Geschichtliche Entwicklung Giengen an der Brenz


Die Stadt liegt 464 m über N.N. am östlichen Rand der Schwäbischen Alb im mittleren Brenztal. Sie liegt im Landkreis Heidenheim, die Kreisstadt Heidenheim ist 11 km nordöstlich entfernt, die Stadt Ulm 36 km südlich und östlich grenzt der Freistaat Bayern an. Giengen nimmt also eine Randlage bezogen auf Baden-Württemberg wie auch auf die Region Ostwürttemberg ein. Durch Giengen führt die "Straße der Staufer" und der Wanderweg "Schwäbische Alb-Südrand-Weg"

Von der Steinzeit bis zum Stadtbrand 1634

Die frühesten Spuren menschlicher Besiedelung auf der Markung Giengen stammen aus der Altsteinzeit (50.000 bis 10.000 v.Chr.). Funde aus nachfolgenden Epochen lassen auf die Beliebtheit dieser Gegend als Siedlungsplatz schließen. Aus der Römerzeit lässt sich noch heute der Verlauf einer Straße nach bedeutende Heidenheim als Römersiedlung Aquileia verfolgen. Ein Friedhof aus dem 6. Jh. n. Chr., sowie ein Gräberfeld aus dem 6. Jh. n. Chr. belegen eine größere alemannische Siedlung. Ein Reitergrab und Goldblattkreuz aus einem fürstlichen eine dem St. Peter geweihte Kirche bezeugen den Übergang zum Christentum.

Erstmals urkundlich erwähnt wird Giengen in der Chronik des Klosters Petershausen bei Konstanz. Dort wird ein "Markgraf Diepold von Giengen" genannt, der im Investiturstreit auf Seiten des Königs Heinrich IV. (1056-1106) kämpfte und bei einer Schlacht am 7. August 1078 den Tod fand. Durch Heirat seiner Enkelin im Jahr 1147 mit dem späteren Kaiser Friedrich I. Barbarossa kam Giengen an die Staufer. In dessen Regierungszeit fällt vermutlich auch die Verleihung von Marktrechten. Damit bekommt Giengen, neben der Landwirtschaft und dem Handwerk, eine dritte Einnahmequelle. 1307 wird Giengen als reichsunmittelbare Stadt bezeugt. Im Jahre 1462 findet vor den Toren Giengens eine der letzten großen Ritterschlachten statt. Diese "Schlacht bei Giengen" ist in einem Fresko im Alten Hofgarten in München verewigt. Es siegte Ludwig der Reiche (Herzog von Bayern) über den Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg (kaiserlicher Reichshauptfeldmann).

Ab Mitte des 14. Jh. galt Giengen als Mittelpunkt des Brenztals, in der Stadt muss also eine gut florierende Wirtschaft vorhanden gewesen sein. Grundlage dafür bot die Brenz mit ihren drei Armen, deren Wasserkraft damals zehn Mühlen nutzten. Das reichlich vorhandene Wasser machten sich ferner Weber, Tuchwalker, Bleicher und Färber zunutze. Als Vertreter des Handwerks sind zu nennen die Sensenschmiede, die Gerber, die Schneider und Goldschmiede. Die Weber waren die größte Zunft. Das Marktwesen sowie ein reger Handel mit der Landwirtschaft des unteren Brenztals und des benachbarten bayerischen Raumes waren ebenfalls größere Einkommensquellen. Dagegen kommt die Landwirtschaft aufgrund des eher kleinen Territoriums, sowie der geographischen und topographischen Gegebenheiten eine geringere Bedeutung zu. Giengen wurde als "eine angenehme, frohe und schöne kleine Stadt von beträchtlichem Wohlstand" beschrieben. Bis Mitte des 16. Jh. wurde Giengen durch die Reformation vollständig evangelisch.

Diese "mittelalterliche Blütezeit" wurde durch den 30jährigen Krieg beendet. Den "schwärzesten Tag in der Geschichte der Stadt" stellt der Stadtbrand vom 5. September 1634 dar. Während des Abzugs der feindlichen spanischen Armee, die in der Freien Reichsstadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte, brach in einem Haus Feuer aus und zerstörte rasch die gesamte Stadt bis auf fünf Häuser. Zuvor war jedoch der wohl größte Teil der Bevölkerung und auch der Rat der Stadt nach Ulm geflüchtet. Zur Zerstörung der Stadt kam noch die grassierende Pest. Ihr fielen etwa zwei Drittel der Bevölkerung zum Opfer. Der Wiederaufbau dauerte sehr lange und zog sich bis Ende des 17. Jh. hin. Eine diesbezügliche Beschreibung der freien Reichsstatt Giengen lieferte uns der berühmte Kupferstecher Matthäus Merian.

