| Eine Stadtbeschreibung aus dem Jahr 1643 | Giengen an der Brenz | ![]() |

Die Beschreibung ist abgedruckt in der "Topographia
Sueviae" von Merian/Zeller.
Der Kupferstich stammt von Matthäus
Merian, der Text stammt von Martin
Zeiller.
an dem Wasser Brentz gelegen
An Tag gegeben und verlegt
durch
Matthaeum Merian - Frankfurt am Mayn
1643
MDCXLIII
Dieses ist vor seinem Unfall
und Brandschaden ein lustiges wolvermögendes Reichs-Stättlein,
an dem Wasser Brentz gelegen, gewesen, dessen Monatlicher
einfacher Anschlag war einen zu Roß und zwölf zu Fuß und zu
Unterhaltung deß Cammergerichts nach dem erhöchten Anschlag
järlich 50 fl., den Taler zu 69 Kr. gerechnet.Ligt zwischen Ulm
und Nördlingen faßt auf halbem Weg und ist der Augspurg.
Confession zugethan. Das Land daherumb ist lustig und fruchtbar.
In besagter Brentz gibt es herrliche Fisch. Und hatte vor dem
Krieg und der Brunst es allhie einen guten Spital. Das Kloster
Herbrechtingen hat das Jus patronatus von alten Zeiten allda
gehabt. Es haben aber die Giengener einsmahls, als Henricus
Hitzlerus Mergelstettensis Abbt daselbsten war, solches Kloster
geplündert und angezündet, deßwegen sie von Papst Nicolai nach
Rom citiert worden seyn, biß die Sach Anno 1453 von Pfalzgraf
Ludwigen bey Rhein verglichen worden ist. (Crusius in Annal.
Suevic E. Relationes.) Anno 1354 hat Kayser Carolus Quartus mit
Bewilligung der Churfürsten Burg und Statt Giengen den Grafen
von Helfenstein für eine recht Edel Erb Lehen von dem Heiligen
Reich verliehen; wie beym Besoldo in Thesauro praet. voc.
Reichsstatt pagina 677 fepuentib. zu lesen. Wie aber dieser Orth
wider zum Reich gekommen, wirdt daselbst nicht gemeldet. Anno
1384 an S. Jacobs Tag hat es einen Wolkenbruch bey dieser Statt
gehabt, dadurch viel Getraids hinweg geschwemmet worden, auch
Giengen selbsten in grosser Gefahr ersäuftens gewesen ist.
In gedachtem Herbrechtingen (so von Friderico Barbarossa Anno
1144 an der Brentz gestiftet worden, wie Bruschius sagt) ist vor
Zeiten der Brauch gewesen, daß der Abbt, wenn einer von den H.
Ehingern zu Ulm, (so Stifter einer Capellen in der Kirchen
daselbsten) dahin kommen, ihme entgegen gehend, die Schlüssel
zum Kloster überreychet hat, wie besagter Crusius par. 2. lib.
12. c. 6. in fin. fol. 551 schreibt.
Es hat die Statt Giengen in diesem Teutschen Krieg gar viel
Durchzug, Quartier und Beschwärden erlittten, sonderlich haben
sich Anno 1634 zur Zeit der Belagerung der Statt Nördlingen,
unterschiedliche starcke Partheyen von den Kayserlichen
unterstanden, die Statt zu plündern: Wie dann auch den 9.
Augusti auff die tausendt Pferdt, Morgens früh, für das Tor
kommen, so in die Statt begehrt, und ehe man sich resolvieren
können, Gewalt zu üben angefangen, das Wild- und Gesundbad vor
dem Memminger Tor (so schön erbauet gewesen) auff den Boden
abgebrandt, an etlichen Orten schon in die Statt gestiegen, und
große Angst und Schrecken verursacht; seyn aber von einer
starcken Schwedischen Parthey zurück getrieben, und ist also
damals die Statt entsetzt worden. Die gedachte Schwedische namen
hierauff die meyste und beste Pferd, sonderlich die im Spital
alle mit sich hinweg und zogen, wegen Forcht vor den Kayserischen
deren ferneren Ueberfalls man sich besorgte, die meiste Bürger
samt Weib und Kindern hinweg. Und nahmen ihre besten Sachen so
sie in der Eyl geschmeidig fortbringen konnten, mit. Aber so bald
sie für das Thot kamen, haben sie die Schwedischen
ausgeplündert und jadem das seinige genommen, und so dann gehen
lassen, wohin ein jeder gewolt, oder gekönnt hat.
