Ulrich Kölker
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D u r c h s  J a h r
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Literarisch-künstlerisches
Internetprojekt





Frühling 2005

20.03.05

Wie einem in einem resonanzlosen Raum die eigene Stimme fremd wird, wie da die Worte von den Lippen zu welken scheinen.
Einer verschickte Tag für Tag Telegramme, in denen nur stand, daß er noch lebte oder wann er am Morgen aufgestanden war, aber so etwas geht nicht mehr, das hat sich verbraucht.
Ich stelle mir oft vor, daß die Bilder in einer Ausstellung ein Gespräch mitein- ander führen, allerdings nur, wenn Besucher da sind. Im leeren Ausstellungs- raum schweigen sie sich an.
Ebenso stelle ich mir oft ein Gespräch zwischen Texten vor, aber dieses Ge- spräch setzt den Leser voraus. Von ihm hängt es ab, ob es sich entspinnt.
So wie manchmal unvermutet ein Kirchturm über den Dächern steht, ist plötz- lich der Frühling da.


21.03.05

Zwei, die sich im wirklichen Leben nie begegnet sind und sich auch niemals begegnen werden, aber in den Träumen eines Dritten kommen sie immer wieder zusammen.


22.03.05

Die Lettern sind schwarz von der Nacht, aus der die Worte kommen.


23.03.05

Jeden Morgen betrachte ich mich im Spiegel, um mir ein menschliches Gesicht zurechtzumachen, das Identität innerhalb der Dauer verbürgt. Ohne Spiegel trüge ich die Gesichter der wechselnden Tiere meiner Begierden, und an manchen Tagen, wenn das Wunder mich anrührt, wäre ich gesichtslos.
Roger Gilbert-Lecomte (deutsch von Gerd Henniger)


24.03.05

Wie in sich gekehrt, mit blicklosen Fronten, die Häuser, der Vorgärten nacht- graues Grün, durch das der Atem eines schlafenden Gottes geht, der trockene Klang deiner Schritte: ja, nein, ja, nein, ja, nein ...


25.03.05

Ein Morgen
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Endlich weiß er, jedes Gesicht
wäre falsch und die meisten
um nichts besser als das,
welches ihm der Spiegel zeigt.
Ein Geräusch, er dreht den Kopf
und sieht eine schlanke Bark,
dreimastig, mit milchweißen Segeln
- leuchtend in welchem Licht? -,
durch die spaltbreit offene Tür
in das erwachende Zimmer gleiten.


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26.03.05

Diese winzige Parzelle verwilderten Landes, die in dem Traum mein, ja, mein Garten war (seit meiner Kindheit schon, aber ich hatte es vergessen). Diese Kostbarkeit (die Erinnerung begann zurückzukehren) gehörte also mir.


27.03.05

- Ich hoffte dich in jenem Haus zu finden. Die Tür stand offen, und ich ging hinein.
- Einfach so?
- Es fehlte das Bewußtsein der Grenzüberschreitung. Ich suchte dich in allen Zimmern.
- Aber du fandest mich nicht.
- Ich war schon drauf und dran, überall ein zweites Mal zu schauen, da däm- merte mir: du warst nicht in dem Haus, sondern du warst das Haus selbst.


28.03.05

In der Nachbarschaft der weiß blühenden Bäume und Sträucher bekommt auch das Weiß der Birkenstämme etwas Frühlingshaftes (so wie ein Wort, in einen anderen Kontext gesetzt, eine Bedeutungsverschiebung erfährt).


29.03.05



30.03.05

Wenn das Haus durchsichtig wird, gehören die Sterne mit zum Fest.
Hugo von Hofmannsthal


31.03.05

Etwas nähert sich: Schritte oder Atemstöße, nähert sich dem Bett, der Wehr- losigkeit des Schlafenden.
Etwas nähert sich: das Tier, das die Natur auf die hinteren Extremitäten ge- stellt hat, daß es die vorderen zum Quälen frei hat und zum Töten.
Du liegst im Bett, wehrlos, von Furcht überwältigt, du näherst dich ihm.


01.04.05

Nein, nicht die Stimme, sondern die Knochen, um die sie ihr Fleisch legt.
Nein, nicht die Knochen, sondern die sie aufbauenden Osteoblasten.



02.04.05

Im Baum unter meinem linken Fenster sitzt eine Ringeltaube und zupft die blaßvioletten Blüten ab. Der Anblick verzaubert mich, hat es schon im letzten Jahr getan. Es sieht aus, als koste der Vogel von der Poesie des Baums, von der Poesie des Frühlings. Aber da ist noch ein anderer in mir, einer, der sich nicht verführen, nicht verzaubern läßt, und der sieht etwas ganz anderes: die ewige Blindheit des Hungers für die Schönheit.


03.04.05

Wie jede fremde Sprache, um die man sich bemüht, hineinleuchtet in die eigene.


04.04.05

Am Arm der Schatten
Cento

Große tote Sonnen, die bis auf die Knochen abgescharrte Erde, ein schwar- zer Wind.
Ich gehe am Arm der Schatten. Mein Geist ist nackt wie die Liebe, die Straße wie eine Wunde unter dem weit geöffneten Himmel.
Meine Wangen, meine Lippen, mein ganzes Gesicht, mein Hals, meine Arme sind weiß.
Wie eine Wolke von Bienen kommen die Augen näher.
 
Luis Aragon, René Crevel, Paul Éluard, Max Jacob, Georg Trakl


05.04.05

Ein Fenster in den Tag brechen. Nein, nicht brechen, jede Gewalt ist zu ver- meiden. Die Stelle finden, wo sie sich erübrigt. Die Stelle finden - aber wie? Durch Suchen oder durch Nicht-Suchen? (Durch nicht-suchendes Suchen? Durch suchendes Nicht-Suchen?)


06.04.05

Die wahre Ernte meines Lebens ist etwas so Unbegreifliches und Unbe- schreibliches wie die Farben des Morgen- und Abendhimmels. Ein wenig ein- gefangener Sternenstaub, ein bißchen Niederschlag von dem Regenbogen, den ich umklammert hielt - das ist meine Ernte.
Henry David Thoreau (deutsch von E. Emmerich und T. Fischer)


07.04.05

Dem Nachbarhaus werden die Zähne plombiert, den ganzen Tag schon. Lan- ge, allzu lange harre ich aus, dann ergreife ich endlich die Flucht.
Feuchte Kühle empfängt mich, ein Himmel von einem kränkelnden Grau, dichter Feierabendverkehr und, in den Nachmittag gespannt, ein zartes Netz aus Vogelgesang.
Im Kopf nur kariöse Bilder.


08.04.05

Als das Rote Meer noch rot war, Vögel noch ihren Namen riefen und der Sonntag noch Sonntagskleider trug.
Als es den leeren Raum noch nicht gab, ein Tag noch hundert Taschen hatte und dich noch eine Zukunft erwartete, in der nichts klein sein würde.


09.04.05

Nach Mitternacht. - Diese in die Stille purzelnden Stimmen, ihre beinah schmerzende Lebendigkeit und jugendliche Gelenkigkeit.


10.04.05

Psyche

Nein, nicht nur die Dienerschaft war unsichtbar, sondern auch der Palast mit all seinen Kostbarkeiten, und der Gott, der sich Nacht für Nacht im Dunkeln zu ihr legte, zeugte mit ihr ein körperloses Kind.
Und ihre Schwestern?
Sie waren sich sicher, daß sie es besser getroffen hatten. (Mag sein, daß sie auch als die Schöneren galten.)


11.04.05

Warten, worauf?
Daß in dir eine Stimme zu sprechen beginnt, die nicht wieder verstummt?
Daß die Tage wieder Labyrinthe werden, in denen man sich lustvoll verirrt?
Daß dich die Nacht in ihre weichen Arme nimmt?
Warten, worauf?


12.04.05

Ich hatte ein paar Romane und Erzählungen des Autors gelesen und mich schon mehrmals vergeblich bemüht, an dieses frühe, seit langem vergriffene Werk zu kommen, doch nun entdeckte ich es ganz zufällig in einem kleinen Antiquariat. Das Buch sah völlig anders aus, als ich erwartet hatte: wie diese Holzbücher in Xylotheken, der Einband bestand aus dunkler, rauher Rinde. Ich klappte es in der Mitte auf und fand in ihm eine aus Wachs gebildete schlafende Frau, die, nicht größer als eine Kinderhand und überaus fein ge- arbeitet, in weiche Kissen gebettet lag.


13.04.05

In dieser Musik wachsen andere Bäume, die andere Hügel bewalden und sich in anderen Seen spiegeln. Und die Wälder bewohnen andere Vögel und die Seen andere Fische. Und andere Menschen fangen mit Netzen die Vögel und die Fische.


14.04.05

Der Dornröschenschlaf der Bücher im Regal. Der Leser küßt sie wach.


15.04.05

Die große lebendige und tönende Unbewußtheit

nach André Breton

Wer da? Bist du es, Nadja? Ich höre dich nicht. Wer da? Bin ich es allein? Bin ich es selbst?

Ich fühlte, wie mir das Tier auf den Kopf fiel, ich konnte gerade noch seine Kugel-Augen an meinem Hutrand glänzen sehen, dann war ich am Ersticken, und nur mit großer Mühe konnte man mir zwei seiner großen haarigen Beine aus der Kehle ziehen.


Eine junge, sehr ärmlich gekleidete Frau. So zart, daß sie den Fuß kaum aufsetzt. Sonderbar geschminkt. Was ist das Außergewöhnliche, das sich in ihren Augen bewegt? Was spiegelt sich darin, zugleich dunkel und leuchtend, an Herzensangst und Stolz?

Ich erinnere mich, daß ich ihr schwarz und kalt erschienen bin wie ein vom Blitz Erschlagener, der zu Füßen der Sphinx liegt.

Rue Lafayette. Rue du Faubourg-Poissonnière. Rue de la Chaussée-d'Antin. Place Dauphine. Louvre. Tuilerien. Rue Saint-Honoré. Théâtre des Arts.

Sie sagte mir ihren Namen, den Namen, den sie sich gewählt hat.

»Sie werden den Stern nie so sehen, wie ich ihn sah. Sie verstehen nicht: er ist wie das Herz einer Blume ohne Herz.«

Sie sagte mir ihren Namen, den Namen, den sie sich gewählt hat.

»Diese Hand, diese Hand auf der Seine, warum diese Hand, die auf dem Wasser lodert?«

Sie sagte mir ihren Namen, den Namen, den sie sich gewählt hat.

»Wer war ich? Vor Jahrhunderten? Und du, damals, wer warst du?«

Rue Saint-Georges. Rue de Chéroi. Quai Malaquais. Rue de Seine. Boule- vard Magenta. Boulevard des Batignolles. Palais Royal. Gare Saint-Lazare. Vésinet. Saint-Germain.

Unter welchem Breitengrad konnten wir uns wohl befinden, derart ausgeliefert der Raserei der Symbole, dann und wann eine Beute des Dämons der Analogie, und, wie wir uns selbst erlebten, Gegenstand äußerster Vorhaben, einzigartiger ausgesuchter Aufmerksamkeiten?

»Siehst du das Fenster dort unten? Es ist schwarz, wie alle anderen. In einer Minute wird es hell werden. Es wird rot sein.«

Die große lebendige und tönende Unbewußtheit. Das Herz des Menschen, schön wie ein Seismograph.

»Nadja, weil es im Russischen der Anfang des Wortes Hoffnung ist, und weil es nur sein Anfang ist.«

verwendeter Text: Nadja (deutsch von Max Hölzer)


16.04.05

Die fließenden Muster aus Wirbeln und Wellen, die silberhellen Glossolalien, überall wo dem Wasser Steine in den Weg gelegt sind. (Und wo es nichts hindert, nichts hemmt, bleibt der Fluß stumm.)


17.04.05

Er kommt mir auf der Treppe entgegen, einen Koffer in jeder Hand. Obwohl er verändert aussieht, sich in sein Gesicht mit irritierender Deutlichkeit die Züge seines toten Bruders geschrieben haben, erkenne ich ihn. Er nickt mir zu, und ich weiß, dies ist ein Abschied für immer.


18.04.05

Schnelles Lesen verbraucht Zeit, langsames Lesen setzt Zeit frei.


19.04.05

Gestern pickte sie noch zu Füßen des Louvre Samenkörner aus frisch ge- zogenen Ackerfurchen, im Oktoberbild der Très Riches Heures du Duc de Berry, nun sitzt sie schnarrend unter meinem Fenster.
(Und immer erinnern mich die Elstern an jene Frauen, deren Stimmen das Versprechen brechen, welches ihre Schönheit ist.)


20.04.05



21.04.05

Ein Tagebuch, das nur aus Fragen besteht.
Wenn diese Welt allein und keine andere, keine bessere möglich gewesen wäre?
Kann man sich in den Frühling wie in eine Frau verlieben?
Wie setzt man sich zu Göttern in ein Verhältnis?
Die weißen Antworten des Papiers.


22.04.05

Der Wind hat Sterne ins Gras gesät (Bellis perennis). In den Garten hinunter- schauend, blicke ich auf die Karte eines imaginären Himmels. Zwei ernste dunkle Dohlen, Astronomen oder Astrologen, lassen sich auf ihr nieder und studieren die Konstellationen.


23.04.05

Vergessene Jahre
Cento

Ein kleines, reich mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes Ru- he-Gemach.
Ich erinnere mich.

Eine Frau aus Wachs, schön und mit Träumen geschmückt, in einem Bett aus violettem Samt.
Ich erinnere mich.
Hier lebte ich vergessene Jahre, in der beschleunigten Folge der Tage und Nächte.
 
Michel Butor, René Crevel, Max Ernst, Arthur Rimbaud, Georg Trakl, Robert Walser


24.04.05

Sie schoben sich die Dachschräge hinauf, drückten gegen die Fenster, ver- suchten einzusteigen. Ich stieß sie zurück, das Dach hinunter, sah sie fallen, ihre nackten, wie mit Gold überzogenen Leiber unten aufschlagen, doch sie blieben unverletzt. Und gleich ging es von neuem los, sie gönnten mir keine Pause. Ich rannte hin und her, atemlos, panisch: hatte ich ein Fenster wieder geschlossen, wurde gleich ein anderes aufgestoßen. Endlich hatte es eine geschafft, und sofort war sie im Haus verschwunden. Nun würden es auch andere schaffen, immer mehr, und bald würden sie überall sein, in allen Zim- mern - die Immunabwehr des Hauses zusammengebrochen.


25.04.05

Hinterm Spiegel ein Labyrinth von Spiegeln, hinterm Wort ein vielstimmiges Geflüster.


26.04.05

Wenn wir wie die Maulwürfe in der Erde lebten, wären die Bäume für uns in der Luft wurzelnde und mit in die Tiefe strebendem Wachstum in unser dunkles, dichtes Element sich hineinverzweigende Lebewesen.


