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Ulrich Kölker .
D u o d e n a r i u m.
4. Jahr: 2011J a n u a r
Aus dem digitalen Notizbuch
Bei Wasser und Brot in ein Buch gesperrt. Jemanden mit Melodien mästen. Einer erholt sich im Krieg von den Anstrengungen des Friedens. Der kerngesunde Sänger des Verfalls. Eine frisch restaurierte Schande. Sie sammelt Sommer, er Winter. Er träumt von einem bronzenen Außenskelett. Einer auf der verzweifelten Suche nach einer Regel, gegen die er verstoßen könnte. Einer läßt bei jedem Umzug eine Begabung zurück. Der Zuschauer sieht nur die fremden Jugenden enden. Ein Maler, der nie seine Lieblingsfarbe verwendet. Ein Labyrinth, an dem Jahrhunderte gebaut haben. Er hat seinen Sonntagsnamen angelegt. Einer richtet sich in einem fremden Wahn häuslich ein. Ein Wurm erklärt einem Vogel das Fliegen. Er hat nur noch Genreträume. Er trifft keinen Ton, aber er ist der König. Einmal mitschreiben, was man im Traum liest. Mitschreiben, ohne aufzu- wachen. Wo Mut nicht mehr nötig ist, tritt seine Parodie, die Dreistigkeit, auf den Plan. F e b r u a r
Aus dem digitalen Notizbuch
Ein Mensch, der alles nur ein
einziges Mal erlebt.
M ä
r zEine Phrase poltert vorbei. Jede Pointe ist ihm peinlich. Dies Wort war wie ein Schlüssel, der in kein Schloß mehr paßt. Seine Weite erscheint in dieser Enge als krankhafte Abweichung. Er glaubt dem Leben den Tod nicht und dem Tod nicht das Leben. Ein Autor, der alle seine Leser überlebt hat (und trotzdem nicht verstummem will). Ein Gott verliert das Gedächtnis und erkennt seine eigene Schöpfung nicht mehr. Die von der Sprache noch nicht besiedelten Regionen der Wirklichkeit. Die kurze Karriere einer Farbe. Er fliegt nur in geschlossenen Räumen. Mit dem Paradies drohen. Dies Werk zeigt – als Folge einseitiger Ernährung – deutliche Mangelerschei- nungen. Als man sich die Zukunft noch klinisch rein vorgestellt hat. Das Leben, denkt er, sollte einen besseren Abschluß finden als den Tod. Hier haben sich alle neue Namen gegeben, Namen, die wie eine Lizenz zum Sichgehenlassen sind. Einer fühlt sich jung, weil er immer noch Anfängerfehler macht. Aus dem digitalen Notizbuch
Ein Minotaurus träumt ein
Labyrinth, das einen Minotaurus träumt.
Eine farbige Welt schlüpft aus einem grauen Ei. Eine Farbe, die nur einer sieht. Wie soll der sie den andern erklären? Eine Musik, die wie mit Messern über die Hörer herfällt. Ein Planet mit einem Rettungsmond. Eine eitle Pythia, die sich in immer opakeren Dunkelheiten gefällt. Immer vorneweg: die mit leichtem Gepäck. Langsamer zwar, aber auch er altert: der Schatten. Schauringen mit dem Engel. Wenn es könnte, hätte sich das Bild längst einen besseren Maler gesucht. Von der Hypothese ausgehn, du seiest reich. Ein krumm gewachsenes Werk. Ein Kolumbus, der zum hundertsten, zum tausendsten Mal Amerika entdeckt. Ein Übermaß an Zukunft lähmt. Ein Sargtischler, der den Tod verabscheut. Ein südlicher Himmel über einer kargen nördlichen Landschaft. Ein Dieb, der, indem er stiehlt, nobilitiert. Eine Antwort auf der Suche nach der Frage, die sie rechtfertigt. A p r i l
Aus dem digitalen Notizbuch
Über die Rohfassung seines
Lebens nie hinausgelangen und es so verfehlen.