Am anderen Tag, als den 10. Augusti, kamen die Leut meistentheils
wider zu Hauß. Und hat Herr Feldmarschall Horn für dergleichen
Anlauff, 4 Compagnyen Tragoner in die Statt gelegt. Als aber den
27. Augusti hernach vor Nördlingen die Schlacht wider die
Kayserliche verloren, und gar viel der Flüchtigen auff Giengen
kommen: So seynd nicht allein die obgedachte 4 Compagnyen,
alsbald in großer Eyl aufgebrochen; sondernauch noch selbigen
Abend jedermann in der Statt, wer es vermöcht, und sich
geförcht hat, geflohen: Und was er in der Eyl nicht mit sich
nehmen, und tragen können, alles im Stich gelassen: Die alte
ohnvermögliche, Kranke, Kindbetterin und Großschwangere, aber
seyn beneben noch viel Bürgern, so besagte Personen, und ire
Haußhaltung nicht wol verlassen können, geblieben:welche den
29. Augusti Morgends frühe etlich und zwanzig Kayserliche
Reutter eyngelassen; die den Bürgern geraten, ihr Königl.
Mayestät zu Hungarn, und Böheimb etc. als Siegesfürsten umb
Gnad und Schutz, auch eine Schutzgarde unterthänigst zu bitten;
darbey sie dann, durch Vermittlung ihres Herrn Obristen, gerne
das ihrige thun; ein Theil mit den Abgeordneten reysen; die
übrige aber zum Schutz in der Statt verbleiben wollten. Welches
dann zu hohem Danck angenomen, und darauf zween von den Bürgern,
mit einem Postreuter; auch von den Reutern ein Leutenambt
abgefertiget und ihnen etliche zugeben worden. Aber da man für
die Statt hinaußkommen, haben die Reuter die Bürger alsbalden
umbringet, und wegen der Statt 2000 Gulden Brandschatzung begehrt
und selbige mit sich auf das Schloß Dischingen geführet: Von
dannen und besagten Postreuter zurück in die Stadt geschickt,
und auff so starkes Anhalten d´ 3 Bürger 600 Reichsthaler zu
nehmen sich erkläret. Inmittelst haben die Reuter noch selbigen
Tag das meiste Vieh auß der Statt getrieben und etliche der
geflohenen Rathsherrn, und Burgerhäuser, geplündert, und das
beste heraus genommen. Wie sich nun die Sach mit dem Gelt
verweilet, sind die Reuter den 30. diß Nachts, umb 10 Uhr mit
den obgedachten 2 Abgeordneten für das Thor kommen, haben den
einen in die Statt geschickt, und das Gelt, bey Betrohung der
Plünderung, und des Brands, begehren lassen. Darauf man noch
selbe Nacht Geld gesamblet, aber mehr nicht, als 480 fl. können
zusammen bringen, so Morgens früh um 4 Uhr erlegt worden; mit
dem Versprechen, das übrige auf den Mittag auch zu erlegen weil
man in der Hoffnung gestanden, die Geflohenen würden, auff
öffters beschehenes Erinnern das ihrige auch thun. Unter dessen
haben die Reuter einen Corporal mit 2 Reutern in der Statt zur
Salvaguardia, und die obangedeute Bürger, wieder ledig gelassen.
Selbigen Tag, den 31. diß, zu Mittag, kamen 2 andere Comp.
