Ulrich Kölker

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D u o d e n a r i u m
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1. Jahr: 2008




J a n u a r


Aus dem digitalen Notizbuch

Der erste Pinselstrich erscheint immer schlecht gesetzt.

Ein Ungeheuer mit himmelblauem Rachen.

Der Sekretär der Pythia.

Ein Buch, aus dem auf rätselhafte Weise Sätze verschwinden. Sie hinterlas- sen keine Lücke, aber beim Wiederlesen spürt man, daß etwas fehlt.

Eine Nacht, in der Edelsteine wachsen.

Die Vollkommene, ihre gewissermaßen akzentfreie Weiblichkeit.

Ein Stockwerk über der Trauer, drei Stockwerke unter der Freude.

Der Tag zeugt, was die Nacht gebiert.

Er greift durch die Wand, um ein hinter ihr erblühtes Lachen zu pflücken.

Sie ist ihm noch treu, aber ihr Bild geht schon fremd.

In ihm wächst ein Haus - wer wird es beziehen?

Die Schönheit, die sie verloren hat: ihrem Namen ist sie geblieben.

Ein erloschener Stern, eine erloschene Stirn.

Ein leergeblutetes Bild.

Die Schönheit gegen die Schönheit verteidigen.

Der Gott eines Gottes.

Er hatte einen zu guten Orientierungssinn, um Entdeckungen zu machen.

Ein schlecht durchbluteter Satz.

Erst probiert er andere Namen aus, dann andere Gesichter.

Zwei fremde Hände sind in seine wie in Handschuhe geschlüpft.

Sie suchen die Leere, und ich - ich suche die Fülle.

Der eine geht den Weg des Lernens, der andere den des Verlernens.

Die Kulisse hinter der Kulisse.

Mit leeren Händen hinaustreten in die Fülle.




F e b r u a r


Ein Traum

Ich hatte nicht gefunden, was ich gesucht hatte, war nun wieder draußen, auf dem Hof, im Begriff, die Anlage zu verlassen, da rief eine wütende Män- nerstimme, die von den oberen Stockwerken herkam: »Raus aus diesem Schlafhaus!« Ich blickte hoch, konnte den, der da gerufen hatte, aber nicht entdecken: die Balkone waren alle leer, und was hinter den schießscharten- artigen Fenstern war, nicht zu erkennen. Der Hausmeister oder Mann vom Sicherheitsdienst, der in einem in den Hof gesetzten Häuschen saß, hatte gerade, um mich hinauszulassen, mit einem Knopfdruck den Mechanismus in Gang gesetzt, der das schwere Tor öffnete, aber nun schien ich seinen Verdacht erregt zu haben. Das Tor öffnete sich nicht weiter, vermutlich schloß es sich gleich wieder. Gelang es mir noch, hindurchzuschlüpfen? Ich mußte mich beeilen, sonst würde es sehr unangenehm für mich werden.


Aus dem digitalen Notizbuch

Ein Maler, der sich eine Farbe nach der anderen verbietet.

Wie die kalte Optik der Kamera oft Schönheiten zu entdecken scheint, die unserm Auge entgangen sind.

Die Nacht träumt die Farben, die der Tag sieht.

Was ist schwerer: sich einen jungen Menschen alt vorzustellen oder einen, den man nur alt kennt, jung?

Die Rekonstruktion der Zukunft, die Konstruktion der Vergangenheit.

Den Wörtern ihre schlechten Angewohnheiten austreiben.

Die Verwandlung war kaum merklich, aber welchen sprachlichen Aufwand hät- te man treiben müssen, um sie jemand anders zu vermitteln?

Ein Haus, das ein Haus bewohnt.

Blumen, die im ersten Licht des Tages welken.

Die fernen Nächte, in denen noch kein Licht heller war als das der Träume.

Der Tunnelblick des Erzählers.

Dem Blick, der zu ergründen sucht, wird alles fremd.

Die Pfütze auf dem Garagendach: so hell, daß man meint, die Vögel badeten nicht in Wasser, sondern in Licht.

Was das eine Wort nicht mehr sagte und das andere noch nicht.

Astrologischer Terror: die Widder bringen alle Wassermänner um.

Die Vergangenheit widerlegt die Zukunft.

