Die Arbeit des „Neustädter
Mal- und Zeichenzirkels e.V.“ – eine kulturelle Bereicherung für unsere Stadt
Verfasserin: Sandra Künne, Gymnasium Neustadt an der
Orla
Zeitraum der Bearbeitung: Juli 2000 bis Oktober 2001
Die vorliegende
wissenschaftliche Ausarbeitung im Rahmen des Seminarfaches ist das erste Werk,
welches eine zusammenfassende Darstellung über die Geschichte und die Arbeit
des „Neustädter Mal- und Zeichenzirkels e.V.“ liefert.
Probleme traten vor allem bei
der Bearbeitung des Materials aus der Chronik des „Neustädter Mal- und
Zeichenzirkels e.V.“ auf, da die gesammelten Zeitungsartikel nicht selten
fehlerhaft sind sowie Widersprüchlichkeiten zueinander aufweisen. Die geführten
Gespräche mit Sachkundigen sowie das Interview mit Herrn Helmut Bauer waren
somit unerlässlich und wichtiger Bestandteil meiner Recherchen.
Auf diesem Wege möchte ich
mich bei allen, die zum Gelingen meiner Arbeit beigetragen haben, herzlich
bedanken. Besonderer Dank gilt Herrn Helmut Bauer, Herrn Dieter Wolfram, Herrn
Vielen Bürgern unserer Stadt
ist der „Neustädter Mal- und Zeichenzirkel e.V.“ ein Begriff. Sie haben von ihm
gehört, über ihn gelesen oder eine seiner Ausstellungen besucht. Aber nur
wenige können näher Auskunft geben, wenn es um die Geschichte des Zirkels, die
genauen Aktivitäten und die Spezifität seiner Mitglieder geht.
Da mich die Malerei schon
immer fasziniert hat und ich mich stets mit Freude dem bildnerischen Gestalten
zuwandte, lag mir viel daran, im Zeichenzirkel mitwirken zu dürfen. Seit 1999
bin ich nun in das Kollektiv integriert, habe die Mitglieder kennen und
schätzen gelernt sowie wertvolle künstlerische Erfahrungen gesammelt. Deshalb
ist es mir auch wichtig, allen Interessierten mittels dieser Seminarfacharbeit
einen grundlegenden Einblick in die Entstehung, die wichtigsten Phasen der
Entwicklung und das Wirken dieses Zirkels zu vermitteln.
Ausgehend von der den Zirkel
prägenden Persönlichkeit Heinrich Kiefers werde ich zur Gründung des Zirkels
und den Anfängen des Zirkelschaffens kommen. Unter Beachtung des historischen
Zeitgeschehens lege ich dann die Arbeit des Kollektivs und besondere
Gegebenheiten im Entwicklungsprozess dar, wobei ich mich auf die wesentlichen
Aspekte beschränken und die geschichtlichen Hintergründe nur anreißen möchte,
um das Thema „Zeichenzirkel“ nicht zu zerklüften. Außerdem ist es mein
Anliegen, die Zirkelteilnehmer genauer zu charakterisieren. Dabei gehe ich fast
ausschließlich auf die künstlerische Wesensart der Personen ein und habe nur
die langjährigen Mitglieder ausgewählt, damit sich dieses Thema nicht zu weit
ausdehnt. Abschließend schildere ich den Ablauf der Zirkelarbeit währen der
wöchentlich stattfindenden Treffen im Atelier.
Bei der Bearbeitung der
Punkte 1. und 2. habe ich Fragen aufgeworfen, zu deren Beantwortung ich auf ein
Interview und Gespräche mit Sachkundigen zurückgreife. Auch ein Besuch im
Heimatmuseum und das Einbeziehen von Literatur dient hier der objektiven
Betrachtung des Zeitgeschehens. Zur Bewältigung der Punkte 2.2 und 3. kann ich
mich auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen stützen, die ich während der
Treffen im Zirkel gemacht habe.
Insgesamt verfolge ich mit
meiner Seminarfacharbeit die Absicht, interessierten Bürgern ein sachlich
korrektes, auf soliden Nachforschungen beruhendes, objektives Bild vom
„Neustädter Mal- und Zeichenzirkel e.V.“ zu vermitteln.
Heinrich Kiefer wurde am 3.
Mai 1911 in Breslau geboren. Als Sohn des Lehrers Hermann Kiefer und der
Schriftstellerin Margarete Kiefer-Steffe, die viele Jahre als Lektorin in einem
Münchner Verlag arbeitete und mit Schriftstellern wie Gerhart Hauptmann und
Stefan Zweig in Verbindung stand, entdeckte er schon bald sein Interesse an
Kunst und Literatur. Die vielfältigen geistig- künstlerischen Eindrücke seiner
Kindheit prägten seine Entwicklung maßgeblich und sollten auch für seinen
weiteren Lebensweg relevant bleiben.
Nach Beendigung der
Oberschule absolvierte Heinrich Kiefer eine Lehre als Möbeltischler und nahm
anschließend ein Architekturstudium auf. Die Erkrankung an Parkinson, welche
durch eine Kopfgrippe während der Lehrzeit hervorgerufen wurde und mit einer
Schüttellähmung der linken Extremitäten verbunden war, erschwerte ihm zwar die
Studienzeit (sowie sein späteres Berufsleben) erheblich, hinderte ihn aber
nicht an einem erfolgreichen Abschluss. In den folgenden Jahren arbeitete
Heinrich Kiefer als Innenarchitekt und widmete sich intensiv seiner
eigentlichen Leidenschaft, der Malerei und Grafik. Vor allem ab 1935 beteiligte
er sich mit seinen Arbeiten an Kunstausstellungen in Breslau, Berlin, Hamburg,
Nürnberg, München und Wien.
