Ulrich Kölker
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D u r c h s  J a h r
.
Literarisch-künstlerisches
Internetprojekt





Frühling 2006

20.03.06

Die Nacht ist lautlos kollabiert und liegt als kleiner schwarzer Stein in seiner Hand. Er legt ihn zu den anderen, öffnet die Tür und tritt hinaus in den Tag, unter einen hohen Himmel, in dessen blaue Seide die Sonne ein kreisrundes Loch gebrannt hat. Ich lebe, sagt er leise. Ich lebe, sagt er noch einmal, lauter und jede Silbe schmeckend.


21.03.06

Vieles, sagt sie, sei dort wie hier, manches allerdings ...
Schwarzer Schnee falle dort, und dieser Schnee sei ganz warm: man lege sich zum Schlafen in ihn.


22.03.06

Fußstapfen, so groß, daß sich seßhafte Geister wohnlich in ihnen einrichten können.


23.03.06

Eine erste Ankündigung
Cento
.
Im trüben Morgen,
an der Grenze des Erwachens,
ein Fenster zeichnet sich im Raum ab,
gefüllt mit den Farben der Ferne:
eine erste Ankündigung des Todes.

Luis Aragon, Michel Butor, Novalis, Alberto Savinio, Bruno Schulz


24.03.06

Das Gesicht ist der Irrtum des Gegenübers - das es besser wissen könnte. Denn wo es eine befestigte Grenze sieht, erlebt es sich selbst als weit ge- öffnet. Das Irritierende des Blicks in den Spiegel kommt wohl zu einem guten Teil daher, daß hier dies Geöffnetsein auf ein gegen die Welt hin Abgeschlos- sensein trifft, und beides soll der gleichen Person angehören. (Hinzu kommt noch der seltsame Gegensatz zwischen dem Fließenden des inneren Lebens und der Festgelegtheit der Züge.)


25.03.06

Ein Lebewesen, das die Tage an Land, die Nächte aber, auf Kiemenatmung umschaltend, im Wasser verbringt. So ist der Fluß sein Bett, seine sanfte Strömung wiegt es Abend für Abend in den Schlaf.


26.03.06



27.03.06

... die Trauer schon wieder abgelegt. Eine große weißschimmernde Mumie gleitet, die Füße voran, langsam am Fenster vorbei, über die glänzenden Dächer hin. (Im Zusehn gerät auch etwas in mir ins Gleiten, setzt sich gleich- falls in Bewegung, zu weiträumigeren Sätzen hin.)


28.03.06

Sinne: Wir müssen neue bilden, nur sie erhalten das Leben federkräftig.
Peter Hille


29.03.06


Im Planetenkarussell
Runde um Runde:
ergrauende Kinder.



30.03.06


Der Tag, die gläserne Schlange, die sich Nacht für Nacht im Schutz der Dun- kelheit häutet.


31.03.06

»Ein Paradieschen«, verstand ich. Die schöne Verwirrung, in die mich das Wort versetzte, ich ahnte eine Köstlichkeit, die alles überstieg, was ich bisher gegessen hatte. Es dauerte ein paar Augenblicke, dann schlug etwas wie beim Betrachten einer Kippfigur um, und die geheimnisvolle tropische Frucht mit dem suggestiven Namen verwandelte sich in ein paar kleine, runde, rote Radieschen.


01.04.06

Er wies mit einer ausgreifenden Handbewegung auf die uns umgebenden Regalwände und sagte, dies sei gewissermaßen ein Ort voller Wurmlöcher zu anderen Universen, den Schöpfungen anderer Götter hin. Wir könnten, wenn wir Lust hätten, sofort mit deren Erkundung beginnen.


02.04.06

Die vielen Anfänge, die vielen Fragmente - wenn sie sich, scheinbar ganz unverbunden, alle in ein großes Muster einfügten, dies bloß noch nicht erkenn- bar wäre?


03.04.06

Der bitter gewordene Traum. Längst ist alle Süße aus ihm gesogen, aber er saugt immer weiter, mit nicht nachlassender Hingabe.


04.04.06

So oft wiederholte man die mutige Tat, daß schließlich mehr Mut dazu gehörte, sie zu verweigern.


05.04.06

Was ist ein Kurs über Geschichte, Philosophie oder Poesie, wie vortrefflich auch alles gewählt sei, was ist die beste Gesellschaft oder die bewunderungs- würdigste Lebensroutine, verglichen mit der Disziplin, immer das zu sehen, was zu sehen ist?
Henry David Thoreau (deutsch von E. Emmerich und T. Fischer)


06.04.06

Wie liebevoll es hier zugeht, wie in einer Fernsehfamilie. Ich komme mir wie ein Eindringling vor, so wenig passe ich in dieses Idyll. Ihn erkenne ich kaum wieder, ein so zärtlicher, zugewandter Vater ist er nun. So war er zu Lebzeiten nie. Der Tod hat ihn, scheint es, verwandelt, hat, scheint es, Zügen, die im Leben unausgeprägt blieben, zum Durchbruch verholfen.


07.04.06

Ein Werk, das sich nicht befruchten läßt, Ableger bildet, um seine keine Ver- mischung duldende Besonderheit weiter zu verbreiten.


08.04.06

Die Rollen sind noch nicht verteilt. Abel ist noch nicht Abel und Kain noch nicht Kain.


09.04.06

Die Tür, ja, die Tür. Der Besuch benutzt sie fast nie. Nur wenn er Angst machen will, kommt er durch sie (durch sie, die offensteht, obwohl sie geschlossen sein sollte, durch sie, die sich von außen mühelos aufdrücken läßt). Meist aber ist er plötzlich da und ebenso plötzlich wieder fort, und diese Plötzlichkeit hat nichts Erschreckendes, es drückt sich vielmehr Vertrautheit in ihr aus. Die Tür, ja, die Tür. Auch ich benutze sie fast nie.


10.04.06

Wie mit feinem, spitzem Marderhaarpinsel gemalt, das erste Grün. Darüber, wie hingewischt, das Weiß, Grau und Blau des Himmels.


11.04.06

Nach all den Treppen und all den Fluren nun dieser lange, beinah lichtlose Kellergang und an seinem Ende, dicht nebeneinandergesetzt, diese beiden schmalen, dunklen Türen. Welche ist die richtige? Welche soll er öffnen? ATEM - er liest es in dem spärlichen Licht - steht über der einen und über der anderen META.


12.04.06

(In Träumen sollte man Spiegel meiden.) Der mir da entgegenblickte, in den Augen den Schrecken des Seiner-selbst-Gewahrwerdens, war kein Mensch mehr, aber auch kein Tier und ebensowenig ein Mischwesen, bei dem sich angeben läßt, wie es zusammengesetzt ist, sondern etwas anderes, dem Menschen verwandt, aber mit irritierend fremdartigen und in dieser Fremdar- tigkeit unbestimmt tierhaften Zügen: ein Wesen, das eine Art für sich zu bilden schien, nirgends zugehörig, darum zu absoluter Einsamkeit verurteilt.


13.04.06

Bilder hält man mit Bildern in Schach, und Träume treibt man mit Träumen aus.


14.04.06

Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern! Aber da liegen sie zu Hunderten, ohne einander zu nützen.
Georg Christoph Lichtenberg


15.04.06

Der Eigensinn der Texte. Auch die ganz kleinen entwickeln noch ihren eigenen Willen (oder gerade sie, wie aus dem Selbstbehauptungsdrang der zu kurz Geratenen heraus).


16.04.06

Der Kulturbetrieb: die Region der Namen, der ausgeschilderte Bereich. Wer diesen verläßt, braucht einen entwickelten Orientierungssinn. (Wer sich immer innerhalb seiner Grenzen bewegt, dessen Orientierungssinn wird niemals wirk- lich auf die Probe gestellt.)


17.04.06

Weil unsere Zweifel und unsere Ängste sie mitgestalten, sind unsere Nacht- träume, obwohl ihre Mittel von denen des Realismus radikal verschieden sind, sehr viel näher an der Realität als unsere Tagträume. Die halten sich an ein paar Konventionen des realistischen Erzählens, um gegen die Forderung der Glaubwürdigkeit um so ungehemmter verstoßen zu können.


18.04.06

In diesem Haus, dem preisgekrönten Werk einer Künstlerin, war alles in Bewegung. Ich sah, wie sich ein winziger Raum um einen meiner Begleiter schloß und sich Augenblicke später leer wieder öffnete. Ich wußte, daß meinem Begleiter nichts geschehen war, aber es war mir unmöglich, ihm nachzufolgen - allein die Vorstellung dieses Sichzusammenziehens um einen. Ich konnte es nicht und würde es doch müssen, denn es führte kein anderer Weg hinaus, kein anderer als der durch diese eingeweideartigen Räume, durch diese wie peristaltisch bewegte Enge.


19.04.06

Freie Gäste
Cento
.
In meinem dunklen Zimmer
gehen die Zeiten,
freie Gäste, hin und her,
Stimmen überschneiden sich
in meinem Kopf.

Günter Eich, Max Jacob, Novalis, David Rokeah


20.04.06

Die Verzweiflung rettet sich aus der Sprachlosigkeit in die Rhetorik. Auf den Leser wirkt diese, ob er nun Geschmack an ihr findet oder ob ihn ihre Über- treibungen zum Widerspruch reizen, vitalisierend.


21.04.06

Die Natur hat ein anderes Gesicht, seit der Gedanke in der Welt ist, daß alles auch ohne Beteiligung des Geistes funktionieren könne.


22.04.06

Der Ernst muß von Zeit zu Zeit sein Vokabular erneuern. (Daraus, daß be- stimmte Wörter, deren er sich bedient hat, nicht mehr gebraucht werden kön- nen, sollte man nicht folgern, daß er selbst obsolet geworden ist.)


23.04.06

Der innere Wert eines Buches hängt nicht von der Bedeutung des Themas ab - sonst hätten die Theologen einen gewaltigen Vorsprung -, sondern von der Art, sich dem Zufälligen und Unbedeutenden zu nähern, das Winzige zu meistern. Das Wesentliche hat noch nie auch nur des geringsten Talentes bedurft.
E.M. Cioran (deutsch von François Bondy)


24.04.06

Ein Palast voller Sperrmüll, bewohnt von narzißtischen Gespenstern, aufge- takelten Spukgestalten.


25.04.06

Freilichtlektüre im Stadtpark. Die Sonne scheint ins Buch, in jeden Satz hin- ein, die Schrift nimmt wie ein wechselwarmes Tier ihre belebende Wärme auf.


26.04.06

Der in der Wunde vergessene Finger. Langsam wächst sie um ihn zu.


27.04.06

Ein Potlatsch, bei dem die Gäste mit Träumen beschenkt werden. Ein Pot- latsch, bei dem man Träume vernichtet.


28.04.06

Die Stimme, die, klein, in einem Menschen wohnt: groß, sich bis an ihre äußersten Grenzen dehnend, ist sie ein Raum, den er bewohnt.





30.04.06

Einer schrieb an meinem zehnten Geburtstag in sein Tagebuch, daß er seiner Zeit einen Tag voraus sei. Dieser eine Tag sei »ein immerwährender Tag« in der Welt, von der er zufällig umgeben sei. Ich las es vor fünfundzwanzig Jahren und vergaß es wieder, ich lese es heute zum zweiten Mal und nun wie an mich adressiert (und weiß doch, daß Flaschenpost keinen Adressaten hat).


01.05.06

Wörter, die den Kontakt zu den Bildern verloren haben und nur noch für Definitionen taugen.


02.05.06

Ein Gedicht muß ganz unerschöpflich sein, wie ein Mensch und ein guter Spruch.
Novalis


03.05.06

Ein Wurm, der den Sinn aus den Wörtern frißt. Es bleiben nur leere Buch- stabenhüllen.


04.05.06

Er lebt zu leise, darum hat man ihn vergessen. Nun wird das Haus entkernt, und niemand ahnt, daß ganz oben unterm Dach noch jemand sitzt. Er lauscht auf das polyrhythmische Geflecht der Hammerschläge, fragt sich, ob es sich übersetzen ließe. Die Taube, die er hin und wieder mit übriggebliebenen Konjunktionen füttert, fliegt an sein Fenster. Kommt sie, um zu betteln, oder will sie ihn warnen? Wäre es nicht an der Zeit, einen kleinen Blick vor die Tür zu werfen, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, daß die Treppe noch da ist?


05.05.06

Die Konstanz der Dinge - nichts ist uns selbstverständlicher. Und wenn sich eine Willensanstrengung hinter ihr verbärge? (Einem Wirbel muß ständig Ener- gie zugeführt werden.)


06.05.06

Hundert Wörter gingen verloren in der letzten Stunde der Nacht. Hundert? Hundert genau? Hat sie denn jemand gezählt?
Hundert Wörter ... Vielleicht weniger, vielleicht mehr. Eher wohl weniger. Sie hatten sich mühelos verbunden. Verbunden wozu?
Saint-Pol-Roux' »Le poète travaille«. »La langue travaille«, setze ich probe- weise dagegen. Die Zeiten, als man noch »Mir träumte« sagte.
Etwas ging verloren in der letzten Stunde der Nacht. Etwas, das in diesem Verlust einen Wert behauptet. Und wenn es mir geblieben wäre?


07.05.06

Ein dunkel grundierter Sonntag, dunkel grundierter Sonnentag,
ein Tag hinter Glas, von einem Wind mit heidnisch rauher Stimme bewohnt,
zwei leere Hände, in die wie ein böser Geist der Schmerz gefahren ist.



08.05.06

Weil er ein so elendes Leben führt, glaubt ihm niemand seine Begabung für das Glück.


09.05.06

Die Rabenkrähe trägt die Nacht ihres Gefieders in den hellen Mittag, eine Nacht, die schwärzer ist als jede wirkliche Nacht, gewissermaßen die Idee der Nacht oder die mit poetischer Präzision gesetzte Antithese zur mittäglichen Lichtfülle.


10.05.06

Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
Johann Wolfgang Goethe


11.05.06


In den Teich geweht,
ins alterslose Wasser:
welkes Blütenweiß.



12.05.06


Das Haus, das er für sie gebaut hat - sie zieht nicht ein. Der Garten, den er für sie angelegt hat - sie setzt nie einen Fuß in ihn. Das Grab, das er für sie ausgehoben hat - aber sie ist ja quicklebendig.