Die Musik spielte schon eine Weile, aber wo waren die Bilder, wo blieben sie nur?

Es war, als sähen zwei durch seine Augen.

Der erschöpfte Greis, den er auf dem Rücken trug, war er selbst.

Der Materialismus als Wahnsystem.

Ein Wurm frißt ihm die Maske weg.

Der Mund in ihm, der zu ihm spricht und ihm nie Gehörtes mitteilt.

Hier warst du schon mal, vor langer Zeit - als du noch fliegen konntest.

Der Maulwurfshügel widerlegt den englischen Rasen.




M ä r z


Prosa

Das Straßenorchester legte, wie es schien, gerade eine Pause ein. Ein gro- ßes Orchester, dreißig Musiker oder mehr: sie waren aber allesamt Saxo- phonisten. Die Instrumente schienen nagelneu zu sein, blinkten golden. Ich wunderte mich sehr über die Einseitigkeit des Orchesters, meine Begleiterin aber sagte, die Musiker könnten mit ihren Saxophonen alle anderen Instru- mente nachahmen.

Etwas klebte an der Zimmerdecke, eine weiche, weiße Masse, von geringerer Dichte als die Decke, wie aus feinerem Stoff bestehend, und aus dieser Masse löste sich etwas Kleines, Rundliches, von der Gestalt her mit einer Paprikaschote vergleichbar, flog in seine Richtung und drehte vielleicht dreißig Zentimeter vor seinen Augen ab. Darauf löste sich wieder etwas aus der weichen Masse, das hatte die gleiche Gestalt, und das flog gleichfalls in seine Richtung, drehte gleichfalls im letzten Moment ab. Dies wiederholte sich noch drei- oder viermal, er sah es mit weit geöffneten Augen.


Aus dem digitalen Notizbuch

Zum Licht einer Leuchtreklame hin gewachsen.

Er hat es eilig, aber seine Sätze haben Zeit.

Das kartographierte Jenseits.

Ein Traum, der in eine Endlosschleife einmündet.

Er fühlt sich wie die Antwort auf eine Frage, die zu stellen vergessen worden ist.

Farben flüsternd die Leinwand liebkosen.

Ein Wort, das seine gesamte Verwandtschaft überlebt hat.

Der Verwandlung entgegenfiebern.

Eine Stimme formt sich ein Gesicht.

Das Wort Tod enthält in seiner Mitte die zeichenhaft abstrahierte Darstellung einer Öffnung (oder eines Auges, das dich ansieht).

Wie die Münze blinkte! War es da nicht ohne Belang, ob sie echt war oder falsch?

Ein Name, der schmerzt, als wäre er an die Stirn genagelt worden.

Allein die Nacht weckt in ihm heimatliche Gefühle.

Der Traum stellt die Ziffern um, und der Zweiundfünfzigjährige ist wieder fünf- undzwanzig.

In einen Gedanken springen, in einen Satz.

Ein Lebewesen, das sich noch an die Zeit vor dem Siegeszug des rechten Winkels erinnert.

Der weiße Mantel des Winters hängt mottenzerfressen im Schrank.

Das Schreiben hat immer ebensoviel vom Schweigen wie vom Sprechen.

Die Tiefe ist die Fremde.

Ein leuchtender Schlußstein.

Was heißt Umwege? Es geht um die Eroberung der Fläche.

Ein Bild klopft an meine Tür, aber so zaghaft, daß ich es nicht höre.

Kann Licht lügen?

Eine knallbunte, glitzernde Parodie des Paradieses.

Ihr Problem: sie liebt nur Tote.

Sein Gott kehrte ihm wie der Mond immer die selbe Seite zu.