27.04.05

Der übermäßige Gebrauch von Brillen hat den Okzident blind gemacht. Wenn er nicht mehr träumen wird, wird ein großer Sturm über die schlammigen Nie- derungen des Westens blasen und alles Bewußtsein hinwegfegen.
Roger Gilbert-Lecomte (deutsch von Gerd Henniger)


28.04.05

Sie liegt in ihm, zusammengerollt: eine Schlafende, atmend in seinem Atem. Eine Erinnerung weckt sie. Mit einem Seufzer - er fühlt ihn in seiner Kehle - läßt sie die Beine hinuntergleiten in die seinen, während ihre Arme in seine Arme wie in Pulloverärmel fahren. Und nun schlägt sie die Augen auf, die noch vom Schlaf verklebten, schlägt sie auf in seinen Blick.


29.04.05

Wie der Gesang der Vögel, der frühmorgens ein Lärmen ist, das einen, ist man vor der Zeit aufgewacht, am Wiedereinschlafen hindert, im Laufe des Tages zu einem Bestandteil der Stille wird.


30.04.05

Was sähe man, wenn man einmal vor dem Spiegel wirklich mit sich allein wäre? Wen sähe man?


01.05.05

Die Tafel war festlich gedeckt, aber auf den Tischkarten standen, wie ich ver- wundert feststellte, keine Namen, sondern die Wochentage.


02.05.05

Jules Supervielle
La mer secrète
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Quand nul ne la regarde,
La mer n'est plus la mer,
Elle est ce que nous sommes
Lorsque nul ne nous voit.
Elle a d'autres poissons,
D'autres vagues aussi.
C'est la mer pour la mer
Et pour ceux qui en rêvent,
Comme je fais ici.

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Das verborgene Meer
.

Wenn niemand es anschaut,
Ist das Meer nicht mehr das Meer,
Ist es, was wir dann sind,
Wenn niemand uns sieht.
Es hat andere Fische,
Andere Wellen auch.
Ist das Meer für das Meer
Und für die, welche es träumen,
So wie ich hier tu.

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03.05.05

Ein Lebewesen, das sich von kosmischem Staub ernährt.
Ein anderes, das nur von Durchsichtigem lebt, alles Opake meidet.


04.05.05

Eingeschlafen auf der Schwelle, wieder einmal. Und die Göttin, wieder ein- mal, hebt die alabasterweißen Füße, um den Schlafenden nicht zu wecken.


05.05.05

Ein wie mit sympathetischer Tinte geschriebenes Leben und keine Flamme, die es lesen will, ein Monodrama ohne Publikum um alte Traumen und alte Träume, ein endloses Leporello aus Bildern des Stillstands.



06.05.05

Die Phantome, mit denen man Wand an Wand wohnt: sie werden nicht älter - ihre Stimmen sind noch dieselben wie vor zehn, vor fünfzehn Jahren. Und dann lehnt man sich eines Nachmittags weit aus dem Fenster, um irgend etwas in Augenschein zu nehmen, und sieht, wie nebenan einer dasselbe tut, und ist fast bestürzt, weil der so viel älter ist als derjenige, den man sich, wie vage auch immer, als seinen Nachbarn vorgestellt hat, so viel älter als dieser Mann um die Dreißig, zu dem die abends durch die Wand dringende Stimme zu gehören schien und den man sich, man realisiert es erst jetzt, fünfzehn Jahre lang vorgestellt hat.


07.05.05

All die morgenfrischen Anfänge - wiegen sie nicht manches auf? Kann ein Leben nicht auch reich durch seine Anfänge sein?


08.05.05

Der ganze Baum ist nur ein Blatt, die Flüsse sind noch größere, weiter geästelte Blätter, deren Fleisch die dazwischenliegende Erde ist, und die Städte sind die Insekteneier in dem Verästelungswinkel.
Henry David Thoreau (deutsch von E. Emmerich und T. Fischer)


09.05.05

Das Improvisierende der Träume - kaum irgendwo zeigt es sich mir mit sol- cher Deutlichkeit wie in den Zimmern, die ich in ihnen bewohne: sie sind im- mer Zimmer in statu nascendi, Zimmer, die ihre Ordnung noch nicht gefunden haben, ein Durcheinander aufweisen wie am Tag des Einzugs, und jeder Blick entdeckt Neues in ihnen, ja, bringt es, wie es scheint, überhaupt erst hervor, Neues, das allenfalls ein vages Gefühl des Wiedererkennens weckt und das, will die Aufmerksamkeit, nachdem sie sich für wie kurze Zeit auch immer von ihm abgewandt hat, zu ihm zurückkehren, von anderem nicht Erwarteten ver- drängt, nicht mehr auffindbar ist. (Mag sein, daß sich hier auch das Provi- sorische und Ungefestigte einer Existenz in Interieurs übersetzt.)


10.05.05

Noch immer wohnt, was einmal Herz hieß, in der Brust, doch nun teilt es deren enge Nacht mit einer immerwachen faustgroßen Molluske, mit einer blut- schweren pochenden Uhr, teilt sie damit wie den mütterlichen Schoß mit einem ungleichen Zwilling.




12.05.05

Diese Farbe in ihrer schönen und ernsten Reglosigkeit (wie außerhalb der Zeit stehend) wäre nicht ohne die unaufhörliche und unfaßbare Bewegung des Lichts.


13.05.05
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Die durchhörigen Wände
(durchsichtig im Traum),
das winzige Gewicht
der sich auf die Lider legenden Nacht,
die Hand, die dir in die Brust greift,
dich wie einen Tabernakel öffnet.



14.05.05

Aus dem Spiel, ist er wieder ganz bei sich, also wieder in einem Spiel, aber einem ernsteren.


15.05.05

Die Fetzchen Blau in einem grauen Himmel: der kostbare Lapislazuli der trü- ben Tage.
(Und das im Überfluß gegebene Blau der hellen Tage? Billiges Hobbymaler- pigment?)


16.05.05

Wieder weiß ich nur die ungefähre Richtung, in der meine Wohnung liegt, und wieder hat die Stadt nie gesehne Straßen, nie gesehne Viertel zwischen mich und sie geschoben. Und mein Verfolger? Ich drehe den Kopf, kann ihn nicht entdecken, spüre aber, daß er irgendwo in der Nähe ist, darauf brennend, die Mathematik der Gewalt mit ihren bis zur Stupidität einfachen Ungleichungen an mir zu erproben.


17.05.05

Im Geiste ist kein näherer Nachbar des Frühlings als der Herbst.
    Jean Paul


18.05.05

Das ist das Nacheinander der Tage: eine unabsehbar lange, beinah endlose Flucht von Zimmern. In einem von ihnen ist er ihr begegnet. Ein Teil von ihm kehrt immer wieder dorthin zurück, gleichzeitig entfernt er sich mit jedem Tag weiter von diesem Zimmer. Sie hat es damals durch eine andere Tür verlas- sen. Die Flucht, in der sie sich bewegt, stellt er sich gerne der seinen ähnlich vor, aber er ahnt, daß die Wirklichkeit ganz anders aussieht, und er ahnt, daß dies für ihn so herausgehobene Zimmer für sie keinerlei Bedeutung besitzt.


19.05.05

Für ein Wesen, dessen Leben sich in der Spanne zwischen zwei Lidschlägen abspielte, gehörten die Wolken zur Geographie.


20.05.05

Wir sprechen doch dieselbe Sprache, aber ich begreife einfach nicht, was er mir sagen will. Und statt nachzufragen, nicke ich immer nur, Verständnis vor- täuschend, in seine Richtung, dabei hängt für mich von diesem Gespräch so viel ab. (Jede Nacht bin ich dieses in eine Erwachsenenwelt hineingeratene Kind, das alles nur halb versteht und sich die andere Hälfte mit den ihm zur Verfügung stehenden bescheidenen Mitteln zusammenzureimen versucht, was ihm aber nie wirklich gelingen will, weshalb es sich immer wie auf schwan- kendem Boden bewegt.)


21.05.05

Blaue Wege
Cento

Durch die Stadt streifte der unbehauste Mond, und ich ging mit ihm. Blaue Wege flossen an mir vorüber, Träume sprangen um mich her, wie junge Katzen.
Eine stille Gestalt, ihre weißen Arme, Liebe in welkenden Gärten. Das Ge- sicht eines Toten, Lider aus Gold, von Zukunft trunkene Augen.
Ich fühlte mich seltsam leicht und glücklich, ging mit elastischen Schritten, dann fiel ich in ein vorwärtsdrängendes Laufen.

Miguel Angel Asturias, Isaac Babel, Max Jacob, Cees Nooteboom, Bruno Schulz


22.05.05

Ein Zimmer, so hoch oben oder so tief unten, daß es der mit den Sporen des Schlafs gesättigte Wind der mittleren Regionen nicht mehr erreicht.


23.05.05

Einmal träumte ich, ich kopierte ein Gedicht, indem ich ein leeres Blatt über es legte und die schattenhaft im Weiß des Papiers erscheinenden Lettern nach- zeichnete. Aber vieles war kaum lesbar, und so kam es unweigerlich zu Lektüre-, zu Kopierfehlern. Ich hatte, wie es schien, ein vielversprechendes poetisches Verfahren entdeckt, einen Weg gefunden, der mich zu neuen Gedichten führte.


24.05.05

Die Grisaille im Fenster (langsam wie auf Schienen in Leserichtung vorbei- geschoben): in der unteren, helleren und zugleich kontrastreicheren Hälfte mit spitzem Haarpinsel ausgeführte Feinmalerei, die Waagerechte umspielende fraktale Muster, in der oberen, dunkleren dagegen, wie hingewischt, mit brei- tem Borstenpinsel aus dem Handgelenk oder sogar aus dem Schwung des Arms heraus gemalt, ein diffuses, formlos-flaues Grau in Grau, und das Dunklere, Gröbere oben wie gegen das Hellere, Feinere unten drängend, mit dem faden Furor einer verbrauchten Radikalität.


25.05.05

Was formen die Hände, die sich wie im Schlaf aneinander- und ineinander- legenden Finger?
Einen Buchstaben? Aus welcher Schrift? Aus welchem Alphabet?
Weiß die Zunge in ihrem weichen, warmen Bett den Laut, für den er steht?


26.05.05

Das war weit mehr, als ich erwartet hatte. Ein Keller voller Bücher. Sie waren überall, in allen Räumen und auf dem Gang, Tausende, Zehntausende von Büchern, von Generationen von Mietern zurückgelassen, sedimentiertes gei- stiges Leben. Was für eine Entdeckung! Ich ahnte, daß ich nie wieder einen Fuß in eine Buchhandlung oder in eine Bibliothek setzen würde.


27.05.05

Die Poesie gelangt anticipando, deduktiv zum Sinn der Welt, auf Grund gro- ßer und kühner Abkürzungen und Annäherungen. Die Wissenschaft trachtet nach dem gleichen, aber induktiv, methodisch und mit kritischer Würdigung des gesamten Erfahrungsmaterials.
Bruno Schulz (deutsch von Josef Hahn)


28.05.05

Die Bäume stehen dunkel und im Osten vergraut vor dem ausgebleichten Himmel, aber der aus ihnen kommende Gesang scheint an Farbigkeit stetig zu gewinnen.
Gedichte werden nicht gebacken, die Hitze ist der Poesie nicht förderlich. Es ist, als zögen sich die Worte vor ihr in ein tiefstes, schattigstes Inneres un- erreichbar zurück.
Doch nun ist der Abkühlung bringende Abend da, und hier, in diesem Teil des Parks, ist niemand mehr außer dir und den Vögeln ...


29.05.05

Du hast drei Simulationen frei, verkündet die Fee Morgana.


30.05.05

Ich zähle, wie ich es als Kind gelernt habe, nach jedem Blitz: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig ..., während der Held des Spätfilms langsam stirbt. Er öffnet hustend den Briefkasten, schleppt sich die Treppe zu seiner Wohnung hoch, und ich zähle. Sein Gesicht in Nahaufnahme, gealtert und vom Hautkrebs der Infizierten gefleckt, und ich zähle. Einundzwanzig, zweiundzwan- zig, dreiundzwanzig ... Immer wieder gehen weiße Schauer durchs Bild, dann ein ganz kleines Klickgeräusch, und es ist weg.


31.05.05

Das Tropfenmuster am Fenster, vor dem zu Weiß und Blau zurückgekehrten Himmel: ein Autograph des Regens, wie japanische Gedichte von oben nach unten geschrieben. Weiterziehend in östlicher Richtung, hat er es hier zurück- gelassen, aber ich kann es nicht lesen.


01.06.05

Eine Fremdsprache, die ich gerne erlernen würde: die Tintenfischsprache - eine Sprache mit einem Vokabular aus Farben und Mustern.


02.06.05

Toccata


03.06.05

Und jede Nacht ist er dieser schlafende Fötus, der sich ein extrauterines Leben zusammenträumt, so unverständlich wie das lärmige Durcheinander, mit dem ihn der Kreißsaal empfangen wird, und so grell wie das Licht dort.


04.06.05

Schönheit ist offenbar am ergreifendsten, am deutlichsten dort, wo sie an die Grenze zum Chaos vorstößt, wo sie ihre Ordnung freiwillig aufs Spiel setzt. Schönheit ist eine schmale Gratwanderung zwischen dem Risiko zweier Ab- stürze: auf der einen Seite die Auflösung aller Ordnung in Chaos, auf der anderen die Erstarrung in Symmetrie und Ordnung. Nur auf diesem gefähr- lichen Grat entsteht Schönheit, wird Gestalt.
Friedrich Cramer


05.06.05

Ich fühle hinter meinem Taggesicht wie hinter einer Maske mein Nachtge- sicht, fühle es wie das Wort, das unter meiner Zunge schläft, das Paßwort, das ich erst weiß, wenn es erwacht ist.


06.06.05

Ein Gedicht, das sich verflüssigt wie die Raupe in der Puppenruhe, um sich aus der Auflösung heraus neu zu organisieren, wiederzuerstehen in anderer Gestalt, als ein anderer Organismus mit anderen Eigenschaften.


07.06.05

Wie sie Nachmittag um Nachmittag im Park zusammenstehn, in endlosen Ge- sprächen um nichts, als wüßten sie wie ihre Hunde nicht vom Tod.


08.06.05

Er sitzt in einem petrifizierten Traum und malt sich. Malt sich als Reisenden. Als Reisenden mit leichtem Gepäck.


09.06.05

Wie sich manchmal ein großer Name schirmend um das Flämmchen einer kleinen Begabung legt.


10.06.05

Im Fenster unter einem Himmel mit zartester weiß-blauer Marmorierung eine sich weit hinziehende Gebirgskette, zwischen den Bergspitzen lagert Nebel - das Ganze von der Vagheit eines sich im Entwicklerbad aufbauenden, erst schemenhaft zeigenden Bildes, und noch bevor sich klarere Konturen aus- bilden können, ist alles wieder verschwunden, und die für eine Minute verstummten Vögel lassen sich wieder vernehmen.


