DEN FREUNDEN
Die
grünen Wiesen sind verschneit,
ich folg des Baches Lauf;
ihm, der von Erdenlast befreit,
tut sich die Ferne auf.
Der
letzte goldne Abendschein
am Horizont versinkt,
ihn fängt des Baches Welle ein,
herüber sie mir winkt.
So
winke ich den Freunden zu,
die Welle hurtig treibt.
Der Abend geht, wie heut ein Jahr zur Ruh,
ein letzter Abglanz bleibt.
Heinrich
Kiefer
Die dunkle Nacht wär gar zu schwer, -
Wie sollten wir sie tragen,
Wenn nicht ein Licht gerettet wär
Aus frohen Kindertagen?
Ein Licht, das unser Herz erhellt,
Daß Mensch zu Menschen sich gesellt,
Den Bruder hilft erkennen,
Der über Grenz- und Meilenstein
Die Hände reicht im Kerzenschein,
Auf daß wir uns bekennen.
Bekennen, was das Herz befiehlt,
Und nicht nach Andrem fragen.
Was Menschen stets zusammenhielt
Laßt uns gemeinsam wagen.
Noch ist die Liebe nicht verdammt -
Ob Ost, ob West, in unsrem Land,
Da soll sie Heimstatt finden!
Und drohen Wolken schwer und groß -
Wir tragen leichter unser Los,
Die Treue wird uns binden.
Heinrich Kiefer
Weihnachten 1962
Regen rieselte dicht,
tropfte von Stirn mir und Wangen,
achtete seiner nicht,
schaute nur aus mit Bangen.
Wege und Straßen sind leer.
Wird sie es wagen und kommen?
Schau, da schwebt sie daher,
hab ihren Schritt schon vernommen.
In ihren Augen das Licht
strahlt wie die Perlen, die hellen.
Tropfen in Haar und Gesicht
durft’ ich zum Schmuck ihr bestellen.
Ach, sie lachte nur leis,
niemals will ich verzagen.
Liebe, so jung und so heiß
kann manchen Regen vertragen.
Heinrich
Kiefer
In
deiner schlanken Hand
die zarten Heckenrosen,
sie wachsen selbst im Sand,
in dem die Wellen tosen.
Wie
schnell vergeht die Zeit
in der sie blühen,
drum
mach dein Herz bereit,
trotz Sorgen und trotz Mühen.
Wie
zart ist doch das Glück,
willst du es finden,
mußt
jeden schönen Augenblick
zu einem Sträußlein binden.
Heinrich
Kiefer
Will
dich nicht erschrecken
mit einem hastig Wort,
sieh an diesem Strauche
diese Rose dort.
so gelind und fein,
steck sie an die Bluse,
soll die Deine sein.
ist mit ihr verwandt,
welkt, wenn sie gebrochen
und ihr Schicksal fand.
blüh nur immerzu,
schau dich an so gerne,
lasse dich in Ruh.
Reine zarte Farben
bannst Du aufs Papier.
Wie Emaille und Opal
nimmst Du die Farben Deiner Wahl.
Schenkst ein neues Leben
Deinen Blumen, reihst sie ein,
bis nichts Dich stört,
Farb und Form zusammengehört
und
ein Bild in Dir entsteht,
in dem der Hauch des Schöpfers
weht.
Heinrich Kiefer
Buhnen am Meer
Pfähle,
die der Sturm zerfressen,
von dem Salz der See gebleicht;
braune Fäule, moosbesessen,
wo ihr Stumpf ins Wasser reicht.
Dicht
gedrängt, mit Zahneslücken
halten sie am Strande Wacht.
Wogenrollen, List und Tücken
kennt das Meer in dunkler Nacht.
Heute
aber wie von Seide
zartgerippt in dunklem Blau,
Strand und Pfähle ihr Geschmeide
gleicht die See der schönsten Frau.
Herbstgedanken.
Bäume,
stille Wegbegleiter,
die ihr meine Schritte saht,
reckt zum Licht das blanke Astwerk,
fühlt ihr, dass der Winter naht?
Ach,
wie ging das Jahr von dannen,
flüchtig war der Sonnenschein,
und es hüllt wie Berg und Tannen
Nebel meine Tage ein.
Was
sind Stunden? Was sind Jahre?
Wenn sie mir so schnell entgleiten.
Unterliegt denn auch das Wahre
der Vergänglichkeit der Zeiten?
Oder
legt wie Jahresringe
um den Kern sich neue Schicht?
Fügt ein Gott, zu dem ich singe,
dass die Kraft nach aussen bricht?
Diese
Kraft, die in Sekunden
mich
von jeder Last befreit,
ist so zeitlos, und doch birgt sie
meiner Stunden Seligkeit!
Heinrich
Kiefer
Windflüchter
Vor
Wind und Sturm die stete Flucht
bestimmte ganz dein karges Leben,
was in dir nach Erlösung sucht,
hat Form dir und Gestalt gegeben.
Aus
dunklem Erdreich ziehst du Kraft,
um sehnsuchtsvoll ins Licht zu streben.
So gleichst du einem armen Wicht,
der
windzerzaust sich muß bescheiden,
mit wetterfestem Angesicht
als Wesen Gottes still zu leiden.
Heinrich
Kiefer
Zwei Bäume sind wir -
zusammengeschlossen in einem Wipfel,
Erdenschwere und Himmelsverlangen in uns.
Viele Quellen speisen die Wurzeln unseres Wesens,
bauen die Zellen von Herz und Hirn.
Gedanken wecken wie Wind die Sehnsucht der Tage,
fallen wie Früchte zur Erde.
Nachts, wenn der Schlaf unsere Sinne umfängt,
schöpfen die Träume aus verschütteten Schächten Bilder,
farbiger, als das Leben sie malt.
Fata Morgana, die sich in der Weite verliert,
aber den Durst in der Wüste der Tage
stillt die sprudelnde Quelle unserer Liebe.
Meine alte Weide
Weide, liebe Weide,
tanzt mit deinen Zweigen Reigen.
Dein Gewand von zarter Seide
ist so ganz dein Eigen.
Wie im stillen Leide
neigst du dich; der Wind, der rauscht
hoch im Wipfel. So im Leben
hab ich oft belauscht,
wie im Bach die Wasserspiegel zeigen
deiner Seele Beben.
Alles, was mich so beglückt,
hat der große Sturm zerstört.
Alles, was mir einst gehört,
ist in Finsternis gerückt.
Nur das Wasser und das Licht,
die dich sonst umspült,
haben so wie ich gefühlt,
was der Sturm zerbricht.
Deiner Seele Schweigsamkeit;
Weide, liebe Weide,
bebt und lebt in Ewigkeit
nun im Trauerkleide.
Heinrich Kiefer 1955
Ich
suchte im Spiegel des Vaters Züge.
der Mutter Herz im Spiel meiner Augen.
Ich wollte Gewißheit, nicht Schönheit, nicht Lüge,
ich mußte selber zum Leben taugen.
Den
Schutz meiner Eltern aus Kindheitstagen
verlor
ich - nun suchte ich selber
was
mir geblieben von Vater und Mutter,
vom
Ahnengeschlecht,
Was ich entdeckte: ein Herz, um zu lieben,
den grübelnden Geist, von Sehnsucht getrieben.
Es ist wohl ihr Erbe!
So ist es mir recht!
Heinrich
Kiefer 1971