A p r i l


Prosa

Dies war ein Traum, plötzlich wußte ich es. Nur in Träumen schwang ich mich so empor, lief leichtfüßig in der Luft, einen Meter über dem Boden. Am Horizont erhob sich mit weichem Linienschwung ein Berg, dessen grüner Bewuchs wegen der Entfernung ins Bläuliche spielte: dort wollte ich hin, und da dies am schnellsten ging und ich sowieso schon in der Luft war, wollte ich dorthin fliegen. Ich formulierte den Wunsch, und gleich wurde er mir erfüllt. Auf dem Berg war ein Aussichtsturm, auf seiner Plattform standen Menschen: ich näherte mich ihnen, aber sie sahen mich nicht, ich umflog den Turm in einem engen Kreis, aber niemand zeigte auch nur die geringste Reaktion. Ohne eigenes Zutun gewann ich nun mehr und mehr an Höhe, und ein neuer Wunsch formte sich ich mir. Ich wollte Gott sehn, der Traum sollte ihn mir zeigen. Aber er erfüllte mir diesen Wunsch nicht. Ich sah nur tief unter mir im Wasser, das plötzlich da war, statt des Bergs und des Turms, die Spiegelung einer blassen Sonne. Ich stieg auch nicht weiter, die Aufwärtsbewegung war zum Stillstand gekommen.

Aus einem Traum erwachend, erblicke ich neben mir, nur wenige Zentimeter vor meinen Augen, ein Gesicht: das Gesicht eines Liegenden, der aber keine Berührung mit dem Bett zu haben scheint. Oder fehlt der restliche Körper überhaupt? Ja, möglich. Jedenfalls sehe ich bloß das Gesicht und dieses - liegt der Grund in dem schwachen Licht? - auch nur bruchstückhaft. Das aber erkenne ich gleich: etwas stimmt mit dem linken Auge nicht. Es ist gar nicht vorhanden, offenbar ist es herausgeschnitten oder herausgerissen worden. Hinter den geschlossenen Lidern, die aussehen wie eine Wunde, die sich zusammengezogen hat, ist nichts mehr, nur eine leere Augenhöhle. Nun sehe ich: das andere Auge fehlt gleichfalls. Und endlich identifiziere ich das Gesicht auch, erkenne die Züge: es sind meine eigenen.

Als er die Augen aufschlug, entdeckte er, daß in der Schräge am Fußende seines Bettes eine Öffnung war. Eine Öffnung, durch die er in einen röh- renförmigen Schacht sehen konnte. Einen Schacht mit einem Querschnitt, der ungefähr seiner Schulterbreite entsprach. Der wohin führte? Der welche Offen- barung an seinem anderen Ende bereithielt? Der Schacht war wie auch die Schräge von einem im dichten Dämmer des Zimmers verführerisch schim- mernden Weiß. Er fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen und blieb doch reglos liegen, stellte sich nur vor, er schöbe sich in ihn, glitte oder flöge in ihm hinauf.


Aus dem digitalen Notizbuch

Eine magersüchtige Prosa.

Umgeben von Unbenanntem.

Die schöne Prominente. Er möchte ihr ein Kompliment machen und sagt: Schade, daß Ihr Gesicht so bekannt ist.

Sein Wüstenzimmer, das niemand außer ihm betreten darf.

Diese winzigen Früchte, fast jeder übersieht sie. Ihr unvergleichlicher Ge- schmack.

Eine Brille, die nicht wie Sonnengläser dämpft und tönt, sondern die Leucht- kraft der Farben verstärkt.

Vieles hängt davon ab, was einem Einfall vorausgegangen ist.

Ein Kopf, mit billigem Wissen wie mit Krempel angefüllt. Man muß ihn leer- räumen, damit das Geheimnis einziehen kann.

Solange er noch eine Möglichkeit unter mehreren ist, bewegt sich der Tod wie der Horizont mit einem.

Immer hatte er vom Sieg geträumt, aber nun stand er auf dem Treppchen und wünschte sich weit, weit weg.

Sie töten einander mit glitzernden Kristallen.

Eine Landschaft wie auf der Suche nach sich selbst.

Geliftete Prosa.

Eine farbenprächtige Niederlage.

Ein Maler, der nur die Farben zu kennen scheint, die einen Namen besitzen.

Ein in den Ruhm hineingewelktes Werk.

Das Dunkel läßt dem Licht immer den Vortritt.

Ein Schreiben, das alle Anlässe hinter sich gelassen hat.

Sein Gott war nur ein altersmilde gewordener Teufel.

Das Werk widerlegt den Traum des Künstlers.

Die Distanzwaffe Wort.

Der Spielverderber: nicht einmal zum Verlierer taugt er.

Wie bringen sie ihre Positivität Tag für Tag durch die frühen Morgenstunden?




M a i


Aus dem digitalen Notizbuch

Ein Gott träumt in seinem Kopf.

In einem Tropfen ertrinken.