13.05.06

Die Erinnerung an die Schmerzen, erklärte die Stimme, die wir als seine erkannten, und auch an die Angst und die Verzweiflung verblasse mehr und mehr. Er arbeite wieder viel, habe sich die Naturgeschichte des Traums vorgenommen, ein Thema, für das, in irdischen Maßen gerechnet, wohl drei Forscherleben nicht hinreichten.


14.05.06

Ein Raum (groß, ungeheuer groß, begrenzt von Wänden aus coelinblauem Zelttuch), der so viel Luft enthält, wie seit dem Tag deiner Geburt durch deine Bronchien geströmt ist. Ein zweiter Raum (kleiner), der so viel Luft enthält, wie du noch atmen wirst.


15.05.06

Die stumme Versammlung der Kamine, unter einem Himmel, der zu keinen klaren Artikulationen finden will und durch den ein kleines Flugzeug ein Schriftband zieht, zu weit weg allerdings, als daß man dessen Botschaft lesen könnte (eine Werbebotschaft natürlich, aber ich stelle mir vor, daß es etwas anderes ist).


16.05.06

Die Mutter der Dinge
Cento
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Das Gewebe des Weltalls,
das Gewebe des Traums:
die seidige Nacht,
die Mutter der Dinge, wogt
von unbegrenzten Möglichkeiten.

Roger Caillois, Else Lasker-Schüler, Novalis, Bruno Schulz


17.05.06

Wer schickte mir die beiden Karten? Ein Familienmitglied, ein Freund, meine sanfte Freundin Einsamkeit? Einen zweibeinigen Mond zeigte das Bild der einen: er stand an das Geländer eines Balkons gelehnt und blickte hinaus in den weißen Nachmittag. Und das Bild der anderen - ich erinnere mich - zeigte eine einem Wohnzimmerkamin entstiegene dunkel bestrumpfte Flamme: sie verbreitete ein warmes Inkarnat und lächelte. Dies Lächeln, auch wenn es mich nicht meinte, war wie eine zärtliche Berührung.


18.05.06

Eine lyrische »stille Post«: Verse werden in Flüsterrede von Ohr zu Ohr weiter- gegeben. Ihre Transformationen in schöpferisch irrenden Gehören. Ein Gedicht wird Vers für Vers diesem Transformationsprozeß unterzogen.


19.05.06

Beständige Wiedergeburt aus sich selber, Bestand durch Verwandlung.
Hugo von Hofmannsthal


20.05.06

Der weite Raum hinter der Bühne, erfüllt von Blätterrauschen und den Rufen der Türkentauben. Zwischen hohen Pappeln die Silberader eines Bachlaufs: dort will ich hin - mir aus der Stirn zu waschen, was auf ihr geschrieben steht.


21.05.06

Die beiden stehen einander gegenüber, Männer, die Gesichter nicht zu er-
kennen. Deutlich dagegen die Hände: der eine übergibt dem anderen etwas. Was? Einen Brief? Ich stelle mir vor, daß es einer ist, auch wenn es nicht so aussieht, eher wie eine kleine zusammengefaltete Schachtel, etwa eine Medi- kamentenpackung. Dieses Etwas, das ich für einen Brief halte, auch wenn es anders aussieht, leuchtet (leuchtet wie so vieles, seit vielen Jahren schon, in meinen Sekundenträumen). Bin ich einer der beiden Männer? Der, welcher dies leuchtende Etwas übergibt (diese Schachtel, die vielleicht zusammen- gefaltet ist, weil ihr Inhalt immateriell ist)? Oder der andere? Ja, ich stelle mir, ohne daß ich es begründen könnte, vor, daß ich dieser, der Empfangende, bin.


22.05.06

Immer ist es die Sprache, die sich zwischen mich und den Schlaf schiebt, sich in diesem Zwischen wuchernd breitmacht und mich so immer weiter von dem Ersehnten entfernt. Die Bilder dagegen führen in den Schaf hinein.
Nein, es ist nicht die Sprache, sondern ein bestimmter Gebrauch, den man von ihr macht: das logische Denken, die diskursive Rede. Manchmal gebe ich mich, wenn ich nachts wachliege, bewußt dem analogischen, assoziativen Denken hin. Eine sanfte Strömung trägt mich dann schlafwärts, es sei denn, es kommt zu Rückfällen ins Logische und Diskursive - dann war alles vergebens.
Wenn die Schlaflosigkeit eine modellhafte Situation darstellte? Zeigen das logische Denken und die diskursive Rede nicht eine allgemeine Tendenz, sich zwischen uns und das, dem wir uns verbinden möchten, zu schieben? Und wenn wir uns in der poetischen Rede des Analogischen und des Assoziativen bedienen, geschieht dies nicht in der Hoffnung auf Wiederannäherung, in der Hoffnung, daß sich eine verlorengegangene Verbindung wiederherstellt?


23.05.06

Geogramm


24.05.06

Diese kleine Silbe. Du füllst sie mit warmer Atemluft, bläst sie auf wie einen Ballon. Diese kleine Silbe.


25.05.06

Ein Mann im Profil: den Kopf in den Nacken gelegt, schaut er zum Himmel empor. Er trägt eine enganliegende helmartige Kappe, auf die glitzernde Steinchen oder Plättchen genäht sind. Das Bild verdunkelt sich (das heißt, vielleicht nimmt auch nur die Kappe einen dunkleren Ton an), und diese Stein- chen oder Plättchen blinken wie Sterne.


26.05.06

Eine Pythia, die sich von den Feinden ihrer Poesie emanzipiert hat: den Priestern und dem Auskunft suchenden zahlenden Publikum.


27.05.06

Ein Schilfrohr, das denkt, ein Schilfrohr, das träumt, ein Schilfrohr, das sich, nicht denkend, nicht träumend, dem Wind überläßt.


28.05.06

Existieren - ein Zustand, der so wenig faßbar ist wie sein Gegenteil, was sage ich? Noch unfaßbarer.
E.M. Cioran (deutsch von François Bondy)


29.05.06

Er fuhr im Kreis, immer im Kreis, wie damals - aber das fiel ihm erst nach dem Aufwachen ein -, als er zum ersten Mal ohne Stützräder fuhr, wie damals, mehr als ein halbes Menschenleben lag das nun zurück, er fuhr also im Kreis, immer im Kreis, und vor ihm lief dieses Kind, ein kleines Mädchen, und er holte es nicht ein, es war einfach schneller als er, dann verließ er die enge Kreisbahn, fuhr einen großen Bogen, und eine Frau, schön war sie, fuhr hinter ihm, er legte sich, wohl um ihr zu imponieren, wie ein Motorradfahrer in die Kurve, er spürte die Jahre nicht, aber sie waren da, es war sinnlos, sie zu leugnen, sinnlos, das Altern des Körpers zu leugnen, und es würde sich fortsetzen, immer fortsetzen, war nicht zu stoppen.


30.05.06

Wenn andere Lebewesen an uns vor allem anderen unseren Hang zur Geo- metrie wahrnähmen, unsere Vorliebe für den rechten Winkel zum Beispiel, der, wie es scheint, allein in der menschlichen Sphäre einen privilegierten Status genießt?


31.05.06


In mir wiegt ein Baum,
weiß vom Blütenschaum,
die Krone wie im Traum.

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01.06.06

Einen Augenblick lang sieht es so aus, als wolle sie mir das Reimwort, das ich nicht finden kann, zurufen, doch dann mache ich aus Ungeschicklichkeit oder aus Ungeduld eine falsche Bewegung, und die Dohle fliegt davon.


02.06.06

Ein Dr. Jekyll mit dem Gesicht eines Mr. Hyde. Er scheint unentwegt bemüht, dieses Gesicht vergessen zu machen, sein Jeckyll-Ich erscheint als Rolle, die er zu diesem Zweck spielt, und vielleicht ist es mit den Jahren auch dazu ge- worden.


03.06.06

Einer neigt zur Schweigsamkeit, weil ihm das Erzählbare so wenig gilt.


04.06.06

Zurückgehen, in deiner Vorstellung, bis zur letzten Gabelung, da den Weg einschlagen, den du, als du die Möglichkeit hattest, nicht genommen hast, ihn gehen, in deiner Vorstellung, bis du wieder an eine Gabelung kommst, da den Weg einschlagen, den du, wenn du wirklich vor die Wahl gestellt wärst, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nehmen würdest, ihn gehen, in deiner
Vorstel- lung, bis du wieder an eine Gabelung kommst.


05.06.06

Wie in der Enge die Sätze manchmal weit werden, ganz weit. (Hätte man sich um der Wahrhaftigkeit willen diese Weite zu verbieten?)


06.06.06

Spinnwebfein, wird ihn das Netz nicht auffangen. Er wird es im Fallen zer- reißen, unweigerlich. Aber nach einiger Zeit wird er sich wieder aufrappeln und dann das spinnwebfeine Netz neu knüpfen.


07.06.06

Die Verwandlung würde davon abhängen, daß du von neuen Göttern über- wältigt wirst, denen du glaubst.
Elias Canetti


08.06.06

Eine Katastrophe, die sich mit einer zeitlupenhaften Langsamkeit entwickelt und sich gleich
zeitig durch nichts in der Welt aufhalten läßt.


09.06.06

Der alljährliche Siegeszug des Chlorophylls. Einer in mir möchte alle Verwitte- rungs- und alle Wüstenfarben dagegensetzen, ein anderer möchte mitmachen und sich grüne Haare wachsen lassen wie der Fluß.


10.06.06

Meine drei Brillen: die Nahbrille, die Fernbrille und die Brille mit den ge- schwärzten Gläsern für das brennpunktlose Sehen.


11.06.06

Der Traum ist beinah zwanzig Jahre alt, ich notierte ihn im Februar 1987 im Tagebuch.
Obwohl es gewitterte, verließ ich das Haus (wir wohnten wie zwischen meinem dritten und neunten Lebensjahr in der Schule), aber draußen packte mich die Angst. Es blitzte und donnerte auch unaufhörlich, und manche Blitze schlugen kaum einen Meter vor mir ein. Ich preßte mich verzweifelt an die Wand, kauerte mich neben die Kellertür, die fatalerweise abgeschlossen war. Als das Ge- witter für einige Augenblicke nachließ, lief ich wieder nach vorne, aber an der Haustür fand ich unseren Namen nicht. Auf einem der Klingelschilder las ich »Aphorismen«: ich läutete dort, und man ließ mich herein.


12.06.06

Diese Augenblicke, in denen sich die Zeiten so sehr verwirren, daß einen der Anruf eines seit langem auf dem Friedhof Liegenden nicht im geringsten ver- wundern würde.




14.06.06

Träume als ästhetische Leistung: man könnte sich darauf etwas einbilden wie auf eine Arbeit, eine Anstrengung zu einer Form
Peter Handke


15.06.06

In dem Ferienlager wurde ein Film gezeigt, von einem anderen, viele Jahre zurückliegenden Ferienlager, und in diesem Film entdeckte ich mich selbst, als vielleicht Sechsjährigen, zwischen Spielkameraden. Ich hatte noch nie be- wegte Bilder von mir als Kind gesehen und starrte nun gebannt auf diese hier. Ein Traum, natürlich, aber ein sehr ungewöhnlicher. Wie oft versetzen meine Träume andere in ihre Kindheit zurück, aber das Kind, das ich war, zeigen sie mir nie, und der hier tat es nun - war es ihm vielleicht nur so möglich? -, indem er mit dem dramaturgischen Mittel des eingefügten Films (des Films im Film gewissermaßen) eine zweite fiktionale Ebene einführte. Irgend etwas jedoch stimmte mit diesem Kind nicht. Es hatte sich ein fremder Zug in sein Gesicht geschlichen. Ich war das und war es zugleich nicht.


16.06.06

Er stellt sich vor, es gebe noch einen zweiten mit seinen Anlagen, nicht hier, sondern auf einem anderen, glücklicheren Planeten, und dieser kosmische Zwilling führe das Leben, das ihm hier nicht gelingen will.


17.06.06

Dämonen
Cento
.
In den Ruinen
des Schlafs
zwischen Fetzen
von Dunkelheit
zerfressene Gesichter,
Mumien, leere Larven:
die kleinen Dämonen
des Morgens.

Paul Éluard, Max Jacob, David Rokeah, Bruno Schulz


18.06.06

Wie ein dünner Pflanzenstengel der Hals, fruchtknotenschwer darüber der Kopf.


19.06.06

Der Tote hat schon keinen Namen mehr. Bald wird er auch kein Gesicht mehr haben.


20.06.06

Häuser, die sich wie Blüten öffnen (aber wie die der Pflanzen, die sich von Nachtfaltern und Fledermäusen bestäuben lassen, nicht morgens, sondern abends mit dem Einbrechen der Dunkelheit).



Sommer 2006

21.06.06

Was für eine seltsame Wolkenbildung. Ein emporgereckter Arm mit einer Hand, die in den Himmel greift, und um das Handgelenk legen sich die Finger einer zweiten Hand - alles ganz deutlich zu erkennen. Ich bedaure, daß ich keinen Skizzenblock dabeihabe.
Noch seltsamer: da steht auch etwas. Über jeden Finger dieser zweiten Hand läuft ein Schriftzug.
Nein, das sind gar keine Wolken. Das ist - jetzt sehe ich es - ein Bild, ein großes Plakat auf einer Litfassäule, das für irgend etwas wirbt, mich zu irgend etwas animieren will.


22.06.06

Vielleicht hat er zu dem falschen Gott gefleht, hätte er sich statt an seinen Menschengott besser an den Gott der Protozoen, die wie Mäuse über einen Getreidespeicher über seinen armen Körper hergefallen waren, gewendet.


23.06.06

Die Landschaft unter einem bedeckten Himmel ist farbiger als die unter einem strahlenden.
Albrecht Fabri


24.06.06

Der nachmittagliche Sängerkrieg im Park. Aber die Sänger bleiben unsicht- bar, in der sommerlich dichten Belaubung der Bäume verborgen.


25.06.06

War das der Wald, der gute alte Wald? Die Bäume waren alle durchnumeriert.


26.06.06

Er ist brillant, jeder Satz von ihm wie poliert, aber es fehlt das Leuchten, das aus den Wörtern kommt.




28.06.06

Dies ist der Raum der Stimmen, hier haben sie ihre Auftritte und Begegnun- gen, hier spielen sie ihre Verkleidungs- und Verführungsspiele, das Egalitäts- spiel und das Spiel um Dominanz und Unterordnung. Dies ist der Raum der Stimmen: treten Sie ein.


