist kein Wecker da.
MAI: Auch wenn ich dir zu schnell bin, aber das scheint mir den Verdacht zu bestätigen, daß wir es mit einem gewohnheitsmäßigen Langschläfer zu tun haben.
JULIUS: Zumindest spricht es nicht dafür, daß er morgens zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muß. - Fällt dir sonst noch etwas auf?
MAI: Unordentlich ist er eigentlich nicht.
JULIUS (belustigt): Ah, das hätte besser ins Bild gepaßt!
MAI: Ja, ich gebe zu - Aber dies muß natürlich auch nicht der Normalzustand sein. Veilleicht ist die Wohnung ja noch kürzlich, wer weiß, vielleicht sogar gestern noch, aufgeräumt worden. Zum Beispiel, weil er Besuch bekommen hat.
JULIUS: Deutet irgend etwas darauf hin, daß Besuch da war?
MAI: Nein, das nicht. Er scheint auch, muß ich sagen, nicht sehr auf Gäste ein- gestellt zu sein.
JULIUS: Inwiefern?
MAI: Er hat nur einen Stuhl. Insgesamt fehlt es dem Zimmer an Gemütlichkeit. Es sieht ein bißchen so aus, als bewohnte er es wie ein Hotelzimmer.
JULIUS: Also kein Besuch?
MAI: Vermutlich nicht. Am ehesten jemand, der so ähnlich ist wie er.
JULIUS (mit gespieltem Erstaunen): Ach, wie ist er denn?
MAI: Ich weiß, ich bin dir wieder zu schnell. Aber das glaube ich doch sagen zu können: wenn er hier häufiger Besuch bekommt, dann von jemandem, dem es nichts ausmacht, einen ganzen Nachmittag oder einen ganzen Abend lang auf einem nicht sehr bequemen Stuhl oder auf dem Bett seines
Gastgebers zu sitzen, und der nicht das Tischchen vermißt, auf dem man die Kaffeetasse oder das Glas absetzen kann. Daß er hier Damenbesuch hat, kann ich mir zum Beispiel nur schwer vorstellen. Auch die Breite des Betts spricht nicht dafür.
JULIUS (erheitert): Ein Don Juan scheint er also nicht zu sein?
MAI: Nein, dafür spricht nun wirklich nichts. Ich vermute, daß er seine Zeit eher mit Büchern als mit Menschen verbringt.
JULIUS: Ein Leser ist er, keine Frage. Schau dir doch einmal an, was hier an Büchern liegt, auf dem Nachttischschränkchen und auf dem Schreibtisch, und was er im Regal stehen hat.
(Schritte, durch Teppichboden gedämpft)
MAI: Die Bücher, die er hier liegen hat, haben alle eine Bibliothekssignatur. Belletristik (klappt ein paar Buchdeckel auf und zu), selten mehr als zwei oder drei Stempel auf den Verbuchungskarten, also wohl eher Entlegenes. - Im Regal stehen nur Nachschlagewerke: Wörterbücher, ein
vierundzwanzigbändi- ges Taschenlexikon, ein Lexikon der Symbole, zwei Tierlexika und ein Anato- mieatlas. Die werden ihm gehören.
JULIUS (konstatierend): Seine belletristische Lektüre holt er sich also aus der Bücherei.
MAI: Das könnte wieder finanzielle Gründe haben. Vielleicht hält er es auch ein- fach nicht für nötig, belletristische Bücher zu besitzen. Wenn er eins
wieder- lesen will, geht er zur Bücherei und leiht es erneut aus. Warum soll er es in den Wochen, Monaten oder Jahren zwischen den beiden Lektüren im Regal stehen haben?
JULIUS: Zum Beispiel, um gelegentlich in ihm blättern zu können oder um es nicht zu vergessen.