Ein frisch gestricherer Folterkeller.

Die Signatur war vor dem Werk da.

Sein Rechner schien den besseren Zugang zu den Quellen der Inspiration zu haben.

Seine Augen schmecken jede Farbnuance heraus.

So viele tummeln sich hier, und es heißt doch immer noch Rand.

Sein Jugendwerk, also, was er diesseits der Sechzig schuf.

Auf einen kränkenden Traum folgt oft ein tröstender.

Der lernende Gott.

Eine muskelbepackte Stimme.

Lauter Sätze, die sich der Verwandlung verweigern.

Ein Sichtbarer geht bei einem Unsichtbaren in die Lehre.

Er fragte sich, ob es nur ihm so ging oder ob auch andere diesen Drang verspürten: die Gesichter der auf der Straße Entgegenkommenden digital nachzubearbeiten.

Eine Grenze, hinter der alles so anders ist, daß die gelernten Unterscheidun- gen nicht mehr zu gebrauchen sind.

Der Maler der Leere – der Maler der Fülle.

Die Vertreibung ins Paradies.




J u n i


Prosa

Das Gedicht war von Robert Desnos. Leider - aber es geht mir ja immer mit im Traum Gelesenem so - ist mir beinah nichts von ihm in Erinnerung geblieben, nur den Schluß, den letzten Satz habe ich über die Schwelle des Erwachens retten können. Er lautete: Verderben Sie ein unverdrängtes Gespräch!

Ich las einen Aufsatz von Canetti, der - ich kann es nicht genauer sagen - um die Begriffe Schönheit und Vergänglichkeit kreiste. Der Aufsatz enthielt eine Reihe biologischer Details zu Pflanzen und Tieren, zum Beispiel war dort zu lesen, wie oft ein Insektenherz im Laufe eines Insektenlebens schlug und - dies berührte mich sehr - daß sich der Insektentod durch einen Schmerz in der Brust ankündigte. Ich fragte Canetti, der plötzlich da war, woher er diese Kenntnisse alle habe.


Aus dem digitalen Notizbuch

Eine abgemagerte Wolke: man sieht jede Rippe.

Tausend arbeiten an der Lösung, einer träumt sie.

Etwas in ihr altert ebensowenig wie ihr Name.

Wenn man im Traum seine Worte zu wägen beginnt, ist man kurz davor auf- zuwachen.

Ein fleischfressendes Haus.

Sein Herz: ein Kältespeicher.

Ein Schlafender in einem weißen Raum. Seine vielfarbigen Träume.

Ein hochauflösendes Gedächtnis.

Um ein Problem ärmer.

Ein in eine Schatzkammer Gesperrter.

Der Vogelgesang scheint kein Moll zu kennen.

Fragen, die wie Menschen sind, deren Gesellschaft jeder meidet.

Blau steht seinem Gott am besten.

Ein schalldichter Text.

Ein raschwüchsiger Stil.

Der Maler verschwindet mit all seinen Farben in der Nacht des Bildes.

Eine farbenblinde Geschichte.

Ein Planet, auf dem die sichtbare und die unsichtbare Welt nicht getrennt sind.

Er hielt sich für den Gebenden, das heißt, er weigerte sich zu nehmen.

Der stocknüchterne Theoretiker der Trunkenheit.

Farben, die das Bild dem Maler vorschlägt.

Einem wächst eine Krone aus dem Kopf, eine Krone, reich mit Edelsteinen besetzt.

Schätze, die mit geschlossenen Augen zu suchen sind.

Ich darf den Schlafenden nicht wecken, denn er träumt den Boden unter meinen Füßen.




J u l i


Prosa

Ich hatte die Augen geschlossen und drehte mich im Kreis, ganz anstren- gungslos, aus einem einzigen Schwung heraus. Durch die gesenkten Lider hindurch sah ich ein Licht - das der Zimmerlampe? Erst kam es aus einer bestimmten Richtung, und ich sah es bei jeder Umdrehung auftauchen und wieder verschwinden, doch dann blieb es. Es wurde heller und füllte nun das ganze Sehfeld aus. Was geschah hier, was bereitete sich hier vor? Ich mußte mich weiterdrehen, immer weiter, aber ich hatte Angst, die Kontrolle zu verlie- ren, Angst, zu stürzen, und ich wußte nicht, ob mich die andern auffangen würden.