Das Auf und Ab im 19. Jahrhundert

Eine weitere Zäsur stellt der Verlust der Reichsfreiheit 1802 und die Eingliederung zum Königreich Württemberg dar. Zwar wurde Giengen am 8. Dezember 1802 zur Oberamtsstadt erhoben - und ihr ungefähr die Gemeinden des heutigen südlichen Kreisgebiets unterstellt - , doch schon 1803 wurde das Oberamt Giengen aufgelöst und dem Oberamt Heidenheim zugeteilt. Dieser politischen "Herabstufung" ging eine Phase wirtschaftlichen Stillstands oder gar Abschwungs einher.

Nach Gründung des Süddeutschen Zollvereins zwischen Bayern und Württemberg fielen 1829 in Hohenmemmingen (heute Teilort von Giengen) die Zollschranken. Zunftzwang und Zunftordnung wurden durch eine neue königliche Gewerbeordnung aufgehoben. Diese geänderten Rahmenbedingungen beschleunigten den Niedergang des in Giengen vorhandenen Gewerbes, das durch die aufkommenden Fabriken ohnehin stark bedroht waren. Die amerikanische Baumwolle besiegelte zudem den Niedergang der Leinweberei als Haupterwerbszweig samt dem verbundenen Hilfsgewerbe. Durch die Gründung eines Gewerbevereins 1838 wurde versucht, den zu 40% nicht mehr konkurrenzfähigen Gewerbebetrieben zu helfen. Heidenheim konnte im Vergleich dazu Fabrikanten besser integrieren. Es zog zahlreiche Fabriken an sich. In dieser "Epoche" (Ende 18. / Anfang 19. Jhdt.) wurde also Giengen von Heidenheim in seiner Entwicklung überholt.

Ab Mitte des 19. Jh. erneuerte sich die Wirtschaft jedoch auch in Giengen. Eine Baumwollspinnerei mit ca. 50 Handwebstühlen siedelte sich 1844 an. Es folgte eine Reihe von heute noch wichtigen Firmengründungen, die eine gute Grundlage für Bevölkerung und Stadt darstellten. Ab 1867 hatte Giengen mit dem "Brenztal-Boten" eine "eigene" Zeitung. 1875 konnte man den Anschluss an das Eisenbahnnetz feiern, elf Jahre nachdem die Linie Aalen-Heidenheim schon bestand. Ab dem 5. Januar 1876 war die Strecke Aalen-Ulm durchgängig befahrbar und speziell Giengen aus dem Verkehrsschatten getreten, nachdem keine größere Straße durch die Stadt führte.

Etliche Vereinsgründungen bezeugen das aufstrebende Gemeinwesen der Zeit. Hervorzuheben wäre hier die Gründung des "Bundes für Vogelschutz" durch Lina Haehnle, deren Verein sich auf ganz Deutschland ausweitete und heute als wichtiger Vertreter des Natur- und Vogelschutzes unter "Naturschutzbund - Deutscher Bund für Vogelschutz" bundesweit aktiv ist.
Die 1851 gegründete Städtische Musikschule ist die erste und älteste ihrer Art in ganz Deutschland.
30 Jahre später wurden ein Krankenhaus und eine Kleinkinderschule gebaut.
Aus diesen wirtschaftlich positiv verlaufenden Jahrzehnten stammen einige noch heute stehende Gebäude. so war die 1867 erbaute Schranne eine der bedeutendsten Getreideschrannen Württembergs.
Das 1903 aus Stahl und Glas errichtete Fabrikgebäude der Firma Steiff ist eines der frühesten Belege für den Stahlskelettbau.

1888 wurden 123 Katholiken und 3005 Evangelische gezählt.
1889 wurde erstmals seit der Reformation wieder eine katholische Kirchengemeinde gegründet.
Die Jahre der Weltwirtschaftkrise waren auch in Giengen zu spüren. So sah sich die Stadt im Oktober 1923 gezwungen eigenes Notgeld drucken zu lassen. Alle Scheine hatten das gleiche Motiv, die 12 Werte (von 20 Millionen Mark bis zu 500 Milliarden Mark) waren jedoch in verschiedenen Farben ausgeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Giengen hat den Zweiten Weltkrieg ohne größere bauliche Schäden überstanden. Andere Folgen des Krieges beeinflussten die Entwicklung der Stadt jedoch nachhaltig. Da waren zum einen zahlreiche Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufzunehmen und einzugliedern. Diese kamen überwiegend aus den volksdeutschen Siedlungsgebieten des Sudetenlandes, des Banats und der Batschka sowie aus den deutschen Ostprovinzen. Somit beginnt für Giengen erstmals eine Zeit der starken Bevölkerungszunahme. Dieser folgt eine flächenmäßige Ausdehnung der Stadt durch die notwendige Wohnraumversorgung der Neubürger. Die Bevölkerungsentwicklung soll durch nachfolgendes Schaubild verdeutlicht werden:


