| Geschichtliche Entwicklung | Giengen an der Brenz | ![]() |
Die Stadt liegt 464 m über
N.N. am östlichen Rand der Schwäbischen Alb im mittleren Brenztal. Sie liegt im
Landkreis Heidenheim, die Kreisstadt Heidenheim
ist 11 km nordöstlich entfernt, die Stadt Ulm
36 km südlich und östlich grenzt der Freistaat Bayern an. Giengen nimmt also eine Randlage
bezogen auf Baden-Württemberg wie auch auf die Region
Ostwürttemberg ein. Durch
Giengen führt die "Straße der Staufer" und der Wanderweg "Schwäbische
Alb-Südrand-Weg"
Die frühesten Spuren menschlicher
Besiedelung auf der Markung Giengen stammen aus der Altsteinzeit
(50.000 bis 10.000 v.Chr.). Funde aus nachfolgenden Epochen
lassen auf die Beliebtheit dieser Gegend als Siedlungsplatz
schließen. Aus der Römerzeit lässt sich noch heute der Verlauf
einer Straße nach bedeutende Heidenheim
als Römersiedlung Aquileia verfolgen. Ein Friedhof aus dem 6. Jh. n. Chr., sowie ein Gräberfeld aus dem
6.
Jh. n. Chr. belegen
eine größere alemannische Siedlung. Ein Reitergrab und Goldblattkreuz aus einem fürstlichen eine dem St. Peter
geweihte Kirche bezeugen den Übergang zum Christentum.
Erstmals urkundlich erwähnt wird
Giengen in der Chronik des Klosters Petershausen bei
Konstanz. Dort wird ein "Markgraf Diepold von
Giengen" genannt, der im Investiturstreit auf Seiten des
Königs Heinrich IV. (1056-1106) kämpfte und bei einer Schlacht am
7. August 1078 den Tod fand. Durch Heirat seiner Enkelin im Jahr
1147 mit dem späteren Kaiser Friedrich I. Barbarossa kam Giengen an die Staufer. In dessen
Regierungszeit fällt vermutlich auch die Verleihung von
Marktrechten. Damit bekommt Giengen, neben der Landwirtschaft und
dem Handwerk, eine dritte Einnahmequelle. 1307 wird Giengen als
reichsunmittelbare Stadt bezeugt. Im Jahre 1462 findet vor den
Toren Giengens eine der letzten großen Ritterschlachten statt.
Diese "Schlacht bei Giengen" ist in einem Fresko im
Alten Hofgarten in München verewigt. Es siegte Ludwig der Reiche
(Herzog von Bayern) über den Markgrafen Albrecht Achilles von
Brandenburg (kaiserlicher Reichshauptfeldmann).
Ab Mitte des 14. Jh. galt
Giengen als Mittelpunkt des Brenztals, in der Stadt muss also
eine gut florierende Wirtschaft vorhanden gewesen sein. Grundlage
dafür bot die Brenz mit ihren drei Armen, deren Wasserkraft
damals zehn Mühlen nutzten. Das reichlich vorhandene Wasser
machten sich ferner Weber, Tuchwalker, Bleicher und Färber
zunutze. Als Vertreter des Handwerks sind zu nennen die
Sensenschmiede, die Gerber, die Schneider und Goldschmiede. Die
Weber waren die größte Zunft. Das Marktwesen sowie ein reger
Handel mit der Landwirtschaft des unteren Brenztals und des
benachbarten bayerischen Raumes waren ebenfalls größere
Einkommensquellen. Dagegen kommt die Landwirtschaft aufgrund des
eher kleinen Territoriums, sowie der geographischen und
topographischen Gegebenheiten eine geringere Bedeutung zu.
Giengen wurde als "eine angenehme, frohe und schöne kleine Stadt
von beträchtlichem Wohlstand" beschrieben. Bis Mitte des 16. Jh. wurde Giengen
durch die Reformation vollständig evangelisch.
Diese "mittelalterliche
Blütezeit" wurde durch den 30jährigen Krieg beendet. Den
"schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt" stellt
der Stadtbrand vom 5. September 1634 dar. Während des
Abzugs der feindlichen spanischen Armee, die in der Freien
Reichsstadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte, brach in einem
Haus Feuer aus und zerstörte rasch die gesamte Stadt bis auf
fünf Häuser. Zuvor war jedoch der wohl größte Teil der
Bevölkerung und auch der Rat der Stadt nach Ulm
geflüchtet. Zur Zerstörung der Stadt kam noch die grassierende
Pest. Ihr fielen etwa zwei Drittel der Bevölkerung zum Opfer.
Der Wiederaufbau dauerte sehr lange und zog sich bis Ende des 17. Jh. hin. Eine diesbezügliche
Beschreibung der freien
Reichsstatt Giengen lieferte uns der berühmte Kupferstecher Matthäus Merian.