Die Auswirkungen des zweiten
Weltkrieges zwangen Heinrich Kiefer und seine Familie, die damals aus sechs
Personen (einschließlich einer älteren Tante) bestand, 1945 die schlesische
Heimat zu verlassen. Als Vertriebene verbrachten sie einige Zeit im
Vogtländischen Mylau, lebten dann 1946/47 in Goldisthal im Thüringer Wald und
zogen danach in den Eisenhammer bei Neunhofen, bis schließlich Neustadt (Orla)
zu ihrer neuen Heimatstadt wurde. Während dieser Zeit verfasste Heinrich Kiefer
ein unterhaltsames Tagebuch unter dem Titel „Malergeschichten“ (siehe Anhang 1)
und pflegte auch mit großer Disziplin den regelmäßigen Schriftverkehr zu über
100 Briefpartnern.
Die Nachkriegszeit war für
die Kiefers besonders hart, denn sie hatten vier Kinder zu ernähren. So lebten
sie nicht nur in Armut, sondern oft in blanker Not. Hier war es, neben
Schulkameraden, Studienkollegen und Freunden der Familie, vor allem der
Schriftsteller Hermann Hesse, der Heinrich Kiefer in den schweren Jahren
unterstützte und ihm Päckchen und Kleiderpakete zukommen ließ. Als Dankeschön
dafür konnte natürlich jeder Helfer mit einer Druckgrafik rechnen. Doch auch
geistige Nahrung floss der Familie Kiefer durch viele Bücher von
Schriftstellern wie Hugo Hartung, Rudolf Hagelstange, Max Frisch und Hermann
Hesse aus dem Westen zu, sodass die kulturelle Entwicklung in Westdeutschland
nicht gänzlich an ihnen vorbei ging.
Auch Heinrich Kiefers Frau
Eva hielt immer fest zu ihm. Obwohl auch sie künstlerisch begabt war, stellte
sie ihre Ansprüche zurück und arbeitete sogar als Reinigungskraft, um ihren
Mann finanziell zu stützen und die Familie zu versorgen. Mit Hilfe der
örtlichen Organe der Stadt Neustadt (Orla) gelang es Heinrich Kiefer, sich ein
neues Atelier in der Schillerstraße 1 einzurichten.
Mit unermüdlichem Fleiß und
großer Hingabe widmete er sich seinem künstlerisch- praktischen Schaffen und
versuchte, den Menschen die Schönheit der Natur und Umwelt, aber auch, durch
pädagogisches Geschick, den Unterschied zwischen Kunst und Kitsch
nahezubringen.
Als Mitglied der
Künstlergruppe „Die Arnshaugker“, der auch Karl und Dorothea Herrmann, Gertrud
Parusel sowie Heinrich R. Ulbricht angehörten, leistete er einen wesentlichen
Beitrag zum kulturellen Aufschwung der Orlastadt. 1949 trat Heinrich Kiefer dem
Bezirksverband „Bildende Künstler“ bei. Er beteiligte sich an Ausstellungen in
Berlin, Leipzig, Erfurt und Weimar.
Im Frühjahr 1963 wurden dann
verschiedene Arbeiten von Laienkünstlern im Neustädter Rathaussaal präsentiert.
Der Erfolg dieser Ausstellung brachte Bürgermeister Franke, in Vorbereitung auf
den VI. SED- Parteitag (der unter dem Thema „Kultur“ stand) zu dem Vorschlag,
einen Zirkel unter der Leitung Heinrich Kiefers zu bilden. Diese Idee wurde am
6. März 1963 in die Tat umgesetzt und am 23. März 1963 vertraglich festgehalten
(siehe Anhang 2). Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben Heinrich Kiefer
auch Helmut Bauer, Siegfried Reichert und Dieter Wolfram. Somit erfolgte eine
„weitere Qualifizierung der Laienschaffenden auf dem Gebiet der Malerei“ sowie
eine Verbesserung des Kulturlebens der Stadt Neustadt (Orla).
Von Anfang an nahm Heinrich
Kiefer seine Aufgaben als Zirkelleiter sehr ernst und kam diesen mit großem
Engagement nach. Als Fachkundiger vermittelte er den Zirkelteilnehmern nicht
nur verschiedene künstlerische Techniken, sondern lehrte sie auch, die
Wirklichkeit mit den Augen des Künstlers zu erfassen und darzustellen.
Kunstbetrachtung, selbstschöpferische Tätigkeit, Begeisterung und Anregung zu
neuen Themen brachten die Zirkelarbeit voran. Dabei erwies sich Heinrich Kiefer
stets als aufmerksamer Beobachter und zuverlässiger Berater der ihm
anvertrauten Laienkünstler, für so manches Zirkelmitglied sogar als treuer
Freund.
Helmut Bauer erinnert sich:
„Heinrich
Kiefer war ein Mensch, für den das Wort „Persönlichkeit“ wirklich zutrifft.
Denn Maler und Grafiker zu sein, spiegelt nur einen Teilbereich seiner Person
wieder. Er war literarisch hoch gebildet, stand im Briefwechsel mit
verschiedenen Schriftstellern und da er jeden Sommer für einige Wochen mit
seiner Pößnecker Freundin Edith Seifert einen künstlerischen Urlaub an der
Ostsee verbrachte, entdeckte Heinrich Kiefer als Fachmann in Geschiebekunde den
sechsstrahligen Seeigel. Trotz seiner vielseitigen Bildung war Heinrich Kiefer
sehr bescheiden und hegte keinerlei Starallüren. Meist verschenkte er seine
Bilder, und wenn er sie doch verkaufte, dann viel zu billig. Seine Armut
hinderte Heinrich Kiefer aber nicht daran, gastfreundlich zu sein. Denn wenn er
ein Paket von Verwandten aus Westdeutschland erhielt, bedachte er seine Freunde
aus dem Malzirkel des öfteren mit der einen Hälfte des Inhaltes, während seine
Familie die andere bekam.
