Prosa
|Schneidermeister Schwarz| Der Riss in der Stadt|


Schneidermeister Schwarz

Es mag Sie vielleicht verwundern, vermutlich hätten Sie es nie gedacht, aber ich besitze eine Schneiderei. Das wäre soweit nicht ungewöhnlich, wäre ich nicht - ja wäre ich nicht der böse Wolf.

Ich bin der böse Wolf. Unter Schafen. Die Schafe fürchten mich längst nicht mehr mit dem Monokel hinter die Schnauze geklemmt, einer Puderperücke auf dem Kopf und den Hinterläufen in glänzend polierten Spangenschuhen. Ich bin einer von ihnen. Ich bin der Böse Wolf unter Schafen.

Das mag für Sie nun befremdlich klingen, aber ich finde, so ein Leben als Maßschneider wird maßlos unterschätzt. Ansehen, Bequemlichkeit und Kurzweil sind nicht mit den alten Tagen zu vergleichen, auf die ich im Allgemeinen nur sehr widerwillig zurückblicke. Dieses ganze martialische Böser-Wolf-Sein im dunklen Wald war nie meine Sache gewesen und nachdem mich der Förster recht rüpelhaft angeschossen hatte, als er mich in verhängnisvoller Pose über diesem Balg von Rotkäppchen ertappte, war es genug. Nach all den Scherereien und mit einem lahmen Vorderlauf war es an der Zeit, das Raubtier an den Nagel zu hängen. Stattdessen habe ich all dies hier aufgebaut: eine bescheidene, kleine Nähwerkstatt, wo Stoffballen von wollenem Filz und Leinen zur Decke aufgestapelt sind, der Notizenstoß mit Aufträgen kein Ende zu nehmen scheint und meine Nachbarschaft nur aus Schafen besteht.
Heute muss ich mich nicht mehr im Schafsfell unter Schafe schleichen. Mitnichten! Dieses habe ich längst gegen einen eleganten Justaucorps mit sechsundzwanzig goldenen Knöpfen eingetauscht. Und anstatt mich selbst zu kostümieren, verkaufe ich den Schafen nun Kostüme. Was für ein Lebenswandel: Ich bin der schneidernde Wolf.

Heute Mittag, der Glockenturm der Stadt schlug elf, machte ich mich auf den Weg zum Bürgermeister der Schafe, dem beliebten, edlen Johann Graf von Gulden, der einen neuen Gehrock für den nahenden Winter bestellt hatte. Ich tappte durch die Straßen, vorbei an strickenden, greisen Schäfinnen und durch eine Schar spielender Lämmer, die laut schrieen:

"Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?"
- "Niemand! Niemand!"
"Und wenn er aber kommt?"
- "Dann laufen wir davon!"

worauf sie auseinanderstoben wie eine Herde ohne Hirte, um kopflos dem fangenden Lämmlein zum Opfer zu fallen. Am Ziel pochte ich, den Blick noch nach hinten gewandt, an die Pforte des Bürgermeisters im Schatten des windschiefen Glockenturmes.

"Guten Tag, Herr Schwarz" sprach der Bürgermeister nach dem Öffnen der Türe. Achja, das vergaß ich zuvor: Mein Name ist Herr Schwarz. Eine Wahl, die nahe lag als ich als schwarzpelziger Wolf ein neues Leben unter weißen Schafen beginnen wollte. "Sie sind wegen des Anzuges gekommen?" blökte er weiter. Ich fletschte die Reißzähne zu einem freundlichen Lächeln und versicherte ihm eben dies. In seinem Arbeitszimmer - ich will gar nicht erwähnen, wie herrlich bieder und gemütlich es eingerichtet war - stellte er sich unverzagt auf einen Stuhl und streckte die Vorderbeine weit von sich. Sogleich zum Zollstock gegriffen, nahm ich Maß von Hals und Schulter und Schenkel. Er würde wunderbar hinein passen. Nur am Kopf müsste ich wohl etwas kürzen. Ich nickte zufrieden.

"Das hätten wir. Einen angenehmen Tag wünsche ich noch, Herr von Gulden. Ich melde mich, sobald der Gehrock fertig gestellt ist. Dann kommen sie vorbei in meine Schneiderstube und sind nur mehr verschwindend wenige Heftstiche vom niegelnagelneuen Winterrock entfernt."

