2. GLIEDERUNG DER ARBEIT UND THEORETISCHE
ERWÄGUNGEN
2.1. AUSWAHL DER KORPUS
Grundlage für den Vergleich ist die Erstellung eines Gemeinwortschatzes von
Urbegriffen, bzw. Elemente, die universell menschliche Erfahrungen erfassen,
die unabhängig von regionalen Ebenen und von kulturellen Sitten und Gebräuchen
existieren. Nach diesem Konzept und auf der Basis der Swadesh-Liste, die
mittels der Glottochronologie entwickelt wurde, ist ein Wortschatz aus
Verwandtschafts- Körperteil- Tat- Umwelt- und Farbbegriffen erarbeitet worden,
dessen Einträge nach solchen semantischen Klassen aufgeteilt wurden. Beim
Vergleich wurden rekonstruierte Ursprachen als Referenz berücksichtigt, um zu
bestätigen, ob die zuordnenden deutschen Wortstämme entweder aus
Indoeuropäischen, Uralischen oder aus anderen Sprachfamilien entstanden. Dafür
wurde die urgermanische Grundformbedeutung jeder Wortstamm untersucht, und eine
semantische Netz damit erbaut, aus der seine Beziehung mit benachbarten
Sprachen rekonstruiert worden sein könnte. Nach der ausführlichen Darstellung
des Phoneminventars der (Ur)Sprachen (siehe Anhang 2-3), das für die
Einschätzung der Lehnvorgänge unentbehrlich ist, wurde die Materialsammlung im
IPA-Zeichensystem wiedergegeben und durch eine Access-Datenbank aufbereitet.
Unter diesen Bedingungen und anhand von folgenden Kriterien könnten mögliche
Einflüsse betrachtet werden.
2.2. DIE METHODE
Der erste Schritt ist zu ermitteln, ob und mit welcher Zuverlässigkeit die
Ursprünge der ausgewählten deutschen Wörter indoeuropäisch charakterisiert
werden können. Deswegen wird erstens jedes Wort sowohl in traditionellen als
auch in moderneren deutschen etymologischen Wörterbüchern untersucht, um genau
darzustellen, wie und in welchem Umfang es stammt. Ihre urgermanischen
Wortstämme werden dadurch gekennzeichnet. Aus Gründen der Systematik gilt ein
Wort als germanisch, wenn es außer im Deutschen noch im Gotischen bezeugt ist
(Kluge, 2002: Angaben bei Erbwörtern aus älterer Zeit). Nachher werden dieselbe
Wortstämme mit ihrer Entsprechungen in der übrigen indoeuropäischen
Tochtersprachen und in Anatolischen verglichen. Wenn der Wortstamm sowohl im
Urgermanischen als auch im meisten der urindoeuropäischen Tochtersprachen
anwesend ist, bzw. zumindest in einer west- (Urkeltische, Uritalische), in
einer mittel- (Uralbanische, Urgriechische, Urslawische, Urbaltische) und in
einer ostindoeuropäischen (Urtocharische, Urarmenische, Uriranische,
Urindische, Urslawische, Urbaltische) Sprache, wird er wahrscheinlichst
urindoeuropäisch charakterisiert. Aus dieser Gleichung werden systematisch
gemein-indoeuropäische Wortstämme rekonstruiert. Wenn der Wortstamm nur im
Urgermanischen anwesend ist oder innerhalb desselben Sachbereiches es keine
festgelegte Entsprechung in den anderen indoeuropäischen Tochtersprachen gibt,
wird er vermutlich als nicht-indoeuropäisch gesehen, und unter den
Zweifelsfällen einordnet.
Der zweite Schritt ist die Ursprünge der unter den Zweifelsfällen
einordneten Wörtern beim Vergleich mit den ururalischen Wortämmen zu erproben.
Deswegen werden die entsprechende ururalische Wortstämmen untersucht. Das
Urugrische, das Urfinnopermische und das Ursamojedische werden als Richtwert
benutzt, ihre genaue Herkunft festzustellen.
Falls dergleichen Wurzeln bei den unter den Zweifelsfällen einordneten
Wörtern identifiziert werden, werden diese urfinnougrischer Abstammung
bezeichnet (wegen diachronisches ethnogeographischen Umstands [siehe Anhang 1]
wird das Samojedische unmöglich betrachtet). Hier ist sowohl eine Entlehnung
aus dem Ugrischen als auch eine Beeinflussung durch das Finnopermische zu
bestätigen. Falls solche Wurzeln in der urugrischen Stammliste besitzen, aber
keine finnopermische Entsprechung entdeckt wird, kann man von der Entlehnung
aus dem Ersten ausgehen, andererseits wird die Zweite ausgewählt.
