An den
VERITAS-Klub:Selbstverständlich nähte
Oma auf einer Singer-Maschine.
In unserer Familie hat diese Nähmaschine
die Zeiten überdauert, allerdings nur in Form des hübschen gußeisernen Gestells. Denn
irgendwann begehrte Mutter auf, verlangte nach einem moderneren Modell, das Vater unter
Ausnutzung all seiner Beziehungen besorgte. Natürlich war es eine VERITAS aus dem VEB
Nähmaschinenwerk Wittenberge. Die alte Singer wurde - der zweifelhaften Mode der Zeit
gehorchend - einem anderen Zweck zugeführt: Die kostbare Maschine, dieses kleine
Wunderwerk der Technik, wanderte auf den Müll, flugs eine Sprelacartplatte auf das
Gestell geschraubt, und fortan diente Omas bestes Stück als Gartenmöbel. Ein
Horrorszenarium für jeden Sammler und Nähmaschinenfreak. Aber so war es. Nach der Wende
wurde die Sprelacart-Platte gegen eine Marmorplatte ausgetauscht, soviel Neuzeit ließ
auch der Ossi in sein Wohnumfeld einziehen. Und bis heute erfüllt der Gartentisch Marke
Singer seinen Zweck. Bei jedem Besuch bei den Eltern holen mich die Erinnerungen ein, denn
auf dem Tretbrett (einen anderen Begriff kenne ich nicht, vermute aber, daß es eine
korrekte technische Bezeichnung gibt), also, auf dem Tretbrett der Singer habe ich etliche
Stunden, wenn nicht Tage oder Wochen meines Kinderlebens verschaukelt. Oma sagte nur
immer: mach den Riemen vom Rad, dann darfste. So sind Omas. Aber Mütter und ihre
DDR-Veritas - Gott bewahre! Der VERITAS hätte ich mich nur nähern dürfen, wenn ich
ernsthafte Absichten gehabt hätte, also hätte nähen wollen. Das war aber nicht der
Fall. Wozu auch. Was ich an Kleidern wollte, zauberte Mutter auf ihrer VERITAS. Und nähte
und nähte, immer dem JUGENDMODE-Angebot um Nasenlängen voraus. So waren sie, die
DDR-Mütter. Was dem Vater der Trabant, war der Mutter ihre VERITAS.
Nun gibt es einen Klub, der sich der
Pflege des Erbes des Nähmaschinenwerkes Wittenberge verschrieben hat. Zugegeben, die
Existenz dieses Klubs ist mir erst seit kurzem bekannt. Aus dem ehemaligen Jugendklub des
Werkes ist er hervorgegangen - damit kann ich was anfangen. Zugeben muß ich auch, daß
ich die Schließung des Nähmaschinenwerkes Wittenberge nicht registriert habe - das ging
auch wenn die Betriebe oftmals eine längere Tradition hatten. Ich habe auf der
Internet-Seite des Klubs nachgelesen, es ist die übliche Geschichte, deren Kurzformel
lautet: Weg mit den maroden VEBs, rausholen, was zu kriegen ist, Absatzmärkte und
Markenrechte sichern. Lapidar heißt es auf der Seite: "Dann kam Singer zurück nach
Wittenberge. Das Werk wollte er nicht, die Menschen schon gar nicht."
Und so weiß ich, daß es sich hier um einen Klub handelt, der es ernst
meint mit seiner Traditionspflege, der nicht allein an Maschinen, Handwerk, technische
Fertigkeiten erinnern will, sondern an die Leistungen der Menschen und an gelebtes Leben.
Und sicher erklärt gerade das die phantasievolle, den Menschen zugewandte Arbeit des
Klubs, dem es an Ideen ganz offensichtlich nicht mangelt. Aber es ist zweifellos alles
andere als selbstverständlich, daß solche Arbeit gelingt, und man kann nur ahnen,
wieviel Liebe, Sorgfalt, Zeit und Kraft sie erfordert.
In Zeiten sich schnell drehender Produkte, in denen täglich Neues auf
den Markt kommt und auch wieder verschwindet und Marken in Fusionierungen oder Konkursen
untergehen, klingt VERITAS noch immer verläßlich und solide. Es ist allerdings ein
geschichtlicher Klang (der mich auch verführte, hier Familiengeschichten auszuplaudern),
denn egal, ob die Marke Veritas weiterexistiert - auch diese Entwicklung ist ja auf der
Internetseite nachzulesen -, sie ist nur noch in der Geschichte mit dem Nähmaschinenwerk
Wittenberge verbunden.
Nein, ich muß mich korrigieren, das ist zu eng gedacht. VERITAS ist
dank des Klubs ja ganz aktuell und lebendig, wenn auch auf andere Art in der Region
vertreten.
So will ich endlich zum Sinn und Zweck dieses Schreibens kommen,
nämlich schlicht Glückwünsche an einen Hundertjährigen übermitteln, und ich bitte
seinen tüchtigen Ableger, den VERITAS-Klub, sie gemeinsam mit den besten Wünschen für
die weitere Arbeit entgegenzunehmen.
Eulenspiegel Verlag
Dorothea Oehme |