Auch für die Schönheit gilt, daß die Dosis das Gift macht. Für einen neuen Dekalog: du sollst keine heiligen Bücher haben. In die Normalität abdriften. Wenn sie nur ein einziges Mal noch die Unbekannte sein könnte, in die er sich damals verliebt hat! So viele sprechen in ihm, aber nur mit einem verwechselt er sich. Die Maske: ein Gesicht, dem Tod eingehaucht worden ist. Ein Gerechter gönnt sich ein bißchen Ungerechtigkeit. Ein Opfer läßt sich zum Täter umschulen. Genauer träumen lernen. Eine verfettete Seele in einem gertenschlanken Leib. Erst ganz zum Schluß wurde ihm klar, daß er nicht Dr. Jeckyll, sondern Mr. Hyde war. Endlich reif genug für die kleine Liebe, findet er die große. Zu viel vom Leben und zu wenig vom Tod erwarten. Einer inszeniert sich als glücklich Findenden. Das Suchen geschieht in großer Heimlichkeit. Synthetischer Schweiß, den man sich auf die Stirn tupft. Nackte Sätze, aber ohne Geschlecht. Eine soufflierende Wunde. Ein Tier hat sprechen gelernt, aber es bleibt stumm, weil ihm nichts an Kon- versation liegt. M a i
Aus dem digitalen Notizbuch
Wenn die Natur
Farbkombinationen durchspielte?
Einer macht sich einen Namen, und dann vergißt er ihn. Der schattenlose Mittag der Poesie. Ein gleißend heller Tunnel, der zwei stockfinstere Nächte miteinander verbin- det. Ein Tier, das man siezen möchte. Eine lächerliche Hölle. Mindert das Bewußtsein ihrer Lächerlichkeit die Qualen ihrer Bewohner oder verstärkt sie diese noch? Sich mit fremden Wunden schmücken. Er stirbt vor vollen Sälen, lebt aber ganz zurückgezogen. Ein hypochondrischer Planet. Geschmacklose Wunder. Man weist sie mit gehobenen Brauen zurück. Sich um Kopf und Kragen träumen. Ein wie am Reißbrett entworfener Glaube. Was hat dem Maler die Farbe verschlagen? Aus Mangel an Zukunft stürzt sich die Varianten produzierende Phantasie auf die Vergangenheit. Zum Licht der Scheinwerfer hin gewachsen. Den Weg aus diesem Labyrinth findet man nur mit den Füßen voran. Ein Bild mit flachem Atem. Ziele, die nur da zu sein scheinen, damit man sie verfehlt – um anderswo dann doch anzukommen. J u n i
Aus dem digitalen
Notizbuch
Ein Spiegel, der der Raupe den
Schmetterling zeigt.
Die Musik läßt die Muskeln spielen. Zu schüchtern dieser Wind, um Sturm zu werden. Unzerstört schien bei ihm nur der Glaube, daß es Unzerstörbares gibt. Sein Hündchen springt über jedes hingehaltene Stöckchen – jetzt soll es fliegen lernen. Ein Original gibt sich als Fälschung aus. Dunkelsucht. Liebe deinen Nächsten wie ... Die seligen Zeiten, als Selbstliebe noch vor- ausgesetzt werden konnte. Sich berauschen an der Nüchternheit einer Prosa. An der Reife vorbeigealtert. Ein Ozean zwischen Buchdeckeln. Ein Schatten, der sich nicht mehr den Lichtverhältnissen anpaßt. In einer Wolke Wohnung genommen. Verwundert stellen Gott und der Teufel fest, daß sie den selben Schneider haben. Der Fotograf hat ihn gut getroffen: waidwund kriecht er aus dem Bild. Nächte, die sich schlank gehungert haben. Aber du sehnst die alte Üppigkeit zurück. Sie sprechen verschiedene Dialekte der Grausamkeit. Sie ist wie ein Reimwort, das zu nahe liegt. J u l i
Aus dem digitalen Notizbuch
Asyl nehmen im Land der Leisen.
Er ist wie einer, der Flaschenpost verschickt, um Porto zu sparen. Einer bettelt sich alle Farben zusammen. Einer hat eine Sintflut überstanden und ertrinkt dann in einer Pfütze. Der Berufspositive: überall schmiert er seine Regenbögen hin. Theseus’ Nachfahren poltern als Touristen durchs Labyrinth. An Schönheit überfressen. Einen Außerirdischen fragen, was er vom Tod weiß. Fieber senkende Bilder. Er nähert sich der Gegenwart mit so leisen Schritten, daß man meinen könnte, er habe Angst, von ihr entdeckt zu werden. Einer gibt sich einen neuen Namen, aber den hat er auf der Straße aufgele- sen. In die Mitte verirrt. Ein Architekt, der nicht länger bewohnbare Häuser bauen mag. Licht in die Vene spritzen. Eine Zweifelsgemeinschaft, ihre Rituale. Er hat als bellender Mensch Karriere gemacht. Nun hält er als Kuriosität einen sprechenden Hund. A u g u s t
Aus dem digitalen
Notizbuch
Der Zauberer möchte einmal
wieder staunender Zuschauer sein.