29.06.06

Ästhetischer Genuß stellt sich nicht ein, wenn das Auge zur Ruhe kommt, sondern wenn es beschäftigt wird.


30.06.06

Die ungelesenen Bücher, die man in Träumen in seinem Regal entdeckt. Die Erregung, in die sie einen versetzen, eine Erregung, die in jener Zeit, als man sich der Literatur zuzuwenden begann, beinah jedes Buch auszulösen ver- mochte, die aber in dem Maße, wie man Gelesenes einzuordnen und seine Qualität einzuschätzen lernte, abnahm, bis sie schließlich fast ganz ver- schwand.


01.07.06

Verwirklichung. Nicht zu viel. Nur was es braucht, damit man dich in Ruhe läßt mit den Verwirklichungen, so daß du, träumend, für dich selbst, alsbald ins Unwirkliche zurückkehren kannst, ins Nichtzuverwirklichende, in die Gleich- gültigkeit gegenüber der Verwirklichung.
Henri  Michaux (deutsch von Werner Dürrson)


02.07.06

Einer, der ein großer Autor wird, obwohl, nein, weil ihm jedes »Werk« mißlingt.


03.07.06

Was dir zuströmt aus dem Nichts, aus dem Nicht, was dir zuströmen würde, wärst du durchlässiger.


04.07.06

Wer hat ihn in diesen engen Traum gesperrt? Sie? Wann denn? Wie denn? Müßte ihr, fragt er sich, eine solche Schuldzuweisung nicht eigentlich schmei- cheln? Nein, sie war es nicht, und auch wenn es in ihrer Macht stände, auch wenn sie die Mittel besäße ... Wer also? Wer hat ihn in diesen engen Traum gesperrt? Hat er sich selber in ihn eingeschlossen?


05.07.06

Die Entdeckungen, die den Rückzug voraussetzen, den Rückzug, der immer angreifbar ist.


06.07.06

Niegesehene Bilder
Cento
.
Zwischen Schlaf und Wachen,
um mein Herz schwirren Träume,
leicht wie die Silbermünzen
des Flusses, neue,
niegesehene Bilder,
schimmernd in der Luft.

Clemens Brentano, Karl Krolow, Else Lasker-Schüler, Novalis, Alberto Savinio


07.07.06

Hilfe! rufe ich, und gleich fallen alle ein. Hilfe! Hilfe! schreien sie, Gesichter schneidend, durcheinander. Wer soll da meinen Hilferuf noch ernst nehmen, wer soll da nicht denken, daß hier Komödie gespielt wird? Man will mich töten! rufe ich nun. Man will mich töten! schreien, meine Not ins Lächerliche ziehend und mich so verhöhnend, sogleich auch meine Mörder.


08.07.06

Am graublauen dunstigen Abendhimmel eine Wolke, die ganz auf ihre helle rötliche Kontur reduziert erscheint. Wo die Wolke der hinter ihr verborgenen Sonne am nächsten ist, ist diese Kontur sehr fein und deutlich gezeichnet, mit zunehmendem Abstand zu ihr verliert sie dann an Schärfe und Helligkeit, sinkt mehr und mehr in den graublauen Hintergrund zurück, was an ein langsames Ausblenden erinnert.


09.07.06

Ich lese eine Seite in einem Buch und schaue dann aus dem Fenster; die gelesene Seite schaut mit.
Wilhelm Genazino


10.07.06

Ein Götterfriedhof. In langen Reihen von Gräbern unter schweren steinernen Platten mit Inschriften in Sprachen aus allen Zeiten und Kontinenten zerfallen die sterblichen Unsterblichen.


11.07.06

Madame Mort, wie rund Ihre Hüften sind! Die werte Madame Vie dagegen? Jammerschlank hat sie sich gehungert.


12.07.06

In einem Traum ein Film voller Verwandlungen. Ich sah den Film mit jemand anderem, wir machten einander auf jede seiner Verwandlungen aufmerksam, sie entzückten, begeisterten uns. Es handelte sich um typische Traumver- wandlungen, aber anders als sonst nahm ich sie nun als etwas Gemachtes, Hergestelltes wahr, und die Verlagerung aus dem eigentlichen Traumgesche- hen in einen in dieses eingebauten Film ermöglichte es mir, sie als ästhetische Leistung zu genießen.


13.07.06

Bäume, die man schon tausendmal gesehen hat - plötzlich schauen sie so fremdartig aus, als entstammten sie einer anderen erdgeschichtlichen Epoche.


14.07.06

Ein Namensatter. Schon der Gedanke, man könne ihm neue Namen vorset- zen wollen, verursacht ihm Übelkeit.
Ein anderer, der ganz verrückt nach diesen ist. Vor allem das zarte Fleisch der ganz jungen Namen hat es ihm angetan.


15.07.06

Ein Spiegel, in dem man sich so sieht, wie einen Tiere, Hunde zum Beispiel oder Dohlen, wahrnehmen.


16.07.06

Die Klinge bohrt sich so langsam ins Herz, daß dies, ohne einen Tropfen Blut zu verlieren, mit ihr verwächst und den Stahl nur fühlt, wenn eine Erregung es heftiger schlagen läßt.


17.07.06

Seine beiden Schutzengel, die Angst und der Schmerz. Seine beiden Plage- geister, die Angst und der Schmerz.


18.07.06

Eine Stadt, in der ich nie war. Ich komme vom Bahnhof, bin auf dem Weg zur Bushaltestelle. (Wieder verwandelt sich in eine Geschichte, was, anderen Ge- setzen gehorchend, eigentlich nicht erzählbar ist.) Um die Haltestelle zu errei- chen, muß ich eine Straße überqueren, die so verdreckt ist, als hätte hier ein Fluß seinen Schlamm abgeladen. Ist mein Bus schon weg, eben abgefahren, und muß ich nun lange auf den nächsten warten? Ich fische einen Schuh aus dem Straßendreck, in der Vorstellung, auf seiner Sohle die Abfahrtzeiten zu finden, aber da sind sie nicht. Nun suche ich sie an der Haltestelle, finde sie jedoch auch da nicht. Aber ein Wort steht da - wie sonst So-und-so-Straße oder So-und-so-Platz -, ein Wort in großen Druckbuchstaben: »Melancholie«.


19.07.06

Ein Leben aus versäumten Augenblicken, alle diese Augenblicke leuchten plötzlich zugleich auf.
Elias Canetti


20.07.06

Mitternacht schon vorbei, und noch immer ist es unerträglich heiß und stickig im Zimmer, trotz weit geöffneten Fensters. Ein weiblicher Alp mit einem Hinter- teil, so breit wie zwei, sitzt ihm schwer auf der Brust. Er ahnt, die Nacht wird lang werden, sehr sehr lang: lang wie sein Sündenregister eines Liebesun- fähigen.


21.07.06

Die Münze mit ihrem Profil - ich wußte nicht, was sie wert war, erfuhr es erst, als ich sie weggab. Zwanzig Ellen eines schmalen Flußlaufs bekam ich für sie, mit einem Schwarm kleiner Fische, begleitet von einem Schwarm sehr prä- ziser Schatten.


22.07.06

Eine Zugehörigkeit, die signalisiert wird durch die Berufung auf einen Unzuge- hörigen.


23.07.06

Ein kleiner bunter Gummiball - nein, das ist mehr, als ich sehe, es geht ja so schnell, atemverschlagend schnell -, ein kleiner Ball, bunt vielleicht, aus Gummi vielleicht, hüpft - oder rollt - auf die Straße, und ein Kind - wer ist das? ich? ein Teil von mir? oder die Person, an die ich eben dachte, und die zweifellos etwas von einem Kind hat? - springt - Vorsicht, es könnten Autos kommen! -, flitzt hinterher, fängt - oder hebt - ihn auf, und da leuchtet er, blinkt er wie ein Stern.


24.07.06

Wie viele Stimmen mischen sich im Surren des Ventilators? Eine klingt wie rauschender Regen, aber die hört man nur heraus, wenn Niederschlag gemel- det ist.


25.07.06

Die weichen weiblichen Rundungen ihres Namens, das warme Inkarnat ihrer Stimme - warum reichten die ihm nicht? Was versprach er sich von Bild und Begegnung?


26.07.06

Immer hatte er sich vorgestellt, einmal ein Alibi beibringen zu müssen, doch nun forderte man das genaue Gegenteil von ihm: den Nachweis, daß er am Ort gewesen war, und er konnte ihn nicht erbringen.


27.07.06

Erster Akt, letzter Akt


28.07.06

Der Bus hält nicht, wo er halten müßte, und läßt mich in einer Straße heraus, die mir völlig unbekannt ist. Doch ich weiß, meine Wohnung ist nicht weit: ich brauche mich nur in westlicher Richtung zu halten. Aber wo ist Westen? Der Himmel - ich schaue, die Sonne suchend, zu ihm auf - will mir keine Auskunft geben, so gehe ich auf Verdacht los. Bald schon ahne ich, daß die Richtung nicht stimmt: die ganze Gegend ist mir fremd, und ich scheine meiner Straße nicht näher zu kommen. Ich weiß nicht, wie lange ich schon gehe, als ich ganz unvermittelt vor dem Turm stehe, der sich am südlichen Rand meines Viertels befindet. Ich bin also viel zu weit gegangen. Doch nun habe ich einen Orientierungspunkt, von dem aus ich nach Hause finden müßte. Aber etwas stimmt hier nicht, die Häuser um den Turm herum sind anders, als ich sie in Erinnerung habe. Plötzlich weiß ich, daß ich träume: mein Traum hat diesen Turm in eine fremde Umgebung gesetzt. Und plötzlich fällt mir auch auf, daß hier alles alt ist, wie - ich lese gerade den Roman - in Kubins Traumstadt Perle.


29.07.06

O diese Freude, o diese Freude, nicht zu sein! Er trat sachte, leicht auf, als ginge er auf Wolken.
Richard Weiner (deutsch von Peter Sacher)


30.07.06

Diese bernsteinfarben schimmernde Flüssigkeit: ich sehe, wie sie einen hin- gehaltenen - hingehalten von wem? - großen Löffel füllt. Eine Medizin, wie es scheint, aber was für eine? Hilft sie gegen den Schulterschmerz, gegen den Nabelschmerz der Melancholie?


31.07.06

Die Straße ist winterlich weiß. Es dämmert bereits, aber im Haus brennt kein Licht. Vor der Tür - das ist neu - ein enges Spalier aus Tannen, durch das ich nun mit meinen beiden Koffern muß: Zweige streifen mich links und rechts und bepudern mich mit Schnee. Schlagartig kommt mir zum Bewußtsein, daß ich nicht angemeldet bin, daß die, welche ich hier zu besuchen pflegte, tot ist, vor Jahren schon gestorben und daß man hier seither auf meinen Besuch wenig Wert legt. Wie konnte ich das alles vergessen? Besser, ich drehe auf der Stelle um. Doch das tue
ich nicht und läute, trotz meiner Bedenken.  


01.08.06

Ein Reservat für weiche Menschen. (Der hohe Zaun, den die Scham um es gezogen hat.)


02.08.06

Zerbrechliche Riesen
Cento
.
Kürzer atmet die Zeit
in einer kleiner werdenden Welt.
Götter, zerbrechliche Riesen,
 blühn auf, verwelken. Ein Mensch
tritt sich selbst gegenüber.

Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler, Henri Michaux, Cees Nooteboom, David Rokeah


03.08.06

Ein Gott, dem das unendliche Variationenspiel der Wolken genügt. Warum da noch Leben?


04.08.06

Hinter dem grauen Vorhang ein blauer Vorhang, hinter dem blauen ein schwar- zer. Und hinter dem?


05.08.06

Diese Wunder, die gewissermaßen ein großes Fahnentuch schwenken, auf dem in bunten Lettern das Wort Wunder steht. Diese andern, die sich anbie- ten wie Huren vom Straßenstrich.


06.08.06

Jeder rechtliche Autor schreibt für niemand oder für alle. Wer schreibt, damit ihn diese oder jene lesen mögen, verdient, daß er nicht gelesen werde.
Friedrich Schlegel


07.08.06

- Spielen Sie Schach?
- Das Brettspiel? Nein. Aber gelegentlich Rorschach.
- Das ist ein Spiel? Ich dachte immer, ein psychologisches Testverfahren.
- Das ist die Variante der Spielverderber.


08.08.06

Ich lese das neue Buch einer Autorin, die ich einmal sehr geschätzt habe, heute jedoch kritischer sehe. Vielleicht zu Unrecht, wie mir nun scheint. Dies ist ein Werk voller Witz und Poesie, die Beherrschung der Mittel souverän: nie hat sie mich mehr begeistert. Ich lese und lese, verschlinge das Buch geradezu, doch dann endet die Lektüre abrupt. Ich bin aufgewacht.
Es war nur ein Traum. Dieser Text, von dem ich so angetan gewesen bin, existiert in Wirklichkeit also gar nicht. Ich könnte, denke ich nun, was mich der Traum hat lesen lassen, aufschreiben und es so zu meinem Werk machen. Aber schon entgleitet mir alles, keinen einzigen Satz kann ich mehr erinnern, nicht einmal den Titel weiß ich noch ganz. Nur seine - poetisch schöne - zweite Hälfte ist noch da. - Am Morgen weiß ich auch sie nicht mehr.


09.08.06

Eine Wolke, die alles Fleisch verloren hat. Geblieben ist nur das weißschim- mernde Gerippe.


10.08.06

Tischlein, streck dich, daß alle Platz finden an dir, die Lebenden, die Toten, und dann, Tischlein, deck dich!


11.08.06

Er starrt so sehr auf das schreckliche Detail, daß das erschreckende Muster seiner Wahrnehmung ganz entgeht.


12.08.06

Wie klein sie war, und jetzt wächst und wächst sie, in seinen Tag und in seine Nacht hinein. Nichts von Bedeutung, sagt er sich. Eine Wucherung weiblichen Fleisches, wie schon so oft gehabt, winkt er mit der Haltung eines Menschen, den nicht mehr viel erschüttern kann, ab, ahnt aber, daß das wenig nützt, sich die Sache so nicht erledigen läßt.


13.08.06

Einer möchte sich wie ein Vogel von seinem Schatten lösen. Einer möchte den Namen wie eine zu eng gewordene Haut abstreifen. Einer möchte in den war- men Bauch des Todes kriechen. Einer möchte sich ab ovo neu erzählen.