11.06.05

Wer aber über das Dichterische in der Natur nicht Bescheid weiß, der kennt einen sehr großen Teil der Natur nicht, ja, er kennt die Natur überhaupt nicht, weil er ihre Art zu sein nicht kennt.
Giacomo Leopardi (deutsch von Hanno Helbling)


12.06.05

Eine Nacht, die nicht größer ist als ein chinesischer Tuschestein, aber für die Wesen, die sie bewohnen, dehnt sie sich fast ins Unendliche.


13.06.05

Die Frau, die mir seit bald zwanzig Jahren mit ihren wechselnden Hunden (wenigstens zwei hat sie in dieser Zeit schon überlebt) bei meinen Spazier- gängen begegnet: nun hat sie selbst die Augen eines alten Hundes.


14.06.05

Diese Briefe ohne genannten Adressaten, die er vielleicht, man ahnt es, nur sich selbst schreibt (vorausgesetzt, er ist als ihr Verfasser zu betrachten): himmelblau fließen sie ihm aufs Papier, aber niemand kann sie lesen.


15.06.05

Was für ein Chaos! Was für ein Kuddelmuddel! Und dann diese Farben! Can- celn! Alles canceln! ruft er und löscht meinen Traum.


16.06.05

Die verlorenen Farben
Cento

Wie ein Traum der Sonne
der Keim des Lichts,
ein weißer Schein.

Unter der durchsichtigen Gegenwart
die verlorenen Farben der Zeitenfrühe,
die schlafenden Götter
hüllen die Wälder in Duft.

Ist es heute verboten zu sprechen?
Es scheint so.


    André Breton, Paul Éluard, Cees Nooteboom, Novalis, Unica Zürn


17.06.05

Was wir für ein Tier gehalten hatten, war in Wahrheit ihr Abgesandter. Ihre fassungslosen Echsengesichter. So hatten wir es uns durch einen diploma- tischen Fauxpas mit unseren neuen Herren gleich verdorben.


18.06.05

Und alle Namen fliegen in den Himmel hoch, nur die mit Ruhm beschwerten nicht.


19.06.05

Nacht, dunkle Braut


20.06.05

Die Schönheit, die wir an einem Reh, einer Elster oder einem Tagpfauenauge wahrnehmen, ist die der Spezies. Für diese sind wir bei uns selbst blind. Aber vielleicht nehmen sie andere an uns wahr, unsere Hunde zum Beispiel - das erklärte ihre Anhänglichkeit - oder, wenn diesem Wort außerhalb unserer Vor- stellungen etwas entspricht, die Götter.
Und wenn doch welche unter uns wären, die sie zu sehen in der Lage sind, die Schönheit des Homo sapiens, an der jeder, auch der in unseren Augen Reiz- loseste, teilhat? Das wären die wahren Menschenfreunde.



Sommer 2005

21.06.05

Ein Morgentraum übersetzt den Ruf der Türkentaube in drei Silben, die eine eindringliche Stimme aus dem Off unentwegt wiederholt. Ich wache auf, und es ist wieder der Ruf der Türkentaube. (In Brentanos Märchen von Gockel und Hinkel verstehen die Menschen im Schlaf die Mäusesprache, doch sowie sie aufgewacht sind, ist die bloß noch ein unverständliches Gepiepe für sie.)


22.06.05

Dieser Strom, der im Ozean entspringt und, sich teilend, sich immer weiter verzweigend, das Land erobert und dessen Fließen kein Sichüberlassen, son- dern ein drängendes Sichvorarbeiten ist.


23.06.05

Ein Märchenschluß. - Die Jahre entrollten sich vor ihm wie ein endloser roter Teppich, und aus seinem gehetzten Laufen wurde ein gesetztes Schreiten.


24.06.05

'Round Midnight
.
Ein Garten, in dem nur Blumen wachsen, die nachts ihre Blüten öffnen. Die ihn - um Mitternacht herum - besuchen, kommen immer allein, und die sich dort begegnen, wechseln kein Wort miteinander, sondern nicken sich nur zu.


25.06.05

Es gibt welche, die sich durch Geringes erleuchten lassen, plötzlich: wunder- bar. Es gibt welche, die unaufhörlich von »Wichtigem« erleuchtet werden: entsetzlich.
Elias Canetti


26.06.05

Er wurde wie eine Lachnummer angekündigt, mit augenzwinkernder Aufge- räumtheit, dann öffnete sich die Tür, und herein kam ein Wrack. In seinem Gesicht, gezeichnet von einem Leben, dessen Härten und Zumutungen sich nur ahnen ließen, waren die Züge des einst schönen Menschen kaum mehr auffindbar. Und nichts war mehr von seinem alten Charme, der damals so einnehmenden Offenheit da. Ein tiefer Graben schien ihn nun von uns zu trennen, aufgerissen von diesem Leben, das so ganz anders verlaufen war als die unseren und das er mit einer Art trotzigem Einverständnis - als Preis wofür? - angenommen zu haben schien.


27.06.05

Wo ist die Geschichte geblieben, die ich erzählen wollte? Nur Bruchstücke finde ich von ihr noch wieder, Bruchstücke, die sich nicht mehr verbinden wollen. Aber zwischen ihnen, was wuchert da, was drängt dort hervor?


28.06.05

Diese Sätze, die aus dem Schweigen kommen, mit Substantiven, die wie weißvermummte Beduinen, und Verben, die wie ihre genügsamen Kamele sind.


29.06.05

Wie gestern, als ich zur Bücherei fuhr, bei jedem Wagen, der mir entgegen- kam, eine gleißende Sonne an die Windschutzscheibe montiert war, heute morgen dagegen ...
(Wer wäscht dem Tag den Grauschleier aus den Wolken?)



30.06.05

Er findet die Häßlichkeit, die der erste Blick ihm zeigte, in ihrem Gesicht nicht wieder.


01.07.05

Das verbotene Zimmer
Cento

Durch die geschlossenen
Lider gesehen,
die Augen voll Nacht:
das verbotene Zimmer
auf der Rückseite des Spiegels,
eine viereckige Ewigkeit.
Tote, die träumen,
daß sie nicht tot sind,
apokryphe Tiere,
Stimmen aus Wind.

Miguel Angel Asturias, William S. Burroughs, Karl Krolow, Cees Nooteboom, Bruno Schulz, Robert Walser, Unica Zürn


02.07.05

Im dichten Dämmer des Zimmers war sein Gesicht nicht zu erkennen. Ein dunkler, geisterhafter Schemen, kam er langsam auf mich zu. Meine Zunge wollte mir kaum gehorchen, mühsam artikulierend fragte ich: Wer bist du? - und erwachte mit dem heftigen Gefühl, an der Schwelle einer Offenbarung ge- standen zu haben.


03.07.05

Er träumt von Verbandlung - am Leben vorbei. Er träumt von Verwandlung - am Tod vorbei.


04.07.05

Hyle


05.07.05

Der Fluß, dem man als ein anderer entsteigt: manchmal, nachts, scheint er nicht weit, meint er seine Nähe zu spüren. Regungslos - nur der Nabel hebt und senkt sich leise - liegt er dann da, in Erwartung der aus dem Dunkel bre- chenden, sich ins Zimmer ergießenden Fluten, aber nichts, überhaupt nichts geschieht.


06.07.05

Die größte Schwäche des zeitgenössischen Denkens scheint mir in einer unsinnigen Überschätzung des Bekannten im Verhältnis zu dem noch zu Er- kennenden zu liegen.
André Breton (deutsch von Friedhelm Kemp)


07.07.05

Der Weiche hat einen weichen Gott, der Harte einen harten (und der Rach- süchtige einen rachsüchtigen).


08.07.05

Zwei Nächte, Wand an Wand, zwei Schlaflosigkeiten, Wand an Wand, und die eine Schlaflosigkeit horcht aus ihrer Nacht in die andere Nacht hinein, zu der anderen Schlaflosigkeit hinüber. Und die?


09.07.05

- Eine hohe, abweisende Mauer, und man bewegt sich vom Morgen bis zum Abend an ihr entlang, in der Hoffnung, eine Öffnung zu finden, eine Tür, wie schmal auch immer, durch die man hineingelangt.
- Hinein? Wohin?
- In den hinter der Mauer blühenden Tag.


10.07.05

Erzählte Träume haben mit wirklichen Träumen so viel Ähnlichkeit wie die Indios auf alten spanischen Stichen mit wirklichen Indios.


11.07.05

Die nicht wieder einzuholende Flucht der Zeit

nach Dino Buzzati

Mechanisch sprach Giovanni das Losungswort aus. »Wunder.«
»Elend«, gab der Posten zurück und senkte die Waffe.


Die Felsen zur Rechten, von Eis überkrustet, glitzerten bläulich im Licht des Mondes. In wilden Stößen jagte der Wind weiße Wölkchen über den Himmel. Regungslos dastehend, starrte Giovanni zu den Felsbarrieren hinüber, dort- hin, wo sich der Norden in undurchdringlichen Fernen verlor.

Nie waren Feinde von dort hervorgebrochen, nie hatte sich irgend etwas dort ereignet.

Überall auf den Mauerkronen hielten Posten Wache, das Gewehr über der Schulter, jeder von ihnen auf seinem kleinen Abschnitt gemessen hin und her schreitend. Ihre pendelnden Bewegungen schienen den Lauf der Zeit auszu- messen.

»Seid auf der Hut! Seid auf der Hut!«

Diese Mauern wuchsen plötzlich, wuchsen hinein in einen trotz der späten Stunde kristallen leuchtenden Himmel. Und hinter ihnen stiegen nie zuvor gesehene, schneebedeckte Zinnen, Wehrtürme und Bastionen mit schwei- gend verriegelten Pforten auf, denen ein gleißendes Licht vom Westen her geheimnisvolles Leben verlieh.

In dieser Stunde malte er sich alles das aus, was er wahrscheinlich niemals erleben würde. Einmal in großer Uniform vorwärtsstürmen, den rätselhaften Gesichtern der Feinde entgegen, und dabei lächeln!

»Seid auf der Hut! Seid auf der Hut!«

Die niedrigen, zerklüfteten Felsen, das gewundene, kahle Tal, die schroffen Abstürze und schließlich dieses Dreieck trostloser Ebene.

Die kahlen, feuchten Wände, die Stille, das trübe Licht.

Die Frauen, diese liebenswerten, seltsamen Geschöpfe. Er dachte an sie wie an ein sicheres Glück.

»Seid auf der Hut! Seid auf der Hut!«

Endlich wandte der tote Freund den Kopf und starrte ihn sekundenlang an - mit einem Blick, dessen Ernst gar nicht zu diesem Knaben paßte. Dann aber breitete sich über Angustinas Gesicht langsam ein Lächeln heimlichen Ein- verständnisses.

»Ei ... u! Ei ... u!«

In dieser Nacht sollte für ihn die nicht wieder einzuholende Flucht der Zeit beginnen.

verwendeter Text: Die Tatarenwüste (deutsch von P. Eckstein u. W. Lipsius)


12.07.05

Von harten, das dünne Porzellan der Träume zerdeppernden Hammerschlä- gen geweckt: hier werden munter Feierabende gefertigt, am frühen Morgen schon.


13.07.05

Die Liebe, die so rücksichtslos sein kann: ganz leise, wie auf Zehenspitzen ist sie aus seinem Leben gegangen.


14.07.05

Die grau und hinfällig gewordenen Gewinner und die trotzig-verbissene Ju- gendlichkeit des Verlierers (er weigert sich, sich im Verfall mit ihnen zu treffen).


15.07.05

Dieser dunkle Hohlraum in dir, von der warmen, weichen Hand deines Atems modelliert: eine kleine Nacht, die du durch den Tag tragen wirst.


16.07.05

Du fürchtest dich vor der Verwandlung? Was kann denn ohne Verwandlung werden?
Marc Aurel (deutsch von Otto Kiefer)


17.07.05

Wieder einmal besucht er ihre Stadt. Sie hat dort in jedem Viertel eine Wohnung. Wohin er auch kommt, sie ist nie weit. Egal, in welche Straße er den Fuß setzt, sie kann, mit ihren geheimnisvollen Angelegenheiten beschäftigt, jeden Augenblick um eine Ecke biegen: von der Zeit unberührt, noch genauso jung und schön wie vor fünf, vor zehn, vor fünfzehn Jahren.


18.07.05

Ein hirntotes Gedicht: nur das Herz schlägt noch seinen trochäischen Takt.


19.07.05

Jemand hat ein Bündel Zeitungen in den Fluß geworfen. Der wäscht nun die Lettern aus dem Papier, die Fische schnappen nach ihnen wie nach Wasser- flöhen, und ein regengrauer Reiher - er wartet ein Stück weiter flußab - holt sich die vollgefressenen Fische.


20.07.05

Von der Zentrifugalkraft eines durchdrehenden Traumkarussells aus dem Schlaf geschleudert. Der Tag ist noch ganz jung und nackt wie ein adjek- tivloser Satz.


21.07.05

Jeder bringt eine Farbe mit, manche auch zwei oder drei. Damit schmücken wir den grauen Tag.


22.07.05

Erst müssen sich die Begriffe und Kategorien verwirren. Vorher sind keine Entdeckungen zu machen.


23.07.05

Wenn alle Menschen des Nachmittags um 3 Uhr versteinert würden.
 Georg Christoph Lichtenberg


24.07.05

Dies war ein anderes Licht. Aus einer verborgenen, nicht zu ortenden Quelle strömend und uns sanft umfließend, war es wie eine zärtliche Berührung, eine Liebkosung. Und wir, wir waren andere in diesem Licht.




26.07.05

Ein denkendes Wesen von amöbenhafter Körperlichkeit. Was hätte es für einen Schönheitsbegriff? Wie sähen seine Künste aus?
Und wie verhielte es sich mit einem denkenden Wesen, das wie die Insekten eine Metamorphose durchmachte?


27.07.05

Die kühlen Lippen der Nacht (und sie küßt dich wie ein Kind auf die Stirn).


28.07.05

Hier, jetzt ... Das könnte ein Anfang sein. Wie ein mit zwei Hammerschlägen in den Stein getriebener Stahlnagel.
Ein Prosatag. Was anderes noch in mir ist, brennt mir die himmlische Verhör- lampe aus dem Schädel.
Vor mir auf dem aufgeheizten Pflaster mein wie ein Chagrinleder zusammen- geschrumpfter Schatten.


29.07.05

Wie jener chinesische Maler in seinem Bild, möchte er in seinem Namen verschwinden, auf Nimmerwiedersehn.


30.07.05

Das Zimmer im Halblicht, seine Konturen von der Kurzsichtigkeit verwischt.
Hinter den buttergelben Rollos entleert sich rauschend der Himmel. Zuckendes Blitzlicht: ich zähle die Sekunden bis zum Donner.
I am still alive. I am still dead.
Ein zweiter Blitz, ein dritter: ich zähle zunehmende Entfernung.
Die lange Koda des nach dem Paroxysmus erschöpften, immer dünner wer- denden Regens.


31.07.05

So schwer und so leicht

Cento

Der Rosenkranz erloschener Gestirne,
diese Herde unerträglicher Nichtigkeit.
Vorbei die große Verzauberung:
ich bin unendlich müde.
Der Tod, so schwer und so leicht,
ich bin seine Wohnung geworden.
Der Tod, so schwer und so leicht,
ich fühle, wie die Welt verschwindet.