Heinrich
Kiefer nahm alle ihm gestellten Aufgaben sehr ernst, und als Zirkelleiter war
er wirklich gut. Denn er verband Aufmunterung, Lob und Hilfe mit sehr
deutlicher Kritik. Während in den ersten Jahren der Versuch, wie Heinrich
Kiefer zu arbeiten im Zirkel vorherrschte, entwickelte jedes Zirkelmitglied
später seine eigene Stilrichtung.“
Heinrich Kiefer war ein sehr
empfindsamer, sensibler und idealistischer Mensch. Diese Charaktereigenschaften
sind auch in seinen Werken wiederzufinden. Wobei seine besten Arbeiten
Landschaftsaquarelle sind, die als sehr ausdrucksstarke Bilder die
verschiedensten Stimmungen beim Betrachter hervorrufen. Der Grund für diese
enorme Wirkung liegt darin, dass Heinrich Kiefer im Morgendunst, bei hellem
Sonnenschein, ja sogar bei Regen und Schneefall in die Natur ging, um zu
malen.
Während der sechziger und zu
Anfang der siebziger Jahre spielte Landschaftsmalerei jedoch eher eine
sekundäre Rolle, denn die Bilder sollten sozialistischen Charakter tragen.
Deshalb malte Heinrich Kiefer auch Porträts von Abgeordneten sowie Aktivisten
der sozialistischen Arbeiterklasse und stellte die Werktätigen beim Schaffen in
Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben dar. Dabei sah er aber mehr die
Menschen an sich, unterhielt sich mit ihnen und versuchte, ihr Wesen in seinen
Bildern festzuhalten, denn er war gegen eine künstlerische Propaganda. Erst
Ende der siebziger Jahre, als sich die Kunstauffassung der DDR lockerte, fanden
seine Bilder zunehmend die verdiente Anerkennung. Doch als sich Heinrich Kiefer
endlich auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere befand und seine
Arbeiten sehr große Nachfrage erfuhren, hatte sich sein Nervenleiden bereits
stark verschlimmert, so dass er vom Äußeren her immer gebrechlicher wirkte.
Heinrich Kiefer verstarb am
19. Juli 1980 im Alter von 69 Jahren an Krebs. Die meisten seiner Bilder,
darunter auch vieles aus dem unveröffentlichten Projekt „Samen und Früchte“
(siehe Anhang 3), das aus kleinen Feder- und Pinselzeichnungen mit passenden
Gedichten besteht, befindet sich heute leider nur zu geringer Anzahl in
Ausstellung auf der Burg Ranis. Der größte Teil ist dort archiviert. Einige
Werke sind im Privatbesitz seiner Kinder und seiner Freunde vom Malzirkel, während
andere im Neustädter Heimatmuseum (siehe Anhang 4) bewundert werden können. Der
schriftliche Nachlass, die Autographen, sowie die Originale der
„Malergeschichten“ sind im Germanischen Museum in Nürnberg aufbewahrt.
Heinrich Kiefers Wirken
legte nicht nur den Grundstein für die Entstehung des Neustädter Mal- und
Zeichenzirkels, sondern prägte auch dessen weitere Entwicklung maßgeblich.
Mit dem Tod Heinrich Kiefers
im Juli 1980 verloren die Mitglieder des Neustädter Mal- und Zeichenzirkels
nicht nur ihren engagierten künstlerischen Mentor, sondern auch einen treuen
und selbstlosen Freund, unter dessen Leitung es den Laienkünstlern gelungen
war, sich zu entfalten. Durch die vielen Jahre des gemeinsamen Wirkens hatte
sich ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl herausgebildet. Mit Enthusiasmus
gingen die Laienkünstler an das bildnerische Schaffen heran und waren bestrebt,
auch der Öffentlichkeit Schönheitsempfinden und Kunstsinn zu vermitteln. In den
traditionellen Neustädter Kunstausstellungen sowie in überregionalen
Präsentationen gelang es dem Zirkel, sich zu profilieren und zu einem
geachteten Kollektiv heranzuwachsen, das mit Auszeichnungen wie „Hervorragendes
Volkskunstkollektiv der DDR“ und „Kollektiv der Deutsch- Sowjetischen
Freundschaft“ geehrt wurde. Diese Erfolge zeigen, dass der Zirkel das
Kulturleben der Stadt Neustadt (Orla) wesentlich mitbestimmte und bereicherte.
Deshalb fühlten sich die Mitglieder dazu verpflichtet, die Arbeit im Sinne
Heinrich Kiefers fortzuführen. Sein Werk zu achten und zu pflegen war aber
nicht der einzige Grund, denn vor allem die tiefe Liebe zur Malerei und zur künstlerischen
Gestaltung ließ die Mitglieder neue Kraft schöpfen und vorwärts schauen.
Doris Hahn, die bereits 1978
die organisatorische Leitung des Zirkels zur Entlastung Heinrich Kiefers
übernommen hatte, führte diese verantwortungsbewusst weiter. Aber auch die
anderen Mitglieder standen ihr stets tatkräftig zur Seite. So konnten geplante
Vorhaben umgesetzt und neue Initiativen und Aktivitäten in den folgenden Jahren
in Angriff genommen und verwirklicht werden. Der Mal- und Zeichenzirkel nahm
weiter Auftragswerke an und beteiligte sich an Kreis- und Bezirksausstellungen.
Im Rahmen ihrer
künstlerischen Tätigkeit berieten sich die Mitglieder untereinander und
diskutierten über die geschaffenen Werke. Zur Qualifizierung besuchten sie
Ausstellungen verschiedener Künstler, tauschten Erfahrungen mit anderen
Malzirkeln aus (z.B. mit dem Malzirkel des Kulturhauses „Johannes R. Becher“ in
Unterwellenborn) und delegierten Mitglieder zu zentralen künstlerischen
Veranstaltungen. Doch es fehlte ihnen die kontinuierliche, professionelle
Anleitung. Deshalb wandte sich Helmut Bauer an den Vorsitzenden des Verbandes
Bildender Künstler, Herrn Eberhard Dietsch, und bat ihn um Unterstützung bei
der Gewinnung eines neuen, erfahrenen Mentors.