MAI: Es könnte auch sein, daß er ganz einfach möglichst wenig besitzen möch- te. Mit wenig Habe ist man mobiler, und vielleicht ist er ja kein sehr seßhafter Mensch. Ich sagte eben schon, es sieht ein bißchen so aus, als bewohnte er diese Mansarde wie ein Hotelzimmer. Vielleicht ist sie wirklich nicht viel mehr für ihn. - Übrigens, da ist ein kleiner Zettel, auf dem etwas steht.
JULIUS: Aha! Lies vor!
MAI (liest): Woher nehmen die Motten das Gold ihrer Flügel?
JULIUS (langsam): Woher nehmen die Motten - Seltsam.
MAI: Ein Sonderling. Oder -
JULIUS: Ja?
MAI: Oder ein Forscher, wollte ich sagen. Aber alles in allem spricht wohl ent- schieden mehr für den Sonderling.
JULIUS: Gibt es hier noch mehr von diesen Zetteln?
MAI: Auf dem Schreibtisch liegt der zugehörige Block, aber es ist nichts auf ihm notiert. - Hier ist ein kleines Heft, auf dem Etikett steht Tagebuch.
JULIUS (erfreut): Sieh mal an! Sein Tagebuch! Lies mal den Anfang vor!
MAI (liest): Montag - Dienstag - Mittwoch - Donnerstag - Freitag - Samstag - Sonntag - Montag - Dienstag - Mittwoch -
JULIUS: Geht das immer so weiter?
MAI (blätternd): Ja, immer. Wochentag, Leerzeile, Wochentag. Seite für Seite.
JULIUS: Merkwürdig. Lies doch bitte eben noch die letzten Eintragungen vor.
MAI (liest): Samstag - Sonntag - Montag - Dienstag.
JULIUS: Dienstag, das war gestern. Was hältst du davon?
MAI: Vielleicht ist über seine Tage wirklich nicht mehr zu sagen.
JULIUS (zweifelnd): Und um sich täglich daran zu erinnern, wie leer sein Leben ist, führt er dieses Tagebuch? - Ich glaube, es ist an der Zeit, uns ihn selbst ein- mal genauer anzuschauen.
MAI: Ja, das finde ich auch.
(Schritte)
JULIUS: Wie alt schätzt du ihn?
MAI: Mitte dreißig. Aber ich bin mir nicht sehr sicher.
JULIUS: Wie würdest du das Gesicht charakterisieren?
MAI: Ein Allerweltsgesicht. Weder schön noch häßlich. Als Zeuge hätte ich Schwierigkeiten, ein solches Gesicht zu beschreiben. Vielleicht wäre das einzi- ge, das ich mit Bestimmtheit über es sagen könnte, daß die Züge etwas weich, fast möchte ich sagen, verschwommen sind.
JULIUS: Wie groß schätzt du ihn?
MAI: So um die eins achtzig.
JULIUS: Ja, das schätze ich auch. Aber es ist vielleicht besser, wir sehen ein- mal nach. Hervor schaut ja nur der Kopf. Was, wenn sich da unten, wo wir die Füße vermuten, nur die Bettdecke bauscht und sich unter ihr ein ganz anderer als der zu erwartende Körper verbirgt, sagen wir - warum nicht? - der Körper eines Zwergs?
(Geräusch des Deckezurückschlagens)
MAI: Nein, alles wie erwartet. Ein leidlich gewachsener Mann mittlerer Größe.
JULIUS: Jetzt schau ihm doch bitte noch kurz in die Hose. Ob da auch alles in Ordnung ist.
ERZÄHLER: Genug!
MAI (verblüfft): Er ist wach.
ERZÄHLER (aufgeräumt): Ja, das bin ich. Ich war es die ganze Zeit. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen, Sie haben mir sehr geholfen. Aber jetzt brauche ich Sie nicht mehr.
JULIUS: Heißt das?
ERZÄHLER: Ja, Sie können gehen.
