Ulrich Kölker
Ein kleines Kratzen
Traumhaiku





   Pfahldicke Nägel,
Dutzende, durch die Decke
    bettwärts getrieben.



    Halb Frau, halb Elchkuh:
das Profil meiner Mutter -
    und wußte es nicht.



      Das graue Gesicht
  des Toten - warum muß ich

      mich zu ihm setzen?



    Die schwebende Hand
hält einen Pinsel, entsetzt
    schlage ich nach ihr.



    Ein Schrank voller Geld,
ein Gesicht, blau, wie von Eis:
    das ist der Reiche.

 

    Er zieht sich die Hand
wie einen Handschuh über
    und schlägt mich mit ihr.



     In einer Schachtel
der Kopf eines Toten. Wer
     ist es? Mein Vater?



    Mein neues Zimmer:
ein Baum wächst in ihm, der Stamm
    kaum zu umfassen.



       In ihrem Gesicht
   ein fremder Zug, und getilgt
       die Schönheit, der Glanz.



    Da schwebt eine Tür
und schwingt - ein Winken ist das -
    immer hin und her.

 

    Aus Sand modelliert
die Treppenstufen, aus Sand
    die beiden Sessel.

  

    Diese drei Frauen -
man sieht's nicht, doch ich weiß es -
    sind Wiedergänger.



    Der Zweig ist ein Arm,
das große Blatt eine Hand,
    und sie bewegt sich.



    Die große Spinne
in meinem Zimmer, ihr Netz
    geht von Wand zu Wand.



    Was schwebt da oben
an der Decke? Was ist das?
    Ein Sarg? Ja? Meiner?



    Blutrot die Wände
und weich wie Fleisch. Wer wohnt hier?
    Die, die ich liebe?



    Über meinem Bett
dunkles Buchstabendickicht,
    an Fäden hängend.



      Unter dem Silber
   sei ihr Gesicht grün, ganz grün,
      sagt sie, die Tote.



      Ich öffne die Tür
  und bin auf einem Bahnhof.
      Ein Zug rollt heran.



    Der Tod? Ein kleines
Kratzen im Herzen. Ganz schnell,
    erklärt sie, ging das.







© Ulrich Kölker 2006        zurück