1983 übernahm der Maler und
Grafiker Peter Kraft aus Gera die künstlerische Leitung des Neustädter Mal- und
Zeichenzirkels. Anfangs nur monatlich, später jede Woche stand er den
Teilnehmern als fachmännischer Berater zur Verfügung. Nach Aussagen von Helmut
Bauer und Marlies Pulletz zeigte sich Peter Kraft als sachlicher und bewusst
handelnder Künstler, dessen Bilder ein eigenes, unverwechselbares Profil
widerspiegelten. Er gestaltete Linolschnitte, arbeitete häufig mit Öl- und
Aquarellfarben, stand aber auch anderen bildnerischen Verfahren sehr
aufgeschlossen gegenüber.
Helmut Bauer äußerte sich
wie folgt im Gespräch:
„Peter
bevorzugte Ölmalerei und Druckgrafik, führte uns aber trotzdem an vielerlei
Techniken heran, ließ uns proben, experimentieren und unseren individuellen
Stil finden.“
Marlies Pulletz erklärte:
„Peter
Kraft war ein feinfühliger Mensch, der Realität und Stimmung zu vereinen
wusste. Er respektierte unser laienhaftes, emsiges Schaffen und ging sehr
maßvoll mit Kritik um.“
Fast acht Jahre betreute
Peter Kraft das Zirkelkollektiv, welches sich stets anspruchsvolle Aufgaben
stellte und diese mit hoher Einsatzbereitschaft erfüllte. Vor allem die
langjährigen Mitglieder bewiesen bei ihrem künstlerischen Schaffen Kreativität
und Vertrautheit im Umgang mit den Techniken der ausdrucksvollen
Bildgestaltung.
Die sowjetische Politik
unter Michael Sergejewitsch Gorbatschow seit Mitte der 80er Jahre und die in
Polen und Ungarn eingeleiteten Reformen führten zu gravierenden Veränderungen
in Europa. Diese trugen neben der Deutschlandpolitik der BRD, die die Einheit
der Nation zu wahren half, dazu bei, dass Ende 1989 eine friedliche,
demokratische Revolution in der DDR erfolgen konnte.
„Die Unzufriedenheit der
Menschen mit den Auswirkungen des alltäglichen Sozialismus, die wirtschaftlich
desolate Situation, der Protest gegen weitere Beschränkungen der Reisefreiheit
und der Menschenrechte gehörten zu den entscheidenden Auslösern des Umbruchs.“ (1) Seite
181
Massenfluchten folgten
Demonstrationen. Mit der Grenzöffnung und dem Fall der Mauer am 9. November
1989 rückte die deutsche Einheit in greifbare Nähe. Am 1. Dezember 1989 wurde
das Führungsmonopol der SED aus der Verfassung gestrichen. 1990 begann ein
ereignisreiches Jahr deutscher Geschichte. Den Wahlen zum freien Parlament am
18. März 1990 folgte ein Staatsvertrag über die Schaffung einer Währungs- ,
Wirtschafts- und Sozialunion zwischen BRD und DDR, der am 1. Juli 1990 in Kraft
trat. Der umfangreiche Einigungsvertrag vom 31. August 1990 bildete die
rechtliche Grundlage zur Herstellung der Einheit Deuschlands. Doch die
staatliche Wiedervereinigung des deutschen Volkes bedurfte der Zustimmung der
vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und der Klärung entscheidender
außenpolitischer Fragen. Der „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug
auf Deutschland“ (Zwei- plus- Vier- Vertrag) wurde am 12. September 1990 in
Moskau unterzeichnet. Somit konnten die Deutschen am 3. Oktober 1990 den Tag
der nationalen Vereinigung ihres Landes feiern.
Der Prozess zur Herstellung
der staatlichen Einheit war vollzogen, doch der Weg zur inneren Einheit gerade
erst beschritten. Zwar konnten die Lebensbedingungen im Osten verbessert
werden, aber die in der Euphorie des rasanten Vereinigungsvorganges geweckten
Erwartungen, besonders der Bürger in den neuen Bundesländern, bezüglich des
wirtschaftlichen Aufschwunges ließen sich nicht verwirklichen. Der Übergang von
der Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft und die damit verbundenen
finanziellen Lasten wurden unterschätzt.
So kam es zum Zusammenbruch der
ostdeutschen Industrieproduktion, was zu Massenarbeitslosigkeit führte.
Tiefgreifende Veränderungen in vielen Lebensbereichen, der Anpassungsdruck und
der Verlust von sozialer Geborgenheit verunsicherten die Menschen im Osten
Deutschlands.
Auch für die neu formierte
Stadtverwaltung in Neustadt an der Orla tat sich eine Vielzahl politischer,
wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Aufgaben auf, die verantwortungsvoll
umgesetzt werden mussten. Vor allem die besorgniserregende Entwicklung in der
Industrie und Landwirtschaft, die mit massiven Produktionseinbrüchen und
Arbeitsplatzverlusten einherging, galt es in den Griff zu bekommen. Ein
besonderes Problem bildete dabei die notwendige Privatisierung der
verstaatlichten Unternehmen, die der dafür gegründeten Treuhandanstalt unterlag
und nur langsam vorankam. Mit der Errichtung eines Gewerbegebietes sollten neue
wirtschaftliche Perspektiven in Neustadt an der Orla aufgetan und die
Investitionsbereitschaft interessierter Unternehmer angeregt werden. Auch die
Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen der Bürger und die Sanierung
wichtiger Gebäude hatten Vorrang. So musste die Förderung kultureller Bereiche
vorerst in den Hintergrund gerückt werden, denn finanzielle Mittel waren kaum
vorhanden.
