Vierhundert Jahre schon befand sich Palästina unter arabischer Herrschaft. Jahr für Jahr waren Tausende christlicher Pilger über das Mittelländische Meer gefahren und hatten von den arabischen Mohammedanern ungehindert die heiligen Stätten besucht. Erst als türkische Völker das Land eroberten, gerieten die Wallfahrer in dauernde Bedrängnis durch den Glaubenseifer dieser Christenfeinde.
Als auch noch der byzantinische Kaiser um Hilfe bat, rief der Papst die Gläubigen zur Befreiung des Heiligen Landes auf.Kreuzprediger durchzogen Frankreich und Westdeutschland und versprachen neben Ablass für die Sünden und ewiger Seligkeit auch irdische Vorteile wie Steuerfreiheit und Stundung der Schulden.Religiöse Begeisterung und sehr weltliche Berechnung, Abenteuerlust und Geschäftssinn trafen zusammen mit großer Politik.
Der gewaltige Einfluss des Papstes zeigte sich hier einmal besonders deutlich. Wieder und wieder gelang es ihm, die Völker und ihre Fürsten zum Kampfe zu begeistern. Jeder große Rückschlag, jeder Sieg der Feinde bewirkte nur einen neuen Nachschub. Der erste Kreuzzug war noch eine rein französische Unternehmung; französische Einrichtungen wurden von den siegreichen Kreuzfahrern auf den Orient übertragen, ganz Syrien wurde an französische Grafen und Herrn vergeben.
Der westliche Brauch, dass Land gegen Verpflichtung zum Kriegsdienst verliehen wurde, früher auf Lebenszeit, jetzt schon meist mit Erblichkeit, das Lehnswesen also, wurde auch hier eingeführt. Ständige Streitigkeiten zwischen den neuen Herren ermöglichten dem Gegner bald wieder das Vordringen; Saladin, der durch Lessings „Nathan der Weise" bekannte Herr über Ägypten und Syrien, konnte auch Jerusalem erobern. Dauernde Sicherung des ersehnten Besitzes brachte den Christen in Palästina auch nicht das Auftreten französischer und englischer Könige, ja sogar deutscher Kaiser. Friedrich Barbarossa kam nur bis Kleinasien, wo er ertrank; sein Enkel Friedrich II. krönte sich zwar selbst in Jerusalem zum König, aber bald ging wieder alles verloren.
Die beiden letzten Kreuzzüge waren wiederum rein französische Feldzüge gegen Ägypten und Tunis; sie brachten nur furchtbare Menschenverluste und keinen Erfolg. Kurz darauf, im Jahre 1291, eroberten die Ägypter die letzten christlichen Besitzungen in Palästina. Damit war jeder äußere Erfolg der fast 200 Jahre wirkenden Kreuzzugsbewegung verloren gegangen. Es musste bei der Zerfahrenheit dieser christlichen Welt im Osten so kommen, sobald sich starke Einheitsstaaten ihr entgegenstellten.
Aber groß ist trotzdem die Bedeutung der Kreuzzüge für den Verlauf der europäischen Geschichte und die Entwicklung der abendländischen Kultur. Den größten Gewinn trugen die italienischen Seestädte Genua, Pisa und vor allem Venedig davon, die Kreuzfahrer für gute Bezahlung beförderten, überall Niederlassungen gründeten und den Handel im ganzen Osten an sich brachten.
Mit der Festsetzung der Venezianer in Konstantinopel zerfiel auch das Kaiserreich Byzanz in viele kleine, teils griechische, teils von Franzosen beherrschte Staaten, und auch hier begann sofort der Kampf aller gegen alle; Bulgaren und Serben mischten sich ein. Außer den italienischen Städten, die herrlich aufblühten, zog auch der Papst große Vorteile aus der von ihm entfachten Bewegung durch die weitere Steigerung seines Ansehens in der Welt. Neue Länder wurden seiner geistlichen Oberhoheit unterstellt. Denn nicht nur ins Heilige Land zog es die Glaubensstreiter.
Auf der Pyrenäenhalbinsel richtete sich der Kampf der christlichen Ritter gegen die mohammedanischen Mauren; die deutschen Fürsten drangen mit Kreuz und Schwert über die Elbe in das Land der slawischen Wenden, in Ostpreußen stritt der Deutsche Orden gegen die Heiden; die dänischen Kreuzfahrer zogen nach Rügen und Estland, die schwedischen nach Finnland. Eine Welle religiöser Begeisterung ging über Europa.
Die Menschen neigten zu Entsagung und innerer Einkehr. Die Verinnerlichung des Glaubens und die Reinigung von Missbräuchen, von Verweltlichung gaben der Kirche ihre ungeheure Kampfkraft. Sie richtete sich auch gegen die Irrlehren in ihrem Bereich und bestrafte streng jeden Schein der Abweichung vom rechten Glauben. In Italien, Deutschland und Frankreich waltete das geistliche Gericht, die „Inquisition", mit unerbittlicher Strenge.
Neue Mönchsorden entstanden in der Heimat, geistliche Ritterorden im Kampfgebiet. Aber auch das gesamte Rittertum wurde durch diese Zeit weiter ausgebildet und veredelt. Die geistige Bildung wurde bereichert durch die Bekanntschaft mit dem Orient, mit arabischer Philosophie, Geographie und Naturwissenschaft. Die noch vorwiegend ritterliche Dichtkunst wurde befruchtet. Die Kreuzzüge waren die letzte allgemein europäische Unternehmung.
Noch vor ihrem Ende traten die Sonderinteressen der einzelnen Staaten in den Vordergrund. Die großen Ideale der Kreuzzugszeit verblassten. Die Geschichte Europas ist hinfort in erster Linie die Geschichte der Nationalstaaten.