Meine Nase saß, wie ich bei einem Blick in den Spiegel entdeckte, an der falschen Stelle, in der Mitte zwischen ihrem rechtmäßigen Platz und den Ohren. Ich hatte nichts davon gewußt, es hatte mich auch nie jemand spüren lassen, daß ich auf so monströse Weise von der Norm abwich, aber nun wußte ich es, und das änderte alles. Wie sollte ich mit diesem Wissen weiterleben?


Aus dem digitalen Notizbuch

Unsichtbarkeitsphantasien eines Sichtbaren, Sichtbarkeitsphantasien eines Unsichtbaren.

Eine Stimme und ihre Traumverwandlungen.

Er weiß, wo der Schatz liegt, aber er wird ihn nicht heben.

Das Bild bittet für das Betragen des Malers um Entschuldigung.

Seine Götter gelingen ihm immer besser.

Der Ernst war schon da, nun fehlte nur noch ein würdiger Gegenstand.

Fast war man versucht, seine Langsamkeit unter die Listen zu rechnen.

Eine Anklageschrift, die niemals fertig wird. Viele Generationen haben an ihr schon geschrieben.

Ein Gesicht voller rhetorischer Übertreibungen.

Ein Buch voller vergessener Namen.

Den Himmel unter den Füßen weggezogen.

Ein Regalbrett voller dicker, flugunfähiger Bücher.

Sich Boden unter die Füße tanzen.

Eine zum Genie regredierte Begabung.

Den blauen Teppich entrollen.

Ein Tier, das zum ersten Mal den Rhythmus seiner Schritte wahrnimmt.

Ein Werk aus ruhmabweisendem Material.

Die Antwort verneigt sich vor der Frage.

Hier werden die Regenbögen aus Beton gegossen.

Die Wand war aus dem selben Stoff wie die Stirn, die sich an ihr blutig schlug.

Sätze mit Blei in den Gliedern.

Das Entstofflichungsspiel spielen.

Eine Dämmerung, bei der noch nicht entschieden ist, ob aus ihr Tag oder Nacht wird.


Bilder





A u g u s t


Aus dem digitalen Notizbuch

Ein zum Licht hin wachsender Text.

Eine Göttin, die unter Schmerzen eine Welt gebiert.

Eine Krankheit, die die Farben befällt, sie vergrauen läßt.

In die alte, enge Sprache zurückgekehrt. Wie soll er in ihr die Weiten, die sich ihm zeigten, erzählen?

Ein Gott, dem die am liebsten sind, die ihn nicht brauchen.

Kein Foto weiß von ihrer Schönheit.

Die weite Enge eines solchen Lebens.

Das wechselnde Fassungsvermögen der Stille.

Eine Bibliothek aus eßbaren Büchern.

Mutlosigkeit wirft man ihm vor, dabei verweigert er nur den billig gewordenen Mut.

Eine Welt, die ein Kommentar ist zu einer anderen.

Wie schwerer Lehm an den Schuhen, klebt das zwanzigste Jahrhundert an ihm.

Die Wiedererfindung der Landschaft.

Ein pastellfarbener Abgrund.

Als es die weiße Leinwand und das leere Blatt Papier noch nicht gab.

Ein Bild, das sich seiner Farbigkeit zu schämen scheint.

Einer bringt einen Gott aus der Wüste zurück, ein anderer ein Gedicht.

Traumeinwärts ziehen.

Bilder aus der Kindheit des Todes.




S e p t e m b e r


Prosa

Ich stand am Fenster, sah auf das Haus schräg gegenüber. Was lag dort in den Räumen des Parterres - das ganze Stockwerk war angefüllt damit? Medizinbälle, dachte ich im ersten Augenblick, aber es waren Zwiebeln. Ja, Zwiebeln, allerdings waren sie so groß wie diese Bälle, riesig also. Und nun sah ich, auch das erste und zweite Stockwerk waren angefüllt mit ihnen, und im dritten Stock drängten sich Menschen - Dutzende waren das - an den Fenstern. Träumte ich? Nein, ich war mir sicher, das tat ich nicht. Also, schloß ich, mußte ich halluzinieren, denn natürlich wußte ich, daß es solche riesigen Zwiebeln nicht gab.