Viele Kulturverbände und
Laienzirkel lösten sich auf, da die Mitglieder mit den großen Veränderungen
nicht zurecht kamen. Auch für den Neustädter Mal- und Zeichenzirkel brach 1991
eine Zeit der Ungewissheit an. Die bisher erfahrene staatliche Förderung der
Volksschaffenden und die finanzielle Absicherung durch die Annahme von
Auftragswerken fielen weg. Der künstlerische Leiter Peter Kraft verließ den
Zirkel und ging nach Paderborn, um dort als Restaurator zu arbeiten. Wieder
waren die Zirkelmitglieder auf sich allein gestellt und sahen sich
Schwierigkeiten ausgesetzt.
Doch die Stadtverwaltung
zeigte sich gewillt, den Zirkel mit Räumlichkeit und etwas Geld zu
unterstützen. Damit waren die Voraussetzungen für eine Weiterarbeit gegeben. In
vielen Diskussionen berieten die Mitglieder darüber, wie es in Zukunft
weitergehen sollte. Alle waren sich einig, dass das bisher Geleistete nicht
einfach wegzuwischen sei, dass bereits viele Probleme gemeistert werden konnten
und der Zirkel nicht aufgegeben werden durfte. Die gemeinsame Freude daran, die
Umgebung in Bildern festzuhalten sowie die enge Freundschaft und künstlerische
Verbundenheit der Mitglieder untereinander ließen sie allen Schwierigkeiten zum
Trotz weitermachen. War es doch gerade in diesen bewegten Jahren wichtig, die
Zeitgeschichte der Stadt und ihre Kultur in Form von Bildern festzuhalten.
Also trat der Mal- und
Zeichenzirkel dem Neustädter Heimatverein bei, brachte sich in die
Öffentlichkeitsarbeit ein und knüpfte Beziehungen zu den Partnerstädten
Neustadts. Doch das Mitwirken im Heimatverein befriedigte nicht. Bestand doch
der Wunsch, selbständig und unabhängig tätig zu werden. Am 11. Januar 1995
fanden sich die Mitglieder dann zu einem ganz besonders freudigen Ereignis
zusammen. Ein eigener Verein mit dem Namen „Neustädter Mal- und Zeichenzirkel
e.V.“ wurde gegründet, dem Doris Hahn als Vorsitzende, Helmut Bauer als
Stellvertreter und Henry Scheibe als Schatzmeister vorstanden. Somit war der
Grundstein für das weitere erfolgreiche Schaffen gelegt.
Seit nunmehr 38 Jahren
nutzen Laienschaffende aus den verschiedensten Berufsschichten die Möglichkeit
zur gruppenorientierten künstlerischen Betätigung im Neustädter Mal- und
Zeichenzirkel. Dabei ist durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher
Altersgruppen und Charaktere eine gegenseitige Inspiration zu neuen Themen
gewährleistet. Der Austausch von Erfahrungen hilft besonders jungen
Teilnehmern, unterschiedliche künstlerische Techniken zu erproben, diese
bewusst anzuwenden und einen eigenen Stil zu entwickeln. Durch die
Ausstellungen gelungener Werke bietet die Mitgliedschaft im Zirkel zusätzlich
die Gelegenheit der persönlichen Profilierung.
Jugendlichen dient die
Mitarbeit im Zirkel überwiegend zur Studien- und Berufsvorbereitung. Somit
stellt der Blick auf die berufliche Karriere, verknüpft mit einem möglichen
Wohnortwechsel, den wichtigsten Grund für einen späteren Austritt dar. Aber
auch die Zirkelarbeit an sich entspricht nicht immer den gewünschten
Vorstellungen eines jeden interessierten Laienkünstlers, da ein hohes Maß an
Selbständigkeit verlangt wird und keine künstlerische Anleitung, sondern eher
eine gegenseitige Beratung erfolgt.
Neben dem häufigen Wechsel
der Mitglieder auf der einen Seite, bedingt durch die oben genannten Ursachen,
bildete sich andererseits dennoch ein festes Stammkollektiv heraus. Dazu
gehören Siegfried Reichert, Dieter Wolfram und Helmut Bauer, die als
Gründungsmitglieder heute noch im Zirkel vertreten sind. Auch Doris Hahn,
Marlies Pulletz, Henry Scheibe und Gerhard Rößler wirken schon viele Jahre
aktiv im Zirkel.
Siegfried Reichert, der den
Beruf eines Malers erlernte, ist seit März 1963 tatkräftiges Mitglied des
Zirkels. Seine ruhige, naturverbundene und ausgeglichene Art spiegelt sich auch
in seinen Werken wider. Ihm liegt besonders die stimmungsvolle und realistische
Landschaftsmalerei, wobei er Vorstadtmotive bevorzugt, die er mit Öl, Pastell,
Kohle, Kreide, Rohrfeder oder Mischtechniken vor Ort zu Papier bringt. Seinen
künstlerischen Arbeiten gehen meist Studien voraus, die er mit Akribie
anfertigt.
Der ausgebildete Pädagoge
für Kunsterziehung Dieter Wolfram gehört ebenfalls seit März 1963 zum Stamm des
Zirkels. Als Liebhaber der realistischen Malerei hält er vorwiegend Stadt- und
Dorflandschaften in seinen Grafiken, Öl- und Pastellwerken fest. Durch sein
perfektionistisches und selbstkritisches Wesen achtet er dabei stets auf eine
detailgetreue und sehr genaue künstlerische Umsetzung.
Auch Helmut Bauer, der eine
pädagogische Ausbildung absolviert hat und viele Jahre als Kunsterzieher tätig
war, ist seit der Gründung des Zirkels aktives Mitglied. Er nutzt überwiegend
die Pastell- und Aquarelltechnik, um ausgewählte Motive, meist Landschaften,
darzustellen. Durch den Einsatz von leuchtenden Farben und kräftigen Kontrasten
verleiht er seinen Werken starken Ausdruck. Entschlossen, schnell und recht
großzügig in seiner Arbeitsweise erfasst er das Wesentliche und greift dabei
auch gern zu großen Formaten.