14.08.06

Medizin oder Metaphysik, Mediphysik oder Metazin: was heilt den wunden Blick?


15.08.06

»Ich bin eine zerbrochene Puppe, mit Augen, die ins Innere gefallen sind.«
Dieses Wort eines Geisteskranken wiegt schwerer als die Gesamtheit aller Bücher über Introspektion.
E.M. Cioran (deutsch von Kurt Leonhard)


16.08.06

Ein Ozean voller in den Wellen treibender Flaschen und in jeder ein Brief, eine Botschaft.


17.08.06

Das dinghaft Undurchdringliche der Pflanzen. Sie scheinen sich zu bewegen, werden aber nur vom Wind bewegt. Ihre wirklichen Bewegungen sind für unse- re Wahrnehmung viel zu langsam. Erst der Zeitraffer erschließt sie uns. In ihm rücken sie uns näher, erscheint ihre Seinsweise von unserer nicht mehr so verschieden.


18.08.06

Diese Maske, wie schnell sie gealtert ist, viel schneller als das Gesicht, das sie verbirgt, und trotzdem weigert er sich, sie abzunehmen.


19.08.06

Aerogramm


20.08.06

Ich schnallte mir einen Rollschuh an den linken Fuß, um nach Hause zu rollen, wie die andern, aber die holte ich nicht mehr ein. Ich nahm auch den falschen Weg, fand mich bald auf einer Straße wieder, die mich, statt mich ihnen näher zu bringen, immer weiter von ihnen entfernte, die sich seltsam wand und mehr und mehr verengte, bis sie schließlich ganz verschwand und ich durch die leere Luft sauste, auf ausladende Kübelpflanzen zu: ich drohte in der floristischen Abteilung eines Kaufhauses zu bruchlanden. Im letzten Augenblick nur gelang es mir, nach oben abzudrehen. Ein Verkäufer, der dies Manöver beobachtet hatte, rief mir nach, ich solle nicht hoffen, daß ich entkommen könne, ich werde schon bald an die Decke stoßen. Und er hatte recht: die ganze Welt hatte sich, schien es, in eine große Hallenarchitektur verwandelt. Nun flog ich knapp unter der Decke, auf der Suche nach einem Ausgang, gelangte aber nur in eine zweite Halle und endlich in einen niedrigeren, kleineren, von Rohrleitungen durchzogenen Raum. Hier, schien mir, endete die Welt, und nun las ich es auch. In plakathaft großer Schrift stand da: »Offizielles Ende der Welt«.


21.08.06

Wird der Brief rechtzeitig ankommen? Ankommen, bevor die Tinte verblaßt ist?


22.08.06

Die Farben der Dichter
Cento
.
Das Dunkel schmolz,
die Farben der Dichter,
zu Schmerz und Lust
zugleich erweckt,
füllten das Zimmer.
So zerfloß meine Nacht
im Traum der Wirklichkeit.

Hans Arp, Rose Ausländer, Clemens Brentano, Henri Michaux, Novalis, Bruno Schulz


23.08.06

Die beinah schon unsichtbar Gewordene, sein Blick zieht sie wieder ganz in die Sichtbarkeit zurück. (Aber will sie diese Sichtbarkeit noch?)


24.08.06

Ein Täuberich bringt ein Päckchen, so klein, daß hundert von seiner Art Platz in einer Streichholzschachtel hätten. In ihm, noch einmal verpackt und zwischen Füllmaterial, das ich mit der Pinzette wegnehme, sorgsam gebettet, das Nano- werkzeug für die Nanohände. Nun können sie also mit der Arbeit beginnen.


25.08.06

Die Phantasie ist ein helles Glas, das den dunklen Körper der Erfahrung braucht, um abzuspiegeln.
Jean Paul


26.08.06

Wasser, Wasser, Wasser ... Ach, wenn man sich, denkt er, durchsichtig trinken könnte!


27.08.06

Die abgelegeneren Regionen der Schönheit. Das einsiedlerhaft einsame Le- ben, das man dort führt.


28.08.06

Wie seltsam diese Frau aussieht mit ihren kleinen, fast winzig zu nennenden schlitzhaft schmalen Augen und dem langgezogenen Gesicht, unter dem die Jochbeine zu fehlen scheinen. Mit großer Selbstverständlichkeit erzählt sie vor der Kamera von ihren grausamen Vorlieben. So sagt sie, daß sie den Geruch verbrannten Menschenfleisches besonders möge. Ihr scheint das Monströse solcher Neigungen überhaupt nicht bewußt zu sein, wie auch, was mich beinah noch mehr wundert, ihre so sehr von der Norm abweichende Erscheinung für sie kein Problem darzustellen scheint.


29.08.06

Auf einem Birkenstamm: zwei, drei, vier, fünf Augen - aber keins erwidert meinen Blick.


30.08.06

Kein einziges Bild, nicht das winzigste Bruchstück seiner Handlung ist mir von dem Traum geblieben, nur dieser eine Satz, die Aufforderung: Suchen Sie kleine Ereignisse auf, meiden Sie große!


31.08.06

Er bringt sein Eis durch jeden Sommer, aber mit was für einem Energieauf- wand!


01.09.06

Befreit, endlich befreit von der so schwer zu ertragenden Freiheit. Dankbar küßt er die Hand, die ihn in die so lang entbehrten Fesseln gelegt hat und die sie nun fester zurrt, so fest, daß ihn ein süßer, seliger Schmerz durchzuckt.


02.09.06

Eine Fliege, die immer wieder gegen die Fensterscheibe anfliegt, diese un- faßbare Verdichtung der Luft, die einfach nicht verschwinden will. Wieviel Bewußtsein setzt die Empfindung des Grauens voraus (und wieviel Bewußt- sein braucht es, um sie wieder aufzulösen)?


03.09.06

Dann erhob sich mit einer leichten Handbewegung die Zartheit und alle Ex- plosionen schwiegen.
Elias Canetti


04.09.06

Klebebilder, Stealomatics, Gedichte in Versen und in Prosa in der Tradition der Centopoesie und in der Nachbarschaft der romantischen Sympoesie. Sympoesie, könnte man sagen, hinter den Rücken der Autoren: Sätze, Satz- fragmente, Bilder, Bildteile reagieren aufeinander, verbinden sich zu Neuem, generieren so neuen poetischen Sinn.
Sind dies meine Gedichte, wie die andern? Es findet in ihnen eine wohl nur halb zu verstehende Verwandlung von Fremdem in Eigenes statt, wie dann, wenn ich einen gekauften Gegenstand nach Hause trage und ihn Teil einer Wohnungseinrichtung werden lasse, die aus lauter Gegenständen besteht, die sich auch anderswo finden, in dieser besonderen Zusammenstellung aber nur bei mir.
Manchmal lese ich im Traum poetische Texte, die mich verzaubern, aber am Morgen ist nichts mehr von ihnen da. Auch wenn ich - im Wissen, daß ich träume - versuche, sie mir einzuprägen, es will mir einfach nicht gelingen. Ein paar dieser Centogedichte kommen, so scheint es mir wenigstens, diesen Traumtexten seltsam nah.


05.09.06

Mein rauher Erkältungsbaß. Wenn ich morgens mit ihm aufwache, ist immer die Lust da, mit ihm zu spielen, seine Möglichkeiten zu erkunden. Und wenn er einmal bliebe? Ein spielerischer Umgang mit ihm wäre dann nicht mehr
mög- lich. Zwänge er mich nicht, mich neu zu definieren?


06.09.06

Das Wechselspiel von Konzentration und Zerstreutheit im schöpferischen
Pro- zeß.


07.09.06

Das Wunder war für ihre Netze zu klein. Es entwischte ihnen wieder und
wie- der.


08.09.06

(Diese eigentümliche Verbindung von großer Genauigkeit und
Unbestimmtheit in den Sekundenträumen.) Was war das für Wäsche? Gehörte sie mir? Waren das meine Hände? Was taten sie? Nahmen sie ein Wäschestück von einem Stapel? Um seine Qualität zu prüfen? Dünne, helle Sommerkleidung, scheint mir, war das, der Stoff so leicht, daß er jede Bewegung der Luft aufnahm. Nein, das ist zu kausal gedacht. Wie sich der Stoff bauschte und flatterte, das war ganz unwirklich und, vielleicht wegen dieser Unwirklichkeit, seltsam schön. Dann waren da plötzlich, wie in Nahaufnahme, zwei Knöpfe, nebeneinander, hell wie der Stoff, und diese Knöpfe begannen zu blinken wie in die Sonne gehaltenes blankes Metall. 


09.09.06

Nachtstück


10.09.06

Er trägt den Tagmond im Wappen, den wolkenweißen, wolkenleichten
Tag- mond.


11.09.06

Da ist ein dunkler Berg, unter uns Schlafenden, und er wächst mit jedem Atemzug, den wir machen.
Da öffnet sich etwas, unvermutet, ein Raum, von dem ich nicht wußte, eine schmale Treppe führt in seine Helle hinunter.


12.09.06

Nein, ich fliege nicht, ich schwimme in der Luft, vielleicht zwei Meter über dem Boden, mit den ausgreifenden Arm- und Beinbewegungen des
Brustschwim- mens, wie ich sie als Kind gelernt habe. Mit ruhigen Zügen - eigentlich müßte ich mich beeilen, die Pause ist vorbei - schwimme ich zur Schule zurück. Ganz unvermittelt ist die Abenddämmerung da. Soldaten kreuzen meinen Weg, ein Trupp Infanterie auf dem Weg zur Kaserne. Ich halte ein, um sie vorbeizulas- sen, stelle mir vor, daß sie meine Luftschwimmerei beeindrucken müßte, aber sie nehmen mich überhaupt nicht zur Kenntnis, nicht einer dreht den Kopf. Weil sie zu stumpf, zu müde sind? Oder sehen sie mich wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht?


13.09.06

Ich würde gern eine Sammlung von Kürzestgeschichten herausgeben, von Erzählungen, die nur aus einem einzigen Satz bestehen oder gar, wenn das möglich ist, nur aus einer einzigen Zeile.
Italo Calvino  (deutsch von Burkhart Kroeber)


14.09.06

Eine Imago, die von Verwandlung träumt, Rückverwandlung in die Larve, die sie einmal war und die sich traumlos durchs Leben fraß.


15.09.06

Es gibt keine Bringschuld des Autors dem Leser gegenüber, sondern nur eine des Textes: dem Leser und dem Autor gegenüber.


16.09.06

Ich bin im Haus meiner Eltern, gehe in den Keller hinunter. Wie warm es dort ist, offenbar hat jemand alle Heizkörper aufgedreht. Durch ein Kellerfenster einen Blick in den Garten werfend, sehe ich, er ist - so früh schon? - winterlich weiß. Ich steige wieder ins Erdgeschoß hoch, da folgt mir eine dunkle Gestalt. Auf dem Flur lasse ich sie vorbei und sehe, daß sie eine Kutte trägt, der Kopf ist unter einer Kapuze verborgen. Ich spreche sie auf den sinnlos überheizten Keller an, aber sie gibt keine Antwort. Sie geht in die Küche, und ich folge ihr. Ist das ein Geist oder doch ein Mensch aus Fleisch und Blut? Wie die Kapuzengestalt am Kühlschrank stehenbleibt, lege ich von hinten die Arme um sie und fühle, in der Kutte steckt ein menschlicher Körper. Die Gestalt setzt sich wieder in Bewegung, und ich folge ihr erneut. Ich möchte wissen, ob sie ein Mann oder eine Frau ist: wieder von hinten um sie greifend, ertaste ich zwei kleine Brüste. Also eine Frau? Ich bin mir nicht sicher. Diese körperliche Annäherung war zuviel, die Gestalt versucht, die Flucht zu ergreifen, ich setze ihr auf der Stelle nach. Wir laufen durch alle Zimmer, einmal, zweimal, dreimal, immer im Kreis herum. Ich wache auf, frage mich, wer die Gestalt war, und denke: der Tod. Und gleich laufen wir wieder im Kreis herum, ich dem seltsamen Wesen immer dicht auf den Fersen, dabei werden wir schneller und schneller. Endlich kommt es zum Unfall, und alles wird - das ist das Ende - weiß.


17.09.06

Zur Stunde der blauen Lider
Cento
.
Zur Stunde der blauen Lider: die Luft ist ruhig, voller Schlaf. Bilder fallen langsam und schweigend wie Schnee.
Die Insel der Wohlgerüche, der Liebeswald im warmen Hauch des Abends, die Verzückungen und die Verschlingungen.
Die Wohnung der Träume im Haus des Mondes: alle Türen gleichen sich. Ich öffne die erste, ich öffne die zweite.
Die weiße Nacht und die weißen Gestalten, die bis in den Himmel reichende gläserne Treppe.

Louis Aragon, Miguel Angel Asturias, André Breton, William S. Burroughs,
Max Ernst, Alfred Jarry, Henri Michaux, Pierre Reverdy, Georg Trakl,
Tomas Tranströmer


18.09.06

Nein, nicht sie, sondern das heraldische Rot ihres Halstuchs hatte zu ihm
her- übergelächelt. Das hatte er dummerweise verwechselt, und es sollte in seinem Umgang mit ihr bei diesem einen Irrtum nicht bleiben.


19.09.06

Ein Mysterienspiel, bei dem der Teufel im Souffleurkasten Platz genommen hat.


20.09.06

Die unters Essen gemischten Steine - er schluckt sie, damit sie nicht auf dem Teller bleiben: als seine Schande.


21.09.06

Was war das? Eine Explosion? Plötzlich klafft ein Loch in der Schräge über meinem Bett, Staub weht herein. Entsetzt fahre ich zurück, knipse das Licht an. Die Schräge ist intakt.
Etwas - ich kann nicht sagen, was es ist, aber es macht mir angst - schwebt über meinem Bett, genau dort, wo eben das Loch war. Langsam bewegt es sich zum Kopfende hin. Ich mache Licht, da ist es weg.
Ich studiere das Modell eines geflügelten Menschen, lese einen Aufsatz mit wissenschaftlichem Anspruch, in dem die Vereinbarkeit des Fliegens mit dem Körperbau des Menschen dargelegt wird. Allein die Flügel fehlen noch.
Von dem Aufsatz angeregt, male ich mir aus, wie das Fliegen aus eigener Kraft das Leben der Menschen verändern wird, aber ich - das tut mir weh - werde diese Veränderungen nicht mehr kennenlernen. Ich bin zu früh geboren, vor dem entscheidenden Evolutionsschritt.