Nach Hause ging ich über den Markt, nahm dort unterwegs noch ein Körbchen voll gelber Rüben und Zwiebeln mit, ehe ich mich zurück in der Werkstatt am Tische niederließ, und machte mich nach wenigen Strichen mit der Schneiderkreide daran, des Bürgermeisters Rock aus dickem, ziegelrotem Wollfilz auszuschneiden. Ich liebe mein Handwerk. An der Hüfte Falten eingeschlagen, den Gehschlitz eingesäumt, die Ärmelchen lieblich an die Schulter gerafft und alles mit zarter perlenweißer Seide ausgefüttert. Ein Ärmelaufschlag angeheftet, Rosshaar in den breiten Kragen, damit er auch fest steht und mit etwas filziger Wolle die Brust ausgestopft, stolzgeschwellt, wie er es gerne hat. Drei Dutzend silberne Kugelknöpfe auf Ärmelstulpen, Rücken, Brust: Fertig noch bevor die Dämmerung hereingebrochen ist. Recht so. Ich bin der schneidernde Wolf.

Sogleich noch für die Nacht den Bürgermeister zu meiner guten Stube herbestellt, ihn auf den Schemel hoch gehievt und kritisch durch das Augenglas mein Machwerk mit dem stolzen Nicken eines Künstler selbst gelobt.

Und wie er so im Gehrock vor mir steht, die Arme hebt und senkt, wedelt, sich bückt und sich anderswie verrenkt um das kleinste Zwicken aufzuspüren, öffne ich die Schere in meiner Hand und stoße sie dem Bürgermeister in den Hals worauf er unter gellem Gurgeln vom Schemel stürzt. Ich ziehe die Schere meinem Gebiss vor. Wenn man erst einmal in die Zivilisation gefunden hat, gewöhnt man sich an, nicht mehr alles in den Mund zu nehmen.
Und wenn ich eines in meinem Vorleben als Böser Wolf gelernt habe, ist es, das Fleisch nur tot zu kochen. Das echte Leben ist für uns Räuber manchmal ähnlich verflixt wie das Märchen und so manch lebende Sau mit Apfel in der Schnute ist mir schon wieder aus dem Kessel gesprungen. Ja, sicherheitshalber kann es nicht schaden, die Schneiderschere noch einmal kräftig in seine Leber zu treiben, was obendrein, durch schwarzes Blut, den Beigeschmack des Bratensudes nur verfeinert. Schnell wird er umgewuchtet in die Kasserolle - richtig ausgemessen: der Kopf muss ab! Schnipp! Schnapp! Da rollt er schon.
Mit zwei, drei Schnitten öffne ich den Bauch und Magen und stopfe, dem Winter eingedenk, Trockenobst und Nüsse Pfund um Pfund hinein, und für die Süße kuschelt sich ein Apfel ins Gedärm. Flink die Zwiebeln kleingehackt und auf seinen fetten Wanst gestreut, die Rüben zart in Scheiben hinterher, Salz, doch nicht zuviel, und Pfotenweise Pfefferkörner!
Sein Haupt, zum Schluss am Rande schön dazugerichtet, schaut mich durch die dicke Scheibe aus der Bratenröhre an - noch ein, zwei Scheite Holz - bis es des Grafen Augen doch zu heiß, um herzzereißend ängstlich drein zu blicken.

Ich bin der schneidernde Wolf. Den Gehrock, den neuen, blutverschmiert und grausig anzusehen, finden die Schafe morgen im Wald, werden dank der falschen Fährte den Fuchs zum Teufel wünschen und nach dicken Tränen alter Damen, ich, der alte Freund, klopfe tröstend auf die Schulter, singen bald die Lämmer:

"Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?"
- "Niemand, Niemand!"
"Und wenn er aber kommt?"
- "Dann laufen wir davon!"

Wie schrecklich sie sich irren, aber woher sollten sie es besser wissen in ihrer Unschuld? Dass sie nicht davonlaufen, sondern mir die Hufe reichen, merken sie immer erst, wenn es zu spät ist. Ich bin der böse Wolf, verzeihen Sie, ich weiß, Sie wünschen sich, ich würde hinter Busch und Stein auf junge Zicklein lauern, aber man muss mit der Zeit gehn, um im Wettbewerb Bestand zu haben, muss das Schafsfell gegen feinere Zwirne tauschen.