Eine weitere Zäsur stellt der
Verlust der Reichsfreiheit 1802 und die Eingliederung zum
Königreich Württemberg dar. Zwar wurde Giengen am 8. Dezember
1802 zur Oberamtsstadt erhoben - und ihr ungefähr die Gemeinden
des heutigen südlichen Kreisgebiets unterstellt - , doch schon
1803 wurde das Oberamt Giengen aufgelöst und dem Oberamt
Heidenheim zugeteilt. Dieser politischen "Herabstufung"
ging eine Phase wirtschaftlichen Stillstands oder gar Abschwungs
einher.
Nach Gründung des Süddeutschen
Zollvereins zwischen Bayern und Württemberg fielen 1829 in
Hohenmemmingen (heute Teilort von Giengen) die Zollschranken.
Zunftzwang und Zunftordnung wurden durch eine neue königliche
Gewerbeordnung aufgehoben. Diese geänderten Rahmenbedingungen
beschleunigten den Niedergang des in Giengen vorhandenen
Gewerbes, das durch die aufkommenden Fabriken ohnehin stark
bedroht waren. Die amerikanische Baumwolle besiegelte zudem den
Niedergang der Leinweberei als Haupterwerbszweig samt dem
verbundenen Hilfsgewerbe. Durch die Gründung eines
Gewerbevereins 1838 wurde versucht, den zu 40% nicht mehr
konkurrenzfähigen Gewerbebetrieben zu helfen. Heidenheim konnte
im Vergleich dazu Fabrikanten besser integrieren. Es zog
zahlreiche Fabriken an sich. In dieser "Epoche" (Ende
18. / Anfang 19. Jhdt.) wurde also Giengen von Heidenheim in
seiner Entwicklung überholt.
Ab Mitte des 19. Jh. erneuerte
sich die Wirtschaft jedoch auch in Giengen. Eine
Baumwollspinnerei mit ca. 50 Handwebstühlen siedelte sich 1844
an. Es folgte eine Reihe von heute noch wichtigen
Firmengründungen, die eine gute Grundlage für Bevölkerung und
Stadt darstellten. Ab 1867 hatte Giengen mit dem
"Brenztal-Boten" eine "eigene" Zeitung. 1875
konnte man den Anschluss an das Eisenbahnnetz feiern, elf Jahre
nachdem die Linie Aalen-Heidenheim schon bestand. Ab dem 5. Januar
1876 war die Strecke Aalen-Ulm durchgängig befahrbar und
speziell Giengen aus dem Verkehrsschatten getreten, nachdem keine
größere Straße durch die Stadt führte.
Etliche Vereinsgründungen
bezeugen das aufstrebende Gemeinwesen der Zeit. Hervorzuheben
wäre hier die Gründung des "Bundes für Vogelschutz"
durch Lina
Haehnle, deren Verein sich auf ganz Deutschland
ausweitete und heute als wichtiger Vertreter des Natur- und
Vogelschutzes unter "Naturschutzbund - Deutscher Bund für
Vogelschutz"
bundesweit aktiv ist.
Die 1851 gegründete Städtische Musikschule ist die erste und
älteste ihrer Art in ganz Deutschland.
30 Jahre später wurden ein Krankenhaus und eine
Kleinkinderschule gebaut.
Aus diesen wirtschaftlich positiv verlaufenden Jahrzehnten
stammen einige noch heute stehende Gebäude. so war die 1867
erbaute Schranne eine der bedeutendsten Getreideschrannen
Württembergs.
Das 1903 aus Stahl und Glas errichtete Fabrikgebäude der Firma Steiff ist eines der frühesten Belege für den
Stahlskelettbau.
1888 wurden 123 Katholiken und
3005 Evangelische gezählt.
1889 wurde erstmals seit der Reformation wieder eine katholische
Kirchengemeinde gegründet.
Die Jahre der Weltwirtschaftkrise waren auch in Giengen zu
spüren. So sah sich die Stadt im Oktober 1923 gezwungen eigenes Notgeld drucken zu lassen. Alle Scheine hatten das
gleiche Motiv, die 12 Werte (von 20 Millionen Mark bis zu 500
Milliarden Mark) waren jedoch in verschiedenen Farben
ausgeführt.
