3. WEITERE EVIDENZE
3.1. DIE ARCHÄOLOGISCHE
EVIDENZ
Bis kurz vor dem Ende der
letzten Eiszeit um ca. 12,000 v. Chr. bedeckten mächtige Gletscher noch den
ganzen Teil Nordeuropas und Nordasiens, deren Gebiete deshalb lebensunfähig
waren. Bei dieser Zeit besetzten nomadisierende Magdalenien Siedlungen der Renntierjäger
ganze Teile West- und Mitteleuropas, aus denen weitere mesolithische
halbnomadisierende Völker entstanden, wie z.B. die Hechtfischer und Rehjäger
der Maglemose-Kultur, die Flint- und Knochenwerkzeugtechnologie entwickelt
haben, und die Jäger und Sammler der mikrolithischen Tardenoisien-Kultur, die
die Pfeilherstellung eingeführt haben. (Aigner, 12). Um 6,000 v. Chr. fallen im
Mittel- und Osteuropa große Einwanderungswellen aus Anatolien von Trägern der
Bandkeramik- und Starcevo-Kultur, die entlang der Donau über den Rhein sich
verbreiteten, bei denen die im Nahen Osten entwickelten Ackerbautechnologie und
parallel die Töpferei aufgebracht wurden, da Töpferwaren zur Lagerung und zum
Transport landwirtschaftlicher Produkte unerlässlich sind (Benoist, 1997:70-76).
Zur gleichen Zeit fand eine gemäße Ausbreitung von Ackerbau und Töpferei der
megalithische Kardial- und Sesklo-Kultur von Griechenland nach Italien, und von
dort nach den Küsten Südfrankreichs und Spaniens statt. Bei dieser Zeit waren
noch diese nicht-indoeuropäischen Völker und die afroasiatischen Träger
der Urmittelmeerkulturen die einzelnen Einwohner Europas. Mit Ausnahme der
Basken wohnten die derzeitige europäische Völker indoeuropäischer und
uralischer Abstammungen im vorderasiatischen südsibirischen Flachlands, etwa
aus der Region nördlich des Kaspischen Meeres und südlich des Urals (Gimbutas:
in Workman, 2002:19-20).
Die Urindogermanen waren
neolithische halbnomadische Hirtenvölker, die um 8,000 v. Chr. im Nord des
Kaspiens wohnten (Renfrew, 2001) und Erst ab ca. 5,000 v. Chr. aus
verschiedenen Wellen westlich durch die ukrainische Waldsteppe nach Osteuropa
und Anatolien, wo später der hethitische Kultur entwickelte hat, und östlich
über die eurasischen Steppe nach unten in Zentralasien eingewandert haben
(Cavalli-Sforza, 1996). Wegen fortlaufenden Ausbreitungen der Erste, Träger der
Kurgan-Kultur, entstanden alle die heutigen bekannten indoeuropäischen Zweige
Europas (Mallory, 1989). Frühabtrennungen gaben ab 3,000 v. Chr. von Tocharien nach
Osten und von kriegerischen Völker der Streitaxt-Kultur nach Westen, die später
Italo-Kelter bennant wurden, deren Waffeninnovationen die Vernichtung
vorhandener Urbevölkerungen, z.B. – Bandkeramik- und Chassey-Kultur – bewirkt
haben. Spätere Abtrennungen begaben sich um 2,000 v. Chr. von Griechen,
Thrakern und Armeniern über das Schwarze Meer nach unten, von Indo-Iraner um
das Kaspische Meer herum bis in das Indus-Tal, von Germanen nach oben um
Südskandinavien und von Balto-Slawen um Krim (Kortlandt, 1990:135).
Die Uralen
waren andererseits halbnomadische Rentiervölker sibirischen Stammes, die aus
Osten gekommen sind und um ca. 12,000 v. Chr. im zentralen Uralgebiet und
Binnenlanden der Wolgagebiet entlang zwischen nördlichen Laubwäldern und
südlichen Steppen wohnten (Wiik, 1997b), gleich nördlich der späteren
indoeuropäischen Gebiete. Grosse Teile der derzeitigen uralischen Sprachgebiete
waren bei dieser Zeit noch unter dem Eis verborgen. Spätere Siedlungen von
ururalischen Völkern westlich an der künftigen Ostsee entlang und nördlich
durch Nordrußland, Karelien und über Finnland bis in die südlichen Teile des
heutigen Norwegen und Schweden wurden erst möglich nur nach der Zurückziehung
der ganzen Eisschritte davon. (Poikalainen, 2001:12). Die erst mit dem Uralier
erwiesene zusammenhängende Völker entstanden aus der Kunda-Kultur, die ab 9.000
v. Chr. entlang der Wolgagebiet entwickelte (Alinei, 2003:10). Die erste
Abtrennung uralischen Stammes begab sich um 4,000 v. Chr. von Samojeden, die
nach oben am Ob- und Jenisseigebiet gesiedelt haben, und eine zweite der weit
verbreiteten Suomusjärvi-Kultur um 3,000 v. Chr., die aus Finnen und Ugrier
verzweigt wurde (Zachrisson, 1997). Meisten von den Ersten haben sich nach
Nordwesten bewegt, und die Skandinavien, sibierische Flachländen und die Ostsee
entlang besiedelt. Die Zweite sind bei ihren Urgebiet geblieben (Heršak, 2001).