Wieder war ich auf diesem Friedhof. Was tat ich hier? Was zog mich an diesen Ort? Ich wußte es nicht. Gehörte der Friedhof zu einem Kloster? Hinten begrenzte ihn ein altes Gebäude, und dort regte sich etwas an einem Fenster. Man beobachtete mich, meine wiederholten Besuche waren also nicht unbe- merkt geblieben. Nun öffnete sich eine Tür, und es erschien ein Mann, der ganz gebückt ging, wie einer, der sich krumm gearbeitet hat. War das ein Mönch, ein Bruder? Nun erschienen noch zwei andere: grobschlächtige Gestalten, tierhaft beinah. Alle drei näherten sich mir, und sie hielten etwas - waren das Knüppel? - in den Händen. Warum floh ich nicht? Noch war Zeit dazu, der Ausgang mit ein paar Schritten zu erreichen.

Dieser Mann sah ihr an, daß es ihr nicht gut ging. Er schlug ihr darum einen Besuch der von ihm eingerichteten Ausstellung von Toten vor. Von diesem Besuch versprach er sich, wie es schien, eine therapeutische, eine aufbau- ende Wirkung. Sollte ich sie begleiten? Er sprach es nicht offen aus, aber er schien davon auszugehen, daß ich es tat. Wenn ich es richtig verstand, waren die Toten allesamt offen aufgebahrt, zeigte die Ausstellung Leichen in ver- schiedenen Stadien der Verwesung.


Aus dem digitalen Notizbuch

Industrialisierte Einhörnerzucht.

Die falschen Freunde der Schönheit.

Alte Mauern, neue Mauern - die neuen errichtet aus den Steinen der ein- gerissenen alten.

Zwei Lesarten des »Du mußt nicht mehr«. »Du brauchst nicht mehr« und »Du darfst nicht mehr«.

Eine Sprache, die zu verführen verlernt hat.

Die Gattung nimmt ihr Geheimnis mit ins Grab.

Melodien, die darauf warten, gefunden zu werden.

Als setzte man grauhaarige Kinder in die Welt.

Eine Krankheit, bei der man zwanghaft in Reimen spricht.

Eine verkitschte Hölle.

Die Tiere haben keine Götter, weil sie sie nicht brauchen.

Die Substantivierung eines Verbs ist wie ein Wechsel seines Aggregatzustan- des.

Wenn die richtigen Antworten so schwer zu finden wären, weil sie sich in nächster Nähe der falschen versteckt halten?

Den Weg des Ich zu Ende gehen.

Ein in einen kleineren Namen Umgezogener.

Ein Denkmal im Wartestand.

Der Stille entfremdet.

In einen Tod hineinwachsen.




O k t o b e r


Prosa

Mein Mitbewohner öffnete plötzlich alle Türen. Ich fragte ihn, warum er das tue, da sagte er, der Dieb komme gleich. Und schon war er da, mitsamt seinem Gefolge. Ja, Gefolge, nicht Bande: er trat wie ein König auf. Der Dieb brauchte nur auf etwas zu zeigen, etwa auf ein Bild an der Wand, und es gehörte ihm - in seinem Gefolge waren schon alle mit Beute beladen. Aus jedem Zimmer wurde etwas mitgenommen, wir leisteten keine Gegenwehr, wußten, daß sie nicht möglich war. Man wendete sich schon zum Gehen, da fiel der Blick des Diebs auf mein Notebook. Gleich wollte er es, aber da sagte jemand aus seinem Gefolge etwas wie »Das alte Ding!«, und ich fiel, meine Chance witternd, ein, mit dem Gerät sei wirklich nicht mehr viel los. Ich hatte Glück: der Dieb wollte es nicht mehr.


Aus dem digitalen Notizbuch

Das Neue nähert sich mit leisen Schritten.

Der Geringste unter den Göttern.

Wörter, die fremd gehen.

Ein Sprechen, bei dem das Schweigen hindurchsieht wie bei einer Malerei die Grundierung.

Ein taubes Wort.

Als die Schönheit noch nicht definiert war. Der quasi göttliche Blick auf alles.

Eine Schönheit, die sich hinter Regelverstößen verbirgt.

Werke, die aussehen wie für Preisverleihungen herausgeputzt.