Roger Caillois, Paul Éluard, Else Lasker-Schüler, Unica Zürn


01.08.05

Hinter den grauen Wolken ist blauer Himmel, hinter dem blauen Himmel schwarze Nacht.


02.08.05

Viele Traumbilder ähneln den Fischen der Tiefsee, die von so eigentümlicher Schönheit, aber nur unter den dort unten herrschenden Druckverhältnissen lebensfähig sind. Der Versuch, sie an die Oberfläche zu holen, bedeutete unweigerlich ihr Ende. (Vergangene Nacht in einem Traum eine Klosterka- pelle, die zugleich ein Brot war, und Nonnen liefen auf ihm hin und her. Wie bedeutungsvoll, wie kostbar mir dies Bild erschien, wie sehr ich bemüht war, es mir in allen Einzelheiten einzuprägen.)


03.08.05

Wie es die Unsichtbaren zu den Sichtbaren zieht, sie sich vergaffen in den Glanz der Sichtbarkeit. Mancher verliebt sich sterblich, aber hat je ein Sicht- barer die Gefühle eines Unsichtbaren erwidert?


04.08.05

Der schwere Mühlstein in seinem Kopf, alles zerreibend, die Wörter, die Bil- der, zu einem bitteren grauen Mehl.
Der schwere Mühlstein. Ist auch die Zukunft unter ihn geraten? Einundzwanzig ist er und findet seine Zukunft nicht mehr.


05.08.05

Eingesponnen in einen himmelblauen, lichtdurchstrahlten Kokon, die Augen weit geöffnet, in Erwartung der Verwandlung.


06.08.05

Die Borkenschrift der Bäume (der Wind, blind, liest sie mit den Händen).


07.08.05

Schönheit liegt im Augenblick des Überganges; die Form muß eben im Begriff scheinen, in andere Formen überzufließen.
Ralph Waldo Emerson (deutsch von Karl Federn)


08.08.05

Sätze finden einander über beinah jede Entfernung - wenn man ihnen Bewe- gungsfreiheit gibt.


09.08.05

Wie manchmal das, was einem als das Eigenste erschien, zum Fremdesten wird.
(Oder ist das Eigenste immer zugleich das Fremdeste?)


10.08.05


Diese Wolke am Himmel: ein Kopf im Profil, das Gesicht nach oben gekehrt, der Kopf eines liegenden Mannes. Die Nase weit überdimensioniert, eine Ovid-, eine Cyrano-Nase, und der Mund geöffnet wie der eines mit der einsamen Arbeit des Sterbens Beschäftigten (dem einsamen Abenteuer des Sterbens sich Überlassenden).
Die Nase verlängert sich weiter, wird zum Rüssel, das Profil schiebt sich zusammen, Stirn und Kinn schwinden. Ist das noch ein Mensch? Ist das nun ein Tier?
Noch eine Minute, und die Bewegungen der Luft haben alles ausgelöscht, und die Wolke ist nur noch eine Wolke.


11.08.05

Eine Schneise ins dichte Gestrüpp der Antworten schlagen. (Um wohin zu gelangen?)


12.08.05

Kubus aus weißem Licht
.

Niemand weiß von seiner Wunde,
niemand weiß von seinem Gott.
Alles müßte, denkt er, klarer,
einfacher sein, zum Beispiel
sein Zimmer, dies Durcheinander
von ungenauen Farben und Winkeln.
Er stellt sich einen Kubus vor,
drei mal drei mal drei Meter groß,
einen Kubus aus weißem Licht,
in die wogende Nacht gesetzt.
Einen Kubus aus weißem Licht
- und er in ihm, reglos stehend.


.
13.08.05

Vergiß nicht, aus floristischer Sicht ist, was in dir wächst, von keinerlei Inter- esse.


14.08.05

Nichts zu entdecken, nichts einzustecken. Oder doch?
Wie mit zugenähten Lidern und zugenähten Taschen bist du durch diesen Tag gestolpert, diesen graugesichtigen Sonntag (wenn, was er dir zukehrte, über- haupt das Gesicht war und nicht vielmehr sein schlaffes zölibatäres Hinterteil).



15.08.05

Vielleicht wird man eines Tages nur noch Tagebücher schreiben, weil man alles andere unerträglich findet.
Robert Musil


16.08.05

Es war ein paar Monate nach seinem Einzug, da träumte er, daß man sich in der Enge seiner Vier Wände versammelte, um eines Menschen, der hier gewohnt hatte, zu gedenken. (Lange Zeit später sah er einmal eine ähnliche Versammlung am Grab eines in der Stadt gestorbenen Philosophen.)
Zwei Jahre, nicht länger, dachte er damals, würde er in dem Apartment blei- ben, nun sind zwanzig herum und ein Umzug nicht in Sicht. Manchmal fragt er sich, wer der in seinem Traum geehrte Tote war (obwohl er weiß, wie unsinnig es ist, einem Traum so lange nachzusinnen).


17.08.05



18.08.05

Die leere Bühne: ein Versprechen - alles scheint möglich. Aber hinter ihr ist das Spiel bereits im Gange, das Spiel, das eine Möglichkeit nach der andern eliminiert.


19.08.05

Man träumt, man liege verkrümmt im Bett und warte auf den Tod, einen Tod mit Schmerzen und Abmagerung zum Skelett, der - gleichgültig, ob er Auslö- schung oder Durchgang ist - viel zu früh kommt, für den man sich viel zu jung fühlt (während sich alle andern, wie es scheint, schnell an den Gedanken ge- wöhnt haben, daß man lange vor ihnen dran ist), und man weiß, aufwachend mit diesem altbekannten Ziehen hinterm Nabel, daß einen die Diagnose einer todbringenden Krankheit noch genauso unvorbereitet treffen würde wie vor zehn, vor zwanzig, vor dreißig Jahren.


20.08.05

Die karge Sprache fühlt sich nur in kargen Gegenden wohl. Die Fruchtbarkeit scheint ihr Lüge.


21.08.05

Ein Tagebuch (oder besser Tage-Nächte-Buch) mit abwechselnd weißen und schwarzen Seiten: die rechte Hand (die Taghand) füllt die weißen und die linke (die Nachthand) die schwarzen, und die rechte schreibt von links nach rechts und die linke von rechts nach links, in Spiegelschrift (von der rechten Hirn- hemisphäre gesteuert wie die rechte Hand von der linken).


22.08.05

Die meisten Leser lesen nicht gerne kleine Texte, weil sie wenig Zeit haben. Sie gehen lieber in einem großen Roman spazieren, ohne sich zu verändern. Die kleinen Texte hingegen gehen in ihren Körpern spazieren, und das finden sie eher anstrengend.
Yoko Tawada


23.08.05

Nomaden zogen durch meinen Traum, drängten in mein Zimmer - wie geräumig es war. Wie eng dagegen mein Leben: ich suchte eine verlegte Rechnung.


24.08.05

Wie verwunderte es den Wind, diesen zehntausendhändigen Alleserkunder und Allesbefühler, daß man ihm eine Richtung zuschrieb.


25.08.05
.

Der unter einer regengrauen Fermate zerdehnte Tag,
der in Schritten und Kehren ausgemessene Abend:
still alive, still dead, still alive, still dead ...
Ich schieße mir einen gleißenden Stern in den Kopf.



26.08.05

All die Entdeckungen, die man, an ein Werk hingegeben, von ihm okkupiert, nicht macht.


27.08.05

Ins Rätsel hinein
Cento

Das Haus ist gestorben, die Zimmer sind alle leer.
In der steinernen Stille die Schreie des fernen Lebens, in der Nacht meines Herzens ein Lied, das zerbricht.
Ich steige nieder in meinen Spiegel und schwimme ins Rätsel hinein. Hinter mir laß ich die Welt und die Nacht ohne Wunder.

Rose Ausländer, Dino Campana, Paul Éluard, Else Lasker-Schüler, Cees Nooteboom


28.08.05

Flaschenpost im Ozean des Internets. Dort ist das Wort vor Feuer, vor Ver- nichtung sicher, aber Land, Herzland gar ...


29.08.05

Der Reiher steht reglos, als meditierender Asket getarnt, am Wasser. Durch seinen wie ein Kinderreim einfachen Traum zieht ein endloser Schwarm fetter Fische.


30.08.05

Sie suche, schreibt sie, einen alltagstauglichen Partner, er aber fragt sich, ob er auch feiertagstauglich ist (und ob eine das ist, die sowas schreibt).


31.08.05

Die eigentümliche Schönheit, die die Wilde Möhre entwickelt, wenn sich nach der Blüte die Strahlen der Dolden einwärts neigen, um dichte vogelnestartige Gebilde zu formen, in denen die dunklen, weiß behaarten (später blaßbraun stacheligen) Früchte heranreifen, mit welchen sie wie gespickt erscheinen. Es ist in dieser Schönheit etwas von dem Zauber, der den Verwandlungen innewohnt, und oft zeigt eine Pflanze das Vorher und das Nachher neben- einander, die hellen, luftig-durchbrochenen Blütendolden und die aus ihnen hervorgehenden kompakten Nester.


01.09.05

Echte Dichtung hat etwas Gewordenes, etwas Daseiendes; jedes ihrer Gebil- de fühlt sich fest, fühlt sich gegenständlich an aus den Worten.
Peter Hille


02.09.05

Die Taube ist ganz in ihrem Ruf. Darum kennt sie auch nicht das Bedürfnis zu variieren.


03.09.05

- Als wir noch kein Gesicht hatten
- Nicht einmal eine Stimme
- Nur Worte waren, tastende Worte
- Und eine berauschende Fülle vorstellbarer Stimmen und vorstellbarer Ge- sichter


04.09.05

Ein Tag, der sich nicht entscheiden kann, ob er Werktag oder Feiertag werden soll, und der so, in der Unentschiedenheit verharrend, gar nichts wird.


05.09.05

In diesem Flüsterlicht senken wir unwillkürlich die Stimmen (auch die Farben tun es).


06.09.05

Das Zimmer als Spiegelung im Fernseher, der ausgeschaltet zum Nahseher wird: ein Interieur mit reduzierter, gedämpfter Farbigkeit, dunkel wie Malerei hinter altem, zu dick aufgetragenem Firnis, der Bewohner klein und gesichts- los-schemenhaft im Hintergrund, ein wenig aus der Mitte gerückt, wie aus ihr geschoben vom schrankgroßen Bücherregal. Memento mori, denke ich - also doch wieder Fernseher?


07.09.05

Zwischen Erfolg und Mißachtung wie zwischen Skylla und Charybdis. (Da ist Navigationskunst gefragt.)


08.09.05

Warum, meinen Sie, daß einer schreibt? Doch wohl, weil er sich eine Ver- wandlung erwartet.
Albrecht Fabri


09.09.05

Eine Träumende weckt einen Träumenden: ihre selbstvergessen-helle, blanke Stimme schneidet ihn wie ein Skalpell aus dem Schlaf.
Wie wenig es sich abgekühlt hat. Die durch das weit geöffnete Fenster ins Zimmer strömende Luft ist noch immer lau.
Der Geweckte hat sich von der Seite auf den Rücken gelegt und lauscht nun auf die Geräusche der Nacht:
das An- und Abschwellen des dünn gewordenen Autoverkehrs, das ferne Vorbeirauschen eines Zugs, das aus der dunklen Brust des Nachbarhauses kommende Husten, die vom Garten heraufdringende metallische Perkussions- musik der Grillen.
Er wird nicht wieder einschlafen oder erst am Morgen, in der einsetzenden Unruhe des Tags, dann wie ein Dieb noch ein bißchen Schlaf- und Traumzeit zusammenraffen.


10.09.05

Je leichter du die Worte machst, desto weiter trägt sie der Wind. (Aber sind sie allzuleicht, trägt er sie über alles fruchtbare Land hinaus.)


11.09.05

Ein Mensch, aus dem Schlaf geschreckt von der Ahnung, daß etwas Furcht- bares unmittelbar bevorsteht. Wach und doch nicht wach, sieht er ganz deut- lich, wie der Fußboden zur Tür hin bedenklich abfällt.
Das Haus wird einstürzen, zusammenfallen wie eine Spielkartenarchitektur, und er, ein Nichts in den stürzenden Massen ...
Nach der ersten Welle einer beinah zermalmenden Angst die vage Hoffnung, daß er träumt, mit offenen Augen. Die eigentümliche Nüchternheit - als wäre er zwei -, mit der er die Wasserwaage hervorholt und auf den Boden legt.
Die Luftblase kommt exakt zwischen den beiden Markierungen zur Ruhe. Nichts kippt hier, nichts droht hier einzustürzen. Er legt sich wieder hin, knipst das Licht wieder aus.
Gleich das Gefühl, daß sein Kopf deutlich tiefer als die Beine liegt.


12.09.05

Steinschmelze


13.09.05

Das Fernsehteam begleitete Valeria Messalina eine Woche lang. Der ein- fühlsam fragenden Regisseurin, mit der sie sich duzte, gab sie bereitwillig Auskunft. Auch ein paar ihrer Liebhaber und ihrer Freier äußerten sich vor der Kamera. Eigentlich alles Menschen wie du und ich.


14.09.05

Die blauen Fernen - alles scheint dort von geringerer Dichte zu sein und aus feinerem Stoff.
Ein Weg, weiß wie Uhrensand, führt dorthin, ein Weg, nicht für die Füße, son- dern für die Augen angelegt.


15.09.05

Wie eilig sie es haben, viel eiliger als das Leben - und ahnen nicht einmal, daß es mal umgekehrt sein wird.


16.09.05

Und immer sind die Igel schon da, an jedem erklärten Ziel, erfolgreich dank ihrer Ununterscheidbarkeit. Was bleibt dem Hasen da anderes übrig, als sich wieder auf das zu besinnen, worin er von jeher allen voraus gewesen ist: das Hakenschlagen, das Entkommen.


17.09.05

In welchem Verwandtschaftsgrad stehen wir eigentlich zu uns selbst?
Stanislaw Jerzy Lec (deutsch von Karl Dedecius)


18.09.05

Blumen, die keine Wärme vertragen, Schönheit, die nur in kühleren Regionen blüht.


19.09.05

Halbe Metamorphosen
.

Diese halben Metamorphosen,
Dornen, aber keine Rosen,
Krallen, aber keine Flügel,
dieser halbe Mensch im Spiegel,
zwischen Urwald und Vitruv
steckengeblieben, ohne Beruf,
mit halben Sätzen, halben Sprüngen,
immer und immer nur halbem Gelingen
ergrauend im Nochnicht,
zwischen Verzicht und Gedicht.


.
20.09.05

Diese summende Stille - er muß, leergebetet, ganz verstummt sein, um sie zu vernehmen. Er ahnt, daß sie die Stimme seines Gottes ist.


21.09.05

Am Fenster stehn, die zu heiße Stirn an der Scheibe, an die von der andern Seite her die Nacht die große dunkle Stirn gelegt hat, und die Kühle fühlen, die wie ein großer klarer Gedanke in einen einströmt.