Die ausgebildete
Kunsterziehung Marlies Pulletz, die eine Spezialschule für künstlerisches
Schaffen im Bereich der Textilgestaltung absolviert hat, ist seit 1968
tatkräftiges Mitglied des Zirkels. Ihre lockere und experimentierfreudige Arbeitsweise
spiegelt sich durch die Verwendung unterschiedlichster Materialien und
Stilrichtungen auch in ihren Werken wider. Sie widmet sich vor allem der
Porträtdarstellung sowie Blumen- und Landschaftsmotiven und bevorzugt Techniken
wie Acryl-, Aquarell- und Seidenmalerei. Ihre Arbeiten besitzen eine dekorative
Wirkung, die auch durch den häufigen Einsatz kalter Farben unterstrichen wird.
Henry Scheibe, ein gelernter
Zerspanungsfacharbeiter, gehört seit 1977 dem Zeichenzirkel an. Er nutzt
überwiegend die Öl- und Aquarelltechnik, um ausgewählte Motive, meist
Landschaften und Stilleben, darzustellen. Seine Gemälde strahlen ein hohes Maß
an Harmonie, Naturverbundenheit und Ruhe aus und neigen nicht selten zur naiven
Kunst. Bei grafischen Arbeiten beweist er stets großes Durchhaltevermögen und
Liebe zum Detail.
Der gelernte
Dekorationsmaler Gerhard Rößler ist seit 1991 aktives Mitglied im Verein. Ihm
liegt besonders die grafische Kunst. Er bevorzugt heimische Landschaftsmotive,
die er mit dem Kugelschreiber gestaltet oder in Drucktechniken ausführt. Seine
Arbeiten bestechen durch eine detaillierte Strukturierung, wodurch die
Naturverbundenheit und die Genauigkeit des Künstlers zum Ausdruck kommen.
Dem Neustädter Mal- und
Zeichenzirkel gehören heute außerdem noch folgende Mitglieder an: Christa
Reuter, Wolfgang Kuznik, Steffi Wöhner, Sven Büttner, Nicole Kohs und ich,
Sandra Künne.
Ebenfalls über viele Jahre
in das Stammkollektiv des Zirkels fest integriert waren die tatkräftigen
Mitglieder Eva Kiefer, Peter Raubold und Klaus Broders.
Die gelernte
Kunsthandweberin Eva Kiefer wirkte erst nach dem Tod ihres Mannes 1980 aktiv im
Zirkel mit. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre eigene künstlerische
Entwicklung zu Gunsten ihrer Familie zurückgestellt. Ihre selbstkritische,
naturverbundene und ruhige Art spiegelte sich auch stets in ihren Arbeiten, die
sie in einer sehr vorsichtigen und zarten Malweise anfertigte, wider. Ihre
Stärken lagen auf dem Gebiet der Porträtkunst sowie in der Gestaltung von
Blumen- und Landschaftsmotiven, welche sie durch den überwiegenden Gebrauch von
Kreide, Kohle und Aquarellfarben darstellte.
Peter Raubold, der den Beruf
eines Betriebselektrikers erlernte, war von 1966 bis zur Wende 1990 aktives
Mitglied des Zirkels. Ausgewählte Motive, meist Landschaften oder Stilleben,
stellte er mit Pastell- und Aquarell-, bevorzugt aber mit Ölfarben dar. Durch
seine ruhige und sehr genaue Arbeitsweise verlieh er seinen Werken eine
stimmungsvolle und naturnahe Wirkung.
Der gelernte Maler Klaus
Broders gehörte von 1971 bis 1986 dem Stamm des Zirkels an. Sein sachliches und
ruhiges Wesen übertrug sich auch auf seine Werke. Ihm lag besonders die
realistische Malerei, wobei er seine interessanten Motive dem Leben entnahm und
diese in Öl-, Pastell- und Aquarelltechnik oder auch grafisch ausführte.
Die Kunstgeschichte der DDR
wurde vom sozialistischen Realismus als künstlerische Richtung bestimmt. Er war
die vom Staat geforderte und anerkannte Kunstform, die zur Verbreitung
politischer Ideologien diente. Im Mittelpunkt standen Szenen aus der
Arbeitswelt mit didaktischem Charakter, Verherrlichung der sozialistischen
Leistungen und der politischen Führer der SED. Besonders in den fünfziger
Jahren kam es zu einer äußerst engen und schematisch gehandhabten Anwendung des
sozialistischen Realismus, die strengen Regeln unterlag.
Die erste Bitterfdelder
Konferenz von 1959 stand im Zeichen „einer intensiven Verbindung von Kunst und Leben,
Künstlern und Werktätigen“. Die Förderung des Laienschaffens auf allen
künstlerisch- praktischen Gebieten war eine der Forderungen, die es bis zum VI.
Parteitag der SED umzusetzen galt. Auf dieser Basis wurde auch der Neustädter
Mal- und Zeichenzirkel 1963 von Heinrich Kiefer gegründet.
„Der
Künstler trat aus der Enge seines Ateliers hinaus und empfing den
gesellschaftlichen Auftrag, die schöpferischen Kräfte des arbeitenden Volkes
freizusetzen. Der Arbeiter, vom Künstler behutsam geführt, begann in seinen
Mußestunden zu malen und zu zeichnen.“ (6)
Seite 285
Mit den sechziger Jahren
erfolgte ein Wandel in Inhalt und Form der Kunst. Der sozialistische Realismus
wurde entdogmatisiert und eher als offenes System interpretiert, was nach und
nach zu einer veränderten Wahrnehmung der sozialistischen Realitäten führte und
den Künstlern einen größeren Freiraum gewährte. Diese Entwicklung bedeutete
aber nicht das Ende von staatlicher kulturpolitischer Einflussnahme.
