1. EINLEITUNG
Man kann wohl mit Sicherheit behaupten, dass es auf
der Welt keine Sprache gibt, die sich in totaler Einsamkeit befindet und nie im
Kontakt mit anderen benachbarten oder weit entfernten Sprachen ausgesetzt
worden ist. Tatsächlich erscheinen Sprachen als raumzeitlich verteilte
Variationen, die sich primär innerhalb räumlichen Gemeinschaften durch eine
zeitliche Dimension entwickelt hatten (Wildgen, 1988:7) und im Laufe des
Entwicklungsprozesses durch Zweisprachigkeit beim ständigen Austausch
befindlichen Gemeinschaften mehr oder minder stark beeinflusst wurden
(Weinreich 1970:1), d.h. die Koexistenz verschiedener Sprachsystemen führt zu
andauernden und intensiven Sprachkontakten über ihre Grenzen, die zu direkten
Entlehnungen kommen. Sprachkontakte voraussetzen demnach die soziale
Integration und die Anpassung an fremde Kulturen.
Demnach spielt die Arealeinwirkung von Sprachen wichtige Rolle in der
Sprachgeschichte und führt zur typologischen Ähnlichkeiten, die das Modell der
genealogischen Sprachverwandtschaft verunklären können, da gleichberechtigte
unverwandte Sprachen, die z.B. in benachbarten Gebieten gesprochen sind, oder
auch Dialekte einer eigenen Sprache weiter sich beeinflussen können, deren
Spuren erst auf dem Wortschatz der betreffenden Sprachen und danach auf ihren
verschiedenen sprachlichen Ebenen (Lautung, Morphologie und Syntax)
unterschiedlich umgesetzt werden können (Krifka, 2001:6).
Infolgedessen teilt man diese allgemeine Sprachkontaktwirkungen in
verschiedenen Kategorien, bzw. Substrat, Superstrat, Adstrat. Während Substrat
und Superstrat sich auf vertikale Beeinflussungen zwischen Eroberer- und
Besiegtensprache beziehen (López: Substrat), bezeichnet Adstrat ein
horizontales Nebeneinander von zwei Sprachen durch langjährige Nachbarschaft
(López: Adstrat). Wenn die einheimische Sprache einer autochthonen Gemeinschaft
(S1) von einer erobernden Sprache (S2) eingeführt wird, so ist S1 das Substrat
von S2. Wenn die ursprüngliche Sprache (S1) wegen ihres geringeren Prestiges
nicht im ganzen angenommen wird, sondern mit der Zeit selbst von den Eroberern
aufgegeben wird, ist S2 das Superstrat von S1, vgl. z.B. das vaskonische
Substrat und das arabische Superstrat im portugiesisch, das keltische Substrat
und das romische Superstrat im germanisch. S2 ist das Adstrat von S1, wenn ein
Teil der Sprachgemeinschaft von S1 auch S2 spricht, aber die Beeinflussung wird
nicht zu einem Dominanzverhältnis, und gibt sich ohne ein klares Machtgefälle
zwischen den Sprachen in der Sprachgemeinschaft von S1. Z.B. ist französisch
ein Adstrat im deutsch (Dietrich, 1990:138-140).
In dieser Kontext erscheinen Entlehnungen, die grundsätzlich Wörtern oder
seltener Ausdrücke entsprechen, die aus fremden Sprachen aufgenommen worden,
und hinsichtlich Aussprache und Abwandlung an die aufnehmende Sprache angepasst
sind (Duden, 1996:940).
Verschiedene Sprachkontaktentwicklungen bei der Ausgliederung der
indoeuropäischen Sprachen sind schon überprüft worden. Manche Forschungen
stellen Einflüsse ihres germanischen Zweiges auf die Uralische Sprachen dar,
wie z.B. Urgermanische auf die Saamischen (Sköld, 1960), Finnischen (Collinder,
1932), Ostseefinnischen (Hahmo, 1991, 1996), usw.. Welche Bedeutung die
Kontaktsprachen für die Herausbildung der germanischen Sprachen im einzelnen
gehabt haben, ist aber noch höchst unbestimmt, da diese Einsicht ins Blickfeld
der Forschung bislang oberflächlich gerückt ist. Das ist leicht zu bemerken,
wenn man die Herkunft von bestimmten nicht-griechisch-lateinischen „deutschen“
Wörtern in deutschen etymologischen Wörterbüchern nachschlägt, die vielfach nur
bis auf gotisch zurückführen. Die Existenz einer vorgermanischen unbekannten
Sprache in Nordeuropa wird zwar von einigen Forschern angenommen. Nach Eggers
sei ca. ein Drittel des germanischen Wortschatzes auf nicht-indoeuropäische
Abstammung zurückzuführen (Eggers 1963:26).
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist mögliche uralische Herkunft der Wörter
des Basislexikons der deutschen Gegenwartssprache zu untersuchen. Dabei wird
die Integration der Sprachwissenschaft im Zusammenhang mit dem jeweiligen
geschichtlichen Rahmen hingewiesen, und die Multiethnizität in Westeurasien im
Auge behalten.
Zunächst soll dargestellt werden, wann und wie das Urindoeuropäische mit
seinem Ururalischen Nachbarn sprachlich in Berührung kam. Sicher ist aber, dass
die Sprachen bereits in Wechselwirkung miteinander standen, als man noch nicht
einmal von deutschen, friesischen schwedischen, gotischen, finnischen,
samischen oder wogulischen als eigenständige Sprachen sprechen konnte. In den
darauf folgenden Kapiteln soll im Detail aufgezeigt werden, wie das Uralische
im Wortschatz seine Spuren in der deutsche Sprache hinterlassen hat.