Crabaten für das Thor, begehrten Bier und Brod, welches man
jenen alsbald gebracht hat; und ist obgedachter Korporal, welcher
noch auf das ausstehende Geld gewartet, zu den Crabaten für das
Thor gegangen, und mit ihnen geredet: Aber, wie sie gesehen, daß
es in der Statt so schlecht bestellt, haben sie hineingedrungen,
und zu plündern angefangen. Nach dem sie gegen Abend wider
hinweg; so seyn alsbald 5 Comp. Burgundisch Volck kommen; so auch
alles auff gehauen, und geplündert, darauff sie noch selbigen
Abend bis auf etlich wenig, auch hinweg gezogen. Morgens, als den
1. Sept. ist ein überauß groß Getümmel, und fahren gewesen,
und 2 Regim. Volck, welche zuvor ir Ordre auf Giengen, und ir
Quartier zu Haunßheim, und Wietßlingen, gehabt haben. den 2.
Sept. ist die Span. Armee auf Giengen gezogen, und hat der H.
Cardinal Infant in der Statt biß auf den 4. diß, logirt, da
dann die gantze Statt von den Soldaten ruinirt, und vollendts
ausgeplündert worden: Theils der Bürger waren versteckt, vil
Weib und Kind´ lieffen unter den unbarmhertzigen Kriegsleuten
herumb; da es dann mit schänden, entführen, und anderen
Unthaten übel hergangen ist. Den 5. Sept. Morgens um 4 Uhr, hat
es in einem Hauß zu brennen angefangen. Und obwoln die Burger
auß ihren Löchern wo sie versteckt gewesen, sich herfür
gemacht, und zu löschen angefangen: Weiln aber das wütendt
Feuer überhand genommen, und baldda, bald (aus Unvorsichtigkeit
der Soldaten, so mit Liechtern, im Heu, und Stroh, ob sie was, so
sie mit dahin gelegt, noch finden möchteen, gesucht haben)
dorten eines auff gegangen: Der Leut auch zum löschen wenig
gewesen waren, und man, auß Mangel der Pferdt, und anderer darzu
gehörigen Sachen, keine Ordnung machen; auch noch viel Soldaten
in der Statt, und in den Gärten außer derselben waren, welche
die Leut, so sie bey der Feuersbrunst erwischen konnten, und wegen
Hinwegbringung ihres Raubs, gefangen nahmen, und mit sich
führeten, und sich daher jedermann wider verloffen: als hat das
Feuer, so Materi genug hatte, also überhand genommen, daß fast
in 24 Stunden die gantze Statt Giengen, mit allen Gebäuen,
Thürmen, und Thoren, kleins und groß, biß auff 4 kleine
Häuser verbrunnen, und jämmerlich zu Grund gangen ist. Und
dieser bisher geführter wahrhafftiger Bericht von dem
kläglichen Untergang der weyland wohlbegüterten Statt Giengen,
ist aus eines beglaubten Manns, so darbey von Anfang, bis zu
Ende, gewesen, Relation genommen worden. Als folgender Zeit sich
die Leuth wider in ein Haus, umb etwas zu schicken angefangen, so
seyn sie um das Ende des Martij Anno 1638 von Meisinischen
Regiments Reutern zu zwey underschiedlichen malen, abermals
plötzlich überfallen, viel Bürger geschlagen, und hart
beschädigt, das Memmingerthor in Brand gesteckt, in den Häusern
alles zerhackt, durchsucht, und die ganze Statt rein
ausgeplündert worden: Und daher wird auch allhie allein die
Contrafactur diser von etlich 100 jaren hero gewesten Reichsstadt
gesetzt, wie sie vor ihrem Untergang gewesen; obwoln seythero
wider etwas, aber von nur geringen und niedern Häußlein, gebaut
worden ist; und sich wegen der sehr guten Gelegenheit des Orths,
zimlich Leut wider allda befinden; aber langsamb wider erholen
werden können.
Aktualisiert am 25.05.2008 © 1996-2008 Ulrich Stark |
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