Es gibt auch eine dritte Möglichkeit, bei der das Wortstamm sowohl in dem
Urindoeuropäischen als auch in dem Ururalischen anwesend ist. In dieser Fall
wird seine Herkunftssprachfamilie diejenige, deren Wortstamm den breitesten
semantischen Bereich enthält. Diese Stämme werden dann als Substrat gesehen.
2.3. DIE TRANSKRIPTION
Bei der Transkription sollen folgenden Punkte beachtet werden. Aus
systematischen Grunde für das Einrahmen der Sprachen in vergleichbaren Sphären
wurde die phonetische Transkription aller Tochtersprachen auf der Basis ihres
Ursprachfamilienlautsystems (siehe Anhang 2-3) wiedergegeben, d.h. die
Darstellung der rekonstruierten Wortstämmen jeder Tochtersprache wurde durch
metasprachliche Quellen phonologisch erarbeitet, ohne trotzdem ihre Struktur zu
verformen, bzw. Gemination, Aspiration und vokalische Dehnungen wurden
abgelegt.
2.4. DER LAUTWECHSEL
Laute verändern sich im Laufe der Zeit. Beim
Übergang in andere Sprachen werden Lautformen gelegentlich verändert um der
Sprechbarkeit oder des Wohlklangs willen (Kluge, 2002:Lautstand).
„Phonetically conditioned sound changes are attributed to biological
factors which include the physical shape of the vocal organs, their movement,
and the accoustic consequences of these properties“ (Gurevich, 2003:iii).
Das ist der Lautwechsel, der von besonderen Bedingungen abhängig sind, von
denen Assimilation, Dissimilation und Metathese in dieser Forschung
berücksichtigt wurden. Unter einer Assimilation versteht man, dass ein Laut an
einen anderen, im Wort benachbarten, ganz oder teilweise angeglichen wird, z.B.
finn. hevonen < urbalt. *eçsvajnis „Pferd“: das Dental (s) ist
an das Palatal (ç) assimiliert worden, das sich in der finnischen
Glottalentsprechung (h) angeglichen hat (Liukkonen, 1999). Umgekehrt geht es
bei der Dissimilation. Wenn zwei gleiche Laute nur durch wenige Laute getrennt
sind, dann werden sie häufig unähnlich gemacht. z.B. nhd. Köder < mhd.
kwerder: das erste r wurde durch Dissimilation beseitigt (Kluge,
2002:Lautstand); ostj löŋkər, ung. eger.“Maus“: das l
und das ŋ wurden durch Dissimilation beseitigt (Honti, 2001:241). Bei
einer Metathese werden zwei Laute miteinander vertauscht, der eine springt um
den anderen herum z.B. russ. kanabra < finn. kanarva
„Heidekraut“ (Samoilova, 2001:165).
Ein Lautwechsel bei Konsonanten ist
häufig, aber folgt fast immer besondere Lautgesetze, z.B lat. curvus,
griech. gripos, slaw. kriv und germ. krumba „krumm“ (g ↔ k), (v ↔ p ↔mb); myk. ehensi und agriech. enti „sie sind“ (s ↔ t).
Dieselbe Prozes wurde schon in uralischen Sprachen kennzeichnet, wie dies
im Falle vom Wechsel des Plosivdental (t) mit dem Frikativdental (s) laut, z.B.
urural. *sulka ’Feder’ (> finn. sulka ~ ung. toll) und urural.
*sowe ’See’ (> finn. suo ~ ung. teo) (Honti, 2001:242).
Von Lautentwicklungstendenzen wird es deshalb erklärt lassen, wie dass
Rekonstrukt gerechtfertigt angesehen werden kann. Drunter ist eine Liste von
eher überprüften Lautveränderungen beim Kontakt zwischen uralischen und indoeuropäischen
Sprachen.
|
ural. leka |
germ. leχ |
(k ↔ χ) |
|
ural. majða |
per. majdaŋ |
(d ↔ ð) |
|
ung. mez |
indoeur.
