Der hundertjährige Krieg

In England hatte der hohe Adel eine Zeit der Schwäche des Königtums benutzt, um sich die Verbriefung seiner Rechte zu ertrotzen; die sogenannte Magna Charta von 1215, die jeden Engländer gegen königliche Willkür schützte, ist der erste Anfang einer ständischen Verfassung. 

Auf diesem Wege schritt das junge englische Verfassungswesen das ganze 13. Jahrhundert weiter. Im Jahre 1265 berief der König zum erstenmal Vertreter des niederen Adels und der Städte zu einem Parlament. Dreißig Jahre später bekam diese Versammlung das Recht der Steuerbewilligung. Auch die Teilung in ein Ober- und ein Unterhaus geht in diese Zeit zurück. 

In Frankreich ging die Entwicklung umgekehrt: hier drängte der König die Macht der großen Herrn mehr und mehr zurück. Schließlich konnte ihm nur noch der König von England gefährlich werden, der als Herzog von Aquitanien und Graf von Anjou den ganzen Südwesten und Westen des Landes zu Lehen besaß. Der große Kampf zwischen den Nachbarn hatte schon in der Zeit der Kreuzzüge begonnen und erhielt immer wieder neue Nahrung. 

So konnte England nicht dulden, daß die blühenden flämischen Städte unter französische Herrschaft gerieten. Denn sie bezogen die Wolle für ihre Tuchfabrikation von England. Außerdem war England stets viel daran gelegen, daß die hier an der gegenüberliegenden Küste einander ablösenden Staaten selbständig blieben. Saß hier eine Großmacht, so fühlte sich England ständig bedroht. Deshalb mußte es auch im 19. und 20. Jahrhundert auf der Neutralität Belgiens bestehen. 

Schließlich erhoben die englischen Könige auch noch Ansprüche auf den Thron von Frankreich. Der darüber wieder ausbrechende Krieg hat Frankreich über ein Jahrhundert beschäftigt und in seiner ruhigen Entwicklung gehemmt und zurückgeworfen. Die Engländer konnten sich zu Beschützern der französischen Bürger und Bauern aufwerfen, die der König selbst mit Steuern schwer belastete und dabei auch der Ausbeutung durch den Adel preisgab. 

Zeitweilig war fast das ganze Land in der Gewalt der Engländer, deren Könige sich auch für Frankreich krönen ließen. Brachen dann in England selbst Thronwirren aus, dann benutzten die Franzosen die Gelegenheit und eroberten ihr Land zurück. Die englischen Thronkämpfe waren mörderische Bürgerkriege, die im 15. Jahrhundert das Land durchtobten, Adel und Königshaus fast aufrieben. 

Der große englische Dichter Shakespeare hat aus ihnen den Stoff zu einer langen Reihe englischer Königsdramen geschöpft. Ein französischer König hatte Burgund für seinen jüngeren Sohn als Herzogtum abgetrennt. Die Nachkommen gerieten miteinander in Streit, und Frankreich war nun zwischen Burgundern und Engländern, die sich verbündeten, eingeklemmt. Es bekam erst Luft, als die Jungfrau von Orleans die Franzosen zum nationalen Abwehrkampf begeisterte. 

Schillers Drama hat uns diese Ereignisse im Gewande der Dichtung nahe gebracht. Heute ist die Jungfrau die Nationalheilige der Franzosen. Die Engländer konnten sich nach ihren schweren Niederlagen in Frankreich nicht mehr halten. Dagegen wuchs Burgund zu immer bedrohlicherem Umfang an. Die Herzöge waren bald mächtiger als ihre Lehnsherrn, die französischen Könige. Sie erbten sich fast das ganze heutige Belgien und Holland zusammen. 

Und ihre Pläne gingen weiter. Karl der Kühne wollte seine beiden Ländergruppen, Burgund und die Niederlande, verbinden und zu diesem Zwecke Lothringen erwerben. Darüber hinaus plante er ein großes Mittelreich zwischen Frankreich und Deutschland, das von der Nordsee bis zu den Alpen reichen und auch das Rheinland und die Schweiz umfassen sollte. Diesen Plan haben später die Franzosen aufgegriffen, die ihn als Rheinbund oder als rheinischen Pufferstaat zur Schwächung Deutschlands zu verwirklichen suchten. 

Der Staat Karls des Kühnen war wirtschaftlich und kulturell den Nachbarn weit voraus. Der Herzogshof war eine Stätte feinster Bildung; burgundische Sitte und Mode eroberten Europa. Aber mit seinen politischen Plänen hatte Karl kein Glück, Frankreich und der Kaiser traten ihm entgegen, und als er den scheinbar schwächsten Gegner, die Schweizer, zuerst erledigen wollte, fand seine Laufbahn unter den Spießen der Eidgenossen ein trauriges Ende. 

In die Erbschaft teilten sich der französische Lehnsherr, der Burgund einzog, und Karls Schwiegersohn Maximilian von Österreich, der die Niederlande erhielt. Frankreich war seinen übermächtigen Vasallen los und konnte unter dem verschlagenen und klugen König Ludwig XI., der jeden Widerstand im Innern brach, auf dem Wege zum Einheitsstaat und unumschränkten Königtum weitergehen. Gleichzeitig nahmen auch in England die Bürgerkriege ein Ende. Das neue Herrscherhaus der Tudor, das mit beiden streitenden Parteien verschwägert war, schenkte dem Lande Einheit und Ruhe wieder.