Eine andere weitreichende Auswirkung des Krieges war die Verlagerung der Bosch-Tochtergesellschaft Sundgau-Maschinenbau GmbH 1944 vom Elsass nach Giengen. 1949 wurden die ersten Kühlschränke ausgeliefert. Schnell wurde die alsbald in Werk Giengen der Robert Bosch GmbH umbenannte Fabrik größter Arbeitgeber am Ort und im gesamten unteren Brenztal. Ende der 60er Jahre arbeiteten dort zwischen 5.000 und 6.000 Beschäftigte. Dieser Glücksfall trug zur Integration der Neubürger, zur Entwicklung der Stadt und der umliegenden Region viel bei. 1946 beschloss der Gemeinderat, den Brenzverlauf zu ändern. Durch diese umfangreiche Baumaßnahme wurde Platz geschaffen für die weitere städtebauliche Entwicklung der Stadt und der sich später entfaltenden Industrie. In den Jahren darauf wurden die Städtische Musikschule wiedereröffnet, die Volksbildung Giengen (heute Volkshochschule) gegründet und schon 1949 das Städtische Krankenhaus modernisiert. Die Lage Giengens hat sich dank steigender Gewerbesteuereinnahmen zunehmend verbessert. 1951 wurde eine Sammelkläranlage fertiggestellt und 1954 das neu gebaute (und 1995 renovierte) Freibad auf dem Schießberg eröffnet. Der Neubau des Gymnasiums 1959 sowie der Stadthalle 1966 (noch heute die größte Versammlungshalle im gesamten Landkreis) waren weitere Schritte in der Stadtentwicklung. Die Bautätigkeiten in der Stadt ließen auch in den folgenden Jahren nicht nach. Erwähnenswert seien hier noch das 1973 fertiggestellte Brückenbauwerk über die Bahnschienen zur Südstadt , die Altstadtsanierung mit der 1981 neugestalteten Marktstraße als heutige Fußgängerzone, sowie die Bebauung der "Bleiche" als absolut zentrumnahes Wohn- und Gewerbegebiet.

Das Jahr 1972 brachte für Giengen durch die Verwaltungs- / Gemeindereform einen Bevölkerungszuwachs von rund 4.700 Einwohnern und eine Vergrößerung der Markungsfläche von 1.624 auf 4.402 Hektar mit sich. Die umliegenden Gemeinden Hohenmemmingen, Sachsenhausen, Burgberg und Hürben wurden eingemeindet. Mit nun fast 19.200 Einwohnern hofften sich die "Reichsstädter" bald "Große Kreisstadt" nennen zu dürfen, doch die Bevölkerung sank in der Folgezeit bis auf ca. 18.300 Einwohnern im Jahr 1984. Doch nicht nur die Bevölkerung nahm ab, auch die Zahl der Arbeitsplätze ging in den 70er Jahren stark zurück. Nachdem 1970 noch ca. 10.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Stadt Giengen bestanden, waren es 1981 nur noch 7.426. Inzwischen hatte Giengen bei 19.195 Einwohnern 1993 rund 9.500 versicherungspflichtige Arbeitsplätze. 1996 wurde der 20.000ste Einwohner gezählt, und seit 1999 kann sich Giengen "Große Kreisstadt" nennen.

Giengens Zentralitätsfunktion für das untere Brenztal gilt auch für das benachbarte bayerische Umland ("Bachtal"). Im Landesentwicklungsplan von 1971 bekam Giengen die Funktion "Unterzentrum" zugesprochen. Nicht unbedeutend ist hier die Lage Giengens in den Entwicklungsachsen Heidenheim-Giengen-Ulm sowie Heidenheim-Giengen-Dillingen. Der 1981 erstellte Regionalplan für die Region Ostwürttemberg beschreibt Giengen als ein "starkes, d.h. voll ausgestattetes Unterzentrum mit deutlicher Arbeitsplatz-, Handels- und Dienstleistungszentralität ... und bei Verflechtungen nach Bayern in Teilbereichen (Gesundheits- und Sozialwesen) sogar bereits mittelzentrale Aufgaben." Diese Einschätzung ist durch die seitherige stattgefundenen Entwicklungen heute nicht weniger gültig.


BEMERKUNG:
Eine interessantes Lexikon zur Geschichte Baden-Württembergs

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Erstellt am 31.08.1996
Aktualisiert am 25.04.2009
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