medu |
(z ↔ d) |
|
ural. matsa |
germ. mask |
(ts ↔ sk) |
|
ural. kama |
lat. skama |
(sk ↔ k) |
|
ural. aŋke |
germ. aŋge |
(k ↔ g) |
|
ural. tsere |
slaw. sere |
(ts ↔ s) |
|
ural. jaχ |
indoeur. jeg |
(g ↔ χ) |
|
ural. katʃa |
lat. kapsa |
(tʃ ↔ ps) |
|
ural. paŋtʃe |
slaw. puχ |
(tʃ ↔ χ) |
|
ural. pilwe |
griech. pelnos |
(w ↔ n) |
2.5. DAS SEMANTISCHE NETZ
Das entstehende Konzept „semantische Netz“ wurde als Instrument zur
Bestimmung begrifflicher Kontexte empfingen, da man das Wissen in Netzwerken
von Komplexitätsgradkonzepten aus Themenbereichen speichert, so dass deren
entsprechende Wörter in Unter- und Oberbegriffen der jeweils zutreffenden
Eigenschaften miteinander verbunden sein sollen (Beier, 2004). Darin werden
folgenden Beziehungstypen in Betracht gezogen: Generalität (Hyperonyme),
Individualität (Hyponyme), Partialität (Meronyme). Generalität entspricht
allgemeine Menge mit gleichen Eigenschaften; Individualität ist ein Element der
Menge mit besonderen Eigenschaften; Partialität ist ein Teil vom Element, die
eine besondere Eigenschaft entspricht. Unterbegriffs- und
Oberbegriffsrelationen werden entlang der Hierarchieebenen organisiert, d.h.
Eigenschaften auf höherer Ebene gelten automatisch für die darrunterliegenden
Ebenen. Dabei werden Begriffe, Konzepte und Objekte mit entsprechenden
Urwortstämme als Knoten anerkannt. Inferenzen in Semantischen Netzen werden als
deduktiv und induktiv damit berücksichtigt. Das Bedeutungsnetz verläuft auch
nach ganz bestimmten Normen. Eines ist die Bedeutungsübertragung oder Metapher.
Dabei wird ein Wort dazu verwendet, das sonst X, auch Y bezeichnet, weil sich X
und Y in mindestens einem Merkmal ähnlich sind. Ein weiteres solches Muster ist
die Bedeutungsverschiebung oder Metonymie. Dabei wird etwas mit einem Wort
bezeichnet, das eigentlich etwas mit ihm Zusammenhängendes meint (Kluge,
2001:Semantische Begriffsbildung). Hier sind einige Beispiele:
|
nhd. lohe „Flamme“ |
nhd. liχt „Licht“ |
(aus urindoeur.
*leuk „leuchten“) |
|
Hyponyme |
durch
Nominalisierung |
|
|
nhd. nagel „Nagel“ |
russ. noga „Fuss“ |
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|
Meronyme |
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|
|
urgerm. sunu „Sohn“ |
|
(aus urindoeur.
*suənu
„Geborener“) |
|
durch
Metaphor |
|
|
|
port. animal „Tier“ |
lat. animal „lebendich“ |
(aus lat.
anima „Leben“) |
|
durch
Metaphor |
durch
Adjektivierung |
|
|
nhd. balg „Haut“ |
|
(aus urkelt.
*bolg „Sack“) |
|
durch
Metonymie |
|
|
|
urgerm. weŋt-r„Winter“ |
urgerm. weŋda „“Wind“ |
(aus urindoeur.
*χwet „wehen“) |
|
durch
Metonymie |
durch
Nominalisierung |
|
|
|
|
(Houaiss, 2001; Kluge, 2000) |
|
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|
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|
Manche Sprachwissenschaftler haben schon hingewisen, dass Entlehnungprozesse
das Grenze der spezifischen Begriffen übernehmen und das Basislexicon betreten
können.
„The impressive number of borrowed function words surely demonstrates that
borrowings has greatly exceeded what is expected in garden-variety borrowing
situations“ (Field, 1998:ix).
Wenn die Sprache eine neue Bezeichnung dadurch zu gewinnen ist, verändert
entweder die semantische Netz eines bereits bestehenden Wortes, in dem eine
zweite Bedeutung beigefügt wird, das aber äußerlich gesehen gleich bleibt, oder
entlehnt man ein neues Wort aus einer fremden Sprache, das dieses neue Konzept
umfasst.
„The most highly preferred items in any borrowing situation will be
typically form-meaning sets that belong to a broad semantic type with reference
to existent entities or concepts and that were selected on the basis of a
particular, individual meaning“ (Field, 1998:138).
Laut dieser Angabe, wie schon in der Methode dargestellt wurde, wird die
Herkunftssprachfamilie eines Wortstammes diejenige, deren Entsprechender den
breitesten semantischen Bereich enthält.