22.09.06

Auch bei dem Schreiben muß man sich nirgends anzukommen vorsetzen.
Jean Paul



Herbst 2006

23.09.06

Die wie ein Chagrinleder schrumpfende Decke - und sie war ihm doch immer schon zu kurz.


24.09.06

Sie hat die Einladung angenommen, wie er glaubt sich einbilden zu dürfen, nicht nur aus Neugier auf die männlichen Kochkünste. Nun stellt sich die Frage nach der weiteren Gestaltung des Abends. Wie soll er sich ihr darstellen, was preisgeben von sich? Soll er ihr beispielsweise seine Steinesammlung
zei- gen? Oder statt ihrer die mit fast noch mehr Liebe zusammengetragene Wolkensammlung? Oder beide, erst die Steine-, dann die Wolkensammlung, mit den Steinen gewissermaßen den Boden bereitend für die Wolken? Und weiter? Was ist mit seiner Sammlung rarer Komposita? Was mit den Traum- topographien?


25.09.06

Bilder als Zeitakkumulatoren. Bei jedem Anschauen wird etwas von der in ihnen gespeicherten Zeit freigesetzt, an den Betrachter abgegeben. (Aber laden sie sich nicht auch wieder auf? Wenn niemandes Blick auf sie gerichtet ist?)


26.09.06

Ein Satz, der sich wie die Melodie eines am Morgen gehörten Lieds im Kopf festgesetzt hat. Und nichts will sich mit ihm verbinden, nichts aus ihm
ent- stehen.


27.09.06

Er fühlt sich selbst, wie man einen entzündeten Nerv fühlt (der den Schmerz, den er nur leiten sollte, selber hervorbringt).


28.09.06

Die Luft war voller welker Blätter. Sie ließen erkennen, wie stark der Wind war, gegen den der Mann ankämpfte, anstrampelte. Nein, daß er strampelte, kann ich nicht sagen. Saß er denn überhaupt auf einem Fahrrad oder nicht doch eher auf einem Mofa oder einem Moped? Es ging so schnell, wieder so schnell, war nach ein paar Sekunden schon wieder vorbei. Wer war dieser Mann, wo wollte, wo mußte er hin?


29.09.06

Will er denn ewig nur vor dem Spiegel zaubern? Irgendwann wird er doch die Anstrengung unternehmen müssen, ein Publikum zu gewinnen zu suchen.


30.09.06

Durch die Nacht des Schlafes fliegen schimmernde Insekten von Gedanken und Träumen.
Jean Paul


01.10.06

Erst radelte ich, dann schwamm ich, denn die Straße war zur Wasserstraße geworden. Bald war auch kein Rad mehr da, meine Beine also frei, und ich legte mich, der Arbeit der Arme nun die Beinarbeit hinzufügend, lang ins Wasser. Es waren noch andere Schwimmer da, sie alle schwammen in
die- selbe Richtung wie ich. Der Weg, der noch vor mir lag, war lang, und ich fragte mich, ob meine Kräfte für ihn reichen würden.


02.10.06

Wenn die unfaßbare Größe des Universums, die unschätzbar große Zahl der dem Leben günstigen Orte in ihm dem Durchspielen von Möglichkeiten diente? Was spräche dann gegen die Annahme von Welten, in denen kein Lebewesen töten muß, gegen komplexe Ökosysteme ohne Jäger und Gejagte, was gegen die Annahme von Welten, die vom Tod überhaupt nichts wissen, gegen sich zu höchster Komplexität entwickelnde Lebenformen, die ihn als zu zahlenden Preis nicht kennen? (Aber neben den besseren Welten könnte es auch solche geben, die reine Höllen sind.)


03.10.06

Die Verwandlung, von der er träumt, bräuchte, das ist seine in vielen Jahren gewachsene Überzeugung, nicht mehr als einen Tag, wäre er, aber eben das will ihm einfach nicht gelingen, diesen einen Tag ganz bei der Sache.


04.10.06

In der Dämmerzone


05.10.06

Es ist Mittag, kurz vor zwölf. Wir haben Besuch, und es soll noch weiterer kommen. Im Eßzimmer ist aber nur für drei Personen gedeckt: für die, die jetzt schon Hunger haben. Ich gehöre nicht dazu, habe meiner Mutter gesagt, daß ich später essen möchte. Darum gehe ich wieder auf mein Zimmer. Dort sehe ich bei einem Blick aus dem Fenster, daß draußen, als wäre nicht Mittag, sondern Mitternacht, Dunkelheit herrscht. Noch nie habe ich, der Anblick ist überwältigend, so viele Sterne am Himmel gesehen. Sie haben sich zu ganz neuen Konstellationen verbunden und am Horizont über dem Wald zu einem großen hellen Haufen zusammengefunden. Ich gehe ins Nebenzimmer, um auch da aus dem Fenster zu schauen, und sehe, daß gerade neuer Besuch kommt. Aus dem Auto steigend, blickt er zu mir hoch.


06.10.06

Eine Grenze, die sich wie der Horizont mit einem bewegt, die man wie ihn immer vor sich herschiebt, aber anders als er liegt sie nicht in der blauen Ferne, sondern einen halben Schritt vor einem.


07.10.06

Die Tropfenbraille am Fenster. Aber wer kann sie lesen? Die dicken
dummen Finger des Herbstwinds gehn acht- und fühllos über sie hin.


08.10.06

Ungerechte Träume. Ungerecht immer denselben Menschen gegenüber, die sie so verzerrt darstellen, daß nichts Liebenswertes mehr an ihnen ist. Man erwacht mit einem Gefühl der Scham.


09.10.06

Eine Welt, in der alles von wolkenhafter Wandelbarkeit, alles unaufhörlich in Bewegung, in Veränderung begriffen ist, in der sich nichts auch nur für zwei Augenblicke gleichbleibt und in der die Beständigkeit ein großes, von allen bestauntes Wunder wäre.


10.10.06

Jedes Werk ist eine Vergewaltigung, durch seine bloße Masse. Man muß auch andere und reinere Mittel finden sich auszudrücken.
Elias Canetti


11.10.06

Etwas wächst in ihm und etwas verkümmert. Weil das eine dem andern Nährstoffe entzieht? Weil kein Platz für doppeltes Wachstum ist? Er verbirgt das Verkümmernde hinter der Pracht des Wachsenden.


12.10.06

Was sind das für Türme? Woher ragen sie in mein Sehfeld? Und ihre Spitzen wie von flüssigem Metall, wohin weisen sie?


13.10.06

Ein Kontinent, den zu entdecken nur Aussicht hat, wer das Suchen völlig aufgegeben hat (nachdem er unentwegt gesucht hat).


14.10.06

Ein Tag beginnt


15.10.06

Seine ganze Lebenszuversicht gründete sich auf die Verwechslung des Vorstellbaren mit dem Möglichen.
 

16.10.06

Dieser Mann, warum trug er eine Maske? Und die andern dort am Ausgang? Diese Frau zum Beispiel? Das war doch eine Frau?
Wie dunkel der Himmel: was braute sich da zusammen? Wohin rettete ich mich, wenn das Unwetter losbrach? In ein Kaufhaus?
Was tat ich hier am Wasser? Konnte man sich hier unterstellen? Wie kam ich auf die andere Seite? War hier denn keine Brücke?


17.10.06

Ich saß in einem Traum mit mehreren Jugendlichen zusammen, Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen (wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, war ich im gleichen Alter), sah von der Seite, wie der zu meiner Linken sich bewegte, und wußte plötzlich (in einer Art empathischen Erleuchtung), daß er seinen Körper, sein Lebendigsein genauso fühlte wie ich meinen Körper und mein Lebendigsein, daß da nicht der geringste Unterschied war, und diese Erkenntnis war ein Schock für mich und hatte etwas Niederdrückendes, das ich noch spürte, als ich schon eine Weile wach lag. Das Gefühl der Sterblichkeit war da, bedrängte mich heftig, doch dies Gefühl betraf, wie mir scheint, nicht den Körper, sondern allein mein Ich: das Ich, das sich über Unterschiede definiert, das sich immer
abzugrenzen sucht und dem diese Selbstabgrenzung plötzlich nicht mehr ge- lingen sollte, das Ich, diese fragile Konstruktion, diese Als-ob-Figur, die nun gewissermaßen einen Blick hinter die eigenen Kulissen geworfen hatte.


18.10.06

In den immer verstopfteren Zeiten, die uns erwarten, muß die Literatur auf maximale Verdichtung der Poesie und des Denkens zielen.
Italo Calvino (deutsch von Burkhart Kroeber)


19.10.06

Können ein Gewinner und ein Verlierer zum selben Gott beten? (Ich verstehe die Frage nicht, sagt einer. Weil er zu den Gewinnern gehört?)


20.10.06

In einem Traum las und hörte ich eine Reihe von Gedichten, einige von ihnen waren gereimt. Am besten gefiel mir aber ein prosanahes ungereimtes
Ge- dicht von einem jungen Autor, von dem ich vorher Verse im Radio gehört hatte. In diesem Gedicht erzählte er, wie er bei einer Bergwanderung an einer in einiger Entfernung sich erhebenden Felswand einen kletternden halbnackten Greis entdeckte, dieser aber, als er ein zweites Mal hinsah, nicht mehr da war. Das Gedicht, und dies sprach mich besonders an, ließ offen, ob der Mann verschwunden war oder ob es ihn überhaupt nicht gegeben, der Erzähler eine Sinnestäuschung gehabt hatte.


21.10.06

Statt des ungeduldig erwarteten Briefs war Werbung gekommen, von einer Firma für Künstlerbedarf wohl. Aus dem Umschlag schüttete ich Farbtuben, die nicht größer waren als der Nagel des kleinen Fingers und winzige Proben enthielten, andere Künstlermaterialien in miniaturisierter Form und ganz kleine Blüten. Ein paar erst, aber dann waren es so viele, daß wir ein Bild aus ihnen legten, eine stark stilisierte menschliche Gestalt - mir fielen die Sandmalereien der Navajos ein. Dummerweise versäumten wir es, vor seiner Zerstörung ein Foto von dem Bild zu machen.
Wir gingen zum Bahnhof, und als wir auf einer Uhr sahen, wie spät es war, liefen wir - ich auf einem Bein, weshalb ich der Letzte, der Langsamste war. Der Zug fuhr in fünf Minuten, das würden wir, dachte ich, auf jeden Fall schaffen, allerdings mußten wir noch Fahrkarten ziehen. Statt ihrer gab es Särge, für jeden einen. Ich hatte Sauce von einem Tiefkühlgericht dabei, die ich - wofür, kann ich nicht sagen - brauchen würde. Es war allerdings viel zu viel, was mir ein wenig peinlich war. Die Packung fiel mir in dem kleinen Raum, aus dem wir die Särge holten, aus der Hand, auf den feuchten Boden. War nun Leichengift an die Sauce gekommen? Trotz eines heftigen Ekelgefühls hob ich die Packung wieder auf.


22.10.06

Zwillingsbeuge und Schwarzmond (und ein solitäres Mayröcker-So).
Und so wird's gemacht, sagt, den Zeigefinger hebend, der spätmoderne
Zau- berlehrling, überlegt es sich dann aber anders und verfügt sich zu einer Rasur à la Michaux ins Bad.


23.10.06

Sie schweigen in verschiedenen Sprachen, und der eine versteht die des anderen nicht.


24.10.06

Ach, der Arme! So groß geworden und die Hände so grob. Was kann ihm da noch gelingen? Nur noch zum Denkmal taugt er.


25.10.06

Treppe? Verdient so etwas die Bezeichnung Treppe? Eine Absurdität, denke ich, eine aberwitzige Parodie, wie unter dem Einfluß einer halluzinogenen Droge entworfen, sie zu benutzen ein halsbrecherischer Akt. Aber ich benutze sie, jeden Tag, es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Sie ist meine
Verbin- dung zur Welt.


26.10.06

Versteinert
Cento
.
Es schweigt
der versteinerte Mund,
versteinert von Prosa
und Alltäglichkeit.
Tot sind die Engel,
ein Vogel verlacht
den roten Horizont.

Paul Celan, Alfred Jarry, Christine Lavant, Bruno Schulz, Georg Trakl


27.10.06

Läßt sich noch etwas sagen über den Herbst, das nicht verbraucht klingt?
Aber wenn sich das Laub verfärbt, sich das allzu dominante Grün mit Gelb-, Ocker- und Rottönen zu durchsetzen beginnt, ist das für die Augen nie ein müdes Wiederholungsprogramm. (Nur die Rede von ihr,
nicht aber die der Jahreszeit selbst verbraucht sich.)
Mir scheint, daß es zwei Arten von Schönheit gibt: Schönheit, die wirbt, und Schönheit, die dies nicht tut, die keine Zwecke verfolgt. Die Schönheit des sich verfärbenden Laubs gehört in die zweite Kategorie. (Ein Grund mehr, den Herbst zu lieben.)


28.10.06

Ein Tier hat sprechen gelernt, aber es macht von diesem neu erworbenen Vermögen nur Gebrauch, wenn es unter Menschen ist, bedient sich der Sprache bloß, um sich mit ihnen zu verständigen. Wieder allein, verstummt es auf der Stelle, auch in ihm spricht dann nichts mehr. Es kehrt wieder ein in einen geistigen Raum, in dem es der Sprache nicht bedarf, ja, in dem diese ein Störfaktor wäre. In gewisser Weise läßt es sich zum Sprechen herab.


29.10.06

Ich schaue in den Spiegel, aber das Gesicht, das sich mir in ihm
entgegen- hebt, ähnelt meinem kaum, eher schon, obwohl es bartlos ist, dem Paul Ver- laines, aber das denke ich erst nach dem Aufwachen. Die Augen sind wie bei einem Toten geschlossen, und es fehlt jedes Mienenspiel. Trotz der irritie- renden Fremdartigkeit der Züge zweifle ich nicht daran, daß ich das bin, und stelle mir vor, daß ich so, wie mich der Spiegel zeigt, aufgebahrt liege, aus- geliefert den Blicken derer, die mich überlebt haben.


30.10.06

Das Urteil: Wir bewegen uns unter und auf Porzellan, nirgends dürfen wir
an- stoßen. So vorsichtig sei unser Urteil.
Peter Hille


31.10.06

Das polychrome, in allen Farben leuchtende Labyrinth, sein reinweißer Mittel- punkt.