JULIUS: Wenn Sie wieder einmal unsere Dienste in Anspruch nehmen
möch- ten -
ERZÄHLER: Werde ich mich bei Ihnen melden. (förmlich) Herr Julius, Herr Mai.
JULIUS (schnell): Auf Wiedersehn.
MAI (ebenso): Auf Wiedersehn.
(Tür, sich entfernende Schritte)
ERZÄHLER: So! Jetzt aber raus aus den Federn!
(Knarrende Sprungfedern, dann, während er weiterredet, Ankleidegeräu- sche)
Ist es nicht erstaunlich, daß wir jeden Morgen in demselben Körper aufwachen? Nach all den Verwandlungen in unseren Träumen? Daß überhaupt noch ein vor- zeigbarer Körper da ist? Daß er sich nicht aufgelöst hat im dunklen Säurebad der Nacht? Und ist es nicht ebenso erstaunlich, daß um uns herum noch alles so ist, wie es war, als wir am Abend das Licht ausknipsten? Und daß das Haus noch steht, daß die Stockwerke unter unsrem alle noch da sind, ebenso die Treppe, die zu ihm hinaufführt, und sogar die Zahl der Stufen noch dieselbe ist? Das alles ist selbstverständlich? Gut, an neun von zehn Tagen, meinetwegen auch an neunzehn von zwanzig, nehme ich es auch dafür und stehe auf mit dem größten Vertrauen in die Verläßlichkeit der Materie. Zuweilen aber ist es mir lieber, ich kläre, bevor ich mich einlasse auf einen neuen Tag, dies und das ab. Darum habe ich Herrn Julius und Herrn Mai kommen lassen. Aber hoppla, könnte jetzt wer einwenden, wie ruft eigentlich jemand, der kein Telefon besitzt, Detektive? Diese beiden, wo sind sie jetzt? Sind sie überhaupt noch? Und waren sie schon, bevor ihre Namen zum erstenmal fielen? Das sind berechtigte Fragen. Und trotzdem, trotzdem, die zwei haben mir - das war nicht nur so dahergesagt - sehr geholfen. - Gleich werde ich frühstücken, mich waschen und mir die Zähne putzen, und dann werde ich einen kleinen Spaziergang machen. Der Weg wird der gleiche sein wie immer, und ich werde, von keinen unvertrauten Bildern, Geräuschen oder Gerüchen abgelenkt, ein wenig
nach- denken können, zum Beispiel über die Frage, woher die Motten das Gold ihrer Flügel nehmen. Ja, Motten haben goldene Flügel, meine wenigstens. Ich habe es neulich entdeckt, im Bad. Eine Motte ist ganz dicht vor meinen Augen über den Duschvorhang gelaufen: ich war überwältigt von ihrer Schönheit. Seitdem habe ich meine Entdeckung einige Male überprüft. Früher habe ich Motten für mehr oder weniger grau gehalten, und das wäre ja eigentlich auch zu erwarten. Denn wie mir scheint, ernähren sie sich vor allem vom grauen Hausstaub. Mehr als in den Kleiderschrank, der allerdings auch kaum Farben, schon gar nicht Goldtöne birgt, zieht es sie hier in den Staubsaugerbeutel. Sicher fressen auch ihre Raupen Staub, aber aus dem Kokon schlüpfen Tiere mit Flügeln von einem verführerisch schimmernden Gold. Das ist doch etwas, worüber es sich nach- zudenken lohnt. - Ach, eh ich's vergesse, mein Tagebuch.
(Stuhlrücken)
Heute ist Mittwoch, (langsam, während er schreibt) Mittwoch.


Das Hörspiel 'Ein Tag beginnt' entstand im Herbst 1995.
Es wurde von Radio Bremen produziert am 14.10.1996 gesendet.
Erzähler: Pierre Besson
Herr Julius: Kurt Ackermann
Herr Mai: Heiko Senst
Regie: Gottfried von Einem


© Ulrich Kölker 2006      zurück