Sein Rot betrügt ihn mit einem anderen Maler und sein Blau verweigert sich ihm. Ins immer offene Ohr des Windes gesprochen. Ein Porträtist, der nicht ans Gesicht glaubt. Wenn kein Schiff kommt, üben die Sirenen Tonleitern und Koloraturen. Im Wort Scheitern erscheint das Mißlingen wie mit Filmmusik unterlegt. Eine Prosa mit verführerischem Silberblick. Eine Handschrift, die sich einer Handschriftvermeidungsstrategie zu verdan- ken scheint. Ein Haus, in dem jeder ein anderes Jahrzehnt bewohnt. Eine Schönheit, die erst im Verschwinden sichtbar wird. Wie viele Wiederholungen verträgt ein Wunder? Ein Mensch, bei dem sich Stimme und Körper in verschiedene Richtungen bewegen. Während er altert, wird sie jünger und jünger. Ein Elefant studiert den Vogelflug. Eine leuchtende, alle Wahrheit überstrahlende Lüge. Augen, mit denen man auf die andere Seite des Todes sehen kann. Einer, den ein zärtliches Gefühl für die Dinge zum Dieb gemacht hat. S e p t e m b e r
Aus dem digitalen
Notizbuch
Antworten mit hohem, Antworten
mit geringem Brennwert.
Er hat zwei prachtvoll befiederte Flügel geerbt, aber er weiß, die Kraft seiner Arme wird niemals zum Fliegen reichen. Eine Prosa, die wie reiner Sauerstoff, eine Prosa, die wie abgestandene Luft ist. Der letzte Sprecher einer mit ihm sterbenden Sprache. Auch wenn er nichts als Banalitäten von sich gibt, jeder Satz scheint uns wert, mit Gold auf- gewogen zu werden. Endlich gibt es ein Schatzsucherdiplom, aber wo sind die Schätze, die noch zu heben wären? Ihm will einfach kein Urwald gelingen. Immer stehen bei ihm alle Bäume in Reih und Glied. Sich in eine Meinung retten. Ein Gott, der den Nominativ meidet. Dies zärtliches Gefühl für die, welche kleckern statt zu klotzen. Ein niemals Ankommender fingiert Angekommensein, ein längst Angekom- mener Nichtankommenkönnen. Eine Krankheit, die als Parodie der Gesundheit daherkommt. Ein Gläubiger, der akzentfrei die Sprache des Zweifels spricht. Seine Leidenschaft für die Wahrheit schien allen etwas Ungesundes zu haben. Seit er seinen Träumen kaum noch Aufmerksamkeit schenkt, scheint man sich dort, wo sie entstehen, auch kaum mehr zu bemühen, besseres als routinierte Dutzendware zu liefern. Was will er hier im Norden mit seiner tropentauglichen Sprache? O k t o b e r
Aus dem digitalen
Notizbuch
Die Toten schließen nicht
ab, denn sie wollen bestohlen werden.
Der Brief ist geschrieben, aber der Postbote liegt noch in der Wiege. Hier soll eine Stadt entstehen, aber noch ist nichts da außer einem Schuhkar- ton voller Straßennamen. Die Vollkommenheit mit der stärkere erotische Signale aussendenden Unvoll- kommenheit betrügen. Der Ehrgeiz des Malers, der andere Ehrgeiz der Bilder. Dem, der nichts zu sagen hat, ist alles zu sagen möglich. Der Tod hat die besseren Argumente, aber das Leben setzt all seine Über- redungskunst dagegen. Als sich herausstellte, daß die Früchte vom Baum der Erkenntnis fad wie Mehlbeeren waren, war es bereits zu spät. Hier fließt nichts mehr, alles ist zu Werken geronnen. Einen hat die Wüste zum Blumenmaler gemacht. Ein Werk, das in einem kunstvollen Striptease alle Interpretationen abwirft. Sie ist Eva, aber eine Eva, die gleichzeitig Schlange und der verbotene Früchte tragende Baum ist, er aber ist nur Adam, Adam und sonst nichts, verwirrt und überfordert. Der Kunst den kleinen Finger gereicht, doch sie hat die ganze Hand ge- nommen. Bei Meister Zufall in die Lehre gehn. Der Routinier der Verwirrung: wie er mit seinen immer gleichen Labyrinthen langweilt. Die ständig wiederholten Fragen bekommen irgendwann Antwortcharakter. Ein ganzes Universum hat Platz in Gottes Schweigen. Die Armen ziehen in die verfallenen Paläste und die Reichen in die aufge- motzten Hütten. N o v e m b e r
Prosa
Seine letzte Erfindung: ein
gläsernes Labyrinth. Zu errichten über dem für den
König gebauten, aber ohne Berührung mit diesem, am Boden
vertäut über ihm schwebend, getragen von den hundert
Händen des Windes. Ein Labyrinth für Vögel und andere
geflügelte Wesen wie ihn und seinen Sohn. Eine Erfindung, mit der
er, wäre sie zur Ausführung gelangt, sich selbst einen
Streich gespielt, aber auch dem Tod einen Strich durch die Rechnung
gemacht hätte, denn das Labyrinth hätte den Sohn in den
unteren Luftschichten festgehalten, ihn gehin- dert, der Sonne zu nahe
zu kommen.