01.11.06

Menschen, denen der Schnappschuß am angemessensten ist. Menschen, die jede Belichtungszeit, die unter der der Daguerreotypien liegt, verfehlt.


02.11.06

Fraktale Etüde


03.11.06

Ich bin im Haus meiner Eltern: die sitzen nebeneinander am Eßtisch. Ich weiß, daß sie beide tot sind, und doch sitzen sie da, und ich rede mit ihnen. Ich frage mich, ob meine Schwester, die mir aufgemacht hat, das Seltsame ihrer An- wesenheit auch empfindet. Als ich mit ihr allein bin, sagt sie, wie sehr es sie freue, daß »alle drei« wieder da seien. Irritiert frage ich, wer denn der dritte sei, und erfahre, daß ich das bin. Ich bin also auch tot, ein Wiedergänger, wie meine Eltern, und weiß doch nichts davon. Wie bin ich gestorben? Ich erinnere mich überhaupt nicht und frage darum meine Schwester. Ihrer etwas wirren Erzählung glaube ich entnehmen zu können, daß ich erfroren bin.


04.11.06

Einer läßt sich von einem Menschen betrügen, den er vollkommen durch- schaut. Dies läßt er sich allerdings nicht im geringsten anmerken, gibt sich vielmehr völlig arglos. So spielen beide, der Betrüger wie der Betrogene, und dieser zahlt für das Vergnügen, das ihm dieses Spiel der Täuschungen berei- tet.


05.11.06

Ein Mensch, der nur schön ist, ohne alle Individualität: er könnte, ohne sich zu maskieren, jedes Verbrechen begehen - niemand wäre in der Lage, ihn zu beschreiben, denn seine Züge prägen sich nicht ein.


06.11.06

Einer, der das Große nur um des in ihm zu entdeckenden Kleinen willen auf- sucht (der als groß auch nur erkennt, was vieles Kleines enthält).


07.11.06

Nein, mit Windmühlen hat er nie gekämpft. Eher ist er einer, der
sein Getreide zum Mahlen zu Menschen fressenden Riesen bringt.


08.11.06

Nach einem bösen Traum sieht man, welchen Stoff zu einer Hölle ein bloßes Gehirn in sich aufbewahrt.
Jean Paul


09.11.06

Ein Pfad, der nirgends hinführt, sinnlos offengehalten von den beiden Füßen, die ihn vor langer Zeit getreten haben.


10.11.06

Im blinden Fleck deiner Selbstwahrnehmung - was wächst, was wuchert dort?


11.11.06

Ich hatte die Fähigkeit entwickelt, mentale Bilder auf die Festplatte meines Notebooks zu bannen, oder entdeckte plötzlich, daß ich sie besaß, vielleicht immer schon besessen hatte. Die Sequenz aus digitalen Bildern, die ich mit- tels dieser Fähigkeit herstellte, war von einem Film, den ich gerade gesehen hatte, angeregt, einem Film, dessen Poesie und choreographische Raffinesse mich begeistert hatten. Ich fragte mich, ob ich, wenn ich die Bilder ausstellte, die Regisseurin des Films nennen sollte, zum Beispiel durch den Titelzusatz Nach Rebecca Horn.


12.11.06

Ein Zauberer zieht einen Zauberer aus dem Zylinder. Der greift in den seinen und zieht gleichfalls einen Zauberer heraus.


13.11.06

Er hat seine Zukunft wie ein Werkstück in Arbeit. Wenn sie fertig ist, soll sie Gegenwart werden, aber sie will ihm einfach nicht zu seiner Zufriedenheit gelingen.


14.11.06

La promesse du bonheur, das Versprechen des Glücks ... (in östlicher
Rich- tung fortzusetzen)
Ihre helle Schönheit und seine schattenreiche Rede - sie werden nicht zuein- anderfinden.


15.11.06

Der Herbst, der der Erde die Blätter wieder zuzählt, die sie dem Sommer geliehen hat.
Georg Christoph Lichtenberg


16.11.06

Wir gingen durch eine breite vergoldete Toröffnung und dann abwärts, in den Bauch der Erde hinein. Was erwartete uns dort? Barocke Schätze? Nein, Bilder aus der Zeit um Neunzehnhundert, von einem Künstler gemalt, den ich eigentlich nicht mag, aber diese Gemälde gefielen mir. Sie hingen dort an den weißen Wänden, aber dann waren sie auch in einem Buch, das ich in den Händen hielt, und ihre Betrachtung war von einem aus dem Nirgendwo kom- menden Kommentar begleitet. Von jedem Bild existierten zwei Fassungen, und der Kommentar lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Unterschiede zwischen diesen. So gab es auf einem Bild, das eine Hochzeitsgesellschaft zeigte, einen Mann von vielleicht vierzig Jahren mit langen dunklen Haaren - ein unverheirateter Verwandter, wie ich erfuhr -, und in der zweiten Fassung stand neben ihm ein Knochenmann.


17.11.06

Der Körper, den man fühlt, unterscheidet sich von dem Körper, den einem der Spiegel zeigt, so sehr wie eine Infrarotaufnahme von einer gewöhnlichen
Foto- grafie.


18.11.06

Er ist wieder da, zurückgekehrt in die Sichtbarkeit. Er ist wieder da,
zurück- gekehrt in die Tage, die im Kalender stehn.
Ich bin, sagt er. Ich bin. Ich auch, sagt der Schmerz.


19.11.06

Wenn mehr Geist in unseren Irrtümern als in unseren Erkenntnissen steckte?


20.11.06

Für eine Sekunde oder zwei, während er eintretend die Tür hinter sich schloß, war er sie. Ihn durchfuhr ein heftiger Schreck: alle, schien ihm, mußten diese Verwandlung, die ihn verriet, bemerkt haben. Aber das war natürlich Unsinn. Niemand hatte etwas bemerkt, sie selbst am allerwenigsten. In ihre Arbeit vertieft, hatte sie nicht einmal den Blick gehoben.


21.11.06

Unhörbar
Cento
.
Der Garten der Träumer:
weiße Wege
unterm silbernen Mond,
unhörbar atmet die Luft.
Während ich dich träume,
setzen Tote sich zu mir,
rund um mich schlafen Vögel.

Miguel Angel Asturias, Rose Ausländer, Paul Celan, Günter Eich,
Gunnar Ekelöf


22.11.06

Errechnete Zukunft. - Ein Mausklick bringt dich zu dem Alten, der du sein wirst, zu dem Gesicht, das ihm der Spiegel zeigen wird, zu seiner Einsamkeit und seiner Atemnot. (Aber etwas fehlt. Nur was? Der Link zu seinem
Seelenheil?)


23.11.06

Wie wenig er preisgibt von sich, wie wenig er sehen läßt. Er ist wie ein Bungalow mit zwanzig Untergeschossen.


24.11.06

Die Kunst ist der Schamhaftigkeit ähnlich. Sie kann die Dinge nicht direkt
aus- sprechen.
Albert Camus (deutsch von Guido G. Meister)


25.11.06

Nach einer schlechten Nacht durch die vollen Straßen laufen, in Müdigkeit wie in einen weichen, wattierten Mantel gehüllt, einen Mantel, der aber zugleich auch alt und abgetragen ist, der aussieht, als laufe man seit Ewigkeiten in ihm herum.­ Man zieht Blicke auf sich, aber das berührt einen nicht.


26.11.06

Dieser Raum: leerer als leer - die Phantasie hat ihre Phantome abberufen. Was kann diese Leere füllen?


27.11.06

Ein Vielsprachiger, der mit jedem Wechsel in eine andere Sprache ein ande­rer zu werden scheint. Er hat so viele Gesichter, wie er Sprachen spricht.


28.11.06

Vier saßen in dem Kabrio, kräftige junge Männer, und sie fuhren auf den Rasen, wo wir lagen, um uns aufzuscheuchen, um Jagd auf uns zu machen. Dann war der Wagen fort, doch sie blieben, waren nun noch mehr als vier, verbunden zu einer kompakten Masse, die ungefähr noch die Umrisse des Wagens zeigte, einer kompakten Masse aus testosterongesättigter Körper- lichkeit, Unreife und Machtgelüst, und diese Masse machte weiterhin Jagd auf uns, drohte uns zu überrollen.


29.11.06

Ein Haus, dem man auf beide Wangen einen runden Mond gemalt hat. An der Tür ein lippenroter Name. Sie ist nur angelehnt, aber du trittst nicht ein, denn du ahnst, tätest du es, du fändest alle Zimmer leer.




01.12.06

Nur der versteht zu warten, der in das Warten etwas vom Nicht-Warten hin- einnimmt.


02.12.06

Der Traum ist zum Film geworden, und ich bin nicht mehr Akteur, sondern Zu­schauer. Dem Protagonisten des Films soll, scheint es, überirdische
r Bei- stand zuteil werden, denn plötzlich öffnet sich der Himmel, das heißt, von der anderen Seite her wird ein langer Reißverschluß heruntergezogen. Die azur- blaue Zeltbahn teilt sich, und es erscheint, riesig groß, eins dieser allzuschönen Schau­spielergesichter: ein Leinwandheld aus meiner Kindheit.


03.12.06

Er hat nicht die Dinge, er hat nur die Worte. Doch nein, wenn er sie wirklich hätte, so hätte er ja die Dinge auch. Die Worte haben ihn. Die Worte spielen mit seinem Geist, nicht der Geist mit Worten. Zuweilen kommt es vor, daß die Worte durch seinen Mund auch Wahres, sogar Tiefsinniges aussprechen.
Arthur Schnitzler


04.12.06

Er ahnte, welche Verkleidung, welche Maskierung sie wählen würde, doch als sie dann, aus der Dekoration tretend, auf seiner Traumbühne erschien, erkann- te er sie, zu sehr von dem Stück okkupiert, nicht. Erst hinterher kam ihm zum Bewußtsein, daß sie es gewesen war.


05.12.06

Ein strahlender Name, strahlend in radioaktivem Zerfall - mit welcher Halb- wertszeit?


06.12.06

Die Schwierigkeiten, auf die man stößt, versucht man einen Menschen zu zeichnen, den man liebt: er hat zu viele Gesichter. Die, die einem gleichgültig sind, haben nur eins. Sie zu zeichnen, wäre viel leichter, aber es gibt keinen Grund, es zu tun.


07.12.06

In die Enge getrieben, in die Eindeutigkeit, verzweifelt Ausschau haltend nach einer alternativen Lesart.


08.12.06

Eine vierköpfige Familie, arme Bauern aus einer Weltgegend, in der noch Pferde den Pflug ziehn, hing - ich sah es in den Abendnachrichten, aber so, als wäre ich dabei, die trennende Mattscheibe fehlte - überm Küchentisch, auf- geknüpft von Menschen, die irgendeine gerechte Sache dazu ermächtigte, gegen Unschuldige wie sie zu wüten. Die vier hingen da in ganz bizarren, dem Gesetz der Schwerkraft widersprechenden Körperhaltungen, sie schie­nen alle tot zu sein, doch als man die Schlinge vom Hals der Bäuerin löste, schrie sie kurz auf und regte wieder die erstarrten Glieder. Nun kam der Bauer an die Reihe, ich sah ihn in Nahaufnahme, einen Charakterkopf wie aus der Zeit der Wiedertäufer. In dem die Bilder begleitenden Kommentar hieß es, einige der Opfer kehrten ins Leben zurück, doch daß er dazugehörte, konnte ich nicht glauben. Er schien nun wirklich nicht mehr zu leben, hatte sogar schon die spitze Nase der Toten, aber als man die Schlinge aufzog, erwachte auch er wieder.


09.12.06

Ein Labyrinth, dessen Wände mit Gemeinheiten, mit Kränkungen bedeckt sind. Wer hat sie da hingeschmiert? Es besteht der Verdacht, daß es der, der dort umherirrt, war, ja, daß er sich dies tatsächlich selber angetan hat, und mehr noch, daß er sogar die Wände selbst hochgezogen hat. Es besteht der Verdacht. Aber hat, wer Labyrinthe baut, nicht auch Flügel im Repertoire?


10.12.06

Zwei Frauen, zwei Namen. Ich lege diese aneinander und sehe, der Glieder- bau ist der gleiche: Silbe legt sich an Silbe, Konsonant an Konsonant, Vokal an Vokal. Ich sehe die eine Frau im Traum, und es ist zugleich die andere. Ein tiefer Abgrund trennt uns, und wie ich in ihn hinunter­schaue, wächst er noch. Ich stürze in ihn, stürze und stürze, doch plötzlich weiß ich, dies ist nicht wirklich, es kann mir nichts geschehen, und nun schwebe ich.


11.12.06

Beim Dichter erinnert sich das Wort gewissermaßen an seinen wirklichen Sinn, blüht auf, entfaltet sich spontan nach den eigenen Gesetzen und gewinnt seine Integrität wieder.
Bruno Schulz (deutsch von Joseph Hahn)


12.12.06

Lichter Ocker, Rotorange, Alizarinkarmesin - nein, das waren nicht die Farben, aber ihm gefällt die Vorstellung, sie könnten es gewesen sein, die Farben des Hauses, das sie entwarf, mit der Geduld der Begabten, er sah es, als er im Vorbeigehn (warum blieb er nicht stehn?) einen Blick auf ihren Bildschirm warf: in einem solchen Haus würde er gerne wohnen.


13.12.06

Als der Mangel noch nicht meßbar war, sondern nur vage gefühlt wurde, damals, als man einander noch keine Geschichten erzählte.


14.12.06

Ich lese in Jüngers sizilischem Brief: »Er läuft auf dem Kamme der hohen Mauer entlang, die das Wissen begrenzt«. Keine Irritation, ich lese ohne Pause weiter: »und stürzt von ihr, seltsam schmerzlos, in das dichte Gras hinab.« Nun stutze ich. Die Konkretheit des Bildes am Satzende will nicht zu der metaphorischen Mauer passen. Ich lese den Satz noch einmal und sehe nun, es steht dort gar nicht »das Wissen« - »der hohen Mauer entlang, die die Wiesen begrenzt«, hat Jünger geschrieben. Auf dem Kamm seiner Prosa entlanglaufend, bin ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit von ihr gestürzt, so schmerzlos, daß ich es gar nicht gemerkt habe, und bin gelandet, wo er nie einen Fuß hingesetzt hätte.


15.12.06

Die Grauskala ist die kürzeste Verbindung zwischen Schwarz und Weiß. Die schönen Umwege der Farben.