Der Hotzenplotz hat's mir, so habe ich vernommen, im Übrigen schon gleichgetan, den Rauschebart in großen Locken abgeschnitten, und lebt nun unerkannt im nahen Menschendorf. Dem Kasperl soll er auch schon mit der Donnerbüchse ungestraft den Kopf vom Kittel abgeschossen haben, wofür sie den Seppel am Stricke henkten.

Lachen Sie nicht. Ich wohne in Ihrer Stadt. Grüße Sie beim Morgenspaziergang freundlich über die Hecke hinweg. Flicke Ihre Kleider. Sehe Ihren Kindern beim spielen zu.
Und: ich bin der Böse Wolf.

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Der Riss in der Stadt

Als ich gestern Nacht aus dem Fenster blickte, war ein Riss in der Stadt.

Passanten, welche ihn weder sehen wollten, noch konnten, wozu sie nämlich ein aller erstes mal ihr Haupt hätten heben müssen, stürzten in Scharen hinab in die schwarze Tiefe. Hinab und hinab. Im freien Fall zerschlugen sie sich die erstaunten Gesichter an den Gerippen von Kanälen und Bleirohren - hinab und hinab - bis sich ihre überraschten Rufe im Riss verloren. Manch Glücklicher kam auf Vorsprüngen aus Fundamentbeton oder in einem aufgebrochenen Kellergeschoß zwischen Umzugskisten und ausrangierten Möbeln zum liegen, anstatt immer tiefer zu fallen, hinab und hinab.

Montagehallen und heimelige Häuschen wurden mittig zerteilt und auseinander geschoben. Ziegel stürzten von den gespaltenen Dächern, zerschlugen die Scheiben von Schaufenstern, Brillenträgern und Fahrzeugen, die sich in langen Schlangen auf beiden Seiten des Risses drängten. Sie hupten lauthals Smetana, wobei langsam aber beständig Vordermann um Vordermann hinab gedrängt wurde.
Es gab für sie kein zurück: die Unterführungen waren voll gelaufen mit Wasser. Karpfen und Baramundis tummelten sich behände darin, schnappten wild und dunkelschuppig nach den umherschwirrenden Fliegen über ertrunkenen, aufgeblähten Hauskatzen, die ihre Bäucher zum schwarzen Himmel hin streckten. Asphaltstaub und Pflastersteine regneten herab, schlugen die Stadt paukengleich, während der Riss sich im Laufschritt durch nächtliche Straßenzüge fraß.

Hier und da ließ er lichterloh brennende Tankstellen zurück, welche die letzten schwirrenden Motten vor dem Einbruch des Winters um ihr Leben brachten, ehe das Feuer wie die anschwellende Hoffnung Aller, entkommen zu können, auf benachbarte Gebäude und deren schlafende Bewohner übergriff. Doch am Zenit seines Festmahles erstickte es in den einsetzenden Sturzbächen. Schlammiges Wasser wusch laut grölend die Straßen leer, riss Alles und Jeden hinab. Und hinab.

Smetana verstummte. Der Riss durchschlug das Bahngleis mit der gleichen Leichtigkeit, mit der die kurz darauf entgleisende Lokomotive den zur Rettung nahenden Löschzug durchtrennte. Hinab und hinab. Der Riss kam am Stadtrand zu stehen, als das letzte Licht ausging.

Ich stand staunend am Fenster bis der Morgen graute, aber der Riss war verschwunden. Bei beißender Kälte schoben sich stattdessen Fahrzeugkolonnen langsamen Schrittes durch die Straßen, die Pendler kratzten schweigsam den ersten Reif von ihren Scheiben, und die Kinder an den Bushaltestellen trugen ihre Mappen in dicken Wollhandschuhen.
Ich beobachtete noch lange das träge Treiben in der Stadt durch mein transparentes Spiegelbild. Das Fensterglas, durch das ich blickte, hatte in der Nacht einen zwarten, fein geäderten Sprung bekommen, ich sah ihn durch meinen Kopf wandern. War das der Winter?

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