22.09.05

Für den Aufwachenden ist das Medium die Botschaft. Er weiß, daß er ge- träumt hat, aber an das Was - endlose Variationen über ein paar alte Themen - erinnert er sich kaum. Die Fetzen, die er noch erhaschen kann - Verwerfungen und Verwandlungen, verwirrend vage Mitteilungen - sind Stellen, die den Traum als Traum erkennbar machen, seine Mittel vorführen, seine Differenz zur Wirk- lichkeit.



Herbst 2005

23.09.05

Der Raum, in dem wir stehen, ist leer, aber der Parkettboden ist mit Zetteln übersät, Tausenden von bedruckten weißen Zetteln, alle gleich groß.
Kalenderblätter, sage ich, und mein Begleiter nickt.
Im selben Moment weiß ich - ohne sagen zu können, wie -, was es mit ihnen auf sich hat. Ihre Zahl entspricht genau der meiner Tage: für jeden Tag mei- nes Lebens von dem der Geburt an liegt hier ein abgerissenes Kalenderblatt.
Dies ist mein Raum. Schweigend, mit einer Art feierlichen Wehmut, lasse ich den Blick über den Boden gleiten.
Als ich mich nach einer unausmeßbaren Spanne wieder meinem Begleiter zuwende, sagt er: Wollen wir? und weist lächelnd zur Tür.
Nicht ein einziges Blatt berühren unsere Füße auf dem Weg zu ihr.


24.09.05

Eine fremde Stimme, die in der eigenen sitzt, sie aushöhlt, von innen her auf- frißt wie die Wespenlarve die Schmetterlingsraupe, in der sie heranwächst.


25.09.05

Der Geliebte der Luna
Cento

Fremde Tage flossen wie schweigende Fische vorüber, ein Volk von Trug- bildern, nichtige Gespenster.
Nun ist es Nacht, und nun erwache ich, der Geliebte der Luna.
Tiefer beugen sich die Sterne für mich und meinen Traum. Endlos ist das Glück, sich ständig zu verwandeln.

Clemens Brentano, William S. Burroughs, Roger Caillois, Dino Campana, Paul Éluard, Alfred Jarry, Else Lasker-Schüler, Novalis


26.09.05

Sie entzieht sich ihm, sogar im Traum: sachte zieht sie die Hand unter der seinen  weg.
Sie entzieht sich, sie entzieht sich: in die terra incognita des Landes, das ihren Namen trägt, und in die Schrift.
Von Zeit zu Zeit sieht er ein neues Foto von ihr: sie scheint nicht älter zu werden - eine weitere Form des Sichentziehens, vielleicht.


27.09.05

Die Dohle weiß nicht, daß ich sterblich bin und daß ich nur halb dazugehöre. Für eine Sekunde oder zwei erwidert sie meinen Blick, dann wendet sie sich wieder ihren Angelegenheiten zu, den Angelegenheiten einer Unsterblichen.


28.09.05

Hier kreuzen nur noch Geisterschiffe, und das kreisende Leuchtfeuer Nacht für Nacht ist bloß das litaneihafte Selbstgespräch des schlaflosen Leuchtturm- wärters.


29.09.05

Ein Kunstwerk gelingt nur, wenn es für den Künstler etwas Geheimnisvolles hat.
Cesare Pavese (deutsch von Maja Pflug)


30.09.05

Er lebt in Symbiose mit seinen Phantomen: er ernährt sie mit Träumen, dafür helfen sie ihm bei der Verdauung des Lebens.


01.10.05

Was ist die Botschaft des Schmerzes? Du mußt dein Leben ändern? Und wenn es dafür zu spät ist? Und wenn es dafür zu früh ist?
Mein pataphysischer Doktor schlägt vor, Azur in den Muskel zu spritzen.


02.10.05

Dies war also das Neue, war es gewesen, als wir ganz anderes, das wir für das Neue gehalten hatten, gefeiert und die, die es uns geliefert hatten, für ihren Wagemut geehrt hatten. Aber sie hatten uns, nun wußten wir es, nur das Erwartete geliefert, und das wirkliche Neue hatten wir, ausgerechnet wir, die wir so sehr ins Neue vernarrt waren, der Beachtung nicht wert gefunden.


03.10.05

Bei diesem holländischen Himmel möchte man in jeden Baumstamm den Namen Ruisdael ritzen.


04.10.05

Da steckt bestimmt viel Arbeit drin, sagt sie anerkennend. Nein, Zeit, ent- gegnet er.




06.10.05

Hände, klein, ganz klein und langfingrig-zart, Tier- oder Geisterhände, zwei, vier, acht, sechzehn, unmöglich zu sagen, wie viele.
Hände, die er in sich fühlt, dicht unter der Haut.
Kundige Hände, die streichen und klopfen, ziehen und schieben, unermüdlich, bis alles stimmt.

Er öffnet die Augen, setzt sich auf, steigt aus dem Bett, und es stimmt nichts.


07.10.05

Denn das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die Gesetze der vernünf- tig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Fantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu verset- zen, für das ich kein schöneres Symbol bis jetzt kenne als das bunte Gewim- mel der alten Götter.
Friedrich Schlegel


08.10.05

Das unselige Datum - wie ein in die graue Zukunft gerammter Pfahl mit grellem Warnanstrich steht es da.


09.10.05

Wenn der Mensch die Sprache entwickelt hätte, um sich über die Bilder in seinem Kopf verständigen zu können, Bilder, die aber, das ist fatal, korro- dieren in der Berührung der Begriffe?


10.10.05

Sich zwischen der Sprache und dem außersprachlichen Raum hin- und her- bewegen wie zwischen Stadt und Land.


11.10.05

Sehr hoch und sehr fern

nach René Daumal

Die Pforte zum Unsichtbaren muß sichtbar sein.

Dicht an dicht lagen in den Buchten der Küste entlang Schiffe aller Länder und Zeiten. Phönizische Barken, Triremen, Galeeren, Karavellen, Schoner, sogar zwei Raddampfer und ein Aviso. Alle diese Schiffe schliefen ruhig ihrer Zer- störung durch Wasser und Wind, Meerespflanzen und Meerestiere entgegen.

Die Leichtigkeit, mit der wir hier gelandet waren, hatte etwas Geheimnis- volles. Der Wind, der uns hergeführt hatte, war kein natürlicher Wind.

Wir wurden in ein sauberes, aber nur dürftig möbliertes kleines Haus ge- bracht, in dem jeder von uns eine Art Zelle bekam, in der er sich nach Be- lieben einrichtete.

Judith, Renée, Pierre, Arthur, Iwan, Theodor.

Nicht was, sondern wer wir waren, wurde gefragt, und die Antworten, die wir gaben, waren albern und ohne Überzeugungskraft.

Der Feuerbovist, der sprechende Busch, die Reifenassel, die Zyklopeneid- echse, die Flugraupe. Waren diese unbekannten Pflanzen- und Tierarten in fernen Zeiten von Kolonisten hergebracht worden, oder gab es hier auch ein- heimische Pflanzen und Tiere? 

»Hallo, wann brechen Sie eigentlich auf?« rief draußen vom Weg eine Stimme.

Ein blaues Eichhörnchen; ein rotäugiges Hermelin, das, einem Säulenstumpf gleich, auf einer von Fliegenpilzen gesprenkelten grünen Lichtung saß; eine Schar Einhörner, die sich auf der Talwand gegenüber tummelte und die wir zuerst für Gemsen gehalten hatten.

»Hallo, wann brechen Sie eigentlich auf?«

Sehr hoch und sehr fern, über einem Kranz immer höherer Gipfel und immer reinerer Schneefelder, unsichtbar durch das Übermaß an Licht, in einem Glanz, den kein Auge erträgt, die äußerste Spitze des Analog.

»Hallo, wann brechen Sie eigentlich auf?«

Je länger wir darüber nachdachten und je mehr Erkundigungen wir über die uns bevorstehenden Berge einzogen, desto gewisser wurde, daß unsere Ex- pedition sehr, sehr lang, wahrscheinlich jahrelang dauern würde.

verwendeter Text: Der Analog (deutsch von Albrecht Fabri)


12.10.05

Vom Backenstreich des Nichts zum Naturgeheimnis (aber die Schlupfwes- penfrage nicht weggestaunt).
Ein Ja, das erkämpft ist, immer wieder von neuem, aber hat denn ein anderes Ja überhaupt Gewicht?


13.10.05

Wie sich die Konturen schärfen in der hochauflösenden Luft dieses Abends,
in der hochauflösenden Luft dieses Traums, der jeden Faden seines Gewe- bes sehen läßt.
Die beiden vor dir auf dem Parkweg, nehmen sie dich wahr?
Ihr festes, pragmatisches, ohne Scham hergezeigtes Fleisch, schwer wie die dröhnenden Rhythmen der Straßenfeste,
ihr gemächliches, wie ein wiedergekäutes Glaubensbekenntnis sicheres Fuß vor Fuß.
Antwort, die vor allem Fragen da ist, Lust, die wie ein Hund pariert.


14.10.05

Ich - magisches Wort, gläserne, Gegenwart und Vergangenheit verbindende Brücke.


15.10.05

Wenn du eine Straße absteckst, gib acht: es wird dir schwerfallen, aufs freie Feld zurückzufinden.
Henri Michaux (deutsch von Werner Dürrson)


16.10.05

Nichts zu essen da und nichts zu trinken, also essen und trinken wir »nichts«. Mit einem Ernst, der dem der spielenden Kinder gleichkommt (oder dem, mit dem man einen Schacht in den Boden treibt - um unten was zu finden?), zer- schneiden wir eine unsichtbare Speise auf unseren Tellern und führen sie mit der Gabel zum Mund, trinken wir Leere aus unseren Gläsern. Sie schmek- kend, sagt uns vielleicht unsere Zunge, was es mit ihr auf sich hat, was die Lehre der Leere ist, sie aufnehmend, sagt es uns vielleicht unser Bauch.


17.10.05

Oktoberlicht
.
Die Straße im Licht der tiefstehenden Sonne, ein schattengeflecktes helles Band. Der Wind schleift trockenes Laub übers Pflaster, ein Stückchen Silber- folie gleißt wie nicht von dieser Welt.
Diese Straße, die ich so oft gegangen bin, als Mann in den Dreißigern, als Mann in den Vierzigern, und die nun, wie mir scheinen will, mit Gleichmut
dem Mann in den Fünfzigern entgegensieht.
Wer ist die Frau, die, ein Kuchenpaket vor sich hinhaltend, aus der Bäckerei kommt? Wo habe ich dieses Profil schon einmal gesehen? Hier, in dieser Stadt? In einer anderen? Auf einer Münze? In einem Traum?
Mein Leben ist ein Fragment, dessen Bruchflächen aufglänzen in diesem Ok- toberlicht und fühlbar werden als Schmerz.


18.10.05

Gegenwart - die an die Lippen gelegte Bleistiftspitze.
Das ungesprochene, ungedachte Wort: eine salzkorngroße Sonne geht in mir auf.


19.10.05

Der Tag kommt nackt aus dem Schoß der Nacht. (Das aus Worten und Ge- wohnheiten gewebte Kleid, mit dem wir seine Blöße bedecken.)


20.10.05

Inmitten
Cento
.
In meinem Labyrinth
inmitten der Windungen,
inmitten der Bilder
eines engen Lebens
erglänzt eine plötzliche Sonne.

Rose Ausländer, Michel Butor, René Crevel, Paul Éluard, Alfred Jarry


21.10.05

Die Schönheit eines Kristalls - die Schönheit eines Flußdeltas.
(Zwei reden über die Schönheit, glauben einander zu verstehen, aber der eine denkt an den Kristall, der andere ans Delta.)


22.10.05

Ich bin der Fehler an der elften Stelle hinterm Komma, entschlossen, die zehnte zu erobern, dann die neunte.


23.10.05

Manchmal höre ich beim Lesen mit dem inneren Ohr die Stimme des Autors, als lese er mir vor. Das ist sehr störend: die Stimme schiebt sich dann zwischen mich und den Text. Ich muß den mit meiner eigenen Stimme lesen, nicht mit der sich im dreidimensionalen Raum bewegenden körperlichen, sondern mit der körperlosen inneren Stimme, die niemand außer mir kennt, die sich definiert durch die Differenz zur äußeren Stimme, aber vielleicht eine Familienähnlichkeit mit allen anderen inneren Stimmen besitzt (und sich beim Lesen mit der inneren Stimme des Autors berührt).


24.10.05

Man muß sich, will man die Wörter zum Leuchten bringen, an der Sprache reiben.


25.10.05

Das bunte Herbstlaub! Es dichtet wohl?
Aufgespeicherte Sonne. Darunter Stimmenrausch des Abschieds.
Peter Hille


26.10.05

Der innere Raum, den ein Ich mit seinen Phantomen bewohnt, den mensch- lichen und den übermenschlichen.
Sein nicht zu fassender Mittelpunkt: dunkles Gravitationszentrum, schwarze Sonne, schwarzes Loch.
(Der Tod - ein Sturz in den Mittelpunkt?)


27.10.05

Berührungen, Durchquerungen


28.10.05

Ein Mensch im Bett, auf der Seite liegend in gekrümmter Linie: das Komma zwischen Sätzen, die sich aneinanderreihen ohne Punkt und die sich selbst zu sprechen scheinen, Sätzen, deren dunkle, dichte Folge wie ein nächtlicher Zug schwankender, wie im Schlaf Fuß vor Fuß setzender Schemen ist.


29.10.05

Das ganz in die Sprache Gezogene wirkt flach wie ein schattenlos
ausge- leuchtetes Gesicht.


30.10.05

Er gibt die aufgenommene, in seinem empfindlichen, empfänglichen Innern akkumulierte Kälte langsam wieder ab, doch gibt er sie nicht an die, von denen er sie hat, zurück, sondern gibt sie an andere, die vielleicht anderes verdient hätten, weiter, wie sie auch an ihn durch Weitergabe gekommen ist.


31.10.05

Eine schwarze Henne auf einem schwarzen Ei. Unter seiner Schale schlum- mern alle Farben.


01.11.05

Ist man aber nicht einzig in dem Maß Künstler, in dem man sogar sich selber Überraschungen bereitet?
Albrecht Fabri


02.11.05

Als läge ein Schatten über dem Tag oder als wollte die graue Dämmerung nicht enden.
Ein dünner lautloser Regen fällt, der die zarte Haut der Pfützen verletzt, aber es bleiben keine Narben.
Der November ist da. Bald wird das bunte Laub der Parkwege und der Trottoirs zu einem bräunlichen Matsch geworden sein.
Ich trommle an den Fensterrahmen, höre ihn in der Zarge zitternd Antwort geben. Mühelos, als erinnerte sie sich, findet die Hand in den alten schama- nischen Rhythmus hinein.


03.11.05

Der Kynismus als Schulphilosophie. Akademien, in denen man bellen lernt.