Ab 500 v. Chr. haben die magyarische Reiterhorden von den übrigen Ugrier
abgetrennt und nach Westen verbreitert. Um 800 wird Pannonien von ihnen
geschlagen und am 1,001 die christliche Königreich Ungarn im Mitteleuropa
gegründet. Die Obugrier erfassen den gebliebenen östlichsten Zweig ugrischen
Stammes, die später nach Osten am Obflussgebiet deplaciert wurden, infolge
jahrhundertelanger Erweiterungspolitik des russischen Reiches. Zu diesen
gehören zwei ethnische Gruppen – die Wogulen und die Ostjaken. Laut
toponymischen Dateien lag die obugrische Urheimat im Pechora- und
Kamaflussgebiet entlang (Sokolova, 1980).
Diese Wanderungen dauerten
jahrtausendlang und wurden von einigen tiefgreifenden Sprach- und
Kulturveränderungen begleitet. Laut den oberen archäologischen Dateien gaben
Kontakten zwischen Urindogermanen und Ururalier ab 8,000 v. Chr. und spezifisch
zwischen Urgermanen und Urugrier ab 3,000 v. Chr., d.h. ungefähr 1,500 Jahren
unten benachbarten Zusammenleben. Es geht davon aus, dass Sprachkontakten zur
Zweisprachigkeit und gemeinsamen Beeinflussungen beider Stocken führen können.
Die Urgermanen haben sich seit 2.000 v.Chr. in engeren Gemeinschaften durch
Südskandinavien und die Ostsee entlang etabliert (Kortlandt, 1990:134). Davon
ist später ein germanischer Dialektkomplex gebildet worden, dessen Substrat den
älteren Einfluss erhalten hat. Diese Kontakten können bei Genetikanalysis
überprüft werden.
3.2. DIE GENETISCHE EVIDENZ
Heutzutage können
linguistische ebenso wie archäologische Forschungen gut durch biologische
Methoden ergänzt werden. So erklärt Dr. Svante Pääbo, Direktor am
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie: „Wir nutzen die Methoden
der modernen Genetik, um Antworten auf Fragen nach dem Ursprung menschlicher
Populationen, ihrer Geschichte, ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen, ihrer
Struktur sowie ihrer Wanderungsbewegungen zu finden. Mit diesem Ziel
analysieren wir die Variabilität verschiedener Anteile von
nicht-rekombinierenden DNA-Abschnitten humanen Genoms (mitochondriale,
Y-chromosomale) in Proben aus rezenten und vorzeitlichen Populationen.”. Durch
Anwendung speziell entwickelter Algorithmen können baumhafte Netzwerke
berechnet werden, wodurch sich Aussagen zur geschlechtsspezifischen
Entwicklungsdynamik und Migration einzelner Populationen treffen lassen
(INGMAN, 2000).
Ein dieser von dem
italienisch-kalifornischen Genetiker Luigi Cavalli-Sforza entwickelten
Methoden, die messen, seit wann sich zwei Populationen voneinander getrennt
haben, benutzen Mitochondrien als Grundstoff, in denen jeweils ein
eigenständiges DNA-Moleküle vorliegt, das durch die Verteilung von Nukleotiden
in der mitochondrialen DNA analysiert werden kann. „Die Vererbung erfolgt in
rein mütterlicher Linie, d.h. die mtDNA wird von der Mutter auf alle ihre
Kinder vererbt. Da die mtDNA der Spermien bei der Befruchtung nicht in die
Eizelle eindringt, werden auch keine väterlichen mtDNA-Merkmale vererbt.“
(Anslinger, 2003). Die vergleichende Untersuchung dieser mitochondrialen DNA
erlaubt Rückschlüsse auf die Herkunft der heute lebenden Menschen
mütterlicherseits. Es ist ein Muster, bei dem die Gene in einer speziellen
menschlichen Bevölkerung auf einen einzelnen gemeinsamen Vorfahren
zurückverfolgt werden können. Detaillierte Kenntnisse des möglichen
geographischen Ursprungs jeder Sequenz erleichtern auch die Interpretation
sowohl der internen Verschiedenheiten der Beziehungen zwischen den
Populationen.