Aus dem digitalen Notizbuch
Er hat einen Kreis um sich
gezogen, in den nichts unverwandelt gelangt.
Zehn bis zwanzig Generationen zurück und der Mensch ist ein zu allem fähiges grausames Tier. Zehn bis zwanzig Generationen vor? Das Bild hat längst vergessen, wie der hieß, der es gemalt hat. Ein Roman wie ein – zu ihrer Rechtfertigung – um eine Treppe herum ge- bautes Haus. Ein ziehender Schmerz in der Brust: daß dem Herzen dieser billige Reim nicht zu blöd ist! Ein Unsichtbarer, der sich in die Sichtbarkeit frißt, sichtbar wird in dem, was er – wahllos – in sich hineinstopft. Eine alte Antwort schminkt sich Jugend ins Gesicht. Eine Dose Namenlack. Gedanken, für die deine Hände zu schmal sind. Er malt immer ein wenig an der Melodie vorbei. Die Hölle versorgt den Himmel mit Fernwärme. Ein Bild, das auf das Flüstern der Farben zu lauschen scheint. Eine Malerei, die polternd in die Stille der weißen Leinwand einbricht. Ein nahezu erblindeter Stil. Ein Wissenschaftler versucht ein Tier zur Wertschätzung des rechten Winkels zu erziehen. Zwischen lauter Bildern, die »hier!« rufen, eins, das »dort« sagt. In den Spiegeln, die einen überraschen, in die man unvorbereitet blickt, ist man älter. Er malt Hände, immer nur Hände, und er malt sie mit dem Mund. Eine Geschichte, deren Moral scheppert wie das der Katze an den Schwanz gebundene Blech. Einer schlingt alles, was auch nur ein wenig nach Wunder schmeckt, gierig in sich hinein. D e z e m b e r Prosa
Aus dem
digitalen Notizbuch
Ein Strand
voller eigensinniger Sandkörner.
Bilder,
die stark genug sind, um den Sinn in Schach zu halten.
Sich in eine fremde Erinnerung verirren. Das Geschlecht dieses Textes ließ sich einfach nicht eindeutig bestimmen. Er hat sich seine Lehrer nach dem Klang ihrer Namen ausgesucht. Er will schreien, immer schreien, aber es kommt nichts als Gesang heraus. Die Götter schweigen sich zu Tode. Ein Spiegel lernt lügen. Die Unruhe, die in die Kultur kommt, als die Geschichten die Autorität der My- then verlieren. Marodierende Metaphern ziehen meuchelnd und mordend durch den Text. Kein Begriff ist vor ihnen sicher. Womit soll der Maler die Farbenblinde verführen? Soll er überhaupt? Das Haus öffnet sich der Zeit und verschließt sich dem Raum. Die Zukunft gebiert Vergangenheit um Vergangenheit. Vagabundierende Träume auf der Suche nach Träumern, die sie weiterspin- nen. Er verfehlt die Zeit, die Verwendung für ihn hätte, nur um ein paar Jahre. Wie den Händemaler die Gesichter langweilen! Das Gedicht schaut dich wie mit Glasaugen an. Einem blinden Gott seine Schöpfung beschreiben. Die Uhr entblößt die Zeit. zurück © Ulrich Kölker 2011 |