Die Aktivitäten des
Neustädter Mal- und Zeichenzirkels ergaben sich überwiegend aus den
Erfordernissen der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ereignisse. So
gestalteten die Laienschaffenden vor allen Dingen Auftragswerke, die der
Vorbereitung von Parteitagen, Arbeiterfestspielen sowie wichtigen sportlichen
Ereignissen dienten. Es wurden hervorragende Arbeiterpersönlichkeiten und
Aktivisten der sozialistischen Landwirtschaft porträtiert und Sportmotive
künstlerisch umgesetzt. Aber auch die bildhafte Darstellung der schönen
Landschaften des Heimatortes und der näheren Umgebung lag den Laienkünstlern am
Herzen. Deshalb fertigte der Zirkel Grafikmappen von Neustadt an der Orla und
dem damaligen Heimatkreis Pößneck an. Einen wichtigen Stellenwert nahm auch die
Vertiefung der deutsch- sowjetischen Freundschaft ein. Nach einer Studienreise
in die UdSSR gaben die Mitglieder die dort gewonnenen Eindrücke in Bildern
wieder. Die öffentliche Darbietung der geleisteten Arbeit erfolgte auf
regionaler und zentraler Ebene, ja sogar im Ausland. Die seit 1973 im Turnus
von zwei Jahren stattfindenden Neustädter Kunstausstellungen sind zu einer
festen Tradition geworden.
2.3.2 Die Zirkelaktivitäten
nach 1990
Durch die Wende veränderten
sich die Bedingungen für das Wirken des Zirkels erheblich. Dennoch haben die
Mitglieder weiterhin eine kontinuierliche und künstlerisch bedeutsame Arbeit
geleistet, sich stets aufs Neue profiliert und das Kulturleben unserer Stadt
wesentlich mitbestimmt. Die bekannten Neustädter Kunstausstellungen wurden
fortgeführt. Mit thematischen Sonderausstellungen trug der Zirkel schon oft zur
Bereicherung regionaler Veranstaltungen bei.
Nach der Wiedervereinigung
Deutschlands war es den Menschen in Ost und West sehr wichtig, sich näher zu
kommen. Partnerschaftliche Beziehungen zwischen den Städten wurden aufgebaut.
Auch der Mal- und Zeichenzirkel nutzte die Möglichkeit, Partnerstädte Neustadts
und Pößnecks kennen zu lernen, künstlerisch zu erforschen und auf Papier
festzuhalten. In kleinen Ausstellungen zeigte der Verein zum Beispiel in
Biedenkopf, Laupheim und Neuburg an der Donau seine Arbeiten und knüpfte
Freundschaften mit Gleichgesinnten, die bis heute noch bestehen.
Natürlich ist es den
Laienkünstlern immer wieder ein Bedürfnis, sich mit anderen Malern zu treffen,
deren Werke zu betrachten, gedanklich zu durchdringen und somit neue
Erfahrungen zu sammeln. So besuchten die Mitglieder des Zeichenzirkels häufig
Vernissagen anderer Hobbymaler sowie professioneller Künstler und fachsimpeln
über bildnerische Darstellungsweisen und angewandte Techniken. Begegnungen ganz
besonderer Art und voller Impressionen waren die mit Heinrich R. Ulbricht,
Rudolf Hoßfeld und Helmut Weber von Wallau. Manche Zirkelteilnehmer
organisieren aber auch individuelle Präsentationen und ermöglichen den Besuchern
Einblicke in ihr künstlerisches Repertoire.
Von der fleißigen Arbeit im
Zirkel zeugen nicht allein die in Ausstellungen zu bewundernden Gemälde,
sondern auch interessante Bildmappen und ein Kunstkalender mit Motiven
Neustadts, der von den Laienkünstlern sorgfältig gestaltet und liebevoll
zusammengestellt wurde. Auch die alljährliche Anfertigung witziger
Neujahrsgrafiken ist ein schöner Brauch. Durch den großen Umfang der heute zur
Verfügung stehenden Materialien ist es den Mitgliedern möglich, viele neue,
moderne Gestaltungsvarianten zu erschließen und zu nutzen.
Seit 1996 lädt der Mal- und
Zeichenzirkel im Rahmen des Neustädter Brunnenfestes zum Tag der offenen Tür
ein. So können interessierte Bürger das Atelier besuchen, den Mitgliedern bei
der Arbeit über die Schulter schauen sowie Reproduktionen schöner Gemälde und
Grafiken erwerben. (siehe Chronik)
Jeden Mittwoch um 17.30 Uhr
treffen sich die Mitglieder des Neustädter Mal- und Zeichenzirkels in ihrem
Atelier, das sich in der Schillerstraße 1 in Neustadt befindet. Bei der
gemeinsamen künstlerischen Betätigung beraten sich die Mitglieder
untereinander. Man tauscht Ideen aus und gibt sich kleine Tipps. Besonders für
die Jugendlichen erweisen sich die Meinungen und Hinweise der älteren und
geschulteren Zirkelteilnehmer als sehr wertvoll und tragen oft zum Gelingen der
Arbeit bei. So lernt man, verschiedene Materialien sachdienlich einzusetzen und
Gestaltungstechniken genauer zu erschließen.
Neben dem im Vordergrund
stehenden Malen und Zeichnen werden unterhaltsame und nicht selten sehr
amüsante Gespräche geführt sowie Informationen über das Kunstgeschehen in
näherer Umgebung ausgetauscht. Die Zirkelteilnehmer erzählen ihre Erlebnisse
von Urlaubs- und Kurzreisen und zeigen die dabei entstandenen Studien. Das
bewirkt eine gegenseitige Inspiration zu neuen Themen und lässt die Mitglieder
einander anspornen.