Die Analyse der
mtDNA-Polymorphismen in weltweiten Populationen haben die mtDNA in 21
charakteristischen Haplogruppen verteilt, denen Ursprungsgebiete identifiziert
wurden – drei Haplogruppen (L1, L2, L3) vorkommen in Africa, neun (A, B, C, D,
E, F, G, M und Y) in östlichen Eurasien und zehn (H, I, J, K, T, U, V, W, X und
Z) im westlichen Eurasien. Haplogruppen C, D und G vorkommen vornehmlich im
nordöstlichen Sibirien, Haplogruppen A, B, F und Y in Fernost (Klein, 1997).
Die V-Haplogruppe wurde
europäisch charakterisiert, vermutlich mit ihrem Ursprüngsgebiet in
nordiberischer Halbinsel erst zwischen 15,000 und 10,000 Jahren, und deshalb
nicht-indoeuropäisch. Die H-Haplogruppe gab ab oberen Paläolithikum, vor ungefähr
zwischen 25,000 bis 30,000 Jahren und ist kaukasisch charakterisiert, da es ist
überall in ganz Kaukasus, Mittel Ost und Europa gleichmäßig verteilt, und ist
möglicherweise der Vorlaüfer indoeuropäischen, kaukasischen und semitischen
Stämmen und deshalb vermütlich auch vorindoeuropäisch. (Torroni, 1998). Die
U-Haplogruppe ist ein uralter Cluster von mittel Paläolithikum (vor 55,000 v.
Chr), aus dem der häufigste Untercluster (U5) zwischen 13,000 und 11,000 v. Chr
herausgebildet hat, deren Frequenz innerhalb uralischen Völker die Höchste ist,
und deshalb voruralisch gesehen werden kann (Tambets, 2002).
Eine Stichprobe von 98
Individuen von der Wogul-sprechenden Bevölkerung wird anhand einer
Sequenzanalyse der mitochondrialen DNA geprüft (Derbeneva, 2002). Die
Ergebnisse wurden mit den umfangreichen Daten der mtDNA in Europa verglichen.
|
mtDNA Haplogruppe |
Frequenz (%) |
|||||
|
Österreicher |
Deutschen |
Isländer |
Skandinavier |
Samen |
Wogulen |
|
|
N=187 |
N=527 |
N=467 |
N=645 |
N=176 |
N=98 |
|
|
A |
– |
– |
– |
00,16 |
– |
03,10 |
|
B |
– |
– |
– |
– |
– |
– |
|
C |
– |
00,19 |
00,43 |
– |
– |
17,30 |
|
D |
– |
00,38 |
– |
00,16 |
05,11 |
08,20 |
|
E |
– |
– |
– |
– |
– |
– |
|
F |
– |
– |
– |
– |
– |
01,00 |
|
G |
– |
– |
– |
– |
– |
06,10 |
|
M |
– |
– |
– |
– |
– |
01,00 |
|
H |
54,00 |
50,00 |
47,12 |
49,00 |
05,68 |
14.30 |
|
I |
02,14 |
02,28 |
04,71 |
01,86 |
– |
– |
|
J |
10,16 |
09,30 |
14,13 |
10,24 |
– |
12,20 |
|
K |
09,09 |
06,66 |
07,72 |
04,97 |
– |
03,10 |
|
T |
06,41 |
09,11 |
10,07 |
08,84 |
– |
07,20 |
|
U |
13,34 |
14,05 |
11,78 |
16,31 |
45,45 |
25,40 |
|
V |
02,67 |
05,12 |
01,71 |
05,74 |
39,77 |
01,00 |
|
W |
01,60 |
02,09 |
00,21 |
01,55 |
00,57 |
– |
|
X |
00,53 |
00,76 |
01,50 |
00,62 |
– |
– |
|
Z |
– |
– |
00,21 |
00,62 |
03,41 |
– |
Die komparative Ergebnisse
zeigen, dass die „kurgan-charakteristisch“ H-Haplogruppe, die häufigst zur
europäischen Völkern (zirka 50,00%) gehört, ist in der wogulischen Probe
anwesend (14,30%). Andererseits ist die „uralier-charakteristisch“
U-Haplogruppe, deren größten Anteil zwischen den Samen (45,45%) erreicht,
entspricht 25,40% der wogulischen Stichprobe und ist in durchschnittlicher
kleineren Anzahl zwischen Skandinavier (16,31%), Deutschen (14,05%), Österreicher
(13,34%) und Isländer (11,78). Diese Ergebnisse passen zu den archäologischen
Erfindungen, die dazu beitragen sollen, dass tiefgreifende Sprach- und
Kulturwechselwirkungen zwischen Ururalier und Urgermanen erfolgt sind.