16.12.06

Ein Falter, der vom Nektar der Namen lebt (aber auch er war einmal eine plumpe Raupe).


17.12.06

Was sollte erobert werden? Eine Stadt? Eine Frau? Und liegt dies noch vor uns, oder geschah es bereits? Heute, gestern, vor hundert Jahren? Wie hieß sie denn, die Stadt, die Frau? Ein O liegt uns auf der Zunge und ein A, doch die Konsonanten wollen sich nicht beigesellen. Aber müssen wir den Namen noch wissen? Den Namen der Stadt, den Namen der Frau? Und die der andern, wenn es noch andere gab? Schlafen möchten wir, schlafen und träu- men und nie mehr den warmen Bauch des hölzernen Pferdes verlassen.


18.12.06

Der nicht ausentwickelte Tag, seine Flüsterfarben, sein Vielleicht (gegen das man das fette schwarze Ja der Krähen setzen möchte).


19.12.06

Und wieder sieht er sie in ihrer roten Winterjacke an der Haltestelle stehen, und wieder fällt ihm ein, wie Gurow Anna im Theater wiedersieht, und wieder hebt er die Hand, und sie antwortet mit einem mädchenhaften Lächeln, und wieder fährt er, statt, wie er möchte, wie er sollte, anzuhalten, weiter, und wieder ... Was wieder? Wo ist seine alte Lust an der Variante hin?


20.12.06

Ja er ist der Meister des ganz Kleinen. Aber er will es nicht sein! Sein Charak- ter liebt vielmehr die großen Wände und die verwegene Wandmalerei!
Friedrich Nietzsche


21.12.06

Ein Fenster, in dem weder Tag noch Nacht ist, ein zweimal gefaltetes Blatt Briefpapier. Steht etwas drauf, oder ist es leer?



Winter 2006 / 2007

22.12.06

Statt den Bus zu nehmen, liefen wir. Aber bald schon hatte ich Mühe mitzu- halten, meine Beine waren seltsam kraftlos. Darum begann ich, auf den Hän- den zu laufen: schräg in der Luft liegend, stieß ich mich immer mit beiden zugleich - eine an Känguruhsprünge erinnernde Technik - vom Boden ab, völlig anstrengungslos, es verwunderte mich, wie gut das klappte. An einer Gabelung jedoch gelang es mir nicht abzubiegen, und ich lief in der falschen Richtung weiter. Als ich dann nach den andern Ausschau hielt, sah ich in der nun einbrechenden Dämmerung auf dem Weg, wo sie sein mußten, statt ihrer silhouettenhaft dunkle Pferdewagen, die einem anderen Zeitalter zuzugehören schienen. 


23.12.06

Die Bibliothek des Bücherverächters - wie groß sie ist! Wieviel Jahre könnte man, nur stöbernd und lesend, in ihr zubringen?


24.12.06

Über und über
Cento
.
Die Wohnung des Liebenden,
blau von meerfarbenem Licht,
mit Schriftzeichen
über und über bemalt.

Hugo Ball, Alberto Savinio, Georg Trakl


25.12.06

I’m dreaming of ... Nein, ich träume nicht, ich stelle mir vor, versuche mir vorzustellen: den Schnee, der die Gegend um Herisau weiß gefärbt hat, und den einsamen Spaziergänger, Anstaltsinsasse und verstummter Dichter, der, von einem Herzschlag getroffen, rücklings in ihn fällt und, die rechte Hand auf der Brust, stirbt, in der Helle des frühen Nachmittags, einen ihm wie auf den Leib geschriebenen Tod.


26.12.06

Auch damit können einen Träume vexieren: daß sie einem seine Mutmaßun- gen als Offenbarungen präsentieren.


27.12.06

Ein langer Gang, alle paar Schritte eine Tür. Alle sind sie verschlossen, hinter jeder stirbt ein Gedicht.


28.12.06

Die Freude an meinen Gedanken ist die Freude an meinem eigenen selt- samen Leben. Ist das Lebensfreude?
Ludwig Wittgenstein


29.12.06

Die nicht vorstellbare Andersartigkeit der Dinge, wenn diese unter sich sind. Etwas von ihr scheint sich einem mitzuteilen, wenn nebenan das Telefon läutet und man weiß, der Nachbar, die Nachbarin ist nicht da. Das Läuten klingt dann um eine nicht benennbare Nuance anders.


30.12.06

Wollten wir nicht in den fünften Stock? Warum steigen wir so früh aus dem Fahrstuhl? Für einen Augenblick denke ich, er führt mich in einen Saal, aber dann geht es in einen engen, rot ausgeschlagenen Gang hinein. Die Decke ist so niedrig, daß ich mich bücken muß. Und dabei bleibt es nicht. Bald
kom- men wir nur noch auf allen Vieren weiter, und schließlich kriechen wir. Ich fühle mich immer unbehaglicher, möchte nicht weiter. Hinauf, dachte ich, sollte es gehn, statt dessen schieben wir uns nun tiefer und tiefer in die Eingeweide des Hauses hinein.


31.12.06


01.01.07

Die Raketen halten den Himmel auf Abstand, setzen ihre pagane Pracht
ge- gen sein drohendes Dunkel. Hört etwas auf? Fängt etwas an? Du versuchst es mit Autosuggestion und murmelst, das halb volle, halb leere Glas Sekt in der Hand: Sanctus Januarius - in das krachende Chaos hinein.


02.01.07

Der im Leben für alle Extravaganzen zu Nüchterne, vielleicht auch zu Schüch- terne: in einem weißen Sarg läßt er sich zu Grabe tragen.


03.01.07

Die eigentümliche Freude, die man empfindet, wenn man ein Wort zum ersten Mal in einem Text verwendet. Es muß sich um kein seltenes, schon gar nicht um ein kostbares Wort handeln, sondern kann eines sein, das in alltäglichen
Zusammenhängen unentwegt auftaucht, aber als Schreibender hat man noch nie Gebrauch von ihm gemacht. Es ist wie eine Farbe, die einem bisher auf seiner Palette fehlte, und wie es aussehen kann, als sei ein Bild um einer bestimmten Farbe willen gemalt worden, um sie zu erkunden, sie in einen Dialog mit anderen Farben zu bringen, so hat es nun den Anschein, als sei der ganze Text nur um dieses Wortes willen da, als sei es allein darum gegangen, diesem seinen Auftritt zu verschaffen.


04.01.07
.

Die Sphinx geritten,
den Spiegel durchschritten,
wie ein Hund gelitten.

.

05.01.07

Wenn sich unsere Phantasie ins schlechte Kino verirrt, müßte in uns auch die zu diesem gehörende allzu gefühlige Musik spielen, daß wir uns keiner Illusi­on darüber hingeben könnten, wohin wir geraten sind.


06.01.07

Dies Glück war, scheint es, eine Nummer zu groß für ihn - oder zwei oder drei? Er kennt seine diesbezügliche Konfektionsgröße nicht, und vielleicht ist das sein eigentliches Problem.


07.01.07

Gewisse Bruchstücke von Träumen erhalten sich in unserer Erinnerung wie Gesteine von fremden Planeten in der Erdkrume.
Ernst Jünger


08.01.07

Im Schreiben wird er sich selbst sichtbar, ein wenig wenigstens. Darum meint er, auch den anderen müsse er in seinem Geschriebenen klarer konturiert als sonst entgegentreten, aber ist das wirklich so?


09.01.07

Der Grabstein? Ach ja, der Grabstein. Setzt auf ihn: Er hat Vorschläge ge- macht. Wir haben sie nicht angenommen.


10.01.07

Nachts blutet man aus Wunden, von denen man am Tag nichts weiß (die sich nur von Zeit zu Zeit als vager, kaum lokalisierbarer Schmerz bemerkbar
ma- chen).


11.01.07

Ein Echo, das alles Laute, Geschriene ignoriert: es antwortet nur den leisen Stimmen.


12.01.07

Meine Vorstellung, daß, solange wir da sein werden, die Natur zu keinen schöpferischen Leistungen mehr fähig sein wird. Es werden immer mehr Spezies verschwinden, aber neue werden die sich leerende Bühne des Lebens erst wieder betreten, wenn auch wir abgetreten sind. Wir sind wie der fröhlich-rücksichtslose Nachbar, der mit den dröhnenden Beats, die sein unentwickelter Geschmack liebt, der Polyrhythmen und Mikrointervalle
bevor- zugenden Kreativität des über ihm wohnenden Komponisten den Garaus macht.


13.01.07

Ich laufe in der Luft, aber so knapp über dem Boden, daß man es nicht sieht, und ab und zu berühre ich diesen auch, unnötigerweise - das ärgert mich. Darum schwinge ich mich nun etwas höher hinauf und laufe etwa drei
Hand- breit über dem Fußboden weiter, laufe, die ungewöhnliche Fähigkeit demons- trierend, von der Küche - ich bin im Haus meiner Eltern - ins Eßzimmer und wieder zurück. Alle sehen her, sind sichtlich überrascht, aber schon nach wenigen Augenblicken ist, und das kränkt mich, keine Aufmerksamkeit mehr da.


14.01.07

Ein Blick, der genau ist und trotzdem keine Entdeckungen macht. Ein Finden, das immer nur Wiederfinden und Bestätigtfinden ist.


15.01.07

Eine Weite, die sich, eingefaltet wie eine chinesische Papierblume, überallhin mitnehmen läßt, auch in die letzte Enge.


16.01.07

Gefahr in der Stimme. - Mit einer sehr lauten Stimme im Halse, ist man fast außerstande, feine Sachen zu denken.
Friedrich Nietzsche


17.01.07

Auf die alten Meister folgte die frühe Moderne. Ein Magritte war so klein und hing so tief, daß ich ihn beinah übersehen hätte. Welche Ausmaße besaßen dagegen die den Rundgang beschließenden Werke der zeitgenössischen Kunst. So beanspruchte eine Arbeit, die ganz aus weißem Papier bestand, zwei Museumsräume für sich. Sehr präzise gezeichnete
lebensgroße Figuren standen dort als Scherenschnitte in einer papierenen Innenarchitektur. Ich be- sichtigte die beiden Räume in einer großen Gruppe, aber den nächsten betrat ich allein. Über den gesamten Boden verteilt lagen dort - ja was? Lebens- echte Plastiken, dachte ich im ersten Augenblick, aber es waren, was ein unbehagliches Gefühl in mir auslöste, Menschen aus Fleisch und Blut. Einer mit einem Gesicht, in dem alles wie verschoben wirkte, kam auf mich zu. Ich wich zurück, wollte den Raum wieder verlassen, da kam jemand zur Tür herein. Ein anderer Ausstellungsbesucher, dachte ich, hoffte ich, aber auch er gehörte zu diesem Werk, und er schloß die Tür hinter sich.


18.01.07

Was dieser Roman sich alles einverleibt! Was alles durch seinen langen Ver- dauungstrakt muß!


19.01.07

Die Münze auf meiner Zunge, dunkelrund: das widerständige Wort, die un- durchdringliche Silbe.


20.01.07

Einer begegnet seinem Doppelgänger oder Beinah-Doppelgänger, starrt ihn an, verwirrt, unangenehm berührt, wünscht sich fort, wünscht ihn fort. Und er, der andere, den es besser nicht gäbe? Wirft ihm nur einen kurzen
gleich- gültigen Blick zu.


21.01.07

Die Sun City des Ruhms: eine Stadt, in der nur Namen wohnen. (Die
unbe- hausten Namen in den öden Weiten rings um sie.)


22.01.07

Die überschreitbaren und die unüberschreitbaren Grenzen - gehen uns nur die überschreitbaren etwas an? (Hängt die Antwort davon ab, wo man den Tod einordnet, und wenn man ihn zu den unüberschreitbaren Grenzen zählt, ob man philosophische Taschenspielertricks wie den Epikurs zu akzeptieren bereit ist?)


23.01.07

Früchte, Gedichte
Cento
.
Die Früchte des Traums,
von Sinnlichkeit geschwellt.
Die Gedichte aus Licht,
leichter als der Blick.

Henri Michaux, Cees Nooteboom, Julian Przyboś, David Rokeah


24.01.07

Neulich auf einem Lieferwagen in großen Buchstaben der Name ›Winter‹ - wie eine Beschwörung. Und nun ist er tatsächlich da, und mancherorts schneit es sogar.


25.01.07

Sein Selbstporträt: ein Arcimboldo-Kopf aus Zitaten. (Aber alle sehen nur die- se, die Züge des Dargestellten bleiben ungelesen.)


26.01.07

Das Gewimmel der Wörter, das Gewimmel der Bilder in der Enge:
scheinba- rer Reichtum, scheinbare Fülle.


27.01.07

Ich schätze eingebildetes Leben höher als wirkliches. Wem fiele es ein, mich darum zu rügen? Schon als Junge träumt’ ich gern; ich wurde größer und wieder kleiner.
Robert Walser


28.01.07

Wie verwundert wären wohl die Tiere, wenn sie erführen, wie sich uns ihre Verwandtschaftsverhältnisse darstellen?


29.01.07

Wenn dies auch Menschen kaum gelingen mag, Werke reifen vielleicht doch gelegentlich im Eis.


30.01.07

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren: im Traum. Aus der jungen ist eine mit- telalte Frau geworden und aus der schlanken eine üppige. Doch die Irritation, die sich einstellt, wenn in einem Traum das Äußere eines Menschen nicht stimmt, ist nicht da. Weil sie wirklich so aussehen könnte? Man hat sie sich immer schlank vorgestellt, ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen, daß sie es geblieben ist - aber es könnte auch anders sein, sagt der Traum.


31.01.07

Donner à voir


01.02.07

Der Stylit: er suchte Gott und fand ein Publikum. Nun tingelt er, zieht mit einer hydraulischen Teleskopsäule und zwanzig mal zwanzig Metern Auslegwüste durch die Lande, von Stadt zu Stadt, von Markt zu Markt.


02.02.07

Die unmögliche Abzweigung, die Abzweigung, die es nicht gibt, die heraus- führte, ganz heraus. (Nehmen könnte sie nur, wer eine besondere, schwer oder vielleicht auch gar nicht zu erlernende Folge von Tanzschritten beherrschte. Allein dem so Tanzenden öffnete sich der Weg.)