04.11.05

Wenn nebenan das neunzehnte Jahrhundert wütet, mit all seinem Pathos, all seinem Pomp, hol ich mir den Ozean in meine Vier Wände: der macht das Zimmer zum metaphysischen Interieur und den Nachmittag wieder bewohn- bar. Woge um Woge bringt mir das Meer zurück, was mir die Musik geraubt hat. Ich schließe die Augen, Möwen kreischen ...


05.11.05

Der zu grobe Stoff, das zu enge Kleid, die zu enge Haut.
Schreiben: schwarz auf schwarz, schwarz auf weiß, weiß auf schwarz, weiß auf weiß.
Werk oder Verwandlung? Was ist wichtiger?


06.11.05

Die Maske aus dunklem, wurmstichigem Holz, die Maske aus weißem Porzel- lan - welche wird er heute tragen?


07.11.05

Sätze, die ausgestiegen sind aus dem Konkurrenzsystem, die nichts wissen wollen von Selbstmarketing, sich nicht aufpeppen, nicht schminken, nicht ver- kleiden, die nicht um den Leser buhlen, sich ihm nicht entgegenschreien oder in die Arme werfen, sondern die geduldig und mit einer beinah altmodischen Zurückhaltung warten, daß er sich ihnen zuwendet.


08.11.05

Auf der Rückseite des Schmutztitelblatts, fast über die ganze Breite gehend, schwungvoll gesetzt: die Signatur. Aber das n sieht aus wie ein u, und ich lese: Haus Arp.
Ein Haus voller Gedichte, in jedem Zimmer eins: ein Ensemble von schwarzen Wortmöbeln, schwarzen Wortskulpturen zwischen weißen Wänden, und weiße Türen verbinden die Zimmer.


09.11.05

Literatur ist keine Gebrauchsanweisung für das Leben; sie ist, in ihren besten Zeugnissen, selbst ein Stück Leben voller Klarheit und Rätselhaftigkeit, voller Licht und Dunkel, voller Erklärungen und Unerklärlichkeit.
Paul la Cour (deutsch von Albrecht Leonhardt)


10.11.05

Sich verfahren, verlaufen, wieder einmal, auf seinem fast allnächtlichen Weg zur Schule mit ihrem ermüdenden, bei allem Wechsel aber doch im Grunde immer gleichen armseligen Aufgebot von unfähigen Lehrern und sich wieder- gefunden in ihn dicht umwuchernder Natur, in deren betörend fein gezeichne- ter und wie von innen heraus leuchtender Überfülle sich ihm etwas mitzuteilen schien, etwas, das er vor langer Zeit vielleicht einmal besessen, dann aber verloren hatte: ein Wissen, nicht abfragbar und nicht verwertbar und trotzdem, trotzdem ...


11.11.05

Nein, das ist nicht der Tunnel, durch den die Sterbenden dem Licht entgegen- fliegen, dieser hier nimmt gar kein Ende. Ich sehe zwar das Licht, aber ich komme ihm nicht näher.
Ich träume.
Der Tunnel ist jetzt nur noch eine Projektion an der Zimmerwand, wie er auch zu Anfang nicht mehr war. Das Bild zerfließt, löst sich in Nichts auf.
Ich träume.
Jemand versetzt mein Bett in Schaukelbewegungen, jemand in meinem Rük- ken. Wird er sich zu mir legen, sich an mich drängen?
Die Angst hält mich wie die Katze die Maus in ihren Krallen.



12.11.05

Der weite Raum der Zukunft. Und die Gegenwart? Tage, Stunden, Minuten.
(Und immer wenn aus Zukunft Gegenwart wird, scheint sich etwas Ähnliches zu vollziehen wie das, was in der Physik Zusammenbruch der Wellenfunktion heißt.)


13.11.05

Palmen aus Licht
Cento
.
Schlafdunkle Nacht:
himmlische Müdigkeit
fließt in mich hinein.
Zarte Sterne
spannen Netze aus,
Palmen aus Licht
schlagen ihre Wurzeln
in mich. Ich fühle,
wie ich mich verwandle.

Hans Arp, Clemens Brentano, William S. Burroughs, René Crevel, Günter Eich, Novalis


14.11.05

Der unten auf der Straße sieht in ein in bernsteinfarbenes Licht getauchtes Zimmer, aber der dort sitzt, reglos, sähe sich, höbe er den Blick und schaute er herum, umgeben von weißen Wänden. Auch dem Blatt Papier, das er vor sich liegen hat, fehlt die gelbe Lasur, die für den draußen alles in diesem Zimmer überzieht. Es ist so weiß, daß ihm die Scheu einfällt, die er empfindet, wenn er vor einer noch von niemandem betretenen Schneefläche steht, und etwas von dieser Scheu ist auch jetzt da und läßt ihn zögern, den Stift aufs Papier zu setzen.


15.11.05

Diese nachmitternächtlichen Familienessen: immer sitzen auch Tote mit am Tisch. Irgendwann - ein seltsamer Gedanke - wird auch er zu ihnen gehören, zu den Wiedergängern des paradoxen Schlafs.


16.11.05

Was tun, wenn man am Morgen aufwacht mit einer leuchtenden Hand? Kann man mit ihr vor die Tür gehn, daß sie jedermann sehen kann? Versteckt man sie, wenn man das Haus verläßt, nicht besser in der Jackentasche oder zieht einen Handschuh über? Und wie verhält man sich, wenn Besuch kommt?


17.11.05

Als wir aus der Nacht des Hauses traten, empfing uns hellichter Tag. Hoch am Himmel eine Sonne, die eigentlich bei den Bewohnern der gegenüberliegen- den Hemisphäre hätte sein müssen. Einige Nachbarn waren schon draußen, wir setzten uns zu ihnen auf den Rasen.


18.11.05

Nie habe ich miterlebt, daß der Diamant eines bestimmten Augenblicks einen unauslöschlichen Riß quer über das Weltbild machte. Nein, die Reibung, die ständige Reibung, hat das leuchtende fremde Lächeln weggewischt.
Tomas Tranströmer (deutsch von Hanns Grössel)


19.11.05

Die eisüberkrusteten Pfützen auf den Garagendächern: große weiße Scheren- schnitte, präzise Improvisationen, die Natur im Dialog mit sich selbst.


20.11.05

Im Fluß


21.11.05

Die Musik der Stille

Berichtet wird bloß, was er, Odysseus, erlebte. Und seine Gefährten? Die Ohren mit Wachs verstopft, hörten sie, stellt man sich vor, nichts, taten darum nur stur ihre Pflicht, legten sich in die Riemen und zogen die Stricke, mit denen der sich am Schiffsmast Windende gefesselt war, fester.
Aber es stimmt nicht, daß sie nichts hörten.
Die Ohren mit Wachs verstopft, vernahmen sie zwar den Gesang der Sirenen nicht und hörten auch das Meer, das sie befuhren, nicht mehr, statt dessen hörten sie aber das andere Meer, das in ihren Adern rauschte, und hinter diesem Rauschen die sich in unausmeßbare Räume hineindehnende Stille.
Sie hörten die Stille. Hingegeben an sie, diese kostbare, den Geist öffnende Musik, wurde ihnen die Arbeit seltsam leicht, und sie lächelten einander wieder und wieder zu, während sich Oysseus, dem allzusehr auf emotionale Wirkung hin angelegten Gesang jener antiken Girlgroup ausgesetzt, in Qualen wand und Grimassen schnitt, die ihm später überaus peinlich waren.


22.11.05
.

Der weiße Schlüssel
für die weiße Kammer,
der weiße Tisch
und der weiße Stuhl,
die weißen Gesichte
und die weißen Gedichte,
der schwarze Schlüssel
für die schwarze Kammer.


.
23.11.05

Auf die Antiken folgte ein Saal mit Fossilien, Knochen von Mammuts, Höhlen- bären und Sauriern, versteinerten Trilobiten, Ammoniten und Brachiopoden, Abdrücken von Farnen, Schachtelhalmen und Schuppenbäumen, darauf ein Saal mit Vitrinen voller uralter Gesteine, einige fast so alt wie die Erde - und auf ihn? Wir konnten nicht weitergehn, aus der Türöffnung schlug uns eine keine zwei Augenblicke zu ertragende Hitze entgegen.


24.11.05

Eine Katze in ihrem lebenslangen Traum, Bewohnerin einer engen Welt, die im Osten, im Süden und im Westen an Buchrücken endet, ohne ein Wissen von den anderen Welten, den anderen Träumen, die sich hinter ihnen verbergen.


25.11.05

Vorhergesagt und trotzdem - wie in jedem Jahr - eine Überraschung: die weißen Dächer, die weißen Gärten, das weiße Gestöber am Morgen. Ein Geschenk der Kälte, denke ich. Und am Nachmittag: Wie rasch doch der Schnee in den Alltag hineinaltert.


26.11.05

Der Fluß erscheint im Kontrast zu dem reinen Weiß des bis an den Saum des Wassers reichenden Schnees nachtschwarz. Seine von der trägen Strömung sanft bewegte Flora hat in diesem Dunkel etwas Phantomhaftes - als gehörte sie einer anderen, weniger wirklichen Welt an als die helle Landschaft drum- herum.


27.11.05

Zwei gehen den gleichen Weg, aber zu verschiedenen Zeiten, und der eine geht ihn von A nach B und der andere in entgegengesetzter Richtung von B nach A. In der Zeit begegnen sie sich nicht, aber außerhalb der Zeit an jedem denkbaren Punkt zwischen A und B.


28.11.05

Wir lesen, damit das Leben um uns herum größer werde und wir selbst in ihm zum Wachsen kommen.
Paul la Cour (deutsch von Albrecht Leonhardt)


29.11.05

Wenn hinter dir die Welt verschwände, lautlos zurückkehrte ins physikalische Vakuum, in die reine Potentialität, du spürtest nichts davon, ahntest - wie denn auch? - nichts, vor dir wäre ja noch alles da, vom Schreibtisch aufblickend, sähest du die altvertrauten Häuser, die altvertrauten Bäume, und die von der Straße heraufdringenden Verkehrsgeräusche verhinderten, daß du das Ver- stummen in deinem Rücken wahrnähmest, dann drehtest du dich um, aus irgendeinem belanglosen Grund ...


30.11.05

Ein Gott, der zwischen den Zeilen wohnt (nur der aufmerksame Leser weiß von ihm).


01.12.05

Eine Grenze, die erst im Überschreiten erkennbar wird. Wer sich noch dies- seits von ihr befindet, weiß nichts von ihrer Existenz, gleichgültig wie nah er ihr ist.


02.12.05

Und wieder die unaufhörlichen Verwandlungen. Wo eben noch eine Straße war, eine Straße, durch die ich, als ich noch in der Gegend wohnte, häufiger fuhr, fließt plötzlich Wasser: ein Fluß, der sich nun teilt, nun verzweigt wie in einem Mündungsdelta. Ich komme nicht weiter, steige vom Rad. Aber nun ist doch wieder eine Straße da: alte, verlassene Ziegelbauten, zwei lange Häu- serzeilen, und das Wasser fließt zwischen ihnen hindurch, der Fluß hat sich zwischen ihnen, das Wurzelwerk der Straßenbäume freilegend, sein Bett ge- graben.


03.12.05

Träumt nicht jeder in die Sprache Verliebte heimlich davon, aus dem gleichen Stoff wie die Wörter zu sein? (Ja, heimlich - im Zeitalter des Körpers kann dies nur ein heimlicher Traum sein.)


04.12.05

Kalte Asche
Cento
.

Das Feuer des Abends,
die kalte Asche des Morgens.
Der rücksichtslose Tag,
nackter als die Hand,
seine fremde, harte Stimme, der ruhelose Wind.

.
Dino Campana, René Crevel, Paul Éluard, Else Lasker-Schüler, Cees Nooteboom, Bruno Schulz


05.12.05

Bevor das Gedicht seine Metaphern abwirft, werden die bunt wie herbstliches Laub.


06.12.05

Die Stimme: Bewohnerin von Zwischenräumen, in die hinein sie sich aus- dehnt.
Und die andere, die innere Stimme? Wo wohnt sie? Wohinein dehnt sie sich aus? Und wie weit trägt sie?


07.12.05

Ist es das Glück oder das Unglück des Ikonenmalers, daß er weiß, wie die heiligen Bilder entstehen?


08.12.05

Ein verstümmelter Kegel, dessen Spitze, wäre er ganz, ins Unendliche ragte.
Michel Leiris (deutsch von Waltraud Gölter)


09.12.05

Ich hatte einmal ein spezielles Shampoo, das zweimal hintereinander anzu- wenden war: in der Anleitung war von der Vor- und der Nachwäsche die Rede. Ich fragte mich damals, ob die Logik der Sprache nicht noch eine dritte Haarwäsche zwischen ihnen, nämlich die Hauptwäsche, forderte (so wie man uns zwischen der Vor- und der Nachspeise die Hauptspeise serviert).
Und wie ist es mit unseren Namen? Gilt dort nicht das gleiche? Fordert die Logik der Sprache nicht auch einen dritten Namen, zwischen dem Vor- und dem Nachnamen? Manche geben sich einen, der dann auch zum Hauptnamen avanciert. Vigoleis ist zum Beispiel ein solcher Name. Aber bei den meisten ist dort eine Lücke oder, was die Sache aus sprachlogischer Sicht nicht besser macht, ein zweiter, kaum benutzter Vorname.
Ich stelle mir vor, daß es diesen dritten Namen gibt, daß wir ihn alle haben, aber wir kennen ihn nicht. Nicht wie der Vorname Konvention und Mode und wie der Nachname der genealogischen Kausalität unterworfen, ist er unser eigentlicher Name, drückt er unser Wesen aus, aber er ist uns unbekannt und wie der hundertste Name Allahs unaussprechbar.


10.12.05

Der Nebel zieht den Raum zusammen und führt zugleich seine Prädominanz über die Objekte vor. Die Sonne, in der Verschleierung kaum heller als der volle Mond, ruft den seltsamen poetischen Zufall in Erinnerung, daß für unsere Augen das Tag- und das Nachtgestirn gleich groß sind. Der Rauhreif raubt den Spinnennetzen ihre Funktion und läßt sie wie zweckfreies Spiel erscheinen. (Raubt ihnen ihre Funktion? Hatten sie denn noch eine? Die Kälte hat doch, was sie einfangen könnten, längst vertrieben. Ausrangiert, sind sie nun zu Austellungsstücken geworden.)


11.12.05

Alle wissen, was schön ist und was häßlich, nur der Maler nicht. Auch er hat es einmal gewußt, aber das liegt viele Bilder zurück.


12.12.05

Nein, wir verstanden das Land nicht und ahnten auch, daß wir es niemals verstehen würden. Das einzige, was wir tun konnten, war, es zu vermessen. So fanden wir also zur Geodäsie und zur Kartographie, man kann auch sagen, wir retteten uns in sie. Die Exaktheit wurde unsere Leidenschaft. Unsere Ver- messungsverfahren und unsere Karten wurden immer besser, immer genauer, und es dauerte nicht lange, bis die ersten diesen Prozeß mit dem anderen des Verstehens zu verwechseln begannen.