Giengen hat den Zweiten Weltkrieg ohne größere bauliche Schäden überstanden. Andere Folgen des Krieges beeinflussten die Entwicklung der Stadt jedoch nachhaltig. Da waren zum einen zahlreiche Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufzunehmen und einzugliedern. Diese kamen überwiegend aus den volksdeutschen Siedlungsgebieten des Sudetenlandes, des Banats und der Batschka sowie aus den deutschen Ostprovinzen. Somit beginnt für Giengen erstmals eine Zeit der starken Bevölkerungszunahme. Dieser folgt eine flächenmäßige Ausdehnung der Stadt durch die notwendige Wohnraumversorgung der Neubürger. Die Bevölkerungsentwicklung soll durch nachfolgendes Schaubild verdeutlicht werden:

Eine andere weitreichende
Auswirkung des Krieges war die Verlagerung der
Bosch-Tochtergesellschaft Sundgau-Maschinenbau GmbH 1944 vom Elsass nach Giengen. 1949 wurden die ersten Kühlschränke
ausgeliefert. Schnell wurde die alsbald in Werk Giengen der
Robert Bosch GmbH umbenannte Fabrik größter Arbeitgeber am Ort
und im gesamten unteren Brenztal. Ende der 60er Jahre arbeiteten
dort zwischen 5.000 und 6.000 Beschäftigte. Dieser Glücksfall
trug zur Integration der Neubürger, zur Entwicklung der Stadt
und der umliegenden Region viel bei. 1946 beschloss der
Gemeinderat, den Brenzverlauf zu ändern. Durch diese
umfangreiche Baumaßnahme wurde Platz geschaffen für die weitere
städtebauliche Entwicklung der Stadt und der sich später
entfaltenden Industrie. In den Jahren darauf wurden die
Städtische Musikschule wiedereröffnet, die Volksbildung Giengen
(heute Volkshochschule) gegründet und schon 1949 das Städtische
Krankenhaus modernisiert. Die Lage Giengens hat sich dank
steigender Gewerbesteuereinnahmen zunehmend verbessert. 1951
wurde eine Sammelkläranlage fertiggestellt und 1954 das neu
gebaute (und 1995 renovierte) Freibad auf dem Schießberg
eröffnet. Der Neubau des Gymnasiums 1959 sowie der Stadthalle
1966 (noch heute die größte Versammlungshalle im gesamten
Landkreis) waren weitere Schritte in der Stadtentwicklung. Die
Bautätigkeiten in der Stadt ließen auch in den folgenden Jahren
nicht nach. Erwähnenswert seien hier noch das 1973
fertiggestellte Brückenbauwerk über die Bahnschienen zur
Südstadt , die Altstadtsanierung mit der 1981 neugestalteten
Marktstraße als heutige Fußgängerzone, sowie die Bebauung der
"Bleiche" als absolut zentrumnahes Wohn- und
Gewerbegebiet.
Das Jahr 1972 brachte für Giengen
durch die Verwaltungs- / Gemeindereform einen
Bevölkerungszuwachs von rund 4.700 Einwohnern und eine
Vergrößerung der Markungsfläche von 1.624 auf 4.402 Hektar mit
sich. Die umliegenden Gemeinden Hohenmemmingen, Sachsenhausen,
Burgberg und Hürben wurden eingemeindet. Mit nun fast 19.200
Einwohnern hofften sich die "Reichsstädter" bald
"Große Kreisstadt" nennen zu dürfen, doch die
Bevölkerung sank in der Folgezeit bis auf ca. 18.300 Einwohnern
im Jahr 1984. Doch nicht nur die Bevölkerung nahm ab, auch die
Zahl der Arbeitsplätze ging in den 70er Jahren stark zurück. Nachdem 1970 noch ca. 10.000 sozialversicherungspflichtige
Arbeitsplätze in der Stadt Giengen bestanden, waren es 1981 nur
noch 7.426. Inzwischen hatte Giengen bei 19.195 Einwohnern 1993
rund 9.500 versicherungspflichtige Arbeitsplätze. 1996 wurde der
20.000ste Einwohner gezählt, und seit 1999 kann sich Giengen
"Große Kreisstadt" nennen.
Giengens Zentralitätsfunktion
für das untere Brenztal gilt auch für das benachbarte
bayerische Umland ("Bachtal"). Im
Landesentwicklungsplan von 1971 bekam Giengen die Funktion
"Unterzentrum" zugesprochen. Nicht unbedeutend ist hier
die Lage Giengens in den Entwicklungsachsen Heidenheim-Giengen-Ulm
sowie Heidenheim-Giengen-Dillingen.
Der 1981 erstellte Regionalplan für die Region Ostwürttemberg beschreibt Giengen als ein "starkes, d.h. voll
ausgestattetes Unterzentrum mit deutlicher Arbeitsplatz-,
Handels- und Dienstleistungszentralität ... und bei
Verflechtungen nach Bayern in Teilbereichen (Gesundheits- und
Sozialwesen) sogar bereits mittelzentrale Aufgaben." Diese
Einschätzung ist durch die seitherige stattgefundenen
Entwicklungen heute nicht weniger gültig.
BEMERKUNG:
Eine interessantes Lexikon zur Geschichte
Baden-Württembergs:
Aktualisiert am 25.04.2009 © 1996-2009 Ulrich Stark |
Grundlage
dieser Seite ist eine Diplomarbeit von Hans-Dieter Diebold, Hermaringen
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