An sonnigen Tagen trifft
sich das Kollektiv im Freien, um bei frischer Luft die Schönheit der Natur zu
Papier zu bringen.
Der „Neustädter Mal- und
Zeichenzirkel“ wurde am 06.03.1963, in Vorbereitung auf den IV. Parteitag (der SED), durch den Maler und Grafiker Heinrich Kiefer
gegründet, was am 23.03.1963 vertraglich festgehalten wurde. Zu den
Gründungsmitgliedern gehörten auch die heute im Zirkel engagiert wirkenden
Laienkünstler Helmut Bauer, Siegfried Reichert und Dieter Wolfram.
Als fachkundiger Leiter und
zuverlässiger Berater lehrte Heinrich Kiefer die Zirkelteilnehmer, die
Wirklichkeit zu erfassen und in verschiedenen Techniken künstlerisch
darzustellen. Die Laienschaffenden gestalteten Auftragswerke in Vorbereitung
von Parteitagen, Arbeiterfestspielen sowie wichtigen sportlichen Ereignissen
und unternahmen Studienreisen ins Ausland. Nach und nach entwickelte sich das
Zirkelkollektiv zu einem geachteten, wesentlichen Bestandteil des Kulturlebens
der Stadt Neustadt (Orla) und wurde mit Titeln wie „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“
und „Kollektiv der Deutsch- Sowjetischen Freundschaft“ geehrt. Diese Erfolge
sowie die tiefe Liebe zur Malerei verpflichteten die Mitglieder nach dem Tod
Heinrich Kiefers im Juli 1980 zur Weiterführung des Zirkels. Die
organisatorische Leitung blieb in der zuverlässigen Hand von Doris Hahn, die
diese zur Entlastung Heinrich Kiefers bereits 1978 übernommen hatte. Im Bereich
der künstlerischen Tätigkeit berieten sich die Zirkelteilnehmer gegenseitig.
1983 übernahm der Geraer
Maler und Grafiker Peter Kraft die künstlerische Leitung. Er vermittelte den
Laienschaffenden viele neue und moderne Techniken. Die Zirkelmitglieder
gestalteten Grafikmappen über Neustadt (Orla) und den Heimatkreis Pößneck und
zeigten in Ausstellungen ihre Arbeitsergebnisse.
Die Wende brachte viele
Schwierigkeiten für das Kollektiv. Peter Kraft verließ den Zirkel, die bisher
erfahrene staatliche Förderung und die Auftragswerke fielen weg. Doch die
Stadtverwaltung unterstützte den Zirkel finanziell und mit Räumlichkeit, was die
Voraussetzung für ein weiteres Schaffen bildete. Alle waren sich einig, dass die Zirkelarbeit
fortgesetzt werden musste.
1992 schloss sich der
Neustädter Mal- und Zeichenzirkel dem Heimatverein an. Aber es bestand doch der
Wunsch nach Selbständigkeit. Deshalb wurde am 11.01.1995 ein eigener Verein mit
dem Namen „Neustädter Mal- und Zeichenzirkel e.V.“ gegründet. Diesem standen
Doris Hahn als Vorsitzende, Helmut Bauer als Stellvertreter und Henry Scheibe
als Schatzmeister vor. Die seit 1973 im Turnus von zwei Jahren stattfindenden
Neustädter Kunstausstellungen sowie die alljährliche Anfertigung witziger
Neujahrsgrafiken haben sich zu festen Traditionen des Zirkels entwickelt. Auch
die mit Studienreisen verbundenen freundschaftlichen Beziehungen zu den Partnerstädten
Neustadts und Pößnecks sowie der seit 1996 stattfindende Tag der offenen Tür im
Rahmen des Neustädter Brunnenfestes sind wichtige Aktivitäten des „Neustädter
Mal- und Zeichenzirkels e.V.“.
Zum Zirkelkollektiv gehören
heute: Siegfried Reichert, Dieter Wolfram, Helmut Bauer, Marlies Pulletz, Doris
Hahn, Henry Scheibe, Gerhard Rößler, Christa Reuter, Wolfgang Kuznik, Steffi
Wöhner, Sven Büttner, Nicole Kohs und ich, Sandra Künne.
Ich bin der Meinung, dass es
mir trotz der im Vorwort erwähnten Probleme gelungen ist, die Entwicklung sowie
die Arbeit des Zirkels unter Berücksichtigung geschichtlicher Aspekte objektiv
darzulegen. Des weiteren denke ich, dass dem Leser dieser Seminararbeit ein
klares Bild von der künstlerischen Spezifität des Stammkollektivs vermittelt
wird und die Verdienste des Zirkels für das kulturelle Leben unserer Stadt
verdeutlicht werden.
Ich möchte dem „Neustädter
Mal- und Zeichenzirkel e.V.“ diese Arbeit zur Verfügung stellen, um somit auch
interessierten Bürgern die Möglichkeit zu bieten, sich näher über diesen Verein
zu informieren.
Es wäre schön, wenn das
Wirken des Zirkels weiterhin verfolgt würde, so dass eine Fortführung meiner
Arbeit erfolgen könnte.
Literaturverzeichnis
(1) Brockhaus Enzyklopädie: Band 30 Ergänzungen A-Z, 19. Aufl. Leipzig und
Mannheim, Brockhaus, 1996
(2) Damus, Martin: Malerei
der DDR. Funktionen der bildenden Kunst im Realen Sozialismus, Hamburg,
Rowohlt, 1991
(3) Göbel, Walter: Abiturwissen
Deutschland nach 1945, Stuttgart und Dresden, Ernst Klett Verlag, 1993
(4) Grünbaum, Robert:
Deutsche Einheit, Opladen, Leske und Buderich, 2000
(5) Kuhirt, Ullrich: Kunst
der DDR 1960-1980, Leipzig, E.A.Seemann, 1983
(6)
Piltz, Georg: Deutsche Graphik, Leipzig 1968