03.02.07

Ich las in einem Traum einen kurzen Text von Ernst Jünger, in welchem es um die Laute ging, die ein gefolterter Hund von sich gibt. Diesen wurde in zise- lierter Prosa neben anderem eine nicht zu überbietende Köstlichkeit attestiert.


04.02.07

Was machst du hier? Was hast du hier zu suchen? Hier wimmelt es von Ge- winnern. Der Raum ist erfüllt von ihrem munteren Gezwitscher, in allen Dur-Ton- arten durcheinander. Und du, schon als Kind liebtest du das Moll.


05.02.07

Ich denke, daß jeder eben sein Leben hatte, ein solches, das ihm zustand und zu dem allein er das Recht hatte. Wir konnten nicht anders leben als wir lebten.
Bruno Schulz (deutsch von M. Dutsch und J. Hahn)


06.02.07

»Aus der Tiefen rufe ich ... « – Auch damals schon rief man, glaubte man rufen zu müssen. Offenbar stimmte also schon damals etwas nicht mit der Verbin- dung zwischen Mensch und Gott.


07.02.07

Eine Prosa, in der die Substantive und die Verben zueinanderfinden wie früher die weißen Blusen und die beigen Röcke.


08.02.07

Wie stellte sich wohl ein Lebewesen, das keinen Schlaf bräuchte, den Tod vor, ein Lebewesen, dem unsere zentralste Todesmetapher nicht zur Verfügung stände? Und da es auch keine Müdigkeit kennen würde, wie gelänge es ihm wohl, Sympathie für ihn zu entwickeln, wenigstens so viel, wie nötig ist, um mit dem Wissen um ihn leben zu können? (Hätte es nicht noch mehr Veranlassung als wir, allem, was darauf hindeutet, daß er ein Durchgang ist, nachzugehen?)


09.02.07

Ein Winter, der über Anläufe, halbherzige Versuche nicht hinauskommt. Ges- tern schneite es den ganzen Nachmittag, aber nun taut es schon wieder. Das Muster, das der verschwindende Schnee auf dem Rasen bildet - was wird sichtbar in ihm? (Habe ich nicht im Zoo ähnlich gemusterte Korallenfische gesehen?)


10.02.07

Ich halte ein sauber abgetrenntes Ohr in der Hand, untersuche es, entdecke einen kleinen Hautschaden, den ich wie ein Bildhauer eine Unebenheit an einem Tonmodell behutsam ausbessere. Ein schönes Ohr, denke ich, ein biß- chen größer, als ich angenommen hatte. Es blutet nicht, und ich habe auch keine Schmerzen. Weil sich die Wunde bereits schließt? Vielleicht sollte ich es doch allmählich wieder annähen lassen. Was, wenn es dafür schon zu spät wäre?


11.02.07

Verwandelndes Licht. Licht, in dem alles kostbar wird. Was ist sein Geheim- nis? (Du kannst es nicht sagen, aber die Cleveren - schau dir die Kaufhäuser an - arbeiten längst mit ihm.)


12.02.07

Was auch immer. Er sollte ihm etwas zu tun geben, irgend etwas, damit er beschäftigt ist: der Lehrer in ihm. Auf keinen Fall darf er die Oberhand ge- winnen.


13.02.07

Da sah er, daß er auf nichts ein Recht hatte, doch sah er zugleich, daß er somit der freieste von allen war.
Richard Weiner (deutsch von Peter Sacher)


14.02.07

Sie ist nicht sehr genau und ganz unspektakulär, die Erinnerung an jenes Antiquariat und wie ich in ihm stöberte, als junger Student. War ich einmal dort oder mehrmals? Ich kann es nicht sagen, aber die ungefähre Lage weiß ich noch. Nur, es gibt dort kein Antiquariat. Und damals? Ich weiß es nicht. Habe ich diesen Laden und seinen Besuch vielleicht nur geträumt und sind dann Bilder aus dem Traum versehentlich zwischen die Erinnerungen an das wirklich Geschehene geraten? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt, und daß ich sie nicht beantworten kann, ist vielleicht der eigentliche Grund, warum sich mir diese so unspektakuläre Erinnerung immer wieder ins Bewußtsein drängt.


15.02.07

Wie viele Türen muß einer in sich verschließen, damit sich ihm die öffnen, auf die alle schielen, durch die alle wollen?


16.02.07

Zweierlei Intelligenz: die des Autors und die des Textes. Die zweite ist wie die des Körpers: organismischer Geist. (Ein intelligenter Autor muß nicht unbe- dingt intelligente Texte schreiben. Diese entstehen nur, wenn er dem organis- mischen Geist Raum gewährt.)


17.02.07

Was er für die Sicherheit seines Urteils hielt, war nicht mehr als das Wissen um gewisse Übereinkünfte.




19.02.07

Sprachunterricht in den Tropen des botanischen Gartens: Bambus, bambuk. Wie schnell er wächst, wir stehen staunend vor ihm. Wir verlassen ihn, treten wieder hinaus in die Kühle, und er wächst weiter. Wir stehen an der Haltestelle, warten auf deinen Bus, und er wächst weiter. Ich bin wieder zu Hause, wieder allein, und er wächst weiter. Wächst und wächst.


20.02.07

Ein Raphael ohne Hände? Ein Raphael, der nicht anfangen kann. Nicht anfan- gen kann, weil er ahnt, daß ihn ein Werk nur verkleinern würde?


21.02.07

Ein großer Baum, in dessen kahlem Astwerk winzige Vögel sitzen. Ein Dut- zend oder mehr, aber da der Baum so groß ist und sie so klein sind und über die gesamte ausgreifende Krone verteilt, in großem Abstand zueinander, stellt sich der Eindruck der Fülle, des Reichtums nicht her. Eher ist das Gegenteil der Fall, der Anblick hat etwas ans Herz Greifendes. Das Bild ist aber nur für einen Augenblick da. Wie ich es genauer zu erfassen versuche, ist es mir auch schon entglitten.


22.02.07

Poesie erleuchtet wie Feuerwerk, will aber die Nacht nicht vertreiben, sondern benutzen.
Jean Paul


23.02.07

Die Lücke im Duden zwischen Lope de Vega und Lorbaß und die im Wahrig zwischen Looping und Lorbeer. (Warum schlug ich nach? Um mir durch den Augenschein bestätigen zu lassen, was ich doch längst wußte: daß auch Na- men lächeln können?)


24.02.07

Es war mein Zimmer und doch nicht meins, mein Bett und doch nicht meins. Die Wände waren wie von Zeltstoff, ganz dünn, und wurden vom Wind bewegt, ebenso die Tür. Irgend jemand war in der Wohnung, auf der anderen Seite der Tür, ich spürte seine Gegenwart, die von ihr ausgehende Bedrohung. Das Bett war leer, sie wünschte ich her und rief nach ihr, mit einer Stimme, wie man sie nur im Traum hat.


25.02.07

Ein warmer Wind
Cento
.
Sie schläft, sie schläft,
die Landschaft des Innern
bevölkert sich mit Schatten,
ein warmer Wind trägt eben
erst erblühte Küsse herein.

Miguel Angel Asturias, André Breton, William S. Burroughs,
Gunnar Ekelöf, Else Lasker-Schüler


26.02.07

Da war ein Vogel, ja, und er saß am Rand seines Nestes. Um was zu tun? Seine Jungen zu füttern? Was für ein Vogel war es? Eine Rabenkrähe? (Vielleicht eine Minute vorher, ich lag mit schon eine Weile geschlossenen Augen da, in Erwartung der Bilder, flog eine krächzend vorbei.) Das Gefieder war jedenfalls schwarz, aber plötzlich wurde dieses Schwarz zu einem fahlen Blau oder Blaugrau und der Vogel, nein, das ganze Bild plakathaft flach.


27.02.07

Berauschende Bilder des Reichtums, morgens um sechs hereinbrechend über den von Schlaflosigkeit Erschöpften: Unmengen von Schmuck, ein Katarakt von Brillanten. (Der Übertreibungskünstler Unterbewußtsein? Die nachmittag- liche Nüchternheit mag es so sehen. Aber sind ihre Untertreibungen vorzu- ziehen? Was hat sie zum Glück zu sagen?)


28.02.07

Wolken
.
Eine thronende Pharaonin im stummen Tête-à-tête mit einem vor ihr schwe- benen Fisch, ein porzellanpuppenhaftes Kind mit einer Allongeperücke in einem kastenartigen Gefährt, ein Mann, der in Rennfahrerhaltung in einem großen Schuh sitzt, eine Frau, die einem Löwenjungen die Brust gibt, ein clownsnasiger Zwerg mit einem überdimensionalen Gemächt, eine aufge- plusterte Taube mit einem Paviankopf, ein gerupftes Huhn mit einem Ech- senkopf, zwei sich paarende Drachen, ein dritter schaut zu, zwei mit hoch- gereckten Schnauzen tanzende Mäuse, die eine schlägt ein Tamburin, eine Schildkröte, die sich aus ihrem Panzer geschält hat und sich zärtlich an ein menschliches Wesen schmiegt, eine große Echse, die nach einem fliegenden Vogel schnappt, ihn aber nicht erwischt, ein großer runder, glubschäugiger Fisch, aus dessen offenem Maul eine Frau fällt.


01.03.07

Ein virtueller Garten der Lüste - Utopie oder Notlösung? All die schönen Ava- tare. Und die draußen zurückgelassenen Körper?


02.03.07

Feuer und Eis - eine durch allzu häufigen Gebrauch so abgenutzte Formel, daß man sie in einem Text kaum mehr verwenden kann. Aber was machte der Traum daraus! Einen breiten Strom aus glühender Lava, der mächtige Brok- ken von weißem Eis führte. Ein Bild von einer seltsamen Schönheit und einer großen Eindringlichkeit. Und in ihm war etwas, das mich so traf, daß ich aus dem Schlaf fuhr.


03.03.07

Zu Hyettos, an den Ufern des Kephissos, gibt es im Tempel des Herakles nur Steine. Der Gott selbst ist gegenwärtig im formlosen Stein. Zu Thespies ver- ehrt man das älteste Bild der Liebe. Es ist ein roher, weder behauener noch geschliffener Stein.
Roger Caillois (deutsch von Gerd Henniger)


04.03.07

Gewogen und für zu schwer befunden, sagt der Wind. Nimm den Bus oder ein Pferd. Ich jedenfalls werde dich nicht zu ihr bringen.


05.03.07

Die Verwandlungen in unseren Träumen - sie bringen etwas Konjunktivisches in den Indikativ der Bilder. Ich bin in einem Haus, das ich zu kennen glaube, aber plötzlich ist dort eine neue Fensterreihe, plötzlich hat sich die Zimmer- größe verdoppelt, plötzlich bin ich in einem Nebenraum, von dem ich nicht wußte. Eine Architektur gewissermaßen im Modus der Potentialität, aber zu- gleich sagt jedes Traumbild: Es ist.


06.03.07

Eine Landschaft, die ihr Knochengerüst unter weiblich weichen Rundungen verbirgt. Über ihnen dünnes Gewölk, durch das der große Kamm des Windes gegangen ist.


07.03.07
.

Der Regen
wäscht alle Farbe
aus meinem Traum,
wäscht alle Zärtlichkeit
aus meinen Zeilen,
der Regen.

.

08.03.07

Ein Berg, der einmal Meeresboden war, vor langer Zeit, als der sich an seiner rostfarbenen Flanke reibende Wind noch Wasser war und der diesen mit weit ausgebreiteten Schwingen nutzende Adler noch Fisch und seine Beute eben- falls.


09.03.07

Auf halbem Wege zwischen Sesenheim und Altenheim. Welche Liebe ist wel- chem Alter angemessen? (Und Fragen wie diese, wie angemessen sind sie?)


10.03.07

Machte mich nicht die Katastrophe erst zum Teilnehmenden? War der Traum nicht vorher wie ein Film gewesen, den man sich bequem zurückgelehnt ansieht? Andere die Akteure? Diese Katastrophe - was war das? ein Erd- beben? ein Erdrutsch? - riß mich, scheint mir, hinein ins Geschehen. Ich rannte um mein Leben, rettete mich hinter ein Haus, dann, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, auf einen Haufen Schrott. Ich kam davon, und mit anderen Davongekommenen starrte ich nun gebannt auf den Fluß, auf die heftige Bewegung, die das Wasser erfaßt hatte, auf das sie begleitende Spiel der Farben, das atemverschlagend schön war. Nun war ich also, als nicht mehr Gefährdeter, wieder Zuschauender und berauschte mich an den Bildern der Katastrophe, ihrer spezifischen Ästhetik. Doch was war mit denen, die nicht davongekommen waren? Warum waren sie nicht in meinem Bewußtsein?


11.03.07

Der Bussard klagt über den Wäldern, der Schrei der Möve reißt den Abgrund auf. Sie wecken ein Heimweh, das unstillbar bleibt.
Ernst Jünger


12.03.07

Sich überlassen - wie sich die Raupe in der Puppenruhe der Auflösung über- läßt. (Ist irgendein Wissen von der Verwandlung, die sich mit ihr vollzieht, in ihr?)


13.03.07

Die schwarze Nacht des Alls, zusammengepreßt zu den funkelnden Diaman- ten der Sterne.


14.03.07



15.03.07

Ein Gift, das, in kleinen Dosen eingenommen, produktiv macht. Aber nur in ihnen, bei zu starker Dosierung tritt Lähmung ein.
Nein, es wird nicht eingenommen. Die Aufnahme ist ein passives Geschehen, und niemand kann die Dosis selbst bestimmen.


16.03.07

Die gefeierte junge Komponistin. Aber ihre Musik ist nicht jung, hat nichts Jugendliches. Doch sind wir Künstler nicht beinah immer die zu Alten.


17.03.07

Das Nicht-Gewollte, Nicht-Verwertbare, Nicht-Verkäufliche: der Beifang - und wenn es gerade um ihn ginge?


18.03.07

Manchmal kann ein Satz nur verstanden werden, wenn man ihn im richtigen Tempo liest. Meine Sätze sind alle langsam zu lesen.
Ludwig Wittgenstein


19.03.07

Buch und Leser, Leser und Buch. Beide äußern sie ihre Zuneigung nicht direkt. Das Buch hat sie in Genauigkeit übersetzt, der Leser in Aufmerksamkeit.


20.03.07

Die Obertöne, die die Liebe einer Stimme hinzufügt. Die Obertöne, für die sie das Ohr empfänglich macht.





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© Ulrich Kölker 2006, 2007 (die Zitate ausgenommen)