13.12.05

Aufwachen um halb fünf mit einem schmerzenden Gefühl der Leere, das sich übersetzt in die Vorstellung, daß alles Traummaterial für diese Nacht aufge- braucht ist. Fände man, doch das scheint fast unmöglich, in den Schlaf zurück, wäre der so leer wie diese Wachheit.
(Aber dann - nach einer Stunde oder, wer weiß, einer Minute - schläft man doch wieder ein und träumt und träumt und träumt.)



14.12.05



15.12.05

Der Riß, so schmal, daß ihn leugnen kann, wer ihn leugnen will, und so tief, daß alle Bücher der Welt in ihm Platz haben.


16.12.05

Das bunte Flickenkostüm des Tags, das nahtlose schwarze Kleid der Nacht.


17.12.05

Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine.
Tomas Tranströmer  (deutsch von Hanns Grössel)


18.12.05

Der wie ein Sonnentag helle, bunte Pullover, den ich im Traum in meinem Kleiderschrank fand, zwischen all dem Schwarz und all den gedeckten Tönen. Ich wußte, er gehörte mir nicht, aber ich zog ihn an, unter Mühen. Erst nach dem Aufwachen wurde mir klar, wem er gehörte: einem nun schon seit über zwanzig Jahren Toten.


19.12.05

Daliegen, in der Strömung, nahe der Quelle, die aber dennoch unerreichbar ist.
Daliegen, in der Strömung: sie fühlen, die wortlose Rede der Quelle.


20.12.05

Ist dies wirklich das Zeitalter des Körpers? Ja, aber in einer Weise, die es fast zum Gegenteil dessen macht, was die Formulierung suggeriert. Es ist das Zeitalter des Körpers als Ding und als Problem: des Körpers im Spiegel, des Körpers in der Röhre des Computertomographen, des Körpers im Fitness- center, eingespannt in die Mechanik eines Trainingsgeräts - des Körpers, der wie ein Haus ist, an dem unentwegt gearbeitet wird, aber bewohnt sind nur einzelne Zimmer.



Winter 2005 / 2006

21.12.05

Man liest ein Buch, und für einen Augenblick, vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, liest man auch den Lesenden beziehungsweise den, welchen man seit der Zeit seiner ersten tapsigen Schritte in die Welt der Bücher hinein für den Lesenden nimmt. Es ist wie ein rascher Aufmerksamkeitsschwenk oder wie ein kurzes Springen auf eine andere Ebene.


22.12.05

Er allein weiß, wieviel Sand er waschen muß, um der paar Krümelchen schim- mernden Goldes willen.


23.12.05

Einer gibt in Gesellschaft weiterhin den, der er vor der Verwandlung war, beziehungsweise den, welchen er vor ihr zu geben pflegte. Um niemanden zu verwirren? Weil er sich nicht aufspielen möchte? Weil er sich nicht vorstellen kann, jemandes Meister zu werden?


24.12.05

Die Unruhe möchte er verlieren. Und wenn sie sein Bestes, sein Wertvollstes wäre?
(Sie verhindert das falsche, zu frühe Ankommen.)


25.12.05

Der Mensch ist ein Strom, dessen Quelle verborgen ist. Unser Sein steigt in uns hernieder, wir wissen nicht, woher.
Ralph Waldo Emerson (deutsch von K. Federn und T. Weigand)


26.12.05

Wir glauben an den privilegierten Zugang der Nüchternheit zur Wirklichkeit, aber auch der nüchterne Blick färbt ein. (Hat also die Nüchternheit nur das Gewohnheitsrecht auf ihrer Seite?)


27.12.05

Der immer besetzte Souffleurkasten, der ohne Pause tätige Stichwortgeber, in dessen Flüsterattacken sich alles vom Boulevard bis zur Tragödie, vom Rüpel- bis zum Mysterienspiel mischt.


28.12.05

Der dort auf der Brücke in die Pedalen tritt, damit beschäftigt, von A nach B zu kommen, mit den Gedanken vielleicht noch am Ort A oder aber schon am Ort B, weiß nicht, wie hell die Speichenkränze seines Fahrrads aufleuchten in der Nachmittagssonne, und ahnt nicht, daß sie sich jemand anderem (einem Pas- santen, den sein Blick im Vorbeifahren nur flüchtig streift) als kreisende Strah- lenkränze, um die sich für die Dauer eines glückhaft gedehnten Augenblicks alles rundum anzuordnen scheint, einbrennen
ins Gedächtnis.


29.12.05

Das junge Licht
Cento
.
Die Nacht ist vorbei,
die Königin erwacht
mit rosenblättrigen Augenlidern.
Das junge Licht, die Reinheit
der ersten Dinge: die Welt bricht an.

Dino Campana, Aimé Césaire, Paul Éluard, Novalis, Alberto Savinio


30.12.05

Ich sehe Krähen im Schnee und denke ›tuscheschwarz
und kalligraphisch und denke zugleich, ich sollte eigentlich nicht. Schauen, nur schauen und nicht benennen, nicht übersetzen.
Kalligraphische Krähen, versuche ich, schmecke den Stabreim.


31.12.05

(... und wollte sich doch nur nach dem Essen die Beine vertreten.)
Es ist zehn vor zwei, die Rundgesichter der Uhren lächeln, da fällt er aus der Zeit in die unausmeßbare Gegenwart.


01.01.06

Dies ist seine Stadt: Morgana City. Er verläßt sie nie, und dennoch! Wie oft träumt er sich hinüber ins leuchtende Land Agnoia.


02.01.06

Grüne Erde, rote Erde


03.01.06

Das große Bild, eindrucksvoll in der Anlage und voller erstaunlicher Einzelhei- ten - der Traum nannte einen Maler, aber von dem war es nicht. Die zum Bild spielende Musik, von verführerischer Schönheit und Transparenz - der Traum nannte einen Komponisten, aber von dem war sie nicht. Und der diesen Traum hatte? Er wäre niemals in der Lage, ein solches Bild zu malen, geschweige denn eine solche Musik zu komponieren.


04.01.06

Ich glaube, immer beobachtet zu haben, daß der sogenannte realistische Mensch in der Welt unzugänglich dasteht, wie eine Ringmauer aus Zement und Beton, und der sogenannte romantische wie ein offener Garten, in dem die Wahrheit nach Belieben ein und aus geht ...
Joseph Roth


05.01.06

Wörter, die an den Lesenden Wärme abgeben, andere, die ihm Temperatur entziehen (über die Augen, in der Berührung des Blicks).


06.01.06

Nichts erwidert seinen Blick - als hätte ihm die Welt und alles in ihr den Rücken zugekehrt. Und wenn doch etwas zurückzuschauen scheint, dann wie mit den leeren Augen jener auf den Hinterkopf gesetzten Karnevalsmasken. (Aber er weiß, es muß nicht so sein. Nein, es muß nicht so sein.)


07.01.06

Seine Siebensachen packen, seine Siebzig-, seine Siebenhundert-, seine Siebentausendsachen, packen und packen und sich dabei vorstellen, die gan- ze Zeit, nichts zu packen, gar nichts, alles zurückzulassen, alles ohne Unter- schied und fortzugehen mit leeren, endlich wieder leeren Händen.


08.01.06



09.01.06

Die kalte, klare Luft, der Fluß, die rauhreifüberzogenene winterliche Vege- tation seiner Ufer. Du bleibst stehn, schaust aufs Wasser, das im schrägen Licht der Morgensonne hell aufleuchtende Wellenmuster, und für einige Au- genblicke ist alles verändert. Etwas fließt auch in dir, mit dem Wasser, aber das Wasser ist eisig kalt, das Fließende in dir jedoch ganz warm.


10.01.06

Manchmal möchte er den Namen wie eine schlechte Angewohnheit ablegen.
Manchmal stellt er sich den Tod wie die Ohrfeige eines Zen-Meisters vor.


11.01.06

Es gibt Wörter, die einander nur in der Stille finden - wenn man allein ist. Andere dagegen, die sonst die größte Affinität zueinander zeigen, wollen sich dann nicht mehr miteinander verbinden.


12.01.06

Das Buch möchte, indem es gelesen wird, das Leben des Lesers interpretie- ren; der Leser duldet diesen Zugriff nicht und interpretiert statt dessen das Buch.
Wilhelm Genazino


13.01.06

In einem Traum sehe ich Kinder, die ich vor zwei Jahren in der Schule betreut habe, wieder, und er zeigt sie tatsächlich zwei Jahre älter. Sie sind nicht nur gewachsen, sondern äußerlich in jeder Hinsicht nun Zwölf- und Dreizehnjäh- rige. Diese subtilen Veränderungen in den Zügen und in den Proportionen, die mir auszumalen meine Vorstellungskraft überstiege, der Traum hat sie wie ein komplexes Computerprogramm bei jedem einzelnen Kind realisiert.


14.01.06

Was im Anschauen fremd wird, muß erklärt werden. Gelingt dies, verliert es die beunruhigende Fremdheit wieder. (Wie richtig oder falsch die Erklärung ist, spielt dabei keine Rolle. Sie muß uns nur überzeugen.)


15.01.06

Schwarze Seiten, nichts als schwarze Seiten, das ist das Buch bei Tag oder unter der Lampe. Man muß es im Dunkeln öffnen, dann zeigt sich die schim- mernde Schrift. Doch ist das Licht der Lettern so schwach, daß man diese - wie sehr, sehr weit entfernte Sterne - zuerst mehr ahnt als sieht. Nach einigen Minuten aber haben sich die Augen so weit gewöhnt, daß man einzelne Buch- staben identifizieren kann, und gelegentlich gelingt es dann sogar, ein ganzes Wort zu lesen. Verdoppelt man daraufhin seine Anstrengungen, entzieht sich alles wieder, aber wenig später schon liest man vielleicht wie im Schlaf eine ganze Passage.


16.01.06

Der Fluß, seine träge Strömung, die weißen Eiskrusten an seinen Ufern, die jungen Enten mit den ins graue Gefieder geschobenen Schnäbeln. Für den ersten Blick sehen sie aus wie vom Wasser rundgeschliffene Steine, aber in ihnen ist die Wärme der homöothermen Tiere, und sie sind in ihr.


17.01.06

Allein, endlich allein. Mehr liegend als sitzend, die Augen geschlossen, fühlt er, wie er sich ausdehnt, in den Körper hinein, um ihn ganz, endlich wieder ganz auszufüllen. Wie er sich unter ihren Blicken zusammenzieht, zusammen- krampft, immer und immer, bis er nicht mehr größer als eine geballte Faust ist, wie verloren in seinem Körper, dem ungelenken Ding, und mit dessen Peri- pherie nur noch, wie ihm scheint, durch schlechte, unzuverlässige Leitungen verbunden.


18.01.06

Eine Maske, die altert. Aber der, dessen Züge sie verbirgt, wird immer jünger.


19.01.06

Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13.
Georg Christoph Lichtenberg


20.01.06

Sich in ein Verhältnis zum Wassertropfen setzen, zu den Protozoen, die in ihm schwimmen, zu ihren Organellen (aber dieses Verhältnis nicht von den Natur- wissenschaften definieren lassen).


21.01.06

Eine Stimme, die ein Labyrinth in den Raum setzt, dann ein zweites, dann ein drittes.
Eine andere Stimme, die unentwegt in inneren Labyrinthen umherirrt und so gar nicht hörbar wird.


22.01.06

Fast eine Verzückung

nach Yasunari Kawabata

Das ist, als ob du mit einem verborgenen Buddha schläfst.

Das Mädchen schlief, ihm zugewandt, auf der linken Seite, den rechten Ober- schenkel wie in einer öffnenden Bewegung zurückgenommen.

»Du schläfst doch? Oder bist du wach?«

Sie schien nichts auf dem Leib zu haben.

»Sag, bist du wach?«

Ein schwerer Duft stieg von ihr auf. Er erfüllte das ganze Zimmer.

»Wach doch auf! Warum wachst du denn nicht auf?«

Die ruhigen Atemzüge der Schlafenden, das Tosen der Brandung, das Heulen des nahenden Winters.

Wahrscheinlich gab es Greise, die so ein Mädchen rücksichtslos und überall liebkosten, und andere wieder, die schluchzend sich selbst bejammerten.

Die Oberlider, die Wangen, der Hals, das Rot der Samtvorhänge. Die Augen dieser kleinen Hexe sehen, ihre Stimme hören, mit ihr reden.

Das Mädchen hatte sich im Schlaf zu ihm umgedreht. Er packte das eine Knie und zog es zu sich heran.

Ihre Stirn berührte den Hals des alten Mannes, ihr Haar stach ihn in die Nase.

Das Erbärmliche, Häßliche, Schändliche des Alters.

Er preßte sie so heftig gegen seine Brust, daß ihre Mädchenbrüste sich spreizten. Die Kleine bewegte ihre Arme.

Sie fühlte sich so warm an.

Er schloß die Augen. So in süßen Schlaf hineinzugleiten.

Er schloß die Augen. Eine warme Benommenheit überkam ihn. Fast eine Verzückung wie im Zustand der Leere.

verwendeter Text: Die schlafenden Schönen (deutsch von S. Schaarschmidt)


23.01.06

Das weiße Ufereis der wieder ganz dunklen Aa: dünne blattartige Krusten, fünf oder sechs - aber sie berühren sich nicht - übereinander. So dokumentiert der Winter seine Frosttage und Frostnächte (der Fluß zuzeiten seine Wasserstän- de).


24.01.06

Wie schlecht einem die Jugend, wenn man aus der Kindheit kommt, gelingt. Und wenn man, überlegt er, sie ein zweites Mal anginge, sich ihr nun von der anderen Seite her näherte?


25.01.06

Ein nächtlicher Einfall. Er findet in der kurzen Wachphase nach einem Traum zu einem, oder - das ist schwer zu unterscheiden - man hat ihn aus dem Traum in diese mitgebracht. Zu müde für den kleinen Griff nach dem Diktiergerät, versucht man ihn - daß er einem nur nicht wieder abhanden kommt - dem nächtens so unzuverlässigen Gedächtnis durch mehrmaliges Wiederholen ein- zuprägen. Schon eine Minute später ist man in den Schlaf zurückgeglitten, und durch den beginnt der Einfall nun zu geistern. Immer wieder zeigt er sich, in den seltsamsten Kostümierungen, ein paarmal droht er
in nicht mehr rückgängig zu machenden Transformationen zu verschwinden. Endlich spricht man ihn doch noch aufs Diktiergerät - aber nein, das träumt man nur. Der Morgen kommt, und er ist wirklich noch da, man hat es tatsächlich geschafft, ihn durch die Nacht zu retten, aber nun zeigt sich, er ist völlig unbrauchbar.


26.01.06



27.01.06

Ich habe die Häuser hinter mir gelassen, radle durch die sommerlich grüne Landschaft. Ein heller Tag.
Ich muß zu keiner Schule, und den Tiertraum, den ich in der Nacht hatte, kann ich später aufschreiben. Ich habe Zeit.
Ich esse im Fahren eine Mandarine, Schnitzel für Schnitzel. Wie saftig sie ist und wie süß.
Was ist in der sperrigen Kiste, die die beiden Männer - ich sehe es im Vor- beifahren - in die Erde hinablassen?
Ich stelle mir vor: ein Gehirn - so groß, daß es die Kiste ganz ausfüllt, und so schwer wie ein Mensch.


