Die Ballade vom traurigen Kantor

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    Es war einmal ein junger Mann,
    dem`s die Musik hat angetan.
    So klimperte er schon mit vier
    den frohen Landmann am Klavier.
    Mit sechs begann das Geigenspiel,
    auch die Posaune blies er viel,
    drum sprach er: "Mein Talent gebeut,
    flugs aufzubrechen nach Bayreuth,
    woselbst ich als mein Lebensziel
    das Amt des Kantors wählen will!"

    Es war einmal ein junger Spund,
    der gar nichts von Musik verstund.
    Dagegen merkt` er schon mit drei,
    daß er ein großer Künstler sei.
    Er redete in einem fort
    und türmte rastlos Wort auf Wort,
    drum sprach er: "Mein Talent gebeut,
    flugs aufzubrechen nach Bayreuth,
    damit von dort ich geh` hervor
    als ein begnadeter Pastor!"

    Und wie`s das Schicksal oft so will,
    sie kamen ins gleiche Kirchenspiel.
    Der eine auf die Kanzel stieg,
    der and`re machte die Musik.
    Und siehe, nach drei Wochen schon
    gab`s einen Krach am Telefon:
    der Kantor fragt` am Samstag spät,
    ob man die Lieder noch nicht hätt`.
    Der Pfarrer fauchte trutzig: "Nein!" -
    und hing den Hörer wieder ein.

    Das ging nun jeden Samstag so,
    der Kantor war des gar nicht froh.
    Am Sonntag, wenn die Glocke scholl,
    erfuhr er, was erspielen soll.
    Doch langsam packte ihn die Wut,
    wild wallte ihm sein Künstlerblut:
    Und als dann eines Sonntags gar
    beim Vorspiel erst das Lied da war,
    da reift in ihm in blindem Wahn
    ein fürchterlicher Racheplan.

    Er stellt sich grimmig das Programm
    für nächsten Sonntag selbst zusamm`
    und spielt mit Tutti und Verdruß
    ein Lied von Melchior Vulpius.
    Der Pfarrer, der als Kontrapunkt
    sein eig`nes Lied dazwischen funkt,
    erreicht doch nicht trotz großer Kraft
    die Stärke, die die Orgel schafft.
    Drum schreit er wütend und voll Groll:
    "Der Kantor ist des Teufels voll!"

    Da reißt dem Kantor die Geduld,
    er springt herab vom Orgelpult,
    zermalmt das Haupt des Parochus
    mit einer Pfeif`von 16 Fuß.
    Gebrochen von der Schuld und Schmach
    holt er noch einmal seinen Bach,
    zerschneidet sich den Puls geschwind
    und spielt, derweil sein Blut verrinnt,
    die Kaffeewasserfuge noch, -
    worauf er auf der Stell`verbloch.

    Jedoch damit ihr jetzt nicht flennt,
    kommt`s dennoch noch zum Happy End.
    Dem Kirchenvorstand der Gemein`
    fiel nämlich eine Lösung ein:
    sie schafften einen Mann sich an,
    der predigen und orgeln kann,
    und brachten eine Drahtseilbahn
    vom Orgelpult zur Kanzel an.
    Denn nur durch Personalunion
    verträgt sich Wort und Orgelton.