Wie in einen Spalt zwischen Vergangenheit und Gegenwart gerutscht.

Der Stellvertreter eines Stellvertretergottes.

Nein, Ahnung ist zu viel gesagt. Die Ahnung einer Ahnung oder die Ahnung der Ahnung einer Ahnung.

Sätze, die nur in bestimmten Umgebungen eine gute Figur machen.

Seine Tiefe wegkommuniziert.

Ein junges Wort. Seine Jugend nimmt alle für es ein.

Gefräßige Wörter.

In den Wind gesprochen, aber so, als glaubte man, daß der jedes Wort prüft.

Von einem Buch in ein anderes umziehen.

Eine größenwahnsinnige Geschichte.

Der Zuschauerraum hat sich mit Gespenstern gefüllt. (Wie wird ihr Beifall klingen?)




N o v e m b e r


Aus dem digitalen Notizbuch

Bilder ohne Eigensinn (ohne eigenen Sinn).

Sätze, die nichts beweisen wollen und nichts beweisen müssen.

Ein blinder Gott und sein sehendes Geschöpf.

Ein Haus voller vergessener Bilder.

Das Trennmittel Schmerz.

Werke von wechselnder Sichtbarkeit.

Wer hat dem Engel die Flügel gestutzt?

Es ist, als erstatte einem jeder, der einen vergißt, etwas zurück.

Ein Gott, der die Vollkommenheit scheut.

Eine Welt in der Welt: Spiel im Spiel.

Der Wissende ist nicht originell.

Der Körper, den er hat und der gleichzeitig ihn hat.

Ein Sprechen, das die Fortsetzung des Schweigens mit anderen Mitteln ist.

Ein Gott, dessen Schuldgefühl sich in Liebe übersetzt (in eine Liebe, die für die Zumutungen des Lebens um Verzeihung bittet).

Von dem einen sind ein paar Bilder geblieben, von dem andern ist nur noch der Name da. Ihn zählt man nun zu den Unsterblichen.

Dreimal hat die Schönheit seinen Weg gekreuzt, aber er hat sie nicht erkannt.

Wie das Gesicht versucht, sich den inneren Menschen passend zu machen.

Eine gemischte Gesellschaft, aus Sterblichen und Unsterblichen zusammen- gesetzt.




D e z e m b e r


Aus dem digitalen Notizbuch

Man verbirgt schamhaft, wie sehr man sich selbst sichtbar ist.

Ein architektonischer Zwitter: halb Hütte, halb Palast.

Ein Buch, durch das man sich wie auf Zehenspitzen bewegt. (Um das Ge- spräch, das es mit sich selbst führt, nicht zu stören?)

Leser, die durch eine leise Prosa poltern.

Suchen in der Form des Nicht-Suchens.

Jenes Schweigen, das wie der Horizont ist, den man nie erreicht.

Es ist, als erführe er aus diesem Buch seinen wahren Namen.

Einer bewohnt ein tönendes Haus. (Er trägt es wie die Schnecken ihres immer mit sich.)

Die Anmaßung, die in dem Wort Scheitern liegt.

Das Alter, das er verfehlt: der Körper findet es blind.

Klein genug für kleine Sätze. Groß genug für sie.

Auslotendes Lachen.

Einer folgt wie ein Schatten seinem Namen.

Ein Mensch, bei dem sich die guten Gedanken tarnen wie bei andern die bösen.

Eine Gegend, in der alle Herzen langsamer schlagen.

Farben auf Rezept.

Sich um einen Schmerz herum neu organisieren.

Frühe Irrtümer und andere Kostbarkeiten.

Die großen Götter sind die kleinsten.

Einer erkennt sich auf Fotografien immer erst mit zehnjähriger Verspätung.

Ein Ehrengrab im Internet.

Er trägt Tag in die Nacht hinein, Nacht in den Tag.

Ein Gegenüber, das in dem Maße an Sichtbarkeit gewinnt, wie man selbst sie verliert.

Einer trägt die Knochen eines Greises durch eine Jugend, die nicht enden mag.

Ein Mensch, der ein Katalysator für das Böse in anderen ist. (Selbst hat er keinem je ein Haar gekrümmt.)

Halbe Sätze, ja. Wer ganze will, soll zu den Literaten gehn.




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© Ulrich Kölker 2008