28.01.06

Hinter den Kulissen
Cento
.
Das dunkle Wogen
in meinem Kopf,
diese weiche tiefe Stille
hinter den Kulissen der Dinge,
in dem Raum, der die Zeit ist.

Max Jacob, Alfred Jarry, Cees Nooteboom, Bruno Schulz, Unica Zürn


29.01.06

Das von den Schuhen der Spaziergänger in den Schnee der Parkwege ge- stempelte graphische Zufallsmuster, die erhabenen Linien im Relief der Soh- lenabdrücke dunkel vereist und so deutlich hervortretend.


30.01.06


Die atmenden Wände,
die schlafenden Hände,
die zärtlichen Brände,
die lichten Gelände.


.
31.01.06

Ein Haus mit einer Tür in jeder der vier Himmelsrichtungen, mit Fenstern, die auf alle vier Jahreszeiten gehn, und mit einem Stockwerk für das Ich in der ersten, einem Stockwerk für das Ich in der zweiten und einem Stockwerk für das Ich in der dritten Person.


01.02.06

Er geriet auf die Idee, ein Künstler müsse nur für sich allein, zu seiner eignen Herzenserhebung, und für einen oder ein paar Menschen, die ihn verstehen, Künstler sein. Und ich kann diese Idee nicht ganz unrecht nennen.
Wilhelm Heinrich Wackenroder


02.02.06

Von der Brücke aus gesehen: das ruhige Fließen, die schimmernden Wellen- bänder, in gleitender Bewegung, sich unaufhörlich erneuernd: Wasser, das seinen Weg findet, immerfort, ihn nie schon gefunden hat - der Fluß kennt keine Routine.


03.02.06
.

Das Wort, sein Dort:
ein trügerischer Ort
(das Hier verdorrt).

.

04.02.06

Die Gefährtin des Bildhauers. Ihre Eifersucht, wenn seine Hände den Stein befragen. Ihre Furcht, der könnte Antwort geben wie sie.


05.02.06

Eine Schwelle, hinter der nichts ist, nichts, solange man den Fuß nicht über sie gesetzt hat. Ein Raum, den jeder Schritt, den man in ihn hinein macht, ver- größert.


06.02.06

Dann klatschte man, und das galt tatsächlich ihm. Was für ein seltsamer Brauch, dachte er, die Hände so aneinanderzuschlagen.


07.02.06

Die durch den Traum spukenden Tagesreste, die durch den Tag spukenden Traumreste.


08.02.06

Vita contemplativa. - Wer so durch die Jahre saust, hat, sagt er sich, Bewe- gung genug. (Diese fatale Ähnlichkeit der Lebenskurven mit den ballisti- schen.)


09.02.06

Hinter seinem Nabel schläft ein Tier, ungefähr so groß wie eine Hand. Anders als eine Leibesfrucht, wächst es nicht: es hatte immer schon diese Größe. Vielleicht ist das der Grund, warum er es die meiste Zeit gar nicht wahrnimmt. Er spürt es nur, wenn ein böser Traum es quält und der Schlaf des Tiers un-
ruhig wird. Diese Unruhe teilt sich dann seinen Eingeweiden mit, als dumpfer, ziehender Schmerz. Mit den Jahren hat er aber gelernt, auf die Träume des Tiers einzuwirken, ihm zu helfen, aus den inneren Labyrinthen, in die die Angst es von Zeit zu Zeit treibt, wieder herauszufinden.


10.02.06

Ist das Schaffen nicht selbst Leben - wie jede andre intensive Tätigkeit Leben ist?
Arthur Schnitzler


11.02.06

Die Kugel, schneller als die Angst: wen suchte sie, wen fand sie?
Einer fiel um, irgendeiner und doch ein bestimmter. Die andern sahen ihn fallen, zusammensacken, sahen -
in der kleinen Spanne zwischen zwei Lid- schlägen - einen beseelten Leib sich in ein lebloses Ding verwandeln.
Die Außenansicht des Todes:
erschreckend, verstörend. Und seine Innenan- sicht?
Der nun dort lag, in seinem Blut, hätte über sie Auskunft geben können, vielleicht, aber mit dem war keine Kommunikation mehr möglich.


12.02.06

Weißes Schweigen, schwarzes Schweigen,
Sätze, die sich stumm verneigen,
dir ein Maskenlächeln zeigen.


13.02.06

Eine Hölle, die wie ein ewiger Kindergeburtstag ist. Ohne Pause spielt man, mit einer Verbissenheit, als ginge es um das Leben, Die Reise nach Jeru- salem.


14.02.06

Alle Liebe, die einmal in einem war und die man abgegeben hat, wie ein Ofen Wärme abgibt, die hingeströmt ist zu anderen Menschen oder ihren phantom- haften Doubles, zu Tieren, Pflanzen und Dingen, zu Landschaften und Orten, zu ästhetischen Gebilden aus Wörtern, aus Farben, aus Tönen, fließt zu einem zurück, in einem einzigen Augenblick, als ein Energiestrom von einer tötenden oder einen von Grund auf verwandelnden Intensität.


15.02.06

Ein in den Regentag hinein geöffnetes Fenster. Zwei Frauenarme erscheinen in ihm, um ein strahlendweißes Bettuch zu schütteln. Sie verschwinden wieder, erscheinen aber wenig später erneut: mit einem gelben Bettuch. Auch das wird kräftig ausgeschüttelt. Und dann, nach neuerlichem kurzen Verschwinden, kommt endlich noch ein violettes an die Reihe. Ja, diese Farben fehlten dem Tag, aber sie durften nur kurz gezeigt werden.


16.02.06

Der erste Akt weg, der zweite Akt weg, der dritte Akt weg, nur die Zwischen- spiele sind geblieben. (Oder gab es nie mehr als sie?)


17.02.06

Die Taube, die ich dir schicken werde, wird keinen Brief für dich haben. Sie wird auch nicht mit dem Schnabel an dein Fenster klopfen. Sie wird unter ihm in einer Pfütze baden, das wirst du sehn. Ihre Flügel werden das Wasser schlagen und so ein Wellenmuster aus konzentrischen Kreisen erzeugen, ein fließendes Muster aus Licht und Schatten, das sich mit jedem Flügelschlag erneuern wird. Das wirst du sehn.


18.02.06

Der Schriftsteller lebt nicht von geographischen, sondern von Wortabenteu- ern: das Wort sein dunkler Erdteil; was sich im Wort entdeckt, seine Methode, sich zu finden und zu verlieren.
Albrecht Fabri


19.02.06

Dieses Stöbern an den Rändern, während es alle zur Mitte hinzieht, und diese Vernarrtheit ins Kleine, der Rede kaum für wert Erachtete. Manchmal, wie ein Kitzeln im Rücken, das Gefühl, es ruhe ein Blick auf einem, man dreht sich um, aber da ist niemand.


20.02.06

Sie begnügt sich nicht mit dem ungenauen Nacherzählen, dem ungenauen Nachleben fremder Träume - dies ist ihr eigener, ja, ihr Traum. Ihr ebenso fester wie leichter Schritt, ihr präzise geschnittenes Vogelkostüm, die dunklen Schriftzeichen auf ihrer Stirn. Hat sie die vor dem Spiegel aufgemalt, oder sind die sogar eintätowiert? Bannen sie eine Wirklichkeit, die sie sonst in ihren fühl- losen Klauen hielte?


21.02.06


Der Taghimmel und
der Nachthimmel,
die blaue Tinte,
die schwarze Tusche,
das Wort, das Nichtwort,
geschrieben, nicht geschrieben.



22.02.06


Die Zunge im Spiegel: eine seltsam agile Molluske. Nur mit Tast-, Tempera- tur- und Geschmackssinn ausgestattet, hat sie keinen Zugang zur Sprache. So wird sie in Dienst genommen für eine Sache, von der sie nichts weiß. Das ist so, wie wenn man einen Analphabeten zum Bibliotheksgehilfen machte. (Frag- los zieht sie das Küssen dem Dienst an der Sprache vor.)


23.02.06

Der gute Morgen. Die Welt erscheint alterslos wie ein Bachsches Präludium, der Blick verjüngt sich.


24.02.06

Ein seßhaft gewordener Peter Hille, den Rucksack hat er gegen einen Rech- ner vertauscht. Die vielen Schnipsel, die vielen Einfälle, nun sammeln sie sich in digitalen Ordnern. So geht nichts verloren, sollte eigentlich nichts verloren gehn. Und wenn doch - wen kümmert's? Nach wie vor mangelt es ihm an Professionalität, an der so oft mit dem Talent verwechselten Geschicklichkeit, ist er dieser am Markt völlig vorbeischreibende Amateur, nach wie vor ist er dies Meerwunder der Erfolglosigkeit.




26.02.06

In seinen Träumen kehrt er immer wieder dorthin zurück: zu jener Wohnung, zu jenen sieben mageren Jahren. Wie leicht ihm damals der Abschied fiel, aber nun führt er dort nachts ein zweites Leben, und möchte er mal hinunter auf die Straße, muß er sich durch ein dunkles Treppenhaus tasten, oder die Stiege ist halsbrecherisch steil. Einmal fuhr er an dem Haus vorbei, sah zu den Fenstern der Dachetage hoch und stellte sich vor, er hielte an und klingelte, um sich dem ihn fragend anschauenden öffnenden Fremden als ehemaliger Mieter, der gern einen kurzen Blick in die Wohnung werfen würde, vorzustellen. 


27.02.06

Eins nach dem andern, werden die Lichter gelöscht, und das Haus beginnt in sich hineinzuhorchen, mit hypochondrischer Hellhörigkeit auf die Geräusche seines viszeralen Innenlebens zu lauschen. Und der Schlaf, der Schlaf, der Schlaf will nicht kommen.


28.02.06

Es ist eine Schande, die meisten unserer Wörter sind mißbrauchte Werkzeu- ge, die oft noch nach dem Schmutz riechen, in dem sie die vorigen Besitzer entweihten.
Georg Christoph Lichtenberg


01.03.06

Hier im Flachland, wo sich der Schnee nie länger hält, ist der Winter wie ein Maler, der immer wieder neu ansetzt, sich einem Thema, das ihn nicht los- lassen will, wieder und wieder zuwendet und dessen letzten Versuchen die Selbstzweifel des Alters sichtbar eingeschrieben sind.


02.03.06

Im Haus der Stille
Cento
.
Im Haus der Stille:
die Wände verschwinden
Kammer für Kammer
im weißen, blendenden Licht.

Cees Nooteboom, Bruno Schulz, Unica Zürn


03.03.06

»Der Autor« und »der Leser«, der eine so phantomhaft wie der andere: als Portalfiguren flankieren sie den Eingang zum Schattenreich der Literatur.


04.03.06

Die Temperatur der Träume. Zuweilen ist sie erhöht, viel häufiger aber spür- bar herabgesetzt, und diese Träume mit Untertemperatur sind vielleicht die unangenehmsten.


05.03.06


. . . Nacht und Tag und wieder
. . . mit in den Schlaf, den Traum
. . . Handteller, Täfelchen
. . . Buchstabe, so weiblich wie
. . . Frau aus Wörtern, schwarz


.
06.03.06

Endlich stimmte das Paßwort, und der Rechner gewährte mir Einlaß. Eine heftige Erregung erfaßte mich, meine Rechte krampfte sich unwillkürlich um die Maus. So muß sich, ging es mir durch den Kopf, ein Mediziner fühlen, der, das Grau der in Formalin eingelegten Gehirne gewohnt, zum ersten Mal den durch- bluteten Kortex eines lebenden Menschen sieht.


07.03.06

Weiter gehen, tiefer in die Nacht hinein: dorthin, wo sie noch nicht mit Senti- mentalität befleckt ist.


08.03.06

Das autopoietische Gedicht. Es sucht sich ein passendes Milieu, ein
geeigne- tes Gehirn, ein den Prozeß seiner Gestaltwerdung unterstützendes Ich. Dies veröffentlicht, den Vorgang aus Eitelkeit oder aus Oberflächlichkeit mißver- stehend, dann das Ergebnis unter dem eigenen Namen.


09.03.06

- Etwas stimmt nicht mit diesen Sätzen, etwas fehlt ihnen.
- Der Schatten, ihnen fehlt der Schatten. Der Autor hat ihn dem Teufel verkauft.


10.03.06

Die Musen argumentieren nicht. Und die Dichter beweisen nichts. Wer etwas beweisen will, ist kein Dichter.
Friedrich Georg Jünger


11.03.06

Wie weit sich die Wörter auch von den Bildern entfernt haben mögen, sie möchten immer zu ihnen zurück. Doch gleichgültig, wie groß die Bewegungs- freiheit ist, die man ihnen gibt, eine völlige Rückkehr ist ihnen nicht möglich. Sie bleiben zwangsläufig im Zwittrigen des dichterischen Sprechens stecken.


12.03.06

Traumrede, die aus dem Geplapper kommt und wieder einmündet ins Ge- plapper. (Aber die Augenblicke, in denen der Traum spricht, wirklich spricht, prägen sich dem Gedächtnis ein.)


13.03.06

Das wiederentdeckte Vergessene, seine andere Deutlichkeit. Die Konturen erscheinen wie nachgezogen, die Farbe wirkt aufgefrischt wie die vom Regen glasierter, in der durch die Wolken brechenden Sonne glänzender Ziegel. Es bestätigt die wiedererwachende Erinnerung und widerlegt sie zugleich. Die lange Abwesenheit, die lange Unsichtbarkeit hat ihm »die Würde des
Unbe- kannten« zurückgegeben.


14.03.06

Die Rückkehr ins Überschaubare Morgen für Morgen, zu den definierenden Begrenzungen und den begrenzenden Definitionen.


15.03.06

Der andere Tag, der nicht im Kalender steht, der aber immer zugleich mit dem dort verzeichneten da ist. (Und am Morgen ist es, als stünde man vor zwei Türen, einer beschrifteten und einer unbeschrifteten, und für einige Augen- blicke wäre völlig offen, wo man eintritt.)


16.03.06

Grundrauschen, rauschender Grund. Stimme, die aus ihm emportaucht, sich von ihm löst, eine kleine Weile über ihm hält, in der leeren Luft, der luftigen Leere, und wiedereintaucht, verschwindet, Erinnerung wird.


17.03.06

Unter der Maske ist ihm ein neues Gesicht gewachsen, eins mit ihren Zügen. Sie hat sie ihm als Matrize aufgeprägt.


18.03.06

Das Kind, das Dirigent werden möchte - weil er der einzige ist, der im Kon- zertsaal tanzen darf.


19.03.06

Die Erde ist eine Gondel, die an der Sonne hängt und auf der wir aus einer Jahreszeit in die andere fahren.
Johann Peter Hebel





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© Ulrich Kölker 2005, 2006 (die Zitate ausgenommen)